Die Vagina-Monologe: das Finale

von Johannes Siegmund

Wien, 27. Januar 2017. Keine Angst vorm moralischen Zeigefinger! Auf seiner Homepage versichert das Akademietheater vorsorglich, kein "mageres pseudofeministisches Manifest" zeigen zu wollen. Stattdessen sollen Herrschaftsverhältnisse und die aktuelle Situation "subjektiv" und "schwarzhumorig" reflektiert werden. Für "Ein europäisches Abendmahl" haben fünf prominente europäische Autorinnen Geschichten europäischer Frauen geschrieben. Barbara Frey führt Regie. Etwas Politisierung, Manifestcharakter und Mut zum Feminismus hätte der Abend allerdings sehr gut vertragen. Er nistet sich zu wohlig im romantisch-schaurigen Untergang des Abendlandes ein. 90 Minuten subjektive Monologe sind, bei aller schauspielerischen Präzision, etwas langatmig. Und der schwarze Humor droht dann und wann in Zynismus zu kippen.

EuropAbendmahl2 560 Georg Soulek uUm Gottes Willen – der Kaffeehausstuhl ist umgefallen! (Frida-Lovisa Hamann und Sylvie Rohrer
sprechen Jelinek) © Georg Soulek

Doch zunächst zu den Texten. Die scheiternden, vereinzelten, verängstigten und mal mehr mal weniger kämpfenden Frauen erzählen ihre Geschichten, eine nach der anderen, ins Publikum. Jenny Erpenbecks Frau im Bikini traut sich nicht mehr vor die Tür. Sie hat Angst, selbst vor ihrem Bikini. Auch Terézia Moras Mari verschanzt sich in der eigenen Wohnung – obwohl sie früher viel gereist ist. Nino Haratischwilis Putzfrau mit Migrationshintergrund schließt sich nicht ein, ganz im Gegenteil, sie schmettert ihre Hasstiraden auf die Flüchtlinge frei heraus. Aus Frust über das eigene zerstörte Leben wird Hass auf die Anderen, die wie Kakerlaken seien und darum vergiftet werden sollen.

Ruinenromantik, Todesphantasien

Sofi Oksanen nimmt sich heraus von zwei Frauen zu schreiben. Mit viel Tiefgang erzählt sie in wenigen Zeilen von einer ukrainischen Eizellen"spenderin" und der englischen Eizellenkäuferin. Oksanen liefert ein starkes Bild für die Ausbeutung des weiblichen Körpers, ohne dabei das Verständnis für die Motive der Protagonistinnen aus den Augen zu verlieren. Elfriede Jelinek hat eine ihrer Textflächen gewebt, die von Sylvie Rohrer und Frida-Lovisa Hamann perfekt synchron gesprochen wird. Das erzeugt einen schwebenden Sound, der Jelineks flüchtige Wortspiele und Assoziationen wie Nebelschwaden durch den Raum trägt.

Barbara Frey gibt den Texten viel Raum und vertraut auf ihre literarische Qualität und das minimalistische und präzise gesetzte Schauspiel. Es gibt kaum Bewegung auf der Bühne, keine großen Bilder und nur ein klein wenig Musik zur Rahmung.

Die Abendmahltafel ist zunächst leer. Anders als in Leonardo da Vincis bekanntem Gemälde des letzten Abendmahls, das das Bühnenbild aufnimmt, sieht man nicht auf eine hügelige Landschaft. Auch da Vincis Saal ist hier verändert: Der Boden ist löchrig, und der Wind hat durch die offenen Türen kleine Steinchen hereingeweht. Durchs kaputte Dach zieht eiskalter Nebel. Die schwere Ruinenromantik bietet viel Raum für dunkle Todesphantasien.

Zum Schluss ein optimistisches Abendmahl

Das Theaterpublikum schaudert wohlig in den weichen Sesseln und lacht verhalten, während die Scheiternden und Abgehängten auf der Bühne straucheln. Im Programmheft gibt es Werbung für den Audi A5 Coupé und das Casino Wien. Man darf sicher sein: Selbst wenn Europa untergeht, wird es für das Publikum eine gute Party werden. So gesehen ist diese Lust am Untergang zynisch. Doch die Schicksale auf der Bühne lassen sich nicht ganz weglachen und auch nicht mit Zwischenapplaus wegklatschen.

