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archiv » Oldenburgisches Staatstheater (32)
Oldenburgisches Staatstheater

Die Maschine lebt

von Jens Fischer

Oldenburg, 26. August 2016. Wie im Synchronstudio. Vier Sprechkünstler am Pult, darauf die Partitur der Worte. Nur dass jetzt nicht lippensynchron Dialoge übersetzt, sondern mit wahnwitzig präziser Intonationskultur einige Interviewpassagen einer Dokutheater-Recherche zum Transhumanismus nachgeahmt werden. Im mal kraus, mal kreiselnd gedachten, manchmal gestotterten, vernuschelten oder dialektgefärbten, per Äähhs & Co. fragmentarisierten, von Atemzischlauten rhythmisierten O-Ton.


Oldenburgisches Staatstheater

Wellensittichweltverschwörung

von Tim Schomacker

Oldenburg, 16. April 2016. Ein in den Bühnenboden eingelassenes Laufband. Dahinter eine Leinwand mit langsam fortziehender Gegend in Schwarz-Weiß drauf. Davor ein Quadratmeterbündel Bühnenregen, der in einem Rost verschwindet. Darauf Paul. Ende sechzig. Thomas Birklein geht ihn so, dass nie ganz klar ist: Läuft er von irgendwo, vor irgendwas weg? Oder doch eher irgendwas oder -wem entgegen? Kaum mehr als Mantel, Seesack und eine uralte Armeepistole seien ihm geblieben, sagt Paul in forciertem Spaziergangtempo. "Ich gehe die Pfade meiner Jugend ab, um herauszukriegen, wie ich der geworden bin, der ich bin."


Oldenburgisches Staatstheater

Herr Aldi, gebn se mal n Kilo Sinn!

von Tim Schomacker

Oldenburg, 14. Februar 2016. Nichts gegen blöde Witze. Solche, die sich anfühlen wie zu süße Eiscreme, bei denen die Zuhörenden schlagartig Luft einziehen durch die Zähne. Nur müssen sie halt gut sein, die blöden Witze. Wenn Martin Laberenz drei Stunden auf Kafkas "Amerika"-Roman losgeht, kalauerts nicht eben selten. Nur... Nun ja.


Oldenburgisches Staatstheater

Alle möglichen Welten

von Jens Fischer

Oldenburg, 3. Dezember 2015. Hallo liebe Kinder jeden Alters, was wollen wir denn heute mal spielen? Die Welt retten? Ja, dazu fällt uns bestimmt was Lustiges ein – mögen die Performer von Fake to Pretend gedacht haben. Da all die großen Gesellschaftsutopien des 20. Jahrhunderts "diskreditiert" seien, gestalten sie mit aktuellen, vor allem neoliberalen Weltrettungsideen einen bunten Abend, bei dem die Besucher als Mitspieler, nicht als Zuschaukünstler gefragt sind. Und erst einmal befragt werden nach Art einer TV-Tralala-Show. Als mehrheitsfähig erweisen sich Behauptungen, recht zufrieden mit der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Situation zu sein, nicht ganz so zufrieden mit dem Technikkrimskrams daheim. Ob jemand bereit wäre, einen Aspekt seines Lebens zu ändern? Zwischen den vorgegebenen Antwortextremen "keinen einzigen" und "immer alles" reihen sich die meisten bei "manches ist verhandelbar" ein.


Oldenburgisches Staatstheater

Zwischen allen Stühlen

von Andreas Schnell

Oldenburg, den 12. Oktober 2015. Der Mord an der russischen Journalistin Anna Politkowskaja im Oktober 2006, ausgerechnet am Geburtstag Wladimir Putins, sorgte international für Empörung, vor allem im Westen, wo der Fall als symptomatisch für den postsowjetischen russischen Staat gedeutet wurde, der – so der kaum zu überlesende Subtext – so postsowjetisch eben doch noch nicht ist.


