Wer schön sein will, muss leiden?

von Sophie Diesselhorst

Berlin, 11. November 2014. Ein roter Teppich war am vergangenen Freitag neben dem Berliner Gorki Theater ausgerollt. Normalerweise sind rote Teppiche ja für Filmstars da, die sich die nackten Schultern NACH getaner Arbeit im Kamera-Blitzlicht wärmen dürfen. Der rote Teppich, der von der Vortreppe des Theaters zu den Bussen des Zentrums für politische Schönheit führte, machte die Gruppe der ca. 100 "friedlichen Revolutionäre" schon zu Stars, bevor sie ihre Reise überhaupt angetreten hatten, bevor sie sich auf der Weltbühne unter Beweis gestellt hatten.

Es gibt Wichtigeres als Kunstkritik

Ein Grundproblem an der (theater-)kritischen Auseinandersetzung mit der Aktion "Erster Europäischer Mauerfall" des Zentrums für politische Schönheit ist wohl, dass diese Aktion wie auch die anderen Aktionen des Zentrums tatsächlich revolutionär gemeint ist. Das bedeutet, dass mithilfe der Medien möglichst gewaltige Zeichen für eine möglichst breite Öffentlichkeit gesetzt werden sollen, von deren Richtigkeit und Wichtigkeit die Macher derart überzeugt sind, dass sie eine kritische Auseinandersetzung damit oder mit dem Produktionsprozess höchstens dekorativ finden – und den Hype auf ihrer Seite haben. "Es gibt Wichtigeres als Kunstkritik" – das ist kein Zitat vom Zentrum für politische Schönheit, wäre aber ein mögliches.

ruch-mit-bolzenschneider 560 zpsPhilipp Ruch übergibt vor dem Maxim Gorki Theater einen Bolzenschneider an die Polizei. © ZPS

Die Rolle der Medien im Produktionsprozess veranschaulichen die Dokumentationen der bisherigen Aktionen auf der Webseite des Zentrums – aber auch ein Vorkommnis auf der Busreise nach Bulgarien. Ich habe ja – als mitreisende Korrespondentin für nachtkritik.de – per Twitter von der Fahrt berichtet. Nachdem ich, meine ersten Tweets waren vor allem informativ gewesen, getwittert hatte, dass in den Bussen keine Diskussionen über den "Europäischen Mauerfall" stattfinden, dass wir auch keine Nachrichten von den "Regisseuren" empfangen und dass allgemeine Verunsicherung herrscht (das war nach unserem langen Aufenthalt an der ungarisch-serbischen Grenze), kam unsere "Reiseleiterin" mit ernster Miene und ihrem Telefon in der Hand zu mir: "Das Zentrum möchte dich sprechen."

Reiseroute verschleiern

Am Telefon war die "Chefin des Planungsstabs" Cesy Leonard, die sich irritiert von dem Tweet zeigte und mit den Worten: "Das ist halt schlechte Presse für uns" an mich appellierte, den Tweet zu löschen bzw. zu relativieren – was ich tatsächlich getan habe (letzteres), auch weil mein übermüdetes Gehirn auf Selbstschutz geschaltet hat. Schließlich hatte ich dem Zentrum mein Schicksal für ein paar Tage anvertraut. Dass der Tweet absolut der Wahrheit entsprach, dass uns tatsächlich gar nicht klar gemacht wurde, welche Rolle wir im Rahmen der "Aktion" spielen sollten und das Nachdenken darüber, wo auf der Bühne wir jetzt gerade stehen, dadurch mindestens erschwert wurde, trug zu meiner Verunsicherung bei.

Schon vorher hatte mich das Gefühl beschlichen, ich solle gleichgeschaltet werden: als die Reiseleitung mich plump (und vergeblich) darum bat, Falschinformationen zu twittern, um unsere Reiseroute zu verschleiern – die das Zentrum bereits vor Abreise im Internet veröffentlicht hatte und die auf der Eröffnungsfeier von "Voicing Resistance" mit dem Auftritt eines syrischen Flüchtlings, der seinen umgekehrten Weg auf ebendieser Route beschrieb, noch einmal an die Öffentlichkeit gegeben worden war.

