Skandal mit Ansage

9. März 2017. Im Februar wurde bekannt, dass in Warschau gegen Regisseur Oliver Frljić und seine Inszenierung des Stücks "Der Fluch" ermittelt wird. Die Süddeutsche Zeitung und die Frankfurter Allgemine Zeitung berichten über den Fall.

"Die Schauspielerin Julia Wyszyńska simuliere leidenschaftlichen Oralsex mit der Papst-Figur. Ihre Kollegin Karolina Adamczyk-Oleszczuk fragt später: 'Wer von Ihnen im Saal hat schon eine Abtreibung hinter sich?' In einer anderen Szene plaudern Schauspieler darüber, wie sie als Kinder von Priestern sexuell missbraucht wurden." So beschreibt Florian Hassel in der Süddeutschen Zeitung Szenen aus Oliver Frljić' Inszenierung von "Der Fluch" in Warschau. Schon das Original-"Fluch" von 1899 sei ein Skandal gewesen, schließlich beschreibt es das unkeusche Leben eines katholischen Priesters.

Vier Tage nach der Premiere am 18. Februar lobte die Gazeta Wyborcza die Inszenierung "als ein seit Jahren nicht mehr da gewesenes 'kraftvolles politisches Spektakel'. Der 'Fluch' breche Polens größte Tabus und zeige, 'in was für einem stickigen und blockierten Land wir leben'", zitiert Hassel die Zeitung. Daraufhin begann ein Skandal: Eine Pis-Sprecherin nannte das Stück "Gosse", Polens Bischöfe beklagten "Merkmale der Gotteslästerung". Der regierungskontrollierte Fernsehsender TVP Kultura feuerte eine Reporterin, die über den Abend berichtete.

Spaltende Wirkung

Die Warschauer Staatsanwaltschaft ermittelt seit Mittwoch wegen des Verdachts auf "Verletzung religiöser Gefühle" und "Aufruf zum Verbrechen". "Denn im 'Fluch' überlegt eine Schauspielerin in einem Monolog, was wohl für die Ermordung von Pis-Parteichef Jarosław Kaczyński verlangt werde – bevor sie diese Idee verwirft."

Krakauer Priester hätten eine Reaktion auf die skandalösen Ereignisse von der Oberbürgermeisterin verlangt. Doch deren Sprecher habe mittlerweile entgegnet: "Wir planen weder die Streichung der Zuschüsse noch die Entlassung des Theaterdirektors." Und der Kulturchef der Stadt habe den "Fluch" nach seinem Besuch als "ausgezeichnete und wichtige Aufführung" gelobt.

(sik)

 

Vom "Skandal der Saison" in Polen berichtet Gerhard Gnauck in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (9.3.2017)

Polens Theater erlebe den Skandal der Saison: "Ihr beleidigt unserer Gefühle", töne es von der einen Seite. "Es geht um eure Verlogenheit", schalle es zurück. Oliver Frljić schlage mit "Fluch" Wellen und provoziere viel Kritik.

Theaterskandale liefen oft nach einer Matrix ab: ein "zorniger junger Regisseur", gerne von "außerhalb", komme, schockiere das einheimische Publikum. Politiker meldeten sich zu Wort und klagten, "Werte" würden in den Schmutz gezogen. Darauf das Theater: die Kritiker hätten das Stück ja „gar nicht gesehen“. Früher oder später werde die Staatsanwaltschaft aktiv. Dann habe sich die Erregung aber meistens bereits verausgabt. So etwa sei es auch im Falle Frljić. Die Staatsanwaltschaft habe "Ermittlungen angekündigt". Die Gegendemonstranten beteten, laut aber friedlich.

Unter die Haut

Die Papst-Statue auf der Bühne sehe Johannes Paul II. ähnlich. Sein Phallus sei sichtbar. Eine Schauspielerin deute dazu ausgiebig Oralsex an. Am Ende werde der Statue ein Strick um den Hals gelegt, dazu ein Schild: "Beschützer der Pädophilen". Priesterpaare seien "zärtlich zueinander", sie erzählten davon, wie sie als Kinder von Priestern sexuell belästigt worden seien. Das Publikum werde angesprochen, wer von den Frauen bereits abgetrieben habe. Ein junger Priester steigere sich in einen Monolog gegen die Muslime hinein, dann steige er zum Publikum hinab und schnüffele nach Muslimen. Eine Schauspielerin berufe sich auf Christoph Schlingensiefs Aktion "Tötet Helmut Kohl" und erörtere, ob eine "Geldsammlung zugunsten eines Auftragsmordes" hier eine Chance habe. "Eindeutig" gehe es dabei um Jarosaw Kaczyski, den Chef der Regierungspartei.

Die Staatsanwaltschaft ermittele inzwischen wegen "Beleidigung religiöser Gefühle" und "Aufruf zum Mord". Politiker hätte ihre Empörung kundgetan, das liberal geführte Warschauer Rathaus verweise auf die Autonomie der Kultur und für alles weitere auf die Gerichte. Der Chef des öffentlichen Fernsehens habe eine Sendung abgesetzt, in der Julia Wyszyska mitspiele, die bei Fri die Hauptrolle spiele, das Fernsehen sei "kein Freudenhaus".

Manche Theaterkritiker und altgediente Debattenteilnehmer hätten dem Regisseur gedankt, andere ziehen ihn der Effekthascherei und forderten "etwas raffiniertere Blasphemien.“

(jnm)

 

Mehr dazu:

Meldung vom 22. Februar 2017 - Ermittlungen gegen Warschauer Theater wegen Frljić-Inszenierung

 

Kommentar schreiben