Stück zur Stunde

von Leopold Lippert

Wien, 22. Dezember 2016. Es sind ganz kleine Bedeutungsverschiebungen: Hier ein "Zeichen", da ein "Beweis". Hier eine gehäkelte Stoffpuppe, da ein Werk des Teufels auf Erden. Hier ein zitterndes, stotterndes Mädchen, da eine rechtsgültige Bezichtigung der Hexerei. Arthur Millers 1953 uraufgeführte "Hexenjagd" dramatisiert die Strukturen von Paranoia und Massenhysterie – wo aus Zeichen Beweise werden und aus Denunziationen Urteile, die schließlich unschuldige Menschenleben kosten.

Miller wollte sein Stück über die (historisch belegten) Hexenprozesse von Salem (1692), die nachhaltig das negative Bild des puritanischen Amerikas geprägt haben, auch immer als Analogie zur Gegenwart verstanden wissen: In den zahlreichen auktorialen Zwischentexten stellt er explizite Bezüge zur antikommunistischen Hetze der McCarthy-Ära her. Und auch Regisseur Martin Kušej, der das Stück nun auf die Bühne des Wiener Burgtheaters bringt, hat "Hexenjagd" im Vorfeld schon zum Stück der Stunde erklärt und Parallelen zu Donald Trump und dem "So wahr mir Gott helfe"-Präsidentschaftskandidaten der FPÖ gezogen (z.B. hier: http://derstandard.at/2000049450953/Martin-Kusej-Warum-setzt-sich-bei-uns-die-Verbloedung-durch). Aus den historischen Teufelssichtungen werden also gottesfürchtige Fake News und postfaktische Twitter-Tiraden. So weit, so politisch aktuell.

Alles voller Kreuze

Aber "Hexenjagd" ist auch ein Stück über das Theater, über jenen Ort nämlich, wo die Beweisführung immer schon fake war und die Wahrheit performativ: Denn wenn die Mädchen von Salem, angeführt von Abigail Williams (Andrea Wenzl), den Teufel in all seinen Gestalten sehen, sich ekstatisch schütteln, wimmern und greinen, dann sind sie nichts anderes als Schauspielerinnen, die ihren Zuschauer*innen etwas glaubhaft machen wollen, das es erst mal nicht gibt. Den Teufel eben, oder Millers (Melo)Drama des aufgeklärten Menschen in einer ideologisch verblendeten Rechtsordnung.

Hexenjagd3 560 Reinhard Werner uUnter Kreuzen © Reinhard Werner

Auf die Frage, wie deutlich diese performativen Zeichen sein müssen, um als Beweis durchzugehen, hat Kušej eine simple Antwort: sehr. Und so hat Bühnenbildner Martin Zehetgruber ein schönes Symbol für die unerbittliche Theokratie der Puritaner über die Drehbühne verteilt: schlichte, aber erdrückend riesige schwarze Holzkreuze. Sie sind Wald, Farm, und Gefängnis zugleich. Vor allem aber sind sie, mit grellem Neonlicht versehen, die Balken, die den Gerichtssaal stützen: das christlich-fanatische Gebälk, aus dem das Recht gebaut ist.

Die Angst vor der weiblichen Sexualität

Über dem schaurigen Gewummere von Bert Wrede zerdehnt Kušej den Text dann mit langen, bedeutungsschwangeren Dialogpausen auf über drei Stunden: Er lässt mit dem schleimig-gierigen Reverend Parris (Philipp Hauß) und dem abgebrühten, kettenrauchenden Hexenjäger Reverend Hale (Florian Teichtmeister) zwei unterschiedlich aufgeklärte Geistliche aufeinanderprallen; er zeigt, wie der spottende und doch getriebene John Proctor (Steven Scharf) neben seiner Frau Elizabeth (Dörte Lyssewski, großartig zwischen Verbitterung und Unbeugsamkeit schwankend) verblasst; und er macht das Drama der Mary Warren (eine permanent bibbernde Marie-Luise Stockinger), die erst mit den anderen Mädchen den Teufel zu sehen vorgibt, dann aber ihre Lüge gesteht, zum zentralen Angelpunkt seiner Auseinandersetzung mit dem religiösen Patriarchat – denn die Prüfung von Marys Aussagen durch die ehrwürdigen Herren ist immer auch eine körperliche Grenzüberschreitung.

Hexenjagd1 560 Reinhard Werner uIrina Sulaver (Betty Parris), Philipp Hauß (Reverend Parris), Andrea Wenzl (Abigail Williams),
Lena Kalisch (Susanna Walcott) © Reinhard Werner

Dazwischen baut Kušej allerlei Szenen, die explizit machen wollen, was in Millers Text nur angedeutet ist. Meistens hat das mit nackten Frauenkörpern zu tun. Die Eröffnungssequenz etwa zeigt eine kollektiv gestöhnte, ekstatische Strangulations-Masturbation der Mädchen von Salem im Wald; im Gerichtssaal muss Marie-Luise Stockinger zwischen ihren Aussagen auch noch einen Striptease unterbringen; vor der Pause wird eine erotisch-gewaltvolle Nachtszene zwischen Abigail und Proctor serviert; und in der Gefängniszelle schließlich wird die schwarze Sklavin Tituba (Barbara Petritsch, kein Blackface) vom Wärter (Daniel Jesch) erst vergewaltigt und dann bewusstlos geschlagen. Diese Angst der puritanischen Männer vor weiblicher Sexualität kann sich wirklich sehen lassen!

