Im Sog des Unverarbeiteten

von Nikolaus Merck und Dirk Pilz

Dresden, 31. Oktober 2009. Der Titel von Dirk Lauckes Stück ist bitterbös'. "Für alle reicht es nicht", das gab bereits Adolf Hitler einst als Losung aus. Und ließ all diejenigen, für die er nichts übrig hatte, ermorden.

In einem verlassenen LKW, den die Zigarettenschmuggler Jo und Anna irgendwo an der tschechisch-sächsischen Grenze finden, versteckt sich eine Gruppe von Chinesen oder Vietnamesen. "Fidschis" halt, die von zu Hause, wo es zu nicht mehr reichte als der blanken Existenz, ins Ungewisse aufbrachen. Sie haben keine Namen, kein Gesicht.

Als erst das System und dann die Arbeit flöten ging

In der Dresdner Inszenierung von Sandra Strunz können sie nur ein wenig musikalisch rumoren. Sollen sie sich nicht beschweren, findet Anna, schließlich wollten sie doch selbst in diesen Laster steigen. Und überhaupt, wieso sollen die etwas kriegen, was ich auch nie bekommen hat. Pech für die Fidschis, dass erst die Systeme flöten gingen und dann die Arbeit, und ihr Oberpech, dass sie nun ausgerechnet dem abgebrochenen Angestellten Jo (Thomas Eisen) und der kessen Ausländerhasserin Anna (Cathleen Baumann) in die Hände gefallen sind.

Für die nämlich reicht es auch nicht, nicht einmal zu einer Entscheidung, was sie mit den Fidschis anfangen sollen. Verkaufen, frei lassen, ihnen etwas zu essen in den Laster schmeißen? Nur der ehemalige NVA-Panzerkommandant Heiner (Torsten Ranft), auf dessen Panzerbahn Jo und Anna den Lastwagen abgestellt haben, weiß, dass er die Fidschis schnellst möglich los werden will. Schließlich "muss er seinen Traum zusammenhalten", den Traum von kleinen Familien-Kutschfahrten mit seinem alten T 55-Panzer. Der Panzer heißt Martina, wie Heiners Frau, die damals vor zwei Ewigkeiten mit Tochter Manuela aus der DDR in den Westen rübermachte.

Blick zurück nach vorn

Zwanzig Jahre danach gehen die Blicke zurück. Deutschland feiert die friedliche Revolution, und das deutsche Goethe-Institut veranstaltet ein internationales Theaterfestival: After The Fall. Der Name ist Programm. Nicht auf die deutsch-deutsche Geschichte soll hier geschaut werden, sondern auf die Auswirkungen des Mauerfalls in Europa. Nicht die damaligen Geschehnisse sollen deshalb behandelt werden, sondern das Leben, Denken und Fühlen heute. 17 Dramatiker in 15 europäischen Ländern wurden beauftragt, jeweils ein Stück zu schreiben. In ihren Heimatländern wurden bzw. werden sie stets uraufgeführt, und sieben von diesen Stücken jetzt, am Ende des Projektes, am Staatsschauspiel Dresden und in Mülheim an der Ruhr gezeigt. Dresden macht den Anfang mit dem deutschen Beitrag, Dirk Lauckes "Für alle reicht es nicht" und "Antidot (Gegenmittel)" von Nicoleta Esinencu aus der Republik Moldau.

Esinencu zeigt uns keine Subjekte, keine Handlung und keine Geschichte aus sicherer Distanz. Das kurze Stück ist ein Monolog über Geschichte, die als Alptraum erfahren wird. Er handelt von verschiedenen Gasen und Gasmasken, von Gasvergiftungen und Massenvergasungen. Wir erfahren von einem zehnjährigen Kind in der Sowjetunion, das seine Gasmaske in 0,01 Sekunden aufsetzen kann, von den Gasflaschen, die in der moldawischen Hauptstadt Chişinău (wo Esinencu 1978 geboren wurde) bei der privaten Branntwein-Herstellung verwendet werden, von der Wirksamkeit des Zyklon B in den Gaskammern von Auschwitz, von der geplanten Nabucco-Pipeline, die Erdgas aus der Türkei nach Deutschland liefern soll.

