Entschleunigung im U-Bahn-Netz

von Petra Hallmayer

München, 18. Februar 2017. Die Geister geben keine Ruhe. Auf einem nächtlichen U-Bahnhof begegnen die Lebenden den Toten, die von Schuldgefühlen oder einer unvollendeten Aufgabe gepeinigt nach Erlösung suchen.

Eine Seelenkunde des Spuks

Mit "Nō Theater" stellte Toshiki Okada nach der Münchner Version von "Hot Pepper, Air Conditioner and the Farewell Speech" seine zweite Produktion an den Kammerspielen vor, in der er ein düsteres Bild der japanischen Gegenwartsgesellschaft zeichnet. Dabei greift er auf Elemente einer alten Kunstform zurück. In Anlehnung an die Struktur des Nō-Theaters gliedert er den Abend in zwei nach U-Bahn-Stationen in Tokio benannte Stücke, "Roppongi" und "Tochōmae", und ein Kyōgen, ein heiteres Zwischenspiel. Was Okada aber vor allem reizte, war die Verschränkung des Realen und Irrealen, die Präsenz der Geister im Diesseits. Von einer "Seelenkunde des Spuks" sprach der Nō-Bewunderer Ezra Pound. Doch Okada will nicht in die Tiefen der Psyche hinabführen, sondern bedient sich der Untoten, um gesellschaftspolitische Fragen zu verhandeln.

no theater 1 560 Julian Baumann uNō Theater in der Tokoyer U-Bahn: Thomas Hauser, Kazuhisa Uchihashi © Julian Baumann

Statt der vier Pfeiler der Nō-Bühne ragen vier U-Bahnhof-Säulen auf. Den Part des Wandermönchs nimmt ein junger Mann (Thomas Hauser) ein, Vertreter einer orientierungslosen um ihre Zukunft betrogenen Generation. Untermalt von den hypnotischen Klangkompositionen des Live-Musikers Kazuhisa Uchihashi erscheint ihm der Geist eines Investmentbankers (Stefan Merki), der sich umgebracht hat. Gequält "vom Schmerz nicht zur Verantwortung gezogen worden zu sein", möchte er "um Vergebung bitten" für seine Verfehlungen im Rausch der Bubble-Economy. Tatsächlich allerdings rettet er sich in Ausflüchte. Während er beteuert, bloß ein Mitläufer gewesen zu sein, schaltet sich Jelena Kuljić wechselweise hell säuselnd und die Worte abgehackt ausstoßend als eine Art mahnende innere Stimme ein. In einem priesterlichen Sprechgesang zählt sie die Sünden einer "erbarmungslosen Finanzwelt" auf, die die Katastrophe einleitenden Währungsmanipulationen und Zinssenkungen, ehe sie sich in eine nette Bahnhofsangestellte zurückverwandelt.

Mit unbewegten Mienen

Wie alle Regiearbeiten Okadas ist "Nō Theater" geprägt von der Diskrepanz zwischen Bewegung und Sprache. Im Gegensatz zu seiner wunderbar traurig-komischen Büro-Groteske "Hot Pepper, Air Conditioner and the Farewell Speech" aber, in der die Körper in verrückten Verrenkungen ihre ganz eigenen Geschichten erzählten, die unterdrückten Affekte dekuvrierten, setzt er diesmal Gesten äußerst sparsam ein. Zumeist tragen die Schauspieler statisch stehend mit unbewegten Mienen ihren Text vor. Mal hebt sich ein Fuß, mal greifen Hände in die Luft, beugt oder wiegt sich ein Körper sachte. In der strengen Reduktion nähert sich Okada klassischen Nō-Aufführungen an, in denen jedes Fingerzucken kodifizierten Regeln gehorcht, doch da wir hier über kein gemeinsames Zeichensystem verfügen, bleiben die Bewegungen immer wieder ein wenig aussagekräftiger Verfremdungseffekt.

no theater 5 560 Julian baumann uKleine Gesten, große Muße: Thomas Hauser, Kazuhisa Uchihashi, Maja Beckmann © Julian Baumann

Das Nō-typische Prinzip der Entschleunigung ist bei dem als Minimalisten bekannten Regisseur nichts Neues, in dieser Inszenierung zelebriert er es. Jeder Schritt wird bedächtig, mit feierlicher Präzision ausgeführt. Das hat einen merkwürdigen Zauber, wirkt jedoch auf Dauer ermüdend, und man ist dankbar für das herrlich erfrischende Intermezzo, in dem Anna Drexler mit feiner Komik eine Schauspielerin mimt, die versucht im U-Bahnhof Passagen aus "Hamlet" einzuüben.

