Noch nicht ganz und schon nicht mehr

von Michael Laages

Münster, 25. September 2016. Im großen Summen und Brummen des Erinnerns an die Reformation in Deutschland vor 500 Jahren will und wird das Theater mit diesem Stück wohl nicht so recht mitklingen – schon weil der vielseitige Dramatiker John von Düffel, dessen "Martinus Luther" jetzt mit der Uraufführung am Theater in Münster noch vor dem eigentlichen Start den Beginn vom sogenannten "Luther-Jahr" markiert, den Anlass eher ausspart: den religiösen Um- und Aufbruch, der auch und vielleicht vor allem ein politischer war im Kernland des alten Europa. Geschickt hat von Düffel einen minder populären Ansatz gewählt und erzählt von Luther auf der Bühne einerseits vor und andererseits nach dem historischen Fortschritt der Reformation.

Ein Star wird entdeckt

Der Untertitel lässt das ahnen: "Anfang und Ende eines Mythos‘", der Reformator, wie ihn von Düffel zeigt, ist noch nicht ganz Luther im ersten Teil und schon nicht mehr recht Luther im zweiten. Im Gewitter von Stotternheim bei Erfurt Anfang Juli 1505 beginnt die Fabel – fast vom Blitz getroffen (wie der einsame Baumstamm, den Mirjam Benkner auf die Bühne gestellt hat), legt ein 22jähriger Mann, angehender Jura-Student und mit solider frühbürgerlicher Karriere vor Augen, das Mönchs-Gelübde ab und sagt sich los vom Leben, wie es war, um von nun an nur noch dem Glauben zu dienen. Allerlei Versuchungen stürmen auf ihn ein, der Teufel naht in vornehmlich weiblicher Gestalt; der sehr handfeste Vater versucht den Jungen zurück zu holen und scheitert. Der junge Mann hat die "Berufung" gefunden, und der Glauben ist nun "ein' feste Burg" für ihn.

Luther01 560 c Oliver berg u"Martinus Luther": Hier lieg ich und kann nicht anders? Ulrike Knobloch, Daniel Rothaug und der Chor.  © Oliver Berg Tatsächlich wird er Mönch, und der Kloster-Vikar entdeckt, dass in dem jungen Mann aus Eisleben im Mansfelder Land ein großes theologisches Talent heran wächst. Er schickt ihn an die frisch gegründete Universität im Städtchen Wittenberg an der Elbe – wo das Talent über sich und die Kirche hinaus zu wachsen beginnt. 95 Thesen gegen den kirchlich sanktionierten Ablasshandel (Geld gegen Sünde) hämmert Luther an die örtliche Schlosskirche; und in Max Claessens Inszenierung greift der junge Mann sogar zum Vorschlaghammer und zertrümmert ein kleines weißes Kirchen-Modell aus Gips.

Figuren strömen

Pause. Claessen hat die Episoden des ersten Teils von Chor-Gesängen unterbrechen lassen, deren wohlvertraute Texte ("Aus tiefer Not schrei ich zu Dir") den Gang der Entwicklung begleiten. Auf Daniel Rothaug als jungen Luther, zunächst und im Gewitter nur mit Kittel-Schurz bekleidet und nach der Aufnahme bei den Augustinern mit der Mönchskutte, strömen Figuren zu aus dem Hintergrund: Gerhard Mohr als Vater Hans und klösterlicher Förderer Johann von Staupitz, Ulrike Knobloch in vielerlei Gestalt, von der versprochenen Braut bis zum Ablasshändler Tetzel, dessen Sünden-Geschacher (hier wie in einer Fernseh-Mitmachshow) der vordergründige Anlass für Luthers Wittenberger Thesen ist. Die Schauspielerin hinkt jeweils teuflisch, singt darüber hinaus höllisch gut (nur "Sympathy for the devil" fehlt) und bekommt per Mikroport gelegentlich auch die passend infernalische Stimme verpasst. Vater und Sohn Luther sprechen derweil deutlich Dialekt aus dem Mansfelder Land und sagen also "Ludder" und "Vadder".

