Tanz über die Splitter der Explosion

von Lena Schneider

Paris, 27. November 2015. Nach dem Verstummen kamen die Ausrufezeichen. Am Wochenende, das auf die Attentate vom 13. November folgte, waren alle Vorstellungen in den Theatern in und um Paris abgesagt worden. François Hollande hatte am Sonntag vor dem Parlament eine flammende Kriegsrede gehalten und dann gemeinsam mit den Abgeordneten viele Strophen der Marseillaise gesungen. Im Laufe der Woche drauf schickten die Theater Lebenszeichen durch ihre Mail-Verteiler. "Ensemble!" (Zusammen!), rief das städtische Théâtre de la Ville am Dienstag, dem ersten Spieltag nach den Attentaten. "Le Théâtre reste ouvert!" (Das Theater bleibt offen), hieß es aus dem Banlieue Sartrouville am Tag drauf. Und gleich nochmal das Théâtre de la Ville: "Ensemble!"

Es ging, das zeigen die Betreffzeilen der Pressemeldungen, nur in zweiter Linie darum, darüber zu informieren, dass die Bühnen trotz andauernden Ausnahmezustands wieder spielten. In erster Linie will man zeigen: Wir sind noch da! Das ebenso erstaunt wie erleichtert, wie auch ein bisschen trotzig.

Wir sind noch da, das fühlte sich wenige Tage nach den Attentaten tatsächlich an wie etwas Meldenswertes. Das Théâtre de la Ville nutzte die Gelegenheit, um deutlich Position zu beziehen: "Die Attentate fanden alle an Orten statt, die symbolisch für ein positives Miteinander stehen", schrieb Intendant Emmanuel Demarcy-Mota in seinem Statement. Es sei daher "wichtiger denn je, die Werte der Demokratie, die auf Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit basieren, zu verteidigen". Die Worte Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit waren fett gedruckt. "Gemeinsam verteidigen wir weiterhin den Sinn und die Werte eines öffentlichen Theaters." So endet der Brief, in dem auch von Widerstand und Kampf die Rede ist.

Volle Säle, leere Säle

Demarcy-Motas Aufruf war, neben dem sicher aufrichtig gemeinten Wunsch, anteilzunehmen, auch ein Kampf in eigener Sache: um die Zuschauer. Niemand wusste kurz nach dem 13. November, ob oder wie bald die Menschen es wagen würden, wieder in Theater, Konzerte und Kinosäle zu gehen. Die Lust, sich Menschenmengen auszusetzen, war direkt nach den Attentaten in Theatersälen und öffentlichen Verkehrsmitteln sichtbar gering. Wie die Tageszeitung "Le Monde" berichtete, haben vor allem die 57 privaten Bühnen in Paris, die über keine Abonnements verfügen, große Einbrüche in den Besucherzahlen: In mehr als der Hälfte aller Theater gab es in der vergangenen Woche etwa 35 Prozent weniger Besucher als gewöhnlich. Prodiss, der Verband von Produzenten und Spielstätten für Musicals und Konzerte, hatte zehn Tage nach den Attentaten einen Bedarf von 50 Millionen Euro angemeldet, um für die nötige Sicherheit in seinen Veranstaltungsorten zu sorgen. Tatsächlich bekommen wird der Sektor wohl 4 Millionen.

Wer in den beiden Wochen nach den Attentaten hingegen in subventionierten Theatern unterwegs war, dem zeigte sich ein völlig anderes Bild. Belebte bis volle Säle allenthalben. Das Festival d'Automne, das sich jedes Jahr zwischen Oktober und Januar in zahlreichen Spielstätten der Stadt abspielt, bestätigt gleichbleibende Zuschauerzahlen. Gleiches melden andere subventionierte Bühnen.

