Das Dritte

von Esther Slevogt

Berlin, 3. Dezember 2015. Irgendwann wird es sogar biblisch, an diesem wirklich tollsten René-Pollesch-Abend seit langem. Kathrin Angerer trippelt gravitätisch aus der Tiefe des Bühnenraums und fängt so etwas wie eine Schöpfungsgeschichte zu erzählen an: wie es erst noch dunkel ist und dann zwischen Licht und Dunkelheit geschieden wird, zwischen Bühne und Asphalt, Liebe und Nicht-Liebe. Immer mehr dieser Gegensatzpaare zählt sie auf und schließlich auch Service / No Service,  wie dieser Abend in der Berliner Volksbühne überschrieben ist.

Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Smarties

Der Saal ist wüst und leer, die Trennung von Bühne und Zuschauerraum ziemlich aufgehoben. Die Zuschauer sitzen auf dem nackten Asphalt, mit dem Bert Neumann den Boden hat versiegeln lassen. Bei Frank Castorfs Die Brüder Karamasow gab's noch schwarze Sitzsäcke in diesem Einheitsraum. Jetzt funkelt dunkel (und wie das Fell eines gut gepflegten Gorillas) rundherum nur noch das schwarze Lametta, mit dem der Raum abgehängt ist. No Service eben. Warum immer diese Zweiheit, fragt Kathrin Angerer in ihrer Schöpfungsgeschichte weiter und kratzt mit naivem Ton und kulleräugig-lasziver Miene an den Bedingungen der Dialektik. Satz und Gegensatz. These und Antithese. "Wo ist das Dritte?" will sie wissen. Dieses Dritte, das ist natürlich die Kunst, im vorliegenden Fall also das Theater.

ServiceNoService2 560 LenoreBlievernicht hDas letzte Individuum (Kathrin Angerer) und sein Pfleger (Daniel Zillmann) © Lenore Blievernicht

Pollesch holt weit aus und erzählt dessen Geschichte noch einmal von Anfang an. Als sich dem kultischen Chor plötzlich das Individuum gegenüber stellte und sein Einzelschicksal mit den Göttern verhandelte. Im gelben Supermann-Einteiler schiebt Maximilian Brauer umständlich einen sperrigen Holzkarren quer durch den Saal, um immer wieder irgendwo Station zu machen und mit piepsiger Stimme die Geburt der Tragödie aus dem Geist der Smarties zu erzählen: Aus dem Chor der bunten Schokolinsen tritt eine Aspirin-Brausetablette heraus, um alsbald in einem Wasserglas Selbstmord zu begehen. Bald sind wir dann auch schon in der Gegenwart, wo sich die Verhältnisse verkehrt haben, der Chor die Regie übernommen und das Individuum irgendwie Probleme hat, sein Einzelschicksal überhaupt noch an den Weltgeist anzudocken. Deswegen funktioniert auch das Theater nicht mehr. Hört Elektra alias Kathrin Angerer mitten in ihrem Monolog zu sprechen auf. Wird zum Pflegefall, und als ihr Pfleger wird Daniel Zillmann auf dem hölzernen Thespis-Karren (denn um einen solchen handelt es sich bei dem Gefährt natürlich) herbeigefahren.

Philosophieren im Schutz des Bühnennebels

Also: Was ist das Theater überhaupt noch, was kann es sein? Und der Künstler erst recht, der doch einst der Meinung war, irgendwie ein Stück Weltgeist in sich zu tragen? Etwas Inkompatibles, Nicht-Nützliches. Eben darin war doch das utopische und widerständige Potenzial der Kunst begründet. Die eben nicht nützlich war, wie es heute die Event-Ideologen und die Artivism-Fraktionäre vertreten, ob sie nun Chris Dercon oder Philipp Ruch heißen. Deren Namen fallen natürlich nie. Stattdessen wird einmal der weiße Plastik-Stapel-Stuhl auf den Thespis-Karren gestellt, der eine Ikone des Bert-Neumann-Theaters ist. Natürlich gebe es schönere Stühle bei Manufactum, ist zu hören. Aber die, die das Schöne propagierten, machten die Welt meist nur hässlicher. Und doch: beim Umbau der Volksbühne in ein Kunst-Cluster sei unter dem Asphalt eine Adonis-Statue gefunden worden. Adonis, Geliebter der Aphrodite und Sinnbild der Schönheit schlechthin.  Kleiner, aber feiner dialektischer Scherz am Rande.