Der Geist des Feminismus

Im zweiten Stück trifft ein Kleinstädter (Thomas Hauser) bei seinem Tokio-Ausflug den "Geist des Feminismus" (Anna Drexler). Bald schon gesellt sich ein weiterer weiblicher Geist (Maja Beckmann) hinzu, der von den sexistischen Demütigungen Ayaka Shiomuras im Stadtrat von Tokio, die 2014 eine Welle der Empörung auslösten, umgetrieben wird. Gemeinsam mit der Bahnhofsangestellten beschwören die Beiden den über Generationen angewachsenen "Groll" der Frauen. Wenn es nicht gelingt, deren "Seelen zu befrieden", erklären sie, wird die Bevölkerung weiter schrumpfen und Japan zugrunde gehen.

Es wäre sicherlich spannend zu erfahren, wie japanische Zuschauer den Abend erleben. Für einen deutschen Theaterbesucher klingt Toshiki Okadas Gesellschaftskritik brav verhalten und etwas vordergründig. Die berückende Subtilität vieler seiner früheren Arbeiten fehlt dieser Aufführung, der man zwar fasziniert, aber mit innerer Distanz folgt.

Eine Erlösung der Geister findet bei Okada am Ende natürlich nicht statt. Dafür, das macht seine Inszenierung sehr deutlich, müsste sich die japanische Gesellschaft gründlich verändern.

 

Nō Theater
von Toshiki Okada
Regie: Toshiki Okada, Bühne: Dominic Huber, Kostüme: PERRET SCHAAD, Licht: Andreas Rehfeld, Live-Musik: Kazuhisa Uchihashi, Dramaturgie: Tarun Kade, Übersetzung: Andreas Regelsberger.
Mit: Maja Beckmann, Anna Drexler, Thomas Hauser, Jelena Kuljić, Stefan Merki.
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

www.muenchner-kammerspiele.de

 
Kritikenrundschau

"Es fehlt die Sinnlichkeit, die das Denken aufregend macht", schreibt Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung (20.2.2017) über diese "so sauber" gearbeitete Inszenierung. Okada mache Nō Theater, "aber man starrt nicht stundenlang auf einen festgefügten, museal gewordenen Exotismus, sondern sieht knapp zwei Stunden lang Schauspielern der Kammerspiele zu, die sicherlich fremdartig, teilweise artifiziell agieren und noch artifizieller sprechen." Inhaltlich habe der Abend mit dem Nō Theater nur den Auftritt der Geister gemein, die sich für den Kritiker allerdings zu einfach erklären: "Klar ist hier ohnehin alles. Die Geister stehen für das schlechte Gewissen. Kein Spuk."

Mathias Hejny von der Abendzeitung (online 19.2.2017) findet vor allem an Thomas Hausers Rolle des Reisenden und seinem "Lust am Spiel" mit dem "Widerspruch zwischen dem kühl artifiziellen gestischen Programm des No-Theaters und der Emotionalität der Erzählung" Gefallen. "Die Faszination ist stark und wurde am Premierenabend auch stark beklatscht, doch der Zauber von Okadas früheren Arbeiten stellt sich nicht ein."

Für "Fazit" auf Deutschlandradio Kultur (18.2.2017) berichtet Sven Ricklefs: Okada zeichne "das Bild eines Japan, das quälend langsam vor sich hinstirbt", wobei sich seine Gesellschaftsstudie "auf der Folie des No-Theaters in eine zeitlupenhaften Betrachtung über eine Gesellschaft in Agonie" wandele. Der "Sound des Abends", der sich aus den magischen Livemusik und dem "Körper- und Sprachduktus" der Akteure speise (und "ihnen den Anschein gibt, als befänden sie sich in einer Art Bewegungsmeditation"), wird gewürdigt. "Und so ist es denn auch dieser eigentümliche Rhythmus, der den gewissen Reiz dieses Theaterabends ausmacht, auf den man sich aber sehr geduldig einlassen muss."

"Es geht nicht ums Auserzählen, sondern um die Andeutung. Ums Anspielen", schreibt Simon Strauss in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (21.2.2017). Für die Schauspieler sei das "sichtbar ungewohnt und anstrengend", aber die Mühe lohne sich, so Strauss: "Denn was man an diesem Abend zu sehen bekommt, ist nicht nur eine willkommene ästhetische Abwechslung in einem Haus, das bisher nicht im Ruf stand, besonders auf das schöne Spiel zu achten, sondern eben auch eine ganz andere Art der bildhaft-symbolischen Erzählung." Es seien "in alte Form gefasste Geschichten aus dem modernen Japan. Geschichten aus einem Land ohne Hoffnung auf eine bessere Zukunft: Während die Wirtschaft schrumpft, nimmt die sowieso schon überalterte Bevölkerung drastisch ab. Dazu kommt Fukushima – und eine wachsende außenpolitische Spannung." Okada schaffe es, von alldem ein drängendes Gefühl zu geben, ohne es in deutscher Theatermanier zur banalen Politproklamation zu verkleinern. "Trotz aller Modernisierung steht bei ihm die geheimnisvoll-symbolische Atmosphäre im Mittelpunkt, liegt über allem ein Hauch von 'yugen', jener besonderen Form der subtilen Schönheit und feinen Eleganz, die das traditionelle No-Theater im besten Fall auszeichnet."

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