Langer Weg

von Simone Kaempf

Berlin, 29. Oktober 2015. Wenn sich alles gut gefügt hat, leben Rooble, seine Frau und ihr neugeborenes Kind mittlerweile in einer eigenen Mietwohnung. Mit Glück hat die Erst-Anhörung stattgefunden, was bedeuten würde, dass sich ihr Asylverfahren bewegt und ihre Situation nicht mehr wie vor Monaten im Ungewissen verharrt. Entspannung könnte man das vermutlich noch nicht nennen, aber zur Ruhe kommen scheint erst einmal gut.

Rooble spielt mit in dem Theaterstück Ultima Ratio, das im April im Berliner Heimathafen Neukölln Premiere hatte. Rooble ist nicht sein richtiger Name, sondern eine Erfindung des Theaters. Die Anonymisierung dient als Schutz, und "Mitspielen" trifft es als Ausdruck auch nicht so ganz. Halb durch Lamellen verdeckt sitzt er im Bühnenhintergrund an einem Tisch, liest aus einem Brief, den er selbst verfasst hat und in dem er die Behörden um Asyl in Deutschland bittet.

Der kleine Prolog dient als Auftakt eines Abends, dessen großen Teil die Schauspielerin Tanya Erartsin bestreitet. Dazu zeichnet die Illustratorin Bente Theuvsen live ein Bühnenbild im Graphic-Novel-Stil. Die Verfremdung hilft, von der Flucht, der Vorgeschichte und den Folgen zu erzählen.

UltimaRatio01 280 VerenaEidel u"Ultima Ratio" © Verena Eidel Roobles Frau war als Fünfzehnjährige im Sudan verschleppt worden. Nach drei Monaten kam sie frei. Selbst ihr Vater drängte sie, das Land zu verlassen für eine bessere Zukunft in Europa. Zwei Jahre dauerte es, bis das Paar über Libyen, Lampedusa, Dänemark irgendwann in Berlin landete. Die Gewalt, die beide im Sudan erlebt haben, setzte sich auf dem Weg fort. Und sicher waren sie auch in Deutschland nicht. Bald drohte die Abschiebung, die in letzter Sekunde verhindert wurde. Die katholische Gemeinde St. Christophorus am Neuköllner Reuterplatz nahm das Paar in ihrer Gemeindewohnung ins Kirchenasyl. Wegen der besonderen Schwere ihrer Geschichte, die Regisseurin Nicole Oder und ihr Team rekonstruierten aus Aktennotizen, biographischen Schnipseln und Protokollen der Psychologin. Mit Details wird nicht gespart, sie gehen einem nah.

Individuum in der Masse

In den Wochen nach der Premiere im Heimathafen Neukölln erfährt man in den Nachrichten fast täglich, dass Flüchtlings- und Schlepperboote im Mittelmeer kentern und die Insassen ertrinken. Es ist Anfang Mai. Nicolas Stemanns "Die Schutzbefohlenen" eröffnet das Theatertreffen, Teil der Inszenierung sind knapp 20 Flüchtlinge, die hauptsächlich als Gruppe auftreten. Doch sagen sie wirklich, was sie zu sagen haben? Gehen die Einzelschicksale nicht doch in der Chor-Masse unter? Werden ihre eigenen Stimmen nicht von der Jelinek-Text-Suada übertönt?

Auch nach "Ultima Ratio" bleiben Fragen. Rooble liest seinen Brief, den er selbst verfasst hat. Sein Auftritt ist zurückhaltend, fast nüchtern, keine selbstbewusste Wutrede, wenngleich die Botschaft klar ist. Es bleibt das Gefühl, dass noch einiges mehr zu sagen wäre. Ich möchte ihn treffen, um seine Geschichte besser zu erzählen und zu fragen, was ihm sein Auftritt im Theater bedeutet. Aufklärung der Zuschauer? Schürt es bei ihm Hoffnung, dass sein Asylverfahren positiv beeinflusst wird? So beginnt eine Kontaktsuchodyssee, die einen bald in einen Irrgarten von Problemen führt.

Ganz reales Überleben

Auf die Anfrage, Rooble zu treffen, reagiert der Heimathafen Neukölln erst einmal zögerlich. Ein Kontaktgesuch der Boulevardzeitung B.Z. war bereits abgewehrt worden. Man will nicht, dass Rooble als echter Flüchtling herumgereicht wird, andererseits soll er selbst über ein Treffen entscheiden. In einem Telefonat mit Regisseurin Nicole Oder geht es um jene Fragen, denen sich das Theater im Vorwege stellen musste und die auch Journalisten ständig betreffen: die Gefahr, jemanden nur als Authentizitätsbeweis zu benutzen, ihn für die eigene Profilierung zu instrumentalisieren. Wie kann man mit real erlebten Schrecken verantwortlich umgehen und einen Weg finden, die Geschichte nachzuerzählen? Nach einer der Vorstellungen findet ein Publikumsgespräch statt. Rooble läuft durchs Foyer, man könnte ihn jetzt einfach ansprechen. Ich habe Hemmungen, er spricht weder Deutsch noch Englisch oder Französisch, ich nicht seine Sprache. Aber auch, weil es mir furchtbar übergriffig vorkäme.

