Caitlyn Jenner auf Usedom

von Georg Kasch

6. September 2016. Am Tag nach der Mecklenburg-Wahl fragte ein Bekannter: Gut 20 Prozent für die AfD, und in meinem Freundeskreis gibt’s kaum Kommentare dazu? Ich finde das nicht erstaunlich, denn das Resultat ist nicht so dramatisch ausgefallen, wie ich befürchtet hatte – ich habe es für möglich gehalten, dass die AfD stärkste Kraft wird. Ich komme aus Mecklenburg-Vorpommern, da muss ich mir nichts vormachen. Schauen Sie sich mal die Zahlen von Usedom an, dann wissen Sie, was ich meine.

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Wie also darauf reagieren? Bislang war ein weit verbreitetes Mittel: der Spott. Macht Spaß, zeigt lässig die eigene Überlegenheit. Aber vielleicht ist jetzt auch mal gut mit "Die sind alle blöd". Schließlich haben die Menschen ihre Gründe, AfD zu wählen. Die meisten wollten den etablierten Parteien eins in die Fresse hauen, weil sie das Gefühl haben, nicht ernstgenommen zu werden mit ihren diffusen Ängsten. Mit ihren Verlustgefühlen, weil sich Dinge ändern. Dinge, die vertraut sind, ein Gefühl von Zuhause vermitteln, die scheinbar immer da waren. Sie verändern sich als direkte Folgen von Globalisierung und zunehmend ungebremstem Kapitalismus.

An Widersprüche gewöhnt oder auf Suche nach Sündenböcken

Diese Folgen kann man auch als Nicht-AfD-Wähler kritisieren, das tun wir eh, und in Sachen Veränderung müssen wir nur an TTIP und CETA denken, damit klar wird, dass die Menschen links der Mitte damit auch ein Problem haben. Nun sind Globalisierung und Markwirtschaft ziemlich unkonkrete, unbegreifbare Feindbilder, außerdem viel zu eng verwoben mit unser aller Leben, als dass man da problemlos in Gut und Böse trennen könnte. Versuchen Sie’s mal: Reisen ohne Pass? Gut. Lohndumping in Fernost? Böse. Freier Warenverkehr? Ähm... Eben. Der liberale Großstädter hat sich also längst an den Widerspruch gewöhnt, in einer Welt zu leben, die zunehmend fremdgesteuert erscheint, und sich dabei in seiner Nische irgendwie eingerichtet. Weil er weiß, dass einfache Antworten der Welt, wie sie ist, nicht gerecht werden. Dem vorpommerschen AfD-Wähler, der das Gefühl hat, die in Schwerin haben ihn vergessen (und die in Berlin und in Brüssel sowieso), gibt fassbaren Sündenböcken die Schuld. Den Ausländern. Der ganzen Liberalisierung, auf allen Gebieten. Dieser Gender-Sache. Früher haben doch auch zwei Geschlechter gereicht, oder? Da kommt die AfD gerade recht.

Das ist schlicht, durchschaubar. Trotzdem (oder gerade weil) gibt es auch queere AfD-Wähler*innen. Politiker*innen sowieso: Jana Schneider, lesbische JA-Vorsitzende in Thüringen. Frank-Christian Hansel, Schöneberger Kandidat für das Berliner Abgeordnetenhaus. Mirko Welsch, Bundessprecher der "Bundesinteressengemeinschaft Homosexuelle in der AfD". In MV hat es jetzt Thomas de Jesus Fernandes ins Parlament geschafft, der mit einem Mann verpartnert ist, dessen Namen er angenommen hat.

Warum? Auch hier könnte man es sich wieder einfach machen: Die dümmsten Kälber wählen ihre Schlächter selber. Man kann aber auch feststellen, dass es queere Menschen gibt, die in Flüchtenden eine Bedrohung sehen – ihres Lebensmodells, ihrer wirtschaftlichen Umstände – und für die wertkonservativ noch eine freundliche Umschreibung ist. Nicht nur in Deutschland: Die US-amerikanische Transfrau Caitlyn Jenner setzt sich ja auch für Donald Trump ein.

Lange hat es die AfD ihrer queeren Klientel nicht einfach gemacht, das rechte Auge zuzudrücken. Björn Höcke bezeichnete Gender-Mainstreaming als "Geisteskrankheit", Beatrix von Storch nannte es eine "politische Geschlechtsumwandlung". Eine Thüringer AfD-Abgeordnete sorgte für Aufregung, als sie bei der Landesregierung nachfragte, wie viele homosexuelle Menschen in ihrem Bundesland leben.

Weniger heiß als gekocht?

Neulich aber ließ sich Beatrix von Storch, jahrelange Mitorganisatorin der Demo für Alle, beim lesbischwulen Stadtfest im Nollendorfkiez blicken (und von einer engagierten Dragqueen vertreiben). Und Frauke Petry, das Covergirl der AfD, sagte im Interview mit Thilo Jung: "Also die AfD akzeptiert, dass es gleich geschlechtliche Lebenspartnerschaften gibt, dass es auch eine steuerliche Gleichstellung gibt, so wie es der Status Quo ist", dann klingt das doch alles weniger heiß, als es in den Medien und der Community gekocht wird.  Außerdem müssen wir uns nichts vormachen: Mit Gender und Queer Theory haben es auch viele Lesben, Schwule und Trans-Menschen nicht so.

Was tun? Weiterhin genau hinschauen. Denn bei dem zitierten Satz belässt es Petry nicht. Indirekt zitiert sie nämlich eine der Lieblingstheorien der neuen Rechten, die von der Verschwulung der Welt: "Und wenn im öffentlich-rechtlichen Fernsehen fast kein Spielfilm in Deutschland mehr damit auskommt, ohne das schwule Pärchen, das dann ganz toll gefunden wird von Mutter und Vater, die nach Hause kommen [...] dann möchte ich einfach nicht, dass das zum Standard erhoben wird. Ich akzeptiere, dass das so ist, weil die Menschen so sind wie sie sind und weil es Schwulsein zu allen Zeiten gegeben hat und es im alten Griechenland auch schonmal schick war, dass Männer eher mit Männern Sex hatten anstatt mit ihren Frauen, die primär zum Kindergebären da waren."

Das ist wieder typisch AfD: eine Halbwahrheit, im Brustton der Überzeugung hingestanzt. Sollte sich jemand beschweren, wird man’s mal wieder nicht so gemeint haben (oder der Praktikant ist auf der Tastatur ausgerutscht...) Dass die Päderastie der alten Griechen viel mit einer in unseren Augen merk- (und straf-)würdig erscheinenden Form von Bildungsvermittlung, Macht und Erziehung zu tun hatte – Schwamm drüber, die Frau ist ja keine Historikerin. Dass schwul und Homosexualität Konzepte des späten 19. Jahrhunderts sind und sich nicht auf Jahrtausende alte Kulturen anwenden lassen – dito. Dass jetzt ausgerechnet aber eine AfD-Frontfrau kritisiert, Frauen seien in der Antike zu Gebärmaschinen degradiert worden, entbehrt nicht einer gewissen Komik. Ist nur nicht zum Lachen.

 

gkportraitschmalGeorg Kasch, Jahrgang 1979, ist Redakteur von nachtkritik.de. Er studierte Neuere deutsche Literatur, Theaterwissenschaft und Kulturjournalismus in Berlin und München. In seiner Kolumne "Queer Royal" blickt er jenseits heteronormativer Grenzen auf Theater und Welt. 

 

Zu allen Queer-Royal-Kolumnen von Georg Kasch: hier entlang.

 

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