Reformierte Begriffe

20. Dezember 2016. Der designierte Intendant der Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz Chris Dercon und seine Programmleiterin Marietta Piekenbrock haben mit dem Berliner Tagesspiegel und der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erstmals über ihr künftiges Programm gesprochen.

Tempelhof

Es sei zwar unklar, ob das Amphitheater von Francis Kéré auf dem Flughafen Tempelhof tatsächlich zu finanzieren sei, jedenfalls aber solle die Spielzeit im September in Tempelhof mit einem Fest und dem neuen Stück des Choreografen Boris Charmatz beginnen. Charmatz werde über zwei Wochen "choreografische Versammlungen auf dem Tempelhofer Feld inszenieren, bei Tag und bei Nacht, und die ganze Stadtgesellschaft zu unterschiedlichen Formaten einladen". In seinem neuen Stück gehe es dann um "biopolitische Aussagen", um das "Wechselspiel des einzelnen Menschen mit der Architektur im riesigen, leeren Hangar von Tempelhof". Falls das Amphitheater kommt, soll es dort eine "Überschreibung" der euripideischen "Iphigenie in Aulis" mit "40 syrischen Frauen" von Mohammed al Attar geben.

Rosa-Luxemburg-Platz

Im Großen Haus am Rosa-Luxemburg-Platz sollen frühe Stücke von Samuel Beckett gezeigt werden. "Sein 'Not I', einen der innovativsten Entwürfe der Theatergeschichte, werden wir als Becketts Originalinszenierung rekonstruieren. Sein langjähriger Assistent und künstlerischer Mitarbeiter, Walter Asmus, lebt hier in Charlottenburg und wird das machen." Susanne Kennedy inszeniert. Sie habe sich für ihre Eröffnungspremiere von John Cassavetes "Opening Night" inspirieren lassen. Im Mittelpunkt stehe eine Schauspielerin, die "durch ein traumatisches Erlebnis die Kontrolle über ihren Alltag verliert".

Mette Ingvartsen, Johan Simons und der dreiundneunzigjährige französische Theaterregisseur Claude Régy sollten nach Berlin "eingeladen", außerdem "neue Ehen" gestiftet und Filmregisseure an die Volksbühne geholt werden, "wie der katalanische Theater- und Filmregisseur Albert Serra". Apichatpong Weerasethakul aus Thailand werde seine Arbeit "Fever Room" auf die Räume der "Volksbühne zuschneiden". Das Theater als vorwiegend maskuline Veranstaltung mit kreischenden Frauen auf der Bühne sei passé,  künftig würden viele "Regisseurinnen und Choreografinnen" am Haus arbeiten.

Ensemble und Repertoire

Beim Ensemble wolle man an Frank Castorfs "reformierten Ensemblebegriff", das ist: sein Rumpfensemble, anknüpfen, zu dem die jeweiligen Regisseure sich ein eigenes kleines Ensemble zusammenstellen könnten. Ein Schlüsselbegriff des Programms sei das Repertoire. In Zukunft werde die Volksbühne "Modellinszenierungen, Re-Lektüren legendärer Avantgarde-Stücke der Theater-, Tanz- und Musikgeschichte" zeigen. Man wolle den "Kult um das ständig Neue in der Kunst" beenden.

(Tagesspiegel / jnm)

 

Mehr dazu:

+ ausführlich fassen wir die Pläne des Teams Dercon hier in der Presseschau zusammen

+ Presseschau vom 20. Dezember 2016 – Die Süddeutsche Zeitung spricht mit Berlins Kultusenator Klaus Lederer über Mindestgagen und Chris Dercon

+ Presseschau vom 14. Dezember – Chris Dercon gibt der dpa ein Interview zur Zukunft der Volksbühne

+ Presseschau vom 10. Dezember – Die Süddeutsche Zeitung porträtiert Chris Dercon

+ Presseschau vom 6. Dezember 2016 – Die Welt berichtet über einen Abend mit Chris Dercon in der Berliner belgischen Botschaft

+ Adventskalender – Was sich Theaterschaffende für das Theater 2017 erhoffen (7)

+ Kommentar – Christian Rakow zum "Berliner Kulturkampf" (Dercon oder doch nicht Dercon?)

+ Meldung: Mobiles Theater für Berliner Volksbühne geplant

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