Ausgeburt der Aufklärung

von Theresa Luise Gindlstrasser

Wien, 12. Februar 2017. "Aufklärung ist der Ausgang" und immer so weiter bei Kant. Jedenfalls: "des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit". Wenn also ein Großfürst die Aufklärung per Dekret über seine Untertanen verhängt, dann verheddert sich das Bild der Bottom-up-Ermächtigung. Und wenn derselbe Großfürst die Protagonisten des Mythischen, nämlich Feen, Drachen, Kobolde und so weiter, aus seinem Reich verbannt, diese dort auf Rache sinnen, das Unternehmen Aufklärung unterwandern und schließlich doch noch zauberhafte Hochzeit gefeiert wird, dann ist das: "Klein Zaches – Operation Zinnober". Der Autor, Dramaturg und Regisseur Péter Kárpáti hat seinen Text nach einem Kunstmärchen aus dem Jahr 1819 von E.T.A. Hoffmann gebaut. Heißt: Die Motive, Figuren und groben Handlungsverläufe zu einem eigenständigen Zusammenhang verwoben.

Die Uraufführung am Volkstheater Wien inszeniert Victor Bodo, der schon für eine Kafka- und eine Gogol-Bearbeitung am Deutschen Schauspielhaus Hamburg mit Kárpáti zusammen gearbeitet hat. Bodo verzichtet auf eine mit dem Zaunpfahl schlagende Präsentation der im Text angebotenen Aktualisierungsversuche. Zwar spricht Großfürst Jan Thümer des Anfangs bei Verkündigung der Aufklärung noch davon, dass die Feen unfähig seien sich zu "integrieren", zwar sollen diese "kultiviert" auf die andere Seite des Grenzzaunes gebracht werden, doch steht dem Abend der Sinn weder nach "Festung Europa" noch nach "Trump". Wobei "Trump", also eine Art Ausgeburt der Dialektik der Aufklärung, mit dem Protagonisten des Abends, dem Zaches, in einem Familienähnlichkeits-Verhältnis stehen könnte.

Unhold und Aufsteiger

Diesem Zaches, seine Mutter nennt ihn "Missgeburt", kämmt eine Fee die prominent roten Haare. Und prompt werden dem beißend-keifenden Kerl alle feinen Eigenschaften der ihn Umgebenden zugeschrieben, denen aber seine miesen. Gábor Biedermann entwickelt aus einem trotzigen Unhold den opportunistischen Aufsteiger, die Schläge, die er zunächst von den anderen vermutet, verteilt er dann doch lieber selbst. Zum Beispiel an Candida, die Tochter des Wissenschaftlers Mosch Terpin, später Generaldirektor der Galaxie. Evi Kehrstephan steht da im Hochzeitskleid und unter dem Zauberbann. Balthasar, ein Student, das ist der, den sie doch eigentlich und der sie ganz bestimmt will, durchschaut als geprellter Liebender einzig den Spuk. Christoph Rothenbuchner turnt in dieser Rolle über sich selbst hinaus. Also, turnen tut er wirklich viel, bemerkenswerter noch aber ist seine lässig, sich beständig über den Haufen werfende Mimik.

KleinZaches 4 560 LupiSpuma uVictor Bodos Bildermaschine ist in vollem Gang. © Lupi Spuma

Und die lässt sich, sowie all die anderen Augenverdreher und Lippenverleger, so gut sehen weil: Pablo Leiva, der Kameramann, und Paul Spittler, sein Assistent, wirklich sehr fabulöse Live-Bilder fabrizieren. Ein Großteil der Inszenierung findet für die Leinwand statt. Die Bilder werden mal auf der Bühne, mal unter ihr, mal hinter ihr produziert. So wie die Musik von Klaus von Heydenaber, ebenfalls live, kümmert sich die Kameraführung um die großen Bögen und magischen Effekte. Das engagiert und exakt zusammen arbeitende Ensemble bewegt Schränke, Zuber, Tische, Wände, ein Boot, ein Auto und noch so vieles mehr. Die Bühne von Lőrinc Boros besteht aus beweglichem Bild-Mobiliar. Bei soviel Bühnenbau und Bilderfindung, und hier noch ein hoppelnder Hase und dort noch ein Blätterwald, wird da durchaus die Aufmerksamkeit im Staunen erstickt.

