Freitag, 28. November 2014
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die nachtkritik

frauvommeer2 280 arnodeclair h"Die Frau vom Meer" © Arno DeclairBerlin, 27. November 2014

Wer ist hier verrückt?

Was hat Ellida nur mit dem Wasser? In Henrik Ibsens Die Frau vom Meer, in Emanzipationsfragen durchaus mit der "Nora" verwandt, bleibt das lange in der Schwebe. Dafür geht's zwischen den Eheleuten bald ans Eingemachte. Bei Stephan Kimmig am Deutschen Theater ist vom Wasser nur noch die Dusche übriggeblieben. Für Sophie Diesselhorst blieben weitere Fragen offen.

Rostock, 27. November 2014. Ein Mann, der längst die Kontrolle über sein Leben verloren hat, findet im Müll ein Kind. Das verändert alles in Steven Uhlys Romanerfolg Glückskind. Den hat Nicole Oder jetzt am Volkstheater Rostock uraufgeführt. Mit dabei: Juliane Voigt.

In seinem berühmten Roman Deutschstunde, der im Signaljahr 1968 erschien, verhandelte Siegfried Lenz Fragen von Schuld und Pflichterfüllung während der Nazizeit, wog individuelle Verstrickung und Verantwortung gegeneinander auf. Am Thalia Theater hat nun (wenige Wochen nach Lenz' Tod) Johan Simons den Stoff auf die fulminante Bühne von Bettina Pommer gebracht. Katrin Ullmann war bei der Premiere.

Die Geschichte von Amphitryon erzählt unter anderen vom Neid des obersten Göttervaters Zeus bzw. Jupiter auf ein Menschengefühl: die Liebe. Drei große Autoren haben diese Geschichte durch die Jahrtausende jeweils neu erzählt: Plautus, Molière und Heinrich von Kleist. Aus diesen Versionen hat Katharina Thalbach wiederum nun die ihre gestrickt. Eva Biringer kann berichten.

Anfang Dezember kommen die Vereinten Nationen zu einer weiteren Welt-Klimakonferenz zusammen. Wie so eine Veranstaltung funktioniert, untersuchen jetzt schon Rimini Protokoll am Deutschen Schauspielhaus, indem sie ein Konferenzszenario nachgebaut haben und das Publikum als Delegierte aller Länder Klima-Experten begegnen und über Aktionskurse entscheiden lassen. Tim Schomacker musste einen Schurkenstaat vertreten.

Banker-Sause meets Prekariats-Fernsehabend bei Mario Holetzeck, der Andres Veiels "Himbeerreich" und "Alles Gold was glänzt" von Mario Salazar zusammengerechnet hat. Wolfgang Behrens sagt, ob Deutschland. Wunder und Wunden aufgeht.

Wie jeder sich immer neu aus Erinnerungen zusammensetzt, um sich und der Welt eine kontinuierliche Ich-Wahrnehmung zu bescheren, davon handelt À Corps perdu. Blaue Müllsäcke, eine Kletterwand und Masken dienen Sandra Hüller, Alice Gartenschläger und Tom Schneider als Requisiten ihres metaphysischen Tanzstücks in den Münchner Kammerspielen, das Isabel Winklbauer unheimlich anregend fand.

Was machen ein Sudanese, ein Afghane und eine Roma in der norddeutschen Tiefebene? Das ist kein Witz, sondern das Thema von November und was weiter, der neuen Produktion von Das letzte Kleinod, in der zusammen mit Flüchtlingen Fluchtgeschichten erzählt werden. Mehr von Andreas Schnell.

Eine arme Prostituierte aus Osteuropa, ein reicher Banker, der gerne Kokain von toten Enten schnupft, und ein bisschen Zuneigung: Da könnte doch etwas – wenn auch merkwürdig – Schönes bei herauskommen! Nicht mit Kornél Mundruczó: Sein Hotel Lucky Hole ist im Schauspielhaus Zürich ein Hort der völkerverbindenden Abgründe, wo Liebe vor allem Arbeit macht. Mehr von Christoph Fellmann.

Wilhelm Raabes Erzählung Pfisters Mühle. Ein Sommerferienheft gilt als erstes Werk der deutschen Literatur, das die Zerstörung der Natur im Industriezeitalter thematisierte. Armin Petras hat die vergessene wie immer noch gültige Novelle aus der Gründerzeit nun für die Bühne adaptiert. Und spielt in einem Bühnenbild des Malers Martin Eder (unfreiwillig) auch selber mit. Steffen Becker war bei der Premiere.

Berühmt geworden ist Michael Ende mit Kinderbüchern. Er hat aber auch anderes geschrieben, den Erzählungsband "Der Spiegel" zum Beispiel. Jo Fabian hat die surrealistische Geschichtensammlung jetzt als Vorlage für den Abend Der Spiegel in Spiegeln genommen. Ute Grundmann war zugegen.

Eigentlich macht in Göttingen jeder seins: das Deutsche Theater hier, das Junge Theater da. Bei Verrücktes Blut aber, dem postmigrantischen Theater-Hit von Nurkan Erpulat und Jens Hillje, arbeiten beide Häuser und ihre neuen Teams ausnahmsweise zusammen. Zu welchem Ende, weiß Jan Fischer.

Seit ihrem "Orest" sind sie ein Dreamteam am Münchner Residenztheater: der Regisseur David Bösch und sein Protagonist Shenja Lacher. Mit Henrik Ibsens Frühwerk Peer Gynt begeben sie sich jetzt gemeinsam auf eine bildgewaltige Weltreise Richtung Vulgärkapitalismus und in die Seelengründe eines Mannes, der Entfremdung lebt und mit der Sinnsuche zu spät beginnt. Alles Weitere von Tim Slagman.

Zwei amerikanische Nachbars-Paare, die einander zum Grillen einladen – man kennt das Setting aus Serien, Filmen und jetzt auch aus dem Pulizerpreis-nominierten Stück Detroit von Lisa D'Amour. Caro Thum holt in Münster das Schauspielerfutter aus dieser Grillparty, zur Freude von Sascha Westphal.

Nino Haratischwili, für ihre Sprachmacht gefeierte Autorin, hat in Land der ersten Dinge ein Geflecht ost-westlicher Biografien gewoben. In der Box des Deutschen Theaters erzählt Brit Bartkowiak die Uraufführung mit einem deutsch-slowakischen Ensemble. Ein Gewinn, diese Mischung, findet Simone Kaempf.

Epileptische Anfälle, Vergewaltigung, Megaphongezeter, "Schland"-Rufe – ganz schön was los in Mirko Borschts Inszenierung von Elfriede Jelineks Die Schutzbefohlenen in Bremen. Beeindruckend! Dennoch hat Andreas Schnell einen Einwand.

Wer hilft weiter, wenn sich der Performer nicht mehr an sein Skript erinnern kann? Das Publikum! Eine eindrucksvolle Form von Interaktionstheater im PACT Zollverein mit Untitled (2014) von Xavier Le Roy sah Friederike Felbeck.

Nymphomaninnen-Sex, schwule Liebe und zum Finale Mord und Totschlag – Seid nett zu Mr. Sloane (Entertaining Mr. Sloane) von Joe Orton war in den 1960ern knallharter Provo-Stoff. Heute ist es eher schriller Boulevardstoff und auch Diskurszündstoff für Regisseur Nurkan Erpulat und sein Team am Berliner Gorki Theater. Den aufgepeppten Klassiker mit dem aktuell schönsten Bühnentod auf Berliner Brettern sah Wolfgang Behrens.

In Wien ist Peter-Turrini-Jubiläumsjahr, das gestern mit Christian Stückls Inszenierung von Bei Einbruch der Dunkelheit im Burgtheater seinen Höhepunkt fand. Oder? Mehr von Reinhard Kriechbaum.

Seelenkalt ist das "American Psycho" der Generation Putin. In Wien hat Ali M. Abdullah den Bestseller von Sergej Minajew nun für die Bühne des neuen Werk X adaptiert. Martin Pesl berichtet.

Weltweit auf Tour, ausgebucht bis 2016, doch in Deutschland noch immer ein Geheimtipp. So kündigt sich das Figurentheater Familie Flöz selbst an. Am Theaterhaus Stuttgart haben sie jetzt ihr neues Stück herausgebracht: Haydi!, ein Flüchtlingsdrama mit Kinderpuppe. Verena Großkreutz sah Slapstick und Melancholie.

Bereits beim Theatertreffen-Stückemarkt 2011 stellte Dmitrij Gawrisch, 1982 in Kiew geboren und als Teenager in der Schweiz aufgewachsen, sein Stück Brachland vor. Es folgt den Brüdern Oleg und Ivan auf ihrer Suche nach einem besseren Leben im Westen, bei der sie in eine Dreierkiste mit einer kinderwunschbehafteten Ärztin hineinrutschen. Jetzt wurde Gawrischs Stück am Theaterhaus Jena von Anestis Azas uraufgeführt. Frauke Adrians war dabei.

Zum 25. Jahrestag des Mauerfalls wollte das Zentrum für Politische Schönheit auf die neuen Mauern hinweisen, die um die EU herum entstanden sind. Und auf die neuen Toten, die diese Mauer produziert. Die Aktion Erster Europäischer Mauerfall war spektakulär. Aber sie war auch Theater und also Gegenstand von Theaterkritik. Als Nachtkritikerin unter verschärften Bedingungen war Sophie Diesselhorst dabei.

Als sein liebstes Stück hat Gerhart Hauptmann die Einsamen Menschen bezeichnet. Roger Vontobel hat mit dem Familiendrama in Bochum nun aufs Zeitlose gezielt – und mit Jana Schulz eine Einsame gefunden, wie sie in all dem Weltphantomschmerz der anderen leiser und wuchtiger kaum sein könnte. Sascha Westphal erstattet Bericht.

Ausgerechnet Sibylle Berg, die in ihren jüngsten Stücken immer galliger wurde, hat nun ein Kinderstück geschrieben. Mein ziemlich seltsamer Freund Walter ist ein Auftrag fürs Consoltheater Gelsenkirchen, wo es Andrea Kramer uraufführte. Stefan Keim staunt über ein Happy End.

Was, wenn der eigene Vater zu keinem Vorbild mehr taugt? So ergeht es einer ganzen Generation in Die Vaterlosen, einer Familiengeschichte des 1980 geborenen ungarischen Dramatikers Csaba Mikó, die Michael Lippold in Regensburg zur Uraufführung gebracht hat. Was da zwischen Sand und Einweckgläsern verhandelt wird, weiß Christian Muggenthaler.

Am 25. Jahrestag des Mauerfalls und schon längst im 21. Jahrhundert angekommen, schickt uns Frank Castorf noch einmal zurück in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts. Knackig wuchern allenthalben die totalitären Bonmots. Ein paar Nazis laufen ebenfalls durchs Bild in Kaputt nach Curzio Malaparte. Dem neuen Castorf-Abend hat über sechs lange Stunden Christian Rakow beigewohnt.

Literarisch bewanderte Menschen wissen natürlich sofort, wen Dirk Laucke mit seinem neuen Stück Furcht und Ekel. Das Privatleben glücklicher Leute fortschreibt. Sein Thema: Gewalt, Rassismus und rechtes Denken. Jan Gehler hat die Uraufführung in Stuttgart besorgt. Mit dabei: Adrienne Braun.

"Alle Drohnen stehen still, wenn unser starker Arm es will" heißt es am Ende von Kevin Rittbergers neuem Stück über eine fiese Zukunftsvision für Weimar. Ebenda hat Jakob Fedler Radio Cooperativa uraufgeführt. Zu welchem Ende, weiß Frauke Adrians.

Das abgründig dahinkalauernde Drama Die lächerliche Finsternis von Wolfram Lotz kann man auch als Dekonstruktion von Josef Conrads berühmtem Roman "Das Herz der Finsternis" betrachten. Der einst mindestens so berühmt in Hollywood von Francis Ford Coppola dekonstriert worden ist. Nun hat sich Christopher Rüping die Sache vorgeknöpft. Was daraus wurde, sagt Falk Schreiber.

Es muss nicht gleich eine 24-Stunden-Reise sein, wie vor anderthalb Jahren am HAU Berlin. Auf fünf Abende strecken Regisseur Ulf Goerke und das Performance-Kollektiv anstart.org ihr David Foster Wallace Projekt Unendlicher Spaß. Los ging's mit dem Begehren, bei Wallace ein ziemlicher Sprengstoff. Mehr von Petra Hallmayer.

Wie die Revolution ihre Kinder frisst, dafür ist Georg Büchners Dantons Tod immer noch das passende Drama. In Pforzheim lässt Regisseur Murat Yeginer die Figuren und ihre Feindschaften verschmelzen. Mehr über die Sexiness einfacher politischer Lösungen von Steffen Becker.

Pünktlich zum Mauerfalljubiläum befasst sich das Deutsche Theater Berlin mit einer der seltsamsten, schillerndsten, sperrigsten Figuren der deutsch-deutschen Dichterszene: Ronald M. Schernikau wurde im Osten geboren, floh mit seiner Mutter in den Westen und ließ sich im September 1989 in die DDR einbürgern. In Die Schönheit von Ost-Berlin verwirbelt Bastian Kraft Leben und Schreiben dieses Glamkommunisten zu einem wunderbar berührenden, komischen und denkwürdigen Abend, findet Georg Kasch.

Wie funktioniert Erinnerung? Wer sind wir? Ist der Mensch nur noch Discount-Ware? Das neue Stück The Past von Constanza Macras fragt zum geschichtsträchtigen 9. November nach den Bedingungen von Geschichtskonstruktionen. Im Europäischen Zentrum der Künste Hellerau wurde es uraufgeführt, demnächst wandert es an die Berliner Schaubühne. Mehr von Michael Laages.

Mit Geschäftsideen wie dieser versuchten vor 25 Jahren von der westlichen Wirtschaftsmacht plattgemachte Ostler zu überleben: in den Wäldern eine indianische Schwitzhütte für wohlstandsverwahrloste Westler zuerrichteten. So jedenfalls will es der Plot von Oliver Bukowskis Wendejubiläums-Tragikomödie Indianer, die Christian Pappke uraufgeführt hat. Michael Bartsch war vor Ort.

Kleists Marionettentheater, das kennt man doch noch aus der Schule. In Bram Jansens Oberhausener Version des Käthchen von Heilbronn wird es jetzt – mit verkehrten Vorzeichen – zum Leben erweckt. Die Entdeckung darin: Laura Angelina Palacios in der Hauptrolle. Martin Krumbholz berichtet.

Kein schlechter Werdegang: Mit Anfang 30 inszenierte der Regisseur Jan Philipp Gloger bereits die "Holländer"-Eröffnung der Bayreuther Festspiele 2012. Jetzt hat er an der Berliner Schaubühne vor schwarzer Wand eine Hipster-Version von Horváths Liebesökonomiestück Kasimir und Karoline herausgebracht und ihm die Atmosphäre des Berliner Clublebens eingehaucht. Esther Slevogt schaute zu.

Was, wenn das Leben keinen Endgegner kennt? In Torsten Diehls neuem Stück splattert sich eine Frau durch ihren trostlosen Alltag. Weil der vorgesehene Regisseur absprang, inszenierte Diehl kurzerhand selbst – am Monsun Theater, Hamburgs ältester freier Bühne. Ein Stück, das wehtut, das sich sperrt, das es einem nicht leicht macht, hat Falk Schreiber dabei entdeckt.

Hedda, dieses Biest! Dieses verwöhnte, verzogene Luxusgör. Diese Manuskripteverbrennerin und Lebenssehnsüchtige. Diese tolle, teuflische Frau. Warum nur bist du so, Hedda Gabler? Das ist die Frage, der sich jede Inszenierung des Ibsen-Dramas stellen muss. Welche Antwort Karin Neuhäuser in Köln darauf findet, sagt Dorothea Marcus.

Im Sommer 2013 wurde Ad de Bonts Wilhelm Tell-Bearbeitung Tahrir, die den Schiller-Stoff im heutigen Ägypten ausrollt, in Mannheim uraufgeführt. Die weiteren Entwicklungen in und um Kairo haben de Bont zu einer Aktualisierung bewogen – Katharina Rupp hat sie nun in ihrem Theater Biel Solothurn zur Uraufführung gebracht. Von postrevolutionären Verwirrungen und schwächelnden Helden berichtet Charles Linsmayer.

Es ist die dritte Inszenierung eines Ingmar Bergman-Films, die Anna Bergmann mit Szenen einer Ehe vorlegt und sich als Feel-Bad-Movie-Expertin langsam einen Namen macht. Den handfesten Rosenkrieg eines Paars im Scheidungsprozess zieht die Regisseurin noch einmal gehörig an. Ein Gang durch die Hölle, der in Lübeck auch ein Gang durchs Theater wird, sehr zur Freude von Jens Fischer.

Das Überwachungsstaat-Stück Allwissen des kanadischen Dramatikers Tim Carlson ist erst jetzt richtig aktuell in Zeiten, in denen sich niemand mehr aufregt, wenn selbst Angela Merkels Handy abgehört wird. Diese Gleichgültigkeit nimmt Johanna Wehner als Ausgangspunkt für ihre Inszenierung am Theater Konstanz. Mehr von Elisabeth Maier.

Es tut uns Leid! Das war gestern wirklich gar nichts mit der heiß ersehnten Premiere von Frank Castorf an der Volksbühne, denn sie hat schlicht und ergreifend nicht stattgefunden. Kaputt nach Kurt Erich Suckert, der sich Curzio Malaparte nannte, musste aufgrund einer Verletzung der Schauspielerin Jeanne Balibar um eine Woche verschoben werden. Sinnigerweise haben wir die entsprechende Nachtkritik gleich mitverschoben.

Was passiert, wenn fünf Frauen auf eine Preisverleihung warten, bei der nur eine gewinnen kann? Richtig: Sie zerfleischen einander. Jedenfalls bei Theresia Walser, komödiengestählte Dramatikerin. Für den Mannheimer Theaterchef Burkhard C. Kosminski hat sie wiederholt Auftragswerke geschrieben, nun also nach bewährtem Strickmuster Herrinnen. Die Uraufführung sah Esther Boldt.

Gerade tourt das palästinensische Ashtar Theatre durch Deutschland: In ihren Gaza-Monologen erzählen Jugendliche vom Alltag zwischen Schule und Terror. Friederike Felbeck ließ sich beeindrucken.

Es ist beileibe nicht die erste Finanzkrisenshow auf deutschen Bühnen, aber es ist eine der unterhaltsamen und zugleich hirnaktivierenden Sorte: Unter dem Titel Gespenster des Kapitals nimmt Hermann Schmidt-Rahmer am Schauspiel Bochum Balzacs Salonkomödie "Mercadet le faiseur" zum Sprungbrett für ein dokumentarisch aufgeladenes, satirisch sprudelndes Horrorspektakel – zur Freude von Stefan Keim.

Eben noch stemmte Sebastian Nübling auf der Suche nach dem Teutonischen eine Nibelungen-Version nach Hebbel ins Berliner Gorki Theater, schon kommt am Thalia Theater Hamburg Antú Romero Nunes um die Ecke, um mit Rheingold / Walküre die erste Hälfte von Wagners Ring-Libretto zu servieren – ohne Musik, aber mit Spaß am Fantasy-Pulp. Wie das ausging, sagt Falk Schreiber.

Als große Fatalismusstudie hat Regisseur Jan Bosse seine Inszenierung von Dantons Tod im Burgtheater angelegt. Eine nicht stillstehende Drehbühne dient als Beschleuniger des unausweichlichen Schicksals; die Marionetten desselben geben unter anderem Joachim Meyerhoff, Michael Maertens und Jasna Fritzi Bauer. Wie sie vergeblich zappeln und fuchteln, beschreibt Kai Krösche.

