Freitag, 25. April 2014

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Alle Toten fliegen hoch, Teil 3 – Joachim Meyerhoff erzählt Autobiographisches

Schräger Lichteinfall

von Eva Maria Klinger

Wien, 20. April 2008. Was macht diesen Joachim Meyerhoff selbst im schlichtesten Vortrag so unwiderstehlich? Ein leptosomer Riese, leicht gebeugt, schütteres Haar, ein mageres, bleiches Gesicht – so sitzt kein Star zwischen den Souvenir-Vitrinen des Lebens. In sachlichem Ton, der die schlimmste Tragödie auf Zimmertemperatur hält, erzählt er Familiengeschichten. Niemals würde er sich in einen Furor steigern, seine Seele brennt unter feuerfester Oberfläche. Er formuliert intelligent, fabuliert fabelhaft. Der dritte Teil seiner satirischen "Memoiren" (nach der Kindheit als Sohn eines Psychiatriedirektors auf dem Gelände einer Irrenanstalt  und nach einem High-School Jahr in Amerika) ist eine Hommage an seine charismatische Großmutter, die Schauspielerin Inge Birkmann.

Großmutters Hermänner

Sein ironischer Blick auf die Tragödien des Lebens hat etwas Tabori-artiges. So erfährt man, wie komisch es zugehen kann, wenn zwei Mädchen plötzlich zu Vollwaisen werden und von der letzten Geliebten des Vaters umsichtig erzogen werden. Eines dieser Mädchen ist seine Großmutter. ("Ich habe nie eine schönere Frau gesehen!")

Sie geht in den dreißiger Jahren, ohne die Schule abgeschlossen zu haben, zum Theater, verliebt sich in Hermann, einen Regisseur, der dummerweise verheiratet und Vater zweier Kinder ist. Sie wird schwanger, flieht allein von Bremen nach Krefeld, wo sie Joachims Mutter zur Welt bringt. Hermann, der Regisseur, lässt sich scheiden, die Großeltern ziehen nach München und leben eine wunderbare Künstler-Ehe.

1946 fahren besoffene Amerikaner in einem Besatzungsauto das Paar über den Haufen. Joachim Meyerhoffs Großvater stirbt am Unfallort, seine Großmutter liegt zwei Jahre mit schweren Verletzungen im Spital. Nach zwei Jahren verlässt sie es mit einem kürzeren Bein und einem "neuen Hermann".

"Wir hören Musik"

Dem neuen Hermann bedeutete die schöne Witwe mehr als sein Theologiestudium,  er wurde Philosoph – ein religiöser allerdings. Die Ehe mit dem neuen Hermann gewinnt aus der Sicht des Enkels kabarettistisches Potential: der genormte Tagesablauf, die sonderbaren Ritualen des Paares, der beträchtliche, wenn auch auf genaue Trinkzeiten festgelegte Alkoholkonsum. Staubtrocken schildert Meyerhoff die Realsatire.

"Meine Großeltern hörten jeden Abend Musik. Sie zündeten Kerzen an und legten sich auf eine große Kaschmirdecke auf den Boden. Da lagen sie wie Tote, die sich selbst aufgebahrt hatten. Das taten sie auch, wenn sie Besuch hatten. Sagten 'Lasst euch nicht stören, wir hören jetzt unsere Musik'. Die Gäste, sie bekamen immer viel Besuch, saßen da und sahen ihnen beim Musikhören zu."

Der Witz und die Authentizität seines Vortrags deklassiert jede Dichterlesung. Ihn, den "Schauspieler des Jahres 2007", für ein einzigartiges Naturereignis zu halten, wozu man geneigt ist, lässt Joachim Meyerhoff nicht zu. Er führt sich lustvoll vor: Am Schluss zeigt er einen Filmausschnitt mit der alten, wunderschönen Großmama und einem steifen Filmeleven, einem ungelenken, historisch kostümierten Jüngling mit doofem Gesichtsausdruck. Es blieb Joachim Meyerhoffs einzige Filmrolle. Zum Glück. Umso öfter begeistert er uns live, in großen Rollen und selbst in einer Petitesse wie dieser.

 

Alle Toten fliegen hoch - Teil 3: Die Beine meiner Großmutter
von und mit Joachim Meyerhoff
Ausstattung: Sabine Volz

www.burgtheater.at

 

Kritikenrundschau

Der "grandiose Burg-Schauspieler Joachim Meyerhoff", schreibt Isabella Hager im Standard (22.4.2008), habe eine "schlichte, erlesene, ja sogar luxuriöse Form der Erzählkunst gefunden." Es komme nicht auf die, "wenngleich selten ‚durchschnittlichen’ Personen und Erlebnisse im offenkundig bodenlosen Erinnerungstopf an, aus dem Meyerhoff schöpft". Nein, Meyerhoff befriedige einfach "konkurrenzlos" ein "tief verankertes menschliches Grundbedürfnis, das im Grunde bloß verzweifelt nach Geschichten hungert – und jemandem, der sie eloquent zu erzählen weiß."

