Zum Nachtisch Kindsragout

von Andreas Wilink

Oberhausen, 17. Februar 2017. Wie umgehen mit dem Skandal, der diese Frau ist? Mit dem Ungeheuerlichen ihrer Tat, eines Racheaktes, mit dem sie sich ins eigene Fleisch schneidet. Gibt es eine Rangfolge des Monströsen, angesichts dessen Götter und Menschen sich voll des Grauens abwenden – Muttermord (Orest), Vatermord (Ödipus), Brudermord (Eteokles und Polyneikes), Kindesmord (Medea)? Die individuelle Verkörperung mythischen Verhängnisses sträubt sich gegen historisches, politisches, soziales, psychologisches oder gendertheoretisches Instrumentarium, um das Unsagbare kommunikativ zu integrieren.

Die Geschichte der Außenseiterin wird modernisiert

Im Theater Oberhausen hat die aus Syrien stammende Regisseurin Wihad Suleiman, die nach Stationen in Damaskus, im Libanon und in London seit 2015 mit dem Mülheimer Theater an der Ruhr arbeitet, innerhalb des Projekts "Neue Heimat" für geflüchtete Künstler den Urstoff "Medea" zu sich herangezogen. Vor zweieinhalbtausend Jahren dramatisierte Euripides die Geschichte der zauberkundigen "Barbarin" aus Kolchis: Medea, die aus Liebe zum Argonauten Iason ihren Vater, ihr Volk und ihre Götter verrät und ihren Bruder tötet, die dem Griechen in seine Heimat folgt, in Korinth Außenseiterin ist und ihrerseits von ihrem Gatten verraten wird, worauf sie Iasons neue Braut Glauke alias Kreusa vergiftet und ihre eigenen beiden Kinder umbringt, bevor sie, die Enkelin des Sonnengottes, sich mit einem Himmelsgefährt entfernt in die Ewigkeit von Schuld und Schrecken.

Medea 2 560 Axel J SchererIn der Fremde geht die Liebe in die Brüche: Janna Horstmann als Medea und Omar El-Saeidi als Iason © Axel J. Scherer

Anna Polke steht auf Oberhausens Bühne als altmodisch gekleidete, vermutlich in Gesundheitsschuhen steckende Amme vor einer deplatziert wirkenden Bartheke, drapiert mit Sektgläsern (Ausstattung: Reem Helou), spricht vom Unglück und seinen Folgen und erstattet in gutmütig pantoffeligem Biedersinn Bericht, als hielte sie einen Plausch im Treppenhaus ab. Auf der anderen Seite, neben einem Laute-Spieler mit klagend gezupfter Melodie, trägt die Choristin (Dunja Dogmani) ein altertümliches Gewand und überbrückt in lyrischen Versen oder mit Protestsängerinnen-Appeal die Zeiten. Dann ein Schrei, von der auf einer Couch zusammengerollten Medea. Als sie gebückt herankommt, sieht man nur die Kaskade blonden Haars. So also ist es gedacht: Vertauschte Rollen – die Fremde ihrem Äußeren nach nord-westlich hiesig, Jason hingegen dunkelhaarig und -häutig.

Suleimans als Uraufführung annoncierter "Medea"-Text, eine ungebunden freie Nachdichtung, ist ein Zwitterwesen, wie seine Protagonistin. In der reinen Gegenwart zuhause, klingt sie klar und knapp, ähnlich einer Buchheldin von Ingeborg Bachmann oder Christa Wolf und gibt sich zur Rampe hin demonstrativ mitteilsam im Gespräch mit sich selbst, um dann wieder hochgestimmt an das Urbild denken zu lassen. Janna Horstmann, anfangs im Bademantel, dann in rotem Etuikleid, schließlich in kurzem Weiß, ersinnt pragmatisch und praktisch als die "in allem Bösen sehr geschickte Werkerin" ihren Gift-Plan: eine Chabrol-Figur, so dass sich vor unserem Auge die "Tatort"-Spirale aus dem Vorspann zu drehen meint. Das kühle Setting erinnert an Stücke und Inszenierungen von Marina Carr, die Klaus Weise vor Jahr und Tag in Oberhausen (und dann in Bonn) herausbrachte.