Videoprojektionen, Schattenspiele, Theaternebel, Schnee, Kunstblut, Windmaschinen, meterhohe Kulissenteile, Drehbühnenbild, Slapstick, Furzen, Kreischen, Ficken: Regisseur Victor Bodó war am Werke. Motel heißt der Trash-Thriller. Puh!, sagt Leopold Lippert.

Wie ein Käfer liegt Gregor Samsa eines Morgens auf dem Rücken. Aber wer sind in Kafkas Erzählung Die Verwandlung eigentlich die Tiere? Das fragte sich wohl Regisseur Andriy Zholdak – wie Sascha Westphal berichtet.

In Lucie Depauws Stück Lilli / HEINER Intra Muros wird eine Geschlechtsumwandlung von innen und außen beschrieben; die DDR dient dabei als Schauplatz. Brit Bartkowiak hat die Uraufführung inszeniert, Shirin Sojitrawalla hat sie gesehen.

Der Nibelungensage den miefigen Deutschland-Mythos auszutreiben, nicht weniger hatte man sich am Berliner Maxim Gorki Theater vorgenommen. Mit geballter postmigrantischer Power zieht Sebastian Nübling den alten Deutschen die Ohren lang. Aber ist das, was er in Der Untergang der Nibelungen dagegenzuhalten hat, wirklich eine Alternative? Fragt sich Esther Slevogt.

Eine kaputte, drogensüchtige und selbstzerstörerische Familie zeigt Eugene O'Neill in seinem Stück Eines langen Tages Reise in die Nacht. Am Theater an der Ruhr tritt Regisseur Roberto Ciulli den Beweis an, dass er den Titel "Magier der Dämmerung" verdient hätte. Mehr von Martin Krumbholz.

Sie wachsen ohne ihre Eltern auf, bei Geschwistern, Tanten oder Großeltern, weil Arbeit anderswo besser bezahlt ist. Die werkgruppe2 nimmt sich in Erdbeerwaisen den Kindern rumänischer Wanderarbeiter an. Ein bewegender Abend am Staatstheater Braunschweig, findet Jan Fischer.

Marie mon amour! Bei Abdullah Kenan Karaca ist Georg Büchners Woyzeck ein zärtlich Liebender – auch wenn er sich dafür Sätze aus den Nachbarwerken leihen muss. Wie der Abend am Münchner Volkstheater gelungen ist, sagt Tim Slagman.

Fremd ist der Fremde nicht nur in der Fremde: In Der Argentinier schildert Klaus Merz die Geschichte eines Schweizers, der in Argentinien zum Tangolehrer wird, wegen seiner Jugendliebe nach Europa zurückkehrt, dort aber nie mehr ganz heimisch wird. Das Argauer Theater Marie hat sich seiner Novelle angenommen, wo Oliver Keller sie inszenierte. Julia Stephan berichtet.

Wem der Walzertakt in die Glieder fährt, der begibt sich unter das Diktat der Gruppe in Stephan Kimmigs Inszenierung von Ödön von Horváths Geschichten aus dem Wiener Wald. Als Krisenerscheinung oft inszeniert auf deutschsprachigen Bühnen, entfaltet es seinen unerbittlichen Drive – zumal, wenn ein derart famoses Ensemble aufspielt wie das der Münchner Kammerspiele. Mit dabei: Michael Stadler.

Sibylle Berg hat wieder im großen Tümpel Internet gefischt und einige besonders ätzende Hasstiraden geborgen, die sie in ihrem neuen Stück Viel gut essen einem Männerchor mit Kampftruppen-Ambition in den Mund legt. Wie Rafael Sanchez mit dieser bösen Suada umgeht, weiß Sascha Westphal.

Es ist nun schon die Jahreszeit, wo dieses Wort nurmehr Sehnsucht auslösen kann: Ein Sommernachtstraum. Am Schauspielhaus Zürich findet Daniela Löffner aber wenig Verheißungsvolles bei Shakespeares Liebesverwirrten. Mehr von Claude Bühler.

Die Poetik des Verdachts hat viele Meister: Max Frisch mit seinen Biedermännern und Brandstiftern oder Harold Pinter, zum Beispiel, und jetzt auch Dawn King mit ihrer erstmals in Deutschland aufgeführten Überwachungsparabel Foxfinder. Von einer Stückentdeckung berichtet Willibald Spatz.

Faust nicht als Figur, sondern als Denkbewegung zu verstehen, haben sich Felix Rothenhäusler und Tarun Kade vorgenommen und das Experiment mit einem aus allen Sparten bestückten Ensemble durchgeführt – Faust hoch zehn heißt das Ergebnis und wird beschrieben von Andreas Schnell.

Er ist der schrägste unter den exzentrischen und der exzentrischste unter den schrägen Filmemachern: Wenzel Storch. In Dortmund hat er sich nun ans Theater gewagt und die Stengel und Kelche des erotisch-exotischen Katholizismus ins Visier genommen, und die katholische Jugendliteratur gleich noch dazu. Komm in meinen Wigwam heißt der Abend. Sascha Westphal kam mit.

Geld in der Börse, Leere im Herzen und Champagner auf den Lippen. Die Reederin Wassa Schelesnowa aus der kapitalismuskritischen Feder von Maxim Gorki ist derzeit die Paraderolle für Schauspielgranden. Jüngst in Berlin für Corinna Harfouch, jetzt am Schauspielhaus Hamburg für Maria Schrader. Regisseur Dieter Giesing hat ihr den roten Teppich ausgerollt, nein, das rote Sofa hingestellt, und Jens Fischer sah zu.

Es zischt und brodelt, Ritterrüstungen scheppern, und das Glöckchen der Liebe erklingt auch: in Heinrich von Kleists Käthchen von Heilbronn. Wie Kölns Intendant Stefan Bachmann Spektakel und Liebesgeschichte zu fassen kriegt, weiß Martin Krumbholz.

Ungarn hat für aufsässige Theatermacher derzeit nicht viel übrig – vor allem kein Geld. Das und andere Missstände sind für Árpád Schilling und sein Ensemble Krétakör Anlass für einen äußerst wütenden Abend: A Párt – Die Partei – The Party. Reinhard Kriechbaum nahm ihn beim Steirischen Herbst in Augenschein.

Sie ist bekannt und gefürchtet dafür, dass es in ihren Performances drastisch zugeht, dass uriniert und masturbiert wird und der Zuschauer vor interaktiven Herausforderungen nie sicher sein kann. Jetzt hat sich die amerikanische Provo-Queen Ann Liv Young beim Steirischen Herbst eine Playlist für die antike Racheheldin Elektra zusammengestellt. Wie sich das Ganze anhörte und ausnahm, sagt Leopold Lippert.

Tiefschwarz sind die Geschichten zweier Kriegskinder, die Ágota Kristóf in ihrem Roman "Das große Heft" erzählt. Mit The Notebook haben die britischen Erzähltheaterveteranen Forced Entertainment sie als Kopfkino für die Bühne adaptiert und gastieren damit jetzt im Berliner HAU. Friederike Felbeck sah die Aufführung bereits im Mai auf PACT Zollverein in Essen.

Manche Regie-Quereinsteiger wechseln aus dem Schauspielfach, andere aus der Tischler-Werkstatt. Und noch andere von der Oboe. So Christoph Marthaler, der vor seiner Regiekarriere Musik studierte und als Theatermusiker arbeitete. Für sein neues Stück Tessa Blomstedt gibt nicht auf hat er wahre Perlen der deutschen Liedkunst ausgegraben. Atemlos! Geht es durch Datingportale und Heiratsvermittlungen, weiß Simone Kaempf.

Vielleicht stehen wir dem von Edward Snowden aufgedeckten NSA-Skandal auch deshalb so hilflos gegenüber, weil er so wenig greifbar ist. Weil wir uns kein Bild von ihm machen können. Am Badischen Staatstheater haben der Regisseur Jan-Christoph Gockel, der Schauspieler Thomas Halle und der Autor und Dramaturg Konstantin Küspert daher mit dem Projekt Ich bereue nichts nach Bildern gesucht, die das Unfassbare fassbar machen. Ob sie fündig wurden, weiß Georg Patzer.

Beim Melodram-Vollender Douglas Sirk haben sich schon viele bedient, Rainer Werner Fassbinder zum Beispiel. Auch Thiemo Strutzenberger, Jahrgang 1982, der in Hunde Gottes Mittelschichtsängste mit Renaissance-Namen kreuzt, schöpft mit vollen Händen die Emotions-Sahne ab. Am Wiener Schauspielhaus hat Barbara Weber sein Stück zur Uraufführung gebracht. Reinhard Kriechbaum berichtet.

Auch das Kondensat Ödipus Stadt, das John von Düffel für Berlins Deutsches Theater aus vier antiken Dramen kondensierte, neigt zur Soap in seinem Schnelldurchlauf durch den Untergang der Labdakiden. In Nürnberg unterstreicht das die Schicksalsrutsche in Klaus Kusenbergs Inszenierung. Dieter Stoll war dabei.

Wie kann man den Ausbruch des Ersten Weltkriegs anders erzählen? Franzobel nimmt in Sarajevo 14 oder Der Urknall in Europa sieben Gefängniswäscherinnen zu Hilfe, die sich so eingesperrt fühlen wie die serbischen Nationalisten. Fabian Kametz hat das Stück am Tiroler Landestheater uraufgeführt. Mehr über diese Art der Geschichtsschreibung von Martin Jost.

Unter keinem guten Stern steht Johan Simons' Inszenierung von Genets Die Neger, die nun seit gestern auch an den Münchner Kammerspielen läuft. Reinhard Kriechbaum sah für uns die Premiere in Wien bei den Festwochen. In Hamburg fand am Freitag eine Podiumsdiskussion über die Inszenierung, Rassismus-Vorwürfe und die Sicht des Theaters statt. Falk Schreiber hat kopfschüttelnd zugehört.

Die Experten des Alltags sind diesmal zu Hause geblieben. Stattdessen hat sich Stefan Kaegi von Rimini Protokoll selbst aufgemacht und Rechercheergebnisse importiert. In Volksrepublik Volkswagen untersucht er Parallelen der Produktions- und Denkweisen eines global operierenden Konzerns und eines totalitär organisierten Riesenreichs. Alexander Kohlmann berichtet.

Ein verwitweter Vater und seine drei Söhne. Die tote Mutter spukt auch noch irgendwo in dem bürgerlichen Wohnzimmer herum. Es ist Weihnachten und die südkoreanisch-amerikanische Dramatikerin und Regisseurin Young Jean Lee bittet in Straight White Men beim Steirischen Herbst zur Familienaufstellung. Mehr von Leopold Lippert.

Fast zwanzig Jahre alt ist Sarah Kanes Zerbombt. Damals ein britisches New Play, das radikaler als andere verdeutlichte, wie sich gesellschaftliche Veränderungen auf das private Zusammenleben auswirken. Nun hat Julia Heinrichs das Stück in Memmingen inszeniert – und stößt auf Ängste von heute, freut sich Willibald Spatz.

Mitten in die Gemengelage der Weimarer Republik hinein schrieb Ernst Toller 1927 sein Revolutionärsdrama Hoppla, wir leben!. Uraufgeführt wurde es von Bühnentechnikavantgardist Erwin Piscator – eine Inszenierung, die auch im Setting von Anne Lenks intensiv formalisierter Neuerkundung am Münchner Residenztheater nachwirkt. In Augenschein genommen hat sie Cornelia Fiedler.

Wie ausrechenbar sind wir? In welche Schublade steckt mich mein Sitznachbar? Welche App hilft mir beim Leben? Die Off-Gruppe Turbo Pascal, spezialisiert auf theatrale Experimente mit Mitmachtouch, unterzieht ihr Publikum bei Algorithmen in den Berliner Sophiensaelen einer Art spielerischer Rasterfahndung. Wo er dabei zum Beispiel in Sachen "geilstes Outfit" einsortiert wurde, verrät Wolfgang Behrens.

Jüngst mit dem Kleist-Förderpreis prämiert, vor Kurzem bei den Ruhrfestspielen uraufgeführt, jetzt in Braunschweig zu sehen: Jenny Jannowitz. Oder: Der Engel des Todes von Michel Decar ist ein irrwitziger Blick in unsere endlos beschleunigte Arbeits- und Lebenswelt. Sascha Westphal besprach die Recklinghausener Premiere.

Ein superg... Duo bilden Nis-Momme Stockmann, amtierendes Boy-Wonder der deutschen Dramatik, und Exerzitienmeister Ulrich Rasche. Ihre Die kosmische Oktave ist ein Generalangriff auf den ganz gewöhnlichen Alltags-Zynismus, eine Theater-Schlacht zwischen Gefühl und Misere, die derzeit auf Kampnagel gastiert. Die Berliner Premiere hatte André Mumot gesehen.

Warum redet man bei der Frau eigentlich von der Scham, während es beim Mann mit der Scham schon nach dem Schamhaar vorbei ist? Fragen, wie sie Katja Brunner, Mülheim-Siegerin 2013, in Die Hölle ist auch nur eine Sauna stellt, wo sie wild durch die Geschichte der weiblichen Unterdrückung eilt von Pocahontas zu Josef Fritzl. Hausherrin Marie Bues hat das Stück jetzt am Theater Rampe uraufgeführt. Mit dabei: Verena Großkreutz.

Drei Gattinnen von abgehalfterten Diktatoren versammeln sich zu einer Press'konferenz anlässlich der Verfilmung ihres Lebens. Ein Dolmetscher vermittelt. So will es der Plot von Theresia Walsers Ich bin wie ihr, ich liebe Äpfel. Die Regisseurin und frühere Schaubühnen-Schauspielerin Tina Engel hatte im Renaissance-Theater drei wahrhaftige Star-Aktricen zur Verfügung. Nebst eines früheren "Tatort"-Kommissars. Wie das Ganze ausging, berichtet André Mumot

In der hohen Bühnenschachtel bilden Blinklichter das Wort Dust = Staub, während vorn der silbrige Vorhang die Buchstaben Pur-Pur zweiteilt. Purpurstaub, so hieß Sebastian Hartmanns O'Casey-Inszenierung noch, als sie im Mai bei den Ruhrfestspielen herausgekommen ist. Doch weil sie zuviel Hartmann und zuwenig O'Casey enthielt, heißt sie bei der Stuttgarter Premiere jetzt nur noch Staub. Andreas Wilink sah noch die Recklinghausener Version.

Alles Sehnsüchtige und Suchende in Tschechows Drei Schwestern, ein Leben suchend, größer und schwerer, als sie es tragen können. Ein wenig revolutionäre Energie gibt Regisseur Tilmann Köhler ihnen mit in seiner Dresdener Inszenierung, die mit einem starken Schwesterntrio Irina, Mascha, Olga aufwartet. Christian Rakow sah Frauen, die nach dem Schlüssel fragen, aber den Hammer meinen.

Fast vier Jahre ist es her, als sich Samuel Koch bei "Wetten dass ..." schwer verletzte. Die ZDF-Show ist bald abgespielt und Samuel Koch inzwischen Schauspieler im Darmstädter Ensemble. Welche Rolle er in Moritz Schöneckers Inszenierung von Madame Bovary spielt, weiß Esther Boldt.

Neuer Abend von René Pollesch, gewohnt langer Titel: Du weißt einfach nicht, was die Arbeit ist. Und mit der Schauspielerin Astrid Meyerfeldt ist in Stuttgart eine alte Weggefährtin dabei, die mehr explizit als implizit definiert, was Arbeit nun wirklich ist. Mehr von Thomas Rothschild.

Heinz Rennhack, im DDR-Fernsehen bekannt durch "Spuk im Hochhaus" oder "Ein Kessel Buntes", steht nach wie vor regelmäßig auf der Bühne. Zum Beispiel als Der Geizige von Molière. Und ist weit davon entfernt, sich auf seinem Promi-Faktor auszuruhen, meint Frauke Adrians.

Die Debatte hatte schon vor der Premiere von Johan Simons' Inszenierung bei den Wiener Festwochen mit der Frage begonnen, ob "Les Nègres" im Deutschen Die Neger heißen dürfen. Danach wurde gefragt, ob Simons das Stück überhaupt verstanden habe. Seit gestern läuft die Inszenierung am Schauspielhaus Hamburg. Reinhard Kriechbaum hatte für uns aus Wien berichtet.

Den Brüder-Grimm-Preis hat das Autorenduo Nolte Decar für ihre zärtlich-komische Jugendballade Das Tierreich bekommen und im Mai damit beim Heidelberger Stückemarkt für Aufsehen gesorgt. Ihr "Frühlings Erwachen" ohne Muff und Moral hat jetzt Regisseur Gordon Kämmerer am Schauspiel Leipzig uraufgeführt – mit grotesken Köpfen, Schmetterlingsflügeln und ordentlich Bühnennebel. Ute Grundmann ist begeistert.

Unglückselige Krone. Ihre Träger treibt sie im Laufe des Abends an ihre Grenzen, so auch in Königsdramen 1 – Träume, einem mehrteiligen Shakespeare-Projekt von Alice Buddeberg am Theater Bonn, basierend auf Thomas Melles Übersetzung der Rosenkriege. Wie die Herrscher hier über die Stränge schlagen, weiß Tilman Strasser.

Drei Wochen nach der großen Kriegstrauma-Deutung von Leander Haußmann am Berliner Ensemble bringt Sebastian Hartmann am Deutschen Theater ebenfalls Georg Büchners Woyzeck heraus, ganz anders, als Pas de deux mit viel Kraftprotz und reichlich Heiner Müller. Wie energetisch es wurde, weiß Matthias Weigel.

Wenn ein neuer Intendant seinen Einstand mit der Uraufführung einer Autorin gibt, mit der ihn eine lange Arbeitsbeziehung verbindet, darf man das programmatisch lesen. Was ist also dran an Erich Sidlers Inszenierung von Rebekka Kricheldorfs Homo Empathicus am Deutschen Theater Göttingen? Jan Fischer klärt auf.

Orts- und Weltgeschichte verspricht das Spektakel Born with the USA auf dem ehemaligen US-Militärhospital in Heidelberg. Lothar Kittstein führt durch den "Underground" des Hauses, Tim Price untersucht "Die Radikalisierung des Bradley Manning". Und Elisabeth Maier notiert Nachtkritisches.

Hier der Wertewahrer Baron von Trotta, der dem österreichischen Kaiser Franz Joseph das Leben rettete. Auf der anderen Seite der Kriegsinvalide Pum. Philipp Hauß führt in Radetzkymarsch und Die Rebellion zwei Erzählungen von Joseph Roth zusammen, um von der verblassenden Monarchie im Ersten Weltkrieg zu erzählen. Mehr über diesen Untergang von Martin Thomas Pesl.

Was haben Deutsche und Chinesen schlimmstenfalls gemeinsam? Den Gleichschritt. Jedenfalls die fünf Tänzer der chinesischen Compagnie Paper Tiger Theater Studio und die fünf Schauspieler der Münchner Kammerspiele, die dortselbst unter Anleitung von Regisseur Tian Gebing in Totally Happy das Problem der Masse in beiden Kulturen ausloten. Mit dabei war Sabine Leucht.

Zeitgenössische Dramatik und neue Musik will das Schauspielhaus Wien in dieser Saison zusammenführen. Den Auftakt machen Anja Hilling, Felicitas Brucker und die Elektro-Composer  Mouse on Mars. Sinfonie eines sonnigen Tages heißt ihr Projekt, in dem Stimmen aus Erster und Dritter Welt zusammenkommen. Mehr über das Miteinander von Theresa Luise Gindlstrasser.

Der Vor 25 Jahren zerfiel die DDR – und damit standen viele Menschen im Osten plötzlich ebenso ohne Auftrag da wie die Revolutionäre in Heiner Müllers Der Auftrag. Das hat sich nun Roland May in Plauen vorgeknüpft. Und siehe da: Es staubt nicht, findet Michael Bartsch.

