Aufgewacht, ihr Toten: Es wird wieder gemüllert!

von Janis El-Bira

Berlin, 3. März 2016. Es ist ein Irrtum, dass die Toten tot sind. So heißt es zu Beginn von Alexander Kluges Trauerrede auf Heiner Müller, gehalten am 16. Januar 1996 im Berliner Ensemble. Kluge liest Handgeschriebenes von einem Notizblock ab, redet meist frei. Mit Müller spricht er von der Spaltung der Arbeiterbewegung, der Schlachtbank Verdun, von Auschwitz und dem entgleisten Leben jener, deren Land aufhörte zu existieren. Und immer wieder ist da die geschichtliche Schicksalsgemeinschaft der Lebenden und der Toten. Die Gewesenen bestimmen den Platz der Heutigen. "Die Toten sind anwesend, wenn die Lebenden agieren", sagt Heiner Müller in einem späten Gespräch: "Und davon lebt das Drama."

Am gestrigen Donnerstagabend flimmert ein TV-Mitschnitt dieser Rede über einen Monitor im Zuschauerraum des Berliner Hebbel-Theaters. Das HAU hat zum neuntägigen Heiner-Müller-Festival geladen und weil die Internationale Heiner-Müller-Gesellschaft mit im Boot ist, sind viele Weggefährten, Freunde und Mitarbeiter zur Eröffnungsfeier erschienen, fast genau 20 Jahre nach jenem Vormittag im Berliner Ensemble.

Zum Umfallen schön

Nun sitzen und stehen sie also vor diesem und anderen Bildschirmen, zeigen darauf, zeigen auf die Toten, wenn die Kamera die langen Reihen der Trauergemeinde entlangfährt. Sie flüstern: Da ist der Minetti, die Hoppe, der Grass. Sie fragen einander: War das, bevor Wilson und Hermlin gesprochen haben, oder danach? Sie zeigen auf sich selbst, zwanzig Jahre jünger. Vor anderen Schirmen staunen sie über Edith Clever in einem Theaterfilm, zum Umfallen schön, skulptural, unendlich lange her.2045MuellerinMetropolis2 560 Dorothea Tuch uLange her und doch noch immer da: Heiner Müller, hier als Zukunfts-Übervater
in "2045: Müller in Metropolis" © Dorothea Tuch

Hans-Jürgen Syberberg, Filmemacher und wie Müller ein Künstlergewächs aus sehr deutscher Erde, hat diese melancholisch-dunkle Rauminstallation "Für Heiner Müller" entworfen und verschränkt darin eigene Arbeiten mit Müllers Frühwerk "Die Umsiedlerin". Auf der Bühne liegt Heu aus Syberbergs Wohnort Nossendorf, Projektionen erinnern an die Bodenreform von 1945, ein Traktorenmodell steht für den Sieg der Maschinen. Das ist ausgesprochen voraussetzungsreich, funktioniert aber auch sinnlich als Verschnitt von Zeit- und Lebensachsen, Ost und West, Theater und Film, Nossendorf und Eppendorf. Syberberg, eigens angereist, steht in der Mitte seines Raumes, scheint bestens gelaunt, erzählt, erklärt und fotografiert. Von einem der Monitore wird Kluges stets knabenhelle Stimme herangeweht, die Müller bittet: "Wenn du mir mal beschreiben kannst, was der Mond ist...?" Hier möchte man bleiben.

Die Zitate legende Wollmilchsau

Doch Heiner Müller soll Festival werden, und das bedeutet am HAU in der Regel: Viel hilft viel. Am Ende dieses ersten Abends konnte man also, einen gewissen Anspruch auf Vollständigkeit vorausgesetzt, bereits vier Programmhefte zusammengetragen und manchen Meter zwischen den drei HAU-Spielstätten zurückgelegt haben. Vor dem HAU2 etwa lädt das Künstlerduo Interrobang in eine Telefonzelle, die ein klärendes Gespräch mit Heiner Müller höchstselbst anbietet. In dieser interaktiven "Müllermatrix" kann durch Drücken einer Zifferntaste frei bestimmt werden, worüber man gerne eine Müller-Einlassung hören würde: Theater, Ökonomie oder die "Festung Europa"? Kein Problem. Hier ist Heiner Müller ganz die allgültige Kühlerhaubenfigur und Zitate legende Wollmilchsau unserer höllischen Moderne: Man wählt, es müllert.

Dagegen herrscht im "Transitraum" der Müller-Expertin Kerstin Schulz zwei Stockwerke darüber eine vergleichsweise bibliotheksartige Stimmung. Die Werkausgabe liegt zum Stöbern bereit, und reingläubige Müllerianer im Publikum verscheuchen jene von den Leseplätzen, die zu lange das Handy oder die Wand anstarren.

Eine Welt ohne Müller?

