Der goldene Hashtag

von Michael Wolf

5. Januar 2017. Erstmals zeichnet nachtkritik.de die besten Tweets eines Jahres aus. In acht Kategorien ehren wir herausragende Leistungen in 140 Zeichen. Hier sind sie, die Gewinner des #goldenhashtag.

Stil: Ersan Mondtag

Laudatio: Stilikone Ersan Mondtag beweist nicht nur ein für allemal, dass Overalls – entgegen der landläufigen Meinung – sachgerecht gebügelt gehören, er zeigt uns auch, wie elegant selbst die stupideste Hausarbeit erledigt werden kann. Sollte es dieses Jahr nichts werden mit dem Theatertreffen, möchten wir mit ihm eine Tupperparty besuchen.

 

Sexiest tweet alive: Ferdinand Schmalz

Laudatio: Matthias Schweiger aka Ferdinand Schmalz aka @schmalztiegel ist der erste Gigolo der Steiermark. Im August wärmte er uns mit Urlaubseindrücken die Herzen. Wir schmolzen dahin wie Mozartkugeln in der gemischten Sauna.

 

Drama: René Pollesch

Laudatio: Unter René Polleschs postdramatischer Schale verbirgt sich ein zerbrechlicher Kern, der an die Essenz einer tragischen Romantik rührt, die der von ihm viel gescholtene Shakespeare immer um ein paar Königsmorde verfehlte.

 

Gossip/Schockierendes Geständnis: Anne Rabe

Laudatio: Und jetzt alle! "Yes I know it's too late / But I want it that way"

 

Poesie: Jürgen Kuttner

Laudatio: Jürgen Kuttner weiß, wie man die große Bühne Twitter bespielt. Nur scheinbar spricht er in seinem einzigen Tweet des Jahres die konservativen Parteien und das Morgenmagazin des öffentlich rechtlichen Rundfunks an. Tatsächlich adressiert er alle (pp = perge, perge) Akteure des politisch-medialen Komplexes und nicht zuletzt uns Zuschauer, die sich nicht zu entziehen vermögen. Gebannt beugt sich die versammelte Gemeinde über Kuttners Timeline, um im Angesicht der Verweigerung einer Botschaft – der Favorisierung des dass  (quod) vor dem was (quid) – die eigenen Perspektiven schlagartig in Frage zu stellen. Wer hier die Orientierung verliert, wartet gebannt  vor dem Bildschirm auf Kuttners Tweet des Jahres 2017.

 

Best pic: Sibylle Berg

Laudatio: Sibylle Bergs entlarvender Witz lässt uns erkennen, wie wir in Kapitalismus, Sexismus und all dem anderen Mus zu versinken drohen – und reicht uns Tweet für Tweet rettende Strohhalme.

 

Leak: Stefan Hornbach

Laudatio: Hornbach deckt auf! In unseren postfaktischen Zeiten behält der Jungdramatiker kühlen Kopf und spürt den Skandalen politischer wie redaktioneller Fahrlässlichkeit nach. Wir ehren ein Talent in den Fußstapfen der Heroen des investigativen Journalismus von Günter Wallraff bis Mario Barth.

 

Visionär: Matthias Seier

Laudatio: Unser jüngster Preisträger ist Dramaturgieassistent am Theater Dortmund. Einstellungskriterium scheint eine abgeschlossene Psychoanalyse gewesen zu sein. Somnambul reflektiert Seier den Narzissmus einer Branche, die beständig am Rande eines Vulkans tanzend Gefahr läuft, im Fegefeuer der Eitelkeiten zu verglühen.

 

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