In Uwe Tellkamps Der Turm steht zum Schluss der junge Christian in NVA-Uniform den demonstrierenden Massen gegenüber, die sich im Wendeherbst auch in Dresden formierten. Die Bild- und Film-Dokumente sind immer noch im Gedächtnis, und Regisseur André Rößler stellt sie den Schauspielern gegenüber in seiner Inszenierung am Theater Vorpommern. Mehr darüber von Juliane Voigt.

Wenn sie nicht gerade spielen, lässt Stephan Rottkamp die Schauspieler in der schwarzen Flucht des monumentalen Bühnenbildes im Staatstheater liegen, wie fallen gelassene Gliederpuppen. Wenn sie spielen, dann spielen sie Hamlet von William Shakespeare. Stoboskope blitzen, Gitarrensounds dröhnen. Was sonst noch geschah, sagt Jan Fischer.

Der erste Dichter am Platze im ersten Haus am Platze, sozusagen: angerichtet vom Nationaltheaterintendanten höchstselbst. Hasko Weber hat den Romanstoff Lotte in Weimar dort inszeniert, wo die Geschichte des Wiedersehens von Goethe und Charlotte Buff bei Thomas Mann schon spielt – im berühmten Hotel Elephant. Zum Theaterbesuch wird auch ein Menü gereicht. Frauke Adrians gekostet.

Im Gedenken an Dimiter Gotscheff und von Gotscheff-Dramaturg Ivan Panteleev inszeniert, geben Samuel Finzi und Wolfram Koch ihr Pingpong-Match der abgründigen Komik: Warten auf Godot. Am DT feierte die Ruhrfestspiel-Koproduktion jetzt Berlin-Premiere. Andreas Wilink sah sie in Recklinghausen.

Die Textfelder sind bestellt, auf dass die Bühne reiche Ernte einfahre. Wenn Regisseur Johan Simons und Dichterin Elfriede Jelinek zusammenfinden, sind Ertragsrekorde zu erwarten. Im neuen Stück Das schweigende Mädchen geht es um die NSU-Prozesse, um Christus, um Engel, um Erbsünde, Erbschuld und Erbschaftsamt, mithin um alles zwischen Himmel und Ackerboden. Tim Slagman lauschte den Worten der Prophetin.

Die Tradition des großen Eröffnungsstaffellaufs hat der neue Intendant des Neuen Theaters Senftenberg Manuel Soubeyrand von seinem Vorgänger Sewan Latchinian übernommen – wie sich sein erstes Jahr100Spektakel u.a. mit Heiner Müller, Werner Buhss und ein bisschen Brecht gestaltet hat, weiß Hartmut Krug.

Als Experte für expressives Körpertheater hat sich Andrej Woron in Konstanz Kafkas Romanfragment Amerika vorgenommen. Elisabeth Maier begab sich in faszinierende Bilderwelten.

Das Rot des Kunstbluts ist die einzige Farbe, die Gero Vierhuff in seiner Macbeth-Inszenierung am Theater für Niedersachsen erlaubt. Was das für einen Effekt hat und was für Effekte sonst noch zum Einsatz kommen, beschreibt Leonie Krutzinna.

Der Steirische Herbst hat Jan Lauwers und seine Needcompany um eine Nabelschau gebeten, um eine Auseinandersetzung damit, was sie da eigentlich machen – Kunst. Und ist für seine kühne Herausforderung der Selbstreferentialität mit All Tomorrow's Parties I-II belohnt worden, einem Abend, an dem die Sinnfrage tanzend, musizierend und Bilderrätsel produzierend beschworen wird. Reinhard Kriechbaum ließ sich sogar vom Happy End überzeugen.

Ein Teil der Gans von Martin Heckmanns aus dem Jahre 2007 lag bisher als totaler Flop in der Stückelandschaft herum. Im Theater Neumarkt hat sich die Heckmanns-Spezialistin Simone Blattner der misshandelten Komödie und gleich dazu des kriselnden Theaters angenommen. Mit welchem Ausgang, verrät Julia Stephan.

Hippie, Sektenguru, Antiestablishment-Ikone und Massenmörder – ein volles Kerbholz und viel Theaterstoff bietet Charles Manson, findet zumindest Stefan Pucher, der ihm mit dem Musical Charles Manson: Summer of Hate am Thalia huldigt. Mit dabei die Indie-Rocker von "Trümmer" und Nachtkritiker Jens Fischer.

Was, wenn Richard III. keine Shakespeare-, sondern eine Tschechow-Figur wäre? Das scheint sich Robert Borgmann in seiner Inszenierung des Königsdramas am Staatsschauspiel Stuttgart gefragt zu haben. Mutmaßt Verena Großkreutz.

Ein Mythos, für den Osten allemal: Spur der Steine, vor 50 Jahren von Erik Neutsch als Roman verfasst, 1966 von Frank Beyer legendär verfilmt und von der SED sogleich verboten. Cornelia Crombholz schlägt mit dem Klassiker jetzt als Schauspieldirektorin in Magdeburg auf. Ute Grundmann sah Arbeiter mit Muckies.

Die Kinder der Sonne haben Sinn für die höchsten Werte der Menschheit und ein gerütteltes Maß an Ignoranz für die Belange der Arbeiterklasse. Am Münchner Volkstheater hat Csaba Polgár, Regisseur der HOPPart Company aus Budapest, Maxim Gorkis Drama aus dem vorrevolutionären Russland anno 1905 mit Musik, Slapstick und einem neuen Ende ins Heute gebracht. Wie überzeugend, sagt Sabine Leucht.

Christoph Winkler hat sich mit seinen politischen Choreographien jüngst eine Nominierung für den Faust-Theaterpreis erspielt. Mit seinem Tänzer Ahmed Soura durchleuchtet er jetzt in Hauptrolle am Ballhaus Ost Diversitätsfragen und die Ensemblepolitik am Stadttheater. Eva Biringer war dabei.

Alle Hierarchien aufgeben. Raus an einen Ort, an dem die Trennung zwischen Bühne und Zuschauerraum, Akteur und Zuschauer aufgehoben ist. Wo zwei nackte Schauspieler wie Adam und Eva spazieren. Dorthin jedenfalls nimmt einen Claudia Bosse am Forum Freien Theater Düsseldorf mit in catastrophic paradise. Ein Fall höherer Entgrenzung oder doch Scharlatanerie? Mehr von Martin Krumbholz.

Ivo Dimchevs verausgabende Performances vergisst man so schnell nicht, auch sein neues Projekt Icure  nicht. Erst beschwört er darin positive, selbstheilende Kräfte. Dann stößt er in Bereiche, in denen Heilkuren längst keine Lösung mehr sind. Derzeit gastiert "Icure" beim Festival Off Europa in Leipzig. Theresa Luise Gindlstrasser sah die Premiere in Wien.

Als "Regisseurin des Jahres" darf sich Karin Henkel seit ein paar Wochen dank der Umfrage einer Theaterzeitschrift fühlen, und mit diesem Rückenwind hat sie nun am Deutschen Schauspielhaus Ibsens John Gabriel Borkman in Szene gesetzt, mit Stars wie Lina Beckmann und Julia Wieninger. Einen grotesk zugespitzten Geschwisterzwist entdeckte Tim Schomacker.

Gerade erst wurde Thom Luz zum Nachwuchsregisseur des Jahres erkoren, jetzt legt er einen weiteren seiner versponnenen Musik-Theater-Abende vor: In einem Treppenhaus spürt er dem Scheitern in Judith Schalanskys poetischem Bilderbuch Atlas der abgelegenen Inseln nach. Jan Fischer stand im Nebel.

Eine Ur- und Frühgeschichte heutiger Machtstrukturen hat Peter Handke 1973 in seinem Manager-Stück Die Unvernünftigen sterben aus erzählt. Alexander Riemenschneider hat es in Bochum ausgegraben und seziert. Mit dabei: Friederike Felbeck.

Für seine Inszenierung von Hermann Hesses Das Glasperlenspiel hat sich Regisseur Martin Nimz der Unterstützung des Zentrums für Kunst und Medientechnologie versichert. Heraus kam mediales Total-Theater, dem sich Elisabeth Maier aussetzte.

Your Lover Forever – kein Beatles-Lied, sondern Goethes Unterschrift in Briefen an Charlotte von Stein. Weil von der Dame wiederum keine Schreiben erhalten sind, haben 14 Autorinnen Nachdichtungen verfasst, unter ihnen Sibylle Berg und Kathrin Röggla. Lily Sykes' Inszenierung des Briefreigens hatte jetzt am Schauspiel Frankfurt Premiere. Von der Weimarer Premiere berichtete Frauke Adrians.

Die BBC-Serie "Sherlock" katapultiert den berühmten Ermittler mit rasenden Bildern und psychedelischem Sound ins London des 21. Jahrhunderts. Ähnlich verfährt Sebastian Baumgarten am Schauspiel Zürich mit Dostojewskijs Schuld und Sühne-Held Raskolnikow, den er im Russland unserer Zeit aussetzt. Welche Assoziationen das zündet, beschreibt Christoph Fellmann.

Früher war Brasilien nicht nur Land der Fußball- und Samba-Träume, sondern ganzer Lebensentwurfsträume. In Hamburg, der alten Auswandererstadt, sucht Karin Beier mit Pfeffersäcke im Zuckerland & Strahlende Verfolger das Deutsche Wesen in Brasilien – mit einem neuen Jelinek-Text. Falk Schreiber war dabei.

Wenn in Rostock jetzt die "Titanic" Volkstheater untergeht, ist das hoffentlich kein böses Omen: Intendant Sewan Latchinian inszenierte für den Achteinhalb-Stunden-Marathon 1. Stapellauf. Neubeginn neben der Mitmach-Oper von Wilhelm Dieter Siebert auch "Ingrid Babendererde" nach Uwe Johnson und "Wie im Himmel" von Kay Pollack. Hartmut Krug erlebte ein starkes Signal.

Liebesdrogen? Dauerparty? Rausch? Die Schnittmengen zwischen Shakespeares Ein Sommernachtstraum und Andy Warhols legendärer Silver Factory sind groß, findet Regisseur Alex Rigola in Düsseldorf. Dorothea Marcus hat die Warhol-Promis entschlüsselt.

In der Wirtschaftskrise versucht eine junge Frau, sich eine Existenz als Vertreterin aufzubauen. Natürlich wird das nichts, in Ödön von Horváths Drama Glaube Liebe Hoffnung. Mit seiner Hofffnungslosigkeit ist es aber ein Idealstoff für den Hoffnungslosigkeitsanbeter Andreas Kriegenburg. Esther Boldt berichtet.

Seine Berliner "Wassa Schelesnowa" wurde jüngst als Schauspielertheater gefeiert. Nun nimmt sich Stephan Kimmig am Schauspiel Bochum wieder einen russischen Klassiker vor: Tschechows Onkel Wanja erinnert äußerlich an die legendäre Inszenierung Jürgen Goschs. Ob sich auch deren Gefühlskraft entfaltet, sagt Sascha Westphal.

Ein junger Mann fährt durchs Land und stößt auf lauter rätselhafte, verführerische, gräßliche Gestalten. Sinti und Roma haben seit jeher mit solchen Zuschreibungen zu kämpfen, mit Ausgrenzung, Exotisierung. Der polarisierende Regisseur Volker Lösch hat sich nun Homers Odyssee bedient, um unseren Blick auf die "Zigeuner" offenzulegen. Mit auf die Reise ging ein begeisterter Martin Krumbholz.

Am Jungen Theater Göttingen startet ein neues Team um den selbst noch recht jungen Intendanten Nico Dietrich. Zum Auftakt hat man sich gleich an einen Jahrhundertstoff gewagt, an Erich Maria Remarques Weltkrieg-I-Roman Im Westen nichts Neues. Womit das Theater recht gut dasteht, meint Michael Laages.

Im Film-Business hat der Regisseur Philipp Stölzl sicher so manchen Special Effect kennengelernt. Bei seiner ersten Schauspiel-Inszenierung (nach diversen Opern) hievt er nun den Spezialeffekt schlechthin auf die Bühne: das Monster. Aus Mary Shelleys Frankenstein. Schauer des Mitleids durchrieselten Claude Bühler.

Antonius als kühle Millitärfigur, Kleopatra als exotische Ziege: Regisseur Patrick Schlösser haut Shakespeares Antonius und Kleopatra ganz schön auf die Zwölf. Wieso dann aber plötzlich Flüchtlinge auftreten, weiß Jens Fischer.

Wer hat Angst vor Virginia Woolf?, mit dieser wohlbekannten Frage von Edward Albee eröffnet Martin Kušej die Spielzeit an seinem Residenztheater München und lässt vier Schauspieler, darunter die "des Jahres" Bibiana Beglau, im White Cube in Liebe fallen. Und wieder aufstehen. Und weiterhauen. Glatte zwei Stunden lang – die Petra Hallmayer erlebt hat und beschreibt.

Steven Spielberg hat in seinem Film Minority Report nach Philip K. Dick eindrücklich die Frage nach dem freien Willen gestellt. In Dortmund hat Klaus Gehre den Film nun nicht nur mit Live-Cam-Techniken nachgestellt, sondern das Publikum auch noch per Abstimmungs-App einbezogen. Kommt er so dem Algorithmus des Zuschauerwillens auf die Spur? Dorothea Marcus weiß die Antwort.

Heiner Müller wird gar nicht mehr so oft gespielt, aber wirklich ganz selten sieht man – dem prägnanten Titel zum Trotz – Leben Gundlings Friedrich von Preußen Lessings Schlaf Traum Schrei. Umso schöner, dass Pedro Martins Beja es jetzt am Theater Osnabrück gelungen ist, in dieses Stück gleichsam den ganzen Müller hineinzupacken. Kai Bremer ließ sich einnehmen.

Die Sexbilder in den Magazinen werden immer hochglanziger, der Sex daheim immer fader. Grund genug für die gefeierte Stückentwicklerin Yael Ronen und ihr Ensemble in ihrer neuen Arbeit für das Maxim Gorki Theater Berlin Erotic Crisis etwas theatrale Paardiagnostik, womöglich gar Paartherapie zu leisten. Wolfgang Behrens schaute ins Liebesleben der Elementarteilchen.

Intendanzauftakt von Uwe Eric Laufenberg in Wiesbaden, und der neue Mann in der Hausregie Thorleifur Örn Arnarsson handelt sich gleich mal ein paar Buhs ein, und das mit einer Dreigroschenoper von Brecht! Dabei ist der Regisseur doch ein begnadeter Bilderfinder, wie Shirin Sojitrawalla sagt.

Subbotnik, das war der samstägliche, mehr oder weniger freiwillige Arbeitseinsatz in der Sowjetunion. Subbotnik, so heißt heute eine in NRW derzeit ziemlich angesagte Performancegruppe, die sich jetzt am FFT Dostojewskis Traum eines lächerlichen Menschen vorgenommen hat. Zu welchem Ende, weiß Martin Krumbholz.

Dänemark in Überwachungskamera-Ästhetik? Shakespeares Story gibt das her. Videokünstler Daniel Hengst und Regisseur Kay Voges lassen ihren Hamlet am Theater Dortmund konsequent für die Leinwand spielen, schaffen per Live-Cam und Verpixelung beeindruckende visuelle und akustische Momente. Und am Ende holen sich die Schauspieler ihren Applaus per Twitter ab. Mehr darüber von Friederike Felbeck.

Die Schlägereien mit Todesfolge in deutschen Großstädten waren der Anlass für Sebastian Nübling und den Choreographen Ives Thuwis, "von Wut, Ohnmacht und den Sehnsüchten junger Männer" zu erzählen. In getanzten Bildern. Anne Peter war bei der Premiere von Fallen vor dem Berliner Gorki Theater.

Sex, Drogen und Konsum sind in Aldous Huxleys Zukunftsroman Schöne neue Welt zur Pflicht erklärt. Roger Vontobel entwirft auf seiner Grundlage am Staatsschauspiel Dresden das Gesellschaftsbild einer Hochtechnologie-Welt. In einem bestechenden Bühnenbild, berichtet Tobias Prüwer.

Satte 6 Stunden dauert die Zukunftsreise durchs Ruhrgebiet Die 54. Stadt. Inspiriert ist der Marathon von Jörg Albrecht und realisiert von einem erlesenen Kreis freier Szene-Gruppen: kainkollektiv, LIGNA, Invisible Playground und copy & waste. Sascha Westphal schnürte seine Wanderschuhe.

Komödie will er, soll er kriegen, hat sich radikal-Jungregisseur Sebastian Kreyer für seinen Tschechow gesagt und Die Möwe cool mit Swimmingpool ins Schauspiel Bonn gewuchtet. Martin Krumbholz sah das Spiel.

Der Rollkragen macht sie längst nicht alle gleich. Antonio, der Kaufmann, ist Migrant und Shylock, und wär er weiß wie Schnee, hat als Jude eh keine Chance. Marc von Henning erzählt Shakespeares Kaufmann von Venedig als Kampf zweier Außenseiter. Juliane Voigt sah die Premiere.

Den Schutzsuchenden vor der Festung Europa verleiht Elfriede Jelinek in Die Schutzbefohlenen eine Stimme. Nicolas Stemann hatte damit in Mannheim das Festival "Theater der Welt" eröffnet, von dem Esther Boldt berichtete. Seit gestern ist die Arbeit am Thalia Theater Hamburg zu sehen.

Das Schwarzbuch der Sozialdemokratie legen Tom Kühnel und Jürgen Kuttner am Deutschen Theater vor: vom Ersten Weltkrieg bis zu Hartz IV – ein ewiges Andienen an die Macht. Zur Dramatisierung ihrer tiefroten SPD-Bilanz haben sie sich Carl Sternheims frühe Abrechnung mit dem Arbeiterkampf Tabula rasa gegriffen und lang nicht gehörtes linkes Liedgut beigegeben – und fertig ist ein spannender Theaterabend, wie Sophie Diesselhorst findet.

Echte Synchronschwimmerinnen der Melancholie sind die Drei Schwestern von Anton Tschechow. Bei Barbara Frey am Zürcher Schauspielhaus geht es mit ihnen noch ganz lustig los, aber dann... Mehr von Valeria Heintges.

Was ist also so lustig an Friede, Freude, Eierkuchen? René Pollesch ist auf den alten Elvis Costello und die Flowerpower-Ingredienzien gekommen (Love, Peace and Understanding). Er mixt Bewährtes von Slavoj Žižek dazu und lässt den Diskurscocktail in House for Sale von einem Tschechow'schen Schwestern-Trio um Sophie Rois, von Herbstlaub umweht, an der Rampe der Berliner Volksbühne servieren. Ob's prickelte, weiß Esther Slevogt.

Zu hart studiert, und dann auch noch mit Drogen experimentiert. Johann Wolfgang Goethes Faust wird bei Claudia Bauer am Konzert Theater Bern zum faszinierenden Höllentrip, berichtet Geneva Moser.

Er schafft Theater für den geplagten Städtebewohner, er zeigt Kontaktsuche und -verlust im Zeitalter 2.0 und hat doch die Sehnsucht nach Romantik nicht aufgegeben: Der Autor und Regisseur Falk Richter kreierte seinen neuen Tanzabend für die Schaubühne Never Forever mit dem Choreografen Nir de Volff und seiner Compagnie Total Brutal. Dass es gar nicht so brutal wurde, weiß Simone Kaempf.

Das Wort "Wutbürger" ist so schnell wieder aus der Mode gekommen, wie es plötzlich im allgemeinen Sprachgebrauch gewesen war. Die Hamburger Kammerspiele könnten ihm eine kleine Renaissance bescheren, denn Harald Clemens Inszenierung von Zorn der australischen Erfolgsautorin Joanna Murray Smith lädt in Wutbürgers Wohnzimmer. Katrin Ullmann hat sich reingetraut.

"Jawohl, Herr Hauptmann", hieß es schon 1836 beim Militär. Es ist der Satz, den Georg Büchner seinen armen Schlucker Woyzeck am häufigsten sagen lässt. An den Umgangsformen scheint sich bis heute nichts geändert zu haben. Und sonst? Fragt Regisseur Leander Haußmann, der am Berliner Ensemble die Truppen aufmarschieren und negative Energie produzieren lässt. André Mumot ist beeindruckt.

