Anstelle der Strichmänner

von Christian Rakow

Berlin, 8. Oktober 2016. Manchmal ist schon das Vorspiel den Eintritt wert: Noch ehe das Festival "Uniting Backgrounds" am Gorki Theater mit "Atlas des Kommunismus" seine Pforten öffnet, startet an diesem Abend im Studio des Gorki die Reihe "Mythen der Wirklichkeit".  In einer Serie von Performances sollen hier populäre und politisch vereinnahmte Erzählungen diverser Völker durchleuchtet werden. Die Produktionen laufen in der Landessprache und werden übertitelt.

Zum Auftakt inszeniert Krzysztof Minkowski den gegenwärtigen Rechtsruck in Polen in lockerer Auseinandersetzung mit dem Märchenfilms "Die zwei Monddiebe". Dessen kindliche Protagonisten – die Zwillinge Jacek und Placek, die den Mond stehlen wollen, um nie wieder arbeiten zu müssen – wurden 1961 frappierenderweise von Lech und Jarosław Kaczyński verkörpert. Die Koinzidenz liefert dem knapp fünfzigminütigen Solo ein Sprungbrett in heutige Vorstellungen von "Heimat", wie sie die katholisch konservative Kaczyński-Partei "Recht und Gerechtigkeit" in Polen proklamiert. Mit wohlgetimter Wandlungsfreude bewegt sich die furiose Marta Malikowska in dieser One-Woman-Show durch EU-Skepsis und Heimatwehrideologie der Politeliten. Instruktiv und packend.

Die Theorie darf nur durchs Biografische scheinen

Auf der großen Bühne des Gorki gibt's anschließend den "Atlas des Kommunismus" der argentinischen Dokumentartheater-Fachfrau Lola Arias, erarbeitet mit sieben Spielerinnen und Tucké Royale als "die Polittunte unter den Schwestern", wie er sagt. "Polittunte" hin oder her. Wer für eine Verständigung über die systematischen Grundlagen des Kommunismus gekommen ist, liegt hier falsch. Im Programmzettel erzählt Dramaturg Aljoscha Begrich man habe im Rechercheprozess auch mit einem Mann gesprochen, der behauptete, er wisse, wie die DDR hätte funktionieren können. Aber seinen Ausführungen zur Produktivitätstheorie habe Lola Arias nicht folgen wollen, langweilte sich, fragte nach Konkretem. "Der Mann antwortet: Sie wollen immer etwas Alltägliches hören, aber es tut mir leid, mein Leben war Theorie!" Bonmots wie dieses vermisst man in Arias' Abend über die DDR mit Vor- und Nachgeschichte doch ein wenig. Anders als bei dem vergleichbar gelagerten Projekt von Rimini Protokoll "Das Kapital. Erster Band" sind Theoriestimmen wie seinerzeit die des Marx-Theoretikers Thomas Kuczynski ausgespart.

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Zimmering (Video) © Ute Langkafel / MAIFOTO

Stattdessen sucht Arias biographische Erzählstücke von Menschen, denen der Kommunismus vor die Nase gehängt wurde wie die Rübe dem Esel, während sie im real existierenden Sozialismus schufteten. Salomea Genin etwa, eine aus Nazi-Deutschland nach Australien geflohene Jüdin, die nach dem Mauerbau bei der Stasi als IM anheuerte ("mein Beitrag zum Klassenkampf"), später in den 1980ern bereute, in Depression verfiel. Ihr zur Seite stehen Frauen, die eigene Ost-Erfahrungen einzubringen haben: die Dolmetscherin Monika Zimmering, Gorki-Schauspielerin Ruth Reinecke, Ex-Punkerin Jana Schlosser und Mai-Phuong Kollath, die als vietnamesische Gastarbeiterin in den Rostocker Überseehafen kam, der Rückführung nach Hanoi durch Heirat entging und ein "gelungenes Beispiel für Integration wurde und an einem Tisch mit Angela Merkel saß", wie sie witzelt.

Bilderalbum statt Atlas

Das Ensemble wird durch mehrere Nachgeborene komplettiert: Performer und Gay-Aktivist Tucké Royale und die siebzehnjährige Flüchtlingsaktivistin Helena Simon, mit denen der Abend nah an die Herzensthemen des Gorki LGBT- und Migrationspolitik heranrückt; und für den Comic Relief die neunjährige Matilda Florczyk, die regelmäßig zu erkennen gibt, dass ihr das ganze Kommunismus-Gedöns reichlich Schnuppe ist; sie habe doch hier auf den Brettern schauspielern wollen. Menno.