Oldenburgisches Staatstheater

Preisverfall, Hassinflation

von Andreas Schnell

Oldenburg, 17. April 2015. Die gute Nachricht: Die weißrussischen "Drei Tage in der Hölle" sind in Oldenburg im Tausch gegen schlappe 80 Westminuten erhältlich. Die schlechte Nachricht: Bei galoppierender Inflation kann sich das schnell ändern. Überhaupt gibt es in Pavel Prjaschkos "Drei Tage in der Hölle" eher schlechte Nachrichten. Nicht nur für Dima, die Hauptfigur dieses Stücks, das Elina Finkel in der Exerzierhalle in Oldenburg für das Staatstheater zur deutschsprachigen Erstaufführung bringt.


Oldenburgisches Staatstheater

An Liebe berauscht

von Jens Fischer

Oldenburg, 30. November 2014. Was die Zuschauer gern wollen: die bitterste der melancholischen Komödien Shakespeares als facettenreich schillernden Liebestaumel erleben – mit fantasievollem Schwärmen, herzgütigem Sehnen, gierigem Suchen, mit zueinander Stolpern, übereinander Stürzen, Zupacken, Wegstoßen. Was Dramaturgen gern mit dem Stück zeigen wollen: Männer und Frauen als Zwitterwesen, deren Geschlechterverwirrung und Identitätskrise mit aktuellen Gender Studies kommentiert und von harschen Rockklängen aufgewirbelt wird. Regisseur Martin Laberenz aber will vor allem – Karneval. Einfach mal tun, was sonst verboten ist. Mit Zitaten von Antonin Artaud nicht nur das "Plädoyer für ein maßloses Theater" ins Programmheft schreiben, sondern auch für die Dauer der Aufführung einen von Leidenschaft durchpulsten Befreiungszauber initiieren. Sich nicht ver-, sondern entkleiden. Kräfte freisetzen, die nicht nach Neutralisierung in ehelichen Beziehungen streben.


Oldenburgisches Staatstheater

Kloster ohne Segen

von Andreas Schnell

Oldenburg, 19. Juni 2014. Nein, auf Kloster Blankenburg am Stadtrand Oldenburgs liegt wahrlich kein Segen. Im 13. Jahrhundert erbaut, diente das Dominikanerinnenkloster seit dem 16. Jahrhundert als Verwahrungsort für Arme, Waisen, Kranke, Arbeitslose, Prostituierte, psychisch Kranke und Asylbewerber. Heute steht das Anwesen zum Verkauf – eine gute Gelegenheit, dachte Matthias Grön, Dramaturg beim Oldenburger Staatstheater, die Geschichte dieses Orts endlich theatral aufzuarbeiten. Doch aus einer Aufführung vor Ort wurde nichts, der Eigentümer wechselte seine Meinung und wollte kein Theater mehr in seiner Immobilie, weshalb "Blankenburg" nun im Probenzentrum des Staatstheaters Uraufführung feiern musste.


Oldenburgisches Staatstheater

Halt' die Klappe, Künstler!

von Andreas Schnell

Bremen, 7. März 2014. Vielleicht ohne es wirklich zu wollen, spricht "Munch und Van Gogh – Der Schrei der Sonnenblume" von Marc Becker, das am Freitagabend in Oldenburg im Rahmen des Festivals "Go West" seine deutsche Erstaufführung feierte, sein Problem selbst aus: Was der Kunstliebhaber wolle, sei Schokolade – etwas, das dem profanen Alltag ein wenig Sinn entgegensetze und erbaulich sei.


Oldenburgisches Staatstheater

Kein Aufschrei

von Jens Fischer

Oldenburg, 13. November 2013. Thema: Abschiebung. Als Ungemütlichkeitsmonster bezeichnen Süßigkeiten- und Softdrinkautomat plus metallische Sitzbankreihen auf Nikolaus Frinkes Bühne eine charmefreie Abflughalle. Die so in ihrer kargen Schönheit relativ unverstellte Exerzierhalle Oldenburgs wird durch geschickte Lichtwechsel auch zur schäbig finsteren Baracke oder zum edelsanierten Backstein-Loft. Die Trennlinie zweier Welten, ihre Reißkante ist der Spielort der im Gegenschnitt präsentierten Handlung, die das Zwangsrückkehrerelend im Kosovo und die Komfortzone deutscher Bildungsbürgerlichkeit parallelisiert.


