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archiv » Theater der Welt 2014 Mannheim (7)
Theater der Welt 2014 Mannheim

Tanz' den Diktator!

von Esther Boldt

Mannheim, 6. Juni 2014. Und so wird ein Mann als Diktator eingesetzt: Man salbe ihm das Gesicht mit Erdöl. Man schwöre ihn kniend auf seinen Feind ein: George Bush, der Sohn von George Bush. Zum Abschluss unterziehe man ihn einer Prüfung schier unsinniger Fragen: Welches Sternbild wandert über den Horizont? – Das Banner der Vereinigten Staaten. Wie kann man den Durst überwinden? – Mit der Liebe zum Durst. Was haben der Esel und das Öl gemeinsam? – Dienstleistungsbewusstsein. Und dann schießt der frisch ernannte Diktator als erste Amtshandlung jene nieder, die ihm zu seiner Macht verhalfen. Elegant gleiten sie darnieder – und stehen gleich wieder auf.


Theater der Welt 2014 Mannheim

Der Flow tanzt mit der Tüte

von Grete Götze

Mannheim, 3. Juni 2014. Das Schöne an Festivals ist, dass ihre Inszenierungen den Besucher in eine andere Welt mitnehmen, fernab vom gewohnten Stadttheaterbetrieb und von Alltagssorgen. Das gelingt auch bei "X Firmen", einer Weiterentwicklung von Matthias Lilienthals Idee der "X Wohnungen", die im Rahmen der Mannheimer Schillertage, aber auch zuvor in Berlin, Beirut oder Istanbul, den Besucher seine Nase in fremde Wohnungen und Quartiere stecken ließen. 


Theater der Welt 2014 Mannheim

Die Letzten der Tzoolkman

von Thomas Rothschild

Mannheim, 1. Juni 2014. Zwei salopp gekleidete Männer treten etwas unbeholfen an die Rampe im voll besetzten Studio des Mannheimer Nationaltheaters und sprechen das Publikum in gebrochenem Deutsch an: Hier zu sein, bedeute ein Risiko. Man wisse nicht, ob man danach wieder nach Hause, nach Chile zurückkehren könne. Dann wechseln sie in die spanische Sprache. Theaterleute, sagen die Theaterleute vom Teatro de Chile, behaupten auf der Bühne völlig unglaubwürdige Dinge. Und sie erzählen vom unwirtlichen Leben im äußersten Süden Chiles, in Punta Arenas und auf Feuerland.


Theater der Welt 2014 Mannheim

Sarah Kane is back

von Stefan Schmidt

Mannheim, 31. Mai 2014. Simon Stone opfert den Mythos. Dabei passt der Zugriff des australischen Shootingstarregisseurs durchaus zu seinem Stoff – schließlich haben wir es in diesem Stück mit einem Schlachtopfer zu tun: "Thyestes" ist die Geschichte eines gestürzten Königs gleichen Namens, dem seine Söhne als schmackhafte Willkommensdelikatesse serviert werden. Und zwar vom eigenen Bruder. Die Dramatisierung der verwickelten Rache- und Inszeststory von Seneca wird im deutschsprachigen Raum (nicht ganz zu Unrecht) selten gespielt. Was der antike Albtraum einem 29 Jahre alten Bühnenfreak von Down Under zu sagen hat, war jetzt beim Mannheimer Festival Theater der Welt zu besichtigen.


Theater der Welt 2014 Mannheim

Lauter kleine Projektionsflächen

von Harald Raab

30. Mai 2014. "Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen." Jesu Wort in Gott-Vaters Ohr. Aber mal ehrlich: Wollen wir wirklich wie die lieben Kleinen werden? Und es darf wohl auch noch gefragt werden, ob wir überhaupt in den sogenannten Himmel  wollen.


Theater der Welt 2014 Mannheim

Tanz der Vergeblichkeit

von Esther Boldt

Mannheim, 24. Mai 2014. Dieser Titel ist definitiv zu viel des Guten: "Super Premium Soft Double Vanilla Rich" versammelt sämtliche Optimierungsversprechen, die ein Konsumgut so im Namen tragen kann. Es könnte einem glatt übel werden davon. In seinem neuen Stück porträtiert der japanische Regisseur Toshiki Okada den Alltag in einem Convenience Store, beim Festival "Theater der Welt" in Mannheim wurde es nun uraufgeführt. Die Tokioter Convenience Stores haben 24 Stunden am Tag geöffnet, und es gibt hier alles, was der Großstädter braucht: Lebensmittel, Kosmetika, Getränke und Zeitschriften. Okada interessiert dieser stets geöffnete Mikrokosmos, diese rundum verfügbare Konsummöglichkeit, die auch einen sozialen Treffpunkt darstellt.


Theater der Welt 2014 Mannheim

Sprecht lieber selbst!

von Esther Boldt

Mannheim, 23. Mai 2014. Es ist ein Abend der Gesten. In der eher pragmatischen Quadratestadt Mannheim eröffnet das Festival "Theater der Welt", eine rotweiße Straßenbahn mit lose drüberflatternden Buchstaben weist den Weg. Im Nationaltheater hat sich das reisende Festival niedergelassen, schon zum zweiten Mal wird es kuratiert von Matthias Lilienthal: 2002 leitete er es in NRW, bevor er nach Berlin ans HAU ging. Zur Eröffnung des Welttheaters gibt es eine deutsche Inszenierung vom Thalia Theater Hamburg. Elfriede Jelinek hat einen neuen Text geschrieben: "Die Schutzbefohlenen", einen Klagechor zum Flüchtlingsdrama vor Lampedusa. Uraufgeführt wird er von dem erfahrenen Jelinek-Inszenierer Nicolas Stemann. Und es ist natürlich ein Statement, "Theater der Welt" mit einer Arbeit zu beginnen, die gerade das Verhältnis des gastgebenden Landes zur Welt überprüft.


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