Ade Tabu!

von Elisabeth Maier

Konstanz, 5. März 2017. Sie reden über Sex und Liebesspiele. Erotische Fantasien sprudeln nur so aus ihnen heraus. Nach sechs Ehejahren ist das junge Paar leidenschaftlich wie am ersten Tag. Tabus gibt es keine. Der Mann lässt sich den eigenen Samen auf der Zunge zergehen, der "wie Putzmittel" schmeckt. Nervös zupft die Frau im weißen Hochzeitskleid Blätter einer roten Rose ab. Bis ihr das Lächeln auf den kirschrot geschminkten Lippen gefriert, als sie von der Hochzeitsreise ins verschlafene US-Küstendorf Montauk redet. Da sind die Musterkinder des amerikanischen Traums bei einer Unfallflucht zu Mördern geworden.

Unmenschlichkeit hinter heiler Fassade

"Nach der Hochzeit" ist einer von vier Einaktern Neil LaButes, die im Theater Konstanz zu sehen sind. Sie werden von vier verschiedenen Regisseuren inszeniert, ihre Abfolge ist lose mit dem Kinderlied "Snow White" verlinkt. Zwei der Texte sind erstmals zu sehen. "We Have A Situation Here" lautet die gemeinsame Überschrift; diese Zeile kennt man aus Katastrophenfilmen, wenn sich der Protagonist einer Herausforderung stellen muss. Die vier Inszenierungen sind im Sommer entstanden, als LaBute in Konstanz mit dem Ensemble Tschechows "Onkel Wanja" probte. Mit dem innovativen Stadttheater am Bodensee verbindet den Weltstar eine längere Zusammenarbeit. 2015 leitete er eine Werkstatt für junge europäische Dramatiker. Den Kontakt knüpfte der ehemalige Chefdramaturg Thomas Spieckermann, jetzt Intendant des Theaters am Kirchplatz in Liechtenstein.

We have a situation Nach der Hochzeit 560 Bjorn Jansen u"Nach der Hochzeit" © Bjørn Jansen

Übersetzerin Kerstin Daiber kitzelt in den vier Texten stets auch die leichte, humorvolle Seite LaButes heraus. Ingo Putz klopft den Text von "Nach der Hochzeit" mit den Schauspielern Laura Lippmann und Julian Härtner auf Tiefenschichten ab. Das tut er leise, behutsam. Gerade Putz liegt dieser Balanceakt in seiner Uraufführung. Das nächste Kurzdrama "Hassverbrechen" hat LaBute selbst in Szene gesetzt. Hinter der scheinbar heilen Fassade der USA spürt der in Detroit geborene Dramatiker, Film- und Theaterregisseur Unmenschlichkeit und sexuelle Unterdrückung auf. In einer Gesellschaft, die heute mehr denn je mit Prüderie protzt, eckt er damit an. Seine Dramen rütteln jene wach, die noch an Werte glauben. Packend wie in einem Krimi erzählt er die Geschichte eines schwulen Paars, das einen Mord plant. Georg Melich zeigt in Steven Draffehns kargem Hotelzimmer einen Schönling, der an die Lebensversicherung seines reichen Bräutigams will. Nach der Hochzeit soll sein heimlicher Geliebter den Alten töten. Ingo Biermann spinnt sich so brutal in die Gewaltfantasien seiner Figur ein, dass der Einakter in einer Katastrophe mündet. Die tabulose Theatersprache schockiert.

