Verschluderte Sinnsuche

von Verena Großkreutz

Stuttgart, 11. März 2010. Ohne Frage ist Carole Kings "So far away" eine feine Popballade. Sie handelt von unstillbarer Sehnsucht und Einsamkeit. Das Leben ist schließlich kein Hollywood-Film, in dem der geliebte Mensch immer zur richtigen Zeit vor der Türe steht und seine Arme öffnet - ohne viele Worte. Im wahren Leben muss man dafür ackern. Ja, "So far away" ist ein guter Song. Doch reicht er aus, um einen Theaterabend von knapp einer Stunde am Laufen zu halten?

In der Uraufführung von "Wir werden sehen" nach Texten von Juliane Kann - dem letzten Teil der Trilogie "Stäffele to heaven" des Staatstheaters Stuttgart, in der sich drei junge Regisseure und Regisseurinnen Gedanken machten über die Liebe in Stuttgart - wird "So far away" gut zehnmal in dröhnender Lautstärke angespielt, während sich auf der Bühne des Kammertheaters so gut wie nichts tut. Zusammengerechnet sind das mindestens zehn von 60 Minuten Theaterzeit, die mit einem musikalischen Schmachtfetzen zugekleistert werden. Daran lässt sich ermessen, wie groß die Seifenblase ist, die Regisseur Frank Abt zum Thema Liebe eingefallen ist.

Bühnenbild als Banderole

Die "szenische Collage", die Frank Abt und Dramaturgin Marianne Strauhs aus Bausteinen des neuen Stücks von Juliane Kann und anderen Texten gemixt haben, ergibt nicht mehr als ein Sammelsurium wortarmer, recht banaler Dialoge und Monologe aus dem thematischen Riesenfundus "von der Wiege bis zur Bahre".

Zusammengehalten wird der Abend vor allem durch das Bühnenbild von Hannes Hartmann, das allen drei Stäffele-Inszenierungen zugrundeliegt: Ein hohes Metallgerüst, dessen drei Ebenen durch Treppen miteinander verbunden sind.

In "Wir werden sehen" sitzt Katharina als eine Art Powerfrau-Erzählerin (Anna Windmüller) im Untergeschoss des Bühnenaufbaus inmitten von Kinderspielzeug und liest aus Büchern, schreibt Briefe, rastet gelegentlich aus. Sie ruft den beiden anderen Protagonisten (Sarah Sophia Meyer und Markus Weickert), die die oberen Stockwerke bespielen, Stichwörter zu. Die schlüpfen mehr oder minder überzeugend in verschiedene Rollen. Spielen Teenager und die erste Liebe oder den Annäherungsversuch zwischen einer jungen Frau und einem alten Mann. Letzterer verschickt auch wahllos Postkarten, um andere einsame Menschen glücklich zu machen.

Vom Scheitern blubbern

Dann will sich einer umbringen. Ein Sohn kommt nach Hause, um mit seiner Mutter über seine verkorkste Kindheit zu sprechen. Eine andere Mutter faltet apathisch Wäsche, während ihr Mann vom Ende ihrer Beziehung blubbert. Kurz: "Wir werden sehen" vereint zusammengewürfelte Lebenssituationen, die vom Scheitern der Kommunikation und damit freilich auch der Liebe künden. Der Inszenierung fehlt eine straffe Dramaturgie, und sie sackt bald ab auf das Niveau eines bunten Abends.

Eine gewisse Sinnsuche des Regisseurs gibt sich nur in den unterschiedlichen Texten über Formen der Liebe zu erkennen, die zwischen den Szenen gelesen werden. Die handeln von der verlorenen, der unmöglichen, der unerfüllten oder ewigen Liebe. Aber weil eine gute Schauspielerin noch lange keine gute Vorleserin ist, rezitiert Anna Windmüller die komplexen Gedanken recht eintönig, weswegen sie vorbeirauschen wie alles andere. Und Widerhall in den Szenen finden sie ohnehin nicht.