Kontinuität des Schreckens

Die einzelnen Erzählstationen sind nicht fein chronologisch geordnet, treten aber als Bausteine einer einzigen Gas-Geschichte auf, die nach dem Ende des Kalten Krieges in anderen Koordinaten weiter geschrieben wurde. Von Moldawien, der einst wohlhabenden Sowjet-Republik, aus gesehen, ergibt die postkommunistische Perspektive offenbar keinen Sinn, weil es den historischen Umbruch nicht gegeben hat. Aus Moldawien ist inzwischen ein armes, im Konflikt mit dem abtrünnigen Transnistrien aufgeriebenes, quasi-diktatorisch geführtes Land geworden. Augenscheinlich eine Kontinuität des Schreckens, die lauter kaputte Biografien produziert.

Auch Jo und Anna in Dirk Lauckes "Für alle reicht es nicht" tragen schwer an ihrem beschädigten Leben. Zwar spielen sie noch das alte Ossi-Wessi-Spiel, aber Jo kann nichts Gegrilltes mehr sehen, seit ein Kumpan im Waisenhaus eine lebendige Ratte briet. Und seit Anna vor zwanzig Jahren, beim Versuch auf den Zug mit den Flüchtlingen aus Prag aufzuspringen, zwischen Trittbrett und Bahnsteig geriet, ist sie an Bein und Mitgefühl gelähmt. Gut, dass es die Fidschis im Laster gibt, denn nach unten treten die, die selber unten sind, am liebsten.

Für Lauckes Loser sind nicht die Verhältnisse, nicht der Westen oder die Mächtigen schuld am Elend. Nach zwanzig und mehr Lehrjahren im Neoliberalismus kommen sie gar nicht mehr auf solche Gedanken. Solidarität oder wenigstens Nächstenliebe können sie sich nicht einmal mehr vorstellen.

Lauckes Stück zur Stunde

Vor ihren Nasen baumelt nur eine Wurst. Und die heißt Erfolg. Wer das nicht glauben will, wie Manuela, Heiners Tochter (Melanie Lüninghöner) aus dem Westen, der wird in den Laster gesperrt, zu den Fidschis, bis sie ruft: Ich bin nicht wie die. Der Liberalismus mordet nicht, er lässt diejenigen, für die es nicht reicht, einfach fallen. So gesehen hat Dirk Laucke das Stück zur Stunde geschrieben, in der sich der Phönix Neoliberalimus aus der Asche der Krise erhebt.

Und Regisseurin Sandra Strunz hat das getan, was wackere deutsche Theatermenschen angesichts solcher auswegloser Milieustudien völlig zu Recht tun. Sie hat versucht, Lauckes buntes, verzweifeltes Leben stilistisch zu brechen, hat eine steil ragende Schräge aufbauen lassen, Jo und Anna hoch oben in Schaukeln gesetzt und Heiner, dessen Erdbeerfeld zur Panzerbahn ward, zu Beginn in ein Wolfs- und am Ende in ein Erdbeerkostüm gesteckt. Um jede Gefahr konventionellen Theatertrottes zu vermeiden, ließ sie eigens Sand am Fuß der Schräge aufschütten. Allein der realistische Sog des Stückes saugt so gewaltig an ihren Spielern, dass alle Anstalten zur Verfremdung nicht recht verfangen wollen.

Esinencus dunkle Nachricht aus einem fremden Europa

Bei "Antidot (Gegenmittel)" dagegen ergeben lauter Schreck-Bilder ein Unheil-Puzzle. Ein einheitliches, geordnetes Historiengemälde hat Esinencu daraus allerdings nicht entstehen lassen. Dafür bräuchte es jene Distanz zu Geschichte und Gegenwart, die diesem Monolog unmöglich ist – alles wirkt hier wie der Stoff einer unmittelbaren, direkten Erfahrung, wie der Ausdruck einer Schreckenswirklichkeit, die man als deutscher Zuschauer einigermaßen hilf- und ratlos zur Kenntnis nimmt.

Zwar ist die Monologform ein Kunstmittel, in ihrem Inneren aber kocht eine unverarbeitete, schmerzvolle Realität. Die von Esinencu selbst inszenierte und jetzt nach Dresden geladene Uraufführung braucht daher nur wenige Mittel, um die Energie des Textes freizulegen. Vor einer Leinwand stehen vier Schauspieler. Sie blasen Luftballons auf, sprechen den Text in Mikros, sprayen Jahreszahlen auf die Wand. Eine Kamera filmt abwechseln das Publikum und die Schauspieler, auf Gesten und Requisite wird größtenteils verzichtet.

