Zwischen menschlich und möglich

von Dorothea Marcus

Russe/Bulgarien, Februar 2008. Bulgarien bestätigt auf den ersten Blick manches Klischee. Zuerst fallen die maroden Gründerzeitfassaden auf, verklebt mit westlichen Firmennamen: Postbank, Prada, adidas. Dazwischen blinken bunte Wegweiser zu den Sexshops. Restaurants gibt es immer noch kaum, wir gehen meist ins Happy, ein Schnellrestaurant, wo es mit Schafskäse bestreute Pommes und Tomaten-Gurken-Salat gibt.

Die Kellnerinnen sehen ein wenig aus wie gleichgeschaltete Animierdamen: rote Miniröcke, die kaum über den Po reichen, eng anliegende Oberteile bei Außentemperaturen von minus zehn Grad. Auf Bildschirmen flimmert die bulgarische Version von MTV, nur schärfer. Selbst Unterwäschewerbung sieht hier aus wie Softporno. Diejenigen, die sich die Marken aus dem Westen leisten können, fahren mit dunklen großen Autos, zuweilen mit deutschen Kennzeichen, zwischen den Trabis. "Das ist die Mafia, sie hat Bulgarien fest im Griff", erzählt Rudolf Bartsch, Leiter des Goethe-Instituts von Sofia.

Mit einem Jahresetat von einer halben Million

Auf den Bühnen spiegelt sich die Krise des Landes, die uns von Journalisten, Autoren und Theaterleuten bestätigt wird, allerdings nicht. "Das bulgarische Theater ist nicht politisch, Bulgaren wollen sich im Theater lieber unterhalten lassen", erzählt der Schauspieler Lubov Mirkenev, "wir beschäftigen uns eher mit zwischenmenschlichen Themen." Seit fünf Jahren ist er fest am Theater in Russe engagiert, für 200 Euro im Monat, wie seine 21 Kollegen.

Ärzte und Lehrer verdienen etwa genauso viel. Im Vergleich zu manchen Renten von rund 20 Euro fast schon ein prächtiger Lohn. Obwohl Russe und Osnabrück beide rund 165.000 Einwohner haben, hat das Osnabrücker Vierspartenhaus einen Etat von 16 Millionen Euro, während das Theater Russe, eines der bedeutendsten in Bulgarien und soeben mit dem "Theater-Oscar" Askeer ausgezeichnet, mit einer halben Million auskommen muss. Trotzdem ist das Ensemblesystem an den 43 Theatern von Bulgarien fest verankert, das Nationaltheater in Sofia hat sogar 40 Schauspieler.

Für Bulgaren muss das Gastspiel aus Osnabrück ein Realitätsschock sein. Das Theater hat sich unter seinem Intendanten Holger Schultze in den letzten zwei Jahren zu einer wichtigen Adresse für Gegenwartsdramatik entwickelt. Mit dem preisgekrönten Stück "alter ford escort dunkelblau" von Nachwuchsdramatiker Dirk Laucke soll ein lang angelegter Austausch mit dem Theater Russe beginnen, mit Gastspielen, Workshops, deutsch-bulgarischen Koproduktionen bis hin zu Stückübersetzungen – das gab es zwischen Bulgarien und Deutschland noch nie.

In Deutschland Sozialkritik, in Bulgarien die Seele?

Die tragikomische Metapher auf eine ostdeutsche Nachwendegeneration zwischen Aufbruchswille und Scheitern erzählt poetisch und derb von drei Zeitarbeitern, die im Plattenbau leben und Bierkisten stapeln, keine Zukunftsperspektive haben und trotzdem auf große Fahrt gehen. Die Vorstellung ist fast ausverkauft, viele junge Leute, die Deutsch sprechen, sind gekommen, bleiben zum Publikumsgespräch und sind begeistert vom "authentischen" Spiel der Darsteller.

"Ihr in Deutschland seid sehr sozialkritisch, wir interessieren uns als Slawen mehr für die menschliche Seele", sagt einer. "Ich bin überzeugt, dass man solche Themen auf der Bühne zeigen muss und sie Publikum finden würden", eine junge Schauspielerin. Sie würde Lauckes Stück am liebsten sofort selbst inszenieren, aber: "Als junge Künstlerin habe ich dazu kaum eine Chance."

Seit Bulgarien in der EU ist, haben sich große Stiftungen wie Pro Helvetia oder die amerikanische Open Society verabschiedet und geben keine Fördermittel mehr, erzählt die Journalistin Ljudmila Dimova in Sofia, das sei ein schwerer Einschnitt für den künstlerischen Nachwuchs. Zudem leide die Künstlerszene seit der Wende am Wegzug von bis zu 2 Millionen Bulgaren, 20 Prozent der Bevölkerung. Die Hälfte pendele zwischen Ost und West, "der Rest ist einfach verschwunden."

Dass die Theaterszene in Bulgarien heute weitgehend aus Unterhaltungstheater besteht, wird auch von anderer Seite bestätigt. "Seit etwa sieben Jahren findet auf der Bühne so gut wie keine Spiegelung der sozialen Realität mehr statt. Obwohl die staatliche Unterstützung gesichert ist, ist der Zustand des bulgarischen Theaters besorgniserregend", erzählt die Theaterwissenschaftlerin Violeta Detcheva.