Klar hatte ich mich durch die Entscheidung, als "embedded journalist" mitzufahren, bereit erklärt, mich an Spielregeln zu halten. Es war ja auch nicht in meinem Sinne, den "Europäischen Mauerfall" zu sabotieren, bevor er überhaupt stattgefunden hatte. Aber wäre es nicht im Sinne des künstlerischen Produkts, die Darsteller – also auch die Journalisten – ihre Rolle nach bestem Wissen und Gewissen ausfüllen zu lassen? Dachte ich mir auf meinem Reisebus-Sitz, während ich von den Twitter-Verwirrungen meinerseits ein wenig irritiert war.

Doppelrolle der Nachtkritikerin

Nun war ich ja aber in den Bus eingestiegen. Und hatte mich mit meinen Redaktionskollegen zusammen dafür entschieden. Selbst wenn die "Stücke", die das Zentrum produziert, zunächst einmal aus den medialen Oberflächen bestehen, die durch ihre Aktionen geschaffen werden: Berichte und Debatten wie z.B. die laufende über die verschwundenen und mittlerweile wiederangenagelten Mauerkreuze. Für eine klassische Theaterkritik der "Aktion" hätte man also auch bequem zuhause vor dem Computer (u.a. bei Twitter und Facebook) verweilen können. Aber wir wollten neue Formen suchen, um mit dieser neuen Form umzugehen. Schließlich ist es noch keine Kunst, eine mediale Oberfläche zu kreieren, die mit der Behauptung antritt, Wirklichkeit zu sein. Diese Kunst beherrscht inzwischen ja der letzte Provinzpolitiker. Die (Theater)Kunst wäre doch, diese medialen Konstruktionen durch ihre Dekonstruktion transparent zu machen. Und wenn zu einer medialen Konstruktion (oder Dekonstruktion) eine physische Aktion gehört, ist es vielleicht immer noch die Aufgabe der Theaterkritik, die Aktion an eben dieser physischen Aktion zu messen.

Also saß ich in einer Doppelrolle als journalistische Mitspielerin und als echte Nachtkritikerin im Reisebus – motiviert von der Neugier auf die neue Form ebenso, wie von meiner persönlichen Überzeugung, dass Europas Asylpolitik menschenunwürdig und peinlich ist und jeden Politiker, der dafür Mitverantwortung trägt und allen Ernstes von den Menschenrechten als EU-identitätsstiftenden Werten redet, zum Doppelmoralisten macht.

grenzebeijambol 560 sophiedIm Grenzgebiet bei Jambol © Sophie Diesselhorst

Meine vom Zentrum vorgesehene Rolle als Berichterstatterin habe ich per Twitter vielleicht sogar übererfüllt. Nun kann ich in meinem Resümee nur versuchen, meine Erfahrungen zu sortieren und interessante Vorbehalte von reflexhaften zu unterscheiden.

Vorbehalte habe ich auch jenseits der oben schon genannten. Natürlich gehörte die Busfahrt nach Bulgarien zur Inszenierung und musste deshalb auch aufsehenerregend sein. Sozusagen als Reenactment einer Flucht in die EU mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln – also andersrum. Wir hätten die EU ja auf dem Weg nach Bulgarien nicht verlassen müssen. Aber wären wir dann zweimal an Grenzen aufgehalten und durchsucht worden, was eine Menge aufgeregter Tweets und Retweets und mittlerweile eine Kleine Anfrage der Linken im Bundestag generiert hat? Wahrscheinlich nicht, also besser über Serbien fahren. Der Plan ging voll auf: Wir saßen drei Stunden fest und wurden fortan erst von der serbischen, dann von der bulgarischen Polizei eskortiert, die uns am Anfang für gewaltbereite Hooligans hielt, bis sie bei der ersten Rast eine ganze Menge zarter, bunt angezogener Mädchen aus den Bussen tröpfeln sah.

Nun könnte man annehmen, dass solche Erfahrungen gemeinschaftsstiftend wirken – ja, dass sie doch wunderbar produktiv in die "Probe des Aufstands", wie Shermin Langhoff die Reise in ihrer Rede zur Verabschiedung der revolutionären Delegation nannte, einfließen könnten: Hätte man sich nicht im inszenierten Gespräch darüber (irgendeine Inszenierung hätte es gebraucht, schließlich war die Schar bunt zusammengewürfelt) weiter über das gemeinsame Vorhaben verständigen können, die Rollenprofile schärfen können? Hätte man vielleicht. Aber es gab kein Gespräch jenseits der Klassenfahrt-Gespräche, die so eine endlose Busreise mit zunehmendem Raststättenbierpegel produziert.

