Schwere Gegner

von Kai Krösche

Wien, 29. Januar 2015. Dieser junge, ungestüme Mann, er kann nicht anders als dem neugewählten Regime ein Dorn im Auge sein: Johann "Rukeli" Trollmann, der aufmüpfige, lebensfrohe und wendige Boxer mit seinem flinken Kampfstil verkörpert all das, was die Nationalsozialisten in ihrem verkrampften Strammheitswahn verabscheuen – da kommt es nur gelegen, dass dieser junge Mann zur Volksgruppe der Sinti gehört, die nach und nach in einem schleichenden Prozess von den Nazis entrechtet, verfolgt und schließlich ermordet werden. Erst will man ihm nicht den Titel verleihen, schließlich versucht man, ihn durch die Auflage eines ihm nicht eigenen Kampfstils zu bändigen – schon bald folgen Zwangssterilisation, KZ-Internierung und schließlich, kurz vor der Befreiung durch die Alliierten, der Tod im Lager.

Felix Mitterer hat sich in seinem Stück "Der Boxer", das nun im Theater an der Josefstadt zur Uraufführung kam, des Schicksals des echten Johann Trollmann angenommen – und seine Verfolgung zur Zeit des Nationalsozialismus zum stellvertretenden Schicksal für die systematische Unterdrückung und Ermordung einer ganzen Bevölkerungsgruppe gemacht.

Das Lächeln des Gewinners
Gregor Bloéb zeichnet den jungen Boxer Rukeli mit einer seltenen Körperlichkeit: Trotz seiner muskulös-schwergewichtigen Statur tänzelt und schleicht er in geradezu choreographischen Bewegungen nicht nur während der Boxkämpfe, sondern auch in der Interaktion mit seinen Mitspielern über die Bühne, wirft die Arme in die Luft, lacht breit und frech und provoziert mit einer geradezu unverschämten, rebellischen Eleganz seine zur martialischen Steifheit erstarrten Gegenspieler. Erst im Laufe der Zeit scheint aus dem starken Mann unter der Last der psychischen und körperlichen Demütigungen die Lebenskraft zu sickern; wenn sich Bloébs Rukeli nach der Zwangssterilisation, einem geprügelten Hund gleich verzweifelnd die eigene Männlichkeit aberkennt, gehört das zu jenen seltenen Augenblicken im Theater, wo ein Schauspieler durch Stimme, Körper und Mimik dem Betrachtenden einen Schauer über den Rücken fahren lässt: Die Gewalt des Regimes zeichnet sich in den Körper ein, zersetzt nach und nach die Haltung, bis am Ende nur mehr ein erschöpftes, geschundenes Häuflein Elend übrigbleibt. Ein Elend jedoch, das sich bis zum Schluss seiner Opferrolle verweigert, selbst im Angesicht des schlussendlichen Todes seinen Peinigern noch das spitzbübische Lachen des Gewinners breit und ungebrochen entgegenschleudert.

derboxer2 560 erich reismann uDie Boxer: Gregor Bloéb und Raphael von Bargen © Erich Reismann

Seine Nemesis gibt Raphael von Bargen als der regimetreue Boxer Reinhard Wolf: Steif, stramm und roh verliert er den ersten Kampf gegen Rukeli und dessen als zu ausgelassen, zu tänzerisch verfemten Boxstil. Erst als Rukeli unter dem Druck der Öffentlichkeit gezwungen wird, seinen Kampfstil anzugleichen, schlägt er ihn in einer zweiten Begegnung zu Boden. Später wird er sich persönlich als Lagerkommandant für die Internierung Rukelis einsetzen, um ihn zu Boxkämpfen um Leben und Tod zu zwingen. Dass dieser Wolf nicht zur Karikatur des Bösen verkommt, liegt an dem unterschwelligen Selbsthass und dem Zweifel, die von Bargen seiner Figur in unzähligen Zwischentönen verleiht: Die Machtdemonstrationen geraten zum eigentlichen Schwächeln, die Boshaftigkeit zur lächerlichen und gleichsam schrecklichen Befriedigung tiefgekränkter männlicher Eitelkeit.

