Draußen tobt die Hölle

von Falk Schreiber

Hamburg, 24. Februar 2017. "Du musst anständig werden!" Kufait kommt aus dem Gefängnis, er hatte Geld unterschlagen, ein Fehltritt. Aber noch einmal auf die schiefe Bahn will er nicht geraten. Besonders hoch sind seine Ansprüche an die Zukunft auch nicht. "Man hat sein Zimmer, sitzt warm durch den Winter, vielleicht mal Kino", das muss doch machbar sein. Hauptsache aber: anständig werden.

Vielleicht mal ins Kino

Aber wer einmal aus dem Blechnapf gefressen hat, der hat keinen Anspruch mehr auf Erfüllung seiner kleinen Wünsche und auf ein anständiges Leben auch nicht, das wird Kufait schmerzhaft lernen. Luk Perceval hat schon mehrfach Romane von Hans Fallada fürs Theater adaptiert: 2009 "Kleiner Mann – was nun?" an den Münchner Kammerspielen, 2012 "Jeder stirbt für sich allein" am Hamburger Thalia.

Beide Produktionen waren überaus erfolgreich, beide wurden zum Theatertreffen eingeladen, der Hamburger Abend war zudem Inszenierung des Jahres. Ob "Wer einmal aus dem Blechnapf frisst" diese Erfolgsserie fortsetzen kann? Schwerlich – die mit knapp zweieinhalb Stunden Spieldauer recht straffe Inszenierung überzeugt zwar mit einem eigenständigen ästhetischen Zugriff auf Falladas Text, der die bei diesem Stoff drohende Falle der Elendspornografie konsequent vermeidet, verliert sich dafür allerdings mehr als einmal im Ästhetizismus.

Jemand, der nicht auffallen will

Das fängt schon mit der Bühne an. Annette Kurz hat einen ihrer typischen, in die Höhe strebenden Räume gebaut, in dessen Zentrum ein von hinten beleuchteter Vorhang steht, auf den eine Art stilisiertes Kettenkarussell projiziert ist – sieht großartig aus, bleibt allerdings das etwas bemühte Motiv eines Karussells als Hamsterrad, aus dem der Protagonist nicht entkommen kann. Und es geht weiter beim Musikeinsatz, bei Tenor Hendrik Lücke, der in Frack und Zylinder Operettenweisen aus der Entstehungszeit von Falladas Roman Anfang der 1930er singt, was zwar stimmungsvoll ist, allerdings auch eine Historisierung zur Folge hat, die der Inszenierung nicht gut tut. Eine gute Entscheidung hingegen ist es, Kufait mit Tilo Werner zu besetzen.

blechnapf1 560 Armin Smailovic hTilo Werner als Falladas Kufeit, der aus dem Gefängnis kommt und so gerne anständig werden will
© Armin Smailovic

Werner ist zwar seit 2009 Ensemblemitglied am Thalia, schaffte es aber bislang nicht, sich in die erste Reihe zu spielen – dem Endvierziger fehlt das Rampensauhafte, das sich am Thalia nach und nach breitmachen konnte, im Zweifel nimmt er sich zurück, unterspielt seine Figuren. Was freilich perfekt zum besserungsbeflissenen Ex-Sträfling passt: dürr, glatzköpfig, nickelbebrillt steht da jemand auf der Bühne, der bloß nicht unangenehm auffallen will, jemand, der auch noch beim wüstesten Männergeschwätz arglos bleibt. "Die erste Nacht nach dem Knast ist bei allen Huren in Hamburg frei!", blökt der Zellenkumpan (Kristof Van Boven). Und Werners Kufait ungläubig: "Wirklich?" So einer ist das.

Gegenüberstellung von Zartem und Grobem

Wie um Werners zurückhaltendes Spiel noch einmal zu betonen, agieren die übrigen Schauspieler (in pro Person bis zu zehn Rollen) bis ins Groteske übertrieben, mal als wandelndes Klischee, mal mit jämmerlicher Dialektfärbung, mal mit wilden Vergröberungen. Bernd Grawerts Gefängnisdirektor etwa: ein tuntiger Rheinländer. Oder Stephan Bissmeiers Chefredakteur: ein mit der Schnapsflasche verwachsenes Häuflein Elend.

Dieses seltsam unmotivierte Bedienen der Komödienkonvention nervt zunächst, ist aber stimmig, wenn man sich auf ein Regiekonzept einlässt, das die Tragik im Komischen spiegeln will und die Komik im Tragischen. Im Programmheft sind mehrere Seiten aus Jakob Hinrichs' Fallada-Comic "Der Trinker" abgedruckt, und so wie die Bilderzählung funktioniert auch diese Inszenierung: als wertfreie Gegenüberstellung von Grobem und Zartem, von Witz und Schrecken. Zumal diese Grobheitsästhetik immer wieder schlüssige Bilder hervorbringt. Zum Beispiel das Schreibbüro, das eine Gruppe von Haftentlassenen gegründet hat: Die entfremdete Arbeit wird lautstark mit Ratschen symbolisiert, und einer kann sich nicht in die Gemeinschaft einfügen. Es ist eine Qual, zuzusehen, wie er seine Ratsche mühselig im Kreis dreht.

