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Schauspiel Frankfurt

Immerhin Wille zur Wahrheit

von Shirin Sojitrawalla

Frankfurt, 13. Januar 2017. Die Familie ist der wahre Hort des Postfaktischen: Dort wuchern die falschen Annahmen wie Efeu, verdrehen sich Tatsachen unter der Hand und kommen immer neue Lügen auf den Küchentisch. Ein US-Wahlkampf ist ein Klacks dagegen. So viel zur Frage, wie relevant ein Stück wie "Eine Familie" ist.


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Der Tod ist der Tod ist der Tod

von Shirin Sojitrawalla

Frankfurt, 9. Dezember 2016. Der Tod, der alte Angeber, trägt ein schlecht sitzendes Jackett, kirschrote Stöckelschuhe und kann gar nicht besonders lesen: Viktor Tremmel spielt ihn als absichtsvoll lustlosen Conferencier, der zu Beginn an einem kleinen Tisch zur Linken Platz nimmt und in verteilten Rollen aus dem Stück liest. Dazwischen tritt die Sopranistin Virginia Goldmann ans E-Piano und bietet kirchentagtaugliche Lieder dar wie Hostien. Ihrem Instrument und ihrer Stimme entlockt sie dabei himmlische Klänge. Trotzdem ein eher behäbiger Auftakt für einen Abend, der nicht so blöd ist, wie er sich vordergründig aufführen mag.


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Western und Investment

von Alexander Jürgs

Frankfurt, 11. November 2016. Es passt einfach alles, es ist alles da. Das dunkle Holz, der Dielenboden, die Schwingtüren. Die Cowboy-Hüte, die Pistolenhalfter, die altmodischen Westen und die wallenden Röcke, diese wunderbaren Kostüme mit Wildwest-Patina eben. Die Männer scheren sich keinen Deut darum, ob ihr Rotz im Spucknapf landet. Der Geruch der Zigarren, die sie rauchen, sucht sich seinen Weg in den Zuschauerraum. Und die Whiskyflaschen stehen fein aufgereiht im Regal.


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Der Wille zur Form

von Esther Boldt

Frankfurt, 4. November 2016. Da hängt er nun, der feige Tor, im blutbesudelten Nachthemd. Hängt im schwarz gähnenden Bühnenrund, verstoßen und erhaben zugleich, und redet, nein, jammert, heult und krampft um sein Leben. Denn er, Prinz Friedrich von Homburg, will nicht sterben. Will lieber Glück und Liebe entsagen, als sich dem Richterspruch des Kriegsgerichts zu ergeben. Und doch wird es ihn brechen, das Gesetz, und ihn zu einem besseren Krieger und vermutlich öderen Zeitgenossen machen.


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Deutsches Brot ist deutsche Vielfalt

von Michael Laages

Frankfurt, 8. Oktober 2016. Wer schon mal (wie der Autor) das zweifelhafte Vergnügen hatte, zum Beispiel im ICE-Restaurant Beatrix von Storch gegenüber zu sitzen, der Polit-Medusa an der Spitze der Berliner AfD, und wer dabei eigentlich am meisten schockiert war von der extrem biederen Maske über dem offenen Hass auf alles Fremde, der aus jedem ihrer Sätze spricht, der folgt mit verzweifeltem Vergnügen dem Psychopathogramm von "Trixi", wie Falk Richter es kurz vor dem Finale in seinen neuen Abend inszeniert.


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Die Folter endet nie

von Alexander Jürgs

Frankfurt, 7. Oktober 2016. Die Bühne liegt im Dunkeln, ist zugestellt mit alten Büsten, mit antikem Mobiliar, Lampenschirmen, Klavier und Plattenspieler. Dazwischen ein großes Gerüst, bei dem man nicht sicher ist, ob es mehr Globus oder Käfig sein soll: Die ganze Welt ist ein Gefängnis, scheint es uns zu sagen. Am Rand ein Misshandelter, über und über voller Kunstblut, das Feinrippunterhemd vollgesaugt mit roter Farbe, er trägt Schlieren an den Beinen. Und dann wird es laut. "We love you", dieses lysergsäurediethylamidschwangere Meisterwerk der Stones, schallt aus den Boxen. Man hört das nervöse Klavier, den psychedelischen Chor, den Krach.


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Matriarchin in Kapitalien

von Esther Boldt

Frankfurt, 10. September 2016. Was für eine Frau! Ein Mädchen, leichtfüßig tänzelnd, von verführerischer Koketterie. Eine Furie, ehrfurchtgebietend, von unbändigem Zorn. Eine Greisin, so wirr und verletzlich, dass sie den eigenen Augen nicht mehr trauen kann. Reich, mächtig und verblendet ist sie anfangs, arm ist sie am Ende, klarsichtig und zerbrechlich. Tom Lanoye hat diese fabelhafte "Königin Lear" geschrieben, und Josefin Platt hat sie gespielt bei ihrer deutschsprachigen Erstaufführung am Schauspiel Frankfurt – eine saftige, heutige Shakespeare-Überschreibung, lebensklug, sprachwitzig und poetisch.


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Vernichtungsfantasien im Wellnesstempel

von Alexander Jürgs

Frankfurt am Main, 9. September 2016. Im Marketing- und Reiseführersprech ist er "der berühmteste Sohn der Stadt". Im Zwei-Jahres-Rhythmus ist sein Geburtstag – am 28. August 1749 kam Johann Wolfgang von Goethe im Frankfurter Großen Hirschgraben zur Welt – Anlass für ein Literatur- und Bühnenfestival, das sich mit seinem Werk beschäftigt. Am Auftakt der "Goethe Festwoche" stand nun eine "Iphigenie" – doch von Goethes Bearbeitung des antiken Tragödienstoffes findet sich in der Fassung, die Ersan Mondtag für das Schauspiel Frankfurt geschaffen hat, im Grunde nichts. Überhaupt ist es eine Inszenierung, in der auf das gesprochene Wort fast gänzlich wie verzichtet wird.


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Alles so schön krank hier

von Alexander Jürgs

Frankfurt, 14. Juni 2016. Sie tragen eine Mischung aus Robert-Wilson- und Vampir-Kostümen: Er marschiert die dunkle Bühne im Stechschritt ab. Sie tanzt und verbiegt sich, ihre Bewegungen wirken übertrieben. Sie war früher Schauspielerin, er ist der Hauptmann der Festungsartillerie. Dass ihr Leben die Hölle ist, dass sie Gefangene sind in der Routine der Ehe, im Groll gegeneinander, ist von Anfang an klar. Sie leben auf einer Festung, auf einer Insel, sie sind isoliert. Den Geschlechterkampf hat der Schwede August Strindberg in symbolhafte Bilder gefasst. Dass die Leute diese Insel, auf die sich das Ehepaar zurückgezogen hat, die Vorhölle nennen, heißt es später am Abend.


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Verdammte, verfickte Körper

von Alexander Jürgs

Frankfurt, 22. April 2016. Die Couch, hier ist sie ein verspiegelter, niedriger Tisch, pure Oberfläche. Die Therapie hat etwas von einer Teufelsaustreibung, mit einem energischen Schrei geht sie los. Linda Pöppel, die die Marie spielt, geht in die Hocke. Sie brüllt, die lockigen Haare wippen lustig durch die Luft. Ein halbes Jahr lang haben sie nicht miteinander geschlafen, seine Neurosen hat sie ja noch ertragen, die Sache mit dem Hund aber (er will sich partout nicht um das Tier kümmern, schließlich ist er Autor, braucht Freiraum, sonst klappt es nicht mit der Fantasie), die war einfach zu viel. Und überhaupt, dieses Reden über schlechten Sex: Das ist doch Dreckskacke. Dann lacht Marie sich schlapp. Kate Strong, die Ballett tanzte, bevor sie zu Frank Castorf ins Ensemble wechselte und die heute als freie Schauspielerin arbeitet, fällt in die Lachkrämpfe mit ein. Max Mayer, der den Robert gibt, steht bedröppelt daneben. Was für ein urkomischer Mist, so eine komplizierte, verkorkste Beziehung.


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Von roten Schirmen und Bonsai-Bäumen

von Grete Götze

Frankfurt, 15. April 2016. Fast am Ende der Intendanz von Oliver Reese bringt das Schauspiel Frankfurt William Shakespeares letztes Stück "Der Sturm" auf die große Bühne. Darin vergibt Prospero, der Herzog von Mailand, schlussendlich seinen einstigen Feinden, schwört seinen Zauberkräften ab und erlöst die ihn Umgebenden von seinem Fluch. Vorher hat er seinen Bruder, der ihn einst um den Thron gebracht und im Meer ausgesetzt hatte, sowie dessen Gefolgschaft schiffbrüchig werden und an jene Insel spülen lassen, auf der er seit seiner Aussetzung mit Tochter Miranda, dem Luftgeist Ariel und dem Knecht Caliban lebt.


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Wirklichkeit ad absurdum

von Grete Götze

Frankfurt am Main, 20. Februar 2016. Die Schauspieler haben sieben Quader mit jeweils einem Leuchtbuchstaben darauf hin- und her verschoben, den "Revisor" auf den Kopf gestellt, ihn durcheinander geschoben – ein Sinnbild für Sebastian Hartmanns Inszenierung der 1836 uraufgeführten Komödie Nikolai Gogols. So wie der Regisseur alle Buchstaben verschieben lässt, so wirft er die Rollen durcheinander, und so sind irgendwann auch alle Bühnen-Räume durcheinander geschoben. "Sorriev", heißt am Ende des Abends diese Inszenierung, der es egal ist, dass sie den dritten Akt nach dem vierten spielt. 


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Hölle, Hölle, Hölle!

von Shirin Sojitrawalla

Frankfurt, 19. Februar 2016. Zu Anfang geben die altbekannten Klänge aus dem Film Der dritte Mann das Niveau vor: ganz unten, wenn auch nicht in der Wiener Kanalisation. Der Glamour-Himmel ist nämlich eine Hölle. Der gigantisch schöne Bühnenraum von Volker Hintermeier stellt ein Stahlgerüst aus, das sich zu einer unwirtlichen röhrenartigen Laube fügt. Im Boden befinden sich Luken, Unebenheiten, Gitter. Auf derart unsicherem Terrain bestreiten die Akteure den Abend.


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Übermensch in Feinrippunterwäsche

von Alexander Jürgs

Frankfurt am Main, 15. Januar 2016. Natürlich haut einen das um, dieses Bühnenbild, diese Wucht. Von oben bis unten, von links bis rechts ist die Bühne dicht gemacht, mit einer siebenteiligen Wand im Sichtbeton-Chic. Nur ein kleiner Schlitz ist geblieben, ein im Inneren verspiegelter Kasten, eine ausgestreckte Mannslänge weit, nicht einmal eine halbe hoch. In diesem Kasten, in dieser klaustrophobischen Kammer, haust Rodion Romanowitsch Raskolnikow, ein verarmter, gescheiterter Jurastudent mit Allmachtsphantasien – und schon bald: ein Mörder. Ein Mörder aus Überzeugung, ein Ideologe. In einer Zeitschrift hat Raskolnikow seinen Aufsatz veröffentlicht, der von der Überlegenheit der außergewöhnlichen Menschen über die gewöhnlichen handelt, vom elitären Recht auf Verbrechen. Nun verlangt diese Theorie des Übermenschen avant la lettre nach Umsetzung.


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Liebestanz zum Tode

von Grete Götze

Frankfurt am Main, 4. Dezember 2015. Wer anderes könnte die Rolle der liebenden Kannibalin spielen als Constanze Becker, die Lady Macbeth, unter deren Rock die Dämonen schlummern, die Antigone, lebendig Begrabene, oder die Kindsmörderin Medea (was dem Schauspiel Frankfurt 2013 eine Einladung zum Theatertreffen brachte)?


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Häutung auf offener Bühne

von Shirin Sojitrawalla

Frankfurt, 8. November 2015. Die Schauspielerin Corinna Kirchhoff und der Schauspieler Wolfgang Michael sind auf überspannte Ehepaare abonniert: Seien es Phädra und Theseus, Sybel und Jack oder zuletzt in Frankfurt John Gabriel und Gudrun Borkman. Jetzt bekeifen sie sich ebendort als George und Martha im berühmten Eheschocker aus dem Jahr 1962.


Schauspiel Frankfurt

Wenn mal wieder ein Song ertönt ...

von Shirin Sojitrawalla

Frankfurt, 16. Oktober 2015. Leonce und Lena präsentieren sich auf dem Theater gern als müßig gehende Königskinder, die ihre süßen Stupsnasen in Wolkenkuckucksheime schieben. Bei Jürgen Kruse sieht Leonce wie ein abgehalfterter Rockstar aus und Lena (Linda Pöppel!) wie eine halbes Persönchen der Addams Family. Nichts an diesem Abend ist licht und hell und sonnendurchflutet, sondern alles schwärzester Ennui, ganz der morbiden Romantik des Stücks gehorchend.


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In den Lücken des Rechtssystems

von Shirin Sojitrawalla

Frankfurt am Main, 3. Oktober 2015. Der Schriftsteller und Publizist Navid Kermani wies in seiner Rede vor dem Bundestag 2014 darauf hin, dass das Grundgesetz mit einem Paradox beginne: "Die Würde des Menschen ist unantastbar." Wäre sie es, so Kermani, müsste der Staat sie weder achten noch gar schützen, wie es der zweite Satz verlangt.


Schauspiel Frankfurt

Längliche Songs vom kurzen Glück

von Grete Götze

Frankfurt, 17. September 2015. Ein wenig fragt sich der geneigte Frankfurter schon, warum sich das Schauspiel Frankfurt zur Saisoneröffnung DEN Roman über Berlin vorgenommen hat. Genauer, das Hörspiel, das Alfred Döblin selbst aus seinem 450-Seiten Roman "Berlin Alexanderplatz" (von 1929) destilliert und "Die Geschichte vom Franz Biberkopf" genannt hat. Diese Frage ist auch am Ende des Abends nicht beantwortet. Aber die Geschichte von Biberkopf ist schon eindringlich, und gute Geschichten gut erzählt gehen immer.