Oldenburgisches Staatstheater

Wer vom Faschismus nicht reden will, soll vom Blumenkohl schweigen

von Andreas Schnell

Bremen, 19. Juni 2013. Immer wieder gern zitiert wird sie, die Rede vom noch fruchtbaren Schoß, aus dem "das" kroch, wenn vor der rechten Sache gewarnt werden soll. Der Satz stammt aus dem Epilog des "Aufhaltsamen Aufstiegs des Arturo Ui" – in Marc Beckers Inszenierung, die gestern im Kleinen Haus in Oldenburg Premiere hatte, fehlt er indes. Stattdessen gibt es am Ende einstürzende Neubauten aus Obstdarren, hoch, sehr hoch gestapelt: das Ende der hochfliegenden Pläne des Arturo Ui, der bis nach New York gehen wollte.


Oldenburgisches Staatstheater

Ein Bier namens Parole

von Tim Schomacker

Oldenburg, 20. Januar 2013. Das Nachrichtenlaufband im niedersächsischen Bahnhof verkündet ein Kopf-an-Kopf-Rennen um den niedersächsischen Landtag. Derweil ein Karl-Marx-Darsteller im niedersächsischen Staatstheater zu Oldenburg gerade vom Klo kommt. Bedächtig schließt Marx die Kneipen-Klotür ab. Bedächtig, doch erstaunlich wenig gebeugt, verteilt er Bierflaschen auf Tischen. "71022 Tage Marx", verkündet eine Tafel neben der Bar. Vorwärts, summt Marx, und nicht vergessen. Die Gäste kommen jeden Moment.


Oldenburgisches Staatstheater

Spezialist der Anfänge

von Tim Schomacker

Oldenburg, 18. Januar 2013. Wie eine flokatigewordene Version von Malewitschs Quadrat liegt sie da: die Insel. Darauf allerlei Kulturrestprodukte: eine dreckige Badewanne, ein Fahrrad, eine säuberlich ausgespülte Großküchen-Blechdose, vermutlich Sauerkraut. An einer Inselkante liegt Robinson, auf dem Bauch, die Füße im leeren Raum, das Gesicht gebettet auf das flauschige Weiß. Er ist gestrandet. Weniger auf der sprichwörtlichen einsamen Insel, denn in der Frühgeschichte seiner eigenen Art: des homo oeconomicus. Diese Insel ist Teil seiner Erzählung von sich selbst. Die Sprache ist das Werkzeug dazu. Eines der ersten Worte an diesem Theaterabend ist das Wort "organisieren". Und es dauert lange, bis das erste Wort fällt.


Oldenburgisches Staatstheater

Die Politik der Zero Tolerance

von Andreas Schnell

Oldenburg, 13. September 2012. Das Stück "Willkommen in Theben" von der englischen Dramatikerin Moira Buffini wurde vor zwei Jahren in London uraufgeführt und ist gewissermaßen ein Update von Sophokles' "Antigone", ergänzt um Motive aus "Lysistrata" (Aristophanes) und "Hippolytus" (Euripides). Theben hat gerade einen verheerenden Bürgerkrieg überstanden und wird nun von Eurydike regiert, die um sich ein vorwiegend weibliches Kabinett gebildet hat. Sie warten auf Theseus, erster Bürger Athens, von dem man sich Hilfe beim Wiederaufbau erhofft.


Oldenburgisches Staatstheater

Halbglas und Pullunderalt

von Tim Schomacker

Oldenburg, 7. Juni. Halbwelt und Halbweste wohnen nicht weit von einander entfernt. Schillers präsidialer Haussekretär Wurm trägt den Abend über ein gutes Dutzend Pullunder auf. Grüne und gelbliche, glatte und gerippte, solche mit und solche ohne Stickemblem überm Herz. In Jasper Brandis Version des Schiller-Klassikers faltet und wechselt und trägt Denis Larischs Wurm die ärmellosen, auch Halbwesten genannten Kleidungsstücke mit derartiger Hingabe, man müsste die Augen verschließen, um nicht zu merken, dass die Ärmellosigkeit hier als Generalmetapher dient.


