Zieh dich aus für die Wahrheit!

von Lena Schneider

Brüssel, 14. Mai 2016. Wer hätte das gedacht: Am Ende dieses Stück ist einem leicht. Da hatte man sich im Vorhinein gewappnet, war fest entschlossen, sich vom Titel nicht in die Irre führen zu lassen und nichts auch nur annähernd Leichtes zu erwarten. Hatte es zynisch, zumindest aber auf nicht gerade raffinierte Weise frotzelnd vom Autorregisseur Milo Rau gefunden, sein erstes Stück mit Kindern, eines über Pädophilie, "Five Easy Pieces" zu nennen. Und dann das. Leichtigkeit.

Wie kann das sein? Anderthalb Stunden lang geht es thematisch denkbar düster zu. Marc Dutroux, der in den frühen neunziger Jahren mehrere minderjährige Mädchen entführt und missbraucht hatte, gilt in Belgien als personifiziertes Böses schlechthin. Obwohl er seit 20 Jahren im Gefängnis sitzt, kennt und erkennt ihn dort noch heute jedes Kind – was Rau zu Anfang von "Five Easy Pieces" auch thematisiert. Da wird ein Foto von Dutroux gezeigt und auf die Frage des einzigen Erwachsenen auf der Bühne (Peter Seynaeve), wer das denn sei, überbieten sich die sieben Acht- bis Dreizehnjährigen aufgeregt in Detailwissen über die Entführungen. Das führt zu Lachern in Publikum, zeigt aber vor allem: Der Grusel, der mit Dutroux einhergeht, fasziniert die Kinder (und nicht nur die). Ähnlich begeisterte Aufregung herrscht nur auf die Frage hin, wer von den Kindern denn schon mal selbst getötet habe. AIle sieben, stellt sich heraus. Goldfische, ein Vogel, und der Kleinste verbrennt gerne Insekten.

Wer die Fäden in der Hand hält

Ob oder wie solche verstörenden Details mit der Causa Dutroux zusammenhängen, überlässt Rau wie gehabt uns, er psychologisiert nicht. Was er in seinen Recherchen (in diesem Fall Gespräche mit Menschen aus Dutrouxs Umfeld und natürlich die Begegnung mit den Kindern) findet, bewertet er nicht. Auch wenn sich die Kinder im Theaterspielen üben, Emotionen teilweise kunsttränengenau nachspielen: Die Emotionen sind Elemente auf Raus Recherchepalette. Er zeigt sie vor. Und er zeigt dabei sich – oder besser: den eigenen Blick, die recherchierende Instanz. Wie in anderen Inszenierungen Raus geht es auch in "Five Easy Pieces" um das Medium der Reflexion selbst, um das Theater. Was kann es, was will es; was kann es oder will es nicht?

Five Easy2 560 PhileDeprez uWie Leid zu Kunst wird © Phile Deprez

Auf der Bühne hilft dabei diesmal die Rolle von Peter Seynaeve, der – zuweilen von einem Lehrer- oder Regiepult aus – durch Fragen und Anweisungen die Richtung des Abends vorgibt. Ein herablassend-spöttischer Showmaster, auf dessen Fingerzeig hin auch mal ein Kitsch-Nebel eingeblendet wird. Er castet die Kinder, schreibt fleißig mit, was sie sagen und in den per Video live nachgestellten Szenen – mit den Kindern als Dutrouxs Vater, als Polizist, als Opfer und Eltern von Opfern – führt er selbst die Kamera. "Theater ist ein Marionettenspiel mit Menschen", sagt anfangs ein Kind. Rau zeigt, wer in so einem Theater die Fäden in der Hand hält.

Was wollen wir (nicht) sehen?

Wie zweifelhaft, wie gefährlich dieses Machtgefälle gerade im Theater mit Kindern ist, zeigt Rau, indem er die Rolle des Showmasters zeitweise zum Verwechseln nahe mit der Rolle Dutrouxs zusammenführt. In einer gefilmten Szene spielt die achtjährige Rachel das von Dutroux entführte Mädchen Sabine. Sie soll sich ausziehen. ("Wie in der Probe, komm!") Sie zögert. Sie soll die Hose ausziehen. Sie zögert. Dann tut sie es. In diesem Zögern, mehr noch als in der Beschreibung der Gräuel, die Sabine erdulden musste, wird das Ausmaß des Grauens spürbar. Die Szene ist verstörend, und auch so kalkuliert. Ist die Scham, die man dem kleinen Mädchen hier glaubt, echt oder gespielt? Ist es interessant, ist es "nötig", in einem Stück über Kindesmisshandlung ein halbnacktes Kind von der Misshandlung erzählen zu lassen? Oder ist es gar das, was wir – wie die Kinder, die sich vom Grausen vor Dutroux auf seltsame Weise faszinieren lassen – doch eigentlich sehen wollen? Solche Fragen wirft uns Rau hin. Es sind keine kleinen, und genug für einen Abend. Der Exkurs in die Kolonialgeschichte Belgiens (Dutroux verbrachte einige frühe Jahre im Kongo, sein Vater arbeitete dort) wirkt im Zusammenhang mit Raus bisherigen Arbeiten konsequent – hier aber forciert, eher wie ein thematischer Reflex. Das im Programmheft formulierte Versprechen, anhand von Dutroux auch noch eben die Geschichte Belgiens in Kurzform zu erzählen, kann nicht eingelöst werden.