In Moldawien, so war zu erfahren, wurde diese Inszenierung sowohl inhaltlich als auch ästhetisch für irrelevant erklärt; in Dresden konnte man sie nur als das nehmen, was sie für den deutschen Besucher vor allem ist: als dunkle Nachricht aus einem fernen, fremden Europa.

 

Für alle reicht es nicht (UA)
von Dirk Laucke
Regie: Sandra Strunz, Bühne: Katrin Hoffmann, Kostüme: Daniela Selig, Musik: Friedrich Paravicini, Dramaturgie: Robert Koall.
Mit: Cathleen Baumann, Thomas Eisen, Melanie Lüninghöner, Torsten Ranft.

Antidot (Gegenmittel) (UA)
von Nicoleta Esinencu
Regie: Nicoleta Esinencu.
Mit: Rodica Oanta, Valeriu Pahomi, Veaceslav Sambris, Doriana Talmazan.

www.goethe.de
www.staatsschauspiel-dresden.de
www.muelheim-ruhr.de

 

Mehr zu Nicoleta Esinencu und Dirk Laucke auf nachtkritik-spieltriebe3.de und im Nachtkritik-Archiv. Darunter auch ein Überblick über das Gesamtkonzept des Festivals von Petra Kohse. Außerdem gibt es auf der After-the-Fall-Seite des Goethe-Instituts eine Video-Reportage über Nicoleta Esinencu und die Lage in Moldawien, sowie einen Trailer zu ihrem Stück. Auf der Internetseite des Staatsschauspiels Dresden beschreibt Dirk Laucke, wie die Idee zu seinem neuen Stück entstand: Letzter Zug. Sturzgeburt der Tragödie ausm Geiste der Provinz.

 

Kritikenrundschau

Sandra Strunz hat am Staatsschauspiel Dresden Bilder gefunden, die sich nicht automatisch aus dem Text ergeben, so Stefan Keim in der Frankfurter Rundschau (6.11.2009). "Sie öffnet den Träumen großen Raum mit Lichtwechseln und surrealen Stimmungen." Mit dem Cellisten Friedrich Paravicini habe sie einen Partner auf der Bühne, der unglaubliche Klangvielfalt aus seinem Instrument heraushole. "Gespenstisch wirken auch die Asiaten in der Inszenierung von Strunz. Dass hier Verzweifelte unter grausamen Bedingungen krepieren, spiegelt sich in den Gewissensbissen der Leute draußen."

Wie sachlich-technisch die Autorin Esinencu in ihrem Stück "Antidot" vom häuslichen Herd auf das Zyklon B in den Gaskammern von Auschwitz zu sprechen komme, "ist von einer Bitterkeit, die einen schmerzvollen Nachgeschmack hinterlässt", schreibt Christine Dössel im Feuilletonaufmacher der Süddeutschen Zeitung (3.11.2009). "Weil das Theater, wie es nun mal seine Art ist, eher in den Wunden bohrt als Jubelchöre anzustimmen", setze das Festival "After the Fall" eher einen nüchternen Kontrapunkt zu den Feierlichkeiten dieser Tage. Auch Dirk Lauckes Bestandsaufnahme des gesellschaftlichen Wandels im Post-Wende-Deutschland fällt bitter aus, "allerdings auch sehr viel komischer, da der junge Dramatiker einen unerschütterlich direkten, schnoddrigen und herrlich saftigen Humor hat." Sandra Strunz habe die Uraufführung mit spielerischen Verfremdungs- und Westernelementen, mit ironischen Brüchen und einem furiosen Cellisten namens Friedrich Paravicini auf einer Bühnenschräge inszeniert. "Der untere Teil ist mit Sand aufgefüllt: Spielwiese für Heiner, den einstigen NVA-Panzerkommandanten, einer der rührendsten Antihelden seit langem." Seinen Traum eines Panzer-Fahrparks, ein richtiges Touri-Geschäft, will er sich nicht vermasseln lassen. Fazit: "Die Familiengeschichte, die dann mit dem Besuch seiner ihm unbekannten Tochter Ela und deren Töchterchen Chayenne hereinbricht, ist zwar ein bisschen zäh und umständlich. Aber wie hier auf einem kleinen Fleckchen Erde ein Stück Traumland - und damit auch: Deutschland - behauptet wird, ist doch recht ertragreich."