Oldenburgisches Staatstheater

altVorsprechen, nachsprechen, widersprechen

von Jens Fischer

Oldenburg, 23. Februar 2012. "Alle Menschen, die ein besseres Leben wünschen, soll'n aufstehn", sangen die Bots zur kuschelrevolutionären Animation auf Kundgebungen politisch-moralisch aufgewühlter Menschen. Und genauso herzig naiv, aber ironisch unterfüttert wird von einem Ensemble Amsterdamer, Berliner und Oldenburger Schauspieler/Musiker in Oldenburg "Der (kommende) Aufstand" beschworen. Aufstand bedeutet aufstehen – und mitklatschen. Das Publikum spielt brav amüsiert seine Rolle. Und beendet mit dem Song auch seinen Aufstand. Es wird wieder Platz genommen. Castor-Transporte-Behinderer, Wutbürger made in Stuttgart, Occupy-Camper, Auto-Anzünder – war da was, kommt da noch was? Aufstand 2012: Wie muss der Zwang der Umstände aussehen, um einer Empörung nachhaltiges Engagement folgen zu lassen?


Oldenburgisches Staatstheater

Grelles Staats-Theater

von Tim Schomacker

Oldenburg, 18. Februar 2012. Als Hamlet wegen Vatertod und Mutterhochzeit aus Wittenberg zurückkehrt, hat er eine Menge Selbstbildung im schmalen Tragetäschchen. Edelmann als Ausbildungsberuf. Gegen Ende wird er sagen, er sei "weder boshaft noch brutal, aber ich habe in mir was Gefährliches, mit Vorsicht zu genießen, Finger weg!" Um dieses schmerzhafte "mir" geht es Regisseur Jan-Christoph Gockel, wenn er den Dänen im Dufflecoat einigermaßen verloren in die Feiergesellschaft stellt. Hamlet betrachtet ein Staats-Theater, das greller wird und grausamer, je aussichtsloser der Versuch, die Fäulnis an den Grundfesten des Staates Dänemark zu kaschieren.


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alt

Die Transportmasse der Erinnerungen

von Elske Brault

Oldenburg, 17. Juni 2011. Wir glauben stets, wer sein Erinnerungsvermögen verliert, dem entgleite seine Vergangenheit. Doch Henry Molaison, der wohl berühmteste Amnesie-Patient der Medizingeschichte, verliert im Jahr 1953 seine Zukunft: Ein experimentierfreudiger Arzt entfernt ihm den Hippocampus, um Henrys epileptischen Anfälle zu minimieren. Die sind nach dem Eingriff zwar weg, aber auch Henrys Fähigkeit, Erinnerungen abzuspeichern. Jenseits des Jahres 1953 kann Henry Molaison keine Erfahrungen machen, denn alle sinnlichen Eindrücke vergisst er sofort.


Oldenburgisches Staatstheater
alt

Superheld muss her

von Andreas Schnell

Oldenburg, 11. März 2011. Tja, was soll man bloß schon wieder machen mit dem alten Schinken? Fraglos ist der "Tartuffe" auf dem Theater eine der großen Komödien. Und so ganz hat sich seine Geschichte wohl noch nicht erledigt, in ihrer aufklärerischen Kritik an der Methode, sich ein wenig Trost durch die Religion zu verschaffen. Andererseits: Die Spitze ist der Story im Laufe der Jahrhunderte verloren gegangen, weil zumindest das aufgeklärte Bürgertum heutzutage natürlich viel zu aufgeklärt ist, um sich im Bürger Orgon wiederzuerkennen, der sich von dem frömmelnden Betrüger Tartuffe wider alle Warnungen seitens seiner Familie ausnehmen lässt.