Einen "Atlas des Kommunismus" hat Lola Arias mit ihrem Team nicht kreiert. Nicht wenn man Atlas als große politische Topographie auffasst. Eher gibt's ein Bilderalbum, von der NS-Zeit über die DDR bis ins Heute, sehr persönlich gehalten, mit eindrucksvollen Einblicken: Was Mai-Phuong Kollath über die herabwürdigenden Bedingungen in Gastarbeiterverträgen der DDR erzählt, dürfte eine veritable Keule für verträumte Ostalgiker sein. Ruhig und bezwingend erinnert Helena Simon an die Konflikte um die Flüchtlingsunterbringung in der Gerhart-Hauptmann-Schule in Berlin-Kreuzberg.

Zeitsprung mit Ruth Reinecke

Im Beharren auf Dissidenz flackert der Abend auf. Jana Schlosser hämmert einen Song ihrer Punkband "Namenlos" ins Mikro: "Nazis in Ost-Berlin". Ein Song, der ihr in den 1980ern eineinhalb Jahre Knast einbrachte. Überhaupt emotionalisiert das Stück immer wieder dort, wo es ins Konzert einbiegt. Mit Jens Friebe ist ein veritabler Indie-Kapitän mit am Start und steuert live Keyboard und Gitarre bei. Da kann dann selbst das notorische "Ein bisschen Frieden" von Nicole, hier von Mai-Phuong Kollath gesungen, schon mal klingen, als sei es eine sphärische Phantasie von Arcade Fire.

Einmal aber, da dringt in diesen charmanten Erinnerungs- und Liederabend ein gänzlich anderer Ton, eine Ahnung davon, wie viel Kraft in einer historischen Rekonstruktion stecken kann. Da steigt die große, unverwüstliche Gorki-Spielerin Ruth Reinecke auf einen Tisch und erinnert sich an 1988, an die Uraufführung von Volker Brauns "Die Übergangsgesellschaft", Regie Thomas Langhoff, hier am Gorki Theater. Ruth Reinecke war damals selbst dabei. Und für Momente verdichtet sich all das Sehnen und Hoffen und Verzweifeln, derer, die unter Hammer-Sichel-Ährenkranz lebten, in den Worten Volker Brauns: "Wie klein diese Punkte sind, zwischen denen wir unsere Linien ziehen jeden Tag mit dem Lineal, wie die Schulkinder, diese Wahrheiten und nicht darüber hinaus. Punkt, Punkt, Komma, Strich, fertig ist das Mondgesicht. Die Strichmänner der Planung." Und dann kippt der Monolog in die Ausbruchslust: "Ich will alles aus mir holen, meine Angst, meine Lust, meine Scheiße, mein Blut. Ich will Tag und Nacht sein. Ich will über die Grenze gehen." Ein Beben. Ein kolossaler Zeitsprung. Plötzlich liegt das große Buch des Lebens eines Landes und des Lebens des Theaters doch offen und weit da. Wie ein Atlas.

Atlas des Kommunismus

von Lola Arias und Ensemble
Regie: Lola Arias, Bühnenbild: Jo Schramm, Kostüme: Karoline Bierner, Musik: Jens Friebe, Video: Mikko Gaestel, Dramaturgie: Aljoscha Begrich.

Mit: Matilda Florczyk, Salomea Genin, Mai-Phuong Kollath, Ruth Reinecke, Jana Schlosser, Helena Simon, Monika Zimmering, Tucké Royale, Livemusik: Jens Friebe, Livekamera: Alexa Brunner, Josephine Reinisch.

Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause

Mythen der Wirklichkeit #1: Die zwei Monddiebe

von Krzystof Minkowski, Wojtek Zrałek-Kossakowski und Marta Malikowska
Regie/Übersetzung ins Deutsche: Krzystof Minkowski, Dramaturgie/Sounddesign: Wojtek Zrałek-Kossakowski, Bühne/Kostüme: Konrad Schaller, Dramaturgische Mitarbeit: Tobias Herzberg, Produktionsleitung der Reihe Mythen der Wirklichkeit: Hanna Saur.

Mit: Marta Malikowska.

