Porno fürs Konto

von Eva Biringer

30. September 2014. Geld oder Liebe, kann es so einfach sein? Es kann. Thomas Melle, Schriftsteller, Dramatiker, Gegenwartsanalyst, weiß um die Verlogenheit unserer hehren Ideale. 2011 war sein erster Roman "Sickster" für den Deutschen Buchpreis nominiert, der Nachfolger "3000 Euro" steht erneut auf der Shortlist. Geliebt wird der Autor für seine rohe Sprache und seinen in-your-face-Humor, der in besonders sozialdystopischen Momenten an den norwegischen Berufszyniker Matias Faldbakken erinnert.

cover melle 3000euro 180Vom Flaneur zum Flaschensammler

Mittlerweile ist Melles Erzähltempo weniger hochgepitcht. Seine Figuren sind verletzlicher geworden, ihr Empfinden reicher, ihre Wünsche bescheidener: "endlich wieder staunen". Scheitern müssen sie trotzdem. Die alleinerziehende Supermarktkassiererin Denise scheitert bereits an den Inklusionsauflagen für ihre autistische Tochter, die immer genau dann "normal" zu sein scheint, wenn sie dem Gutachter vorstellig wird. Für dreitausend Euro verdingt Denise sich als Pornodarstellerin, eine Summe, die ihr zugesagt, aber bis auf weiteres nicht ausbezahlt wird. Dreitausend Euro wiederum könnten den Wohlstandsverwahrlosten Anton vor der totalen Verwahrlosung retten. Vom Jurastudenten zum Wohnsitzlosen, vom Flaneur zum Flaschensammler: der Grat zwischen Wochenend-Hedonismus und Alltags-Kapitulation ist ein schmaler.

Wer fliegt, fällt, wer brennt, braucht Energie. Antons Brandbeschleuniger ist die titelgebende Summe von dreitausend Euro. Schuld daran sind auf Pump erkaufte Champagnernächte und Kurztrips nach London. Die Beschreibung von Antons Manie erinnert an Wolfgang Herrndorfs rastlose Nächte in "Arbeit und Struktur", zwei Haltlose, die sich selbst abhandenkommen im sprichwörtlichen Tanz auf dem Vulkan. Dabei folgen die Maniker bei Melle besonders konsequent dem gesellschaftlichen Konsumimperativ und scheitern nur deswegen, weil das nötige Geld zuvor nicht in Siebzig-Stunden-Arbeitswochen angehäuft wurde. Ironie der Zustände. Ebenso ironisch ist, dass Anton als ehemaliger Jurist machtlos-kafkaesk vor dem Bürokratieapparat und später vor seinem Richter steht wie dereinst Herr K. im "Prozess".

Krankhaft romantische Menschen

"Anton sah aus dem Fenster und dachte schräge Dinge" – hier klingt Rainald Goetz' Idee der dialektischen Psychohygiene aus seinem Buch "Irre" an. Wer entscheidet über Normalität? Wer über den Inklusionsstatus eines als "behindert" gebrandmarkten Kindes? Kranken vielleicht die labilen, psychotischen, vermeintlich "irren" zu Recht an der Kaputtheit unserer Gesellschaft? Muss ein Sensibler wie Anton mit seinen "wilden Vereinigungs- und Selbstauflösungsphantasien", ein "schon fast krankhaft romantischer Mensch", nicht scheitern an der Kaltherzigkeit des Systems?

Er muss. Anton und Denise verlieben sich und verlieren sich wieder. Der zuvor im Zusammenhang mit Denises Nebenjob als Pornodarstellerin brachial geschilderte Sexualakt wird jetzt ins beinahe Göttliche erhoben; die anschließende Dusche wäscht die gesellschaftlichen Randfiguren von ihren Sünden rein, wenigstens bis sich eine von ihnen entscheiden muss: Geld oder Liebe?

Sachte, gierig, zärtlich, dann alt

Es siegt Kapitalismus über Optimismus, das Ficken über die Moral. Gerade weil Melle eher Realist ist als Misanthrop, geht ihm die Auflösung seiner Dramaturgie so leicht von der Hand. Antons Lügengebilde des Selbstverwirklichers, der im projektbezogenen Flaschensammeln seine Freiheit zelebriert, fällt in sich zusammen. Schlimm ist dann nicht einmal mehr der Tod. Denises vom Amphetamin befeuerte Stärke ("ich nehme mir, was ich brauche") kapituliert vor ihrem Kontostand. Die Küsse zwischen den beiden werden "sachte, gierig, zärtlich", dann "alt".

Melle ist gut, wenn er böse ist. Immer da, wo er seinen Figuren ein kurzes Glück gönnt, driftet er in Vorabendserienplattheiten ab – "'Spinner', denkt Denise, aber eigentlich will sie ihn umarmen" – wohingegen er den Momenten des Niedergangs Wahrhaftigkeit abringt. "Er geht. Fast denkt sie: endlich. Dann checkt sie noch einmal ihren Kontostand." Der Leser ist erleichtert, als sich am Ende das Meiste zum Schlechten wendet. Er hatte es nicht anders erwartet. Geld oder Liebe, so einfach kann es sein.


Thomas Melle:
3000 Euro
Rowohlt, Berlin 2014, 208 Seiten, 18,95 Euro


Mehr zu dem Theaterdichter Thomas Melle: Sein Debütroman "Sickster", hier in der Buchbesprechung, kam 2012 am Theater Bremen zur Uraufführung; sein jüngstes Stück Nichts nichts brachte das Landestheater Tübingen 2014 heraus.

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