Es ist nun ungefähr Mitte Mai. Das Theater hat Roobles Anwalt kontaktiert, der prüft, ob ein Treffen mit Journalisten Nachteile im Asylverfahren bedeuten könnten. Er gibt grünes Licht, doch Rooble ist auf Wohnungssuche, der Duldungsstatus erlaubt den Umzug in eine eigene Wohnung. Die Zeit drängt, weil seine Frau schwanger ist. Das Theater leitet Wohnungsgesuche über seinen Verteiler weiter, es stellt sich der eigenen Verantwortung über die Inszenierung hinaus. Rooble hat andere Sorgen, das Treffen wird vorerst verschoben. Irgendwie auch zur eigenen Erleichterung. Bei dem Paar sind ganz lebenspraktische Dinge wichtig, überlebenswichtig, und man selbst will mit Fragen zum Theater daherkommen?

Treffen oder Nicht-Treffen?

Im Juni erreicht einen die gute Nachricht, dass die Wohnungssuche erfolgreich war. Sorgen bleiben um die Schwangerschaft der Frau. Zwei Fehlgeburten hatte sie auf der Flucht erlitten. Als das Paar in Sizilien auf der Straße schlafen musste, wurden sie nachts überfallen und verprügelt, die Frau verlor das Kind. Nach einer Woche im Krankenhaus in Catania wurde sie zurück auf die Straße geschickt. Ihr vor allem hat die lange Flucht zugesetzt, mehr als dem Mann. Nicole Oders Inszenierung zitiert immer wieder die betreuende Psychologin. Wenn man durch den Abend eines begreift, dann, dass es nach einem solchen Weg kein Zurück geben kann. Ich beschließe, erst einmal abzuwarten, bis das Kind auf der Welt ist.

Kurz vor den Sommerferien verspricht Lucia von Seldeneck aus der Pressestelle des Heimathafen Neuköllns Rooble wegen des Treffens noch einmal zu fragen. Die nachtkritik-Kollegen bohren nach, was aus der Geschichte wird. Ich frage mich, ob der Auftritt im Theater angesichts der Lebensprobleme des Alltags nicht längst marginal geworden ist. In zwei Tagen beginnt die Theaterpause, das Treffen mit Rooble liegt auf Eis. Vielleicht ist das gut so. Vielleicht ist es das Beste, ihn in Ruhe zu lassen.

Schutz der Privatsphäre

Im September flüchten täglich tausende Menschen vor allem aus Syrien und Afghanistan nach Europa. Die Medien sind überall präsent, berichten live von der ungarischen Grenze, begleiten die Neuankömmlinge während ihrer ersten Nächte in Zeltstädten. In den Nachrichten der weinende Vater, dessen toter Sohn im türkischen Bodrum an dem Strand gespült wurde. Es scheint nur noch ein Thema zu geben, über das wird umso breiter berichtet. Automatisch denke ich wieder an das Treffen mit Rooble. Aber auch, dass man als Flüchtling im Licht der Öffentlichkeit ziemlich ungeschützt dastehen kann, und daran, dass für Rooble und seine Frau in der Inszenierung ein guter Schutzraum gebaut und dennoch stellvertretend ihre Geschichte erzählt wird.

Mittlerweile bemühen sich immer mehr Theater, den Flüchtlingen zu helfen. Das Deutsche Theater Berlin hat in den Garderoben eine provisorische Notunterkunft mit acht Schlafplätzen eingerichtet. Flüchtlinge können eine Nacht bleiben, oder auch mehrere, wenn sie bei der Aufnahmestelle nicht sofort einen Gutschein für eine feste Unterkunft ergattern. Kontakt zu den Flüchtlingen vermittelt das Theater ausdrücklich nicht. Weil die Neuankömmlinge teils nur eine Nacht im Haus bleiben, aber auch zum Schutz der Privatsphäre, heißt es.

Angesichts der Vielen, die kommen, vom Einzelschicksal zu erzählen, wirkt in der Situation legitim und stimmig. Vielleicht schützt es sogar ein wenig vor dem, was die überall geführten Diskussionen suggerieren: dass ein geschlossener Block auf Deutschland zusteuere. "Ultima Ratio" wird im November am Heimathafen Neukölln dreimal gespielt, Rooble wieder mit auf der Bühne, ein gutes Zeichen. Er sagt dort, was ihm wichtig ist, und gibt sich selbst ein Gesicht, ich will es nicht mehr für ihn tun.

 

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