Wo ist das aktuelle Krisengebiet? Ukraine? Irak? Syrien? Man kann schonmal den Überblick verlieren. Auch im Wiener Akademietheater, wo Dušan David Pařízek in seiner Uraufführung von Wolfram Lotz' Die lächerliche Finsternis globale Fragen stellt – mehr von Leopold Lippert.

Das berühmteste Liebespaar der Geschichte: 13-jährige Teenies, die fürs erste Verknalltsein gleich sterben wollen. Mit Romeo und Julia startet das Thalia Theater in die Saison. Wofür Regisseurin Jette Steckel unter anderem 40 Jungen und Mädchen auf die Bühne holt, weiß Katrin Ullmann.

Das Theater Bielefeld hat David Gieselmann gebeten, ein Stück über die Finanzkrise zu schreiben. Das Ergebnis dieses Auftrags trägt den vielversprechenden Titel Die Oppelts haben ihr Haus verkauft und wurde nun von Christian Schlüter uraufgeführt. Wie und wo es kriselt, weiß Wolfgang Ueding.

Eine Enklave pervertierten Gemeinschaftssinns, das ist Lars von Triers Filmtitelgebende Musterstadt der Bigotterie: Dogville. Nach Regisseuren wie Volker Lösch oder Karin Henkel hat sich nun Bastian Kraft dem Stoff gewidmet, und zwar in perspektivisch gebrochenen Spiegelungen. Andreas Wilink sah eine bestechende Inszenierung – und ein Kölner Bilderbuch-Ensemble.

Mit zotteligem Haar, zotigen Parodien und irrlichternden (Pop-)Theoriediskursen hat sich Patrick Wengenroth einst in der freien Szene einen Namen gemacht. Jetzt ist der Mann gestriegelt, der Bart ab und alles bereit fürs klassische Fach: Schauspielregie bei Georg Büchners regierungskritischem Lustspiel Leonce und Lena an der Berliner Schaubühne. Ob's denn gar so klassisch wurde, weiß Matthias Weigel.

Freie Gruppen international unter sich: Die niedersächsische Gruppe Frl. Wunder AG und das malawische Solomonic Peacocks Theatre haben zusammen gearbeitet. Msonkhano.de / Begegnungen.mw heißt ihr Projekt, das erprobt, wie sich etwas Gemeinsames erleben lässt – samt Glitzerfacing. Mehr von Jan Fischer.

In Wien wurde im Historischen Sitzungssaal des Parlaments gespielt. Aber Christoph MarthalersLetzte Tage. Ein Vorabend funktioniert auch in der Berliner Staatsoper, wo der Abend seit gestern läuft: Publikum auf der Bühne, mit Plastikplanen verhängter Rang, Schauspieler und Musiker zwischen den Parkettreihen. Mehr über das Projekt in Kai Krösches Rezension der Wiener Premiere.

Ein superg.... Duo bilden Nis-Momme Stockmann, amtierendes Boy-Wonder der deutschen Dramatik, und Exerzitienmeister Ulrich Rasche. Ihre Die kosmische Oktave ist ein Generalangriff auf den ganz gewöhnlichen Alltags-Zynismus, eine Theater-Schlacht zwischen Gefühl und Misere, die derzeit beim Kunstfest Weimar gastiert. Die Berliner Premiere hatte André Mumot gesehen.

Was im Theater mit behinderten Schauspielern ästhetisch und erzählerisch möglich ist, zeigt das australische Back to Back Theatre immer wieder auf großartige Weise. Ihr Stück Ganesh Versus the Third Reich tourt derzeit nochmal durch Europa und gastiert im Moment beim Theaterfestival Basel (hier die Festivalübersicht). Kai Krösche hatte den Abend bei den Wiener Festwochen gesehen.

Sich lustig machen über Die Leiden des jungen Werthers ist nicht schwer, das lernt man schon in der Schule. Aber kann Goethes Briefroman so aufs Theater gebracht werden, dass er wahrhaft lustig ist? Mitsamt bitterem Ende? Caroline Stolz macht am Theater Bielefeld die Probe aufs Exempel – mit drei Schauspielern, drei Mikrophonen, drei Perücken, einer Menge Ginkgo-Laub sowie einem Laubpuster. Mehr von Kai Bremer.

Das Theaterfestival Basel ist im Gange. Gestern liefen dort unter anderem der Iwanow des iranischen Regisseurs Amir Reza Koohestani und Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen von Sibylle Berg in der Gorki-Inszenierung von Sebastian Nübling. Zur Festivalübersicht mit allen von nachtkritik.de besprochenen Abenden.

Klingt wie ein frühes Lied der Beatles, ist aber die Unterschrift von Johann Wolfgang Goethe in Briefen an Charlotte von Stein: Your Lover Forever. Weil von Frau von Stein wiederum keine Schreiben erhalten sind, haben 14 Autorinnen Nachdichtungen der Stein'schen Briefe verfasst: Mit dabei Sibylle Berg, Justine del Corte, Kathrin Röggla. Lily Sykes hat den Briefreigen für das Kunstfest Weimar inszeniert. Das kritische P.S. setzt Frauke Adrians.

Das Jahr 1914, das Jubiläum des Weltkriegsausbruchs durchweht zurzeit vielerorts die Spielpläne der Theater. Die Perspektive des Theater-Tanz-Abends I am von Lemi Ponifasio hat allerdings Seltenheitswert. Folgt er doch den Stimmen, die aus Kaiser-Wilhelm-Land herüberschallen, aus den deutschen Kolonien im pazifischen Ozean, die damals ins globale Kriegsgeschehen hineingezogen wurden. Die Erstaufführung bei der Ruhrtriennale sah Friederike Felbeck.

Auch die Berliner Schaubühne eröffnete ihre Spielzeit gestern mit dem Ersten Weltkrieg – dem sich Regisseurin Katie Mitchell in The Forbidden Zone wiederum über die Perspektive der Frauen annähert. Wieso manche dieser Frauen in der männlich geprägten Militärgesellschaft zum Äußersten greifen mussten, sagt Hartmut Krug, der vor einem Monat die Premiere bei den Salzburger Festspielen sah.

Milo Rau hat mit seinen Arbeiten wie "Hate Radio" und "Die Moskauer Prozesse" sowohl das dokumentarische wie das politische Theater umgekrempelt. Jetzt tritt er in The Civil Wars beim Zürcher Theaterspektakel einen Schritt zurück, lässt Schauspieler Rollen in fünf Akten spielen, träufelt Musik dazu. Was das mit der vaterlosen Gesellschaft, den Salafisten und dem alten Europa zu tun hat, weiß Christoph Fellmann.

Gegen Lebensüberdruss und Langeweile hilft immer noch irgendwie Sex. Zumindest in der sehr freien "Drei Schwestern"-Adaption nach Tschechow, die Christiane Jatahy unter dem Titel What if they went to Moscow beim Zürcher Theater Spektakel zeigt. Einen Blick ins Kaltwasser-Aquarium der Generation Selfie wagte Charles Linsmayer.

Festes Schuhwerk, guten Radioempfang und Uhren, die nicht ganz auf die Sekunde genau ticken, braucht der Zuschauer auf der panoramatischen Stadtwanderung Diesseits vom Kulissenpark, die Matthaei & Konsorten für das Weimarer Kunstfest kreiert haben. Frauke Adrians stiefelte mit.

Die Ruhrtriennale hat Boris Nikitin eine riesige Maschinenhalle auf dem Gelände einer ehemaligen Zeche zur Verfügung gestellt, und was macht der Schweizer Dokumentartheatermacher? Er stellt einen engen schwarzen Kasten da hinein, in dem das Publikum seinen drei Darstellern näher kommen soll. Sänger ohne Schatten nennen sie sich – was es damit auf sich hat, wie es klingt und ob die Halle doch noch zur Geltung kommt, all das weiß Sascha Westphal.

1915, also vor fast 100 Jahren, ist Gustav Meyrinks Roman Golem erschienen, eine literarische Phantasie über die jüdische Legende vom Lehm-Wesen, das seinen menschlichen Schöpfer heimsucht. Bei den Salzburger Festspielen hat Suzanne Andrade den Text nun in Comic-Sprechblasen gegossen. Mehr von Elisabeth Maier.

Taksim-Platz, Istanbul, Sommer 2013. Sogar verfeindete Fans der Istanbuler Fußball-Clubs schließen sich zusammen, um gegen die Politik von Ministerpräsident Erdoğan zu demonstrieren. Inzwischen sind die Proteste vorbei, Erdoğan hat seine Macht gefestigt, die Verarbeitung der Niederlage findet im Theater statt: Taksim forever - #Rüyalar parkı zum Beispiel, ein Stück für Musiktheater von Kerem Can und Can Erdogan-Sus, das Eva Biringer in der Neuköllner Oper sah.

Es war DIE Entdeckung des Internationalen Sommerfestivals auf Kampnagel im vergangenen Jahr: Miss Revolutionary Idol Berserker aus Tokyo, deren krasses Sampling von Elementen der japanischen Popkultur Furore machte. Mit Noise and Darkness war die Truppe jetzt wieder da. Und der kanadische Musiker und Comiczeichner Eric San alias Kid Koala, der sein Stück Nufonia must fall zeigte. Mehr von Falk Schreiber.

Neun Akteure in malerischen Pelzen und floral gemusterten Kleidern spüren mit spröden Bewegungen alten Filmen und darin wiederkehrenden Lebensmustern nach. Alan Smithee Directed This Play ist die Choreografie des New Yorker Big Dance Theater überschrieben. Die beim Festival Tanz im August Christian Rakow sah.

Andreas Kriegenburg Menschen, die das Menschsein verlernt haben, versammelt Ödön von Horváth in seinem Weltkriegsend-Reigen Don Juan kommt aus dem Krieg. Der Theatertraumbildner Andreas Kriegenburg versammelt für sein Regiedebüt bei den Salzburger Festspielen Max Simonischek und neun starke Frauen in visuell und soundtechnisch kühnen Arrangements. Wie sich das Zusammentreffen ausnahm, weiß Reinhard Kriechbaum.

"Animalisch" wurde Igor Strawinskys wilde Ballettmusik Sacre du Printemps bei der Uraufführung empfunden. Der italienische Provokations-Regisseur Romeo Castellucci nimmt's bei der Ruhrtriennale wörtlich und wechselt die Tänzer aus. Zwar nicht gegen Tiere, aber ein tierisches Material. Was es mit Kalziumhydrogenphosphat auf sich hat, weiß Martin Krumbholz.

Verstehen Sie Farsi? Der iranische Regisseur Hamid Pourazari zeigt beim Zürcher Theater Spektakel das Stück Sâl Sâniye. Auf Farsi. Sâl Sâniye heißt jedenfalls "Sekunden wie Jahre". Und der Rest? Fragt sich Kaa Linder.

Louis Andriessens Oper De Materie wurde vor 25 Jahren von Robert Wilson uraufgeführt und seitdem kaum gespielt. Nun hat Heiner Goebbels, Bildermacher ganz anderer Art, das Werk wiederentdeckt und damit die diesjährige Ruhrtriennale eröffnet, die letzte unter seiner Leitung. Eros und Glaube, Natur und Wissenschaft verbinden sich in diesem Abend zutiefst und wundersam. Mehr von Friederike Felbeck.

Georg Trakl gehörte zu der unglücklichen Generation, die im Ersten Weltkrieg Furchtbares erlebte. Ihn führte es an den Rand des Wahnsinns und kurz darauf in den vermeindlichen Selbstmord. Der Schriftsteller Walter Kappacher hat daraus einen Text geschrieben, Der Abschied, Auftragswerk des Salzburger Young Directors Project. Der Schauspieler Paul Herwig spielt Trakls Lebens-Schlacht. Mehr darüber von Hartmut Krug.

Die schwedische Performancegruppe Poste Restante hat Freud gelesen und möchte diese Erfahrung beim Nordwind Festival in einem sozialen Experiment gemeinsam mit dem Publikum – verarbeiten? Vergessen? Verdrängen gar? Im Dock11*****Eden, einer wunderlichen Villa in Pankow, steht Civilisation and its Discontent auf dem Speiseplan. André Mumot schlug Sahne und platzierte Kiwischeiben.

Genial oder gnadenlos verstaubt? Unübertroffen oder hoffnungslos überholt? Peter Stein spaltet die Geister, wann immer er sich als Regisseur betätigt. Jetzt setzt er für die Salzburger Festspiele Franz Schuberts selten gespielte Oper Fierrabras um einen maurischen Prinzen in Szene, der am Ende zum Christentum konvertiert. Darin steckt Zündstoff, möchte man meinen. Wie Altmeister Stein dem begegnet, weiß Thomas Rothschild.

Oft hat der libanesische Theatermacher Rabih Mroué vom Krieg erzählt, meist aus subjektiver Perspektive. In Riding on a cloud, das jetzt auf Kampnagel gastiert, steht sein eigener Bruder auf der Bühne. Kai Krösche sah die Premiere in Wien.

Eine Truppe schauspielernder Musiker betritt die Szene. Der Gitarrist heißt Orpheus. Und er liebt Eurydike. Im Prinzip ist die Geschichte bekannt. Schauspiele, Opern sind auf ihrer Basis in den Jahrtausenden, die der Mythos in Europa schon kursiert, entstanden. Nun also die Version des britischen Little Bulb Theatre, die Reinhard Kriechbaum beim Young Directors Project der Salzburger Festspiele gesehen hat.

Er wolle kein Theater mehr machen, sagt der lettische Regisseur Alvis Hermanis vor geraumer Zeit. Aber Oper schon noch. Bis jetzt ist er sich treu geblieben: Mit Verdis Il trovatore inszeniert er bei den Salzburger Festspielen ein "dramma lirico". Ob und wie sich Hermanis dabei ausleben kann, weiß Reinhard Kriechbaum.

Eine Schar angehender Theatermacher hat sich beim Young Directors Project der Salzburger Festspiele auf die Suche nach (Erster Welt-)Kriegsgeschichten gemacht – unter der Anleitung des Dokumentartheaterstrategen Hans-Werner Kroesinger, ohne Google. Herausgekommen ist eine Art dicker Katalog. Reinhard Kriechbaum berichtet von seiner Reise durch 36566 Tage.

Er wirkte auf dem letzten Daft-Punk-Album mit, hält mit 27 Stunden den Dauerkonzert-Weltrekord, spielt Bach genauso wie Hiphop und Minimal Electro. Der derzeit in Köln lebende Kanadier Chilly Gonzales hat sich nun zur Inszenierung The Shadow hinreißen lassen, mit der das Internationale Sommerfestival auf Kampnagel eröffnet wurde. Ob der Gonzales-Hype gerechtfertigt ist, weiß Falk Schreiber.

Seit einigen Jahren geht es dem DV8 Physical Theatre und ihrem Gründer Lloyd Newson um die Beziehung zwischen Text und gesprochenem Wort, eine Art Dokumentartanztheater, mit Bewegungen, die sich weder dem Text unterordnen, noch artistisch über ihn hinaus gehen. Für die neue Choreografie John wurde mit Männern über Liebe und Sex gesprochen. Mehr darüber von Theresa Luise Gindlstrasser.

Ivo Dimchevs verausgabende Performances vergisst man so schnell nicht, auch sein neues Projekt ICURE bei ImPulsTanz Wien nicht, das vollmundig Heilung verspricht. Erst beschwört der Tänzer und Choreograf dort tatsächlich positive und selbstheilende Kräfte. Dann stößt er in Bereiche, in denen Kuren längst keine Lösung mehr sind. Mehr von Theresa Luise Gindlstrasser.

Ein altes Fachwerkhaus im historischen Stadtkern einer hessischen Kleinstadt: seine acht Zimmer werden für Bernhard Mikeska, Christina Rast und Yana Thönnes in ihrem Projekt Das Haus zur Bühne für jeweils einen Zuschauer. Der kann darin Geistern und Geschichten der Vergangenheit begegnen, wird in sie hineingezogen – in die Geschichte des Hauses ebenso wie in die Geschichte der kleinen Stadt oder die deutsche Geschichte an sich. Sascha Westphal sagt, wie es war.

In diesem Jahr macht Rolf Hochhuth wieder Gebrauch von dem Recht, das Berliner Ensemble zu bespielen. Hochhuth, Wühler in der deutschen Geschichte, der seit Jahren aber eher durch skurrile Skandale auf sich aufmerksam macht. Die begleiten auch diesmal sein Weltkriegsstück Sommer 14, von Torsten Münchow inszeniert. Über das theatrale Dschungelcamp aus Massen-, Hochkultur und Boulevard berichtet Esther Slevogt.

Der Erste Weltkrieg ist Thema bei den Salzburger Festspielen. Das heißt, Ernst Toller wiederzuentdecken, selbst ein Kriegsfreiwilliger, der dann in der kommunistischen Münchner Räterepublik 1919 eine führende Rolle übernahm. Solche Chance zum Neuanfang hat der kriegs- und geschlechtsgeschädigte Heimkehrer in Tollers Drama Hinkemann nicht, das der junge Regisseur Milos Lolic inszeniert hat. Mehr darüber von Michael Laages.

Oft sind es die Frauenfiguren neben dem Rampenlicht, die die Regisseurin Katie Mitchell interessieren. So auch in The Forbidden Zone: Mitchell nähert sich dem Ersten Weltkrieg durch Frauen an, deren Einfluss in der männlich geprägten Militärgesellschaft stark eingeschränkt war. Wieso manche dieser Frauen deshalb zum Äußersten greifen mussten, berichtet Hartmut Krug.

Eigentlich ist das Scheitern programmiert beim Versuch, Karl Kraus' Die letzten Tage der Menschheit zu inszenieren, diese gut 200 Szenen über die Absurdidät und Unfassbarkeit des Ersten Weltkriegs. Die Frage ist nur, auf welchem Niveau. Bei den Salzburger Festspielen ist Regisseur Georg Schmiedleitner für Ex-Burgtheater-Intendant Matthias Hartmann eingesprungen, Michael Laages hat sich das Ergebnis angeschaut.

800 Gouachen, die ihr Leben, die Flucht ins südfranzösische Exil, den Tod darstellen: das ist Charlotte Salomons Zyklus "Leben? Oder Theater?". Die Arbeiten wurden in den sechziger Jahren wiederentdeckt, ihr Leben verfilmt, auf der Documenta 2012 waren die Gouachen ausgestellt. Für die Salzburger Festspiele hat Marc-André Dalbavie nun die Oper Charlotte Salomon komponiert, Luc Bondy hat den Klang der Bilder inszeniert. Mehr darüber von Thomas Rothschild.

Der Ring des Nibelungen, in Szene gesetzt vom ewigen Volksbühnen-Zampano Frank Castorf, geht bei den Bayreuther Festspielen in seine zweite Saison. "Ein wirkliches Konzept fehlt natürlich nach wie vor", weiß dpa bereits nach dem Auftakt mit "Das Rheingold" zu vermelden, um sich dann darüber zu wundern, dass das Publikum die Aufführung trotzdem feierte. Muss wohl an den Sängern liegen, grummelt die Agentur. Wir wurden auf der Suche nach Konzepten im Vorjahr durchaus fündig. Wolfgang Behrens berichtete von Rheingold, Walküre, Siegfried und Götterdämmerung. Gestern Abend hatte nun "Walküre" seine Zweit-Premiere.

Musikalisch grundiert hat bereits Ödön von Horváth seine Geschichten aus dem Wiener Wald, als er das Stück 1931 schrieb und darin durch die Not demoralisierte Menschen zeigt. "In der Luft ist ein Klingen und Singen" lautete etwa die erste Regieanweisung. Die Bregenzer Festspiele wollten noch mehr: Für die Eröffnung hat HK Gruber das Volksstück zur Oper komponiert, die gestern im Festspielhaus von Michael Sturminger uraufgeführt wurde. Verena Großkreutz berichtet.