Der Boxring wird zur Leichenkammer
Nicht weniger spannend Peter Scholz' Zeichnung des Regimeopportunisten Heinz Harms: Schwankend zwischen Sympathie für den verfolgten Rukeli und einer immer stärker brodelnden inneren Aggression angesichts der Zurechtweisungen seiner Vorgesetzten windet er sich wie ein Aal zwischen Gesten der Freundschaft und – vermeintlich aufgezwungenen – Akten der Gewalt: Er wird es schließlich sein, der auf Wolfs Befehl hin Rukeli mit einem Spaten, gehorsam und entsetzt zugleich, erschlägt.

"Der Boxer" gerät in der Inszenierung Stephanie Mohrs zum großen Schauspielertheater, verlässt sich jedoch nicht einzig auf sein starkes Ensemble, sondern schafft auch immer wieder eindrückliche Theaterbilder, die besonders durch Auslassung Schrecken verbreiten: Eine langsame, aber stetige Spirale der Gewalt und Verfolgung, die jeden Witz, jede Lebensfreude zeitlupenartig (aber konsequent) von der Bühne verdrängt – die von der Decke hängenden Boxsäcke lassen schließlich Leichensäcke oder die in einem zum Schluss eingeflochtenen Monolog erwähnten ausgehöhlten Körper der Lageropfer assoziieren. Der Boxring wird zur Leichenkammer, der Staub im Gesicht der Zwangsarbeiter zum leichenzersetzenden Kalk; dass zum Schluss dennoch einmal mehr das bereits zu Beginn des Stücks eingesetzte, flotte, spielerische, ungehemmte und aus vokalen Lauten schmissig zusammengesetzte Musikstück erklingt, ist ein starkes, weil kontroverses Statement: Am Ende siegt doch das Leben, selbst wenn die Lebenden gewaltsam zur (scheinbaren) Niederlage gezwungen wurden.

Der Boxer
von Felix Mitterer
Uraufführung
Regie: Stephanie Mohr, Bühnenbild: Florian Parbs, Kostüme: Nicole von Graevenitz, Musik: Stefan Lasko, Box-Coach und Box-Choreografie: Ernst Dörr, Dramaturgie: Barbara Nowotny, Licht: Manfred Grohs.
Mit: Gregor Bloéb, Raphael von Bargen, Hilde Dalik, Michael König, Elfriede Schüsseleder, Ljubiša Lupo Grujčić, Matthias Franz Stein, Peter Scholz, Dominic Oley, Martin Niedermair, Sarah Gärtner-Horvath, Indira Gussak.
2 Stunden, 30 Minuten, eine Pause

www.josefstadt.org

 

Kritikenrundschau

Gregor Bloéb in der Titelrolle dominiere die Aufführung in atemberaubender Weise, schreibt Barbara Petsch in der Wiener Presse (31.1.2015). Doch auch Regisseurin Stephanie Mohr malte aus Sicht der Kritikerin "souverän und bedachtsam Mitterers etwas holzschnittartige Figuren" aus, aus denen sie oft ihren Erfinder "und seine pädagogische Mission" sprechen hört. Irritiert ist die Kritikerin von manchem Kischee. Auch erscheint ihr der Boxsport "in der Virtuosität, in der sich das Theater diese Kunst hier anverwandelt", letztendlich "nicht angemessen für das, was damit symbolisiert werden soll: die allgegenwärtige Gewalttätigkeit des Menschen."

"Unterm vielbejubelten Strich bleibt ein Stelldichein von Gespenstern und Pappkameraden übrig," schreibt Ronald Pohl im Wiener Standard (31.1.2015). Bereits der "grundgute, um Betroffenheit bemühte Text" von Felix Mitterer ("der Andachtsfigurenschnitzer unter den Gegenwartsdramatikern") besitzt aus Sicht des Kritikers "nicht den Funken jener Eleganz, die "Rukelis" Boxstil einst ausmachte." Zunächst bewundert Pohl noch "die sinnreichen Bildlösungen, die Regisseurin Stephanie Mohr eingefallen sind." Im zweiten Teil des Abends entgleiten ihr dann, so Pohl, Text und Aufführung zusehends. "Der Schlamm wird mit viel Kitsch durchsäuert."

 

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