Schauspiel Frankfurt

Fafafafa

von Grete Götze

Frankfurt am Main, 13. Juni 2015. Die arme Frau Dröse wird es schwer haben, nach dem mutigen Macbeth von Dave St.Pierre und einem überregional beachteten Danton von Ulrich Rasche die große Bühne des Schauspiel Frankfurt zu bespielen, denkt sich im Vorfeld die besorgte Kritikerin. Und dann auch noch mit "Was Ihr wollt", einer der meistgespielten Komödien von Shakespeare. Aber - - Pustekuchen! Jorinde Dröse stellt mit ihrem furiosen Ensemble eine Inszenierung hin, nach deren Ablauf man sich verwundert die Augen reibt. Eine Inszenierung, die das schafft, wofür die meisten überhaupt ins Theater gehen: Sie macht ein Ereignis aus dem Stück. Sie bringt die Zuschauer zum Lachen. Und ist dabei nicht mal blöd.


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Unter der Schleppe: die Geister

von Grete Götze

Frankfurt, 17. April 2015. Da macht sich einer,  der von sich sagt, dass er nur Bilder und Bewegung mag, an einen der beliebtesten Shakespeare-Texte, Dave St-Pierre, der kanadische Choreograph, der durch die Inszenierung nackter, sich verausgabender Körper bekannt wurde, zeigt am Schauspiel Frankfurt "Macbeth". Intendant Oliver Reese hat ihn eingeladen, im Rahmen des Projekts "Schauspiel Frankfurt International", wo er laut eigener Auskunft "das Medium bis an die Grenzen ausschreiten", Schauspiel, Tanz, Musik und bildende Kunst miteinander verbinden will. Falk Richters "Zwei Uhr nachts" mit tanzenden Schauspielern und isländischer Live-Musik hat den Anfang gemacht, weitere Inszenierungen wie die des bildenden Künstlers Hans Op de Beeck werden folgen.


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Glieder in der Walze

von Esther Boldt

Frankfurt, 27. März 2015. Was für ein Paar! Auf einer riesigen schwarzen Walze rutscht Danton auf allen vieren voran, den Oberkörper entblößt, die Mine entglitten. Neben ihm schreitet Robespierre im schwarzen Gehrock und mit akkurater Gelfrisur. Bevor noch ein Richtspruch ihn fällen konnte, scheint jener schon gefallen, während sich der andere an der Unfehlbarkeit seines Verhaltens wärmt. Doch dann erhebt sich Danton, eine schwitzende und höchst lebendige Lichtgestalt in beigen Reiterhosen, neben der der dunkle Vogel plötzlich klein aussieht und fragil.


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Echt kruseliges Theater

von Alexander Kohlmann

Frankfurt, 8. Februar 2015. Eine Kruse-Premiere ist wie einen alten Bekannten wieder zu treffen. Es gibt kaum einen Regisseur in Deutschland, dessen Persönlichkeit so konsequent mit seiner Bühnenkunst verbunden ist, der immer wieder neu in die ewig gleiche Welt einlädt, mit unzähligen Zeichen, Versatzstücken, Puzzle-Teilen und Anspielungen, die Generationen von (Ex-)Hospitanten, Schauspielern und Kruse-Jüngern zuverlässig zu interpretieren wissen. Eine verlässliche Welt wie eine Art Kruse-Neverland, das irgendwo zwischen den sechziger und achtziger Jahren stehen geblieben ist. Ein Reich, in dem immer noch Platten gehört werden, Computer nie erfunden wurden und die Stones noch sehr viel jünger sind als heute.


Schauspiel Frankfurt

Wille zur Wellness

von Shirin Sojitrawalla

Frankfurt, 1. Februar 2015. Zuerst ist da diese Stimme, ein hinreißend hoher Jammerton, ebenso cool wie sehnsüchtig. Er entfährt dem isländischen Sänger und Songwriter Helgi Hrafn Jónsson. Gemeinsam mit Valgeir Sigurðsson entwirft er schönsten Pop mit Störgeräuschen für Großstädter. Das klingt wie Radiohead und ist auch so gemeint.


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Schwarz auf schwarz

von Wolfgang Behrens

Frankfurt am Main, 30. Januar 2015. Vor einigen Jahren bekannte Sebastian Hartmann im Interview mit dem Berliner Stadtmagazin zitty, "seit zehn Jahren einen riesigen Bogen um Dostojewski" zu machen, und zwar "wegen diesem ganzen Quatsch mit dem Epigonentum. Macht ja keinen Spaß, wenn man immer in Bezug zu Castorf gesetzt wird." Nun allerdings, da Hartmann am Schauspiel Frankfurt anheuerte, um als zweiten Teil der dort entstehenden Dostojewski-Trilogie die "Dämonen" zu inszenieren, hat er den ewigen Unkerichen, die in ihm immer wieder blöde den Castorf-Epigonen zu sehen vermeinen, doch noch Tür und Tor geöffnet – schließlich war die "Dämonen"-Produktion aus dem Jahre 1999 eine epochale Tat, eine der Selbsthäutungen Castorfs, mit denen er sich damals, als erste Abgesänge auf den immerwährenden Volksbühnen-Intendanten angestimmt wurden, noch einmal neu erfand.


Schauspiel Frankfurt

"Erst nass machen!"

von Shirin Sojitrawalla

Frankfurt, 11. Januar 2015. Sobald Oskar Matzerath die Bühne betritt, strampelt er Romanheld wie Filmkind zur Seite und wird zur eigenständigen Theaterfigur. Der magisch realistische Jahrhundertroman von Günter Grass gerät mit Nico Holonics zur fiebrigen One-Man-Show.


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Revolution mit Copy & Paste

von Esther Boldt

Frankfurt, 21. Dezember 2014. Die Jugend probt den Aufstand. Das kennt man ja, das muss so sein. Warum also nicht auch im Theater, mit Benzinkanister und Gaffatape? Da wird schon ein Relevanzfunke herauszuschlagen sein aus der Jugend, ein Daseinsgrund für das geschichtsträchtige Mutterschiff, ein Gegenwartsanker. Und schon hat sich die Autorin in den Palmetshofer-Ton hineingeschrieben, schließlich wird der hier gespielt, oder besser: Sollte der hier gespielt werden, wenn ihm nicht die Regisseurin ihre eigene Agenda dazwischenfunkte.


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Ich weiß nicht, ob ich es weiß

von Shirin Sojitrawalla

Frankfurt, 19. Dezember 2014. Hans Peter Grothe, Mitarbeiter der Firma SWL (Sanddorn Worldwide Logistik), ist ein kleiner Angestellter, wie er im Buche steht: penibel, korrekt, spießig möchte er bloß keine Fehler machen und immer sein Bestes geben, ganz egal wofür. Sein neuester Auftrag führt ihn nach Paris, wo er einen Container finden soll, von dem er weder weiß, ob er in Paris ist noch, was sich darin befindet. Absurd? Und wie!


Schauspiel Frankfurt

Endstation Filmset

von Grete Götze

Frankfurt am Main, 6. Dezember 2014. Letzten Endes existierten vier relevante weibliche Rollenfächer, hat Peter Kümmel gerade in der "Zeit" geschrieben: die Mutter, die lüsterne Frau, die Heilige und die Rächerin. Am Schauspiel Frankfurt findet man derzeit viele Stücke mit tragischen Heldinnen im Spielplan, auch wenn es mehr tragische Helden gibt. In Karin Henkels Dogville ist Claude de Demo die Rächerin Grace, Constanze Becker spielt die sich rächende Mutter Medea. Bettina Hoppe versucht in Thalheimers Nora so gut es geht heilig zu sein, ebenso wie Lisa Stiegler in Kriegenburgs Glaube Liebe Hoffnung. Und nun kommt Blanche DuBois hinzu, eine verzweifelt lüsterne, verarmte Frau aus reicher Südstaatenfamilie.


Schauspiel Frankfurt

Das Opfermädchen

von Esther Boldt

Frankfurt am Main, 20. September 2014. Da sind sie wieder, diese Kriegenburg'schen Bleichgesichter mit ihren dunklen Hohlaugen. Sie erklimmen ein Fenster in der Wand, das die Bühne abschließt, drängen sich zusammen und schauen auf die Unglücksgestalt, die auf einer langen Abstiegsrampe vor ihnen liegt: Ein blondes Opfermädchen in Embryonalstellung. Sie liegt auf der übergroßen Fotografie ihrer selbst, nackt und zusammengekauert, das Gesicht vom strähnigen, nassen Haar verhängt und so: gesichtslos.


Schauspiel Frankfurt

Auf dem Glücksdampfer

von Marcus Hladek

Frankfurt am Main, 13. Juni 2014. Was machen eigentlich Frankfurts junge Wilde? Ihr eigenes Festival. An diesem Wochenende wird das Schauspiel, wo Alexander Eisenach, Ersan Mondtag und Johanna Wehner das erste Frankfurter "Regiestudio" bestritten (ein Stipendien- und Tutoren-Programm aus Drittmitteln), drei Tage lang ihr ureigenes Festspielhaus. Die Festival-Premieren vom Eröffnungsabend, drei in einem Rutsch binnen vier Stunden, fanden in den Kammerspielen statt, alle übrigen Inszenierungen, die während der Saison entstanden, laufen am üblichen Spielort, der "Box" im Schauspiel-Foyer.


Schauspiel Frankfurt

Ausbruch aus der Animal Farm

von Shirin Sojitrawalla

Frankfurt am Main, 9. Mai 2014. Das Ehedrama, das mit dem berühmtesten Türknall der Theatergeschichte endet, bleibt aktuell, denn auch heute und in Zukunft werden Frauen ihre Männer verlassen, wenn diese sich als Arschlöcher entpuppen. Michael Thalheimer rückt dem 1879 uraufgeführten Ibsen-Klassiker jetzt mit seinen bewährten Mitteln und Methoden zu Leibe. Olaf Altmann hat ihm die Bühne wieder einmal als bedrückende Dunkelkammer hergerichtet. Diesmal laufen die rabenschwarzen Wände wie ein Tortenstück aufeinander zu und an der engsten Stelle schießt eine lange Tür nach oben.


Schauspiel Frankfurt

Hundestadt ohne Hundegefühl

von Grete Götze

Frankfurt, 11. April 2014. "Was hat der eigensinnige Däne diesmal nur wieder angestellt? Er hat ein Theaterstück gefilmt." Das schrieb die Zeitschrift Spiegel, nachdem 2003 Lars von Triers Film "Dogville" in die Kinos gekommen war. Artikel-Titel: Theater, Theater. Ein brutaler Film, in dem Lars von Trier den Zuschauer mit ellenlangen Einstellungen, Überlänge und einer furchtbaren Dorfgemeinschaft quält, die ihre hässliche Fratze im Zusammenleben mit einer schutzlosen Fremden zeigt. Und ihm am Ende nicht einmal die Hoffnung lässt, dass Grace (Nicole Kidman) oder man selbst besser ist, weil man sich ihren Rachefeldzug nur herbeigesehnt hat.


Schauspiel Frankfurt

Kreaturen im Dickicht des Unergründlichen

von Shirin Sojitrawalla

Frankfurt, 16. März 2014. Sie erinnern an unter die Räder geratene Teletubbies oder Lemuren oder Riesenbabies oder Buddhaköpfe. Sie stecken in unterwäschenunartiger Kleidung und tragen über ihrem Kopf einen weißen Schädel, der statt Augen und Mund klaffende Löcher aufweist. Damit glotzen und staunen sie (es sind vier, obwohl seltsamerweise überall nur drei angegeben sind) ins Publikum, bis einem ganz anders wird.


Schauspiel Frankfurt

Endstation Diskurssehnsucht

von Michael Laages

Frankfurt, 8. März 2014. Da wäre zunächst mal die gute Nachricht: René Pollesch hat schon wieder einen Text geschrieben, der zwar auf mehrere Sprecher verteilt, aber eigentlich eine Art innerer Monolog ist, und der (wie auch schon recht oft) ziemlich selbstquälerisch von der Unmöglichkeit der Liebe in modernen Zeiten handelt. Auch der Soziologe und Philosoph Theodor Wiesengrund Adorno, einst im Institut für Sozialforschung eine der prägenden Persönlichkeiten der Frankfurter Schule, schrieb gelegentlich über die Liebe; genauer (und im Programmheft): über den verzweifelt zwanghaften Versuch des modernen Menschen, ausgerechnet in ihr, der Liebe also, die großen Wahrhaftigkeiten des Lebens herstellen zu können. Ist aber "Je t'adorno" darum ein Stück Theater in des Denkers Sinn? Zweifel sind erlaubt.


Schauspiel Frankfurt

Nazis in Mondlandschaft

von Grete Götze

Frankfurt, 7. Februar 2014. Über ganz Deutschland verteilt, in Karlsruhe, München, Köln und Berlin schafft es der Nationalsozialistische Untergrund auf die Bühne. Fast sieht es aus wie eine Huldigung. Jedenfalls versprechen sich die Theaterdenker und -praktiker offenbar einiges von der Beschäftigung mit dem Thema. Den Saison-Anfang haben in Braunschweig Olivia Wenzel und Mareike Mikat mit dem Projekt "Unter Drei" gemacht. Jetzt folgt in Frankfurt Christoph Mehler mit der Uraufführung des NSU-Stücks "Der weiße Wolf", das Lothar Kittstein im Auftrag des Schauspiels Frankfurt geschrieben hat. Und es wird weitere Theaterabende über das rechtsradikale Terrortrio geben, das sich dreizehn Jahre lang versteckt hielt und acht Deutsch-Türken, einen Griechen und eine deutsche Polizistin erschoss.