Ein "Triumph" des "beeindruckenden Bildertheaters" hieß es, ein "barocker Vanitas-Spaß". Aber auch: ein "kunstgewerbliches Leichtprodukt" von "monströser Naivität" mit "luxuriöser Fehlbesetzung". Über den Salzburger Jedermann schieden sich schon 2013 die Geister, und sie tun es wohl weiterhin, bei der Wiederaufnahme der Inszenierung von Julian Crouch und Brian Mertes. Werner Thuswaldner war im letzten Jahr vor Ort.

Auf den Stufen des Wormser Kaiserdoms finden seit 13 Jahren die Nibelungenfestspiele statt, die Intendant Dieter Wedel immer wieder gekonnt mit Film- und Fernsehstars zwischen Action und Literatur, Kunst und großem Kino etablierte. Nun verabschiedet er sich mit einer Adaption des dritten Teils von Friedrich Hebbels Nibelungen-Trilogie "Kriemhilds Rache": Hebbels Nibelungen - Born this way. Harald Raab hat beeindruckt das Gemetzel bei König Etzel verfolgt.

Es begann mit einer Internetseite und der Aufforderung an acht Schriftsteller (darunter Alina Bronsky, Feridun Zaimoglu und Lutz Hübner), darauf Texte über Freiheit, Arbeit, Familie und Glück zu schreiben. Die Texte konnten auch von Lesern kommentiert werden. Daraus entstand die Komödie Wir Glücksritter, die nun im Rahmen des Literatursommers Baden Württemberg im Theaterhaus herauskam. Mehr von Adrienne Braun.

Hamlet hat's nicht leicht – als Dauergrübler der Wohlstandsgeneration, der sich zum Handeln nicht entschließen kann. Ophelia aber auch nicht, findet Johanna Schall – und wertet sie in ihrer Inszenierung des Shakespeare-Klassikers zur eigentlichen Philosophin mit musikalischem Todestrieb auf. Was sonst noch geschah auf der Freilicht-Treppe von Schwäbisch-Hall, berichtet Steffen Becker.

Vor zwei Jahren brachte Herbert Fritsch den Aktionskünstler Dieter Roth mit seiner quietschbunten und zum Theatertreffen geladenen Inszenierung des Ein-Wort-Stücks "Murmel Murmel" wieder ins Gespräch. Jetzt hat sich am Schauspiel Stuttgart auch Christiane Pohle mit Hirnbonbon. Ein Dieter-Roth-Projekt dieses Allrounders und seiner Sprachspiele angenommen. Was dabei herauskam, sagt Verena Großkreutz.

Erst wurde ihre Papiersoldaten-Skulptur vorm Haus der Berliner Festspiele abgebrannt, jetzt fragte die Performance What is monumental today? des russischen Künstlerkollektivs Chto Delat nach den Hintergründen dieses Anschlags – und danach, was der Umgang mit Denkmälern über Geschichtsbegriffe erzählt. Beim Festival Foreign Affairs wohnte Esther Slevogt der Sache bei.

Was ist aus König Ubu, Alfred Jarrys Psychogramm eines ekligen Machtmenschen, herauszuholen – der sich auf den Thron putscht, um das schlechteste hervorzukehren, was im Menschen steckt? Sollte man den nicht lieber im Giftschrank lassen? Nachdem er die Open-Air-Inszenierung von Theaterhaus Jena-Leiter Moritz Schönecker gesehen hat, der Ubu und sein Volk auf Baumarkt-Brettern wüten lässt, ruft Christian Baron: Nein!

Das Leben auf hoher See mit Theatermitteln zu erforschen, darin hat die Gruppe Das letzte Kleinod Übung. In ihrer neuen Produktion Um uns herum nur nichts spielt ein Tau eine wichtige, vielleicht sogar: die Hauptrolle? Mehr von Andreas Schnell.

Wie ist dieser Film geliebt worden! Und nicht nur wegen des ewigen Pantomimen-Charmes des unvergessenen Jean-Louis Barrault – Kinder des Olymp von Marcel Carné ist auch ein Inbegriff des Theaterfilms. Jochen Schölch, rühriger Leiter des rührigen Münchner Metropol Theaters, hat das Kinomeisterwerk nun auf die Bühne zurückgeholt. Mit dabei war Cornelia Fiedler.

Ist er der neue französische Regie-Shootingstar? Julien Gosselins Inszenierung von Michel Houellebecqs Roman Les Particules élémentaires (verdeutscht: "Elementarteilchen"), im vergangenen Jahr in Avignon herausgekommen, war gestern beim Festival Foreign Affairs zu sehen. Bereits beim Münchner Festival Radikal jung sah sie Michael Stadler.

Von 1945 bis 2013 waren in Heidelberg US-Soldaten stationiert. Vor einem Jahr haben sie die Stadt schließlich verlassen. Grund genug für das Theater Heidelberg und die freie costa compagnie, dieser gemeinsamen Zeit von Amerikanern und Deutschen in dem Dokuabend Conversion_1 noch einmal nachzugehen. Wie fruchtbar die in der Turnhalle eines ehemaligen US-Hospitals präsentierte Auseinandersetzung war, sagt Thomas Rothschild.

Während in Brasilien die deutsche Elf alle Rekorde brach, saßen auf roten Kirchenbänken vor den Toren Zürichs brav Männer und Frauen getrennt und sahen Viel Lärm um nichts von William Shakespeare. Regisseur Thorleifur Örn Arnarsson folgte mit dieser Geschlechtertrennung einem alten Kirchengesetz des Kantons Aargau. Dort befindet sich das Kloster Wettingen, in dessen Hof nun im Sommer Theater gespielt wird. Elisabeth Maier berichtet.

Wie das? Angeblich ist der patagonische Stamm der Tzoolkman schon 2003 ausgestorben. Die chilenische Theatermacherein Manuela Infante bringt jedoch noch zwei seiner Mitglieder auf die Bühne. Tzoolkman? Weder Brockhaus noch Wikipedia wissen etwas darüber. Gestern war der wissenschaftskritisch und postkolonial gedachte Abend Zoo beim Festival Foreign Affairs zu sehen. Den Thomas Rothschild schon bei Theater der Welt in Mannheim sah.

Das Festival d'Avignon ist ein schwieriges Pflaster. Wenn nicht gestreikt wird, kann auch ein heftiges Gewitter einer Aufführung den Garaus machen. Denn es wird draußen gespielt. Obwohl Giorgio Barberio Corsettis Inszenierung des Kleist'schen Prinzen von Homburg kurz vor Schluss abgebrochen werden musste, genügte das Gesehene doch, um Rückschlüsse zu ziehen. Sechs Jahrzehnte nach der legendären "Homburg"-Produktion von Festivalgründer Jean Vilar sah Elisabeth Maier einen neuen Meilenstein.

Vor der Premiere haben die Streikenden noch eine performative Einlage gegeben. Dann hat Olivier Pys Einstand als Festivaldirektor mit Orlando ou l'impatience wie geplant stattgefunden. Py lässt einen Sohn nach dem Vater suchen. Die potentiellen Erzeuger, auf die er stößt, repräsentieren unterschiedliches künstlerisches Schaffen. Metatheater, wie fürs diesjährige Festival d'Avignon gemacht. Elisabeth Maier berichtet.

Es sind Faust-Wochen am Residenztheater: Nach Martin Kušejs und Johan Simons' Inszenierungen haben sich nun sechs junge Regisseure im Rahmen des Minifestivals Marstallplan mit dem Faust II-Stoff beschäftigt, in dem der sinn- und weltsuchende Gelehrte einen ziemlichen Parforceritt durch Themen und Ordnungen unternimmt. Wie die Nachwuchsregisseure da mitgehen, weiß Lea Kosch.

Könnte es Kalkül sein, die Uraufführung von Lothar Trolles neuem Stück K.O. nach zwölf Runden (Stunde der Boxer) auf den Termin der WM-Viertelfinale zu legen? So geschah es am Mainfranken Theater, wo Regisseur Sascha Bunge das kurzweilige wie monomane Sportstück in Szene gesetzt hat. Es war Kalkül!, meint Marcus Hladek.

Sie pflanzen Bäume auf Autobahnen, treten beim G8-Gipfel als Polizistenarmee in Clowns-Kostümen auf oder stürmen die Londoner Börse. Spektakulär sind die Protestaktionen der Künstler und Aktivisten vom Labor für aufständische Imagination (Labofii). Bei Foreign Affairs betreten zwei von ihnen für We Have Never Been Here Before nun erstmals eine Bühne, oder besser die Kassenhalle der Berliner Festspiele. Was das für ein Format ergab, weiß Elena Philipp.

Am vergangenen Montag hatten die Mitarbeiter des Festival d'Avignon noch beschlossen, die Eröffnung nicht zu bestreiken. Aber bereits am Mittwoch wurde die Generalprobe von "Prinz Friedrich von Homburg" unterbrochen und gestern Abend fiel dann die Eröffnungsinszenierung im Ehrenhof des Papstpalastes aus. Stattdessen wurde gegen die Reform der Arbeitslosenversicherung demonstriert. Heute Abend sollen Aufführungen stattfinden, bleibt es dabei, werden wir morgen wie geplant über Orlando ou l'impatience berichten, geschrieben und inszeniert von Festivalleiter Olivier Py, und übermorgen dann über Prinz Friedrich von Homburg.

Produktivitätsmeister Herbert Fritsch hat mal wieder zugeschlagen, diesmal in München, wo er am Residenztheater Carlo Goldonis Trilogie der Sommerfrische ein schräges Makeover verpasst und zum Musical aufbrezelt. Wie immer gibt's Körperklamauk der Edel(boulevard)klasse, diesmal mit fiesen Bräunungsstreifen. Dass die schrägen Grimassen mehr erzählen als Spaßterror, berichtet Tim Slagmann.

Angélica Liddell, die große Leidensfrau des Performancetheaters, erzählt besonders oft von der Liebe. Auch in ihrem neuen Abend bei Foreign Affairs: Tandy entführt das Publikum in eine Kirche. Mehr von Sophie Diesselhorst.

Juristerei ist eine ziemlich unpräzise Wissenschaft, das wollen Yan Duyvendaks und Roger Bernats beweisen, die in Please, Continue (Hamlet) den Mord an Polonius verhandeln. Je nach Land und dessen Strafrecht fällt der Richterspruch unterschiedlich aus. Gestern Abend wurde in Berlin bei Foreign Affairs prozessiert. Teresa Präauer sah das Ganze bereits in Wien bei den Festwochen.

Für Mashups ist der Regisseur Antú Romero Nunes bekannt, für Inszenierungen, in denen er sich alle Freiheiten herausnimmt und selten einen Vers auf dem anderen lässt. Eine Oper hat er nun erstmals inszeniert, Rossinis Guillaume Tell in Müchnen, basierend auf Schillers "Wilhelm Tell". Wie Nunes mit dem eidgenössischen Freiheitskampf und mit dem Opernapparat umgeht, berichtet Georg Kasch.

Heute wischt jeder auf seinem Smartphone, aber manche erinnern sich auch noch ans Unterwegstelefonieren aus gelben Telefonhäuschen. Genau so eins steht auf der Bühne von Das Anadigiding, zu der Rainald Grebe auch Mitglieder des Chaos Computer Clubs geladen hat. Passt bestens zusammen, sagt Jan Fischer.

Ach, Maria Stuart. Kann man Schillers Königinnendrama tatsächlich noch neue, ansehenswerte Facetten abgewinnen? Ja, man kann. Das zeigt Anne Sophie Domenz' poetische Bebilderung am Theater Bremen, die sich zauberhafter Apparaturen, Madonna-Sound und einer Wackelpuddingpyramide bedient, um über die Rolle der Frau nachzudenken. Andreas Schnell war angetan.

Drei Frauen aus drei Generationen, die Nähe und Ferne, Flucht vor- oder zueinander und damit auch den Fallout des 20. Jahrhunderts verhandeln. Brit Bartkowiak ist mit Marianna Salzmanns Muttersprache Mameloschn ein klischeefreies und selbstverständliches Familienbild gelungen, das gestern bei der Biennale in Wiesbaden gastierte. Esther Slevogt hat schon die Premiere in Berlin gesehen.

Spiralmenschen und michelinmännchenhaft ausgestopfte Körper brachte Oskar Schlemmer in den 20ern in seiner legendären experimentellen Choreografie Das Triadische Ballett am Weimarer Bauhaus auf die Bühne. Ivan Liška hat mit der Junior Company des Bayerischen Staatsballets den Abend neuaufgelegt, der derzeit an der AdK Berlin gastiert. Sabine Leucht sah die Premiere in München.

Das Residenztheater veranstaltet zum Spielzeitende Faust-Wochen. Erst trumpfte Anfang Juni Hausherr Kusej mit Teil eins der Tragödie auf. Bevor sich dann am ersten Juli-Wochenende sieben junge Regisseure Teil zwei des Dramas widmen, hat Johan Simons, eigentlich Hausherr an den benachbarten Kammerspielen, Elfriede Jelineks klaustrophobische Faust-goes-Fritzl-Variation von Faust I FaustIn and out inszeniert: mit Birgit Minichmayr als Gretchen. An der Assoziationskette gratwanderte Willibald Spatz.

Als alles schon vorbei scheint in Dantons Tod, die Revolutionäre aufs Schafott geschafft sind, kommt doch noch was. Denn dann wird getrommelt und das Vermächtnis der Französischen Revolution open-air in die Nacht gerufen. Großes Theater, sagt Matthias Schmidt.

Vor 600 Jahren fand am Bodensee ein kirchenpolitisches Großereignis statt: das Konstanzer Konzil, wo die katholische Kirche (die gerade zwei Päpste hatte) sich wieder zu einen suchte. Zum Jubiläum haben Theresia Walser und Karl-Heinz Ott das Stück Konstanz am Meer verfasst, das open-air am Originalschauplatz Elisabeth Maier sah.

Kurz nach dem eher friedfertigen WM-Spiel Deutschland gegen die USA eröffnete das Berliner Sommerfestival Foreign Affairs weniger friedlich: Mit Van den Vos gab die belgische Gruppe FC Bergmann ihre Gräuelversion der Fabel von Reineke Fuchs. Im WM-Geist präsentierten dann die Kanadier vom Neworld Theatre / Theatre Replacement ihren Debattierwettstreit Winners & Losers. Wie zahlreich die Winner hier waren, weiß Sophie Diesselhorst.

Im Eröffnungsreigen der diesjährigen Foreign Affairs in Berlin lief auch Pascal Ramberts Rosenkriegs-Schlager Ende einer Liebe vom Thalia Theater Hamburg. In Hamburg sah den Abend Falk Schreiber.

Vielleicht hilft am Ende, wenn alle Kämpfe verloren sind, nur noch die Demenz, um den Schmerz zu ertragen. Kornél Mundruczós Dementia, Or The Day Of My Great Happiness ist eine ebenso grelle wie bittere Parabel auf die Verhältnisse einer in Auflösung befindlichen Demokratie und gastiert jetzt auf der Wiesbadener Biennale. Cornelia Fiedler hat die ungarische Produktion bereits im vergangenen Herbst in München gesehen.

"Hin und her in Schatten von innerem zu äußerem Schatten". Es sind strenge, geometrisch genaue Sätze des späten Samuel Beckett, denen die britische Theatermacherin Katie Mitchell an diesem Abend nachlauscht. Mit kühlem Sinn für die inneren Zusammenhänge des Werkes von Beckett bringt sie an der Berliner Staatsoper Becketts Footfalls mit seinem Libretto für Morton Feldmans Oper Neither zusammen. Fasziniert berichtet Wolfgang Behrens.

Der kroatische Theatermacher Oliver Frljic ist für seine Wut-Mobilisierungsfähigkeiten bekannt. Kein Wunder, dass auch seine Erkundung der Ermordung des serbischen Ministerpräsidenten Zoran Dindic zu politisieren vermag. Das neue Stück Hochspannungs-Theater ist zu Gast bei der Biennale Neue Stücke in Wiesbaden, wo unter anderen Shirin Sojitrawalla sich gerne schocken ließ.

Das Theater Freiburg verabschiedet sich leise in die Spielzeitpause – mit einem halbtheatralen Porträt der anarchistischen Vormärz-Autorin Louise Aston: Mag der Thron in Flammen glühn!, in Szene gesetzt von Darja Stocker. Mehr von Jürgen Reuß.

Unterm goldenen Bühnenbogen tritt eine moderne Frau im Trenchcoat mit Teddybär im Arm auf. Anna Karenina heißt sie, wir kennen sie aus dem Roman von Leo Tolstoi. Thomas Krupa hat die berühmte wie tragische Ehe(bruchs)geschichte in der Bühnenfassung von Armin Petras inszeniert. Eine Weltmeisterschaft der Gefühle? Martin Krumbholz weiß mehr.

Was war denn das? Das Landestheater Schwaben holt Demenzkranke auf die Bühne. In Wie Nebel, der vom Fluß aufsteigt singen die älteren Herrschaften Schlager, spielen "Sommernachtstraum" und tanzen Polonaise mit dem Publikum. Verdammt gut oder schrecklich daneben?, fragt sich Willibald Spatz.

So wie das jugendliche Frischfleisch in den Casting-Shows den Fernsehbetrieb verjüngen und beleben soll, soll die Freie Szene die welk gewordenen Stadttheater botoxen. Zum Beispiel das Schauspiel Leipzig, wo das Kollektiv Henrike Iglesias mit I can be your hero baby die Bühne zum Laufsteg macht. Tobias Prüwer kann berichten.

"Das 20. Jahrhundert durch die Augen der Geheimdienste gesehen": Gestern begann das "Parallel Lives"-Festival in Dresden. Den Auftakt machte die Budapester Sputnik Shipping Company mit dem Stück Reflex, das von einem Spitzelstaat in der Irrenanstalt handelt, und sicher auch von Ungarn. Michael Bartsch ist beeindruckt.

Um europäische Dramatik geht es bei einem anderen Festival, das gestern eröffnet wurde: die Biennale Neue Stücke aus Europa in Wiesbaden. Den Anfang machte eine schwedische Aufführung von Jonas Hassen Khemiris Ich rufe meine Brüder. Shirin Sojitrawalla berichtet.

In Karte und Gebiet, Michel Houellebecqs jüngstem Roman von 2010, werden die zwei nicht eben sympathischen Hauptfiguren zum Symptom einer krankhaft selbstbezogenen, westliche Welt. Ein bitteres Buch, das Peter Kastenmüller am Zürcher Neumarkt Theater jetzt als Krimi am Pissoir erzählt. Mehr von Claude Bühler.

Der trüben Vergangenheit des Klosters Blankenburg widmet sich ein Rechercheabend der Werkgruppe2 in Zusammenarbeit mit dem Staatstheater. Ironischerweise verbot der Eigentümer den Theatermachern das längst leerstehende "Irrenhaus" zu betreten. Was nun daraus wurde, weiß Andreas Schnell.

Carmen: die exotische Unruhestifterin, die die Gesellschaft, zu der sie nicht gehört, auf den Kopf stellt. Der scheidende Intendant des Deutschen Theaters Göttingen Mark Zurmühle beging nun seinen Abschied mit ihr. Ay! Ay! Carmencita! ruft das Göttinger Ensemble, Stephanie Drees beschreibt seine Tänze.

Gestern zeigte das Theater Münster Die deutsche Ayşe – Türkische Lebensbäume, die Kai Bremer bei der Premiere sah. Das Theater Oberhausen präsentierte Simon Stones Die Orestie – über die Premiere berichtete Martin Krumbholz. Das gesamte Programm lesen Sie hier.

