Die Welt, eine Heimat für Herren und Sklaven

von Reinhard Kriechbaum

Graz, 3. März 2017. "Unsere Firma steht nicht mehr im Handelsregister", sagt Debuisson mit drastischer Geste, auf dass auch seinen "Geschäftspartnern" die Augen aufgehen: "Der Auftrag" in Sachen exportierter Revolution ist obsolet. Im Mutterland hat sich Napoleon aufgeschwungen zum Alleinherrscher, und die "schwarze" Revolution am karibischen Rand-Schauplatz, in Jamaika, ist nun auch zum Scheitern verurteilt. Eine solche wäre, laut Auftrag, anzuzetteln gewesen – von Leuten, denen man besser nicht über den Weg traute. Aber es bestätigt sich, was die Pseudo-Revolutionäre zumindest schon zwischendurch mal ahnten: "Immer bleiben die Engel aus am Ende."

Der Auftrag im Grazer Schauspielhaus war, Georg Büchners "Dantons Tod" zu kreuzen mit Heiner Müllers Drama "Der Auftrag". Regisseur Jan-Christoph Gockel setzt das forsch und von Beginn an auf hohem emotionalem Pegel um. Da steht die kleine Guillotine links vorne auf der Bühne bereit, und mit einer gewissen Würde, wenn auch mit leisen Seufzern stakst die Marionette Danton (geführt von Michael Pietsch) herein, um gleich mal den Kopf einzubüßen. Der zweite Puppenführer, der "Regisseur" hat einen Kassettenrecorder dabei, Volkes Stimme dröhnt lautstark zur Szene. Aus dem Publikum schreit Antoine heraus. Spots auf die Jamaica-Revolutionäre hinter einem Gaze-Vorhang, Erinnerungs-Bilder. Heiner Müller hat den Plot ja als Rückblende angelegt.

Im SUV bis in die Karibik

Die Büchner-Bezüge liegen nahe, stehen als Theater im Theater auch schon in "Der Auftrag". Textlich ist so gut wie der ganze Müller stehen geblieben, dazu kommen viele Büchner'sche Einsprengsel im Puppenspiel. Büchner lässt Danton ja einmal sagen, die Revolutionäre seien "Puppen, von unbekannten Gewalten am Draht gezogen". Das nimmt man in Graz beim Wort.

Auftrag2 560 Lupi Spuma uDie Puppe ist der neue Mensch oder doch der Fluch der Karibik? Im Bild die Schauspieler Florian
Köhler, Raphael Muff, Michael Pietsch © Lupi Spuma

Marionettentheater also auf dem Thespiskarren. Der wird gezogen von einem SUV, und so bricht man auf: "Unser Kulturauftrag: die Demokratie zu bringen." Nach Peru eigentlich, aber es wird Jamaika. Ratlose Blicke in die Straßenkarten. Zu den missionseifrigen Revolutions-Importeuren, dem Chef de partie Debuisson mit seinen Handlangern Galloudec und Sasportas, kommen noch die zwei Puppenspieler, "unser Import vom Goethe-Institut".

Jan-Christoph Gockel war natürlich klar, dass er es ob der Kombination zweier Theatertexte auch mit wahren Fluten papierener Phrasen, mit durchaus im Detail zähflüssiger Philosophie über das Wesen der Philosophie zu tun bekommt. Heiner Müllers Text ist seinerseits ein Konglomerat mit nicht un-bizarren allegorischen Szenerien, mit Ausflügen gleichnishaften Charakters (etwa die Fahrstuhl-Szene, in der es dem Mann nicht gelingt, zum Chef vorzudringen).

Draufgänger unter sich

Das will erst mal umgesetzt sein. Also mutig hinein in die handfest ausgetragen Techtelmechtel zwischen den selbsternannten Karibik-Revolutionären, in die Theatermaschinerie und Videoeffekte, und – ja schon auch – in die vordergründige Lautstärke. Jan-Christoph Gockel seziert Büchner und Heiner Müller erfolgreich, aber nicht mit feinem Skalpell. Manchen im Publikum mag das gar zu üppig erschienen, vielleicht auch manches in der Handlung nicht klar genug herausgearbeitet gewesen sein. Auffallend viele Plätze waren nach der Pause leer. Nicht alle warteten also wirklich gespannt darauf, wie die Revolution schlecht ausgeht.

