Bürokratie oder gelebter Alltagsrassismus?

3. März 2017. Zur gestrigen Eröffnung des Internationalen Kinder- und Jugendtheaterfestivals "Starke Stücke" in Bad Homburg sprach Stefan Fischer-Fels, Leiter des Jungen Schauspielhauses Düsseldorf und Vizepräsident der ASSITEJ International, über Chancen und Probleme im Aufbau internationaler Künstlerbeziehungen für das Kinder- und Jugendtheater. Seine Rede ist auf dem Blog des deutschen Kinder- und Jugendtheaterzentrums kjtz.co in Gänze abgedruckt.

"Wir wissen alle, dass es heute keine wichtigere kulturpolitische Entwicklung gibt als die interkulturelle und internationale Öffnung der deutschen Kulturinstitutionen", sagt Fischer-Fels. "Es geht darum, das Globale Dorf zu errichten, statt Mauern und Zäune zu aufzubauen." Und weiter: "Schauspieler, Regisseure, Autoren, Kooperationspartner – das alles kann nicht mehr nur biodeutsch gedacht und gemacht werden. Es gilt einen neugierigen Blick zu entwickeln, auch andere Ausdrucksweisen und Spielweisen und Schreibweisen anzuerkennen und einzubeziehen – und es zu wagen, sie dem Publikum vorzustellen."

Visaverweigerung für nigerianische Gruppe

Das Festival selbst musste gerade erfahren, welche Hindernisse einem solchen Austausch und dem Aufbau internationaler Künstlerbeziehungen im Weg stehen können. Die Produktion "Sandscape" aus Nigeria kann bei "Starke Stücke" nicht gezeigt werden, weil den Künstler*innen die Einreisevisa nach Deutschland verweigert wurden.

Fischer-Fels beschreibt den Entstehungskontext dieser von Deutschland kofinanzierten Arbeit und die Relevanz einer Festivaleinladung: "In Nigeria gibt es seit einigen Jahren eine hochvitale, energische, wütende junge Kunst- und Theaterszene. Es ist ein großartiger und tief verzweifelter Versuch von jungen Leuten, Theater als Arbeitsfeld zu etablieren. Sie wollen die besten Leute in ihrem Land behalten." Ein Gastspiel in Europa fördere solche Bestrebungen: "Wenn wir diese Künstler einladen zu Kooperationen und Koproduktionen und Festivals, dann sorgen wir mit einem ganz kleinen Beitrag dafür, dass sie ihre Hoffnung behalten, dass Nigeria ein gutes Land für sie werden könnte."

Den deutschen Behörden hält Fischer-Fels entgegen: "WIR verlieren etwas, wenn wir sie nicht hierher einlassen. Es ist nicht hinnehmbar, wenn Bürokratie einen Verwandtenbesuch genau so behandelt wie einen Künstleraustausch oder ein Gastspiel: Mit Argwohn. Mit Unterstellung böser Absichten. Und ich frage mich, ob solche Fälle noch Bürokratie sind oder schon gelebter Alltagsrassismus", sagt Fischer-Fels.

(kjtz.co / chr)

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