Das Schweben der Anderen

von Sophie Diesselhorst

Berlin, 20. Oktober 2016. "I will survive", monotönt die Computerstimme vom Navi des Raumschiffs, zu dem Simone Dede Ayivi die Bühne erklärt hat. Ayivi selbst hat sich im silbernen Raumanzug zu einem "Black Power Nap" auf den Boden unter den Sternenhimmel gelegt, den die Diskokugel wirft. Es mache müde, dieses zusätzliche Bewusstsein, in dem man als schwarze Frau ständig das Mitleid oder die Verachtung in der Perspektive der "Anderen" auf sich mitverarbeiten müsse.

Im utopisch funkelnden Weltall

Dabei hat sie sich ja gerade aus dem Blickfeld dieser Anderen hinausbegeben in den von lauter geradezu utopisch funkelnden Sternen besetzten Weltraum, dessen unendliche Weiten doch eigentlich gar nicht anders können als andere mögliche Welten zu eröffnen... Aber natürlich enthält der Weltraum auch DIE Welt mit all ihren -ismen, deren Produkt Ayivi ist und bleibt, auch wenn sie sich in einem silbernen Raumanzug versteckt und somit nicht mehr als schwarze Frau zu erkennen ist ("Jeder Raum ist sicherer, wenn du einen Raumanzug trägst"). Immerhin lässt diese Welt sich von hier aus mit ein bisschen mehr Ruhe betrachten, man muss nicht jede Drehung mitmachen. Und noch finden im Weltraum keine Kriege statt.

FirstBlackWomenInSpace4 560 Ute Langkafel Maifoto u"Jeder Raum ist sicherer, wenn Du einen Raumanzug trägst": Simone Dede Ayivi performt postrassistische Utopien in den Sophiensaelen Berlin © Ute Langkafel / Maifoto

"Space is the Place", hat Ayivi gesagt, nachdem sie sich den Raumanzug übergeworfen hat – und damit den Titel eines Blaxploitationfilms des Jazzmusikers Sun Ra aus dem Jahr 1972 zitiert. Ra gilt heute als Pionier des Afrofuturismus, einem 1993 vom (weißen) Kulturwissenschaftler Mark Dery geprägten Begriff für eine ästhetische Strömung schwarzer Kunst, die sich von Sun Ra bis zu Beyoncé (mit ihrem Film "Lemonade") zieht und als kleinsten gemeinsamen Nenner Science-Fiction-Elemente nutzt, um schwarze Subjekte weiß dominierter Geschichtsschreibung zu entfremden und sie in postrassistische Möglichkeitsräume zu schicken. Genauso wie es jetzt Simone Dede Ayivi in ihrer One-Black-Woman-Show in den Sophiensaelen konkret ausprobiert.

Eine neue Weltkugel

Ayivi zelebriert die afrofuturistische Utopie und ihre Vorstellungswelten: Sie reichert die konzentrierte Entdeckungsreise in ihr persönliches Bezogenheitsgeflecht um musikalische Zitate aus afrofuturistischer Tradition an. Ihr Weltraum enthält gleich mehrere Sternen-Quellen: einen Scheinwerfer und eine fein durchlöcherte Blechwand; noch einen Scheinwerfer und die Diskokugel, einen Projektor. Und, das ist die pathetischste Geste dieses kleinen, aber feinen Abends, es entfaltet sich aus einer Stoffbahn am Boden tatsächlich eine neue Weltkugel, auf die dann groß das ruhige Gesicht der Black-power-nappenden Performerin projiziert wird.

FirstBlackWomenInSpace2 560 Ute Langkafel Maifoto uDie Weltkugel als Projektionsfläche: Simone Dede Ayivis Solo "First Black Woman in Space" in den Sophiensaelen Berlin © Ute Langkafel / Maifoto

Immer wieder schließt Ayivi ihr Erleben und das des Publikums aber auch kurz mit der ganz gegenwärtigen Präsenz elf afrodeutscher Frauen, die als Videobilder auftauchen und sich politisch positionieren als "Community", die sich nicht davon entmutigen lässt, dass sie immer noch rufen muss: Black lives matter.

Ganz klar ist dies ein Theater im – in seinen Zitaten zuweilen ein wenig insiderischen – Geiste des Empowerment. Aber es meidet die Militanz, die naheliegende Anklage gegen die Welt, wie sie verfasst ist. Vertraut stattdessen auf seine eigene, kluge und sinnliche Vorstellungskraft, die mehr kennt als schwarz und weiß.

 

First Black Woman in Space
von Simone Dede Ayivi
Text, Performance: Simone Dede Ayivi, Ausstattung: För Künkel, Sound: Katharina Kellermann, Video: Kathrin Krottenthaler, Licht: Rosa Wernecke, Dramaturgie: Jule Sievert.
Dauer: 1 Stunde 10 Minuten, keine Pause

www.sophiensaele.de


Die Theatermacherin Simone Dede Ayivi ist auch als Publizistin aktiv, u.a. beteiligte sie sich an der Kinderbuchdebatte 2013 (siehe Presseschau und Konferenzbericht). In der ZEIT schrieb sie 2015 über Alltagsrassismus (siehe Presseschau).

 

Kommentare  
First Black Woman in Space, Berlin: SF-Trost
Im Weltraum findet bereits auch ein Krieg statt. Es gibt sogar schon genug Müll darin, als Kriegs-Beleg. Der beabsichtigte Zeit-Gewinn, um sich selbst bewusst in einem persönlich eigenen Tempo im eigenen Leben zu verorten, ist also real zu erreichen durch eine Entfernungsvergrößerung vom hier und jetzt. Ein Ausstieg in eine zu erlebende heile und friedliche Dimension nicht. Nicht einmal im Weltraum. Der kitschige Trost an Science Fiction ist, dass dabei immer ein Krieg der Sterne imaginiert wird. Is aber immer nur der Krieg von einem Stern gegen sich selbst und den Rest von Raum als Zeit.
First Black Woman in Space, Berlin: abstrakt
Was für ein abstrakter Text, wie eine Bewerbung für einen Job bei der ZEIT vor 20 Jahren. Was ist da passiert? Ich habe wenig verstanden.
Kommentar schreiben