Schauspiel Frankfurt

Zuschauer-Abstimmung beim Lieben Gott

von Shirin Sojitrawalla

Frankfurt, 13. Dezember 2013. Keine Frage, Filme und Romane dürfen auch als Theaterstücke daherkommen. Das gilt selbst für Krzysztof Kieślowskis epochalen Fernsehzehnteiler Dekalog aus den Jahren 1988/89, der vordergründig anhand der zehn Gebote die Abgründe der menschlichen Existenz auslotet und bei näherer Betrachtung die wesentlichen Dinge des Lebens im Schattenreich zwischen Schicksal und Zufall verortet.


Schauspiel Frankfurt

Der Krieger kehrt zurück

von Esther Boldt

Frankfurt am Main, 1. Dezember 2013. Die Musik dräut dunkel, ein Gitarrenloop verfängt sich im Ohr und flüstert: "Achtung! Hier droht Unheil!" Das klingt verdammt nach "Tatort", und sieht auch so aus: In einem seichten Wasserbecken, vor einer betongrau emporragenden Wand steht Ajax in Baggypants und streicht sich das nasse Haar aus der Stirn. Etwas hat ihn geritten, ein Teufel oder eine Göttin, und der Kriegsheld metzelte eine Viehherde, anstatt Rache an Odysseus zu nehmen. Nun steht er in seiner Schande, und bildschön werfen die Wasserkreise Lichtschimmer auf die Wände.


Schauspiel Frankfurt

In die entgegengesetzte Richtung

von Grete Götze

Frankfurt am Main, 17. November 2013. Die schönste Szene kommt gleich am Anfang: Bettina Hoppe steht in einem offenen gekachelten Raum, auf dessen Wände die Silhouette von Salzburg projiziert ist, und pfeift. Und wie sie pfeift! Eröffnet einem eine ganze Welt. Sie ist kurz, lang, lustig, dramatisch. Es ist die Welt von Thomas Bernhard, dem österreichischen Außenseiter und Heimatkritiker, der seine Kindheit und Jugend in einer fünfbändigen Autobiografie niedergeschrieben hat, die als Schlüssel für sein Werk angesehen wird. Frankfurts Schauspielintendant Oliver Reese hat aus diesen fünfhundert Seiten, unterteilt in die Bücher "Die Ursache", "Der Keller", "Der Atem", "Die Kälte" und "Ein Kind", fünfzig Seiten für die Bühne herausdestilliert. Und zusammen mit fünf Schauspielern eine gelungene, konzentrierte Inszenierung daraus gemacht.


Schauspiel Frankfurt

Untergeher im Asyl des Lebens

von Michael Laages

Frankfurt, 8. November 2013. Warum eigentlich nicht? So unübersehbar sinn- und erfolglos projizieren sich sämtliche Sehnsüchte aller im Stück agierenden Frauen auf diesen modernen Ritter von der traurigen Gestalt, dass sich ruhig die einzige Figur in glänzendes Brautkleidweiß werfen kann, die tatsächlich eine Beziehung im etwas engeren und eben nicht bloß mitleidigen Sinne mit diesem Fürsten Myschkin gehabt haben mag, der da gerade aus Schweizer Kliniken zurück gekehrt ist ins heimatliche Russland und wohl ein Erbe von nicht unbeträchtlicher Höhe antreten wird.


Schauspiel Frankfurt

Aus dem Leben einer Alpenrose

von Esther Boldt

Frankfurt am Main, 22. Oktober 2013. Es war einmal ein Mädchen. Das war so wild und ungestüm wie die Stiere seines Vaters. Es raubte dem Geier sein Junges aus seinem Nest, es stand am Abgrund wie eine Alpenrose und war frei von Schwindel. Es war das schönste und reichste Mädchen von ganz Tirol. Doch es verlor sein Herz an den Stärksten der Männer, an Joseph, den Meisterjäger und Bärenbezwinger. Und so bezwang er auch sie.


Schauspiel Frankfurt

Geister unter der Haut

von Esther Boldt

Frankfurt am Main, 14. September 2013. Schemen bewegen sich hinter einem grau gefleckten Vorhang. Eine Frau tanzt, jemand kehrt den Boden, ein anderer steht einfach nur da in seinem weiten Mantel. Dinge werfen ihre Schatten: ein Lorbeerkranz, eine Gitarre, ein Henkerseil, ein Gewehr. Das Meer rauscht, der tiefe Bass einer Schiffshupe ertönt.


Schauspiel Frankfurt

In der Businessburg

von Shirin Sojitrawalla

Frankfurt, 13. September 2013. Einar Schleefs zu Tode zitierte Frage "Was gehen uns die Nibelungen an?" stellt sich in Jorinde Dröses Inszenierung nicht. Allgemeingültig, immeraktuell und nicht verortet zeigt sie Hebbels Trauerspiel. Ihre Burgunder steckt sie in schnieke Anzüge, die Bühne räumt sie leer und an den Wänden deuten zuweilen Hochhausfassaden keinen Ort nirgends an: Frankfurt, New York oder Tokio.


Schauspiel Frankfurt

Tanz mich ans Ende der Liebe!

von Esther Boldt

Frankfurt am Main, 18. Mai 2013. Das Leben ist doch nur ein Traum, geträumt von einem Riesen, den eine Fliege an der Nase kitzelt. Ein großes Rund von Tischen, weiß eingedeckt, steht auf der Bühne, in seiner Mitte: eine kleine, runde Bühne, umweht von weißen Stoffbahnen. Aber die Tische stehen nicht, sie fahren, denn dieser Speisesaal ineinander verwobener Schicksale dreht sich unaufhörlich. Die Drehbühne kreist, der Nacken zuckt nach rechts, doch nein, der Blick muss nicht wandern, die Schauspieler laufen, tanzen, klettern und kaspern in die Gegenrichtung. Die Drehbühne zermahlt die Zeit, ihr sanftes Gleiten bringt steten Wechsel. Am Ende dieses langen, langen Abends werden die Jungen rasch gealtert sein und mit einer Erschöpfung von ihrem Leben sprechen, dass einem das kalte Grausen kommt.


Schauspiel Frankfurt

Nicht um jeden Preis

von Grete Götze

Frankfurt, 8. Mai 2013. "Schreiben bedeutet, sich selbst abzuschaffen", steht in Oliver Klucks Stück  "Was zu sagen wäre warum", das von einem Autor aus kleinen Verhältnissen erzählt, der die Beziehung zu seinem Vater Revue passieren lässt. Das klingt autobiographisch, kommt Kluck doch aus einer Arbeiterfamilie. Auch der Satz "Ich bin nicht bereit, den Leuten...zu dienen" fällt. Es macht den Anschein, als seien das wütende Stück-Ich und der Autor einander in die Welten gesprungen, als hätten sich ihre Sätze und Maßstäbe vermischt. Kluck hat sich im Vorfeld der Aufführung an den Frankfurter Kammerspielen, in der Realität, sowohl mit dem Schauspiel Frankfurt als auch mit seinem Verlag Rowohlt überworfen. Beim Rowohlt-Theaterverlag hat er gekündigt, mit dem Theater lautet die Übereinkunft, dass hinter dem Stücktitel der Zusatz "In einer Fassung des Schauspiel Frankfurt" stehen muss. "Figurenvertauschung, blödsinnige Chronologie", schreibt der Autor zur Strichfassung des Theaters auf seiner Internetseite.


Schauspiel Frankfurt

Die Fratzen der Krisenkinder

von Steffen Becker

Frankfurt, 7. Mai 2013. Variable 1 – Autor, Alter: 32, beruflicher Status: gesichert, Lebensgefühl: latente Bedrohung einhergehend mit hohem Sicherheitsbedürfnis.
Variable 2 – Stück: "Das sind nicht wir, das ist nur Glas" am Schauspiel Frankfurt, Thema: Die Kinder der Krise und ihr Lebensgefühl.
Frage: Haben Zuschauer und Stück eine Schnittmenge, haben real existierende und beschriebene Lebenswelten ein gemeinsames Delta?


Schauspiel Frankfurt

Das große Glühen vorm finalen Frost

von Ralf-Carl Langhals

Frankfurt am Main, 12. April 2013. Heute wird man Geduld brauchen. Das weiß nach den ersten von vielen ins tiefe Schwarz des Schauspielhauses dringenden Klaviertönen auch derjenige, der zuvor nicht auf der Suche nach der Aufführungsdauer ins Programmheft schielte oder gar aufgrund bestimmter oder unbestimmter Erfahrungswerte beim Namen Andrea Breth bestimmte oder unbestimmte Erwartungen mitbrachte.


Schauspiel Frankfurt

Kalte Wand der Brutalität

von Shirin Sojitrawalla

Frankfurt, 15. März 2013. Der Abend beginnt mit der Vertreibung aus dem Paradies: Zwei nackte Menschlein, eine junge Frau und ein junger Mann stehen auf der Bühne, werden sich ihrer Nacktheit gewahr und fliehen. Die junge Frau sitzt wenig später als schwangere Klosterschülerin Olga in einer der wartenden Kirchenbänke und trägt eine Lederjacke über dem stilisierten Dirndl, während der junge Mann als Vorstadtgigolo mit seiner neuen Flamme auftaucht und nichts wissen will vom Kind unter Olgas Herzen. Olga versucht, das Kind abtreiben zu lassen und die ganze Ortschaft zerreißt sich das Maul über sie. Ihr zur Seite, in der Ablehnung der anderen vereint, steht Roelle mit dem stinkenden Blähhals, der sich für heilig hält und das Nasse scheut wie der Teufel das Weihwasser.


Schauspiel Frankfurt

Dornröschens dunkle Seite

von Grete Götze

Frankfurt am Main, 10. Februar 2013. Um gleich mit der kritischen Tür ins Haus zu fallen: Die Uraufführung von "Sleepless in my dreams – Ein Dornröschen-Erweckungskuss" will bedeutungsvoll sein, nur fragt man sich als Zuschauer, was sie ihm bedeuten soll. Aber zurück auf Anfang, schließlich gehen auch die drei Schauspieler im Abend immer wieder zurück auf Anfang, um die Geschichte vom Dornröschen der Brüder Grimm anders zu beginnen oder enden zu lassen als bekannt.


Schauspiel Frankfurt

Hau den Kasimir

von Shirin Sojitrawalla

Frankfurt, 2. Februar 2013. "Und die Liebe höret nimmer auf." Das dem Hohelied der Liebe entrissene Motto des Stücks ist Fluch und Drohung zugleich: Die Liebe geht weiter. Und weiter. Ob die Menschen wollen oder nicht. Ob sie können oder nicht. Kasimir und Karoline können nicht. Die Liebe nicht und das Leben auch nicht. Aber das ist der Liebe egal, und dem Leben allemal. Dessen Blick streckt sich sowieso lieber der blanken Zukunft entgegen, ganz so wie die Rummelplatzbesucher zu Beginn des Stücks dem vorbeifliegenden Zeppelin entgegenstaunen. Wie ein glanzvolles Versprechen hängt dieses Schiff in der Luft, gleitet später an den Wänden des Zuschauerraums entlang wie ein Phantom. Am Ende des Abends, wenn das Spiel auf einem Parkplatz gelandet ist, hängt dort ein verbranntes Auto aus dem Schnürboden und erinnert uns daran, was aus Zeppelinen werden kann und wie weit wir Menschen es schon gebracht haben.


Schauspiel Frankfurt

Brimborium mit Diamantenjägern

von Marcus Hladek

Frankfurt, 1. Februar 2013. Was immer man von Kevin Rittbergers jüngstem Stück halten mag, die wissenschaftlichen Fakten hat es jedenfalls ganz richtig. Denn ja: das titelgebende Mineral existiert und trägt gern Diamanten mit sich durch den Erdmantel. Und ja, auch den wärmedämmenden Kunst- und Baustoff Neopor gibt es. Der Gerfalke dient wirklich seit dem Mittelalter als Fürstenspielzeug für die Beiz und ist als "Schnee"-Falke wie der, mit dem Lisa Stiegler in Hauke Kleinschmidts Video umgeht, am allerwertvollsten. Ein wahres Naturalienkabinett also, von dem man aber leider nicht recht zu sagen weiß, ob es Welthaltigkeit signalisiert oder sie doch nur zweckfrei in die Bühnensprache trickst. Von der Erdfeuer-festesten Sorte ist Rittbergers Geschichte nämlich mitnichten.


Schauspiel Frankfurt

Schlupfwespe am Mittelmeer

von Marcus Hladek

Frankfurt, 19. Januar 2013. 1954 von Patricia Highsmith erdacht, ist Tom Ripley, Highsmith' Held in fünf Romanen, ein Zeitgenosse Felix Krulls, mit dem er die Hochstapelei, das Aufsteigertum, die sympathische Amoral und den homosexuellen Subtext teilt. Wer ihn charakterisiert, bekommt Probleme, ist er doch mehr Virus als Charakter.


Schauspiel Frankfurt

Chor schlägt Herz

von Shirin Sojitrawalla

Frankfurt am Main, 12. Januar 2013. Mit seinem erfolgreichsten Roman setzte der Schriftsteller Hans Fallada eines der absurd rührendsten Liebespaare der Literaturgeschichte in Gang: Johannes Pinneberg und Emma Mörschel, genannt Lämmchen. Zwei, die sich in einer der Wirtschaftlichkeit unterwerfenden Gesellschaft zwangsläufig wie Kindsköpfe ausnehmen: blauäugig, naiv und unbedacht.


Schauspiel Frankfurt

Die Schizophrenie des Gegenwartsmenschen

von Esther Boldt

Frankfurt, 14. Dezember 2012. Sebastian hat seinen Stuhl besetzt. Er schlingt die langen Glieder um dessen Beine und Lehne, verschränkt sich im abgeschabten Sitzmöbel und steckt seine Nase ins Buch. Während seine Freundin Hannah durch die Wohnung flitzt und letzte Reisevorbereitungen trifft, referiert er über Sexorgien im Vatikan. In Kürze sollen ihre Wohnungstauschpartner eintreffen, weil Hannah zwei Monate in Zürich arbeiten wird, doch dann bricht Sebastian ein Last-Minute-Drama vom Zaun: Er will nicht nach Zürich umgesiedelt werden.


