Theater des Lebens, Theater des Todes

zusammengestellt, übersetzt und eingeleitet von Wojtek Klemm

Warschau, April 2010. Nicht nur die Intellektuellen kritisieren die von der katholischen Kirche gelenkte und politisch ausgemünzte Staatstrauer in Polen nach dem Flugzeugunglück von Smolensk, bei dem der Präsident der Republik, seine Frau, die Spitze des Militärs und zahlreiche andere Würdenträger des Nachbarlandes starben. Auch unter Künstlern gibt es teilweise heftigen Widerspruch.

Auf den Seiten der Zeitschrift Krytyka Polityczna (einem linken Think Tank junger Intellektueller, der polenweit starke Beachtung findet) und auf dem Internetportal e-teatr (dem meistgelesenen Medium unter polnischen Theaterleuten) ist in den letzten Tagen eine Diskussion zum Thema Theater und Trauer entbrannt. Entzündet hatte sie sich an der Absage des Warschauer Theatertreffens. Nur einen Tag vor dem geplanten Beginn hatte der künstlerische Leiter ein dreiwöchiges Programm mit etlichen Vorstellungen abgesagt. Auch alle anderen polnischen Theater und die Orchester haben wegen der Staatstrauer für eine Woche ihre Vorstellungen abgesagt. Museen und Galerien bleiben geschlossen.

Gedenken und Ökonomie

Ausgelöst wurde diese Diskussion durch einen Beitrag des Dramaturgen und Feuilletonisten Igor Stokfiszewski. Er argumentiert in dem Text "Theater des Lebens, Theater des Todes" auf zwei Ebenen. Einerseits fragt er: "Verdienen es Theaterkünstler vielleicht nicht, dass ihr Bemühen, ihre Arbeit und Vorstellungskraft das nationale Nach- und Gedenken begleiten? Sind sich die Verantwortlichen bewusst, wie sehr sie durch die Absage die Bedeutung des Theaters schmälern? Eines Theaters, das sich zahlreiche Verdienste erwarb bei der Aufarbeitung individueller und kollektiver Traumata, die es oft genug mit dem Tod bezahlte."

Andererseits erörtert Stokfiszewski die ökonomischen Folgen für die Schauspieler. Ein polnischer Schauspieler verdient nur eine geringe Grundgage. Seinen Lebensunterhalt bestreitet er aus den Vorstellungsgagen. Ein kleines Theater wie das in Walbrzych, das eine Aufführung in Warschau präsentieren sollte, hat alle Vorstellungen zuhause abgesagt, weil es nicht genug Personal hat, um an zwei Spielorten gleichzeitig aufzutreten. Das komplette Ensemble ging auf das Gastspiel nach Warschau. Durch die Absage verbleiben die Menschen mittellos.

Einkaufspassagen offen, Theater geschlossen

Pawel Moscicki, ein junger Philosoph und Dramaturg, betrachtet die öffentlich inszenierte Trauer skeptisch. In seinem Text "Die Nationale Melancholie" schreibt er: "Es ist nicht wahr, dass in dieser besonderen Zeit alle den Atem anhalten und ihre normale Tätigkeit unterbrechen. Zwei Felder bleiben von der verordneten Staatstrauer unberührt: die Kirche und die Nachrichtensendungen des Fernsehens. Ein Vortrag in einer Galerie, eine Theatervorstellung oder ein klassisches Musikkonzert sind dagegen offensichtlich eine Beleidigung für das Gedenken der Toten."

Provokant fordert er, alle Institutionen zu schließen und es den Bürgern selbst zu überlassen, wie und wo sie trauern wollten. Nur so könne man erwarten, "dass die Trauer zu einer heilsamen Wiedergeburt führt."