Bisher war es vor allem die Britin Katie Mitchell, die auf deutschsprachigen Bühnen mit Livefilmverfertigungen faszinierte. Jetzt gastiert in den Münchner Kammerspielen das Kinotheaterexperiment Helen Lawrence, erschaffen vom kanadischen Künstlers Stan Douglas, das mit einer Nachkriegs-Witwe auf Rachefeldzug geht und dabei Film Noir mit HBO-Serie mischt. Wie das Duell zwischen Theater und Film ausging, weiß Michael Stadler.

Das theater fensterzurstadt, eine der etabliertesten Gruppen in Hannovers freier Szene, hat sich der geheimen Vorliebe einer ganzen Nation angenommen: dem Dauer-Nörgeln. In Motzen Meckern Jammern, einer von Ruth Rutkowski und Carsten Hentrich inszenierten, hübsch abstrusen Bühnenstudie, wird auch die Keimzelle der Misere ausgemacht: die Familie. Gibt's was zu meckern? Stephanie Drees antwortet.

Mit der Langen Nacht der Autoren sind die Autorentheatertage zu Ende gegangen. Statt neue Theatertexte auszusuchen, hatte Juror Till Briegleb die Stücke aus zwanzig Jahren Geschichte des Festivals durchforstet. So weit, so gut. In Werkstattinszenierungen wurden die vier von ihm ausgewählten Stücke am Deutschen Theater gezeigt. Womit die Probleme angesichts dieser Form schon wieder anfangen. Mehr darüber von Eva Biringer.

Wenn das Demonstrationsrecht von Neonazis geschützt wird und die, die sich ihnen entgegenstellen, von der Polizei festgenommen werden – läuft dann etwas schief mit der Demokratie? Das fragen Lutz Hübner und Sarah Nemitz in ihrem neuen Stück Ein Exempel. Regisseur Jan Gehler hat es am Staatsschauspiel Dresden uraufgeführt und Hartmut Krug politisches Theater gezeigt.

Claus Peymann ist nicht bekannt für postdramatische Experimentierlust. Jetzt allerdings hat er Kafkas Prozess inszeniert. Frischer Wind im Berliner Ensemble? Christian Rakow hat gemessen.

Eine Saison lang hat der Regienachwuchs des Schauspiels Frankfurt in der Box gewerkelt und gewaltet und nun präsentiert die Dreier-Crew geballt die Früchte ihrer Arbeit. Drei neue Inszenierungen sind für das Regiestudio-Festival entstanden: Das Leben des Joyless Pleasure von Alexander Eisenach, Orpheus# von Ersan Mondtag und Angst (nach S. Zweig) von Johanna Wehner. Einen guten Abend erlebte Markus Hladek.

Tausendmal gehört, die Kurt-Weill-Schlager aus Bert Brechts Dreigroschenoper. Wie kriegt man die wieder flott? Mit einem V-Effekt: Sebastian Baumgarten verlegt den Mackie-Messer-Song ans Ende, setzt einen Agamben-Prolog an den Anfang und zeigt ziemlich tierische Menschlein. Verena Großkreutz ist begeistert.

Was gibt's Schöneres als die Liebe? So ziemlich alles, muss man in den Erzählungen des russischen Realisten Iwan Bunin erkennen. Der lettische Regisseur Vladislavs Nastavševs hat neun von ihnen im Abend Dunkle Alleen inszeniert, den das Festival Theaterformen zeigt. Mehr von Jan Fischer.

Jüngst mit dem Kleist-Förderpreis prämiert, jetzt bei den Ruhrfestspielen uraufgeführt: Jenny Jannowitz. Oder: Der Engel des Todes von Michel Decar ist ein irrwitziger Blick in unsere endlos beschleunigte Arbeits- und Lebenswelt. Wie Regisseurin Catja Baumann mit Decars Mobilitätskracher verfährt, sagt Sascha Westphal.

Welche Langzeitlasten die Jugoslawienkriege der Neunziger bei jenen hinterlassen haben, die damals als Kinder aus der Region flohen, davon erzählte jüngst Yael Ronens "Common Ground" am Berliner Gorki-Theater. Auf andere Weise legt jetzt Dokutheaterspezialist Hans-Werner Kroesinger im HAU nach und übersät sein Schlachtfeld Erinnerung 1914 / 2014 mit einer Fülle von Fakten zwischen 1878 und heute. Mehr von Simone Kaempf.

Gestern eröffnete das Festival Theaterformen in Braunschweig – mit Brett BaileysMacbeth-Version, die in Verdis Oper u.a. einen Kommentar zur Blackfacing-Debatte einflicht, mit der Bailey 2012 anlässlich seines Berliner Gastspiels mit "Exhibit B" konfrontiert wurde. Teresa Präauer besprach den Abend kürzlich bei den Wiener Festwochen.

Kevin Rittbergers Stück plebs coriolan ist keine simple Neuschreibung von Shakespeares "Coriolan" – im Zentrum des Stücks stehen nicht die Machthaber, sondern die Plebs, die besitzstandslose Masse. Gestern gastierte Rittbergers Eigenuraufführung vom Schauspielhaus Wien, die Kai Krösche besprach, bei den DT-Autorentheatertagen in Berlin. Zur Festivalübersicht geht's hier.

Europa prallt auf Afrika, barocke Pracht auf die farbintensiven Anzüge der Sapeurs, jener kongolesischer Dandys, die man häufig in den Armenvierteln trifft. Und zwar tänzerisch wie musikalisch in Coup Fatal, ein Abend, den der Countertenor Serge Kakudji, der Choreograf Alain Platel sowie die Musiker Fabrizio Cassol und Rodriguez Vangama für die Wiener Festwochen erdacht haben. Mehr von Kai Krösche.

Gestern gastierte der Mülheim-Sieger bei den Berliner Autorentheatertagen am Deutschen Theater: Und dann von Wolfram Höll, uraufgeführt von Claudia Bauer. Bei der Premiere am Schauspiel Leipzig war Ute Grundmann zugegen. Zur Festival-Übersicht der Autorentheatertage geht's hier.

Der ukrainische Autor Dmytro Ternovyi hat bereits 2012 sein Stück Hohe Auflösung geschrieben, das die späteren Proteste auf dem Maidan-Platz vorwegnimmt. Im Zentrum steht ein Künstler, der erst nur mit der ukrainischen Bürokratie kämpft, sich dann aber aus den Ereignissen am Maidan nicht mehr heraushalten kann und will – und dort schließlich auch auftritt. Wie Regisseurin Mina Salehpour das in Karlsruhe inszeniert, weiß Hartmut Krug.

Eine Haushälfte auf der Bühne, ein Eigenheim, an dem sich in René Polleschs wirklich wunderbarem Abend Gasoline Bill, zu Gast bei den Autorentheatertagen, ein Diskurs um Sein und Schein, um Denken und Handeln entzündet. Matthias Weigel sah die Premiere in München. Zur Festival-Übersicht der Autorentheatertage geht's hier.

Gestern war bei den Autorentheatertagen am Deutschen Theater Thomas Dannemanns Inszenierung Soldaten zu sehen. Sie entstand auf der Basis des gleichnamigen Buches des Historikers Sönke Neitzel und des Sozialpsychologen Harald Welzer, die Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben, die Gespräche deutscher Kriegsgefangener des Zweiten Weltkrieges versammelt haben. Jan Fischer sah die Premiere in Hannover.

Die Kölner Keupstraße wurde vor zehn Jahren unrühmlich bekannt, als vor einem Friseurladen eine Nagelbombe explodierte. Heute weiß man, dass die NSU-Terroristen Böhnhardt und Mundlos die Bombe deponierten. Damals aber wurde im Umfeld der Opfer ermittelt, die dies als zweiten Anschlag empfanden und in dem Projekt Die Lücke von Nuran David Calis nun mit auf der Bühne sitzen. Mehr von Sascha Westphal.

Juristerei ist eine ziemlich unpräzise Wissenschaft, das wollen Yan Duyvendaks und Roger Bernats beweisen, die in Please, Continue (Hamlet) den Mord an Polonius unter echten Bedingungen verhandeln. In fünf Ländern mit unterschiedlichem Strafrecht wurde der Gerichtsprozess bisher abgehalten. Wie der Richterspruch bei den Festwochen in Wien ausfiel, weiß Teresa Präauer.

Kreativität oder Widerstand, heißt die Frage, die Künstler und Theoretiker beim Vagabundenkongress stellen, den das Theater Rampe nach einem historischen Vorbild veranstaltet. Mit dabei für uns in der "Herberge für alle": Elisabeth Maier.

Was Pferde können, können Autos schon lange, scheint sich das Theaterkollektiv mercimax gedacht zu haben. Mit seinem Autoballett setzt es dem in ökologisch korrekten Kreisen geschmähten PKW ein Denkmal und reißt nebenbei ein paar Vorurteile ein. Julia Stephan ist eingestiegen.

Die Zeit scheint mal wieder stehen zu bleiben in der Marthaler-Inszenierung Das Weisse vom Ei, die bei den Autorentheatertagen bestens ankam. Auch wenn man sich fragen muss, warum das auf einem Festival läuft, das sich zeitgenössische Dramatik auf die Fahnen schreibt. Die Premiere in Basel sah für uns Kaa Linder. Zur Festival-Übersicht der Autorentheatertage geht's hier.

Happy End? Das hatte Fassbinder in Angst essen Seele auf nicht vorgesehen für die Putzfrau Emmi und den Einwanderer Ali. Wegen des Alters- und Kulturunterschieds, wegen der Nachbarn, die keine Ruhe gönnen. Am Maxim Gorki Theater schließt mit Hakan Savaş Micans Inszenierung eine bemerkenswerte Spielzeit ab. Und die Schauspieler gehen erhobenen Hauptes durch eine scheinbar unversöhnliche Geschichte. Mehr von André Mumot.

Unter der Erde heißt noch lange nicht, aus der Welt zu sein. Thomas Melle lässt in seinem neuen Stück Nicht nichts nach dem Tod einer Dramatikerin die Emotionen hochkochen. Was in Maria Viktoria Linkes Uraufführungs-Inszenierung am Landestheater Tübingen als bissiger Kommentar auf den Kulturbetrieb hervorragend funktioniert, findet Steffen Becker.

Wie inszeniert man Geschichte? Wer kann, wer soll wessen Geschichte erzählen? Beim Festival Theater der Welt sind das virulente Fragen, für die es bereits einiges Anschauungsmaterial gab. Der israelische Dramatiker und Regisseur Yonatan Levy hat nun mit Saddam Hussein – A Mystery Play eine besonders aberwitzige Antwort gefunden. Esther Boldt berichtet.

Schon die Ankündigung, dass die Kammerspiele "Menschen mit Migrationshintergrund" suchten, die "Theaterzuschauer durch ein migrantisch geprägtes Viertel" führen, sorgte für Aufregung. Drohte eine "Migranten-Safari"? Nun ist Dries Verhoevens Niemandsland tatsächlich realisiert worden. Mit auf die Safari ging Tim Slagman.

Vier Legislaturperionen lang war Helmut Kohl deutscher Bundeskanzler, bis er 1998 abgewählt wurde. Aus Erinnerungsfetzen, Zitaten, Machtkarikaturen setzt sich Nolte Decars Helmut Kohl läuft durch Bonn zusammen, das bei den Autorentheatertagen am DT Berlin gastierte. Sascha Westphal sah schon die Premiere.

Habe nun ach – ja, was eigentlich? Der Grübler jedenfalls scheint bei Martin Kušejs Faust-Inszenierung am Residenztheater nicht im Mittelpunkt zu stehen, sondern ein Vollbluttyp zwischen Fight Club und Sexorgie, der dank Einschüben aus "Faust II" schließlich zum Großkapitalisten wird. Immer mit dabei: sein weiblicher Mephisto. Und das ist Bibiana Beglau. Wie das aufgeht? Isabel Winklbauer kann berichten.

Stoffbahnen führen ins Bodeninnere: Geburtsnabel oder Todes-Vorraum? Von Mark Lammert stammt das Bühnenbild, Ivan Panteleev hat Becketts Warten auf Godot inszeniert, Samuel Finzi und Wolfram Koch spielen – Die Gotscheff-Family also, die hier ganz im Geiste des Meisters die Zeit versiegelt. Andreas Wilink ist weh-froh.

Eine Wetterstation auf der Krim im Revolutionsjahr 1917, eine Wohnung im Moskau von heute. Das Stück Tag der weißen Blume des russischen Dramatikers Farid Nagim verschränkt die Zeiten, sieht Gegenwart als Geisel der Vergangenheit. Stephan Kimmigs Inszenierung eröffnete die Autorentheatertage am Deutschen Theater. Mehr von Christian Rakow.

In einer Kriegszeit leben" heißt der Text der libanesischen Autorin und Malerin Etel Adnan, den Corinna Harfouch zur Grundlage ihres crossovernden Tanztheaterabends Dreizehn Drei Dreizehn bei den Ruhrfestspielen macht. Martin Krumbholz ist beeindruckt.

Zwei Texte führt diese Doppelpremiere zusammen, deren Teile unterschiedlicher nicht sein könnten. In My love was a ghost von Jörg Albrecht taucht Effi Briest als Videomarionette auf, Angst reist mit von Sibylle Berg führt in ein Insel-Idyll, wo, oh Schreck, gar kein Ureinwohner-Elend zu besichtigen ist. Mehr von Ute Grundmann.

Spiralmenschen und michelinmännchenhaft ausgestopfte Körper – die brachte Anfang der 1920er Jahre Oskar Schlemmer in seiner legendären experimentellen Choreografie Das Triadische Ballett am Weimarer Bauhaus auf die Bühne. Als Sinnbilder des Menschen im Zeitalter der Maschinen. Ivan Liška hat mit der Junior Company des Bayerischen Staatsballets den Abend neuaufgelegt und aufpoliert. Mehr von Sabine Leucht.

Dürfen Jean Genets im Jahr 1958 für eine rein schwarze Schauspiel-Truppe entstandene "Les Nègres" im Deutschen Die Neger heißen? Die Debatte hatte sich schon vor der Premiere von Johan Simons' Inszenierung bei den Wiener Festwochen entsponnen. Regisseur Simons antwortet jetzt mit einem hochkarätig besetzten schwarz-weißem Schatten- und Maskenspiel und nuanciert das Ganze mit Graustufen. Reinhard Kriechbaum berichtet.

George Taboris Mein Kampf ist ein ausgedehnter jüdischer Witz, der gerade deshalb funktioniert, weil er über dem Abgrund der Vernichtung schwebt. Was Hitler mit Toastbrot und Nutella zu tun hat, zeigt Daniela Löffner nun am Staatstheater. Jan Fischer war dabei.

Das Reich eines Großunternehmens ähnelt einer Kleinstadt. Die SAP AG hat auch ein hauseigenes Sinfonieorchester, deren Musiker bei der SAP–Tour von X-Firmen bei Theater der Welt spielen. Aber auch Chris Kondek, Barbara Ehnes oder machina eX bespielen die Zentrale in Walldorf, mehr von Grete Götze.

Ein wahrhaft gruseliger Frauentausch findet statt in Hikedi Nodas Stück The Bee, in dem er selbst eine japanische Variante von Clint Eastwood spielt. Dem Entführer wird Tee serviert und mehr als ein Kinderfinger auf den Postweg gebracht. Die surreale Miniatur der Gewalt tourte schon von New York bis Jerusalem. Nun gastiert sie bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen – und ist zugleich unangenehm und unterhaltsam anzusehen, findet Friederike Felbeck.

2003 ist die letzte Angehörige des patagonischen Stammes der Tzoolkman verstorben. Dachte man. Doch nun bringt die chilenische Theatermacherein Manuela Infante in ihrer Inszenierung Zoo bei Theater der Welt noch zwei weitere Mitglieder dieses Volkes auf die Bühne. Komisch nur, dass weder Brockhaus noch Wikipedia etwas von den Tzoolkman wissen … Wie politisches, wissenschaftskritisches und postkoloniales Theater heute aussehen kann, weiß Thomas Rothschild.

In Theaterkreisen ist sein Name derzeit in aller Munde: Simon Stone, 29jähriger Regieshootingstar aus Australien, im vergangenen Jahr bei den Wiener Festwochen, bald Hausregisseur in Basel, jetzt bei Theater der Welt in Mannheim zu Gast – mit dem drastisch vergegenwärtigten Psychoschocker Thyestes frei nach Seneca. Was auf der Schlachtplatte dargeboten wurde, sagt Stefan Schmidt.

Dass ihre unerfüllten Sehnsüchte den Tschechow-Figuren zur Quasireligion werden, lässt sich leicht behaupten. Aber Jan Bosse macht in seiner Möwe-Inszenierung am Burgtheater daraus ein großes Spiel mit Illusionen und Projektionen, das Kai Krösche begeistert.

Gleichheit, Diktatur, Terror? Dostojewskijs Dämonen-Roman von 1873 ist ein endzeitstimmriger Totentanz, durch den die Ideen einer neuen Gesellschaft huschen. Was Friederike Heller dazu am Staatsschauspiel Dresden einfällt, beschreibt Hartmut Krug.

Ein Physikprofessor doziert in Nis-Momme Stockmanns neuem Stück Phosphoros über das Wesen der Zeit. Wie diese Hauptfigur scheint auch der Dramatiker danach zu forschen, was die Welt im Innersten zusammenhält. Anne Lenk hat das Stück bei den Ruhrfestspielen uraufgeführt. Mehr von Martin Krumbholz.

Ach, ist das süß! Und dazu noch ein garantierter Erfolg. Der französische Theaterkünstler Philippe Quesne lässt in seiner neuen Produktion Next Day eine Horde Kinder die (Bretter, die die) Welt (bedeuten) erobern. Mit Special Effects: Schaumstoffburg, schönem Neonlicht und Johnny-Cash-Musik. Das Premierenpublikum bei "Theater der Welt" in Mannheim jubelte, Harald Raab ruft zur Räson.

"Gerichtstag halten über das eigene Ich" hat Henrik Ibsen einmal von sich als Künstler gefordert. Ibsens Altersdrama Baumeister Solness über einen abtretenden Revoluzzer hat nun Regisseur Frank Castorf an der Volksbühne inszeniert – auch ein nicht mehr junger Wilder im besten Solness-Alter. Die Parallelen liegen auf der Hand, aber Castorf zeigt uns die lange Nase. Mehr von Wolfgang Behrens.

Molly ist blind, aber zufrieden in ihrem Leben – das ändert sich, als ihr Mann und ein ehrgeiziger Arzt ihr das Augenlicht zurückverschaffen. Im Stück des irischen Dramatikers Brian Friel Molly Sweeney ist Sehen das Gegenteil von Verstehen. Philipp Becker hat es bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen inszeniert. Über den Angriff auf die Sinne berichtet Sascha Westphal.

Einen ziemlich modernen Anti-Helden schickt Michail Lermontow durch seinen einzigen vollendeten Roman Ein Held unserer Zeit. Die junge Regisseurin Kateryna Sokolova hat am Schauspielhaus aus dem Stoff jetzt ein Kammerspiel gemacht. Ob das gutging, weiß Julia Stephan.

Brett Bailey hat mit Arbeiten wie "Exhibit B" für eine breite Diskussion und ein produktives Aufflackern der Blackfacing-Debatte gesorgt. Jetzt bringt der südafrikanische Regisseur Macbeth nach Mitteleuropa, wo Verdi gesungen und vom Krieg im Kongo erzählt wird, von Investoren und Invasoren. White-Facing gibt's auch. Erste Station sind die Wiener Festwochen, von wo Teresa Präauer berichtet.

Wenn man vom Hamsterrad des Kapitalismus reden will, bietet sich die Metapher des 24-Stunden-Supermarkts an. In Super Premium Soft Double Vanilla Rich parodiert Toshiki Okada die Segnungen des Konsums. Die Uraufführung bei Theater der Welt sah Esther Boldt.

WassaVerwandtschaft auf der Seite ganz dunkler Kräfte, so lässt sich Maxim Gorkis Drama Wassa Shelesnowa beschreiben, das gerade von den Bühnen wiederentdeckt wird. Michael Talke inszeniert es in rücksichtsloser Geisterhaftigkeit der Gefühle, sehr konsequent, sehr überzeugend, findet Stefan Schmidt.