Schauspiel Frankfurt

Wie ein Stern

von Harald Raab

Frankfurt, 7. Dezember 2012. Michail Bulgakows Opus Magnum, der surreal-satirische Roman "Der Meister und Margarita", gehört zu den Schlüsselwerken der Weltliteratur. Der stark dialogische Text bietet sich wie wenige andere Romane dazu an, für die Bühne adaptiert zu werden – eine Herausforderung, die freilich schwer zu realisieren ist. Versucht haben es schon einige – mit mehr oder weniger Erfolg, zuletzt etwa Simon McBurney in Avignon oder Kay Voges in Dortmund.


Schauspiel Frankfurt

Versuchsanordnung in Schwarz

von Shirin Sojitrawalla

Frankfurt, 16. November 2012. Harry Harras, die Titelfigur aus Carl Zuckmayers Stück "Des Teufels General", ist ein richtiger Mann von altem Schrot und Korn. Auf dem Theater verkörpern ihn gern kernige Kerle mit tiefer gelegten Stimmen. In Helmut Käutners Verfilmung aus dem Jahr 1954 übernahm Curd Jürgens das Kommando. In Frankfurt ist dieser Fliegergeneral Harras jetzt ein einigermaßen undurchschaubarer Mann, mehr Hamlet als Haudegen.


Schauspiel Frankfurt

Dream a Little Dream of Me

von Kai Bremer

Frankfurt am Main, 4. November 2012. Als Käthchen die Feuerprobe bestanden hat, betritt sie in einem langen, mit schwarzen Pailletten besetzen Kleid die lila Glitzerbühne. Verwandelt vom bleichen Mädchen mit anmutig roten Lippen in..., ja, in was? Im ersten Moment erinnert sie, da ihr Gesicht hinter einer wie zerrissen wirkenden schwarzen Stoffmaske verborgen ist, an Madonna oder eine andere Pop-Ikone. Doch setzen keine pumpenden Beats ein.


Schauspiel Frankfurt

Nachrichten vom Kreativprekariat

von Esther Boldt

Frankfurt/Main, 12. Oktober 2012. "Der Wahnsinn ist, dass der Wahnsinn für alle schon Normalität ist", jault Peter. Ein Satz wie in Stein gemeißelt, den Stein, aus dem der Bildhauer eigentlich seine nächste Skulptur klopfen sollte. Doch die Inspiration fließt nicht, und so sitzt er herum mit seinem alten Freund Holger: zwei verzweifelte Zeittotschläger, die eigentlich gar keine Zeit zum Totschlagen haben. Dann springt Holger schon wieder auf, obwohl ihn Peter anheult, doch bitte zu bleiben. Doch der arbeitslose Koch hat mal wieder diffus etwas zu tun – der Wahnsinn besteht in dem permanenten Gefühl, immer etwas tun zu müssen, auch wenn man gar nicht genau weiß, was.


Schauspiel Frankfurt

Faust in Kampfchauvi-liebt-Baumarkt-Lesart

von Marcus Hladek

Frankfurt am Main, 27. September 2012. Wer sein "Faust"-Stück nach, über, gegen, ausgehend von Goethe ein Sekundärdrama nennt, nimmt der Kritik am "Sekundären" vorweg das Pathos aus den Segeln. Das ist so ökonomisch wie Brechts Aussage, dann mache er statt Theater halt Thaeter, denn es spart alberne Werktreue-Kritik und zieht das Regietheater gleich ins Stück mit hinein, ermächtigt paradox den Autor und etabliert das Genre Glossierungs-Drama aus lauter Fußnoten. Schon Heiner Müllers "Hamletmaschine" verhielt sich ähnlich zum "Hamlet", in den er sein Stück als Regisseur einbettete, wie Jelinek "FaustIn and out" nur an Bühnen zulässt, die "Faust" laufen haben.


Schauspiel Frankfurt

Denn wovon lebt der Mensch?

von Shirin Sojitrawalla

Frankfurt, 15. September 2012. Auch nach diesem Abend wissen wir nicht ganz und gar, was im zweiten Teil von Goethes "Faust" alles auf dem Spiel steht. Zumindest aber sind wir jetzt im Besitz neuer Bilder, die von der Nacktheit der Existenz, der Weichheit des Todes und der Kälte der Sehnsucht erzählen.


Schauspiel Frankfurt

Unter dem Terror des Apparats

von Esther Boldt

Frankfurt am Main, 14. September 2012. Was für eine Theatermaschine! Im Erdgeschoss der Raumkonstruktion mit ihren schiefstehenden Kammern, die aussehen wie von einem expressionistischen Stummfilm geträumt, spielt eine Band Rockiges von Rolling Stones und Konsorten, im rechten oberen Eck spinnt das Gretchen ihr Garn, ohne sich an der Spindel zu stechen, links führt eine lange, krumme Treppe aus der Höhe herab und rechts vorn, da ist die Studierstube des Faust samt Pult und Bank.


Schauspiel Frankfurt

Gedächtnisspiel des Lebens

von Esther Boldt

Frankfurt am Main, 23. August 2012. Ich erinnere mich an Traute Hoess und Felix von Manteuffel, die nebeneinander auf der Bühne stehen, im grauen Flanell und weißem Hemd, und Sätze sprechen. Jeder beginnt mit den Worten: "Ich erinnere mich". Ich erinnere mich an Felix von Manteuffel, der mit unbeholfener Leichtigkeit aus seinen Schuhen steigt, ich erinnere mich, dass mir sein träges Angehen gegen die Schwerkraft bekannt vorkam aus anderen Stücken. Ich erinnere mich an die angespannten Gesichtszüge von Traute Hoess, die schließlich weich wurden und runde, staunende Mädchenaugen preisgaben. Ich erinnere mich an das Stück "Bouncing in Bavaria" des Regieduos Auftrag: Lorey, das heute Abend im Schauspiel Frankfurt Premiere hatte.


Schauspiel Frankfurt

altProfessor Unrats Coming Out

von Shirin Sojitrawalla

Frankfurt, 24. Mai 2012. So öde wie in der ersten halben Stunde dieses Abends war uns in der gesamten Schulzeit selten. Professor Immanuel Rath steht in der zart hohläugigen Verkörperung von Michael Goldberg auf der Bühne und spielt Schulstunde mit den Zuschauern, die nicht so rechte Lust zum Mitmachen haben. Zum Glück befinden sich aber drei seiner Schüler unter ihnen; die beugen sich den Mätzchen ihres Lehrers und machen ihn dann im Blaskugelhagel mundtot. Als das geschafft ist, zelebriert Cornelius Schwalm im weißen Tüllrock und mit roter Nase im einfältigen Gesicht kleinteilige Clownerien in der Bühnenmitte.


Schauspiel Frankfurt

altRevolte in der Wohnküche

von Susanne Zaun

Frankfurt am Main, 21. Mai 2012. Wenn bei ihm nicht nur die Frisur, sondern auch der Anzug perfekt sitzt, bei ihr das Kleid farblich mit dem Küchenmobiliar harmoniert und dann auch noch die Garderobe von beiden aufeinander abgestimmt ist, dann sollten bei all dieser perfekten Oberflächlichkeit sämtliche Warnsignale blinken: Vorsicht, Abgründe!


Schauspiel Frankfurt

altMoral in Multiperspektive

von Sarah Heppekausen

Recklinghausen, 12. Mai 2012. Für Dennis Kelly ist Wahrheit eine verzwickte Sache. Das sagte der britische Dramatiker vor ein paar Tagen in seiner Eröffnungsrede des Theatertreffen-Stückemarkts. Als Autor empfiehlt er die Suche nach Wahrheit. Seine Stücke demonstrieren, wie holprig dieser Weg, wie stockend diese Suche ist. Seine Figuren schlagen Haken oder stecken wie die Leser immer mal wieder in Lügen-Sackgassen fest. Gorge Mastromas zum Beispiel, Kellys jüngste Dramenfigur, stellt irgendwann fest, dass es in einem erfolgreichen Leben vor allem auf absoluten Willen und die Fähigkeit ankomme, aus tiefstem Herzen zu lügen.


Schauspiel Frankfurt

altDer Genius tobt im Bildersaal

von Esther Boldt

Frankfurt am Main, 11. Mai 2012. Neue Spielorte öffnen dem Theater nicht nur andere Räume, sie setzen auch die Routine außer Kraft. Zur gewohnten Zeit habe ich das Haus verlassen, zur ungewohnten bin ich angekommen: zu spät. Für Oliver Reeses Uraufführung seines Stückes "Bacon talks" ist das Schauspiel Frankfurt ans gegenüberliegende Mainufer gezogen, ins Städel Museum, wo sich die Kritikerin im herrlich pointiert einsetzenden Platzregen prompt verlief. Darum setzt diese Kritik etwa um 19.27 Uhr ein, am Rand des Schauspiels, dort, wo hinter den Zuschauerreihen noch ein paar Stühle für die Logenschließer stehen.

Schauspiel Frankfurt

alt

Und wollen wir wirklich so weitermachen?

von Grete Götze

Frankfurt, 27. April 2012. "Der Freund krank" ist ein Stück über einen Heimkehrer. Es ist ein Stück über Landflucht, ein Stück über zurückgelassene Kleinbürger, ein Stück über eine Liebe im Dreieck, ein Stück über die Trauer des Erwachsenwerdens, ein Stück über das Einfach-so-verrückt-werden und nicht mehr mitmachen wollen. Ein Stück über die Vorteile und Nachteile des Handelns. Ein Stück über einen Protagonisten mit einem kleinen Selbstwertgefühl. Es ist also ein Stück über ziemlich vieles. Deswegen hat Nis-Momme Stockmann, Autor des Stückes und ein Hoffnungsträger zeitgenössischer Dramatik, auch 160 Seiten dafür gebraucht.


Schauspiel Frankfurt

altFurchtbare Freiheit

von Esther Boldt

Frankfurt am Main, 14. April 2012. Auf diesen Abend haben wir zweieinhalb Jahre gewartet. Oliver Reese hatte seine Intendanz 2009 mit dem ungeheuren Versprechen angetreten, das Schauspiel Frankfurt wieder in die Theaterbundesliga führen zu wollen. Mit einem wahrhaft monströsen Abend lösen Michael Thalheimer und sieben fantastische Schauspieler dieses Versprechen nun ein. Ein Abend gegen jedwede rotsamtene, konsenssatte Gemütlichkeit, ein Abend des tiefen Schmerzes, der einem schier den Atem raubt, und der leichten Augenblicke, die keine Erlösung schenken.


Schauspiel Frankfurt

altFalschgold

von Marcus Hladek

Frankfurt, 4. April 2012. Unauffällig rückt der französische Dramatiker Bernard-Marie Koltès derzeit wieder auf die Spielpläne und wird dabei, so scheint es, kenntlicher denn je. Die Risse und Klüfte des "grundlosen Mörders" Roberto Zucco etwa stehen, leicht abgeschliffen, der Lesbarkeit der Figur nicht mehr im Weg. Koltès griff sich diesen Roberto Zucco 1988 als realen Eltern-, Polizisten-, Frauen- und Kindsmörder frisch und heiß aus dem Trivialplasma der Medien und stellte ihn namensgleich auf die Bühne, weil er so kraftvoll bürgerlicher Moral spottete, also: so geschickt der Festnahme und Haft entging, so lustvoll der Grenze von Irrenhaus und Knast spottete, so effektvoll vom Gefängnisdach die skandalöse Pöbelei lieferte, die alle nötig hatten.


Schauspiel Frankfurt

altDreifach unmoralisches Begehren

von Grete Götze

Frankfurt, 24. März 2012. Wie wird Valery Tscheplanowa den Tanz aller Tänze tanzen, fragt sich der Zuschauer, als er sich zur Premiere von Oscar Wildes Stück "Salomé" in den Sitz des Frankfurter Schauspiels sinken lässt. Wie wird Regisseur Günter Krämer den Tanz inszenieren, der die Opferung des Heiligen um des Begehrens willen bedeutet? Den Tanz, welcher der biblischen Geschichte Johannes des Täufers entstammt, in der die Tochter der Königin Herodias so schön tanzt, dass ihr Stiefvater Herodes einen Eid darauf schwört, ihr jeden Wünsch zu erfüllen. Den Tanz, nach dem sich die Tänzerin den Kopf des keuschen Wüstenpredigers Johannes in einer Schale wünscht.


Schauspiel Frankfurt

alt

Kampf der Guten gegen die Guten

von Susanne Zaun

Frankfurt am Main, 3. März 2012. Gab's das Einhorn schon mal, oder ist das neu? Die Schauspieler als Superhelden, das war doch schon bei "Pingpong d'Amour"? Ah, da ist die Pizza wieder und hier der Tatort-Dialog. Auf das schon mal Dagewesene bei einem Pollesch-Stück hinzuweisen, klingt einerseits verdächtig danach, als wolle sich die Kritikerin ihrer eigenen Seherfahrung rühmen, gleichzeitig kommt man aber gar nicht so recht drum herum. Denn: Eigentlich ist es ein Ding der Unmöglichkeit, über einen einzelnen Pollesch-Abend zu schreiben. In etwa so, als würde man versuchen eine komplexe Fernsehserie allein anhand einer einzigen Folge zu analysieren.


Schauspiel Frankfurt

Exekution eines traurigen Hallodris

von Kai Bremer

Frankfurt, 17. Februar 2012. Der Arzt Lwow hat Anna, Iwanows erste Frau, bis zu ihrem bitteren Tod umsorgt – anders als dieser, der die lebenslustige Sascha zum ersten Mal küsst, noch bevor Anna gestorben ist. Zugleich ist der Doktor ein aufgeklärter Moralist, wie er im Buche steht. Das hätte ihm vielleicht ein Motiv geben können, Iwanow abzuknallen. In Frankfurt ist gestern ein solcher Schluss zu sehen gewesen.