"Wenn zwei zusammenkommen, muss was passieren", heißt es im Stück. Schön wär's, wenn sich der Regisseur dies zu Herzen nehmen würde: in Hinsicht auf das Ergebnis seiner Arbeit und sein Publikum.

 

Stäffele to heaven III: Wir werden sehen
Eine szenische Collage nach Texten von Juliane Kann
Regie: Frank Abt, Raum: Hannes Hartmann, Kostüme: Anne Ehrlich, Dramaturgie: Marianne Strauhs.
Mit: Anna Windmüller, Sarah Sophia Meyer, Markus Weickert.

www.staatstheater-stuttgart.de

 

Die Dramatikerin Juliane Kann gilt als besonders vielversprechende unter den jüngeren Autorinnen, wir haben the kids are allright, Piaf und Birds (Uraufführung im Oktober 2009 in Osnabrück) von ihr besprochen. Stäffele to heaven I lief übrigens im Januar in Stuttgart.


Kritikenrundschau

Zum Abschlusses der Trilogie "Stäffele to Heaven" resümiert Martin Halter in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (13.03.2010) ernüchtert: "'Dürfen die das?', der erste Abend, war immerhin noch ein streckenweise komischer Reigen mit Interviews und soziologisch-statistischen Materialien über die sexuell prekäre Lage Stuttgarter Singles. Im zweiten Teil verkürzte Johanna Wehner Anna Katharina Hahns schönen Stuttgart-Roman 'Kürzere Tage' dann zu einem schrillen Treppenwitz." Juliane Kanns "Wir werden sehen", der "Schlussstein der Trilogie" aber sei "nun vollends ein Stäffele to Hell." Die "ostdeutsche Autorin Juliane Kann" habe ein "Gebrauchsstück ohne Idee, dramatisches Zentrum und dichterischen Überschuss" verfasst, eine "eine Collage banaler Momente und Phrasen ('Du bist die Sahnehaube auf meiner Lebenstorte'), die weder einen lokalen Bezug haben noch romantisch berühren." Regisseur Frank Abt habe zwar die "Vorlage heftig umgepflügt und damit die Autorin vergrault". "Aber auch die Auflösung der fünf Figuren und der chronologischen Erzählordnung in streng choreographierte Standardsituationen und die Aufpolsterung mit Knef-Chansons und Zitaten aus der sexualwissenschaftlichen Literatur hebt den Abend nicht über liebloses Befindlichkeitstheater hinaus."

In der Süddeutschen Zeitung (19.3.2010) denkt Jürgen Berger über die Probleme viel gefragter Jungautorinnen nach, die zwar Angebote aber keine Themen haben. Juliane Kann thematisiere "das Einzelkämpfer-Dasein in einer im Individualismus isolierten Welt", schreibt Berger. Kanns Figuren stünden "eher abseits in der Welt" und täten "meistens alles erdenkliche, um aus einem einsamen Leben nur ja kein weniger einsames zu machen". Nicht nur Kanns Protagonisten seien "auf der Suche", sondern auch die junge Autorin selbst, weswegen in ihren Stücken häufig von Jungens mit Vorliebe für Fruchteis die Rede sei. Im Fall der beiden "aktuellen Kann-Premieren" (nach der Stuttgarter gab es auch noch eine Frankfurter Aufführung eines zweiten Stückes von Juliane Kann) " wäre wohl zusätzlich einige szenische Fantasie von Nöten gewesen".  Dass Regisseur Frank Abt "das Stück mit seiner Inszenierung allerdings so liebevoll umarmte" - und dem "eh schon dünnen Text" damit noch mehr die Luft abgedrückt habe, sei "wohl eher unglücklich". Die Inszenierung taste "im Ungefähren", reduziere fünf Figuren auf drei und lasse eine Erzählerin "putzig mit Kinderspielzeug hantieren und gelegentlich essayistische Texte von Sven Hillenkamp lesen." Weshalb "Stäffele to Heaven III" dann auch "nach Texten von Juliane Kann" betitelt wurde und die Autorin nicht einmal zur Premiere anreiste. Wollte man die beiden andren Schauspieler auf der Bühne nicht vergessen, musste "man sie regelrecht suchen".



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