Daran schienen die "Regisseure", die im Übrigen nicht mit in den Bussen saßen, sondern nach Sofia flogen und zur Grenze vor den Bussen her im Land Rover fuhren, auch keinerlei Interesse zu haben. Wie auch daran nicht, die demo-erprobten politischen Aktivisten, die die Masse der Busfahrer ausmachten, aus ihrer Vorstellung zu befreien, dass wir unterwegs zu einer Demo sind und dass das mit dem Theater nur ein Trick ist, um möglichst unbehelligt zum Ort der Demo zu gelangen. Was sich bei der ganzen Geheimniskrämerei um "die Aktion" zuverlässig einstellte – die zermürbende Busreise tat wohl ihr Übriges – war eine Söldnermentalität, die sich zum Beispiel darin äußerte, dass ich, als ich im Rahmen einer konspirativen Besprechung in der Nacht zum Sonntagmorgen unserer Ankunft in Jambol zu fragen wagte, worin denn nun "die Aktion" bestünde (wir sollten einschätzen, ob wir nach zwei Nächten im Bus körperlich dazu in der Lage sein würden, direkt zu ihr zu schreiten), sofort von einem "Mitrevolutionär" zum Schweigen gebracht wurde: "Ist doch klar, dass die das nicht sagen können, hier herrscht einfach keine Funkdisziplin."

 

 

Als Philipp Ruch am nächsten Vormittag an dem für uns mit Absperrband improvisierten Grenzzaun außer Reichweite des eigentlichen Grenzzauns mit den bulgarischen Polizisten darüber verhandelte, ob wir weitergehen dürfen, habe ich meine Vorbehalte kurz suspendiert: Allein der Versuch, nur mit Worten bewaffnet da weiterzukommen, wo die Staatsgewalt bzw. Staatenbund-Gewalt sich schon per massive Polizeipräsenz als Gewalt enttarnt hat, war die ganze Mühe vielleicht doch wert. Oder? Mir kommt, wenn ich mich daran erinnere, nämlich doch auch gleich das Bild von Ruch in den Kopf, der sich nach erfolgloser Verhandlung zurückzieht, um die demo-heiße Gruppe ins Polizeischild laufen zu lassen ("Für mich ist die Kunstaktion hier zuende – ab jetzt ist jeder selbst dafür verantwortlich, was er hier riskiert"). Klar, das Zentrum hatte zwei Anwälte dabei und hätte bestimmt alles dafür getan, seine "friedlichen Revolutionäre" aus bulgarischen Gefängnissen rauszuhauen. Genug Geld ist ja beim Crowdfunding rumgekommen.

Kein Scheitern als Chance

Aber hätte es nicht auch Möglichkeiten gegeben, diese Situation künstlerisch zu nutzen (hätte man nicht zum Beispiel, wie die Kollegin von der Berliner Zeitung vorschlug, bulgarische Arbeiterlieder anstimmen können, statt die Demo-Routiniers ihren Demo-Routinen zu überlassen?)? Vielleicht schon, wenn man seine Mitstreiter ernster genommen hätte als Mit-Künstler und nicht als reines Material, dessen Eigendynamik sich halt dann noch austoben muss; man kümmert sich derweil um Schadensbegrenzung und schnelle, eloquente Umdeutung der "Aktion" zum Erfolg.

Scheitern kommt für Ruch und seine Untergeordneten nicht in Frage – natürlich war "die Aktion" erfolgreich, dass man überhaupt so weit kommen würde, damit hätte er nicht gerechnet. Und es gab ja dann auch noch ein Gruppenfoto mit gereckten Bolzenschneidern – inszeniert in sicherem Abstand zu den bulgarischen Polizisten, die im übrigen einen EU-Randstaat vertraten, der sich in der Asylpolitik von Ländern wie Deutschland alleine gelassen fühlt; eine Nuance der europäischen "Flüchtlingsproblematik", auf die das Zentrum in keinem seiner Statements eingegangen ist.