Auftrag3 560 Lupi Spuma uAlle an eine Tafel in "Der Auftrag: Dantons Tod" © Lupi Spuma

Debuisson ist überraschenderweise als Hosenrolle angelegt: Julia Gräfner, die Energie in schierer Wucht einbringt und dabei mit brillanter Sprechkultur aufwartet, wird zum Nukleus dieser Aufführung, in einem Ensemble einprägsamer Typen. Florian Köhler ist der draufgängerische Galloudec – einer, der sich nur schwer einkriegen kann, wenn ihm etwas wider die Natur geht. Hintersinnig gibt sich Komi Mizrajim Togbonou als Sasportas, der die Schwachpunkte revolutionären Übereifers benennt. Der Engel der Verzweiflung (Evamaria Salcher) entledigt sich seiner überdimensionalen Flügel, wenn er auf der Auto-Rückbank den Revolutionär Debuisson an die Brust nimmt, der dort wie ein Säugling ruht.

Zurück zu alten Mustern

Aufs Effekthascherische versteht sich der Regisseur gut, überträgt solche Szenen dann auch noch in Großbildprojektion. Viel Popmusik, auch die trägt zum saftig-prallen revueartigen Gesamteindruck bei. Und dann also der fatale Brief aus der Heimat, das Aus für die Polit-Mission, die Rückverwandlung der Revolutionäre in die alten Menschen- und Schurken-Muster. Das ist die letzte Herausforderung zur Text- und Phrasenbändigung, und da darf Julia Gräfner nochmal mächtig aufdrehen. Debuisson, der Meister von vierhundert Sklaven: keine Frage, "die Welt wird was sie war, eine Heimat für Herren und Sklaven".

Der Auftrag: Dantons Tod
mit Texten aus Heiner Müllers "Der Auftrag" und Georg Büchners "Dantons Tod"
Regie: Jan-Christoph Gockel, Bühne: Julia Kurzweg, Kostüme: Sophie du Vinage, Puppenbau: Michael Pietsch, Musik: Komi Mizrajim Togbonou, Dramaturgie: Elisabeth Geyer.
Mit: Julia Gräfner, Florian Köhler, Raphael Muff, Michael Pietsch, Evamaria Salcher, Komi Mizrajim Togbonou.
Dauer: 3 Stunden, eine Pause

www.schauspielhaus-graz.com

 

Dieser Text wurde am 6. März um 09:39 aktualisiert.

 

Kritikenrundschau

In der Grazer Kleinen Zeitung schreibt Werner Krause (3.3.2017): Jan-Christoph Gockel als" Großmeister der Assoziationen und Allegorien" habe gemeinsam mit dem "genialen Puppenspieler" Michael Pietsch einen "neuen Autor" zur "imposanten Präsenz" verholfen: "Heiner Büchner ist sein Name". Die Inszenierung sei ein "raffiniertes und ausgeklügtes Spiel über geplatzte Illusionen und hohle Phrasen". Ein "anarchistischer Reigen", der alle Sinne bediene. Geprägt durch "grandiose Bühnenbilder, angereichert durch Filmsequenzen und Live-Musik", würden dank einer "großartigen Ensembleleistung" alle "Fäden und Register" gezogen, um das "wahre Antlitz der Welt" zu zeigen –" es ist eine Fratze". "Traumhaftes und albtraumhaftes Theater zugleich."