Schauspiel Frankfurt

altLiebe ist (k)ein Buchstabenspiel

von Grete Götze

Frankfurt am Main, 20. Januar 2012. Eine Inszenierung von Lars Noréns Stück "Liebesspiel" könnte so beginnen: Zwei frisch Verliebte fallen übereinander her, lieben sich heftig, rollen zusammen über die Bühne, schließlich haben sie miteinander eine verbotene Affaire, und beginnen zu reden.


Schauspiel Frankfurt
alt

Der Lockruf der Geldkritik

von Susanne Zaun

Frankfurt am Main, 17. Januar 2012. Die Inszenierungen von Klaus Gehre sind ein bisschen wie kunstvoll gewirkte Wundertüten: Man kann vor dem Öffnen vielleicht schon ungefähr erahnen, was sich darin verbergen mag, ist aber immer wieder erstaunt über die kleinen Details und Kniffe in der Verarbeitung.

Schauspiel Frankfurt

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Liturgien des Hasses

von Michael Laages

Frankfurt, 14. Januar 2012. Der erste Blick auf die Besetzungsliste zeigt, wohin die Reise gehen soll – weg von Belmont, weg von allem lieblichen Getändel, weg von allem, was ablenkt vom Kern der Geschichte um diesen elend finstren Deal zwischen zwei Händlern, die einander aus tiefstem Urabgrund der Seele hassen, weil sie unterschiedlich glauben. Um Shylock geht es: darum, wie er wird zu dem, was er schlussendlich ist. Und um das Pfund Fleisch geht es, das Antonio, der titelgebende Kaufmann von Venedig, dem Juden Shylock verschrieben hat – als Pfand für einen Kredit, den er als Akt verzweifelter Zuneigung dem geliebten, aber niemals wirklich erreichten Freund gegeben hat.


Schauspiel Frankfurt
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Freuds Kaleidoskop

von Susanne Zaun

Frankfurt am Main, 16. Dezember 2011. "Ich hörte mich, wie man sich im Traume hört." Das sagt Fridolin mehr zu sich selbst als zu jemand anderem, zu einem Zeitpunkt, als er schon längst nicht mehr weiß, wie er in all das Treiben um ihn herum hinein geraten ist. Arthur Schnitzlers "Traumnovelle" erzählt im Kern eine atemlose Nacht und ihre Folgen. Sie spielt mit dem Motiv des Traumes, ganz im Freud'schen Sinne als Spiegel des Unbewussten.


Schauspiel Frankfurt
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Leben oder nicht Leben

von Grete Götze

Frankfurt/Main, 3. Dezember 2011. Oliver Reese bereitet den Zuschauern des Schauspiels Frankfurt mit der Hamlet-Premiere einen angenehmen Theaterabend in einer unerheblichen Inszenierung. Denn der Intendant unterliegt gewissermaßen selbst Hamlets Problem. Er entscheidet sich bei William Shakespeares Stück, das unendliche viele Lesarten anbietet, für keine. Oder für jede.


Schauspiel Frankfurt

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Die große Boygroup

von Kai Bremer

Frankfurt, 10. November 2011. Wenn man sich über F. Scott Fitzgeralds "Der große Gatsby" unterhält, kommt rasch der Eindruck auf, dass eigentlich niemand das Buch so gelesen hat wie man selbst. Der eine ist fasziniert von der Geschichte der Titelfigur, dem tragischen Helden, dem es nur darum geht, seine Jugendliebe Daisy zurückzuerobern, und der sich schließlich für sie opfert. Einen anderen interessiert Nick Carraway, der Gatsbys Geschichte erzählt und der dem verschwenderischen Treiben im Jazz Age distanziert, ja angewidert gegenübersteht. Und dann sind da noch die, die Mitleid empfinden mit Daisy, der man so sehr wünscht, dass sie sich von ihrem Tom freimacht, die aber letztlich bei ihm bleibt, bei diesem Großmaul mit seinen breiten Schultern.


Schauspiel Frankfurt

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Aber bitte mit Butter!

von Esther Boldt

Frankfurt, 6. Oktober 2011. Tropfnass kommt er von draußen zurück, eine rechte Jammergestalt mit gebeugten Schultern. Auf Hjalmars Stirn kleben schüttere Strähnen, kein Wunder, ist er doch ohne Mütze in den eisigen Wahrheitsregen hinausgegangen! Gegen dieses Sauwetter hilft nur Ginas Hausrezept, sie zieht ihrem Gatten das Unterhemd mit dem eingenähten Bequemlichkeitsbäuchlein über den Kopf wie einem kleinen Jungen, der beim Spielen die Zeit vergessen hat. Noch den ausgeleierten Strickpulli drüber und ein Wurstbrot geschmiert – "mit extra dick Butter, bitte!" –, dann sollte das Unwetter rasch vergessen sein! Doch an die karge Wiedervereinigungstafel schleicht sich eine dünne Gestalt im schwarzen Unheilskostüm, um den Warmduscher wieder auf den rechten Weg zu bringen, auf jenen steinigen Pfad des Heldentums, in dem Wahrheit vor Wurstbrot geht.


Schauspiel Frankfurt
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Das große Egal

von Shirin Sojitrawalla

Frankfurt, 17. September 2011. Da steht sie, Julie, in der Bühnenmitte, verrenkt die blassen Arme zur Luftgeige und singt schmerzensreich, dass das Leben ein Ringelspiel sei. Den Zuschauern darf dabei so bang ums Herz werden, wie vorher nicht an diesem Abend und nachher erst recht nicht mehr. Irgendwann begibt sich Henrike Johanna Jörissen als Julie zum Flügel, räkelt sich hinauf und bleibt dort liegen wie ein Versprechen oder zumindest wie Michelle Pfeiffer in "Die fabelhaften Baker Boys".


Schauspiel Frankfurt
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Mädchendämmerung

von Esther Boldt

Frankfurt, 25. August 2011. "Unter allem ist das Chaos, Claude", sagt Olga einmal zu ihrem Liebhaber. Und wendet sich angeekelt von ihm ab, als die Angst unter seinem schicken Zweireiher hervorblitzt. Bernhard Mikeska hält allerdings am Zweireiher fest und überlässt nichts dem Zufall, seine Inszenierungen sind präzise durchkonstruierte Theatermaschinen. Wie Zeitraumspiralen quirlen sie narrative Fragmente, Beweisstücke und untreue Figuren ineinander, sodass sich der Zuschauer in ihnen lustvoll verirren kann.


Schauspiel Frankfurt

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Das grüne Kleid der Vernunft

von Marcus Hladek

Frankfurt am Main, 7. Mai 2011. Die Psychoanalyse ist ein Klebstoff, der eigens fürs US-Drama Mitte des 20. Jahrhunderts erfunden scheint. Nicht nur der "Ödipus" des Sophokles zerfiele vor unseren Augen wie trocknender Ölschiefer, wenn wir die Sache mit Vatermord und Inzest nur auf Schicksal, Fluch und Götterstrafe beziehen dürften, auch Arthur Millers Blick von der (Brooklyn-) Brücke zwischen dem proletarischen Brooklyn und Manhattan lebt von der Begeisterung, mit der Amerika die weltliche Sekte der "shrinks", der Psychiater, ans Herz drückte. "


Schauspiel Frankfurt
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Die schrägen Enkel der Liz Taylor

von Kai Bremer

Frankfurt, 14. April 2011. "Die Katze auf dem heißen Blechdach" zu inszenieren, ist kurz nach dem Tod von Elizabeth Taylor und den Fernseh- und Zeitungsberichten aus Anlass von Tennessee Williams' 100. Geburtstag kein leichtes Unterfangen. Immer wieder dieselben Bilder in den letzten Wochen – die Taylor im weißen Cocktailkleid, im Hintergrund Paul Newman mit dem Glas in der einen, der Krücke in der anderen Hand. Kann sich ein Theaterabend davon freimachen?


Schauspiel Frankfurt
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Der kühle Hauch des Lebens

von Shirin Sojitrawalla

Frankfurt, 8. April 2011. Bis überhaupt das erste Wort an diesem fast zwei Stunden dauernden Abend gesprochen wird, vergeht eine geräumige Weile, in der das Trio auf der Bühne trinkt, raucht, rülpst, stiert, rührt und spachtelt. Drei Handwerker, die gekonnt den Rotz ihrer Nasen hochziehen und jeden Tag in der Kolonne auf die Baustelle fahren.


Schauspiel Frankfurt
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Die unabwendbare Fratze der Gewalt

von Esther Boldt

Frankfurt, 12. März 2011. Weiß ist die Maske der Macht, grellrot leuchten ihre Lippen. In orangeroten Strähnen hängt ihr das Haar bis auf die Hüften, sie trägt ein hellgelbes Kleid mit langer Schleppe und einem Reifrock, der vielmehr als Abstandhalter dient und zur Stütze der regierungsmüden Hand. In Michael Thalheimers "Maria Stuart" ist Königin Elisabeth von Anfang an eine Gezeichnete, eine Gefangene ihrer Macht und ihres Status. Eine clowneske Lachfigur, die um ihre Würde ringt, abhängig von der Gunst des wankelmütigen Volkes ebenso wie von ihren Beratern, die sie umschwirren wie die Schmeißfliegen und doch nur auf ihren eigenen Vorteil bedacht sind. Bitter tropfen Stephanie Eidt die Worte aus dem Mund, sauer röhrt und ruft sie: "Die Könige sind nur Sklaven ihres eigenen Standes!"


Schauspiel Frankfurt
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Sprung ins tiefe blaue Nass

von Marcus Hladek

Frankfurt am Main, 10. März 2011. Mit der täuschend echten Videoansicht eines Sportschwimmbeckens auf der Spielfläche und Kathleen Morgeneyer mitten darin beginnt es. Fast meint man den Chlorgeruch wahrzunehmen und wähnt die schmächtige Darstellerin, in schwarzer Cargohose und Pulli, im Lichtspot auf dem bläulichen Wasser stehend. Den Ausklang des Abends achtzig Minuten später begleitet dann im Off ein choralartiger Frauenchor, in den Morgeneyer, streng nach Partitur, mit der Bewegung je eines Fingers ihres Datenhandschuhs Geräusche einfügt, die sie zuvor eingesampelt hat. Zuletzt, als Coda, spricht sie lateinische Liturgiefetzen von Auferstehung und Ewigkeit.


Schauspiel Frankfurt

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Götter an der Börse

von Marcus Hladek

Frankfurt am Main, 15. Februar 2011. Im ersten Drittel bankrottgegangen, das zweite scheinbar vergeudet, mit dem dritten noch so eben vieles aus dem Sumpf gezogen. So könnte, ohne allzu kreative Buchführung, die Einsatz-Ergebnis-Bilanz zur jüngsten Inszenierung am Schauspiel Frankfurt aussehen.


Schauspiel Frankfurt
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Pulsschlag des Diessseitigen

von Esther Boldt

Frankfurt am Main, 12. Februar 2011. Es ist eine Schnitterin, die heißt Tod. In schwarzen Lackhosen und kniehohen Stiefeln tritt sie auf, ihre roten Locken zum Turm über der Stirn aufgetürmt. Ihr zur Seite steht ein blasswangiger Rabenengel namens Heurtebise, der offenbar noch anhänglich genug ist an diese Welt, dass er sich in eine Sterbliche verliebt. Und auch seine Herrin ist einem Menschen verfallen: Dem berühmten Dichter Orphée, dessen Verse die Welt betören. Nacht für Nacht tritt sie an sein Bett und sieht ihm beim Schlafen zu. Nacht für Nacht träumt er von seinem Tod – und ist ihm längst verfallen.


Schauspiel Frankfurt
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Das große Liebes-Lalala

von Esther Boldt

Frankfurt, 23. Januar 2011. Im warmen Licht liegt die gute Stube, karg möbliert: Ein Bett, zwei Stühle, ein Nachttischchen. Vor dem Fenster hat sich das Laub bereits rot gefärbt, erklingen hier doch Herbstlieder in Frühlingstagen: "Autumn Leaves". Breite Holzbalken umfassen die Bühne, wie durch einen Bilderrahmen schaut man in Stellas Einsamkeitsstube, ins empfindsam glimmende Liebeskummerreich der bauschenden Röcke und wehen Herzen.


Schauspiel Frankfurt

Gefangen im Vulkan-Mantra

von Marcus Hladek

Frankfurt am Main, 18. Januar 2011. Michel Houellebecq, der den globalen Sextourismus hochleben ließ und den Islam "die bescheuertste aller Religionen" nannte, hat die Haut des Chefprovokateurs der französischen Literatur neuerdings abgestreift. Sein jüngster Roman "Karte und Gebiet", der, unter anderen realen Figuren des Kulturbetriebs, im Jahr 2035 den weltberühmten Schriftsteller "Michel Houellebecq" auftreten und zerstückelt werden lässt, soll vor allem umwerfend komisch sein. Selbst mit dem schönen Geschlecht hat ihn das für März auf Deutsch angekündigte Buch versöhnt, das dem "Plattform"- und "Elementarteilchen"-Autor bislang übelnahm, uncharmant auf seine prokreativen Organe und zugehörigen Rundungen reduziert zu werden. In "Lanzarote" (1999), dieser traurigen Reisegeschichte, ist vom neuen Houellebecq zwar noch nichts zu sehen. Michael Benthins 60-minütigem monodramatischen Auftritt von Graden in der Frankfurter Schauspiel-"Box" tut das aber keinen Abbruch. Im Gegenteil.


Schauspiel Frankfurt

An der Schlachtbank

von Kai Bremer

Frankfurt, 13. Januar 2011. Christine sitzt mit hängenden Schultern auf einem Stuhl und löffelt den Joghurt mit den Fingern. Ihre Augen sind verheult, der knallrote Lippenstift, der eben noch die Blässe ihres Gesichts betont hat, ist verwischt. Mit dem Finger im Mund erinnert sie an ein abgemagertes Kälbchen – ein Opfer billiger Fleischeslust, das zwar Mitleid provoziert, aber trotzdem geschlachtet wird.