"Ich schulde der Welt einen Toten", ruft Alexander Karschnia vom Kollektiv andcompany&Co. zu Beginn des letzten Aktes dieser Festivaleröffnung mit Heiner Müller ins Mikrofon. Man hat sich im HAU3 eingefunden und die Frankfurter Kulturkritik-Krautrocker von andcompany&Co. bieten hier nicht nur das meiste, sondern auch das lauteste, mitunter dozierendste Theater des Abends. "2045: Müller in Metropolis" denkt sich als "Lecture-Konzert" vor einer Großleinwand zum Moment der technologischen Singularität vor, wenn die Maschinen gewonnen und die Menschen sich vom Ungemach des Sterbenmüssens befreit haben: Die Vollendung einer "totalen Besetzung mit Gegenwart", wie Müller sagt. Es hieße, die Toten tot sein, das Vergangene verbleichen zu lassen. Heiner Müller und sein Theater hätten in dieser Welt keinen Ort mehr. Seine bis heute offene Rechnung, ihr "einen Toten zu schulden", sie wäre beglichen.

 

HEINER MÜLLER!
Ein Festival mit andcompany&Co., Sebastian Baumgarten, Ana Berkenhoff&Cecilie Ullerup Schmidt, Boris Buden, Laurent Chétouane, Marie-Hélène Gutberlet, Thomas Heise, Interrobang, Boris Nikitin, Patrick Primavesi, Damian Rebgetz & Paul Hankinson, Annegret Schlegel, Kristin Schulz, Veit Sprenger, Hans-Jürgen Syberberg, B.K. und Christa Tragelehn, Ginka Tscholakowa, Hans-Thies Lehmann, Helena Varopoulou u.a.
03. – 12. März 2016

Für Heiner Müller
Installation von Hans-Jürgen Syberberg
www.syberberg.de

Die Müllermatrix
von Interrobang (Till Müller-Klug, Nina Tecklenburg)
Telefoninstallation: Georg Werner, Technische Leitung: Florian Fischer

Transitraum goes HAU
von Kristin Schulz
Gestaltung: Chasper Bertschinger

2045: Müller in Metropolis
von andcompany&Co.
Von und mit: Alexander Karschnia, Nicola Nord, Sascha Sulimma, Video: Kathrin Krottenthaler, Company Management, Produktion: Katja Sonnemann, Sigrid Hilmer
Dauer: 45 Minuten, keine Pause

www.hebbel-am-ufer.de


Kritikenrundschau

Zwar sei es "mehr als begrüßenswert“, Müller durch „die eher "performative“ Optik einer jüngeren Künstlergeneration zu betrachten“, schreibt Christine Wahl im Tagesspiegel (5.3.2016). Doch zeige sich "am Eröffnungsabend, wie schnell die kleinteiligen Formate selbst Gefahr laufen, sich in dieser von Müller prophezeiten totalen Gegenwart zu verlieren; wie sie quasi auf der Müller’schen Bonmot-Oberfläche von Statement zu Pointe surfen und in alter Uniseminar-Tradition dessen 'Arbeit an der Differenz' proklamieren, dabei selbst allerdings eher im akademischen Plauderton der Indifferenz verhaftet bleiben: Durchaus intelligent (...), aber ohne nennenswerten Mehrwert." Beispiel dieser Indifferenz ist für die Kritikerin der "Haupt-Act des Abends“, die Arbeit von andcompany&Co. Lohnenswerter nahm sie für sie Interrobangs Callcenter mit seiner "ebenso aufwendigen wie gelungenen O-Ton-Montage des umfangreichen Müller-Audiomaterials" aus.

"2045: Müller in Metropolis" ist die brillante Umsetzung eines brisanten Themas", berichtet Constanze Illner in der Welt (4.3.2016). "Voller Energie, Dramatik, aber auch Humor wird Heiner Müllers Text in den aktuellen Kontext eingeordnet. Informativ, mit 45 Minuten äußerst kompakt und nie langweilig." Das "Lecture-Konzert" in einer "Mischung aus Vorlesung und Performance" erstrecke sich "von den vergessenen sozialistischen Anfängen von Big Data über die postdemokratischen Machenschaften von NSA und Google bis ins Jahr 2045".

Peter Laudenbach hat für die Süddeutsche Zeitung (11.3.2016) beim Heiner-Müller-Festival einiges Lustige und Niedliche gesehen, was ihn indes keinesfalls störte: "Weil Heiner Müllers klare Texte alles aushalten, überstehen sie auch diese charmant-triviale Zweckentfremdung." Die Performer der Andcompany nähmen "den Dramatiker da schon ernster, wenn sie Müller-Textfragmente mit Kommunikationstheorie von Niklas Luhmann und Paul Watzlawick collagieren und ihn zu einer Art Science-Fiction-Denker machen, der von einer 'Hochzeit von Mensch und Maschine' träumt." Die "Diagnosepräzision der dunklen Müller-Sätze" sei hier frappierend. Dagegen sei in der Installation von Hans-Jürgen Syberberg das Pathos "so diffus, die Verbindungen, die Syberberg zu Müllers Werk konstruiert so neblig, dass die ganze Installation anmaßend wirkt. Müllers Faszination für ein Theater des Schreckens und sein Misstrauen gegenüber der westlichen Moderne sind weit von den Installationsbastelarbeiten und der reaktionären Nostalgie Syberbergs entfernt."

 

 

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