Vergewaltigungen to go

Das gilt auch für "Die Furien", in Andreas Bauers Lesart ein groteskes Beziehungsdrama. Barry will mit seinem Freund Schluss machen. Und das ist verdammt schwer. Grandios spielt der Regisseur mit LaButes pechschwarzem Humor. Der Schrecken schwingt immer mit. Jörg Dathe serviert seinen Lover ab, tischt ihm die unglaubliche Geschichte seiner tödlichen Krankheit auf. Ist alles Lüge, ein bösartiger Fake? Mit orangefarbenem Mango-Wackelpudding will er den Abschied versüßen. Doch da hat er die Rechnung ohne das transsexuelle Schwesterchen gemacht, das Peter Posniak auf Schritt und Tritt begleitet. Jonas Pätzold, von Ausstatterin Christine Bertl mit goldenen Stöckelschuhen und Frauenkleidern gestylt, läuft mit tiefer Männerstimme zu Höchstform auf, als er den Ex-Lover mit Morddrohungen bedrängt.

We have a situation Furien 560 Bjorn Jansen u"Furien" © Bjørn Jansen

Die politische Kraft von LaButes Theater kommt in "Liebesdienst GmbH" am stärksten zum Tragen. Johanna Wehner, Oberspielleiterin am Theater Konstanz, porträtiert in ihrer Inszenierung zwei Frauen, die in weißen Bademänteln darauf warten, aufgerufen zu werden. Es ist aber weder die Schönheits-OP noch ein Wellness-Event, das sie planen. Da werden Vergewaltigungen angeboten. Bettina Riebesel ist die ältere Kundin, die der Jungen das Wesen solcher Liebesdienste erklärt. In einem brillanten Monolog setzt sie das in Bezug zu Massenvergewaltigungen in und nach den Kriegen, verdreht Wirklichkeiten. Sylvana Schneider als naive Braut, die den Gutschein zum Junggesellinnenabschied bekam, kann ihren Worten kaum folgen. Vom belanglosen Gespräch denkt Wehner ihre spannungsgeladene Regie ins Politische weiter. In dieser Lesart kommt die Aktualität von LaButes Streiflichtern der amerikanischen Lügengesellschaft, deren Sprachrohr heute Präsident Trump ist, bitter zum Tragen.

We Have A Situation Here
Vier Kurzdramen von Neil LaBute
Übersetzung: Kerstin Daiber
Dramaturgie: Anna Langhoff
Szenische Einrichtung: Stefan Eberle

Nach der Hochzeit
Uraufführung
Regie: Ingo Putz, Ausstattung: Steven Draffehn.
Mit: Laura Lippmann, Julian Härtner.

Die Furien
Regie: Andreas Bauer, Ausstattung: Christine Bertl.
Mit: Jörg Dathe, Jonas Pätzold, Peter Posniak.

Hassverbrechen
Regie: Neil LaBute, Ausstattung: Steven Draffehn.
Mit: Ingo Biermann, Georg Melich.

Liebesdienst GmbH
Uraufführung
Regie: Johanna Wehner, Ausstattung: Elena Bulochnikova.
Mit: Bettina Riebesel, Sylvana Schneider

Dauer: 2 Stunden 20 Minuten, eine Pause

www.theaterkonstanz.de

 

Kritikenrundschau

"Viermal eine halbe Stunde, die jeweils mit ihrem eigenen Humor einen Verwirrungsmechanismus in Gang setzt" hat Maria Schorpp gesehen und bilanziert im Südkurier (7.3.2017): "Wie diese Menschen ihre Monstrosität mit der Normalität des Alltags versöhnen, ist schon sehr erstaunlich und – kurzweilig."

Einen "wirklich starken Konstanzer Abend der Entdeckungen – voll von finstren Farben, voll Horror und Witz" hat Michael Laages gesehen und schwärmt im Deutschlandradio Kultur "Fazit" (5.3.2017): "Derart eng fokussiertes Schreiben, komplex und kompakt, gibt's im deutschsprachigen Theater bis heute nicht." Der "scharf geschliffene Ton" beim Dramatiker La Bute sei "immer noch Überraschung pur". Johanna Wehner, Andreas Bauer und Ingo Putz fänden in Konstanz für die "scharfe und grelle Sprache" einfache szenische Lösungen und spitzten die "Exzesse im Plauderton" auf diese Weise noch zu, trieben "La Bute über La Bute hinaus".

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