Schauspiel Frankfurt

Dramatiker-Hype, heruntergekocht

von Marcus Hladek

Frankfurt am Main, 11. Januar 2011. Die "Box" im Frankfurter Schauspiel-Foyer ist unter Oliver Reese ein Ort für vielerlei, was kurz geprobt und mit dem Textheft in Händen gespielt wird – nicht zuletzt auf Jugend berechnete Produktionen. Hier ein "großes" neues Stück des Nachwuchsdramatikers 2010 zu spielen, käme einem Akt der Verschwendung gleich. "Herkules Manhattan/Der Tunnel" hat denn auch wenig mit den Stoffen und Qualitäten gemein, mit denen Nis-Momme Stockmann sonst beeindruckt: der Vorliebe für das Gewöhnliche und Ausgeblendete in seinen Abgründen, dem Horror der Familie, der Chronistenhaltung unter Verzweiflung und Grausamkeit.


Schauspiel Frankfurt

Wahnsinn Erinnerung

von Shirin Sojitrawalla

Frankfurt, 28. Dezember 2010. Die Erinnerung ist nicht nur das viel zu oft beschworene Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können; die Erinnerung ist auch die Hölle, in der wir ein Leben lang schmoren. Der Mann, um den es hier geht, wird von seinen Erinnerungen überfallen wie von einem prähistorischen Tier. Nur redend kann er sich den immer wieder aufziehenden Bildern aus seiner Vergangenheit stellen.


Schauspiel Frankfurt

Über Mikrofonköpfe zu den Baumgipfeln

von Esther Boldt

Frankfurt, 16. Dezember 2010. Es ist eine Chinesin im Dirndl übriggeblieben vom Oktoberfest. Ein Klischeerest gewissermaßen, tausendmal erzählt wie Peer Gynt. Und doch erzählt Nils Kahnwald, nachdem er mit seinen Spielkollegen Henrike Johanna Jörissen und Michael Goldberg auf die Bühne geschlappt ist, die Geschichte einer dirndltragenden Chinesin, die er heute aus einer Schlägerei befreit habe. Lässt sich kurz dafür beklatschen, macht dann auf dem Absatz kehrt, reckt die Arme zur Decke und erklärt sich zu Peer Gynt.


Schauspiel Frankfurt

Wenn der Sturm gefriert

von Marcus Hladek

Frankfurt, 3. Dezember 2010. "Und IHR schweflige gedankenschnelle BLITZE, spaltet meinen Körper! ... Schleusen des Himmels und ORKANE, SPEIET!" So donnert, wettert, wetterleuchtet es in Frankfurt - doch nur in dicken Lettern auf der ersten und letzten Seite des Programmhefts. Deren produziert die deutsche Dramaturgenzunft ja die weltbesten, wie Heiner Müller süffisant bemerkte.


Schauspiel Frankfurt

Melodram der Jetztseitigen

von Esther Boldt

Frankfurt/Main, 12. November 2010. Das Schlachtfeld Familie kreist. Es kreist um eine Leere, den schmerzhaft gähnenden Abgrund des Schweigens. Es ist ein ebenso anerkanntes wie wirksames dramatisches Instrument, um innerfamiliäre Katastrophengebiete zu markieren, dieses Schweigen, in das alle Rede fällt wie in eine Kluft, das Schrecken produziert und Monstren gebiert. So auch in dem neuen Stück von Nis-Momme Stockmann, "Die Ängstlichen und die Brutalen", das nun von Martin Kloepfer im Schauspiel Frankfurt uraufgeführt wurde.


Schauspiel Frankfurt

Und um die Ecke glotzt das Grauen

von Shirin Sojitrawalla

Frankfurt, 31. Oktober 2010. Das Wiener Männerheim unter der Metzgerei Merschmeyer besteht in Frankfurt aus einer gekachelten Hinterwand, die eine kleine Spielfläche begrenzt. Aus den Kacheln lassen sich Betten herausklappen, das Bad ist in der Mitte und unten hausen nur noch die Hühner. Im Wohnheim, einem zugigen Zuhause für Gestrandete aller Art, befrotzeln sich der ewig gute Mensch Schlomo Herzl und der nicht ganz koschere Koch Lobkowitz (Felix von Manteuffel), der sich ohne weiteres für den lieben Gott hält. Schlomo verkauft Bibeln und das Kamasutra, Lobkowitz schlägt sich irgendwie anders durch. Eines Tage steht dann ein gewisser Hitler vor der Tür, ein Muttersöhnchen und radikal realistischer Pinselschwinger, der es an der Kunstakademie versuchen möchte und dabei beachtlich scheitert.


Schauspiel Frankfurt

Sei etwas Drittes!

von Ralf-Carl Langhals

Frankfurt am Main, 9. Oktober 2010. "Wer ist eigentlich wir?" hören Egozentriker häufig in Beziehungsdiskussionen, wenn dem per Pronomen Vereinnahmten wieder mal auffällt, dass dieses "Wir" eigentlich das Ich des Anderen meint. Dass René Pollesch privat ähnliche Erfahrungen machte, soll hier nicht behauptet werden. Die Anregung, dass Arbeiter wieder Kittel tragen und keine Beziehungsgespräche mehr führen sollten, verleiht einer solchen maliziösen Vermutung dennoch einen gewissen Reiz. Den okkulten Charme der Unterstellung bei der Erzeugung von neoliberalem Schlauberger-Theater versprüht Pollesch jedenfalls auf allen Metaebenen.


Schauspiel Frankfurt

Abgebrühter Engel, säuselndes Kind

von Shirin Sojitrawalla

Frankfurt, 25. September 2010. Minna von Barnhelm ist in Frankfurt eine Zockerin im Glücksspiel Liebe. Alles setzt sie auf eine gezinkte Karte, um ihre große Liebe, den Major von Tellheim zu gewinnen. Der, entlassen und seiner Ehre entledigt, ist gerade dabei, sich vor der Welt zu verkriechen. Kein Major mehr, sondern ein Würstchen.


Schauspiel Frankfurt

Im Vogelflug über die Kleinkrämerei

von Esther Boldt

Frankfurt am Main, 29. August 2010. Es marschiert strack geradeaus. Mit dem Schrittwechsel klicken die Scheinwerfer: an, aus. Streifen weißen Lichts ergießen sich über die schiefe Ebene, das Hell-Dunkel wechselt im Takt der Schritte. Durch Licht und Schatten rauschen Sängerinnen in bodenlangen Röcken heran, sacht weht ihr Lied: "Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn?" Hinter ihnen läuft eine Heerschar auf, mit golden blitzenden Uniformknöpfen und stillgestellter Mimik, schiebt sich Schritt um Schritt, Lichtwechsel um Lichtwechsel auf das Publikum zu.


Schauspiel Frankfurt

Im Schleudergang durchs Wunderland

von Esther Boldt

Frankfurt am Main, 16. Juni 2010. Wasser rinnt vom Schirm, darunter schaut ein Schreckgesicht mit blonden, wirren Locken und ringt um seinen Wirklichkeitswert: "Wenn ich nicht wirklich bin, dann könnte ich auch nicht weinen." Doch das lassen die zwei dicken Männer nicht gelten: "Du bist bloß eine Traumgestalt!" Wenn der rote König aufhört, von ihr zu träumen, wird sie verlöschen. Darum reden Traumgestalten nicht vom Aufwachen, meiden Sterbliche den Tod. Dabei hat sich das Unheimliche längst eingeschlichen. Und Alices träumerisches Staungesicht hat sich in eine Schreckensmiene verwandelt, macht sie doch im Minutentakt Verwandlungen durch in einer Welt, in der alle ihr bekannten Regeln nicht mehr greifen und ihr Mund Sachen redet, von denen sie nichts weiß.


Schauspiel Frankfurt

Das schreit doch nach Krise!

von Esther Boldt

Frankfurt am Main, 17. April 2010. Hier ist die Zeit bleiern. Es herrscht das Wort Gottes und seines Stellvertreters auf Erden, des Hausherren. Seinem Willen ist nur durch Selbstmord zu entgehen, doch auch dieser will scheinbar nicht gelingen: Mariane, die unglückliche Tochter des Hauses, trägt neben einer verzerrten Leidensmiene ihre verbundenen Handgelenke zur Schau. Dagegen kann auch die toll tobende Dorine nichts tun, gespielt von der fabelhaften Josefin Platt. Denn in diesem "Tartuffe" von Molière haben die Frauen zwar den Überblick, aber keine Macht.


Schauspiel Frankfurt

Flirrend zwischen allen Namen

von Astrid Biesemeier

Frankfurt am Main, 26. März 2010. Die Wände der leeren und meist nicht sehr tiefen Bühne sind weiß und bieten durch ihr bloßes Vorhandensein an, Orte und Umgebungen in sie hinein zu sehen und hinein zu interpretieren: Atelier oder Wohnung, Wien oder Paris. Ganz so, wie Lulu durch ihr bloßes Dasein Projektionsfläche ist, in die die Männer hineinsehen, was sie hineinsehen möchten. Für den einen ist sie Eva, für den nächsten Mignon und für einen weiteren Katja. Wie um das hervorzuheben, lassen Stephan Kimmig und sein Bühnenbildner Martin Zehetgruber zwischen den einzelnen Akten mittels Projektionen nebst Ort und Lulus Alter auch immer den jeweiligen Namen flirren, den einer der Männer ihr gegeben hat.


Schauspiel Frankfurt

Die reinste Budenzauberherrlichkeit

von Shirin Sojitrawalla

Frankfurt, 9. März 2010. Die Bühne im Bockenheimer Depot ist eine Mischung aus Amphitheater und Zirkuszelt. Kleine Vorsprünge, auf denen noch nicht einmal ein Kinderfuß genügend Platz fände, sind Steilvorlage für allerlei lustige Auftritte und führen von oben hinunter auf eine kleine Drehbühne, auf der drei weiße schwermütige Luftballons ihre Köpfe in den Himmel zu recken versuchen. Freundliche Quatschmacher bevölkern die Bühne, und so richtig weiß man nicht, in welchem Stück man sitzt.


Schauspiel Frankfurt

Himmelsstürmer mit Geo-Dreiecken

von Marcus Hladek

Frankfurt am Main, 8. März 2010. Ist Studienabgängern seines Alters eigentlich bewusst, wie sehr ihnen die Theater dramatische Versuche, die sie jetzt vorlegen, aus den Händen reißen? Nicht, dass der 1983 gebürtige Hallenser Stephan Seidel dies nicht verdiente. Seine Werkbiografie weist Theater- und Regiearbeiten in Berlin und Halle aus, da war er noch keine Zwanzig. Es folgten ein Stipendium an Robert Wilsons New Yorker Watermill Center und, seit 2006, sein Regiestudium an Frankfurts Hochschule für Musik und Darstellende Kunst, dazwischen das Autorenlabor am Düsseldorfer Schauspielhaus.


Schauspiel Frankfurt

Charakterschwein, verdammtes!

von Marcus Hladek

Frankfurt am Main, 13. Februar 2010. Mit Gogols "Tagebuch eines Wahnsinnigen" als Übernahme vom Deutschen Theater Berlin und Monodrama Samuel Finzis hatte Hanna Rudolph erst kürzlich am Main begeistert. Jetzt klaubt sie sich ein Bild zerreißender Gemeinschaft aus der Ibsen-Zeit, eines, das die einen im Denken und Fühlen weiter und anderswo zeigt als die andern, die nicht recht nachkommen können. Von Ehe und ihren Zwängen handelt das Spiel: von der "höheren" Liebe des einsamen Denkers Johannes Vockerat zum dritten Rad am Ehewagen, verkörpert von Claude De Demo, als Studentin Anna Mahr teils bemäntelt in Reise-Blau, teils offen im schwarzen Kleid als Vamp. Auffällig ist, dass man ihr und der unglücklichen Ménage das Ideale von damals mittlerweile, und allemal bei Hanna Rudolph, als bloßes Vorspiel abzustreichen neigt.


Schauspiel Frankfurt

Oh, Zuckermaus

von Esther Boldt

Frankfurt, 6. Februar 2010. Sie tragen weiß. Doch keine monothematischen Pilzfrisuren. Sie rocken ein bisschen. Und verbreiten dabei nichts als fröhlichen Gleichmut. Sie singen Lieder, die mal die Revolution bedeuteten, aufgenommen im legendären Jahr 1968. Hier und heute aber klingen sie reaktionär und biedermeierlich. Angesetzt ist eine Tautologie: "Ein Konzert mit Live-Musik" steht im Programmheft.


Schauspiel Frankfurt

Realität, mach langsam!

von Marcus Hladek

Frankfurt am Main, 30. Januar 2010. Manchmal rüstet sich die Wirklichkeit zum Metapherngeber für die Kunst, als stamme ihr Drehbuch von einem Kenner C.G. Jungs und seiner "Synchronizität". Wenn 15 Minuten vor Beginn der Uraufführung einer Camus-Bearbeitung, an einem Tag winterlicher Duodez-Apokalypse, des Fußballs und rumorender Studentenproteste, nicht weniger als 24 baugleiche Polizeiwagen am Spielort Bockenheimer Depot ums Eck fahren und mit dem Martinshorn im Chor den dort angeleinten Hund animieren, die Stimme der Natur in ihr falsches Wolfsgeheul zu mengen, sagt sich der Betrachter unvermeidlich: Realität, mach langsam.


Schauspiel Frankfurt

Ausweitung der Schmerzzone

von Astrid Biesemeier

Frankfurt, 22. Januar 2010. Wer ist eigentlich dran schuld, wenn Menschen in Siedlungen des sozialen Wohnungsbaus vor sich hinvegetieren, sich die Birne mit Alkohol zudröhnen, um das Leben erträglicher zu machen oder um einfach nur zu vergessen? Die Frage nach der Schuld ist eine Frage, die Nis-Momme Stockmanns "Das blaue blaue Meer" durchzieht. Auch wenn sie letztlich offen bleibt, so wird eines klar: Der Einzelne jedenfalls nicht.


