In der Klischee-Falle

von Shirin Sojitrawalla

Mainz, 3. Dezember 2016. Das Performance-Kollektiv She She Pop setzte sich in seiner jüngsten Produktion Fifty Grades of Shame mit Begehren, Scham und Schande auseinander. Kein ganz großer She She Pop-Abend, aber einer, der zumindest mit einigen Humor-Herrlichkeiten und unverfrorenen Unverschämtheiten Lust zu bereiten wusste. Sehr viel reizloser verhandelt jetzt ein kleiner Abend in der Spielstätte U17 am Mainzer Staatstheater das Begehren in seinen heutigen Ausführungen.

Die Dokumentartheater-Autorin Gesine Schmidt hat für ihre "doku-fiktionale Feldforschung" Interviews mit Menschen zwischen 26 und 75 Jahren über ihr Verlangen, über Liebe, Sex und Macht geführt: Sieben Leute, vier Frauen und drei Männer, kommen zu Wort. Es geht um Dating-Apps, polyamore Leidenschaften, Sex als Ware und als Hobby, das erste Mal und Liebe im Alter und um alles sonst, was einem beim Stichwort Begehren ins Hirn strömen mag.

Humor. Niveau.

Auf der Bühne funkelt ein roter Glitzervorhang, hinter dem sich 2 Zimmer, Küche, Bad verbergen. Doch zuvor wird auf der Leinwand über der Szenerie eine Tür mit Klinke und Schlüsselloch (sic!) eingeblendet, und schon geben Schauspieler die von Gesine Schmidt eingeholten Antworten als ihre Bekenntnisse zum Besten. Während sie übers Ficken, Blasen, Schlagen reden, verrichten sie Haushaltskram. Monika Dortschy etwa schält als Helga einen Apfel und teilt ihn in formschöne Schnitze, und Denis Larisch schrubbt als Toiletten-Ole hingebungsvoll das Bad. Sublimation, versteht sich. Das könnte daran erinnern, dass im Fernsehprogramm der 80er Jahre Frauen, die Telefonsex anboten und dabei bügelten, als lustig galten. Lange her. Das Humor-Niveau des Mainzer Abends übers Begehren ist damit aber ziemlich genau umrissen.

Begehren1 560 Andreas Etter uMainzer "Begehren" in 2 Zimmern, Küche, Bad, die Nikolaus Frinke einrichtete   © Andreas Etter

Die Wahrheit ist: Er ist gar nicht lustig und bleibt strikt an den Oberflächen des Begehrens haften. Dabei scheint es so, als habe der Regisseurin Brit Bartkowiak diesmal schlicht eine zündende inszenatorische Idee gefehlt. Die Texte mehr oder weniger plan aufsagen zu lassen, dazu die Figuren von Raum zu Raum zu lotsen, ab und zu ein paar vulgäre Bewegungen zu wagen und dies und das von einem Kameramann filmen und auf Leinwand übertragen zu lassen, ist ein bisschen lasch.

Reine Oberfläche

Der Programmzettel zitiert Gesine Schmidt, die über ihre Interviews sagt, die Menschen und Begegnungen wären wie immer bei ihren Arbeiten überraschend, berührend gewesen und hätten immer wieder ihre Erwartungen und Klischeevorstellungen unterlaufen. Davon ist in der Inszenierung so gut wie nichts zu spüren, viel eher tappt sie in die Falle der Geschlechterklischees, ohne das Gesagte und Gespielte zu brechen. Womöglich wäre es ja besser gewesen, die Frauenbekenntnisse von Männern und die der Männer von Frauen spielen zu lassen, um sich von der fixen Idee eindeutiger Identitäten zu befreien. Einmal nimmt der Kameramann kurz Herbert Marcuses Buch "Triebstruktur und Gesellschaft" in den Blick. Doch auch das bleibt reine Oberfläche. Kurz: Dieser Abend wartet mit wahnsinnig wenig Neuigkeiten auf, erregt dafür aber mit mangelnder Tiefgründigkeit Taubheitsgefühle in Kopf und Herz.

 

Begehren – eine doku-fiktionale Feldforschung
von Gesine Schmidt
Inszenierung: Brit Bartkowiak, Bühne: Nikolaus Frinke, Kostüme: Carolin Schogs, Video: Dirk Richard Heidinger, Musik: Ingo Schröder, Dramaturgie: Patricia Nickel-Dönicke.
Mit: Monika Dortschy, Heike Trinker, Catherine Janke, Leoni Schulz, Martin Herrmann, Johannes Schmidt und Denis Larisch.
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

www.staatstheater-mainz.com

 

Kritikenrundschau

"'Begehren' gibt sich als Bestandsaufnahme, und wahrscheinlich werden zum ersten Mal ganze S/M-Clubs ins Theater strömen", schreibt Markus Hladek in der Frankfurter Neuen Presse (5.12.2016). Im Grunde aber sei der Abend "der Abriss einer uneingestandenen Bedrängnis". Schmidts Figuren ließen außer der Lust und dem Zeitbild auch viel Ungenügen und Frustration erkennen. "Da liegt der Hund im Sauerkraut begraben", so Hladek: "Begehren" zeige die Spätfolgen des "Pathos der sexuellen Freiheit" der 70er Jahre auf. "Sexualität: ein riesiger Süßigkeitenladen ohne jeden moralischen Belang, der für alle Geschmäcker etwas da hat. Aber Süßigkeiten (…) verderben den Magen. Sie machen nur den Ladenbesitzer reich:  (…) heute den Sexmarkt. Und sie lenken von andern wichtigen Dingen ab."

In der Allgemeinen Zeitung (5.12.2016) erzählt Alfred Balz die Geschichten des Abends nach und schließt so: "Fazit: Sex scheint bei vielen zum Lifestyle-Produkt und zur Ware verkommen zu sein. Die offene Frage: Welche Rolle spielt dabei eigentlich die Liebe?"

Kommentar schreiben