Echo auf die Attentate

Schon am 17. November konnte man im Centre national de la Danse in Pantin, einem Banlieue nördlich von Paris, einer immerhin mittelgut besuchten Vorstellung von "Monument 0.1: Valda and Gus", dem sehenswerten zweiten Teil von Eszter Salamons bekanntem Monument 0: Hanté par la guerre beiwohnen. Sogar für Rodrigo Garcías pupertär-pompöses Gastspiel "4" in Nanterre-Amandiers am Tag drauf hatte das (vorwiegend junge) Publikum höflichen, wenn auch etwas abwesend wirkenden Beifall übrig. Auf dem Heimweg unterhielt man sich dann aber doch eher darüber, wo man an "dem" Tag gewesen war, als über die Hühner und die fleischfressenden Pflanzen auf der Bühne, die dort soeben Regenwürmer in Teile zerbissen hatten.

FinHistoire1 560 JeanLouisFernandez uÜber die Unmöglichkeit, den Zweiten Weltkrieg aufzuhalten: "Fin de l'Histoire"
© Jean Louis Fernandez

Tatsächlich bemerkenswert ist die ungebrochene (oder neu aufbrausende?) Begeisterungsfähigkeit des Abonnentenpublikums für sein Theater zwei Wochen nach den Attentaten. Vor allem bei Stücken, von denen sich so etwas wie ein Echo auf die Attentate erhoffen lässt. Witold Gombrowicz' "Fin de l'Histoire" am Théâtre de la Colline zum Beispiel, eine dreistündige Meditation über die (Un-)Möglichkeit, den Zweiten Weltkrieg aufzuhalten, an deren Ende mit viel Rauch und Lärm der Kriegsausbruch steht, erhielt stehende Ovationen. Wobei Letztere, eine Vermutung der Autorin, nicht dem Kriegsausbruch galten, sondern dem Schlussbild der Inszenierung. "Der Tanz macht die Musik", sagt der jugendliche Darsteller des Grombowicz da lakonisch, und tänzelt barfüßig über die Splitter der Explosionen davon.

Glaube an die Französische Revolution

Das Stück der Stunde ist jedoch "Ça ira (1) Fin de Louis", geschrieben und inszeniert von Joël Pommerat. Der Pariser Aufführungsort, das Théâtre Nanterre-Amandiers, vermeldet seit dem 17. November sogar stetig steigende Besucherzahlen. Wer in den letzten Tagen dort war, traf auf lange Schlangen von Wartenden ohne Karte. Dabei ist "Ça ira" (deutsch: "Es wird schon") entgegen seines Titels alles andere als ein vordergründiges Mutmacherstück. Es ist ein viereinhalbstündiger Diskursmarathon durch die Französische Revolution. Und Pommerat zeigt die Revolution ohne Blut, rollende Köpfe, brüllende Massen. Bevor der Königskopf rollt, ist das Stück vorbei.

Caira 560 Elisabeth Carecchio uSchlagabtausch quer durch die Französische Revolution: "Ça ira (1) Fin de Louis" 
© Elisabeth Carecchio

Es zeigt die Revolution als eine Sequenz von Worten – Gedanken! –, nicht von Taten. Die Szenen, nüchtern, in der Ästhetik zeitgenössisch, zeigen Momente der politischen Rede. Eine Art Pressekonferenz des Königs, der ein neues Steuergesetz verkündet. Eine Bürgerversammlung in Paris. Verschiedene Vorgängerformen der Nationalversammlung. Dann immer wieder: Die Nationalversammlung.

November 2015 ins Herz getroffen

Warum zieht so ein Stück Hunderte von Menschen ins Theater? Dramaturgisch liegt das vor allem an einem sehr einfachen Kniff: Die Nationalversammlung ist in den Saal verlegt. Die Abgeordneten sprechen zu uns, und wenn die anderen Abgeordneten klatschen, buhen, zwischenrufen, tun sie das hinter und neben uns. Das Publikum bleibt Publikum, aber es sitzt mittendrin, man muss sich drehen, wenden, könnte teilnehmen. Dazu legt Pommerat eine ungemeine Geschwindigkeit vor. Ein Schlagabtausch nach dem anderen, alle scheinen Recht zu haben, die Ereignisse jenseits der Bühne überschlagen sich.