Gotscheff kommt nicht mehr an: zu kalt, zu sehr Brecht

"Direkt nach der Wende gab es engagierte Versuche, im Theater ästhetisch neue Wege zu gehen, voller Wut und Euphorie." Aber die Zuschauer blieben aus, sie hatten andere Sorgen, viele Theater mussten schließen. Langsam erholt sich das Theaterleben wieder, aber es wird zur Zerstreuung genutzt – bloß keine Probleme auf die Bühne bringen. Dass es nun zu einem Austausch mit Westeuropa kommt, nennt Detcheva überfällig: "Das ist ein bulgarisches Symptom: der Hang zur Isolation." Einzelprojekte wie "Cargo Sofia – X" von Rimini Protokoll oder eine rollende Roadshow mit Bulgaren von René Pollesch haben kaum Widerhall gefunden.

Auch der Bulgare Dimiter Gottscheff war letztens mit den "Persern" auf Gastspiel in Sofia. Ende der 70er-Jahre hat seine Karriere am Theater Russe begonnen. Aber sein Theater würde in Bulgarien heute nicht mehr gemocht – "zu kalt, zu sehr Brecht", sagt Detcheva. Auch Pollesch sei den Bulgaren fremd, "die Emotionalität des bulgarischen Schauspielers passt nicht zu ihm."

Trotzdem legt man in Bulgarien Wert auf Gegenwartsdramatik: rund 60 Prozent der gespielten Autoren sind zeitgenössisch. Hanoch Levin, Vladimir Mrozek und sogar Igor Bauersimas "Norway.Today" werden gespielt. Das "Titanic-Orchester" des Bulgaren Christo Bojtschev, vom Intendanten Plamen Panev am Theater Russe inszeniert, ist eine märchenhafte Mischung aus Beckett und Ionesco.

Auf einem verlassenen Bahnhof treffen sich vier Kofferräuber. Weil aber längst kein Zug mehr hält, ernähren sie sich von dem, was die Reisenden aus dem Fenster werfen, auf der Bühne liegen zerdrückte Bierdosen und Tetra-Packs. Sie erinnern an den Müll in den Vorstädten, an denen wir, als wir von Bukarest aus über die Donau nach Russe kamen, vorbeigefahren sind – die schmutzige Kehrseite der bunten Firmenlogos an den Fassaden. Eines Tages fliegt doch eine Kiste aus dem Fenster eines vorbeifahrenden Zuges. Drin sitzt der Trickkünstler Harry, der sie die wahre Kunst des Überlebens lehrt: die Fantasie.

Wiedergänger, mal lustig, mal düsterIn

"Ein bulgarischer Witz" von Iwan Kulekow versucht ein Mann, einen Film zu finanzieren. Auf seiner Irrfahrt zwischen potentiellen Geldgebern spielt er einen alten bulgarischen Witz immer wieder neu vor: ein Mann erwischt seine Frau mit einem anderen im Bett. In verschiedenen Szenen werden die Gründe für das Scheitern des Paares vorgespielt. Eine Betrachtung über die Unmöglichkeit der Liebe und darüber, wie fantasievoll um Kulturfinanzierung gekämpft werden muss.

Als experimenteller Gegenpol zum Unterhaltungstheater gilt seit 1989 die Gruppe Sfumato, benannt nach einer Maltechnik der Renaissance. Seit zwei Jahren haben sie in Sofia ein eigenes Theaterhaus und ein kleines, treues Stammpublikum. Ihr Stück "Strindberg in Damaskus" vom 38-jährigen Autor Georgi Tenev verzahnt Szenen aus der Ehe Strindbergs, dem Leben der ermordeten Künstlermuse Dagni Juel und dem Zusammenbruch Nietzsches.

Dagni kommt als bleicher Geist mit hallender Mikro-Stimme aus einem Teppich emporgefahren, darüber liegt ein düsterer Schwarzweißfilm von einer geisterhaften Autofahrt ins Nirgendwo: Ein pathetisches Stück über die Suche nach dem Absoluten in der Kunst, die in Wahnsinn und Tod münden kann. Tenev, der in Bulgarien ein bekannter Gegenwartsautor ist, meint, dass sich trotz der großen Krise, die das Land in Kultur und Gesellschaft erfasst hat, langsam etwas bewege in seinem Land.

Ölfelder zu Gegenwartsstücken!

Die Journalistin Ljudmila Dimova erzählt uns mehr darüber: Die junge Regisseurin Gergana Dimitrova, ausgebildet an der Ernst-Busch-Schule Berlin, veranstaltet etwa szenische Lesungen an theaterfernen Orten, auch "zeit zu lieben zeit zu sterben" von Fritz Kater war dabei. Junge Regisseure haben gerade ein Festival reanimiert, organisiert von Ivan Stanev, der seit langem in Berlin lebt. Sie spielen sogar auf einer Bühne in unserem Hotel, in dem die Zimmer mit tiefbraunem Holzmobiliar und sozialistischen Teppichmustern aussehen wie Bühnenbilder von Anna Viebrock.

Auch ein junger-Dramatiker-Preis wurde gerade ausgeschrieben. Gewonnen hat ihn die unbekannte Autorin Jana Barisova, für ein Kammerstück, das "genau die bulgarische Generation zwischen 30 und 40 porträtiert, die nicht erwachsen werden will". Vier Freunde treffen sich einmal im Monat und spielen ein Kinderspiel, bis sich nach und nach ein schlimmes Geheimnis aus ihrer Jugend enthüllt. Im Mai wird in Sofia sogar ein Privattheater für Gegenwartsdramatik eröffnen, in dem erstmals Yasmina Reza gespielt werden soll. Finanziert wird es übrigens vom griechischen Erdöl-Magnaten Dimitrios Avanitis, die Schauspieler sollen doppelt so viel verdienen wie üblich. Manchmal widerspricht der Kapitalismus eben doch seinen eigenen Klischees.

 

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