Wollen Sie sich das nicht noch mal überlegen?

von Georg Kasch

Berlin, 17. Dezember 2016. Professor Bernhardi denkt. Auch wenn die Kamera sein Gesicht vielfach vergrößert auf die weiße Bühnenrückwand wirft, ist kaum wahrnehmbar, wie es in Jörg Hartmanns Gesicht arbeitet. Ein leichter Schatten hier, ein minimales Kopfschütteln da, mehr innere Anspannung als Mimik. Es ist faszinierend, dem zuzusehen. Weil da einer – bei allen Ironieregistern zwischen trocken, beißend, leise, bitter – kombiniert, begreift, seine Schlüsse zieht.

Hoffnung stirbt zuletzt

Zu begreifen hat Bernhardi viel in Arthur Schnitzlers Stück, das in Wien spielt, aber 1912 – der Zensur wegen – in Berlin uraufgeführt wurde. Denn der Arzt versteht erst allmählich, wie politisch instrumentierbar sein Handeln ist, als er den herbeigeeilten Priester davon abhält, einer Patientin das Sterbesakrament zu erteilen, weil sie in ihrer finalen Euphorie nicht weiß, dass sie sterben wird und er ihr den Schrecken ersparen will. Plötzlich bröckeln die Fassaden, verflüchtigen sich die Freundschaften, wird Bernhardi Opfer einer politischen Kampagne. Und hinter allem grinst breit die Fratze des Antisemitismus.

Wobei man hier für Antisemitismus auch alles andere einsetzen könnte, was in die drei Sternchen von "Ich habe ja nichts gegen ***, aber ..." passt. Aus dem leicht verstaubten, etwas verquatschten Kitteldrama mit merkwürdigem Komödienschluss macht Thomas Ostermeier – zusammen mit Florian Borchmeyer – ein Well-made-Play mit natürlichem Geschäfts- und Plauderton, mit schwingenden Türen zum nächsten Korridor und einer kleineren zum Krankenzimmer, die alle immer ganz behutsam schließen, während sie sich vorher noch fix die Hände am Desinfektionsspender reinigen.

Zwar gibt das unterkühlt-elegante Ambiente, das die Schauspieler auf Jan Pappelbaums weißen, flachen Kasten fahren und wieder verschwinden lassen, wenige Hinweise darauf, wann genau diese Geschichte spielt. Wie die Schauspieler aber agieren, welche Worte sie benutzen, macht sie dann doch sehr heutig. Da spricht etwa der liberale Pflugfelder von "rechtspopulistischen und völkischen" Kräften und Cyprian hofft, dass die Populisten bei den nächsten Wahlen vielleicht schon wieder verschwunden sind.

prof bernhardi 01 560 c ArnoDeclair uShowdown in der Krisensitzung: Am Ende ist Bernhardi (im grauen Anzug: Jörg Hartmann) vorübergehend seinen Job los © Arno Declair

Stark ohne Tobak

Anders als in seiner Volksfeind-Inszenierung – auch so ein Debatten- und Demaskierungsstück, in dem bald einer, der stört, allein steht gegen die kompakte Majorität – braucht Ostermeier hier keinen starken Tobak wie den Farbbeutelaufstand. Hier regiert das Wort, das Argument. Entsprechend schlägt er Fokus-Schneisen ins wohltemperierte Gewusel – von den ursprünglich gut 20 Charakteren sind immerhin noch 17 geblieben. Zum einen mit der Kamera, das neben Hartmanns Gesicht auch die fiebernde Kranke zeigt oder Bühnendetails vergrößert, etwa die Orts- und Bühnenbeschreibung, die Katharina Ziemke vor jedem Akt mit zeitlos schöner Schrift an die Wand kritzelt.

Vor allem aber fokussiert er durch den Dialog. In den Gruppenszenen brauen sich schön deutlich (und durchaus komödiantisch) die Konflikte zusammen – etwa in der Krisensitzung, nachdem wegen des Vorfalls der Stiftungsrat der Privatklinik zurückgetreten ist. Seine Gedanken entwickelt Bernhardi jedoch erst so richtig im Nahkampf. Etwa mit Hans-Jochen Wagners schmierigem Gesundheitsminister, der lustig mit den Armen rudert und überhaupt nie weiß, wohin mit seinen Beamtenpranken, der sich windet, verbal und auch im Sessel, es ist ein fast zu grober Spaß. Oder Sebastian Schwarz als Dr. Ebenwald, der Widersacher und Nebenbuhler ums Amt, ein ausgewachsener Antisemit, dem Schwarz eine schneidige Missgelauntheit verpasst, einen rempelnden Ehrgeiz, der auch ohne Schmiss schön gefährlich prickelt.

