In Ulm, um Ulm und um Ulm herum

von Georg Kasch

Berlin, 23. Oktober 2014. Waren Sie schon mal in Ulm? Ich nicht. Im Ulmer Theater also auch noch nicht. Bis gestern. Da hat mich der Livestream zu "Refugium" geführt, einer Stückentwicklung von Michael Sommer. Der langjährige Chefdramaturg, der seit dieser Spielzeit frei arbeitet, hat Interviews mit Ulmer Flüchtlingen geführt. Daraus ist ein Stück entstanden, dessen Gedankenspiel so geht: Was, wenn es eine Firma gäbe, die versuchte, Menschlichkeit und Ökonomie miteinander zu versöhnen? Eine Firma, die Mittelmeer-Flüchtlinge rettet – und damit auch noch Geld verdient?

Klingt spannend! Ulm ist weit weg, der Computer für Livestreaming nah. Dennoch war ich skeptisch: Meine letzte Erfahrung mit einer Übertragung aus Rostock hatte mich am Konzept eher zweifeln lassen. Und auch bei diesem Versuch galt es zunächst, sich an die Umgebung zu gewöhnen: Bis ich festgestellt hatte, dass das Ruckeln in Bild und Text an mir und meiner Entfernung zum Router lag und ich mich von der Utz-Mucke der Nachbarn links und den mutmaßlichen Renovieranfällen der Nachbarn rechts mit Kopfhörern verabschiedete, vergingen die ersten 20 Minuten. Handyklingeln und Bonbonpapier sind dagegen Erholung!

bildschirmfoto2014 10 22 280Screenshot Live-Streaming "Refugium" 

Aber dann: volle Konzentration für die Aufführung. Ein klares Bild, ein oft gut eingefangener Ton, schickes Design davor und danach – die Verpackung stimmt! Klar ersetzt das nicht die gleichzeitige Anwesenheit von Schauspielern und Publikum. Ein Manko bleibt (wie bei allen Theateraufnahmen), dass die Kamera einem die Entscheidung abnimmt, auf welches Detail man sich gerade konzentrieren möchte. Aber als Kritiker ist man gewohnt, sich durch viel schlechtere Inspizientenaufnahmen in Dauertotale zu quälen – da ist man für ein paar erkennbare Details ganz dankbar.

Sommer als Autorregisseur hat aus der spannenden Prämisse eine krude Story gezimmert, die mit Sex und Crime dies- und jenseits des Mittelmeers nicht geizt. Wenn es im Büro menschelt, suhlt sich die Sprache in Vorabendserien-Floskeln. Vier Schauspieler kämpfen sich durch zehn Rollen und über eine Bühne voller Plastikkanister. Bei den abstrakten Monolog-Passagen, die sie an der Rampe absolvieren, muss man wenigstens genau hinhören, auch wenn auch da wenig mehr als Klischees produziert werden. Am stärksten berührt die Flucht-Erzählung von Adanna, gespielt von Dalila Abdallah – aber die ist ja auch der Realität abgetrotzt.

Chance zum Live-Chat

Auch das anschließende Publikumsgespräch wird übertragen, und hier zeigt sich der Wert des Livestreams aus Ulm. Denn erstens werden hier Fragen verhandelt, die so immer wieder gestellt werden: Kann Theater politisch wirken? Wie genau? (Die Antworten waren da eher bescheiden – indem man von Stücken wie diesen dazu angeregt wird, in seiner nächsten Umgebung zu wirken, sagt etwa Sommer: "Man kann im Kleinen was tun.") Zweitens werden die Fragen des Live-Chats unter dem Stream-Fenster eingebunden – und die bringen die teilweise etwas betulich dahinschippernde Runde noch mal in Fahrt. Und drittens ließe sich jetzt auch von all denen, die noch nie in Ulm waren, über Thema und Ästhetik von "Refugium" streiten – zum Beispiel hier, unter diesem Blog.

 

Angesichts von Tim Renners Forderung dachte der Theaterverleger Bernd Schmidt im Oktober 2014 über das Streaming von Theateraufführungen nach

Fürs Livestreaming von Theateraufführungen plädierte im April 2014 auf nachtkritik.de auch Tina Lorenz, Bloggerin und Kulturpolitikerin für die Piraten. 

 

Kommentar schreiben

Sicherheitscode
Aktualisieren