Vergesst die bessere Welt

von Alexander Jürgs

Frankfurt, 3. Februar 2017. Ganz am Anfang ist da noch eine Spur von Leichtigkeit, ein Gefühl des Spielerischen. Man hört das Holz, man hört das Knarren, das die sich beharrlich gegen den Uhrzeigersinn bewegende Drehbühne hervorruft, man hört den dumpfen Ton des Schlagzeugs. Alexander Fehling, der in Tarantinos "Inglourious Basterds" und "Homeland" zu sehen war und nach fünf Jahren Theaterabstinenz nun den Eteokles spielt, tänzelt wie ein Samuraikrieger über die rotierende Bühne, bewegt sich immerfort, nur um auf dem Fleck zu bleiben.

Sobald er zu sprechen beginnt, ist die Anspannung da, ist die Beklemmung präsent. Er betont Silbe für Silbe, es scheint, als finde jedes einzelne Wort nur unter Mühen einen Weg aus seinem Körper, aus seinem Kopf. Er brütet über die Schlacht, er motiviert seine Boten, er versucht, die Angst einfach wegzureden. Eteokles kämpft einen Krieg, weil er die Macht nicht teilen will. Er kämpft gegen Polyneikes, seinen eigenen Bruder.

Nah am Wahnsinn

Eteokles und Polyneikes sind die Söhne des Ödipus. Nach dem Tod des Vaters sollen sie sich die Herrschaft über Theben teilen. Doch als Eteokles nach einem Jahr Regentschaft nicht bereit ist, die Macht zu übergeben, geht Polyneikes nach Argos, wo er die Tochter des Königs Adrastos heiratet. Und er sucht sich sechs Verbündete, um in die Schlacht gegen seine eigene Heimat zu ziehen, um sich den Herrschertitel, den der Bruder ihm verweigert, mit Gewalt zu holen.

SiebengegenTheben Antigone4 560 Birgit Hupfeld uSchwarz – grell – elementar: Sebastian Schneider, Alexander Fehling, Justus Pfankuch
© Birgit Hupfeld

Aischylos’ "Sieben gegen Theben" erzählt von dieser Schlacht aus dem Inneren der belagerten Stadt. Es sind Boten, die Eteokles und seinen Schwestern Antigone und Ismene vom Kriegsgeschehen berichten. Pechbeschmiert, in kurzen Hosen, bewegen sich diese Männer auf der sich drehenden Bühne. Wenn sie etwas berichten, dass ihm nicht passt, packt Eteokles sie am Nacken, beschimpft sie. Doch die Angst der Männer schafft er damit nicht aus der Welt. Christoph Pütthoff gibt einen dieser Boten, den die Panik erfasst hat. Jedem Satz, den er spricht, folgt ein hysterisches Lachen. Die Menschen in Theben sind nah am Wahnsinn, das wird überdeutlich. Alles ist hier Schrecken.

Zeitgemäße Brutalität ...

Dass die martialischen, antiken Stoffe wieder Konjunktur haben an Deutschlands Bühnen, verwundert nicht. Sie passen in eine Zeit, in der uns die Welt vorkommt, als würde sie Tag für Tag gewalttätiger, rauer und kriegerischer. In Aleppo, Rakka oder Mossul scheint sich zu wiederholen, wovon die bis zur Unerträglichkeit brutalen Mythen berichten. 

Ulrich Rasche inszeniert "Sieben gegen Theben" – als Doppelabend um Sophokles' "Antigone" ergänzt – in drastischen, starken, ja: bombastischen Bildern. Dafür ist er bekannt. Seine Inszenierungen sind streng, düster, musikalisch, haben die Wucht eines Einstürzende-Neubauten-Konzerts. Dass er seine Schauspieler gegen Laufbänder an- oder auf riesigen Rollen laufen lässt, ist sein Markenzeichen.

... auf dröhnendem Klangteppich

Zitternd bewegen sich die Frauen, der Chor der thebanischen Jungfrauen, über die Bühne, in Nachthemden, mit weißer Farbe beschmiert. Schwarzweiße Video-Projektionen zeigen die muskulösen Körper von marschierenden Männern, die sich hinterm Vorhang auf Laufbändern abrackern. Die Musik von Ari Benjamin Meyers, mit dem Rasche schon häufig zusammengearbeitet hat, wird immer bestimmender. Es ist ein dröhnend-monotoner Klangteppich aus Bass, Schlagzeug und Posaune.

SiebengegenTheben Antigone3 560 Birgit Hupfeld uBettina Hoppe als Antigone © Birgit Hupfeld

"Sieben gegen Theben" endet damit, dass die rivalisierenden Brüder sich im Zweikampf gegenseitig töten. "Antigone" erzählt nach der Pause davon, dass Kreon, der neue-alte Herrscher in Theben, verbietet, die Leiche von Polyneikes zu begraben. Es ist eine grausame Rache für die Rebellion gegen die eigene Heimat: Vögel und Hunde sollen den Leib des Kriegstreibenden zerfressen, so befiehlt es Kreon.