Oldenburgisches Staatstheater

Im Dickicht der Marionetten

von Andreas Schnell

Oldenburg, 21. September 2010. Baal ist ein Gott. Baal schnitzt. Schon während wir den Saal betreten. Wie besessen arbeitet er an einer Büste. Baal erschafft. Das ist der zentrale Ansatz von Jan-Christoph Gockels Oldenburger Inszenierung des Brecht-Stücks. Wo Brechts Baal als anarchistischer Künstler aus Fleisch und Blut seine Kreise zieht, findet die "rasende Ekstase" bei Gockel als Spiel statt, in dem Baal, ein soziophobes Muttersöhnchen, sich verwirklicht.


Oldenburgisches Staatstheater

Der Glaube als Gefängnis

von Tim Schomacker

Oldenburg, 13. Februar 2010. Da passt was nicht: Die Kirchenfenster sind so hoch, dass man nicht sie sieht, sondern bloß ihr Lichtspiel auf dem Boden. Dafür statt hölzernes Kirchengestühl profane weiße Plastikstühle. Mehrmals kommt ein Kreuz von oben hereingefahren, es ist beleuchtet. Viel Licht und Schatten in Anna Bergmanns Inszenierung von "Breaking the Waves". Ort: ein schottisches Küstendorf, dessen Gotteshaus gefühlt deutlich höher ragt als je in Mauermetern gemessen werden könnte.


Oldenburgisches Staatstheater

Glück ist geil

von Andreas Schnell

Oldenburg, 14. November 2009. Glück ist eine seltsame Sache, temporär und relativ, gleichwohl aber gern und oft als primärer Lebenszweck gehandelt. Nicht weniger seltsam erscheint es, wenn es an prominenter Stelle in einem Stück auftaucht, dass vordergründig vor allem mit den Krisen des Kapitalismus und den Folgen wie Arbeitslosigkeit, Obdachlosigkeit, Armut, Elend und der Fortsetzung der "friedlichen" Konkurrenz mit den Mitteln der Gewalt, unterm Strich also mit gesellschaftlichen Verhältnissen zu tun hat. Seltsam?


Oldenburgisches Staatstheater

Subjekte der Gewalt

von Andreas Schnell

Oldenburg, 27. Februar 2009. "Es geht unter anderem um Gewalt als Form von Kommunikation", sagt Autorin Katharina Schmitt über ihr Stück "Platz der Republik", das als Auftragsarbeit des Staatstheaters Oldenburg nun Uraufführung feierte. Dabei ist es natürlich nicht ganz unproblematisch, einem Akt der Gewalt den unschuldigen Charakter einer Mitteilung zu attestieren. Denn Gewalt verzichtet ja gerade auf den Diskurs, um ihr Interesse gegen einen fremden Willen durchzusetzen. Womit auch die Frage, wer warum Gewalt anwendet, aus dem Blick zu geraten droht.


Oldenburgisches Staatstheater

Der Zufall Unfall

von Andreas Schnell

Oldenburg, 24. Oktober 2008. Zum ersten Mal außerhalb Großbritanniens war gestern Abend das Stück "Mile End", das beim letztjährigen Edinburgh Fringe Festival den ersten Preis gewann, im Rahmen des Performing Arts Festivals "pazz" in Oldenburg zu sehen. Basierend auf der realen Geschichte von Christophe Duclos, der von einem psychisch Kranken vor eine U-Bahn gestoßen wird, schuf die junge Theatertruppe "Analogue" eine Inszenierung, die mit originellen Mitteln und dunklen Untertönen die Realität als Tragödie erzählt.


Oldenburgisches Staatstheater

Undichter Dichter

von Andreas Schnell

Oldenburg, 28. September 2008. Oldenburg feiert den Expressionismus als "Auftakt zur Moderne" mit Ausstellungen, Filmen und einem Theaterprojekt, einer "szenischen Installation" zu Georg Heym, der als Wegbereiter des Expressionismus gilt. Da die Postmoderne seit einiger Zeit wieder passé ist, könnten wir hier nun erfahren, was es auf sich hatte mit der frühen Moderne.