Es ist kein einfaches Unterfangen, das eigene Leben auf die Bühne zu bingen, weiß eine ungenannt bleibende Autorin, ein Autor?, in der Presse (22.4.2008). Meyerhoff gelinge die Gratwanderung: "Seine Erzählung ist stolz, aber nie eitel, berührend, aber nie kitschig, melancholisch, aber nie larmoyant, lustig, aber nie zotig." Der Schauspieler habe ein feines Gespür für die richtige Balance zwischen trockenem Humor und persönlicher Betroffenheit. Trotz aller Nähe zu seinen Großeltern, zu seiner Großmutter halte er beim Erzählen einen Respektabstand ein, "er schildert, wertet aber nicht."

In der Zeit (24.4.2008) bettet Peter Kümmel eine Eloge für den Schauspieler Joachim Meyerhoff ein, in eine seiner so wundervoll melancholischen Verlustanzeigen für das deutschsprachige Theater. Das Theater habe die Fähigkeit verloren, "Gegenwärtigkeit" herzustellen. Der vorherrschende Gestus des Erzählens der Vergangenheit, des Nacherzählens von Filmen und Romanen habe das Theater aus dem Augenblick vertrieben. "Im Theater sehen wir Körper, die Identität nicht mehr theaterhaft behaupten, sondern nur noch fahl umkreisen." Auf der Bühne stünden keine Figuren mehr, allenfalls ein "Team von Ermittlern", das sich "Texte und Rollen" teilte, keine Einzelwesen, nurmehr ihre Essenz, eine "Schicksalsgemeinschaft". Agambens Lager, in dem der schutzlose, nackte Mensch einsitzt, sei zur beherrschenden Metapher des Theaters geworden. Um aus diesem "Lager sich zu befreien", sagt Herr Kümmel, müssten die Schauspieler "vielleicht besser hinsehen, genauer spielen, witziger sein, die eigene Haut riskieren". Wie das gehe, wisse er auch nicht, aber er habe es bei dem tollen Schauspieler Joachim Meyerhoff in Wien gesehen, bei dem man spüre, was dem deutschen Theater "doch eher fehlt". Man denke, Meyerhoffs "schauspielerischer Reichtum" nähre sich aus einem "Depot an Wahnsinn", das er in seiner Kindheit als Sohn eines Psychiaters und Klinikleiters angesammelt habe. Dabei sei sein Erzählton "freundlich und fragend, als lausche er, während er spricht, und als rechne er damit, aus der Vergangenheit, von der er erzählt, jederzeit unterbrochen zu werden." Wie er die Atmosphäre in seinem Elternhaus "allein durch Sprache und Klang" erwecke sei "von genialer Schlichtheit" und übertreffe in "seiner Wirkung jede Großtheaterdrehbühne."




Kommentare (8)