EuropAbendmahl1 560 Georg Soulek uSchlussbild mit Hoffnungsschimmer © Georg Soulek

Ganz zum Schluss entspannt Barbara Frey die Situation und ringt sich doch noch zu einem Hoffnungsbild durch. Die Vereinzelten, Ausgebeuteten und Gescheiterten treffen sich zum Abendmahl, unterhalten sich, lachen. Ein Flachmann macht die Runde. Leider können wir nicht mehr hören, was gesprochen wird. Der Vorhang fällt. Nach all den Einzelschicksalen endet die Inszenierung mit einer Andeutung der Chance, die Solidarität bieten könnte.

Ein bisschen realitätsfremd und dadurch dann doch zeigefingrig wirkt das schon – in einer Zeit, in der Frauen auch in europäischen Städten zu tausenden in Anti-Trump-Protestmärschen auf die Straße gehen. Europas Frauen sind ja nicht nur vereinzelte Existenzen. Sie sind bereits eine politische Kraft. Vielleicht sollte das nächste so groß konzipierte Stück des Burgtheaters von Weihnachten ausgehen und der Untergangsstimmung einen Neuanfang entgegen setzen.

Ein europäisches Abendmahl
von Jenny Erpenbeck, Nino Haratischwili, Elfriede Jelinek, Terézia Mora, Sofi Oksanen
Regie: Barbara Frey, Bühne: Martin Zehengruber, Dramaturgie: Klaus Missbach.
Mit: Kirsten Dene, Sylvia Rohrer, Frida-Lovisa Hamann, Maria Happel, Katharina Lorenz, Catrin Striebeck.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.burgtheater.at

 

Kritikenrundschau

 "Ein Abend über den aktuellen Zustand Europas aus weiblicher Sicht sollte es werden. Herausgekommen sind fünf Momentaufnahmen, mal mehr, mal weniger aufschlussreich.", schreibt Anke Dürr für Spiegel Online (28.1.2017). "Den stärksten Text des Abends" liefere allerdings "die estnische Autorin Sofi Oksanen", während zwei weitere Beiträge "Marginalien" seien: ""Elfriede Jelinek steuert ein paar schöne, routinierte Zwischenbemerkungen zum Gründungsmythos Europas bei" und Jenny Erpenbeck's Monolog "Frau im Bikini" sei so sehr "verkürzt" worden, "dass man nicht recht versteht, worum es eigentlich geht."

"In einer eintönigen Nummerndramaturgie" würde dieser Abend verharren, schreibt Margarete Affenzeller für Der Standard (27.1.2017). Dabei sei es "ein begrüßenswerter Ansatz, gezielt Frauenstimmen ins Theater zu holen." Weil die fünf Texte allerdings in der Inszenierung nicht so recht zueinander gefügt seien, macht sich "Eintönigkeit" breit, für die zumindest "einige Monologpassagen" entschädigen.

Einen "tollen Theaterabend, der wirklich zu Herzen geht" sah hingegen Norbert Mayer für Die Presse (28.1.2017). "Fantastisch, wie aus dem vorsichtigen Beginn ein Furioso wird", schreibt er über den Beitrag von Nino Haratischwilli. Insgesamt lebe der Abend vor allem von "Abwechslung". ""Wer Wortspiele mag, wird diese vor Ideen sprudelnde, sozial- wie sprachkritische Passage lieben" - sagt er zum Beispiel über den Beitrag von Elfriede Jelinek, wohingegen Terézia Mora mit einem "scharfsinnigen, harten" Text auftrumpfe.

Regisseurin Barbara Frey konterkariere das düstere Szenario mit warmer Barockmusik und geht auch die Aufgabe, aus fünf unabhängig voneinander entstandenen Teilen einen zusammenhängenden Abend zu gestalten, "ganz entspannt an", so Wolfgang Kralicek in der Süddeutschen Zeitung (31.1.2017). Die einzige szenische Klammer bestehe darin, dass die Schauspielerinnen ein paar Mal eine riesige Tischplatte über die Bühne tragen. Höhepunkt sei Nino Haratischwilis böser Monolog, "woran auch die herrlich vitale Maria Happel großen Anteil hat". "Ein rundes Ganzes ergeben zwar auch die fünf Textes dieses Abends nicht wirklich, aber das Disparate passt hier zum Thema."

"Insgesamt wirkt das alles wie ein Schreibauftrag für Deutschleistungskursteilnehmer, die gefälligst mal Tageszeitung lesen sollen oder wenigstens Onlinenachrichten. Gerne aus feministischer Perspektive", schreibt Eva Biringer in der Welt (4.2.2017). Barbara Frey mache daraus eine gefällige, schulmädchenhafte Nummernrevue. 

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