 


Oldenburgisches Staatstheater

Windmühlen auf dem Mond

von Andreas Schnell

Oldenburg, 21. September 2008. Die Geschichte ist bekannt, könnte man meinen, und der Bühnenfassung des Oldenburger Hausautors und -regisseurs Marc Becker skeptisch entgegensehen. Aber wer kennt den "ersten großen Roman der Weltliteratur" (Georg Lukács) denn schon wirklich? Dass es darin um einen verträumten armen Edelmann vom Lande geht, der zu gern Ritterromane liest, gegen Windmühlen kämpft und eine Dulcinea vergebens verherrlicht, das ist natürlich so.


Oldenburgisches Staatstheater

Der Fremde bleibt fremd

von Andreas Schnell

Oldenburg, 24. Juni 2008. Am Anfang: ein Altersheim. Ein Klavier, ein paar Stühle. Gebrechliche Menschen schleppen sich auf die Bühne, darunter eine Klavierspielerin. Ein alter Mann hat einen Luftballon bei sich. Einen von der Art, wie sie auch im Foyer und in der Bar der Oldenburger Exerzierhalle herumliegen. Die alte Dame spielt ein paar Töne, dann bricht sie über den Tasten zusammen. Aus dem Off vermeldet eine Stimme, die Mutter sei gestorben. Es handelt sich um Meursaults Mutter.

Nach dem Tod die Sonnenbrille

Dann taucht auch er auf: in Badehose mit Sonnenbrille, bereit für einen Tag am Strand, als ihn die Nachricht vom Tod seiner Mutter erreicht. Doch er will sie nicht noch einmal sehen. Macht sich lieber über die alten Leute lustig und geht mit Marie, einer ehemaligen Kollegin, schwimmen, ins Kino, ins Bett, wie wir annehmen müssen.

Im Folgenden sehen wir Meursaults Alltag. Sein Nachbar, der Zuhälter Raymond wendet sich mit dem Anliegen an ihn, für ihn einen Brief zu schreiben. Er hat Ärger wegen einer ehemaligen Geliebten, einer Maurin, die er verprügelt hat. Als Meursault, Raymond und Marie an den Strand fahren, geraten sie an eine Gruppe Araber, die sich an Raymond wegen der Verprügelten rächen wollen. Es kommt zum Handgemenge. Später kehrt Meursault allein an den Ort des Kampfes zurück und erschießt den Araber, der Raymond angegriffen hat.

Im zweiten Teil werden wir Zeuge des Gerichtsverfahrens gegen Meursault. Sein Verteidiger will für Meursault Trauer um seine Mutter als strafmildernd geltend machen, scheitert aber an dessen Gleichgültigkeit. Meursault wird zum Tode verurteilt. 

Badehose, arabische Musik, das Publikum als Jury 

Vor acht Jahren urteilte ein Kritiker anlässlich einer Aufführung in München: "Camus' 'Fremder' als Drama – Nur ein Bastard". Da durfte man gespannt sein, ob Albrecht Hirche es in Oldenburg besser machen würde. Er hat zumindest eine ganze Menge Ideen, die er mit seinem kleinen Ensemble umsetzt. Das Bühnenbild in der Exerzierhalle ist in seiner Einfachheit und Vielseitigkeit gelungen. Es gibt ferner komödiantische Exkurse wie den sächselnden Rechtsanwalt (ausgesprochen beweglich und gewitzt: Denis Larisch).

Die verschiedenen Episoden fließen mitunter elegant ineinander. Hirche versucht sich an Schockmomenten, er lässt laute Musik während des Bühnenumbaus spielen, arbeitet mit Stroboskop sowie allerlei Klischees (Araber mit Kopftuch, mehr oder weniger latent homosexuelle Gefängniswärter) und macht überhaupt viel Remmidemmi. Sogar noch für die Pause war dem Regisseur etwas eingefallen: arabische Musik. Schließlich spielt "Der Fremde" in Algerien.