euwall endederaktion 560 sophiedBis hier und nicht weiter: die Aktion ist zu Ende. © Sophie Diesselhorst

Der "Europäische Mauerfall" wird wiederholt, das war eben nicht die Premiere, sondern bloß eine Probe: Das ist nun die Rhethorik des Zentrums. Die Busse fuhren weiter nach Griechenland, wo die Revolutionäre sich am Mittelmeer von den Strapazen entspannen sollten, so das Zentrum in einer internen Ansprache, und wurden an der Grenze zu Griechenland von Hundertschaften der Polizei empfangen, was zuverlässig weitere, wohl eher kurzlebige Empörung produziert (hat).

Autorität etablieren

Was schön gewesen wäre: Wenn das Zentrum es tatsächlich geschafft hätte, die Berichterstattung über die "Flüchtlingsproblematik" zu verwirren, die sich auf kenternde Boote vor Lampedusa und verzweifelte Flüchtlinge auf dem Dach der Berliner Gerhart-Hauptmann-Schule konzentriert – indem es ihr ein Geschehnis zum Fraß vorgeworfen hätte, das nicht von Tod und Versagen handelt, sondern von Idealismus und Mut. So etwas kann vielleicht wirklich ein wenn auch kleiner Teil der Vorarbeit an einem genuinen friedlichen EU-Volksaufstand sein, der bestimmt eher passieren kann, wenn "die Medien", an deren Wirkung das Zentrum religiös glaubt – meiner Erfahrung nach, anstatt an die Menschen zu glauben – auch in breiter Masse einsehen, dass der Umgang der EU mit Flüchtlingen ein zentrales Thema ist, das man anders als skandal-orientiert behandeln muss.

Aber, ganz naiv gefragt, nachdem ich den 9. November in Bulgarien verbracht habe und unbeleckt von den ganzen 25-Jahre-Mauerfall-Reden bin: Muss ein Volksaufstand nicht aus dem Volk kommen? Und: Wofür stehen wir eigentlich auf? Stehen wir nicht unter anderem auf für eine Gesellschaft, in der Journalisten offen berichten können und auch Kunstkritik als Verständigungsmittel wichtig sein darf? Warum reproduziert eine Vereinigung wie das Zentrum für politische Schönheit, die sich zwecks Etablierung moralischer Autorität immer wieder auf die Geschichte beruft, derart viele bekannte Revolutions-Fehler, wenn auch "nur" im Rahmen einer künstlichen Revolution?

Grenze der Erschöpfung

Wie stark das Signal ist, das das Zentrum mit dem "Europäischen Mauerfall" gesetzt hat, wird die Zeit zeigen. Wellen schlägt "die Aktion" ja durchaus auch jenseits des Feuilletons – aber ob da tatsächlich ein neuer Diskurs etabliert wird oder ob sich nur bestehende Fronten verhärten, finde ich gerade schwierig zu beurteilen. Vielleicht habe ich mich auch auf allen Ebenen disqualifiziert, indem ich die Segel gestrichen habe und die Gruppe nach den Geschehnissen an der Grenze aus Erschöpfungsgründen verlassen habe. Auf dem Flug von Sofia nach Berlin habe ich am Montagabend geschätzt ein Fünftel der "friedlichen Revolutionäre" wiedergetroffen, Mit-Deserteure aus unterschiedlichen Gründen. Außerdem flogen noch zwei bulgarische Regierungsbeamte mit, die ein Grüppchen, das den Bus an der Grenze zu Griechenland verlassen hatte, bis nach Sofia und den ganzen Montag lang durch die Stadt auf eher unprofessionelle Weise beschattet hatten. Das hat dann doch wieder eine gewisse Schönheit.

 

Erster Europäischer Mauerfall. Die Verwundeten
Eine Aktion des Zentrums für Politische Schönheit
im Rahmen des Festivals "Voicing Resistance" am Maxim Gorki Theater Berlin
Leitung: Philipp Ruch, André Leipold und Cesy Leonard

www.politicalbeauty.de
www.gorki.de

 

 

Hier geht es zum nachtkritik.de-Liveblog zur Aktion Erster Europäischer Mauerfall.

Der Arbeit der Gruppe Zentrum für Politische Schönheit hat Sophie Diesselhorst vor einiger Zeit bereits ein längeres Porträt gewidmet.