"Die Kopplung von Heiner Müller mit Georg Büchner liegt auf der Hand, die Idee ist im Auftrag vorgegeben. Das Theater hat über dieser sinnfälligen Verschmelzung längst gebrütet, u. a. 2001 am Akademietheater (Wien) mit einer achtstündigen '!Revolution!' von Andreas Kriegenburg", schreibt Margarete Affenzeller in Der Standard (6.3.2017). Mehr Fortüne als dieses Großprojekt damals habe nun das Schauspielhaus Graz gehabt. "Das mag auch daran liegen, dass eine in Bewegung geratene Gesellschaft gerade heute den verabschiedeten Utopien deutlich schmerzlicher hinterherwinkt als noch vor fünfzehn Jahren, zur Hochblüte des Konsensdenkens", so Affenzeller. Jan-Christoph Gockel forsche in seiner Inszenierung der 'Puppenhaftigkeit' unseres Tuns hinterher: "Er zeigt, es gibt immer eine weitere Hand, die die Fäden zieht, selbst den Marionettenspieler führt ein unsichtbarer Lenker." Davon gäben die Schauspieler "ein frappierendes Exempel ihrer Kunst zum Besten; sie bringen die doppelten Maskierungen ihrer Figuren zum Schimmern." Allen voran trumpfe "die grandiose Schauspielerin Julia Gräfner mit dem feisten Schritt eines glatzköpfigen Mafiosos als umsturzwilliger Debuisson auf".

"Selbst bei genauer Textkenntnis ist dieses Potpourri nur schwer zu durchschauen", schreibt Norbert Mayer in der Wiener Tageszeitung Die Presse (Abruf 7.3.2017). Bereits vor der Pause gibt es aus seiner Sicht lähmende Längen. "Nach der Pause ist der Kontrast zwischen packenden und langweiligen, zu ausführlich zelebrierten Szenen noch größer." Die Leistungen der Schauspieler seien allerdings beachtlich.

 

Jan-Christoph Gockel forscht in seiner Inszenierung der "Puppenhaftigkeit" unseres Tuns hinterher. Er zeigt, es gibt immer eine weitere Hand, die die Fäden zieht, selbst den Marionettenspieler führt ein unsichtbarer Lenker. Der Gedanke stammt aus Büchners Dantons Tod: "Puppen sind wir, von unbekannten Gewalten am Draht gezogen; nichts, nichts wir selbst!" Davon geben die Schauspieler ein frappierendes Exempel ihrer Kunst zum Besten; sie bringen die doppelten Maskierungen ihrer Figuren zum Schimmern: Allen voran trumpft die grandiose Schauspielerin Julia Gräfner mit dem feisten Schritt eines glatzköpfigen Mafiosos als umsturzwilliger Debuisson auf. - derstandard.at/2000053617725/Schauspielhaus-Graz-Die-Puppenhaftigkeit-unseres-Tuns

Jan-Christoph Gockel forscht in seiner Inszenierung der "Puppenhaftigkeit" unseres Tuns hinterher. Er zeigt, es gibt immer eine weitere Hand, die die Fäden zieht, selbst den Marionettenspieler führt ein unsichtbarer Lenker. Der Gedanke stammt aus Büchners Dantons Tod: "Puppen sind wir, von unbekannten Gewalten am Draht gezogen; nichts, nichts wir selbst!" Davon geben die Schauspieler ein frappierendes Exempel ihrer Kunst zum Besten; sie bringen die doppelten Maskierungen ihrer Figuren zum Schimmern: Allen voran trumpft die grandiose Schauspielerin Julia Gräfner mit dem feisten Schritt eines glatzköpfigen Mafiosos als umsturzwilliger Debuisson auf. - derstandard.at/2000053617725/Schauspielhaus-Graz-Die-Puppenhaftigkeit-unseres-Tuns

Jan-Christoph Gockel forscht in seiner Inszenierung der "Puppenhaftigkeit" unseres Tuns hinterher. Er zeigt, es gibt immer eine weitere Hand, die die Fäden zieht, selbst den Marionettenspieler führt ein unsichtbarer Lenker. Der Gedanke stammt aus Büchners Dantons Tod: "Puppen sind wir, von unbekannten Gewalten am Draht gezogen; nichts, nichts wir selbst!" Davon geben die Schauspieler ein frappierendes Exempel ihrer Kunst zum Besten; sie bringen die doppelten Maskierungen ihrer Figuren zum Schimmern: Allen voran trumpft die grandiose Schauspielerin Julia Gräfner mit dem feisten Schritt eines glatzköpfigen Mafiosos als umsturzwilliger Debuisson auf. - derstandard.at/2000053617725/Schauspielhaus-Graz-Die-Puppenhaftigkeit-unser

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