Dauer: 50 Minuten, keine Pause

www.gorki.de

 


Kritikenrundschau

"Dieses empathisch-subtile dokumentarische Theater funktioniert bestens und spannend, ist interessant und kunstfertig gestaltet, fast nie pädagogisch, sondern oft ziemlich komisch", lobt Irene Bazinger in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (10.10.2016) diesen Erzähltheaterabend. "Lola Arias animiert demokratisch zur Freiheit des Denkens, huldigt herzlich ihrem souveränen Ensemble und legt mit ihm eine hinreißende Inszenierung auf den hellen, frischen Holzboden: als Tanzsieg über alle ideologische Schwerkraft."

Für Barbara Behrendt in der taz (10.10.2016) bleibt "die Diagnose heutiger Demokratie", die das Gorki-Festival "Uniting Backgrounds" beabsichtigt, an diesem Eröffnungsabend "unterbelichtet". Das Thema "Kommunismus" sei hier "wesentlich eingeschränkt auf die Zeit der DDR"; mit der Nachwendezeit zerfasere der Abend. "Am Schluss schwelgt man in der Sehnsucht nach einem friedlichen Miteinander" und Tucké Royale "erklärt, als wäre das mehr als ein Klischee: 'Die Dummheit der DDR ist kein Beweis gegen den Kommunismus.' Zu banal ist das als Bilanz eines Abends, der sich doch zutrauen wollte, den ganzen 'Atlas des Kommunismus' zu kartografieren."

"Lola Arias durchmisst mit ihren Umbruchs-Menschen die Wechselläufe und Wendepunkte ihrer Biografien und befragt die Leerstellen, die das Verschwinden der kommunistischen Ideologie auf der politischen und der Lebenskarte hinterlassen hat", berichtet Patrick Wildermann für den Tagesspiegel (10.10.2016). Gegen den Abend könne man einwenden, dass er "oft erstaunlich zielsicher alle Schmerzpunkte der Erzählungen umschifft". Mit vollem Lob wird das "furiose polnische Stück 'Die zwei Monddiebe' von Regisseur Krzysztof Minkowski" im Gorki-Studio am Festivaleröffnungsabend bedacht.

Ein "triumphaler Applaus", schallte Ulrich Seidler von der Berliner Zeitung (10.10.2016) im Gorki Studio bei "Mythen der Wirklichkeit #1" von Krzysztof Minkowski entgegen: Der Abend zeige eine "politischen Dringlichkeit und kämpferischen Widerborstigkeit, die Theater hierzulande zuletzt kurz vor der Wende einmal hatte." Bei Lola Arias auf der Hauptbühne erschienen Privatleute und "rekonstruieren aus ihren verschiedenen Perspektiven ein Bild des real existierenden, irgendwie ganz anders gemeinten Sozialismus − mit dem verdämmerten Glamour der kommunistischen Utopie im Hintergrund", wobei und jeder "seinen identifikationstauglichen dramatischen Höhepunkt" erhalte, "dazu kommen seltsam tief berührende Kampf- und Pionierlieder, Protest- und Punksongs."

In der Berliner Morgenpost (10.10.2016) schreibt Katrin Pauly: "Es ist dies kein Abend über den Kommunismus geworden, sondern ein Abend über individuelle Lebenswege, nach denen die Politik zeitweise ihren langen Arm ausstreckte. (...) Dramaturgisch bleibt das alles etwas sprunghaft, weil Lola Arias das Individuell-Anekdotische betont. Es ist zugleich eine Stärke: Es geht nicht primär ums System, es geht um Menschen und die machen die Inszenierung ungemein sympathisch."

"Ein Atlas, der den Kommunismus vermisst, ist der Abend nicht geworden. Dafür ein höchst liebenswertes Geschichtenalbum." Es würden Schlüsselszenen erzählt – "so subjektiv, wie Erinnerung nun mal ist", schreibt Mounia Meiborg in der Süddeutschen Zeitung (11.10.2016). "Auch wenn mancher Übergang holpert, manches Frage-Antwort-Spiel etwas auswendig gelernt klingt: Es gibt tolle Momente, in denen die Darstellerinnen zu sich kommen." Das liege auch an der Musik Jens Friebes.

"Dass in der Inszenierung Meinungen aufeinander krachen, ist einer der Punkte, die die Produktion interessant machen. DDR-Befürworter treffen auf DDR-Gegner, sehr junge, auf sehr alte Menschen", sagt Oliver Kranz im Deutschlandfunk (online 12.10.2016). "Eine klare Botschaft hat der Abend nicht. Vom Kommunismus scheint sich jeder ein anderes Bild zu machen. Nur in einem sind sich alle einig: in der real existierenden DDR gab es ihn nicht."

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