Weniger wäre mehr gewesen

Was indes bei alledem unterzugehen droht, war: der Fremde. Der hat es in einem Roman gewiss einfacher. Da kann er monologisieren, wie es ihm beliebt. Hier aber muss sich Meursault (Vincent Doddema) immer wieder gegen allerlei Gepolter durchsetzen. Erst am Ende geraten seine Betrachtungen – unterlegt mit existenzialistischem Jazz – erfreulich kongruent zu seiner stets behaupteten Gleichgültigkeit. Man will es ja nicht allzu oft sagen, das von dem Weniger, das mehr gewesen sein könnte, aber hier trifft es leider zu. Da wandelt im ganzen ersten Teil die Mutter im Hintergrund wie ein Schatten, der Meursaults Haltung erklären könnte. Aber wie er das tun könnte? Wir wissen es auch am Ende nicht.

Der Luftballon? Die Fragilität und Leere der menschlichen Existenz? Wer weiß. Dass die Gerichtsverhandlung eine Farce ist, machen die allesamt lächerlichen Figuren schon deutlich: der im Halbdunkel Freudensprünge vollführende strenge Oberstaatsanwalt, der eine Art Hessisch sprechende Untersuchungsrichter (beide: Jens Ochlast), die grenzdebile Gerichtssekretärin (Rika Weniger). Und als sich das Verfahren etwas beruhigt hat, erlebt die Inszenierung einen ihrer besten Momente: Das Theaterpublikum wird zur Jury. Wir alle also als die Gesellschaft, die rechtschaffen über den armen Meursault richtet.

Kein Lob der Gleichgültigkeit 

Oder ist er vielleicht gar nicht arm dran? Wie er da Dinge sagt wie: "Alle vernünftigen Menschen wünschen sich doch den Tod derer, die sie lieben." Und: "Bei der Vorstellung, eine Hinrichtung zu sehen und sich danach übergeben zu können, steigt mir eine Woge giftiger Freude ins Herz." Seine eigene Hinrichtung aber bleibt Meursault so gleichgültig wie alles andere. Und uns leider irgendwie auch. Zu fremd bleibt uns der Fremde. Dabei hätten wir ihm gerne länger zugehört. Leider ist er in Oldenburg nicht recht dazu gekommen. Zu vieles lenkte von ihm ab, was nicht zu Ende geführt wurde.


Der Fremde
nach dem Roman von Albert Camus
Regie: Albrecht Hirche, Bühne und Kostüme: Alain Rappaport, Dramaturgie: Jörg Vorhaben.
Mit: Vincent Doddema, Denis Larisch, Jens Ochlast, Norbert Wendel, Rika Weniger, Ingeborg Meyer.

www.staatstheater.de

 

Mehr von Albrecht Hirche: bei den Kleist-Festtagen im Oktober 2007 inszenierte er Oliver Schmaerings Hermanns Schlacht.

 

 

Kritikenrundschau

Reinhard Tschapke von der Nordwest-Zeitung (26.6.) findet die Inszenierung in der Exerzierhalle "eher quälend". Man hätte "ein wenig Prosa" aus dem Roman "geschnippelt" und lasse sie "albern" aufsagen. "Trockenschwimmer" seien zu sehen, die man "schon mal gesehen" hätte: "im Kindergarten". "Wo steht eigentlich, dass Schauspieler alles machen müssen, was sie machen sollen?" Der Abend schwanke "zwischen anbiedernder Einfachkomik und aufgesetztem Ernst".

In der Welt (26.6.) schrieb MN, dass es prima sei, wie der Intendant Markus Müller die Exerzierhalle als Nebenspielstätte hergerichtet hätte, dass es aber "betrüblich" wäre, was Albrecht Hirche dort nun veranstalte. Hirche sei ein Regisseur "des sehr bewegten, bis zum Kasperlhaften übersteigerten Grotesktheaters, der dem unaufgeregt erzählenden, jeder Reflexion sich enthaltenden Stationendrama eines sich und der Welt gegenüber Gleichgültigen permanent in die Parade fährt." Einmal hätte das Publikum sogar im Chor sagen sollen: "Guten Morgen Herr Oberstaatsanwalt!" Alles sei "zu laut, zu überdreht und banal".