Michal Zadara, einer der spannendsten und angesagtesten jungen Theaterregisseure ruft in seinem Text "Macht die Theater auf, schließt die Einkaufspassagen" auf folgendes Paradox aufmerksam: "Theater geschlossen für eine Woche. Staatliche Galerien geschlossen für eine Woche. Philharmonie geschlossen für eine Woche. Einkaufszentren offen. Die Kneipen offen. Das Kino offen. Die Kirchen offen. Das Fernsehen sendet. Während der Staatstrauer ist es nicht erlaubt, Theater zu spielen, Kunst anzuschauen oder Musik anzuhören. Dafür darf der Bürger einkaufen, saufen, Kinofilme schauen und in die Kirche gehen oder fernsehen."

Ähnlich wie Mocicki schlägt auch Zadara vor, die Einkaufszentren zu schließen, das Fernsehen abzuschalten, und "dafür die Theater und Philharmonien aufzumachen, damit sie den ganzen Tag spielen. Das wäre doch eine schönere Art der Katastrophenopfer zu gedenken, als die Kultur für eine Woche auszuschalten."

Raum weltlicher Rituale

Bartosz Frackowiak, ebenfalls ein Dramaturg und Regisseur, schreibt in seinem Beitrag "Aktive Theatertrauer": "In den Kirchen wird im Gebet intensiv der Verstorbenen gedacht, die Straßen sind überflutet mit den Tönen und Worten der Trauerlieder, die sich aus den offenen Kirchentüren ergießen. Das Theater aber als der Raum für die weltlichen Rituale scheint unnütz, seine Türen sollen wie auch die Türen aller Unterhaltungstempel, der Freude und des Angenehmen bis auf Widerruf geschlossen bleiben. Symbolische Formen, Gedanken, Situationen, Zeichen, die das Theater anzubieten hätte, scheinen dem Ernst des Augenblicks nicht zu entsprechen."

Dabei sei es endlich an der Zeit sei, "die bis zum Abwinken wiederholte These über die Relation zwischen den gesellschaftlichen und den ästhetischen Ereignissen" ernstzunehmen. "Dieses besondere, tragische Moment der polnischen Geschichte hätte in einer kollektiven Weisheit fruchten müssen, wenn wir es uns nur erlaubt hätten, die Trauer aus einem passiven Zustand in ein aktives sozial-ästhetisches Erleben, also ihre eigentliche Aufarbeitungsform, zu überführen. Jetzt ist – jetzt wäre – die beste Zeit zu lernen".

Wojtek Klemm, ein Regisseur, schreibt in seinem Beitrag "Theater muss stattfinden" über die vertane Chance für das Theater, am Leben der Gesellschaft teilzunehmen. "Denn die Bühne hat eine reinigende Wirkung. Doch sie verlangt danach, gefüllt zu werden. Lässt man sie leer, so wie es die Macher des Warschauer Theatertreffens getan haben, so wie viele Theaterdirektoren im ganzen Land es tun, so tötet man die Bühne in ihrer wichtigsten Funktion. So manövrieren sich Theaterleute selber ins gesellschaftliche Abseits."

Die Stille nach der Frage

Krzysztof Zarzecki, ein Schauspieler, der in drei nach Warschau eingeladenen Produktionen mitwirkt, verweist auf die Stille, die sich einstellt, wenn klare Antworten wie die nach dem Sinn der Katastrophe fehlen. Im Theater dauere diese Stille besonders lange an. "Ich verstehe nicht, warum uns die Erfahrung dieser Stille weggenommen wurde. Warum wir uns in diesem besonderen Moment, in dem das Gefühl der Gemeinschaft besonders benötigt wird, nicht im Theater treffen können?"