1. Alle Toten fliegen hoch: Ja, aber …
alles gut und schön. doch wieso eingeladen zum theatertreffen ?
j.s. , 14. Mai 2009 - 19:25 Uhr
2. Alle Toten fliegen hoch: bemerkenswert, finden Sie nicht?
Meyerhoffs Auseinandersetzung mit der eigenen Biografie ist tatsächlich eher eine szenische Lesung - und arbeitet dann doch mit theatralen Mitteln (sehr sparsam, zugegeben). Aber das "Wachsen" des Bühnenbildes mit Requisiten, die Fotos, die Musik am Plattenspieler - das alles ist schon wichtiger Teil dessen, was da stattfindet. Und die Abende scheinen zudem einen Nerv in der momentanen Theaterlandschaft zu treffen; zumindest sind sie immer ausverkauft und werden von einem Teil der Presse beinahe hymnisch rezensiert. Insofern ist das doch "bemerkenswert" (im eigentlichen Sinne des Wortes), finden Sie nicht? Und "bemerkenswert" sollten die Theatertreffen-Inszenierungen doch sein - und eben nicht ein "Best-Off".
J.B. , 15. Mai 2009 - 09:42 Uhr
3. Alle Toten fliegen hoch: platt, bieder, eitel
Jede Lesung eines B Promis ist ausverkauft. wieso diese platte, biedere, eitle Lesung mit Einzeleffekten bemerkenswerter sein soll als "Hiob", "Rechnitz" "das goldene Vließ" etc. bleibt ein Rätsel. Das TT hat jeglichen Anspruch verloren, ausser den auf biografischen Gossip. Man gratuliert den Sparmeistern, ist aber entsetzt über die künstlerische Qualität und Ausrichtung dieses Spießertreffens.
Dr. Meise-Dössel , 15. Mai 2009 - 11:11 Uhr
4. Alle Toten fliegen hoch: hat nichts mit Theater zu tun
Hätte man nur einen Teil von 1,5 Stunden auf dem Theatertreffen gezeigt, wäre er völlig und klang und sanglos untergegangen neben den anderen Inszenierungen. Dadurch dass man Meyerhoff allerdings FÜNF Stunden gibt, sammelt sich immerhin eine Masse an Informationen an, die fast darüber hinwegtäuschen, dass das mit Theater NICHTS zu tun hat, vor allem NICHTS auf dem Theatertreffen zu suchen hat.
Wenn man denkt, ein erzählender Mensch könne gegen die anderen Mega-Produktionen bestehen, ist das entweder naiv oder dreiste Einsparung (wie auch beim Marthaler, den man einläd, weil klar ist, dass er nicht kommen kann); aber schließlich musste der Schlingensief ja auch irgendwie bezahlt werden.
Nur hätte man dann auch kleinere, visionäre StadttheaterProduktionen mit kleinerem Budget einladen können. Die wären vielleicht auch untergegangen, aber es wäre immerhin Theater gewesen.
Matthias Weigel , 15. Mai 2009 - 14:07 Uhr
5. Alle Toten fliegen hoch: Bleib in der Nebenspielstätte
Die Handgranate werfen und gleich alles kaputt machen, das bringt jetzt aber auch nichts. Diese szenische Lesung/Erzählung ist für sich genommen durchaus bemerkenswert. Gleichwohl passt sie auch in meiner Sicht nicht in den Rahmen des tt. Vom ursprünglichen Konzept her ist es doch wohl auch als gelungene (!) Nebenspielstätten-Veranstaltung geplant worden. Und in einem solchen intimeren Rahmen sollte sie meines Erachtens auch verbleiben, um ihre volle Wirkung entfalten zu können. Vier Stunden lang nur zuhören, das übersteigt dann auch meine Aufnahmekapazität und mein Interesse.
Jeanne d'Arc , 15. Mai 2009 - 15:21 Uhr
6. Alle Toten fliegen hoch: Agambens Lager?
kümmel schreibt nur noch wirr. wie alt ist der denn ? agambens lager ? theater der gegenwart, des augenblicks ? echte schauspielkunst, die etwas riskiert ? und dann feiert er einen schauspieler, der einen schönen erzählton hat und inhaltlich mit seiner halblustigen biografie unterhält ? bizarr.
deutschlandsuchtdiesuperbiografi , 15. Mai 2009 - 16:26 Uhr
7. Alle Toten fliegen hoch: alle gaga?
Bizarr ist kein Ausdruck für das was da mit den Kritis passiert. Ist die Kritikerschaft samt Jury jetzt gaga geworden, daß diese Lesung eingeladen wird? Bei Schlingensief konnte man noch diskutieren, was das eigentlich ist, aber hier bleibt einem der Mund offen über so viel - belanglose Nettigkeit. Was ist das, was die Kritiker da reitet? Ich kann es nicht glauben.
Man möchte sagen: Jaja, jetzt ist Theater vollends zur Kantinenschwafelbude geworden, das Theatertreffen ist wohl nur noch fades Privatamüsement von Kritikern und inkontinenten Schauspielern da, aber das wäre schon zuviel der Bosheit. Es ist irre, wo das Theatertreffen gelandet ist. Da lacht man schon wieder. Ab jetzt sollten nur noch solche Poesiealbumlesungen laufen, am besten von den Kritikern. Wie war`s denn mit Ihrem Vati, Herr Kümmel?
hääääh? , 15. Mai 2009 - 19:49 Uhr
8. Alle Toten fliegen hoch: was soll denn das?
Da veranstaltet einer eine langweilige, plumpe und selbstverliebte Einmaltalkshow über sich selber (schon nur das ist grenzwertig...) rund um pubertäre Saufgelage und Erektionsneidereien, plappert über Maria in der Zwangsjacke und ulkt mit billiger Perücke und zwei Glocken über die Bühne - und der Saal lacht trotzdem. Was soll denn das? Warum machen wir da mit? Nur weil einige Kritis das Ganze "Theater" nennen und "bemerkenswert" finden? Gibt es denn nichts anderes, das man ans tt einladen könnte? Falls das so ist, bin ich für die Schliessung aller grossen Häuser und für die Verteilung der Subventionen an die Off-Szene!

Übrigens: Heute ist dann auch noch der Mann aus der Todeszelle auf die Bühne gekrakselt... Das war irgendwie unendlich peinlich!!
Schwalbe , 17. Mai 2009 - 21:29 Uhr

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