Wenn der Chor spricht, dann am liebsten in Zahlen: 67 Prozent denken bei Chrysothemis an Blumen, 60 Prozent finden, Demokratie ist langweilig. Die Kraft der Mehrheit steht in Thomas Oliver Niehaus' Elektra-Inszenierung dem Individuum gegenüber, Elektra, die derartige Geschichtsvergessenheit höhnt. Mehr von Jens Fischer.

Der libanesische Künstler und Theatermacher Rabih Mroué hat oft vom Krieg erzählt, meist aus einer subjektiven Perspektive. Auch in Riding on a cloud, ein Abend, der seine europäische Festivaltour bei Theater der Welt fortsetzt. Dort steht Mroués Bruder auf der Bühne. Kai Krösche sah den Abend bei der Premiere in Wien.

Quälend und bierernst sind die drei bzw. fünf Stunden in Ingmar Bergmans Szenen einer Ehe. Jan Bosse sowie seine grandiosen Darsteller Astrid Meyerfeldt und Joachim Król rücken dem länglichen Kammerspiel mit Tempo und demaskierender Komik zuleibe, die Inszenierung gastiert derzeit bei den Ruhrfestspielen. Mehr von Verena Großkreutz.

Im Oktober 2013 sterben vor Lampedusa 366 Flüchtlinge – und Europa schaut nur halbherzig hin. Elfriede Jelinek verleiht diesen und anderen Schutzsuchenden in ihrem neuesten Stück Die Schutzbefohlenen eine Stimme. Doch wer spricht nun, wenn Schauspieler das auf die Bühne bringen? Wie Jelinek-Spezialinszenator Nicolas Stemann bei der Festivaleröffnung von Theater der Welt in Mannheim mit dem Text ringt, beschreibt Esther Boldt.

Ohne Coltan und Tantal kein Smartphone. Abgebaut werden die Rohstoffe unter gefährlichen Bedingungen in zentralafrikanischen Minen. Dieses Thema umkreist Roland Schimmelpfennig in SPAM – Fünfzig Tage, das er am Hamburger Schauspielhaus selbst in Szene setzte. Das magisch angehauchte Passionsspiel betrachtete Michael Laages.

Der russische Regie-Wunderknabe Konstantin Bogomolov mischt die Wiener Festwochen mit einer krachenden Portion Humor auf: "Pulp fiction" war einmal, jetzt kommt Stavangera (Pulp People). Reinhard Kriechbaum hat selten so gelacht.

Ab der kommenden Spielzeit wird Markus Dietz neuer Oberspielleiter in Kassel. Mit einem bildstarken Macbeth, in dem es gewaltig blutet und leuchtet, setzt er aber schon jetzt eine Marke. Andreas Wicke sah zu.

Die Schweiz hat jetzt ihr eigenes Theatertreffen – und zeigte zur Eröffnung in Winterthur eine Inszenierung, die – na sowas! – auch beim Berliner Theatertreffen zu sehen war: Karin Henkels Zürcher Abend Amphitryon und sein Doppelgänger, den Ewa Hess zur Premiere im vergangenen September besuchte.

Wie stark ist der menschliche Herdentrieb? Wie willig (oder unwillig?) trottet eine Menge einem charismatischen Führer hinterher? Diese Faschismus-Reflexionen aus Thomas Manns Novelle Mario und der Zauberer geht Regisseur Tilmann Köhler in Stuttgart kühn an: Er manipuliert mit seinem Solo-Virtuosen Paul Schröder schamlos das Publikum. Und auch Nachtkritiker Steffen Becker kam nicht ungeschoren davon.

Wie geht es unseren Spitzenpolitikern miteinander? Juli Zeh und Charlotte Roos klären die Koalitionsverhältnisse in ihrer therapeutischen Familienaufstellung Mutti, die Weimars Intendant Hasko Weber bei den Ruhrfestspielen zur Uraufführung bringt. Hartmut Krug war im Ruhrpott.

Mit gleich zwei Uraufführungen zeigte sich die belgische Needcompany beim Figurentheaterfestival Fidena und brachte Holzkisten und sperrige Titel mit: The Ohno Cooperation Conversation und What do you mean what do you mean and other Pleasantries. Auf Stefan Keim wirkten die Performer Jan Lauwers und Maarten Segher wie Beckett-Figuren, denen man den Text weggenommen hat.

Sean O’Casey sei ja noch penetranter als Shakespeare, hat Peter Zadek einmal gesagt: Von einer Sekunde zur nächsten werde umgeschaltet von der Tragödie zum Schwank und umgekehrt. Guter Stoff also für Sebastian Hartmann, der mit just diesen Mitteln immer wieder gern ans Existenzielle rührt. Bei den Ruhrfestspielen hat er O'Caseys Stück Purpurstaub inszeniert. Andreas Wilink sagt, wie es funktionierte.

Es ist der letzte Teil des Mammutprojekts "Die Welt ohne uns" am Schauspiel Hannover: In Po.W.E.R. erzählen die Roboter, wie und warum es mit uns zu Ende ging. Der eigentliche Trumpf aber ist der Raum, findet Jan Fischer.

Der junge Österreicher Thomas Köck ist der erste Träger des Osnabrücker Dramatikerpreises. Daran ist auch die Uraufführung des Stücks geknüpft. Und so hat Gustav Rueb die geschichtsphilosophische Farce Jenseits von Fukuyama auf die Bühne gebracht. Tim Schomacker berichtet.

Das Theatertreffen endet heute, gestern gab's die letzte Festival-Premiere: Die Geschichte von Kaspar Hauser vom Schauspielhaus Zürich, erzählt von Alvis Hermanis. Der Star des Abends: ein weißes Pony. Mehr im TT-Shorty von Anne Peter.

Mit René Polleschs Abend Gasoline Bill wurde gestern der Wettbewerb um den Mülheimer Dramatikerpreis eröffnet. Matthias Weigel sah schon die Münchner Premiere. Hier die Übersicht zu allen eingeladenen Stücken.

Am Staatsschauspiel startete gestern abend das 1. Internationale Bürgerbühnenfestival – mit 13 professionellen Produktionen mit Laien aus 8 europäischen Ländern. Es begann mit Die letzten Zeugen vom Burgtheater. Das Teresa Präauer schon nach der Wiener Premiere besprochen hat.

Seit dem 7. Mai läuft das Theaterfestival für zeitgenössische Dramatik auawirleben. Gestern war dort Sebastian Nüblings Sibylle-Berg-Abend Es sagt uns nichts, das sogenannte Draußen zu sehen. Christian Rakow besprach bereits die Berliner Premiere.

Was fängt man heute mit Maxim Gorkis alter Kamelle über eine vom Kapitalismus aufgefressene Familie an: mit Wassa Schelesnowa? Jetzt, wo dieser Kapitalismus doch nicht, wie man zu Gorkis Zeiten und auch lange danach noch dachte, gestorben ist. Am Deutschen Theater hat Stephan Kimmig sich gemeinsam mit einer Top-Schauspielerliga das Drama von 1910 neu angeschaut. Das Ergebnis hat Nikolaus Merck gefallen.

Die Bühne sieht wie eine riesige Tonne aus. Vielleicht ist es auch ein Tunnel, der statt ins Freie in bewegte Bilder führt. Tolle Albtraumbilder sind es, mit denen Stefan Pucher in den Kammerspielen seine Version von Jean Genets Die Zofen umgeben hat. Und die Willibald Spatz gerne immer wieder angehalten hätte.

Zur Eröffnung der Bayerischen Theatertage fährt das kleine Theater Erlangen mit Dantons Tod einen großen Stoff auf. Und siehe da, es funkt, wenn Mario Portmann mit aufgestocktem Ensemble und hinzuerfundener Büchner-Figur den Revolutionsrocker auf seinen Erfinder treffen lässt. Mehr von Dieter Stoll.

Ehefrau oder Geliebte? Deutschland oder Frankreich? René Schickele, schrieb zu Beginn des 1. Weltkriegs Hans im Schnakenloch, dessen Protagonist sich entscheiden soll – und so die Zerrissenheit einer ganzen Region porträtierte. Ingo Putz und Boris Brandner haben das Stück in Baden-Baden ausgegraben, Harald Raab war dabei.

Soldaten, die nicht im Kampf sterben sondern in der Kaserne: um die geht es in Schildkrötensoldat von Melinda Nadj Abonji. Die Baseler Hausautorin, 2010 mit Buchpreisen hochdekoriert, sammelte Fälle, in denen Soldaten von ihren eigenen Leuten in den Tod getrieben werden. Patrick Gusset inszenierte die Uraufführung, Elisabeth Maier sah zu.

Mann ist Mann von Bertolt Brecht handelt von der Zurichtung des Menschen: zum willigen Instrument für welches System auch immer. Im Schloßtheater hat nun Philipp Preuss den Stoff neu vermessen. Und auf die Tarnanzüge der Soldaten Bilder einer Moerser Hecke gedruckt. Sascha Westphal weiß mehr darüber.

Der Schweizer Friedrich Glauser gilt als einer der ersten deutschsprachigen Krimiautoren. Nach einem zerrütteten Leben starb er 1938 im Alter von 42 Jahren. Das psychiatrische Umfeld, in dem er seinen Kriminalroman Matto regiert angesiedelt hat, kannte er aus eigener Anschauung. Im Schauspielhaus hat Sebastian Nübling die Sache nun auf die Bühne gebracht. Claude Bühler berichtet.

Ödön von Horváths Romanerstling "Sechsunddreißig Stunden" über eine Vertreterin der Lost-Generation nach dem Ersten Weltkrieg ist erst Jahrzehnte nach seinem Tod erschienen. Im Theater in der Josefstadt hat Fabian Alder daraus nun Die Geschichte vom Fräulein Pollinger destiliert. Zur Zuschauerfreude von Reinhard Kriechbaum.

Der libanesische Künstler und Theatermacher Rabih Mroué hat oft vom Krieg erzählt, meist aus einer subjektiven Perspektive. Auch in Riding on a cloud, ein Abend, der seine europäische Festivaltour jetzt bei den Wiener Festwochen begann. Dort steht Mroués Bruder auf der Bühne, der nach einem Kopfschuss sich Erinnerung und Sprache neu erarbeiten musste. Kai Krösche ist beeindruckt.

91 Jahre ist er alt und verpasst nie eine seiner Aufführungen: der französische Regisseur Claude Régy. Am Eröffnungswochenende der Wiener Festwochen zeigte er seine in Japan erarbeitete Inszenierung Intérieur nach dem großen Symbolisten Maurice Maeterlinck, ein ursprünglich für Marionetten erdachtes Stück. Bei Régy wird es zum abstrakten Spiel aus Licht und Stille. Theresa Luise Gindlstrasser berichtet.

Das angepasste Leben ist vorbei, die Farce der Bürgerlichkeit ausgespielt. So geht es, wenigstens gefühlsmäßig, den beiden Heldinnen in den Frauen-Novellen Die Marquise von O... und Drachenblut von Heinrich von Kleist und Christoph Hein. Stuttgarts Schauspielchef Armin Petras hat beide Prosaexte zusammengespannt und mit zwei Hochenergiespielerinnen besetzt: Fritzi Haberlandt und Astrid Meyerfeldt. Wie das Doppel gelang, weiß Verena Großkreutz.

Jeder mit jedem, Drogenexperimente, basslastige Beats, zu denen sich die Elfen räkeln – Christina Paulhofer hat Shakespeares Kreuz-und Quer-Liebesgeschichte Sommernachtstraum ins zeitgemäße Nachtleben versetzt. Und Bochum jubelt ihr zu. Mehr von Friederike Felbeck.

Große Momente beim Theatertreffen: Eine Woge des Jubels schwappte durch den Saal. Der Anlass: Müllhalden-Tänze und Menschenkenntnis in Tauberbach von Alain Platel. Im TT-Shorty stimmt Mounia Meiborg in den Jubel ein.

In der alten Bundeshauptstadt schaut man rund um den Jahrestag der deutschen Kapitulation noch mal zurück: wie alles anfing sozusagen. Damals im 19. Jahrhundert, als mit der Idee der Demokratie auch der Nationalismus geboren wurde. Waffenschweine haben Volker Lösch und Nicola Bramkamp ihre Auseinandersetzung mit den deutschen Burschenschaften genannt. Mehr von Sascha Westphal.

Wir haben sie schon oft gesehen, Henrik Ibsens Nora. Aber haben wir sie je mit einem Schafskopf erblickt? Einen solchen hat ihr am Schauspiel Frankfurt Michael Thalheimer aufgesetzt. Shirin Sojitrawalla kann es bezeugen.

Die Tochter hat mit einem Liebhaber…, also …, also: Das ruft nach Ehrenmord! Bloß wie stellt man's an? Ibrahim Amirs bitterböse Parallelgesellschaftskomödie Habe die Ehre hat Stefan Bachmann in Köln zur deutschen Erstaufführung gebracht. Martin Krumbholz war dabei.

Tiefschwarz sind die Geschichten zweier Kriegskinder, die Ágota Kristóf in ihrem Roman "Das große Heft" erzählt. Mit The Notebook bringen die britischen Erzähltheaterveteranen Forced Entertainment sie jetzt auf die Bühne des PACT Zollvereins, und zwar zartgrau mit einem Schuss bordeauxrot. Friederike Felbeck hat zugehört.

Delete oder keep? Angesichts von Ex-Freunden, LoL-Antwortern oder ewigen Katzenbild-Postern, kann man sich diese Facebook-Frage schon stellen. Brian Lobel hat für die Performance Purge 1300 Facebook-Kontakte als Ausgangsmaterial genutzt. Über seine Reinigungsaktion beim Festival auawirleben berichtet Geneva Moser.

Um Überforderung durch Gleichzeitigkeit ging es James Joyce in seinem Roman Ulysses, der im Jahr 1904 spielt, lange vor der Erfindung des Smartphones. Marat Burnashev und Swantje Basedow gehen ihr Joyce-Projekt von zwei Seiten an, im Netz und auf der Bühne. Eva Biringer war bei der Premiere am Berliner Ballhaus Ost.

Das Schicksal von Anne Frank und ein Dinner-Arrangement im Theater – geht das zusammen? Darf's nicht auch ein bisschen kommerziell sein? Schon im Vorfeld gab es Geschmacks-Diskussionen über Anne, das Stück (bzw. die Show?) von Jessica Durlacher und Leon de Winter, für das in Amsterdam eigens ein hochmodernes Theater gebaut wurde. Zur Premiere war der König da. Und Elske Brault.

Von den Kulturschaffenden lernen heißt siegen lernen. Denn da herrschen Ausbeutungsverhältnisse, die jedes Stadttheater locker kompatibel mit sauber neoliberal aufgestellten Industriebetrieben machen. Das und noch viel mehr verhandelt Oliver Kluck in seinem neuen Stück Der Hund des alten Mannes, das Marie Bues am Theater Rampe uraufgeführt hat. Kathrin Kipp war dabei.

Vor zwei Jahren hat die Dramaturgin Anita Augustin einen kolossal witzigen Roman herausgebracht, dem alleine seines Titels wegen die Kalauer-Krone gebührt: Der Zwerg reinigt den Kittel. Bei den Ruhrfestspielen hat Bettina Bruinier nun die Bühnenfassung uraufgeführt. Ob der Zweck die Mittel heiligte, weiß Hartmut Krug.

Wenn Frank Castorf von München nach Berlin reist: Wie sich seine Residenztheater-Inszenierung von Louis-Ferdinand Célines Reise ans Ende der Nacht beim Theatertreffen-Gastspiel ausnahm, steht im TT-Shorty von Christian Rakow.

Scheiße und Gold, das gehört einfach zusammen. Das schöne Gegensatzpaar inspirierte schon viele Werke der bildenden Kunst. Und eigentlich trennt beides immer nur eine sehr schmale Grenze. Auf welche Seite die Künstler-Kings in Nora Abdel-Maksouds neuem Stück am Ballhaus Naunynstraße gehören, weiß Eva Biringer.

Fegefeuer in Ingolstadt, das vierte Theatertreffen-Gastspiel, hat zwar eine bayerische Stadt im Titel, und die Inszenierung von Susanne Kennedy stammt von den Münchner Kammerspielen. Die Uraufführung 1924 fand aber in Berlin statt. Wie dort nun das Gastspiel ankam, weiß Esther Slevogt.

Samuel Becketts Texte sind zeitlos schroffe Inseln. Eine Reise in jenen Verzweiflungs-Kosmos des Ekels, des Hasses und des sardonischen Lachens ermöglichen jetzt die Ruhrfestspiele Recklinghausen mit zwei Beckett-Adaptionen des Dubliner Gate Theatre im Theater Marl: Eh, Joe / I'll go on. Mit dabei auch der Ire Barry McGovern, der im englischsprachigen Theater als der ideale Beckett-Darsteller gefeiert wird – zu Recht, wie Sascha Westphal findet.

In Mars Attacks! sind die grünen Männchen böse. Die Erdlinge wollen's nicht wahr haben, deshalb werden sie gekillt. Wer darf auf der Bühne die guten, aber doofen Erdlinge, wer die smarten, aber bösen Marsianer spielen? Das Helmi und das Theater Hora stritten sich darum in der Roten Fabrik, Julia Stephan hat's gesehen.

Das dritte Theatertreffen-Gastspiel kommt aus Stuttgart: Robert Borgmann brachte dort Onkel Wanja mit Auto-Ballett und unter einem Lichtstern auf die Bühne. Wie das in Berlin ankam, sagt Georg Kasch.

Erst macht sich der Mensch nackt: die Hüllen fallen, je ängstlicher die Bürger die Ankunft des Revisor erwarten. Dann wird die implodierende Poesie von Sarah Kanes 4.48 Psychose in Video-Projektionen transformiert. Stadt der Angst nennen Marcus Lobbes und Kay Voges das Triptychon aus drei Stücken, das Gefühlsinnenwelten bis ins Digitale übersetzt. Mehr darüber von Friederike Felbeck.

Soeben eröffnete der israelische Regisseur Eyal Weiser noch das Radikal jung-Festival am Münchner Volkstheater. Jetzt bringt er dort mit Nystagmus – Eine große deutsche Kunstausstellung seine erste Arbeit außerhalb Israels heraus, wie sich das ausnahm, beschreibt Sabine Leucht.

Das mit den Nullen und Einsen ist doch überholt, sagt die Quantenphysik. Wir sind nicht determiniert, alles ist Zufall. Dirk Schulz hat Philipp Löhles Text mit naturwissenschaftlichen Experimenten aufgeladen – mehr von Marcus Hladek.

SchauspielerInnen aus Deutschland, Österreich, Griechenland, Bulgarien, Burkina Faso und der Türkei hat Regisseur Bernhard Stengele für Euripides' Die Frauen von Troja ans thüringische Landestheater. Ob viel auch viel bringt, weiß Christian Baron.

In Celle starb 1979 Arno Schmidt. Jetzt feiert man dort seinen 100. Geburtstag mit der Erzählung Seelandschaft mit Pocahontas. Kalle Kubik inszenierte die Bühnenfassung. Jan Fischer berichtet.

Der österreichische Dramatiker Fritz Hochwälder ist heute fast vergessen. Das Theater an der Effingerstraße führt jetzt Der öffentliche Ankläger von 1948 auf. Bei der Premiere war Charles Linsmayer.

Theatertreffen eröffnet. Wir stehen in der "Morgendämmerung eines neue Zeitalters", sagt Festspiel-Chef Thomas Oberender. Danach Zement von Heiner Müller, Sophie Diesselhorst mit Eindrücken.

Der Megaphonchor der Performance-Künstlerin Sylvi Kretzschmar war 2013 ein lautstarker Teil der Anti-Gentrifizierungsproteste gegen den Abriß der sogenannten Esso-Häuser im Stadtteil St. Pauli. Jetzt ist ihre Aktivismusperformance Esso Häuser Echo von der Straße auf die Bühne umgezogen und als Nachruf auf die Häuser und die Aktion auf Kampnagel zu sehen. Tim Schomacker berichtet.

