Donnerstag, 21. August 2014

Anzeige

    

@nachtkritik

test


| Drucken |

Das Performancekollektiv andcompany&Co.

Sputnikschock im deutschen Theater

von Esther Boldt

Frankfurt am Main, 24. September 2007. Bildet Banden! Oder besser: eine Band. Weil das Sprechen mit Zitaten zu ihnen gehört, kann man über andcompany&Co. vielleicht nur mit geliehenen Worten reden. Tocotronic singt: "Wir sind viele – jeder einzelne von uns." Und andcompany&Co. macht dazu Theater. Das Performancekollektiv, 2003 in Frankfurt am Main gegründet, versteht sich als offenes, aber verbindliches Netzwerk. Den Kern bilden Alexander Karschnia, Autor und Theaterwissenschaftler, Nicola Nord, Sängerin und Performerin sowie Sascha Sulimma, Musiker und DJ.

Ihr erstes großes Stück "for urbanites – nach den großen Städten" zeigten sie 2004 zur Schließung des Frankfurter Theaters am Turm (TAT). Auf der Bühne: Zehn Performer und ein Klavier. Am Ende bestückten sie sich selbst und das Publikum mit Papierhüten zum Zeichen eines neuen Bundes und marschierten vor das Bockenheimer Depot. Zwei kletterten die Fassade empor und entfernten aus dem Schriftzug TAT die beiden Ts: "Das TAT ist tot, es lebe das A." A wie Anfang. A wie andcompany&Co. Aber das Ende des geschichtsträchtigen Avantgardetheaters mit dem Beginn von etwas Neuem gleichzusetzen, bietet sich an und verbietet sich zugleich.

Alle drei stammen sie aus Frankfurt, Alexander Karschnia und Nicola Nord studierten dort Theater-, Film- und Medienwissenschaften, Nicola Nord und Sascha Sulimma spielten in einer Band. 2004 gingen sie nach Amsterdam, weil Nord dort ein Künstlerstipendium in DasArts (The Amsterdam School for Advanced Theater Research and Dance Studies) erhielt. Als ihre "Homebase" in Deutschland bezeichnen sie das Düsseldorfer Forum Freies Theater (FFT), das viele ihrer Produktionen koproduziert.

Offengelegte Theatermaschinerie

Nach dem andco-Prinzip haben sie bisher unter anderem mit Fotografen, Autoren, Bildenden Künstlern und Musikern zusammengearbeitet. "In gewisser Weise muss man dann das Rad immer wieder von neuem erfinden", so Karschnia, "aber wenn es gut geht, kann man auch eine gemeinsame Sprache entwickeln. Wir glauben fest an den 'general intellect' (Marx). Es gibt Gruppendenken!" Kollaboration ist bei ihnen nicht nur ein Diskursmodewort. "Wenn man mit uns zusammenarbeitet, wird man automatisch zur Ko-Autorin, Ko-Regisseurin... Uns verbindet die Faszination für ein Thema, dazu wird dann geforscht, recherchiert, gegoogelt, daraus entstehen dann Texte, Musik..."

Dass nicht jeder andco-Produzent automatisch ein guter Performer ist, versteht sich von selbst, doch die entstehende Spannung ist beachtlich und die Chance zu Scheitern inbegriffen. Ihre Bühnensprache aber besitzt Wiedererkennungswert: Ihre Bühnen sind ausgeräumt, die Performer sitzen oder stehen an ihren Plätzen wie an Instrumenten, ausgestattet mit Textbüchern, Mikrophonen, Lampen oder Laptop. Denn Musik und Ton werden als Performance begriffen, die Theatermaschinerie offen gelegt. Umso mehr, seitdem der New Yorker Künstler Noah Fischer dabei ist.

Kein Erich Honecker ohne Dagobert Duck

Während eines Stipendiums in New York 2006 produzierten sie "Revolutionary Timing", und Fischer entwarf dafür eine Lichtmaschine aus Stehleuchten und nackten Glühbirnen, gesteuert von einer Lichtorgel. Mit dieser Haptik, ihrer grobschlächtigen Materialität mutet die Bühne bisweilen an wie das "Raumschiff Orion": Rettungslos anachronistisch und ziemlich futuristisch zugleich.

andcompany&Co. sucht das Theater für die Gegenwart, das mit Netzen und "dotcoms", aber ohne Kopierschutz operiert. Sie bearbeiten politische, historische und (pop)kulturelle Themen des 20. und 21. Jahrhunderts, jedoch nie isoliert voneinander – kein Mauerfall ohne die Beatles, kein Erich Honecker ohne Dagobert Duck. Zitate markieren Verwandtschaftslinien, die – auch hier ist der Name Programm – Wahlverwandtschaften sind. Text und Musik folgen dem Prinzip von Remix und Loop, von Verdopplung und Variation, Wiederholung und Zerschneidung. Monteverdi und Kurt Weill, Ronald Reagan und Heiner Müller. Bei Alexander Karschnias Textgeflechten gilt der Rhythmus der Sprache ebensoviel wie ihre Buchstäblichkeit, sie deklinieren Wortspiele durch, klopfen sie assoziativ nach Bedeutungsmehrwert ab und werden dabei immer auch Musik.