Schauspiel Frankfurt

Urknall der Verzweiflung

von Marcus Hladek

Frankfurt am Main, 10. Januar 2010. Ist Simon Stephens, den deutsche Kritiker 2008 zum "Dramatiker des Jahres" kürten, fromm geworden? Der Gedanke lässt sich nicht leicht von der Hand weisen. Für einen Autor, der mit 14 Jahren Atheist geworden sein will, sich einen Antitheisten nennt und alle Religionen für gefährlich erklärt, ist in dem Monologstück "Steilwand" von 2008, dem seither zwei weitere Dramen gefolgt sind (eines trägt den Titel "Heaven"), oft und viel von Gott die Rede.


Schauspiel Frankfurt

Nitribitts schöner Schein

von Esther Boldt

Frankfurt am Main, 16. Dezember 2009. Bei dieser Premiere ist alles anders. Keine Glocke schellt sekttrinkende Zuschauerschaften in den Theatersaal hinein. Im Foyer des weiten Bockenheimer Depots stehen nur einige wenige dunkel gekleidete, flüsternde Gestalten. Rechts sitzt ein Mann mit Kopfhörern, steht schließlich auf und geht durch eine Tür in gleißendes Licht hinein. Eine Frau im roten Rock läuft mit klappernden Absätzen quer durchs Foyer. Wenig später werde ich diese Absätze wiederhören, wenn sie per Kopfhörer durchs Ohr klackern. Und noch später werde ich den Mann mit den Kopfhörern wiedersehen, durch eine halbverspiegelte Glasscheibe.


Schauspiel Frankfurt

Kupfer-Sturz ins Pathos

von Marcus Hladek

Frankfurt, 12. Dezember 2009. Trügt der Eindruck, oder drängt das Sprechtheater in letzter Zeit zunehmend nach ganz vorn: vor eine Mauer, die den tiefen Raum dauernd verdeckt oder für dramatische Öffnungseffekte aufspart? Bei dem neuen Frankfurter Intendanten Oliver Reese, der im Bühnenbild wie schon oft auf Hansjörg Hartung vertraut, verbindet sich diese Entscheidung fürs flache Spiel im Raum, das Tiefen in der Seele sucht, mit einem großen Stilzitat aus der historischen Aufführungspraxis. Seine Wand besteht aus Kupferblech mit einem Spalt für Auf- und Abgänge, was die schönsten Assoziationen aufruft, von der simplen Palastfassade zum metallischen Glast der französischen Alexandriner und der Seitenverkehrung im Kupferstich.


Schauspiel Frankfurt

Schauermärchen vom Monstrum Mensch

von Esther Boldt

Frankfurt, 6. Dezember 2009. Geschenkt wird einem nichts an diesem Nikolausabend. "Luder!" schreit die eine Verkommenheitsgestalt die andere an, "Gauner!", "Halunke!" und "Ungeheuer!". "Mistvieh. Zuhälter", raunzt etwa Valerie dem Alfred hinterher, nachdem sie ihn verlassen hat. Der bleibt kurz stehen im raschelnden Laub, als hätte ihn was zwischen den ungerührten Schulterblättern getroffen. Dann geht er weiter. Der Mensch ist dem Menschen sein nächstes Monstrum. Und so schön der Raum ist, den Regisseur Günter Krämer gebaut hat, so hart und kalt bricht sich in ihm die Gewalt Bahn.


Schauspiel Frankfurt

Es ist schon wieder jemand tot

von Esther Boldt

Frankfurt am Main, 24. November 2009. Es ist der Stoff, aus dem die Legenden sind. Wolf Haas' "Komm süßer Tod" gewann 1999 den Deutschen Krimi-Preis, die Verfilmung von Wolfgang Murnberger mit dem knorzigen Josef Hader als Detektiv wider Willen im Wiener Dschungel ist Kult. Im Juni 2008 hat dann Klaus Gehre den Roman als Werkstattinszenierung am Schauspiel Leipzig auf die Bühne gebracht, jetzt hat der neue Frankfurter Intendant Oliver Reese diese Uraufführung in sein Haus geholt. Und in der Hauptrolle: der Brenner.


Schauspiel Frankfurt

Die Schatten auf den Kindertapetenresten

von Marcus Hladek

Frankfurt am Main, 10. Oktober 2009. Nach Moskau! – einmal wird dieser Traum eines angemesseneren, würdigeren, glücklicheren Lebens fernab der Provinz fast wahr. Dann ist das jazzige Luftcello-Spiel von Andrej, dem vom Titel nicht mitgezählten Bruder der Schwestern (Sascha Nathan im Couch-Potatoe-Look), in aller enervierenden Eindringlichkeit nicht mehr nur von ihm zu hören, wo es stets stellvertretend für das ewige Bemühen steht, den Wunschtraum des toten Vaters zu erfüllen und es zum Professor zu bringen.

Schauspiel Frankfurt

Das Heulen des Helden

von Esther Boldt

Frankfurt am Main, 1. Oktober 2009. Die Blutflecke sind schon da auf der kargen Sperrholzbühne und mit ihnen das kalte Grausen. Bei Regisseur Michael Thalheimer ist es besonders kalt. Er hat sich als Klassiker-Skelettierer einen Namen gemacht, nun eröffnet er mit gleich zweimal Sophokles die Intendanz von Oliver Reese am Schauspiel Frankfurt: "Ödipus" und "Antigone", die fortgesetzte Geschichte einer Blutschuld. Und zwei antike Tragödien, in denen streng und stolz nach Wahrheit geforscht wird, auch wenn diese mit Tod und Schrecken verbunden ist: König Ödipus, der unversehens über sich selbst zu Gericht sitzt, als er herausfindet, wer er ist. Und seine Tochter Antigone, die Gottesgesetz vor Menschengesetz stellt und dafür lebendig begraben wird.


Schauspiel Frankfurt

Nervöse Theaterlandschaften

von Esther Boldt

Frankfurt/Main, 3. Juni 2009. Zum Schluss wird alles noch einmal anders. Das Schauspiel Frankfurt läutet zum Finale, mit der Spielzeit endet die Intendanz von Elisabeth Schweeger. Wanda Golonka, sonst für abstrakte Zugriffe auf Stoffe und Körper bekannt, inszeniert Handke. Und hält sich ans Skript. Peter Handkes "Die Stunde da wir nichts voneinander wussten" ist ein sprachloses Stück, eine Choreografie aus akribischen Regieanweisungen, die von Golonka recht genau befolgt werden.


Schauspiel Frankfurt

Schokoladen-Intendant mit Becker

von Shirin Sojitrawalla

Frankfurt, 22. April 2009, 11 Uhr. In der Panoramabar des Theaters sind die Tische ordentlich gedeckt, aufreizend einsame Tulpen stehen parat, daneben Brezelnaschwerk sowie Wasser, Cola, Bionade. Und Schokolade: "Reese's". Orangefarbene Verpackung, gelber Schnörkelschriftzug. Nettogewicht: 42 Gramm. 0% Vitamin A. 0% Vitamin C. 230 Kalorien. © The Hershey Company. Wir reißen das Ding auf: zwei überdimensionierte Pralinen. Wir beißen rein: ekelsüße Erdnussbutterpaste von Milchschokolade umzingelt.


Schauspiel Frankfurt

Und ewig schallt die Ohrfeige

von Esther Boldt

Frankfurt am Main, 21. März 2009. Myrtle Gordon lebt hier nicht mehr. Bei Armin Petras heißt sie Frida, wohl nach der exzessiven Malerin Frida Kahlo. In John Cassavetes Film "Opening Night" von 1977 war Myrtle Gordon die Schauspielerin, die sich nicht ohrfeigen lassen wollte. Schließlich werden ja immer nur die Schauspielerinnen geohrfeigt, nur um sich nach Probenende von einem männlichen Kollegen anhören zu müssen, er sehe sie gar nicht mehr als Frau, sondern als Profi. Und dabei soll die Profi-Künstlerin mit dem eiskalten Herzen doch tagein, tagaus echte Gefühle produzieren!


Schauspiel Frankfurt

Den Kern frei gepult

von Shirin Sojitrawalla

Frankfurt, 20. März 2009. Beinahe keine Requisiten: Drei Plastikbecher, eine Flasche, ein Taschentuch, mehr nicht. Nur Männer spielen. Die Zuschauer sitzen ringsum auf der zweistöckigen Galerie und blicken auf die Bühne wie in einen Abgrund. Der Anspielungen auf die Aufführungspraxis des elisabethanischen Theaters zu Zeiten Shakespeares sind es einige bei diesem Othello.


Schauspiel Frankfurt

Das Land vor den Türen des Theaters

von Esther Boldt

Frankfurt, 21. Februar 2009. Es geht durch die Welt ein Geflüster: "Ändere die Welt!" Deutscher, hörst du es nicht? Doch bekanntermaßen taugt der Deutsche nicht zur Revolution. Er marschiert nicht gen Utopia, sondern verhuscht sich lieber ins Private. Oder war da doch noch was? "Schwarz Gold Rot" heißt dieser Theaterabend von Peter Kastenmüller, im Untertitel: "Drei Teile Deutsch".


Schauspiel Frankfurt

Bonbons mit Kirschengeschmack

von Shirin Sojitrawalla

Frankfurt, 24. Januar 2009. Der Kirschgarten ist bloß ein Ort, an dem die Sehnsüchte und Erinnerungen hängen wie überreife Früchte. Ein Ort, der Kinderseelen verrückt werden lässt. Ein Ort wie ein Vakuum, in das jeder füllen kann, was er mag. In Frankfurt sehen wir weder Garten noch Kirschen. Hier blüht nichts, und es werden am Ende auch keine Bäume gefällt. Der Kirschgarten ist nur eine fixe Idee, um die Urs Troller seine lebensuntüchtigen Figuren arrangiert wie Auslaufmodelle.


Schauspiel Frankfurt

Verfallsformen der Vernunft

von Marcus Hladek

Frankfurt am Main, 16. Januar 2009. Zwei Jahre ist es her, da schickte der Lautpoet und Romancier, der Ingeborg-Bachmann- und Literaturhaus-Preisträger Michael Lentz im Kammerspiel des Schauspiels Frankfurt in seiner kauzigen Sinnsuchersatire "Gotthelm", einer Zwitterform zwischen Ionesco und René Polleschs Bühnen-Soaps, eine achtfache Frauenfigur beim Kreuzworträtseln im Frisiersalon auf die Suche nach dem Lösungswort "Gott". Jetzt, in neuerlicher Lentz-Uraufführung an gleichem Ort, weichen die letzten Fragen in banaler Quizform einer anderen komischen Recherche.


Schauspiel Frankfurt

Mit Rauschebart und Häkelmützchen

von Esther Boldt

Frankfurt, 19. Dezember 2008. Nun also Camus. In den letzten Wochen wurde vielfach angemerkt, dass die Theater derzeit gern zu Romanstoffen greifen. Und dass es für diesen Griff nicht immer gute Gründe gibt. Beispielsweise bei Sebastian Baumgarten, der nun "Der Fremde" nach dem Roman von Albert Camus im Kleinen Haus des Schauspiels Frankfurt inszeniert hat.


Schauspiel Frankfurt

Sehnsuchtslöcher in Allerweltsseelen

von Shirin Sojitrawalla

Frankfurt, 18. Dezember 2008. Kasimir und Karoline gehören zu den verzweifelsten Liebespaaren auf dem Theater, und das nicht nur, weil es mit ihrer Liebe schon aus ist, kurz nachdem sich der Vorhang hebt. Kasimir ist ganz unten angekommen, gerade hat er seinen Job als Chauffeur verloren und Karoline möchte nichts so sehr, wie weit hinauf. So können sie freilich nicht zueinander kommen. Ödön von Horváth lässt sie auf dem Münchner Oktoberfest aneinandergeraten wie zwei Wagen beim Autoscooter.


Schauspiel Frankfurt

Ein Glück ist nie da

von Shirin Sojitrawalla

Frankfurt, 15. November 2008. Ursula ist im Herbst ihres Lebens angekommen. Und von Rilke wissen wir, dass das keine gute Zeit ist: Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr und so weiter. Das gilt im wörtlichen wie im übertragenen Sinne auch für Ursula, denn sie ist 60 Jahre alt, alleinstehend, kinderlos, zu dick, bald frühverentet und auch sonst hinreichend frustriert. Der Schauspieler, Autor und Regisseur Jan Neumann stellt sie deswegen und trotzdem in den Mittelpunkt seines Stücks "Herzschritt", das er nun selbst im Kleinen Haus des Schauspiels Frankfurt inszeniert hat.


Schauspiel Frankfurt

Die Lieder aber schreiben die anderen

von Esther Boldt

Frankfurt, 26. Oktober 2008. Einmal auf Null gehen! Einmal Neuanfang! Einen ganz persönlichen Urknallmoment zur Begründung einer neuen Geschichte! Etwa den, kurz bevor sie sich zum ersten Mal küssten: Sie hielt ihre Stirn an seine gedrückt, ihre weißblonden Fransen und seine goldblonden Locken fielen ineinander, und sie sagte: "Ich will nicht, dass der Moment aufhört." Und er sagte: "Sag jetzt nichts", und sie zogen den Moment vor ihrem ersten Kuss in die Länge, in eine ungeheure Ewigkeit, eine unlautere Glücks- und Vorfreudenverlängerung. "Das ist der Anfang von etwas ganz, ganz Großem."


Schauspiel Frankfurt

Das Ganze: ein Rausch!

von Michael Laages

Frankfurt, 25. Oktober 2008. In Bernd Noacks frisch erschienener Buch-Sammlung von Skandalgeschichten im Theater erzählt zum Beispiel Jürgen Flimm von goldenen Zeiten – und wie es ehedem selbst eher kommoden Regisseuren wie ihm gelang, das Publikum zu skandalisieren. Womit? Mit einer Operette natürlich. Nirgendwo nämlich war und blieb Aufregung billiger zu haben.