Wojtek Zralek, ein Dramaturg, untersucht in seinem Text "O-bi, O-ba" (eine Anlehnung an den Titel des Films von Piotr Szulkin aus den 80er Jahren, einer utopischen Komödie, die damalige Verhältnisse scharf kritisierte) die absurden Formen, die die Trauer mittlerweile annehme. Insbesondere die aufkommenden Verschwörungstheorien und nationale Ideologien stempelt er als gefährlich ab. Zum Theater bemerkt Zralek: "Kulturminister Zdrojewski scheint der Kultur ihre therapeutischen, kathartischen Eigenschaften abzusprechen, die mit gemeinsamem Erleben verbunden sind und in denen Emotionen abgebaut werden. Kultur hört auf etwas zu sein, was ich mit anderen erleben kann. Eine paradoxe Situation: während er dazu aufruft, eine Gemeinschaft zu bilden, beschränkt Zdrojewski gleichzeitig das, was zum Kernbestand dieser Gemeinschaft werden könnte".

Die Absage sollte weh tun

Zu diesen kritischen Stimmen gibt es bis heute zwei Gegenstimmen. Die Schauspielerin Joanna Szczepkowska, Vorsitzende der reaktionären, aber einflussreichen "Polnischen Vereinigung der Bühnenkünstler ZASP", eine für skandalöse Auftritte bekannte Figur des polnischen Theaterlebens, rief dazu auf, die Theater zu öffnen, damit die Menschen einen Ort zum gemeinsamen Gedenken finden. Auf den leeren Bühnen könne man doch Gedichte rezitieren oder auch Bilder der Verstorbenen projizieren. Damit würden die Theater eine Rolle bei der Trauer spielen können.

Maciej Nowak, Chef des polnischen Theaterinstituts, zugleich Künstlerischer Leiter des Warschauer Theatertreffens, antwortete auf die Polemik folgendermaßen: "Das Theatertreffen hat nicht stattfinden dürfen. (…) Ich lese in verschieden Foren die Klagen der Menschen, die all diese Vorstellungen nicht sehen werden. Aber es soll weh tun. Wir sind in einer Situation, in der alles schmerzt.

Eine außerordentliche Situation ist eingetreten und ich, als Direktor einer Regierungsinstitution, bin überzeugt, dass ich das Festival nicht an dem Tag eröffnen darf, an dem die Leiche des Präsidenten in die Hauptstadt zurückgebracht wird. (…)

Das Jahr 2010 wird das Jahr bleiben, in dem das Warschauer Theatertreffen nicht stattgefunden hat. Die Absage ist auch eine wichtige Botschaft des Theaters. In Wirklichkeit findet dieses Festival ja auf den gedruckten Plakaten statt und in den reservierten Hotelzimmern, in die niemand einziehen wird. (…)

Ich möchte nicht, dass man mich als sentimental missversteht, aber wir befinden uns in einem historischen Moment, der unseren Staat in den Grundfesten erschüttert, ein Moment, in dem wir alle eine Gewissensprüfung durchmachen. (…) Ich möchte nicht, dass es nach Jahren so sein wird wie mit dem Ausnahmezustand – viele erinnern sich bloß daran, dass die morgendliche Kindersendung ausfiel.

Die letzten Jahre haben zu einer Inflation des Begriffs Staatstrauer geführt. Man hat sie zu oft ausgerufen. Ich habe den Eindruck, dass (…) heute, da etwas wirklich Präzedenzloses geschieht, diese Trauer, wie wir sie bisher verstanden haben – einfach Veranstaltungen abzusagen –, nicht ausreicht. Ich habe das Gefühl, dass wir dem, was jetzt auf den polnischen Straßen passiert, nicht mit den Erfahrungen letzter Jahre begegnen können. In Polen herrscht keine elegische Stimmung, wie nach dem Tod des Papstes. Es gibt eine Wut, die Menschen rechnen miteinander ab, sie haben Vorwürfe. Etwas kocht unheimlich hoch."


Wojtek Klemm studierte Regie an der Berliner Ernst-Busch-Hochschule für Schauspielkunst und arbeitete als Assistent von Frank Castorf an der Berliner Volksbühne. Bis 2009 war Klemm Direktor des Nordwid-Theaters in Jelenia Góra. Seitdem arbeitet er als freier Regisseur unter anderem am Stary Theater in Krakau.

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