Noch wichtiger: Ostermeier nimmt den Priester ernst, bei Laurenz Laufenberg ein schmaler, freundich-ernster Jüngling. Als Bernhardi und er im Krankenhaus aufeinandertreffen, wird es richtig spannend, weil man gewillt ist, auch seine Argumente ernst zu nehmen, sich auf das Gedankenexperiment einzulassen: Was, wenn das Seelenheil der jungen Frau tatsächlich von seiner Begegnung mit ihr abhinge?

prof bernhardi 02 560 c ArnoDeclair uKatharina Ziemke schreibt auf, wo wir uns befinden © Arno Declair

Nadelspitzengenauigkeit

So trägt dieser Abend spielend über die knapp drei pausenlosen Stunden. Am Ende aber – da ist aus dem Drama längst die Komödie geworden, das Happy End besiegelt – wird’s noch einmal politisch. Gerade ist Bernhardi nach zwei Monaten Haft entlassen worden, alle sind plötzlich auf seiner Seite, wieder soll er instrumentalisiert werden, diesmal als Held der Aufgeklärten. Aber er hat doch nur als Mensch gehandelt, will kein Reformator sein und sich lieber ins Private zurückziehen. Da sagt der Ministerialrat Winkler, den Advocatus Diaboli spielend: "Das dürfte wohl daran liegen, dass wir uns innerlich noch nicht bereit fühlen, bis in die letzten Konsequenzen zu gehn – und eventuell selbst unser Leben einzusetzen für unsere Überzeugungen. Und darum ist es das Beste, ja das einzig Anständige, wenn unsereiner sich in solche G’schichten gar nicht hineinmischt …" 

Christoph Gawenda spricht das so nadelspitzenhaft genau ins Parkett, dass man gar nicht umhin kommt, sich gemeint zu fühlen von diesem Eingeständnis des Scheiterns, das zugleich ein Weckruf ist: Das sind ja wir. Das ist unsere Laxheit, wenn es darum geht, der wachsenden Demokratieskepsis, den Pegidisten und AfD-Wählern, den "Ich habe ja nichts gegen ***, aber …"-Sagern etwas entgegenzusetzen. Deswegen wirken diese Sätze auch nicht wie eine stichelnde Kasuistik gegen den Volksfeind, der plötzlich zum Volkshelden wider Willen geworden ist. Sondern als Herausforderung an Bernhardi, an uns: Wollen Sie sich das nicht noch mal überlegen?

Wieder denkt Professor Bernhardi, wieder zoomt Ostermeier nah heran, weil jetzt alle Möbel, alle Schauspieler die Bühne fliehen und nur noch Hartmann dasitzt, in dessen Gesicht es kaum sichtbar arbeitet: Und nun? Und du?

 

Professor Bernhardi
von Arthur Schnitzler
Fassung von Thomas Ostermeier und Florian Borchmeyer
Regie: Thomas Ostermeier, Bühne: Jan Pappelbaum, Kostüme: Nina Wetzel, Musik: Malte Beckenbach, Bildregie: Matthias Schellenberg, Kamera: Moritz von Dungern, Joseph Campbell, Florian Baumgarten, Videodesign: Jake Witlen, Dramaturgie: Florian Borchmeyer, Licht: Erich Schneider, Wandzeichnungen: Katharina Ziemke.
Mit: Jörg Hartmann, Sebastian Schwarz, Thomas Bading, Robert Beyer, Konrad Singer, Johannes Flaschberger, Lukas Turtur, David Ruland, Eva Meckbach, Damir Avdic, Veronika Bachfischer, Moritz Gottwald, Hans-Jochen Wagner, Christoph Gawenda, Laurenz Laufenberg.
Dauer: 2 Stunden 50 Minuten, keine Pause

http://www.schaubuehne.de

 

Kritikenrundschau

Für die Berliner Zeitung (19.12.2016) hat Ulrich Seidler eine "souveräne Inszenierung" gesehen: "Die Auftritte und Sentenzen sitzen, die Schauspieler (...) sind bis in die kleinste Rolle sicher, und der raffiniert konstruierte Aufbau des Verhängnisses scheint sich aus dem Augenblick zu entwickeln – auch wenn man ahnt, welche Mühe bei der Einübung von Abläufen und Einsätzen nötig war. Dank des Handwerks und der luftdicht konservativen, dabei knallwachen Spielweise des Ensembles hängt der zwei dreiviertelstündige, pausenlose Abend keinen Augenblick durch." Die Inszenierung vermöge zudem, "das Stück für die Gegenwart aufzuschließen."