Aus Tribunal wird Farce

Der symbolisch aufgeladene Ernst, mit dem Kušej an das Psychogramm einer paranoiden Gesellschaft herangeht, wird nach der Pause durch den Auftritt von Michael Maertens verkompliziert. Maertens, der den sadistischen Gouverneur-Stellvertreter Danforth spielt, aber eben hauptsächlich einen lakonisch-komödiantischen Oberlehrer, macht aus dem beklemmenden Tribunal eine Farce, eine veritable Maertens-Show: "Haben Sie jemals üürrrr-gend-jemand mit dem Teufel gesehen?" gluckst er fröhlich. Und als der Angeklagte nicht schnell genug reagiert, schnaubt Maertens schon: "Los Mann! Es wird bald hell!"

Man kann das als gewollten Stilbruch sehen, als Reißleine, die Kušej schließlich doch noch zieht, um dem melodramatischen Holzhammer Millers die Unmissverständlichkeit zu nehmen. Vor allem aber kann man mit Maertens die Absurdität der theokratischen Rechtsprechung weglachen (und das Publikum tut das dankbar). Man kann über diesen Hampelmann von Gouverneurs-Stellvertreter ebenso amüsiert sein, wie man über die Twitter-Befindlichkeiten von Donald Trump kichern kann. Aber man sollte das wohl nicht zu ausgiebig tun, denn aus 140 Zeichen wird schnell ein echter Machtbeweis.

Hexenjagd
von Arthur Miller
Deutsch von Hannelore Limpach und Dietrich Hilsdorf, mit Alexander F. Hoffmann
Fassung von Martin Kušej, mit Angela Obst
Regie: Martin Kušej, Bühne: Martin Zehetgruber, Kostüme: Heide Kastler, Musik: Bert Wrede, Licht: Friedrich Rom, Dramaturgie: Eva-Maria Voigtländer.
Mit: Christina Cervenka, Sabine Haupt, Philipp Hauß, Daniel Jesch, Lena Kalisch, Ignaz Kirchner, Barbara de Koy, Dörte Lyssewski, Michael Maertens, Barbara Petritsch, Steven Scharf, Marie-Luise Stockinger, Irina Sulaver, Florian Teichtmeister, Andrea Wenzl.
Dauer: 3 Stunden 30 Minuten, eine Pause

www.burgtheater.at

 

Kritikenrundschau

"Langsam, bisweilen zu langsam", baue "die Inszenierung die Spannung innerhalb der kleinen Gemeinde auf", schreibt Martin Lhotzky in der Frankfurter Allgemeinen (24.12.2016). "Figurenzeichnung beherrscht Martin Kušej. (...) Mit einem derart vortrefflichen Ensemble hätte das ein ganz großer Wurf werden können. Die anfängliche Zögerlichkeit der ersten Bilder, leider eben beinahe zwei Stunden während, macht daraus lediglich eine schöne, doch zu lange Aufführung."

Kušej gehe mit dem "spektakulären Stoff voll heiligem Ernst um", meint Norbert Mayer in der Presse (24.12.2016); aus 17 Darstellern forme er "mit Liebe zum Detail kernige Charaktere, von denen die meisten starke Szenen schaffen." Einen "fundamentalen Mangel aber" habe die Aufführung, und dieses Defizit habe "mit Architektur zu tun": "Hexenjagd" sei "eine Abfolge scharfsinniger Argumentationen und suggestiver Massenszenen. Hier aber dominiert die wuchtige, bildmächtige Bühne, auf der sich wie in Miniatur ein stilles Kammerspiel ereignet. Viel zu leise und sehr weit entfernt ist manchmal das Drama, Kušej entschleunigt es bis zum Exzess." Mayer glaubt: "Wenn man die erstaunlich sensible Inszenierung auch nur um 20 Minuten kürzte, wären die Momente der Verzauberung (...) viel stärker."

Ronald Pohl staunt im Standard (23.12.2016) "über den pechschwarzen Ernst von Martin Kusejs Inszenierung". Man meine, "sich in der groben, stark schattseitigen Welt von Karl Schönherr wiederzufinden. Verstörend, wie wenig Kusej sich um den Rhythmus der Aufführung schert. Ärgerlich, wie monoton der Text von der Rampe herunterfließt." Es bleibt letztlich "völlig rätselhaft, was Kusej eigentlich erzählen wollte."

Laut Günter Kaindlstorfer vom Deutschlandfunk (23.12.2016) hat "Martin Kusej zusammen mit einer starken Schauspieltruppe eine ruhige, beklemmende, hochkonzentrierte Inszenierung erarbeitet, eine Inszenierung, die Miller Stück präzise – fast möchte man sagen: viviseziert". Dass es nur ein starker, kein überragender Theaterabend sei, hänge mit Kusejs Mut zu mitunter quälender Langsamkeit zusammen. "Bisweilen zieht sich's doch beträchtlich."

Wolfgang Kralicek von der Süddeutschen Zeitung (27.12.2016) wundert sich: "Früher hat Martin Kušej oft überwältigendes Bildertheater gemacht, in dem der Text mehr performt als gespielt wurde. Jetzt inszeniert er Schauspielertheater, in dem er selbst kaum noch sichtbar ist." Mit großer Inbrunst und weitgehend humorlos werde das Stück ausgebreitet. "Der Prolog mit der Autoerotik der Mädchen zu Beginn wird auch schon die kühnste Setzung dieser Inszenierung gewesen sein."

 

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