Mehr zum Thema:

Meldung 9.11.2014: Berlins Innensenator Henkel greift Gorki Theater wegen Mauerkreuzklau an

Meldung 11.11.2014: Mauerkreuzklau: Gorki Theater wehr sich gegen Vorwürfe des Innensenators


Presseschau

War das nun Politik, Kunst oder Straftatbestand, was da bei der Aktion "Erster Europäischer Mauerfall" mit dem Abbau der Gedenkkreuze für die innerdeutschen Maueropfer und der anschließenden Reise von Berlin nach Bulgarien ablief? Darüber berichten und debattieren auch die Printmedien.

In ihrer Reportage für die taz (12.11.2014) wirft Ines Kappert einen Blick auf die Busreisenden: "Die einen kommen eher aus der Kulturecke. Sie interessiert das Performative der Aktion, also die Busfahrt, die kommende Inszenierung am Grenzzaun, die Reaktion der Medien, kurzum der Diskurs - ihn wollen sie öffnen. Das Aufschneiden des Mauerzauns dagegen ist vor allem die Passion der PolitaktivistInnen. Allen gemeinsam sind die gute Laune und die Ungewissheit, was auf sie zukommen wird. Alle haben sie Demo-Erfahrung, viele waren bei Anti-Castor-Protesten." Vor Ort in Bulgarien sei das Zentrum für politische Schönheit vom "Militäraufgebot an der Grenze" überrascht worden. Gegen die Weiterfahrt nach Griechenland zum Ausspannen am Meer habe sich Widerstand in der Aktivistengruppe geregt: "'Wir haben uns keinen Tag am Meer verdient. Die Aktion ist gescheitert', meinen einige."

Anne Lena Mösken schaut die Aktion des Zentrums für Politische Schönheit für die Berliner Zeitung (online 11.11.2014) an. "Wie großartig die Gruppe das Verwirrspiel beherrscht, wie subtil sie ihre Marker setzt, die 'Achtung, Inszenierung' signalisieren, zeigte die Mischung derer, die dem Aufruf folgten und Freitagnachmittag am Gorki-Theater in zwei Reisebusse stiegen, um tatsächlich zur EU-Grenze aufzubrechen: der junge Drehbuchautor, der Netzaktivist, die Sozialwissenschaftsstudentin, Abgeordnete der Piraten, Castorgegner, Theaterpädagogen." Die Reisegruppe habe mit ihrer Tour über holperige Straßen auch das Credo dieser politischen Aktionskunst – "Kunst muss weh tun" – gelebt. Allerdings: "Vielleicht waren diese Statisten die große Schwäche der Aktion. Denn mehr als Statisten durften sie nicht sein, bis zum Schluss wussten sie nicht, was an der Grenze passiert, nur ahnend, dass es schlimm werden könnte (...)." Als die Aktion dann von Philipp Ruch nach Verhandlung mit den Grenztruppen beendet wurde, "da blieben diese Statisten ohne Regie und wussten sich nicht anders zu helfen, als die ewig gleichen Protestgesänge anzustimmen, die derzeit jede Flüchtlingsdemo im Lande begleiten: 'refugees are welcome here'."

Unter der Überschrift "Im Zweifel für die Freiheit" rückt Rüdiger Schaper vom Tagesspiegel (12.11.2014) die Aktion des Zentrums für politische Schönheit in den Kontext neuerer Aktionskunst (die auch Dries Verhoeven mit "Wanna Play" jüngst am HAU praktiziert habe) und vergleich sie mit Arbeiten von Christoph Schlingensief, etwa "Tötet Helmut Kohl" an der Berliner Volksbühne 1996. "Schlingensief versus Kohl: Das war noch Mann gegen Mann. Sohn gegen Vater. Provokation gegen Betonfassade. Schweinkram gegen Saumagen. Inzwischen haben wir Künstler, die kaum mehr künstlerische Anmutung besitzen, vielmehr wie Attac- oder Greenpeace-Aktivisten vorgehen und wirken. Das muss man nicht feiern. Man kann es, wenn man romantisch veranlagt ist, auch bedauern. Aber man muss es aushalten. Dass Kunst überzieht. Und gar nicht mehr aussieht wie Kunst."