Erst Gewalt, dann Melancholie

Antigone, die Schwester von Eteokles und Polyneikes, rebelliert dagegen. Weil sie den Körper des Verstorbenen mit Sand überdeckt und somit bestattet, weil sie diese Tat weder leugnet noch bereut, soll auch sie sterben. Bettina Hoppe spielt die Antigone trotzig, stoisch, kraftvoll wütend – ihre Figur wirkt dabei starrsinnig und heldenhaft zugleich. Ihre Schwester Ismene wird von Paula Hans verkörpert. Rasche gibt der Figur ein größeres Gewicht, indem er sie mit Kreon einen Disput führen lässt, den eigentlich dessen Sohn Haimon mit ihm ausficht.

War "Sieben gegen Theben" von der Wucht, von der Gewalt durchzogen, so herrscht in "Antigone" ein Gefühl der Melancholie. Die Drastik ist nicht verschwunden, aber weniger bestimmend. Auf eine bessere Welt hofft hier niemand mehr.

Sieben gegen Theben / Antigone
von Aischylos / Sophokles
Deutsche Fassung von Durs Grünbein / Peter Krumme
Regie und Bühne: Ulrich Rasche, Komposition: Ari Benjamin Meyers, Kostüme: Romy Springsguth, Mitarbeit Bühnenbild: Sabine Mäder, Chorleitung: Toni Jessen, Alexander Weise, Video: Jonas Link, Dramaturgie: Michael Billenkamp.
Mit: Alexander Fehling, Bettina Hoppe, Paula Hans, Toni Jessen, Anton von Lucke, Sam Michelson, Justus Pfankuch, Christoph Pütthoff, Sebastian Schneider, Deleila Piasko, Eva Maria Sommersberg, Olga Wäscher, Musiker: Špela Mastnak, Yuka Ohta, Carsten Hein, Thomsen Merkel, Christopher Rennebach, Berk Schneider, Keith Bernard Stonum.
Dauer: 3 Stunden, eine Pause

www.schauspielfrankfurt.de

 

Kritikenrundschau

"Ulrich Rasche, Hüter des chorischen Sprechens in der Tradition Einar Schleefs und umstrittener Ingenieur mechanistisch-fatalistischer Bühnenbilder, hat im ersten Teil des mehr als dreistündigen Abends die Bewegungsenergie gut verteilt zwischen den Schauspielern und dem Bühnenbild," schreibt Hubert Spiegel in der Frankfurter Alllgemeinen Zeitung (6.2.2017). Im Verlauf des Abends kommt das Inszenierungsprinzip für den Kritiker allerdings an seine Grenzen. "Trotz aller Tempiwechsel, trotz des an Philip Glass, Michael Nyman und Peter Greenaway erinnernden Klangteppichs, den der Komponist Ari Benjamin Meyers für den Abend gewoben hat, trotz starker Emotionen und prägnanter Bilder versinkt der Abend in der hochtourigen Monotonie einer martialischen Überwältigungs-Ästhetik". Rasche drossele zwar nach der Pause Tempo und Intensität, schlage leisere Töne an, lasse dem Schrecken des Krieges die matte Melancholie der Überlebenden folgen. "Aber es ist zu spät. Ermüdet schaut man Ermüdenden zu."

Das größte Verdienst dieser Inszenierung ist aus Sicht von Bettina Boyens von der Frankfurter Neuen Presse (6.2.2017 die Aktualität des gezeigten Grauens: "Man sitzt zwar im alten Eisenbahndepot einer zivilisierten Großstadt, kann aber durch die Wucht von Rasches Elementartheater, der auch für die gewaltige Düsterbühne verantwortlich zeichnet, die heutigen Höllenqualen der Eingekesselten in Aleppo, Al-Rakka oder Falludscha nachempfinden. Gleichzeitig wird die berühmte Sprachwucht des Chores als Eigentümlichkeit der attischen Tragödie sinnlich erfahrbar gemacht, die besondere Bedeutsamkeit im vierten Jahrhundert vor Christus erlangte; einer Zeit des expansivsten peloponnesischen Krieges."

"Rasches neuer Abend ist konsequentes, hier selbstverständlich besonders archaisch und darum 'richtig' wirkendes Chor-Theater, gesprochen und gebrüllt wird", schreibt Judith von Sternburg in der Frankfurter Rundschau (5.2.2017). 'Sieben gegen Theben' ist ein vorerst nicht endendes Crescendo. "Der Rhythmus drängt, das Militärische ist nahebei, die Sache hat schon einen starken Zug. Zugleich bleibt sie gerade noch so banal, dass es nicht versehentlich prächtig und mächtig werden kann, sondern entsetzlich bleibt, auch entsetzlich hohl." Alle würden zerrieben. "Natürlich ist es erschütternd zu hören, wie vernünftig und rhetorisch geschliffen Antigone (in Peter Krummes Übertragung) vorher noch argumentiert: ein quer in unsere Tage hineingestellter Appell, dass die Intellektuellen wenigstens niveauvoll untergehen sollten."

"Rasche scheint sich diesmal eher müde selbst zu zitieren", schreibt Shirin Sojitrawalla in der tageszeitung (7.2.2017). "Seinem neuen Abend mangelt es an Wahn und an Wucht. So marschiert er vergleichsweise lahm daher." Es fühle sich zuweilen so an, als wäre man in eine besonders abgefahrene Prêt-à-porter-Schau geraten. "'Antigone' inszeniert er dann kurz und knackig, wobei sich das Stück seinem Stil besser unterordnet als das von Botenberichten beherrschte 'Sieben gegen Theben'."

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