So schaut man anderthalb Stunden einem Abend zu, der reine ästhetische und philosophische Weltbetrachtung ist, und dabei so unprätentiös und melancholisch mit seinen großen Fragen jongliert, dass es eine Lust ist. Leicht trashige Feel-Good-Musik unterlegt alles mit einem fluffigen Soundteppich. Ein 16-köpfiger Jung-Männer-Chor treibt die vier Protagonisten vor sich her: Kathrin Angerer, Daniel Zillmann, Maximilian Brauer und Franz Beil. Viel Bühnennebel kommt zum Einsatz. Der Schriftzug "No Service" prangt in schrillem Orange am Ende der Bühne. Ein leuchtender Wiedergänger von Dürers Polyeder (aus dem allegorischen Bild über die Kunst und den Künstler "Melencolia I") dient als eine Art Ufo; unter anderem, um Kathrin Angerer als letztes Individuum aus dem Bühnenhimmel der Diktatur des Chores und der Gegenwart auszuliefern – gegen die sie sich (und die Kunst) dann aber virtuos behaupten kann.

Service / No Service
von René Pollesch
Regie: René Pollesch, Bühne und Kostüme: Bert Neumann, Licht: Lothar Baumgarte, Ton: Tobias Gringel, William Minke, Christopher von Nathusius, Video: Mathias Klütz, Chorleitung: Christine Groß, Soufflage: Katharina Popov, Dramaturgie: Anna Heesen.
Mit: Kathrin Angerer, Franz Beil, Maximilian Brauer, Daniel Zillmann, Chor: Walid Al-Atiyat, Jakob D'Aprile, Niklas Dräger, Jonathan Hamann, Max Heesen, Sten Jackolis, Fynn Jedrysek, Jan Koslowski, Luis Krawen, Max Martens, Paul Rohlfs, Lucien Strauch, David Thibaut, Christopher Wasmuth, Friedrich Weißbach und Daniel Wittkopp.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.volksbuehne-berlin.de

 

Kritikenrundschau

Die Kolleg*innen begeben sich auf die wohl sehr lange dauernde Abschiedstournee von der Volksbühne Ost. Wir geben deshalb eine etwas ausführlichere Kritikenrundschau als gewohnt:

Eberhard Spreng schreibt auf der Website des Deutschlandfunks (4.12.2015): "Leitmotivisch" wiederholten sich in Polleschs Novität "einzelne Gedankengänge innerhalb der beziehungsreichen Meditation über das Theater und den Weltgeist". Etwa ein "Lieblingsthema des Autorenregisseurs, die Frage nach der An- und Abwesenheit der Liebe". Deutlich weise Katrin Angerers Gestik dem Publikum die Liebe zu und der Bühne die Abwesenheit von Liebe, "Service" - "No Service". Eine "wunderbare Hommage" an das Kollektiv der Zuschauer: "Ohne den Blick des Betrachters keine Kunst, ohne die Gefühle des Publikums kein Theater. Ohne Erkenntnis des Auges keine Schönheit." Spreng fragt weiter: ist der "leuchtende Dodokaeder" ein "Gotteszeichen"? Im letzten Dekor des früh verstorbenen Bert Neumann "könnte man dies vermuten". - "Einen besseren Ort als diese Volksbühne, der die letzte Stunde bald schon schlagen wird", gebe es derzeit nicht, um sich zu fragen, was Theater alles "kann und was nicht".

Irene Bazinger schreibt in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (5.12.2015): Das neue Stück von Pollesch frage "sehr grundsätzlich" nach den Ursprüngen des Theaters. In für Pollesch "typischen Assoziationsketten und Gedankensprüngen" werde diskutiert, dass "Theater keine Serviceleistung und Künstler keine Dienstleister seien". René Pollesch gestalte die Aufführung "auf so materialistische wie poetische Weise zu einer Art Requiem für einen toten Freund", nämlich Bert Neumann. Man ahne, "ohne dass man es wissen muss oder es hinausposaunt wird", dass der "großartige, kraftvolle Abend" einen "Trauerrand" habe.