 
Oldenburgisches Staatstheater

Das Leben ist eine blinde Kuh

von Alexander Schnackenburg

Oldenburg, 4. Mai 2008. Es genügt die Lektüre weniger Worte aus seinen Stücken, es reicht der Blick auf einzelne Szenen seiner Inszenierungen. Schon ist klar: Dass er sich allzu ernst nähme (wie ja nicht gerade wenige seiner Kollegen!), kann man weder dem Autor noch dem Regisseur Marc Becker vorwerfen. Der Spaß an der Situationskomik, die Freude am Wortspiel kommen bei Becker im Zweifelsfall vor der Dramaturgie. In schlechten Momenten sind seine Stücke und Inszenierungen schlicht albern, in guten bestechen sie durch Leichtigkeit und Originalität. In Beckers eigener Inszenierung seines neuesten Stücks "Glück für alle " am Oldenburgischen Staatstheater  überwiegen die guten Momente.


Oldenburgisches Staatstheater

Drei Männer und eine Tote

von Alexander Schnackenburg

Oldenburg, 24. April 2008. Prägnanter geht's nimmer: "Go West" nennen Generalintendant Markus Müller und Festivalleiter Jörg Vorhaben das gemeinsame Kind: Am Oldenburgischen Staatstheater dreht sich dieser Tage alles um neue Dramatik aus Flandern und den Niederlanden. Der Auftakt des Festivals aber, die Oldenburger Eigenproduktion von Esther Gerritsens "Der Tag und die Nacht und der Tag nach dem Tod"  macht – vorsichtig formuliert – nur bedingt Lust auf mehr.


Oldenburgisches Staatstheater

Wo Wunder um die Ecke lugen

von Christian Rakow

Oldenburg, 22. Februar 2008. Es ist nichts dagegen einzuwenden, dass im Theater Werke aufgeführt werden, die sich jedermann problemlos auch im DVD-Handel besorgen kann (und im Falle des dänischen Kleinods "Adams Äpfel" von 2005 ruhig auch besorgen sollte). Nicht umsonst haben, wie man hört, einige Häuser um die Erstaufführungsrechte dieses Textes von Anders Thomas Jensen konkurriert, und die wache Oldenburger Dramaturgie um Jörg Vorhaben darf es sich als Erfolg anrechnen, den Zuschlag für die Uraufführung erhalten zu haben.


Oldenburgisches Staatstheater

Margarethe als Komödien-Gift

von Alexander Schnackenburg

Oldenburg, 5. Oktober 2007. Wahrscheinlich kennt Marc Becker das Theater besser als Goethe es kannte. Und vielleicht ist eben dies der Grund dafür, dass er bei aller, jederzeit spürbaren Liebe zum Originaltext, nicht von Goethes "Vorspiel auf dem Theater" lassen konnte, nicht lassen wollte. Becker hat es komplett neu geschrieben und lediglich mit einigen Zitaten des Meisters angereichert.


Oldenburgisches Staatstheater

Familie und andere Gemeinheiten

von Alexander Schnackenburg 

Oldenburg, 13. April 2007. Dass sich der Dramatiker Kristo Sagor brennend für Frankenstein interessiert, konnte niemanden überraschen. Auf diesen jungen (1976 geborenen) Autor, der immer wieder so ungemein scharfsinnig den Egoismus seiner Figuren in den passenden gesellschaftlichen Kontext einzubetten versteht und der nichts mehr zu lieben scheint als die großen kleinen innerfamiliären Gemeinheiten - auf diesen Autor musste der "Frankenstein" einfach eine magische Anziehungskraft ausüben. Zumal einem leibhaftigen Monster ohnehin niemand widerstehen kann, der eine Affinität zu Science-Fiction-Stoffen und Horrorgeschichten hat.


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