Medea windet sich in zweiten Wehen

Kreon (Hartmut Stanke), ein Ideologe der Familie – seines Konzepts von Familie –, wird so schnell mit Medea fertig ("Mach, dass Du wegkommst") wie wir mit dem emotionslosen Technokraten. Eine Episode mit dem netten Aigeus könnte ihr einen Deal bringen: Sie schenkt ihm Nachwuchs, er bietet ihr Zuflucht. Als sie sich dann zum Kindermord bekennt, tanzt und zuckt Janna Horstmanns Körper in rituell artistischen Übungen und windet sich in zweiten Wehen. Damit ist's getan.

Medea 1 560 Axel J SchererMedea (Janna Horstmann) nach dem Blutbad © Axel J. Scherer

Das letzte Drittel des 90 Minuten ist die schiere Katastrophe, in dem Text und Regie das Drama klein kriegen: Abendbrot mit Jason, zu dem Medea ihm das Fleisch der Söhne vorsetzt. Prost, Mahlzeit! Nachdem das Bürschchen vor sich hin schwatzt, was das Beste für die Kinder sei, als lese er aus einem Artikel in "Psychologie heute" vor, verkündet sie ihm, was Sache ist. Und nun? Lauter falsche Töne, falsche Gesten, verkehrte Worte, dem Anlass unangemessene Redensarten – das unflätige Geschimpfe zweier Ex-Partner, als würden sie sich um Zahlung der Alimente in die Wolle kriegen und die Fetzen fliegen lassen. Ein stumpf-banaler, miserabel schäbig vorgeführter Paarkrieg. "Du hast den Blick fürs Wesentliche verloren", sagt er. "Reg Dich ab", sagt sie im Weggehen. Er kriegt das große Zittern. Die Amme kommt mit der Reisetasche. Medea wäscht sich in einer Schüssel Blut. Da stimmt dann gar nichts mehr.

Medea soll weder schöner wohnen noch konkreter leiden, keinen Problemfall für die Behörden, kein Seminar-Studienobjekt, kein emanzipatorisches Projekt abgeben. Sie soll sein. Insofern kam der opernhafteste aller Sprechtheater-Regisseure, Werner Schroeter, einst in Düsseldorf auf den grandiosen Gedanken, über den Monolog der Mordenden das Benedictus aus Beethovens Missa Solemnis ohrenbetäubend laut zu legen, weil im intellektuellen Sprechakt Medea nicht zu begreifen ist. Hier würde man das gesamte Requiem gebraucht haben, vom Introitus bis zum Lux aeterna. Aber es blieb zappenduster.

 

Medea
von Wihad Suleiman
Stück und Regie: Wihad Suleiman, Bühne und Kostüme: Reem Helou, Musik: Khater Dawa, Dramaturgie: Tilman Raabke / Rolf C. Hemke.
Mit: Khater Dawa, Dunja Dogmani, Omar El-Saeidi, Janna Horstmann, Anna Polke, Hartmut Stanke, Peter Waros.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.theater-oberhausen.de

 

Kritikenrundschau

Klaus Stübler von den Ruhrnachrichten (19.2.2017) beschreibt die Schauspieler*innen des Abends: Dunja Dogmani vertrete den Chor als vornehm-schlichte Araberin mit weisen Worten in klarer, poetisch-distinguierter Sprache. "Kreon (gefühlskalt: Hartmut Stanke) macht aus der verzweifelten Medea, indem er sie aus seinem Reich verbannt, die wütende, auf blutige Rache sinnende Frau." Janna Horstmann bleibe in ihren widersprüchlichen Gefühlen durchaus menschlich. "Stark, wie sie da hockt und die Kinder imaginiert, die sie so liebt und doch umbringen will, damit sie nicht in die Hände der 'Feinde' fallen."

"Der Versuch Wihad Suleimans, in ihrer auf 90 Minuten eingedampften freien Nacherzählung die 'Medea' des Euripides im westlichen Heute anzusiedeln und zugleich in der archaischen Welt zu belassen, führt ins Irgendwo", schreibt Wolfgang Platzeck in der Westfälischen Rundschau (21.2.2017). Dort gingen "die Konturen der ohnehin schwer zu ergründenden Rachefurie immer mehr verloren".

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