Dirk Laucke habe bereits mit seinem Stück "alter ford escort dunkelblau" bewiesen, "dass er wie kaum ein zweiter Figuren aus dem Niemandsland des Nachwende-Losertums ein sympathisches Gesicht geben kann", schreibt Matthias Heine in der Welt (2.11.2009). Und auch Heiner aus dem neuen, beim Festival "After the Fall" in Dresden uraufgeführten Stück "Für alle reicht es nicht" erinnere "an den Schorse aus 'alter ford escort dunkelblau', der auch vergeblich versuchte, die Liebe seines Kindes zu gewinnen. Was für Heiner sein Panzer ist, war für Schorse AC/DC: ein Kult, der ihrem Leben einen rettenden Scheinsinn gibt. Auf dem Highway to Hell fahren sie trotzdem beide." Heiner werde von Torsten Ranft "als berührender und brutaler Kindskopf" gespielt, die Inszenierung von Sandra Strunz hingegen bleibe ein "bisschen kunstgewerblich".

Von einem "Ausnahmetalent" spricht Michael Bartsch in den Dresdner Neuesten Nachrichten (2.11.2009) mit Bezug auf Dirk Laucke und nennt den Auftakt des "After the Fall"-Festivals "ebenso faszinierend wie polarisierend". In "Für alle reicht es nicht" würden "entlang des scheinbaren Monothemas der Unsicherheit und der Ressentiments beim Umgang mit Ausländern zahlreiche Facetten des Nachwendealltags platziert." Laucke konfrontiere "uns mit einer Art Vivisektion am täglich sich selbst hoch leben lassenden Gesellschaftsorganismus." Dabei zeige er "nicht nur eine genaue Beobachtungsgabe, sondern auch eine erstaunliche Reife. Er schnitzt nie grobes Holz, sondern macht seine Figuren als ambivalente Typen verstehbar." Die Mischung von "Hiobsbotschaften aus aller Welt mit einem schockierenden Zivilverteidigungslehrgang" hingegen, den der moldawische Festival-Prolog "Antidot" von Nicoleta Esinencu aufbot, hinterließ Bartsch "weniger betroffen": "Theater war das kaum, eher eine stehende Theaterperformance".

Gabriele Gorgas hält in der Sächsischen Zeitung (2.11.2009) dagegen, dass Nicoleta Esinencu, die "Antidot" auch selbst in Szene setzte, "Theater bewusst auf Existenzielles" reduziere: "Die Bilder dazu entstehen vor allem im Kopf – Zahlen, Ereignisse, Beschreibungen verschieben, überlagern sich, provozieren zum Nachdenken, auch über einseitige Positionen, forcieren das Nachlesen und kontroverse Diskussionen." Dirk Laucke wiederum habe in seiner "abenteuerlichen Ost-West-Mixtur" "Für alle reicht es nicht" mit Geschick und Sprachgespür "diverse alte und neue Nachrichten (...) so kräftig aufgefüllt, dass nichts und niemand mehr fehlt. Für die Regie von Sandra Strunz wird dieser Text, der Personen in extremer Ausnahmesituation mit bleischwerem Vergangenheits-Ballast fixiert, eine Gratwanderung, die sie zunächst (...) gut bewältigt." Doch irgendwann werde "einfach alles zuviel, die 'Leichen im Keller' und die halbtoten Flüchtlinge irgendwo aus Südostasien im verlassenen Laster, eine nicht konsequent gehandhabte Überzeichnung, das mitfühlende Cello" usw.

In der Mitteldeutschen Zeitung aus Halle (1.11.2009) schreibt Andreas Montag, der Lauckes Hallenser "Ultras"-Produktion als unfreiwillig rechtsradikal betrachtet hatte: "Antidot", als "modernes Agitationstheater" auf die Bühne gebracht, verhandele die Traumata aus der Zeit der Ceausecu-Diktatur und die andauernden Verletzungen der Würde. "Was sich im Blick eines Mitteleuropäers eher konventionell und beinahe rührend ausnimmt, wird vor Ort, aber auch in anderen Ländern des Balkans, hochemotional wirken, weil es der sozialen und politischen Wirklichkeit gewendeter Zeiten schmerzhaft nahe treten dürfte." Die Uraufführung von Lauckes "Für alle reicht es nicht" habe, ungeachtet einer "feinen Inszenierung, guter Darstellerleistungen und gelungener musikalischer Begleitung", nur "wenig überzeugt". Das Stück sei "routiniert, nicht originell - und nicht einmal besonders eigenständig". In "Lichter", dem Spielfilm von Hans-Christian Schmid, sei dieselbe Geschichte um ein "ost-westdeutsches Verliererpärchen" vor Jahren schon packender erzählt worden.

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