Den Stücktitel hat sich Milo Rau übrigens bei Igor Strawinski geborgt. "Five Easy Pieces" – so heißen seine Klavierübungstücke für Kinder. Wie eine lebenstaugliche Lektion aussehen könnte, erzählt ein Mädchen (Polly Persyn) zum Schluss, vorn an der Rampe. Es ist die Geschichte einer Marionette, die einmal eine Wolke sehen will, etwas kompliziert. Nur so viel: Es geht nur ohne Fäden.

Five Easy Pieces
von Milo Rau und Ensemble
Regie: Milo Rau, Bühne und Kostüm: Anton Lukas, Video und Sound: Sam Verhaert, Dramaturgie: Stefan Bläske.
Von und mit: Rachel Dedain, Maurice Leerman, Pepijn Loobuyck, Willem Loobuyck, Polly Persyn, Peter Seynaeve, Elle Liza Tayou, Winne Vanacker.
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

www.campo.nuwww.kfda.be

 

Kritikenrundschau:

"Five Easy Pieces sei "ein sehr komplexer Abend",schreibt Christine Wahl im Tagesspiegel (2.7.2016). "Sein produktives Verstörungspotenzial bezieht er daraus, auf der Folie der Dutroux-Thematik permanent die Bedingungen des Theaterspielens selbst auszuleuchten – Kategorien wie Einfühlung, Authentizität, Katharsis." "Ein höchst ambivalentes Zuschaugefühl" weckt in ihr vor allem Peter Seynaeve, der einzige erwachsene Darsteller auf der Bühne, weil dieser als "Projektionsfläche für Erwachsenen-Autorität schlechthin, mithin auch für ihre prinzipielle Missbrauchsmöglichkeit" fungiert. "Für die erwachsenen Zuschauer sind die Szenen, in denen etwa ein achtjähriges Mädchen den Brief eines entführten Kindes vorträgt – tatsächlich eine Kompilation aus Niederschriften verschiedener Entführungsopfer –, schwer zu ertragen" – für die Kinder hingegen sei laut Rau die größte Sorge gewesen: "Was mache ich, wenn ich auf der Bühne meinen Text vergesse?"

"Es wird einem schlecht, aber das Wunder, dass das Ganze nicht ins Makabre entgleitet, gelingt," schreibt Hannah Lühmann für Die Welt (3.7.2016). "Wie das geht? Man kann es wirklich schlecht erzählen." Für sie ist das ganze Stück "ein einziger Bruch", zusammengesetzt aus "Destillate(n)der tatsächlichen Vorstellungswelten der Kinderschauspieler". "Niedlich, ulkig, bösartig" findet Lühmann, "was Milo Rau in Zusammenarbeit mit dem Campo Arts Centre, das auf Theater von Kindern und Jugendlichen für erwachsene Zuschauer spezialisiert ist, da auf die Bühne gebracht hat."

Milo Rau lässt "uns am Schrecken teilhaben, den man nicht spielen kann," schreibt Sieglinde Geisel für die Neue Zürcher Zeitung (5.7.2016) . "Wir starren nur auf die Leinwand und versuchen zu verstehen, was für ein Spiel hier gespielt wird." "Was sehen wir in diesen fünf trügerisch «leichten» Stücken? Ein Spiegelkabinett unserer eigenen Gefühle, auf der leeren weissen Fläche, die Erik Saties Musik dazu in uns erzeugt."

"Five Easy Pieces" sei Milo Raus bisher beste Arbeit, schreibt Peter Laudenbach für die Süddeutsche Zeitung (5.7.2016). Rau habe "die Verbrechen des belgischen Kindervergewaltigers und Mörders Marc Dutroux zum Thema eines kaum erträglichen Theaterabends gemacht." "Kinder spielen Erwachsene, die Angst um ihr Kind haben, während die Theaterzuschauer in der Szene davor gesehen haben, was diesem und anderen Kindern in Dutroux Kellern geschehen ist," dies findet Laudenbach "gleichzeitig atemberaubend, analytisch klar und grauenvoll." Sein Fazit: "Die Inszenierung ist der seltene Fall eines Theaterabends, der auf angemessene Weise wehtut und dabei etwas leistet, was man früher Katharsis nannte: Trauerarbeit."

"Selten ist Theater derart vielschichtig, ohne belehrend zu werden," schreibt Dirk Pilz für die Berliner Zeitung (5.7.2016). "Es zeigt die Wirklichkeit wie sie ist – schroff, himmelhoch abgründig, aber nicht unbegreiflich. Das braucht es." Von den sieben Kinderdarstellern zeigt Pilz sich beeindruckt, "spielen das mit größter Genauigkeit, ohne jeden falschen Ton." Die Kunst dürfe alles, schreibt Pilz, um von der Wirklichkeit zu erzählen. "Wenn es gut geht, zeigt sie damit Wirklichkeiten, die sonst verdeckt bleiben, poröse Wahrheiten, die sich auf keinen Begriff bringen lassen." Dieser Inszenierung gelingt das "erschreckend gut", so Pilz.

 

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