Schauspiel Frankfurt

Reinbeißen und tot umkippen

von Esther Boldt

Frankfurt, 24. Oktober 2008. Schön zerrüttet steht sie da, die gestorbene Grazie. Trotzig und strubbelköpfig reckt sie ihre Faust in die Luft: Schneewittchen is in the house! Dunkel blitzen ihre Augen, weiß strahlt ihr Kleid, silbern ihre Schuh. Sie ist gar keine Prinzessin mehr, sie ist eine Queen of Pop. Und sie ist nicht tot zu kriegen. Wie das Märchen und jeder halbwegs taugliche Mythos. Wie die Romantik und die Popkultur. Ein bisschen wundert sie sich selbst drüber.


Schauspiel Frankfurt

Weich gebettete Identitätsprobleme

von Esther Boldt

Frankfurt am Main, 19. September 2008. Schillers Wallenstein, Winston Churchill, die Rolling Stones und Buster Keaton: Sie alle werden heranzitiert, wenn der Feldherr Amphitryon zum Fremden im eigenen Haus wird. Kleist beutelt seinen Kriegsherren nach Kräften, stellt seine Identität von den Füßen auf den Kopf und für einen Tag auch seinen Glauben an Welt, Weib und Leben. Im Schauspiel Frankfurt eröffnet Florian Fiedler das Verwirrspiel mit starken Assoziationen, die quer durch Kulturgeschichte, Politik und Popkultur führen.


Schauspiel Frankfurt

Blase, Küche, Faust

von Esther Boldt

Frankfurt am Main, 31. August 2008. Ist er der Blick, der viel zu lange trifft? Ist er das Ei mit Senfsoße? Oder das glückliche Ende einer linken Gegendemonstration, zu der die Neonazis einfach nicht auftauchten? Welcher ist jener Augenblick, den Faust zum Verweilen einladen wollte? Nach diesem ebenso ersehnten wie gefürchteten Moment, dem "Verweile doch", hat das Regieduo "Auftrag: Lorey" gemeinsam mit Jens Heitjohann dreißig alte Frankfurter befragt und ihre Antworten zu einer Installation zusammengefügt, dem "Museum des Augenblicks".


Schauspiel Frankfurt

Das Leben, kein Bildungsroman

von Esther Boldt

Frankfurt am Main, 29. August 2008. Frankfurt feiert Goethe und spielt dazu Peter Hacks und Samuel Beckett: "Ein Gespräch im Hause Stein über den abwesenden Herrn von Goethe" und "Das letzte Band". Ein Monodram und ein Monolog, die der Programmzettel zusammenzurrt, in dem das Beckett-Stück zur möglichen Fortsetzung von Hacks erklärt wird. Hacks rollt die Liebesgeschichte zwischen Charlotte von Stein und Goethe aus Sicht der Frau auf, und Becketts Krapp könne der heutige Herr von Goethe nach seiner plötzlichen Abreise aus Weimar sein, dem sein aufklärerischer Optimismus abhanden gekommen ist.


Schauspiel Frankfurt

Großes Ringen um Macht und Spielzeugschwerter

von Shirin Sojitrawalla

Frankfurt, 28. August 2008. Am Ende stapft Torquato Tasso einfach von der Bühne und lässt Alfons, die zwei Leonores und Antonio allein zurück. Das passt zu dem trotzig tollen Kind, das er zuvor gegeben hat. Bert Tischendorf spielt Tasso und ist gleichzeitig Polterkönig, Hampelmann, nerviger Jüngling. Stillsitzen kann dieser uneinsichtig agile Mann eher schlecht. Wenn er sich aufregt, rast er, wenn er schreit, wütet er, wenn er sich verletzt fühlt, schlägt er um sich, und zur Strafe verordnet sein Herzog ihm das, was allen unartigen Kindern droht: Stubenarrest.


Schauspiel Frankfurt

Alte Wahrheiten, neue Koalitionen

von Esther Boldt

Frankfurt, 2. Mai 2008. Natürlich gibt es einen Vorhang. Er ist rot und samtig, er schiebt sich vor dem ersten Akt beiseite, er zieht sich zur Umbaupause für den zweiten Akt zu, er schließt sich zur Pause. Dahinter liegen Räume, die aus Kulissen zusammenschustert sind, aus ungleichen Glasscheiben und spärlichen Möbeln, mit einigen Türen und Vorhängen ausgestattet. Hier kann es stattfinden, das Theater.


Schauspiel Frankfurt

Familienaufstellung im Tierversuch

von Shirin Sojitrawalla

Frankfurt, 14. März 2008. Die Wahrheit ist in der Familie Tyrone kein gern gesehener Gast. Wer es wagt, sie auszusprechen, wird augenblicklich abgestraft. Immer wieder verbieten sich Eltern und Kinder gegenseitig den Mund, fordern sich auf, endlich still zu sein. Besonders Mutter Mary ist darauf bedacht, Lügen und Geheimnisse zu einer halbwegs tadellosen Fassade aufzuschichten. Einem kleinen Kind gleich, meint sie, wenn sie nur fest die Augen schließt, könne ihr und ihren Liebsten nichts geschehen.


Schauspiel Frankfurt
Gorkis Spitzen stechen noch

von Shirin Sojitrawalla

Frankfurt, 16. Februar 2008. In seinem Stück "Sommergäste" schickt Maxim Gorki Paare und Passanten in die Sommerfrische, wo sie sich ihre Finger am Leben verbrennen. Bei der Uraufführung in Petersburg im Jahr 1904 bedachten die Zuschauer Gorki nach dem ersten Akt zwar noch mit Ovationen, äußerten aber nach dem dritten ihren Unmut über die Bloßstellung der kleinbürgerlichen Intelligenzija. Dem Regisseur Martin Nimz ergeht es ganz ähnlich: Das Wohlwollen des Publikums schwindet von Akt zu Akt, und beim Schlussapplaus sind auch einige Buhs zu vernehmen.


Schauspiel Frankfurt

Ein Alien im Autohaus

von Esther Boldt

Frankfurt am Main, 15. Februar 2008. Eben noch hat Autohändler Krone im Foyer zur Rede angesetzt. Zur Einweihung der vierten Halle seines Autohauses, das nun sternförmig in die Landschaft stakt. Doch er unterbricht sich Mal ums Mal, verschwindet aufs Klo, das Alter zwickt und die Blase: "Ich kann nicht mehr." Auf der Bühne haben seine Angestellten schon Stellung bezogen, eine hinreißend traurige Parade der Verkäufer Kino und Szigulla sowie der Putzfrau Olga. Sie recken weißblaue Fähnchen in die Luft, mit freudig gespannten Gesichtern. Und warten.


Schauspiel Frankfurt

Wir Hubers. Aus 60 deutschen Jahren

von Esther Boldt

Frankfurt am Main, 18. Januar 2008. Schon im Foyer fällt das Stichwort: "Familienaufstellung“. Und tatsächlich, da hängt ein Gemälde in Lebensgröße, es zeigt fünf junge Menschen vor einem schwarzen Flügel. Sie schauen ernst und feierlich dem Betrachter entgegen. Wenig später bietet sich auf der Bühne das gleiche Bild, doch diesmal atmet es. Vor sich halten die fünf Nachkommen eine Schiefertafel, auf der steht HANS geschrieben. Hans ist der Ausgangspunkt der Geschichte, die Kinder gruppieren sich um den toten Vater und erinnern sich: Eine Familienaufstellung im Wortsinn, keine Psychospielchen.


Schauspiel Frankfurt

Die Seelen-Trümmerfrau

von Shirin Sojitrawalla

Frankfurt am Main, 21. Dezember 2007. Einar Schleef gab seiner Mutter nicht nur eine Chance: in gleich zwei umfangreichen Büchern sowie in einem ergreifenden Theatermonolog ("Gertrud ein Totenfest") schrieb er sich seine Mutter vom Leib, um ihr endlich einmal nah zu sein. In einem unbändigen Bewusstseinsstrom lässt Schleef sie das 20. Jahrhundert noch einmal erleben, stellt ihr wunschloses Unglück als Paradebeispiel vor.


Schauspiel Frankfurt

Zuschauervolksbeschimpfung 

von Shirin Sojitrawalla

Frankfurt am Main, 8. Dezember 2007. Üblicherweise sind die Sympathien bei Aufführungen von Ibsens "Ein Volksfeind" einigermaßen klar verteilt. Sympathisch: Tomas Stockmann, der feststellt, dass das Wasser des örtlichen Heilbades verseucht ist und zu handeln beginnt. Unsympathisch: Sein ungleicher Bruder Peter, Bürgermeister des Ortes, der mit aller Macht des Faktischen verhindert, dass die Sauerei in die Öffentlichkeit kommt. Denn das wäre das Aus für die wirtschaftliche Sprudelquelle Kurbetrieb. Kurz: Tomas, der Gutmensch. Peter, das Arschloch.


Schauspiel Frankfurt

Die hübschen Pointen der Religion

von Shirin Sojitrawalla

Frankfurt am Main, 21. November 2007. Die Regisseurin Anja Gronau ist bekannt dafür, dass sie sich klassische Texte so lange zur Brust nimmt, bis nur noch Skelette übrig bleiben. Diesmal hat sie zu August Strindbergs gewaltiger Dramentrilogie "Nach Damaskus" gegriffen, um die alten Gretchenfragen neu zu stellen. Während sich Strindberg auf etwa 250 eng bedruckten Seiten der Frage nach dem Warum des Seins von allen Seiten nähert, verkürzt Gronau auf rund 50 locker bedruckten Seiten die Frage zu einem Themenabend über Religion und Glauben.


Schauspiel Frankfurt

Ein Plüschvieh und ein bisschen Rock´n Roll

von Esther Boldt

Frankfurt am Main, 3. Oktober 2007. So wie im Kapitalismus die Verpackung oft größer ist als der Inhalt und ein Karton Cornflakes immer auch ziemlich viel Luft beinhaltet, greift Mark Ravenhill in seinem neuen, 2006 in London uraufgeführten Stück "pool (no water)" nach den ganz großen Dingen. Kunst. Drogen. Aids. Krebs. Die Versehrbarkeit des Körpers. Das Wunder der Heilung.


Schauspiel Frankfurt

Mit Blickrichtung gestern dem Fortschritt entgegen

von Esther Boldt

Frankfurt am Main, 12. September 2007. "Klar war es früher schöner, aber da warst du auch anders", sagt Helga einmal zu Königsforst, den sie seit über 30 Jahren liebt. Dieses "früher" ist der Sehnsuchtsort des Abends. Helga und Königsforst werden Wolfen verlassen, eine ostdeutsche Stadt, der die Bevölkerung abhanden kommt. Weil "Heaven (zu tristan)" ein Stück von Fritz Kater ist, wird dieser Umzug im Handumdrehen kurzgeschlossen mit dem Auszug aus Ägypten und dem Exil einer jüdischen Wissenschaftlerin während des Dritten Reiches.


Schauspiel Frankfurt

Bockenheimer Belebung für die Klassik 

von Esther Boldt

Frankfurt am Main, 30. August 2007. Die Fenster sind offen. Tageslicht dringt durch die Scheiben des Bockenheimer Depots, fällt in die Weite des Raumes, der seit der Schließung des Theaters am Turm (TAT) 2004 viel zu selten bespielt wird. Dann schließen sich geräuschvoll die Rollläden. Eine weiße Fahrradrikscha gleitet lautlos durch den Raum wie ein Geisterschiff. Jennifer Minetti tänzelt vorüber, verschwindet rückwärtig in einer Wand aus Nebel. Es ist ein unwirtlicher und doch bergender Ort, den Wanda Golonka für Goethes "Iphigenie" erzeugt, poetisch und schlicht, traumgleich und sehr real.


Schauspiel Frankfurt

Heute bleibt die Küche kalt

von Esther Boldt

Frankfurt am Main, 28. August 2007. Am Nachmittag noch war es um Liebe gegangen. Auf einem Podium mit dem Titel "Wie lieben? – Wahlverwandtschaften heute" stritten der Literaturwissenschaftler Peter von Matt, die Schriftstellerin Thea Dorn, der Neurologe Wolf Singer und der Kritiker Peter Iden darum, was denn nun Liebe sei. Neuronal, psychoanalytisch, literarisch, alltagspraktisch. 1809, 1968 und heute. Natürlich wurde kein Konsens erzielt, doch die Wellen schlugen hoch. Ist Liebe eine Naturnotwendigkeit? Braucht sie heute noch Ordnungen? Oder ist das alles nur Zeitgeistblödsinn?


Schauspiel Frankfurt

Gartenzwerg unter Wolkenkratzern

von Esther Boldt

Frankfurt am Main, 1. Juni 2007. Es liegt ein Gartenzwerg auf dem Willy-Brandt-Platz, zwischen Bahnhofsviertel, Europäischer Zentralbank und dem Schauspiel Frankfurt. Seit Pfingsten liegt er dort, etwa zwölf Meter lang, vier Meter hoch, mit roter Mütze, weißem Bart und prallem Bauch.


Schauspiel Frankfurt

7 Uhr 45. Aufwachen!

von Esther Boldt 

Frankfurt am Main, 23. Mai 2007. Aus der Stille, aus dem Dunkel entsteht das Theater von Wanda Golonka. Zu Anfang herrscht vollkommene Dunkelheit, dann flammen zwei Scheinwerfer auf: Vorne rechts auf der nackten Bühne steht Martin Butzke, in schwarzer Hose und weißem Hemd.


Schauspiel Frankfurt

Zerlaufenes Heimkehrerdrama  

von Esther Boldt 

Frankfurt, 24.März 2007. Stille lastet auf der Szenerie, Publikum und Schauspieler lauern darauf, dass etwas geschieht. Vorn, in der Mitte des Zuschauerraums, ragt ein grotesker Holzturm auf, zwei Plattformen, durch eine Leiter verbunden, in die Holzbalken wie ineinander gekrallt, kauern zwei. Sie tragen weiß, Farbe der Unschuld, und blondes Haar. Zwischen den ersten Reihen erscheint eine Handvoll Schauspieler, die Augen auf das Geschehen, und eine Stimme spricht heiser aus dem Körperknäuel: "Hinkemann schweigt."


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