Abendmahl

Teil zwei kommt ganz anders daher; auf die Episoden zu Beginn folgt nun als durchgehende Szene eine Art lutherdeutsches Abendmahl. Sehr alt geworden und mit sehr langem Zausel-Haar seitlich der Tonsur, hockt der Patriarch in einem Zimmerchen am Tisch; Frau Luther, Katharina von Bora also, hackt Holz vor der Tür. Auf dem Fahrrad und mit umgeschnallter Mandoline rauscht der Freier von Luthers letztverbliebener Tochter Margarethe daher – den lässt der Alte (bei Dosenbier statt Wein und Hähnchenteilen wie aus der Mc-Donalds-Tüte) einige jener späten Luther-Pamphlete lesen und hören, in und mit denen sich der einst so produktiv standhafte Denker zum starrsinnig-deutschen Hassprediger gewandelt hat: noch immer gegen den "Antichrist" auf dem Papst-Thron in Rom, aber jetzt halt auch gegen Juden und Muselmanen. Da braucht’s keine Aktualisierung. Der Freier allerdings ist selber Jude und sucht darum bald das Weite. Luther trifft der Schlag, nicht ohne dass er sich nochmal der Folter vor den kaiserlichen Reichstagen erinnert, wo er zum Widerruf gezwungen werden sollte.

Dazu singt der Chor übrigens jetzt Lieder aus zeitgenössisch-christlichen Singe-Bewegungen und die Ironie nimmt damit stark zu in Claessens Inszenierung. Aber auch von Düffels Text schnurrt in diesem zweiten Teil irgendwie zusammen auf Satire-Format. Mit der Offenlegung der finalen Verirrung und Verwirrung des ehedem so großen Geistes tut sich das Stück merklich schwerer als mit der feuerköpfig-himmelsstürmerischen Eröffnung. Und auch das Ensemble-Trio überzeugt im fliegenden Rollenwechsel des Beginns deutlicher als am deutschen Mittagstisch. Aber Claessens Team hat sich wirklich viel vorgenommen: mit dem Drei-Personen-Ensemble, mit den Chören; und dies ist darum ein sehr annehmbarer Start für ein Stück, das noch auf weiteren Stationen überprüft werden dürfte.

 

Martinus Luther
von John von Düffel
Uraufführung
Regie: Max Claessen, Bühne und Kostüme: Mirjam Benkner, Sound und musikalische Einstudierung: Michael Barfuß, Chorleitung: Jurij G. Berges-Maas, Dramaturgie: Michael Letmathe. Mit: Ulrike Knobloch, Gerhard Mohr, Daniel Rothaug.
Dauer: 2 Stunden 20 Minuten, eine Pause

www.theater-muenster.com

 

Mehr zu: ein Gespräch, das Deutschlandradio mit dem Autor John von Düffel vor der Premiere in Münster geführt hat, könnnen Sie hier nachlesen.


Kritikenrundschau

Sobald der Premierenjubel verflogen ist, "nach einer Nacht des Überschlafens" verfestigt sich für Johannes Loy von den Westfälischen Nachrichten (26.9.2016) "der Eindruck, dass die Annäherung des Theater-Erfolgsautors an den Reformator phasenweise effektorientiertes Stückwerk bleibt." Die Münsteraner Akteure "agieren stark und schultern eine Menge Text". Doch: "Dies täuscht nicht darüber hinweg, dass die von Düffel im zweiten Teil ausgerollte Folie mit dem alternden, fressenden und saufenden Luther nicht als Handlung durchgeht, sondern eher als Notbehelf fürs Zitieren problematischer Luthertexte dient. Das wiederum vom Chor eingestreute neue geistliche Liedgut steht dem wie ein absurder Kontrast gegenüber."

Ein "großer Wurf" ist John von Düffels neues Schauspiel für Ulrich Fischer im Bericht für den Bayerischen Rundfunk (26.9.2016, nachzuhören in der Audiodatei). Die Inszenierung hält er für schwächer" als den Text.

 

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