Mit der Autorin Bini Adamczak kam bei "little red (play): herstory" (2006) eine Stimme dazu, die sich einfügt und doch einen anderen Klang mitbringt. Auch auf der Bühne spielt Sprache eine prominente Rolle: Beim TAT-Tanz der Buchstaben um den Turm oder beim Bühnenbild von "little red", das von der isrealischen Künstlerin Hilal Peled stammt. Eine Stadtlandschaft aus Buchstabentürmen, die vor Noah Fischers flackerndem Licht ihre langen Schatten werfen und fiktionale Bündnisse schaffen: USSR, BRDDR. Die Rede mit fremden Zungen lallt bisweilen, an Schärfe verliert sie nicht.

Zugvögel auf Kollisionskurs

"Nicht politisches Theater machen, sondern Theater politisch machen!" agitiert Alexander Karschnia. Bei  andcompany&Co. heißt es auch, sich auf die Suche nach Utopia zu begeben, nach dem Ende der großen Erzählungen den Fluchtpunkt in der Gegenwart zu verorten. Ihre Performances stellen Fragen, situieren sich innerhalb von Diskursen und übertreten sie zugleich. Wie bei einem guten Popsong oder bei David-Lynch-Filmen wird das Zitat dabei nicht Selbstzweck, gerinnt das Diskursgemetzel nicht zur Pose, sondern wird umgehend in den Rhythmus der Performance transportiert.

So montierten sie in "for urbanites" die Historie und Gegenwart der Stadt Frankfurt und ihres Theaters mit Brechts Goldgräberstadt Mahagonny: "Ein Gespenst geht um, das Gespenst der Krise: Stadtsterben, Theatertod." Und erklärten kurzerhand  die Nachbarstadt Offenbach – "off off" – zur Utopie. In "Europe an Alien" (2005/06) war es die Suche nach der europäischen Identität in Geschichte und Gegenwart, dort brachten sie EU-Europa und mythologische Vorgeschichte, Schengen und Dionysos, Flüchtlingsströme und die Wanderung der Zugvögel auf Kollisionskurs.

Kinder des Kalten Krieges

In den letzten zwei Jahren ist es das Ende des Kommunismus, das sich die Kinder des Kalten Krieges vornehmen – in "Revolutionary Timing" und im daraus entwickelten ersten Teil ihrer Kommunismus-Trilogie "little red (play): herstory", der im Rahmen des Festivals Freischwimmer 2006 produziert wurde und seither unter anderem in den Berliner Sophiensaelen, auf Kampnagel in Hamburg und beim Kunstenfestivaldesarts in Brüssel zu sehen war.

Darin drehen sie das Rad der Zeit zurück, machen aus dem Ende der Geschichte den Anfang einer Geschichte, aus history herstory. Nicola Nord erzählt als "little red" von ihrer Kindheit und Jugend als "westdeutsches Kommunistenkind", das in den Sommerferien in die DDR fuhr und die Jahrtausendwende mit den Pionierfreunden in Berlin feiern wollte. Doch die Utopie starb zuerst, das Lied vom Ende des Kommunismus in Europa erklang. Ein Gespenst geht um… "little red" aber verlängert die Geschichte, negiert den Mauerfall, lässt die Utopie wieder auferstehen inklusive Feuerwerk, Rotkäppchen und Showdown in der DDR.

Tanz ins Weltall

Beim Steirischen Herbst in Graz produzieren sie derzeit mit insgesamt sieben andco-Produzenten den zweiten Teil der Trilogie, "Time Republic" hat am 28.9. Premiere und greift zum 50. Jahrestag den Sputnik-Schock auf. Tanz ins All. Neben den zahlreichen Stückproduktionen sorgen so genannte andco-Labs, Laboratorien dafür, dass die Zeit nicht stehen bleibt. Schnelle, dreckige Arbeiten, bei denen mit unterschiedlichen Partnern Selbst- und Fremdversuche gestartet werden.

Ihre Performances lassen sich als Fortsetzungsgeschichten sehen, Re-mixe, postmodern und postdramatisch. Vielleicht ist diese stationäre Entwicklung, die Selbstwiederholung auch die einzig mögliche Strategie, auf einem Kunstmarkt zu überleben und zugleich Qualität zu behaupten, der ständig neue Produkte fordert: So machen andco mit Deleuze/Guattari "Produktion von Produktion" wie es das Gründungsmanifest der Truppe versprach. Und weil andco nicht ohne Programmatik sein könnten, hat Alexander Karschnia für die Grazer Premiere keine kleine Ansage gemacht. Es werde höchste Zeit für einen Sputnik-Schock im deutschen Theater. Nun denn: Höchste Zeit für einen theatralen Tanz in Richtung All, der sich vor Pathos, Poesie und politischer Positionierung nicht fürchtet.

 

www.andco.de

www.steirischerherbst.at

 

 




Kommentare (0)

Kommentar schreiben

kleiner | grösser

busy