Ostermeier inszeniere, so schreibt Christine Dössel in der Süddeutschen Zeitung (19.12.2016) "Professor Bernhardi" als "intellektuelles Denkstück für unsere postfaktische Gegenwart. Das Ergebnis ist ein kluger, unbequemer Theaterabend". Es herrsche "inszenatorische Perfektion. Es herrscht aber auch eine große Gediegenheit. Die ist auch der – anfangs etwas brav und fast didaktisch wirkenden – Ernsthaftigkeit geschuldet, die Ostermeier trotz komödiantischer Einsprengsel als Grundtonart anschlägt. Man merkt immer: Dieser stark aufs Wort konzentrierte (...) Abend hat ein Anliegen. Es geht um was, und wir sollen genau hinhören und aufpassen."

Jörg Hartmann brilliere in "der Hauptrolle, umgeben von exzellenten Mitspielern." Er agiere "hochkonzentriert, in sich ruhend, arbeitet mit kleinsten Mitteln, scharfkantig."
Der Abend zeige "klar, und das nie vordergründig, wie laut die Populisten sind, heute, und wie viel lauter die Intellektuellen werden müssen, wenn sie dagegen angehen wollen", sagt Peter Claus auf Deutschlandradio Kultur (Zugriff 19.12.2016). "In einer Zeit, da Intellektualität in weiten Kreisen hierzulande wieder ein Schimpfwort ist, gibt die Schaubühne Berlin ein starkes Bekenntnis zur Intellektualität ab, zum Denken, zum Nachdenken. Das berührt, ist wirkungsvoll, geht unter die Haut."

Rüdiger Schaper vom Tagesspiegel (19.12.2016) ist da skeptischer: "Thomas Ostermeier und Dramaturg Florian Borchmeyer bekommen den k. u. k.-Sound nicht heraus. Und wenn die Bernhardi-Seite von 'Populisten' spricht, dann merkt man auch, dass bestimmte Ausdrücke dem alten Text injiziert wurden – vielleicht in zu geringen Dosen. Eine stärkere Bearbeitung wäre nötig." Schaper fragt sich zuletzt, was das jetzt war: "Das Pilotstück zu einer neuen Krankenhausserie? Der moralisch-politische Befund hat schließlich nichts allzu Bedrohliches. (...) Nichts Bösartiges, harmlos. Ein Routineeingriff. Der starke Premierenapplaus aber hat gezeigt, dass es für diese Art des Theaters ein großes Bedürfnis gibt. Die Menschen wollen zuhören können, sie wollen Debatten führen. Im Postfaktischen zählt wieder mehr das Wort."

Dass man diesem "Professor Bernhardi" "nicht unbedingt hitzig ergriffen, aber doch bestens und intelligent unterhalten" zusehe, habe laut Wolfgang Höbel auf Spiegel-Online (Zugriff 19.12.2016) "vor allem mit der Kunst des Schauspielers Jörg Hartmann zu tun". Hartmann spiele "den Titelhelden als bis zuletzt vollkommen unberechenbaren Eigenbrötler. Mal ist er der hellauf Empörte, der zu vibrieren scheint vor Zorn über die Niedertracht, die ihm begegnet; mal wirkt er gerührt von der Liebe, mit der ihm seine Unterstützer (...) begegnen; meist aber ist er ein souveräner Kämpfer, der mit kühler Ausgeruhtheit die Sache der Medizin vibrieren lässt." Titelheld und Regisseuer seien sich "absolut einig – in ihrem unbedingten, optimistischen Glauben an die Kraft der Vernunft, des besseren Arguments, des präzisen Denkens".

Vom eleganten, gebildeten Duktus des Originals sei nicht viel übrig, findet Irene Bazinger in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (20.12.2016). Das komplexe Drama gerate so "auf das gänzlich andere Niveau eines großen Fernsehspiels – aber das im Triumph". "Denn die Darsteller pendeln sich überzeugend auf dieser Ebene ein, bringen ihre Figuren zum Leben, machen die Konflikte, wenngleich drastisch verknappt und umgepolt, durchaus plausibel." Am Ende sei Bernhardi "weder ein Märtyrer noch ein Held, sondern einfach ein Mensch in seiner Zerbrechlichkeit. Und irgendwie: uns sehr nahe."

Esther Slevogt schreibt in der taz (21.12.2016): Journalisten oder politische Funktionsträger seien bei Ostermeier als "korrupte, verlogene und stets nur auf den eigenen Machterhalt ... bedachte Elite" in Szene gesetzt. Damit operiere die Inszenierung "selber populistisch". Schnitzlers Originalstück sei in "der Schattierung seiner Figuren und der Schilderung ihrer Verstrickungen deutlich komplexer". Bei Ostermeier seien Jörg Hartmann als Bernhardi und Laurenz Laufenberg als junger Priester die Einzigen, "die ihre Figuren einigermaßen ambivalent anlegen". Auf seinen "besten Strecken" sei der "visuell spektakulär gerahmte" Abend ein "spannendes Konversationsstück". Zwischendurch aber würden die knapp drei Stunden ziemlich lang.

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