Im Gespräch mit Katja Hensel vom Freitag (online 12.11.2014) schätzt die Intendantin des Berliner Gorki Theaters Shermin Langhoff die Aktion (die im Rahmen eines Gorki-Festivals lief) als Erfolg ein und begründet noch einmal, weshalb sie in den Diebstahl der Gedenkkreuze für die Mauertoten als Bestandteil der Aktion nicht eingeweiht war: "Ich kontrolliere keine Details von autonomen und autarken Künstlergruppen, vor allem, wenn es sich wie beim Zentrum für Politische Schönheit um Kollektive handelt." Auch sieht sie die Aktion künstlerisch legitimiert: "Kunst muss streitbar sein, mit derlei Entgrenzung schmerzen können." Politische Konsequenzen für ihr Haus fürchte sie persönlich nicht. "Wenn man wie ich Kunst fördert und unterstützt, muss man Risiken eingehen. Kunst sucht die Grenzen, und wir haben den Anspruch, politisches Theater zu machen."

In der Welt (12.11.2014) erscheint Matthias Heine die Aktion als der "hirnrissigste Dreck, der in der jüngsten Zeit aus deutschen Theater gekommen ist". Zentrales Problem ist für ihn die Verwässerung des Begriffs "Mauer": Man müsse "differenzieren zwischen einer Mauer, die – wie die Zonengrenze – gebaut wurde, damit Bürger eines Gefängnisstaats nicht aus diesem fliehen können, und einer Mauer, die Menschen davon abhalten soll, in einen Kontinent hinein zu gelangen, der ihnen so großartig erscheint, dass sie ihr Leben riskieren, um dahin zu kommen." Entsprechend sei es doch "eine entscheidende Differenz, ob man von staatlichen Killern erschossen wird – wie die Toten an der innerdeutschen Grenze – oder ob man ertrinkt, weil man von kriminellen Schleppern in einem löchrigen Boot auf dem Meer ausgesetzt wurde." Die ganze Aktion ist für Heine das Symptom für "die notorische intellektuelle Selbstüberschätzung der Theaterleute“. Soll heißen: "Ständig fühlen sie sich gedrängt, die Welt über Dinge zu belehren, die komplett außerhalb ihrer Kernkompetenz liegen."

Am Tag nach ihrer Reportage (siehe oben) legt Ines Kappert noch einmal mit einem politischen Grundsatztext für die taz (13.11.2014) nach: "So unvollkommen die vom Zentrum für politische Schönheit initiierte Aktion am bulgarisch-türkischen Mauerzaun war – die harschen und nervösen Reaktionen auf sie, zeigen wie wichtig ein Schritt in diese Richtung ist. Jetzt muss der Protest weiter professionalisiert werden." Denn die EU betreibe "Flüchtlingspolitik allein als Abschreckungspolitik. Das Recht von Menschen auf menschenwürdige Behandlung, das auf der EU-Werteskala doch ganz oben steht – offiziell – kommt nicht zum Tragen."

"Sämtliche Empörungsrituale und Skandalisierungsroutinen arbeiteten so verlässlich, wie es sich ein Regisseur nur wünschen kann", resümiert – stau – (Harald Staun) in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (16.11.2014). Den Erfolg der Aktion beschreibt Philipp Ruch vom Zentrum für politische Schönheit für den Kritiker: Er liege darin, "den absurden Aufwand veranschaulicht zu haben, mit dem, von den deutschen Behörden bis zur bulgarischen Polizei, die europäische Außengrenze geschützt wird, selbst vor ein paar harmlosen Kunsttouristen." Staun schließt an sein Interview mit dem Künstler an: "Dass für alle, die das Stück nur in den Zeitungen verfolgten, von diesen Bildern nicht viel übrigblieb, ist nicht die Schuld der Künstler; aber das Dilemma ihrer Kunst ist es doch. Am Ende waren es eher hässliche Gewissheiten, die die Aktion des Zentrums für politische Schönheit sichtbar gemacht hat: Die Ignoranz für die wahren Probleme ist offensichtlich, die parteipolitischen Reflexe sind intakt, niemand entkommt seiner Rolle. Statt über Tote streitet man sich über Berliner Lokalpolitik. Und statt über die Grenzen der EU diskutiert man über jene der Kunst."

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