Die Außenwelt des Jahres 1789, die Unruhe auf den Pariser Straßen, der Hunger, die Gewalt, dringt als lautes Wummern herein. Und inmitten des Lärms wird um die Menschenrechte gestritten. Denn um die geht es doch: um die Freiheit. Deswegen sollen die draußen ruhig wummern, aber bitteschön bleiben, wo sie sind. Oder sollte man doch erst für Ruhe auf den Straßen sorgen? Was geht vor? Und: Wie in all dem die Ruhe bewahren? Fragen von 1789, die Frankreich Ende November 2015 ins Herz treffen. Vor allem, weil die Werte der Französischen Revolution für viele Franzosen nach wie vor als identitätsstiftend empfunden werden. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, das ist ein Ideal, das nicht nur lebendig ist, sondern auch patriotisch macht.

Alain Badious Vorlesung

Für Alain Badiou ist das Frankreich der Revolution passé. Was das überhaupt sei: Frankreich?, fragte der Philosoph am 23. November im Theater La Commune. Dort, im Arbeitervorort Aubervilliers, hielt er eine anlässlich der Attentate kurzfristig angesetzte Vorlesung zur Lage. Der Eintritt war frei, jeder Platz besetzt, vor allem sehr junges und ziemlich betagtes Publikum. Vorweg räumte Badiou in wohltuender Einfachheit mit einigen Missverständnissen auf, die den Diskurs seit den Attentaten bestimmt hätten: Nein, dies sei kein Krieg. Es gehe nicht um die Verteidigung "unserer" Werte.

Das größte Übel wären jetzt drei Dinge: Erstens, über Identität zu diskutieren, denn das würde nur zu Rachegefühlen führen. Zweitens, den Staat aus Angst heraus dazu zu autorisieren, "unangebrachte" Maßnahmen zu ergreifen. Drittens, zu sagen: Ich verstehe nicht, was da passiert, denn es lasse sich sehr wohl verstehen. Und: Was in Paris passiert sei, sei schrecklich. Aber beileibe nicht einmalig. Es habe nur erstmals den Okzident getroffen. Mit der Ruhe und Klarheit von jemandem, der die letzten Antworten für sich gefunden hat, erklärte er dann, was seines Erachtens am 13. November in Paris geschah. In Kurzform ungefähr dies: Die religiöse Komponente der Attentate werde völlig überschätzt, Religion sei lediglich eine willkommene "Zutat" für jene militärischen "Gangsterbanden", die für die Attentate am 13. November verantwortlich zeichnen.

Comment faire, comment faire

Die Formung solcher "Gangsterbanden" sei dem Okzident letztlich selbst zuzuschreiben: Der sogenannte Islamische Staat und ähnliche Formierungen rekrutierten sich aus jenen zwei Milliarden Menschen, die in der Logik des Kapitalismus eigentlich nicht existieren dürfen, aus einem "nomadischen Proletariat". Menschen, die keine Arbeit, kein Vermögen haben, um sich wie alle anderen am Markt zu beteiligen. 50 Prozent der Menschheit, die nichts hat, gegenüber 10 Prozent, die den Großteil allen Reichtums besitzt: Für Badiou liegt die Ursache des Hasses, der der westlichen Lebensweise entgegenschlägt, in dieser "monströsen Ungleichheit". Die sei, nebenbei, inzwischen so groß, "dass sich sogar die Rechte darüber beschwert."

"Comment faire, comment faire", fragte Badiou am Ende. Was also tun? Eine ganz neue Art, zu denken sei gefragt, jenseits des Bekannten und Gewohnten, also vor allem jenseits des Kapitalismus. Wie genau das aussehen soll, konnte er nicht mehr ausführen. Denn, so sprach der Meister zweideutig mit Blick auf die Uhr am Schluss: Die Zeit drängt.

 

Lena Schneider, Jahrgang 1981, ist freie Autorin und Lektorin. Sie studierte Anglistik und Neuere Geschichte in Edinburgh und war 2008 bis 2013 Redakteurin bei Theater der Zeit. Sie lebt in Paris. 

 

Mehr dazu: in den letzten Theaterbriefen aus Paris berichteten wir, wie die Theater dem schimärischen Illusionsspiel huldigen, wie der Intendant Stéphane Braunschweig das Théâtre de la Colline leitet oder berichteten über Joël Pommerat und seine Theatertruppe, die seit 20 Jahren zusammenarbeiten. 

 

 

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