Rüdiger Schaper im Berliner Tagesspiegel (5.12.2015): "Poststrukturalistischer Boulevard" sei Polleschs "Genre". "Mehr oder weniger lustiges Geblubber mit tollen Schauspielern auf leerer Bühne, gern begleitet von einem Chor oder einem Trupp Akrobaten, und das Ganze mit hohem Wohlfühlfaktor." Man könne das neue Stück "natürlich leicht als Zustandsbeschreibung der Volksbühne verstehen", Allerdings attackiere es nicht "die feindliche" Dercon-dräuende "Außenwelt, sondern betreibt besinnliche Introspektion". Wenn Kathrin Angerer das mache, "rührt es an, komisch und komplett entwaffnend". Die Volksbühne habe es geschafft, "das Selbstreferenzielle zu einem massiven Politikum zu machen". Bei Pollesch "immerhin: mit Charme. Und eher wehmütig als blindwütig. Mit Woody-Allen-Humor." Nach anderthalb Stunden stelle man draußen auf der Straße fest, "In Berlin ist ja richtig was los." Früher sei das umgekehrt gewesen, "da war das Theater drinnen besser, härter".

Jenni Zylka schreibt auf taz.de (5.12.2015): Selbst wenn das ganze Stück in "Plonstersprache gewesen wäre oder in Chinesisch oder in Rätoromanisch", "erkenntnistheoretisch hätte es sich für das Publikum kaum unterschieden". Kathrin Angerer "schüttet dabei die längsten und beeindruckendsten Wortkaskaden aus, alles überzeugend und in der ihr eigenen Mischung aus Edith-Hancke-Reinkarnation und esoterischem Kind". Zu lachen und zu gucken gebe Pollesch einem dennoch genug. Bei einem nicht enden wollenden "Palim Palim"-Namensversprecher-Gag, fragt sich Zylka, ob sich Pollesch, "indem er einem den flachsten 50er-Jahre-Humor aller Zeiten um die Ohren klatscht", auf "irgendeiner versteckten Hintersinn¬Ebene" darüber lustig mache. Oder sogar dieses Ansinnen parodiere. Am Ende sei man "rechtschaffen bedient. Im Kopf bleibt eine Melange aus Ideen, Gags und Palaver, hervorragend vorgetragen, schick inszeniert."

Ulrich Seidler schreibt in der Berliner Zeitung (5.12.2015): Polleschs neues Stück bediene "umstandslos die Erwartungen seiner Fans", seine "Tiraden" würden indes "immer resignativer". Allerdings habe Pollesch "viele Stufen der Verzweiflung und des Überdrusses" hinabschreiten müssen, "viele ironische Reflexionsebenen durchbrechen, bevor sein Theater reif wurde für" Kathrin Angerers unverwechselbaren "Nöl-Diven-Ton". Insgesamt handele es sich um "postapokalyptisches Berapplungstheater". Theater, "das bei null anzufangen versucht, sich selbst erklärt und die Welt, um irgendwo den Strukturfehler zu finden". Der, "weil es um alles geht", naturgemäß "etwas zerfransende Abend", sei sehr konkret eine Hommage an Bert Neumann. "Geht es jetzt immer so weiter?", heiße es fast zum Schluss, "Ja, vielleicht, aber es gibt einen Unterschied. Und der besteht darin, dass es immer so weitergegangen ist plus die Hoffnung, dass es vielleicht veränderbar ist. Und nun geht es eben weiter, ohne diese Hoffnung."

In der Süddeutschen Zeitung gibt sich Mounia Meiborg (7.12.2015) eher enttäuscht: Inhaltlich bleibe "der Abend dünn. Die Entfremdung des Einzelnen von der Welt ist kurz Thema." Der Rest sei "Selbstbespiegelung, die noch nicht mal lustig wird. Fürs Atmosphärische" sei "allein die Musik zuständig". Was Emotionen angehe, sei Pollesch "ja schon immer Parasit" gewesen: "Was wäre ein Pollesch-Stück ohne Popmusik? Diesmal eine ziemlich trostlose Veranstaltung."

 

 

 

 

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