Gags gegen die Gravität

Dialektik der Aufklärung ist, sozusagen weiter bei Horkheimer und Adorno, die Verwachsenheit von Aufklärung und Mythos. Das steht auch schon bei Hoffmann, oder ungefähr, und daraus zaubert Bodo die Inszenierung. Eine Bilderflut, mit Schnee und Glitzer und Nebel, gesungen wird außerdem, eine Bilderflut, die über die Zur-Schau-Stellung der Produktionsweise nur noch suggestiver wirkt. Heißt es im Text, dass Klein Zaches über einen Zaun geworfen werden soll, dann trägt Biedermann kleine Kleidungsstücke um den Hals und wankt um das Objekt herum. Durch die Kameraperspektive gesehen ergibt sich daraus ein vor Maschendrahtzaun nach unten fallender Mensch. Außerdem ausgiebig Zeitlupe, allerlei Gags gegen die Gravität und plötzliche Farbveränderungen beim Einnehmen ungewöhnlicher Substanzen. Fabelhaft! Und auch wenn der Text vor lauter Bildern eher nicht vorhanden: Fabelhafte Bilder das!

 

Klein Zaches – Operation Zinnober
nach der Erzählung von E. T. A. Hoffmann
Bühnenfassung von Péter Kárpáti, Deutsch von Sandra Rétháti
Regie: Victor Bodo, Bühne: Lőrinc Boros, Kostüme: Fruzsina Nagy, Komposition/Musikalische Leitung: Klaus von Heydenaber, Sound- und Tondesign: Gábor Keresztes, Licht: Tamás Bányai, Dramaturgie: Anna Veress, Heike Müller-Merten.
Mit: Gábor Biedermann, Thomas Frank, Günter Franzmeier, Anja Herden, Evi Kehrstephan, Christoph Rothenbuchner, Claudia Sabitzer, Stefan Suske, Jan Thümer, Luka Vlatkovic, Pablo Leiva, Paul Spittler, Charlotte Kallenberg.
Musiker: Nitzan Bartana/Alejandro Loguercio (Violine), Patrick Dunst/Christoph Pepe Auer (Klarinette/Saxophon), Klaus von Heydenaber/Maciej Skarbek (Klavier), Uli Soyka/Simon Springer (Schlagwerk).
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.volkstheater.at


Kritikenrundschau

Es bleibt einigermaßen schleierhaft, was die tadellos aufgekratzten Schauspieler eigentlich mitteilen wollen. Bewegung ersetzt in Permanenz das Fassen eines einzigen richtigen Gedankens. Über allen Wechselfällen aber herrscht im mopsfidelen Fürstentum nicht so sehr die Willkür von Zwerg und Absolutisten, sondern das obszöne Auge des Videoschirms. - derstandard.at/2000052548682/Klein-Zaches-Operation-Zinnober-Am-Zwergwuchs-soll-die-Politik-genesenEs bleibt einigermaßen schleierhaft, was die tadellos aufgekratzten Schauspieler eigentlich mitteilen wollen. Bewegung ersetzt in Permanenz das Fassen eines einzigen richtigen Gedankens. Über allen Wechselfällen aber herrscht im mopsfidelen Fürstentum nicht so sehr die Willkür von Zwerg und Absolutisten, sondern das obszöne Auge des Videoschirms. - derstandard.at/2000052548682/Klein-Zaches-Operation-Zinnober-Am-Zwergwuchs-soll-die-Politik-genesenEs bleibt einigermaßen schleierhaft, was die tadellos aufgekratzten Schauspieler eigentlich mitteilen wollen. Bewegung ersetzt in Permanenz das Fassen eines einzigen richtigen Gedankens. Über allen Wechselfällen aber herrscht im mopsfidelen Fürstentum nicht so sehr die Willkür von Zwerg und Absolutisten, sondern das obszöne Auge des Videoschirms. - derstandard.at/2000052548682/Klein-Zaches-Operation-Zinnober-Am-Zwergwuchs-soll-die-Politik-genesenEs bleibt einigermaßen schleierhaft, was die tadellos aufgekratzten Schauspieler eigentlich mitteilen wollen. Bewegung ersetzt in Permanenz das Fassen eines einzigen richtigen Gedankens. Über allen Wechselfällen aber herrscht im mopsfidelen Fürstentum nicht so sehr die Willkür von Zwerg und Absolutisten, sondern das obszöne Auge des Videoschirms. - derstandard.at/2000052548682/Klein-Zaches-Operation-Zinnober-Am-Zwergwuchs-soll-die-Politik-genesen

