Verzweifeln, verstummen, verschwinden

von Valeria Heintges

Zürich, 25. Februar 2017. Der Schweizer Schriftsteller Markus Werner war in seinen sieben Romanen, von "Zündels Abgang" 1984 bis zu "Am Hang" 2004, der "Typologe der anarchisch-wilden Aussenseiter" (NZZ). "Zündels Abgang" wird in der kleinen Kammer des Zürcher Pfauen in einer Dramenfassung wiedergeboren; es beschreibt das bittere Scheitern eines Lehrers an der Wirklichkeit, sein Ausgleiten auf den Glätten des Schicksals und den brutalen Worthülsen des Lebens.

Als Zündel in Ancona der Stiftzahn ausfällt, beschließt er kategorisch: "Mit einer Zahnlücke reise ich nicht." Aufzufallen ist ihm ein Gräuel, doch sich den Regeln zu fügen, wird ihm zunehmend unerträglich. Eine krankmachende Kombination, und so folgt das minutiös erzählte Abrutschen in die Depression. Er beschließt, zu Frau Magda zurückzukehren. Die aber hatte sich gefreut, – so die Abmachung der Eheleute – einige Wochen ohne den Gatten zu verbringen, und findet darum keine tröstenden Worte, als er weit vor der Zeit wieder vor ihr steht. Ein paar missgünstige Bemerkungen des Hauswarts Herr Schmocker – und Zündel glaubt sich von Magda hintergangen. In Genua will er sich einen Revolver für den Selbstmord besorgen. Als er sogar dabei versagt, verstummt Zündel und plant seinen Abgang.

ZuendelsAbgang2 560 Raphael Hadad uUnglückliche Eheleute: Fritz Fenne, Julia Kreusch © Raphael Hadad

Regisseur Zino Wey, geboren 1988 in Basel, hat großen Respekt vor den literarischen Qualitäten des Wernerschen Buchs und erstellt mit Dramaturgin Gwendolyne Melchinger eine Theaterfassung, die den literarischen Text zwar kürzt, aber passagenweise wörtlich übernimmt. Die Sprache bleibt so in ihrer Eleganz bestehen, wirkt gesprochen auch lebendiger, sogar humorvoller als bei der stillen Lektüre. Aber Belletristik ist nicht fürs Sprechen geschrieben; zudem sind Dialoge rar gesät, weil sich vieles im Kopf des Protagonisten abspielt, seine Art der Wahrnehmung von Welt selbst Thema wird. Das respektvolle Verfahren hat also viele Tücken, zu oft schon hat man gesehen, dass die Langeweile dabei sprungbereit hinter der Ecke lauert. Dass sie sich in Zürich dennoch nicht blicken lässt, ist Zino Weys präziser Regiearbeit und dem genauen, jedem Satz hinterherspürenden Spiel der vier Akteure anzurechnen.

Konzentriert und konsequent

Konzentration ist dabei die Trumpfkarte, das konsequente "Weniger ist mehr", beginnt schon bei der Ausstattung von Davy van Gerven. Er bestückt die winzige Bühne minimalistisch mit vier Stühlen, zwei kleinen Tischen und einem Klappbett, das sich auch mal werfen lässt. Schwarze Wände öffnen sich zu Schrank und Waschbecken. Ein Zerrspiegel wandelt sich zur Leinwand mit Zimmeraussicht. Ein Mikrofon, das zum Andeuten einer Bar-Atmosphäre ausreicht, wenn Hits aus den Lautsprechern dudeln. Mit denen zieht Benjamin Brodbeck eine zusätzliche Bedeutungsebene aus Ironie ein, etwa wenn zur ersten Reise "Voyage, Voyage" erklingt, das zu einer Weltreise aufruft, oder beim Streit der Eheleute, die sich für die Ferien ein wenig Abstand voneinander verordnet haben, die Schauspieler ein "Am Sonntag will mein Süßer mit mir Segeln gehn" summen.

ZuendelsAbgang3 560 Raphael Hadad uDen Blicken ausgesetzt. Edmund Telgenkämper, Julia Kreusch, Fritz Fenne, Julian Lehr
© Raphael Hadad

Fritz Fenne erspürt als Zündel jeden Satz genau, ist leidend von Anfang an, Ironie und Selbsthumor kommen ihm zusehends abhanden. Als er Freund Viktor besucht, will er sich anlehnen, wie der Hund ans Knie des Herrchens; doch den letzten Zentimeter überwindet er nicht mehr und erstarrt, verbogen, gekrümmt, wie geschlagen. Edmund Telgenkämper ist Viktor, aufrecht, aufrichtig, aufmerksam, mit beiden Beinen im Leben. Er will dem Freund gut, kann ihn aber auch nicht vor dem Verstummen retten. Und so bleibt ihm nur die Rolle des Chronisten, des Erzählers, des hilflosen Helfers. Julia Kreuschs Magda schaut lebensfroh und fassungslos dem Verschwinden des Gatten zu. Sie schlüpft in alle Frauenrollen, ist beweglich-erotisch als Reisebekanntschaft Nounou, lasziv als Bar-Sängerin, liebevoll-liebend als Gattin Magda.

Julian Lehr, Student an der Zürcher Hochschule der Künste, spielt unzählige Nebenrollen, ist schmieriger Waffenverkäufer, Sänger. Und vor allem gibt er fulminant den Zündel, als der nach seiner Reise vor der Klasse eine Hasstirade fährt, nach der er in die Psychiatrie eingewiesen wird. Wieder so eine gute Idee: Am Ende verstummt Fenne, dreht den Zuschauern den Rücken zu. Jetzt übernehmen Lehr und Telgenkämper seine Rede, sein Sprechen, führen ihn in den Wahnsinn. Zündels ist abgegangen, nur seine Hülle sieht man noch im Zerrspiegel.

 

Zündels Abgang
nach dem Roman von Markus Werner
Regie: Zino Wey, Bühne und Kostüme: Davy van Gerven, Musik: Benjamin Brodbeck.
Mit Fritz Fenne, Julia Kreusch, Julian Lehr, Edmund Telgenkämper.
Dauer 1 Stunde, 30 Minuten, keine Pause

Schauspielhaus.ch

 

Kritikenrundschau

Der junge Schweizer Regisseur Zino Wey habe Zündels tragikomisch-poetische Suada "angemessen zart und leise auf die Bühne gebracht", so Martin Halter in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (28.2.2017). "Ein Tischchen, ein paar Stühle, ein Klappbett, ein großer Zerrspiegel, (...) ein paar verwehte Töne von Schlagern und Chansons: Mehr braucht es nicht, um Sehnsucht, Verzweiflung und den Abgang von Zündel anzudeuten." Kein großer Theaterabend sei das, "dafür fehlt es doch an Farben, Ideen oder auch an satirischer Schärfe". Aber Großes und Lautes könne man aus Markus Werners Kleinod eidgenössischer Weltverneinung auch nicht machen.

 

junge Schweizer Regisseur Zino Wey Zündels tragikomisch-poetische Suada in der Kammer des Zürcher Schauspielhauses angemessen zart und leise auf die Bühne gebracht.

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