Tatsächlich erschreckend ist es schließlich, wenn man erkennt, wie Kufait innerlich versteinert. Nicht dass er zum Räuber und zum Mörder wird, ist die Tragik dieser Geschichte, nicht dass das Justizsystem ihm keine Chance lässt. Sondern dass er akzeptiert, ein schlechter Mensch zu sein: "Liebe, Freundschaft, das ist doch alles Quatsch!", spuckt er am Ende aus, und wenn man das mit dem Einstieg vergleicht, mit dem hoffnungsfrohen "Du musst anständig werden!", dann läuft es einem kalt den Rücken runter.

Wer einmal aus dem Blechnapf frisst
von Hans Fallada, Bühnenfassung von Christina Bellingen und Luk Perceval
Regie: Luk Perceval, Bühne: Annette Kurz, Kostüme: Annelies Vanlaere, Dramaturgie: Christina Bellingen.
Mit: Stephan Bissmeier, Kristof Van Boven, Christina Geiße, Bernd Grawert, Oliver Mallison, Tilo Werner, Live-Gesang: Hendrik Lücke.
Dauer: 2 Stunden 20 Minuten, keine Pause

www.thalia-theater.de

 

Kritikenrundschau

Perceval erzähle "diese frustrierende Chancenlosigkeit der guten Absicht in szenisch verschärften Gegensätzen", so Till Briegeb in der Süddeutschen Zeitung (27.2.2017). Deren radikale Opposition möge formal an den eskalierenden Extremismus der Zwischenkriegsepoche erinnern. Tilo Werner mühe sich "in überaus ernsthafter Introvertiertheit mit der Befreiung von seinem Stigma ab, während seine Gegenüber allesamt Karikaturen einer Gesellschaft sind, in der jeder Gefangener der Verhältnisse und seiner Vorurteile bleibt".

Perceval inszeniere den Roman "als Tragödie der Hilflosigkeit, die er mit grotesken Elementen immer wieder ins Komödiantische wendet", schreibt Hubert Spiegel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (27.2.2017). "Das ist mehr als überzeugend, solange das Groteske seinen bedrohlichen Unterton bewahrt, etwa bei Bernd Grawerts gepeinigtem Beerboom, und scheitert einige Male, wenn der Klamauk seine Eigendynamik entwickelt."

Perceval brenne ein fahles Feuerwerk einer bilderbuchartigen Szenenfolge ab, findet Werner Theurich auf Spiegel Online  (25.2.2017). "Alle spielen einen ganzen Strauß von Rollen, und das allein bietet schon so viel prallen Theaterstoff, dass der Zuschauer manchmal dankbar die Lacher aufnimmt, die ihm vom perfekt agierenden Ensemble serviert werden." Allerdings vereinigten sich die Diskrepanzen aus Tragödie und Komik "nicht zu einer großen Wirkung, sondern behindern sich gegenseitig, was die zähen Momente des Nummernprogrammes betont und die dramatische Wirkung leicht zerdehnt".

Wieder sei es dem belgischen Regisseur gelungen, die Hölle auf Erden auf die Bühne zu bringen, formuliert es Heinrich Oehmsen im Hamburger Abendblatt (27.5.2017) . Er verdichte "die Vorlage zu einer Anklage gegen ein System, in dem der Einzelne scheitern muss, wenn er sich nicht anpasst und unterordnet". In Kufalts Tragik stecke eine Menge Komik, doch es lachten immer die anderen.

"Doch so fein, so ausgewogen" wie seine Adaption von Falladas "Jeder stirbt für sich allein" will Perceval "sein zweiter Hamburger Fallada nicht gelingen", schreibt Katrin Ullmann in der taz (27.2.2017). "In Percevals Inszenierung ergeht es Kufalt wie einem Stück Treibholz. Selbst starr und unbeweglich, wird er mitgerissen, von Strudeln und Strömungen, verhakt sich mal hier mal dort." Dass "der Regisseur auch die angstbesetzte Radikalisierung des Einzelnen im Sinn hatte, kann man lediglich im Programmheft nachlesen. Umso stärker bebildert Perceval den Kontrast zwischen dem lauten Äußerlichen und dem stillen Suchen. Zwischen dem allgemeinen, gehetzten Treiben und dem inneren, persönlichen Zweifel."

Kommentar schreiben