"Es bleibe einigermaßen schleierhaft, was die tadellos aufgekratzten Schauspieler eigentlich mitteilen wollen", schreibt Ronald Pohl im Standard (14.2.2017). Denn in Bodos Inszenierung ersetze Bewegung permanent das Fassen eines einzigen richtigen Gedankens. Und "über allen Wechselfällen herrscht im mopsfidelen Fürstentum nicht so sehr die Willkür von Zwerg und Absolutisten, sondern das obszöne Auge des Videoschirms." Die Frage bleibe offen, Bleibt die Frage offen, was uns Bodo und die schmucke Handkamera eigentlich vor Augen führen wollten. Unrecht gut gedeihet nicht? Rotes Haupthaar führt zu sittlicher Verrohung? Immerhin der als Pförtner verkleidete Zauberer Alpanus (Günter Franzmeier) spielt eine tadellose E-Gitarre. Viel forcierter Applaus für die Verzwergung eines Stückes Weltliteratur. - derstandard.at/2000052548682/Klein-Zaches-Operation-Zinnober-Am-Zwergwuchs-soll-die-Politik-genesenBleibt die Frage offen, was uns Bodo und die schmucke Handkamera eigentlich vor Augen führen wollten. Unrecht gut gedeihet nicht? Rotes Haupthaar führt zu sittlicher Verrohung? Immerhin der als Pförtner verkleidete Zauberer Alpanus (Günter Franzmeier) spielt eine tadellose E-Gitarre. Viel forcierter Applaus für die Verzwergung eines Stückes Weltliteratur. - derstandard.at/2000052548682/Klein-Zaches-Operation-Zinnober-Am-Zwergwuchs-soll-die-Politik-genesenwas Bleibt die Frage offen, was uns Bodo und die schmucke Handkamera eigentlich vor Augen führen wollten. Unrecht gut gedeihet nicht? Rotes Haupthaar führt zu sittlicher Verrohung? Immerhin der als Pförtner verkleidete Zauberer Alpanus (Günter Franzmeier) spielt eine tadellose E-Gitarre. Viel forcierter Applaus für die Verzwergung eines Stückes Weltliteratur. - derstandard.at/2000052548682/Klein-Zaches-Operation-Zinnober-Am-Zwergwuchs-soll-die-Politik-genesenuns die Regie und die schmucke Handkamera eigentlich vor Augen führen wollten. Fazit:  Viel forcierter Applaus für die Verzwergung eines Stückes Weltliteratur.

"Ring frei für turbulenten Bühnenzauber, der ein Dutzend Bühnenarbeiter und das Publikum zwei Stunden lang in Atem hält", so dagegen Hans Haider in der Wiener Zeitung (14.2.2017). "Herangerollt, geschoben, gehievt: Telefonzelle, Mini-Fiat, Badebottich, Straßenbahnkabine, Glashaus, Belcanto-Gondel, Airstrip-Gangway." Regisseur Victor Bodo lasse alle Puppen tanzen! "Fechtszenen, Salti, Wiener Walzer, Techno, Mozart. Müffisante Musikakzente aus dem Graben. Und viel, viel Video." Wer Hoffmanns 80-Seiten-Märchen kennt, müsse es lieben. Wenn jedoch Zinnober in blauer Jacke mit dem Ruf "Wo geht es zur Hofburg?" auftrete und als "Missgeburt" fortgeschickt werde, sei eine Grenze überschritten.

"Bodo und sein Team erzählen dieses musikuntermalte Märchen mit unglaublichem Aufwand, vielen popkulturellen Zitaten und noch mehr Ideen", schreibt ebenfalls angetan Thomas Trenkler im Kurier (14.2.2017). Das Geschehen werde mit der Kamera auf eine Leinwand übertragen in Schwarz-Weiß samt Grüntönen. "Nur wenn bewusstseinserweiternde Substanzen ins Spiel kommen, explodieren die Farben." Ein Höhepunkt sei das Duell zwischen Fee und Zauberer, "Bühnenarbeiter wie Ensemble leisten aber die gesamten zwei Stunden Außerordentliches".

 

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