Kernige Titel schätzt er: Oliver Kluck, Autor von "Froschfotzenlederfabrik", dramatisiert jetzt Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend nach dem bitteren autobiographischen Buch von Andreas Altmann: über eine 50er Jahre-Jugend mit brutalem SS-Vater und Frömmigkeitskult. Christina Rast besorgte die Uraufführung und Reinhard Kriechbaum war dabei.

Jo Fabian ist ein Spezialist für bildstarke, mit Assoziationen um sich sprühende Theaterabende. Einen ganzen Haufen Folklore und Improvisationseinsprengsel fährt er jetzt für Schillers Schweizstück Wilhelm Tell auf. Seine dritte Arbeit für das Mülheimer Theater an der Ruhr erzählt eindrücklich vom Werden einer Revolution – ohne dabei auf den Maidan oder Tahrir Platz zu schielen. Friederike Felbeck war angetan.

In Die deutsche Ayşe. Türkische Lebensbäume hatte Tuğsal Moğul die Lebensläufe dreier Frauen im Münsterland recherchiert und sie konzentriert auf die Studiobühne des Theater Münster gebracht. Jetzt ist der Abend am Berliner Ballhaus Naunynstraße zu Gast. Die Uraufführung hatte Kai Bremer für uns besprochen.

Er war der Marinelli in Michael Thalheimers berühmter "Emilia Galotti" und später dessen Faust. Bis 2012 spielte Ingo Hülsmann am Deutschen Theater, dann wechselte er ins Schaubühnenensemble. Dort betätigte er sich jetzt auch als Regisseur und stellte seine Lektüre von Rudolf Brunngrabers wichtigem Roman Karl und das zwanzigste Jahrhundert vor. Wie sich diese Geschichte des kleinen Mannes auf der Bühne ausnahm, sagt Wolfgang Behrens.

Ursprünglich war Parzival von Tankred Dorst und Ursula Ehler ein Auswuchs des Monster-Welten-Dramas "Merlin". Die Geschichte eines reinen, recht brutalen Tors. David Bösch hegt eine unstillbare Zuneigung zu solchen Figuren, denen Welt zustößt. Kein Wunder, dass er den Stoff nun in sein schummrig-abgeranztes Universum einverleibt hat. Wie die Begegnung zwischen Dorst, Ehler, Parzival und Bösch ausging, beschreibt Martin Pesl.

Das Wuppertaler Sinfonieorchester sitzt im ersten Stock, dem traditionellen Überblicksplatz des Bademeisters. Unten im Schwimmbad ist der Stöpsel längst gezogen, finden nur noch Trockenübungen statt – die aber vom feinsten. Mit seiner Inszenierung Viel Lärmen um nichts, Shakespeare mit der expressionistischen Bühnenmusik von Korngold, legt der scheidende Wuppertaler Intendant Christian von Treskow einen scharfen Abgang hin. Regine Müller zieht den Hut.

Seit drei Jahren tourt Pascal Rambert mit seinem Stück Ende einer Liebe durch die Theater der Welt und trifft Nerven. Bei der deutschen Erstaufführung am Thalia Theater sind nun Marina Galic und Jens Harzer die (Ex-)Liebenden. Falk Schreiber beobachtete ein Publikum, das gerne mal wieder über die Liebe nachdenken wollte.

  Als Powergirl stürmt Sonja Beißwenger die Bühne – doch schon bald geht Die Jüdin von Toledo in Nuran David Calis' Inszenierung des "historischen Trauerspiels" von Franz Grillparzer unter. Nicht ohne dabei noch ein paarmal ins Heute zu zeigen, wie Tobias Prüwer zu berichten weiß.

Leonardo DiCaprio hämmerte sich kürzlich als "Wolf of Wallstreet" gorillamäßig an die Brust. In Weimar tut es ihm nun Malvolio gleich, um seine Angebetete zu beeindrucken. Alice Buddebergs geschlechterverwirrte Was ihr wollt-Variante am Nationaltheater Weimar punktet mit einer bestürzend berührenden Viola. Und spiegelt ansonsten unsere Burnout-Gesellschaft sehr überzeugend, findet Christian Baron.

Es ist das Siegerstück der letztjährigen Autorentage "Stück auf" am Schauspiel Essen: Katja Wachters Eine Blume als Gegenwehr. Wogegen man sich mit einer Blume wehren muss? Gegen die körperlose Kälte des Internets zum Beispiel. Tilman Gerschs Uraufführung inszeniert. Zum Zuschauerglück von Sascha Westphal.

Der Heidelberger Stückemarkt 2014 ist eröffnet – mit dem letzjährigen Siegerstück Lupus in fabula von Henriette Dushe, einer düsteren Todesfuge mit tollen Sätzen wie "Der Tod ist eine blöde Sau". Die erste Bühnenversion hat Alexander Nerlich verfertigt. Mehr von Ralf-Carl Langhals.

Das Thema ist ebenso wichtig wie populär: Wie wollen wir essen? Wie dürfen wir überhaupt noch essen, um uns nicht an der Schöpfung zu versündigen. Am Deutschen Schauspielhaus sucht Cargo Fleisch, ein internationales Theaterprojekt von Clemens Bechtel, nach Antworten. KaSabine Leuchttrin Ullmann berichtet.

Aus Grillparty-Geschwätz und Goethe'scher Philosophie hat Ewald Palmetshofer seine furiose "Faust"-Erneuerung faust hat hunger und verschluckt sich an einer grete geschaffen. Als Sprechoper geht die Neusser Intendantin Bettina Jahnke das Werk am Rheinischen Landestheater an. Was herauskam, weiß Martin Krumbholz.

Eine Kutsche wird im Schummerlicht auf die Bühne gezogen. Das ist der Anfang. Kutsche da, Licht an, Text los: Martin Wuttke inszeniert an der Volksbühne Teil drei einer Balzac-Trilogie, die René Pollesch und Frank Castorf begannen. Trompe l'amour ist sie überschrieben. Eigentlich wollte Wuttke auch mitspielen, hat sich dann aber in letzter Minute gestrichen. Wie? Was? Dirk Pilz weiß mehr.

Thomas Vinterbergs und Mogens Rukovs Film Das Fest war der Gründungsfilm der dänischen Dogma-Bewegung, und auch am Theater hat der Stoff eine lange Karriere hinter sich. Wurde etliche Male inszeniert mit seiner schauerlichen Thematik, den Konflikten in einer hochbelasteten Situation. Christopher Rüping hat sich nun in Stuttgart an die Familienaufstellung gewagt. Mehr von Verena Großkreutz.

Finanzblase, Bankenskandal, dubiose Termingeschäfte – alles ist drin in Frank der Fünfte, Friedrich Dürrenmatts musikalischer Komödie über eine verdorbene Bankerdynastie, in der die Kinder nicht besser als die Eltern sind. Trotzdem ist das Stück selten gespielt, an der Landesbühne Sachsen hat es Regisseur Arne Retzlaff nun mit Wilsonhafter Künstlichkeit versucht. Mehr über den Abend von Matthias Schmidt.

Eigentlich ist Der Besuch der alten Dame ja schon nachhaltig genug; in seiner Dürrenmatt-Inszenierung am Deutschen Theater verleiht Bastian Kraft der alten Dame Claire Zachanassian aber noch den Pluralis Majestatis von gleich fünf Schauspielern. Allein steht dagegen Ulrich Matthes als Ex-Ekel Alfred Ill. Wie es ausgeht und aussieht, weiß Christian Rakow.

Der Abend "Dschingis Khan" des Performance-Kollektivs Monster Truck wurde deshalb so viel diskutiert, weil unklar blieb: Werden die Darsteller mit Down Syndrom benutzt? Ihr neuer Abend an den Sophiensälen heißt Regie und macht genau diese Frage zum Thema. Ob's mehr als ein Meta-Abend geworden ist, sagt Simone Kaempf.

So wie Der abentheurliche Simplicissimus Teutsch hat Simon Solberg sich als Schelm bekannt gemacht. Nun hat er den Barockroman von Grimmelshausen in Dresden auf die Bühne gesprengt. Lukas Pohlmann ist baff und schreibt trotzdem, wie es war.

Systeme brechen zusammen, Einbrecher ein, Konventionen auseinander. Die Mainzer Hausautorin Natascha Gangl hat ihr neues Stück Die große zoologische Pandemie den Spielarten des Brechens gewidmet. Ob sich Regisseur Felix Meyer-Christian einen abbricht, weiß Shirin Sojitrawalla.

In Baden-Württemberg fordern gerade 192.000 Petenten, dass der Diskurs über sexuelle Vielfalt nicht in Bildungsplänen stehen soll. Vor diesem Hintergrund bekommt Katharina Gerickes Stück Maienschlager über zwei schwule Jungs im Dritten Reich beklemmende Aktualität. Stefan Otteni hat Regie geführt, Elisabeth Maier war dabei.

Frau Ganbler liebt ihren Mann nicht, ist auf ihren ehemaligen Liebhaber eifersüchtig und hat eine Pistole. Heiße Kombination, die unter Regisseur Sarantos Zervoulakos in Kälte erstarrt, sagt Ute Grundmann.

Was Sie schon immer über Angelina Jolie und Drew Barrymore wissen wollten! Michael Jacksons Schönheitschirurg packt aus! Na, angefixt? Dann ist dieser Abend vielleicht etwas für Sie. Angela Richter hat für ihren neuen Dokufictionabend Brain and Beauty eigens in Beverly Hills recherchiert, bei den Ärzten der Reichen und Schönen. Wie sich das mitgebrachte Recherchematerial in der Kölner Halle Kalk ausnimmt, weiß Stefan Keim.

Brit Bartkowiak war bis 2013 Regieassistentin am Deutschen Theater Berlin und fiel dort mit ihrer Marianna-Salzmann-UA "Muttersprache Mameloschn" auf. Jetzt hat sie im Theater an der Glocksee, einer kleinen Hannoveraner Off-Stätte, mit Dennis Kellys Waisen ein sehr eindringliches Sozialdrama inszeniert. Stephanie Drees war vor Ort – und beeindruckt.

Glaubt man dem Klischee, dann befeuert sich die russische Seele gern mit Alkohol, und nah bei Gott ist sie sowieso. Gibt es da vielleicht sogar einen Zusammenhang? Der russische Autor Iwan Wyrypajew suggeriert das in seinem Stück Betrunkene, das Alexander Simon nun in Hamburg am Thalia in der Gaußstraße herausbrachte. Wie nüchtern blieb unsere Berichterstatterin Katrin Ullmann?

Man hätte es Erpressung nennen können, als die Choreografin Sasha Waltz wiederholt mit ihrem Weggang aus Berlin drohte, nachdem ihr das gewünschte Geld (und der gewünschte Posten?) verweigert wurden. Doch sie blieb, und sie bekam ja auch etwas: Die Opernregie für Tannhäuser an der Staatsoper etwa. Wie sich ihre Tänzer-Hipster in Daniel Barenboims Dirigat einfügen, weiß André Mumot.

Tragischerweise ist es nicht Die Wildente, die in Henrik Ibsens Stück zu Tode kommt, sondern die Tochter der Familie Ekdal. Wie Stephan Rottkamp Ibsens ausgebuffte Dramaturgie neu erlebbar macht, begeistert Michael Laages.

Winnie und Willie erleben in unterschiedlicher Gefangenschaft Glückliche Tage, und wir müssen ihnen dabei zugucken. Stéphane Braunschweig hat Samuel Becketts Stück in Düsseldorf noch grausamer gemacht. Mehr von Sascha Westphal.

Peter Stamms Roman Agnes scheint mit seinen zwei Erzählebenen einer Liebesgeschichte für eine Bühnenadaption geeignet. Daniela Löffner kommt im Zürcher Schiffbau sogar mit den Originalsätzen aus. Ob der erstmalige Medienwechsel klappt, sagt Claude Bühler.

Das Geschrei, was denn all diese Film-Adaptionen auf dem Theater sollen, muss bei Lars von Triers Dogville verstummen: Kaum ein Film dürfte in seiner Ästhetik mehr vom Theater her kommen. Wenn Theatertreffen-Dauergast Karin Henkel "Dogville" nun am Schauspiel Frankfurt auf die Bühne bringt, so kehrt der Film gewissermaßen in sein Ursprungsmedium zurück. Oder etwa nicht? Grete Götze berichtet.

Sebastian Nübling hat in der vergangenen Spielzeit in München und beim Berliner Theatertreffen bewiesen, dass der schwüle Bekenntnis-Schinken Orpheus steigt herab von Tennessee Williams spielbar ist. Am Hans Otto Theater zieht nun Elias Perrig nach. Ob's gelang, weiß André Mumot.

Sein Buch Fräulein Hallo und der Bauernkaiser: Chinas Gesellschaft von unten machte 2009 Liao Yiwu weltberühmt. 2012 erhielt der chinesische Exilschriftsteller auch den Friedenpreis des Deutschen Buchhandels. Episoden des verbotenen Buchs hat nun Max Claessen auf die Bühne gebracht. Tim Schomacker sah die Uraufführung.

Beim Nachwuchsfestival des Volkstheaters Radikal Jung läuft aktuell eine Produktion des eigenen Hauses: Der große Gatsby von Abdullah Kenan Karaca inszeniert. Cornelia Fiedler sah bereits die Premiere. Hier gehts zur Übersicht mit allen eingeladenen Produktionen.

Die NSU-Morde waren nicht nur kaltblütige Gewaltaten, sie waren auch Auslöser für fremdenfeindliche Verdächtigungen und Verurteilungen im Umfeld der Opfer, wurden zum Motor der Ausgrenzung. Davon erzählt der bewegende Dokumentarabend Urteile von Regisseurin Christine Umpfenbach und ihrer Co-Autorin Azar Mortazavi am Residenztheater, der zwei Münchner Familien ins Zentrum rückt. Petra Hallmayer war da.

Sie sind wieder da! Vier Jahre nach "Testament", der großen Erbschaftsreflexion nach Shakespeares "King Lear" von She She Pop und ihren Vätern, gibt es den Gegenabend: Frühlingsopfer, nach Strawinskys "Sacre", von She She Pop und ihren Müttern. Ob am HAU bei Tagesdeckenschleiertänzen und Video ähnlich viel Energie rüberkam wie seinerzeit in "Testament", weiß Matthias Weigel.

Dass ein Lehrplanklassiker wie Bertolt Brechts Der gute Mensch von Sezuan nicht schultafelgrau und didaktisch sauber hingezirkelt aussehen muss, zeigt Antje Schupp in ihrer Ulmer Inszenierung des Stückes. Die wilde Rap-Battle sah Steffen Becker.

Der türkische Mann ist nicht nur publizistisch ein viel beachtetes Phänomen. Entsprechend lebhaft wuchern die Klischees in den Köpfen der Zeitgenossinnen und -genossen. Das hat die Schauspielerin Idil Üner zum Anlaß genommen, einmal genauer hinzusehen und reale Vorbilder für ihre Bühnenfiguren in einer Selbsthilfegruppe gecastet. Süpermänner hat sie ihren Abend im Ballhaus Naunynstraßen überschrieben, den Eva Biringer sich angesehen hat.

In der Schaubühne findet gerade das F.I.N.D.-Festival statt. Gestern lief die radikale Peter-Pan-Übermalung Todo el cielo sobre la tierra (El síndrome de Wendy) der spanischen Perfornerin Angélica Liddell, die Kai Krösche schon bei den Wiener Festwochen beeindruckt hat.

Zu den Stücken, die zum Festival Radikal Jung geladen sind, gehört auch Michael Ronens bildmächtige Inszenierung I call my brothers – Ich rufe meine Brüder von Jonas Hassen Khemiri. Martin Pesl sah die Premiere in St. Pölten. Infos zu allen eingeladenen Inszenierungen in der Festivalübersicht.

Erst ist Arnolphe der Zyniker, der seine Pflegetochter bewusst zur Dummheit erzieht, um sie später heiraten zu können, am Ende steht er als Geleimter da in Molières Die Schule der Frauen. Ein Stoff wie gemacht für Regisseur Herbert Fritsch, um ein paar Gänge hochzuschalten und seinen Hauptdarsteller Joachim Meyerhoff am Schauspielhaus Hamburg konsequent ins Zentrum zu stellen. Mehr von Falk Schreiber.

Gestern Abend wurde am Münchner Volkstheater das zehnte Radikal jung Festival für junge Regisseure eröffnet mit Produktionen israelischer Regisseure. Isabel Winklbauer hat zwei – Life & Strive und This is the land – gesehen.

"Wirtschaftswunder", das klingt in Finanzkrisen-Zeiten historisch. In Hannover geleitet Milan Peschel seine Version von Das Mädchen Rosemarie in WW-Zeiten – Tim Schomacker ist mit in die Fünfziger gereist.

Lauch, Zwiebeln, Möhren, das gehört unbedingt in eine Suppe, soll sie die beste Suppe der Welt werden. Und die lässt Robert Hartmann ordentlich köcheln am JT Göttingen, um in seiner Candide-Inszenierung der Frage nachzugehen, wie die bester aller Welten aussieht. Jan Fischer berichtet.

Ja, die großen monologischen Ausbrüche können sie am Maxim Gorki Theater! Mirko Borschts Woyzeck III droht gerade in Gothic-Düsternis wegzubrechen, da reißt ein furioser kulturgeschichtlichen Abriss die Inszenierung raus, wie die Stimmen der Götter einst das Handeln primitiver Gemeinschaften strukturierten. Und wie passt das zu Figuren wie Georg Büchners Hauptmann? Mehr darüber von Christian Rakow.

Andrej Tarkowskijs Andrej Rubljow ist die gewaltige Geschichte eines um 1400 lebenden Malers und Mönchs, der in eine tiefe Schaffens- und Glaubenskrise stürzt. Robert Borgmann, dessen entschleunigter "Onkel Wanja" im Mai zum Berliner Theatertreffen eingeladen ist, hat den Film für die Bühne adaptiert. Martin Krumbholz berichtet.

Das fragt man sich ja eh: was muss noch passieren, dass die Leutchen auf der Top-Ebene schaudernd rufen: Die Kunden werden unruhig? Der Dramatiker Johannes Schrettle hat sich das auch gefragt. Michael von zur Mühlen inszenierte das Spiel, Kathrin Kipp hat zugesehen.

Im September wird in Kanada der Prozess gegen Luka Magnotta beginnen. Einen Studenten soll er ermordert und zerstückelt, die Leichenteile an Parteien verschickt haben. Weniger von dieser Tat als vielmehr von dessen Lebenswelt ließ sich Thomas Bo Nilsson zu seiner Performance-Installation Meat an der Schaubühne inspirieren. Ob sie mit den Erfahrungswelten seiner alten Gruppe SIGNA mithalten kann, weiß Georg Kasch.

Der Roman ist ein tausendseitiges apokalyptisches Gesellschaftspanorama. Sein Autor, der Chilene Roberto Bolaño, hat ihn im Zukunftsjahr 2666 angesiedelt, obwohl er unsre finstere Gegenwart beschreibt. Beim F.I.N.D.-Festival an der Schaubühne hat Álex Rigola das Buch adaptiert. Sophie Diesselhorst berichtet.

Stereotypenhorror beim Einkaufsterror: In Kristof Magnussons Erfolgskomödie Männerhort flüchten Shopping-Gatten in den Heizungskeller. Wie Regisseur Jonas Hien, der als Schauspieler reichlich Komödienerfahrungen bei Herbert Fritsch gesammelt hat, über die Klischees hinwegkommt, weiß Hartmut Krug.

Sie rennen, sie lieben, sie verwechseln, sie finden zusammen. Aus der saftigen Shakespeare-Komödie Ein Sommernachtstraum hat Regisseur Markus Heinzelmann erstmal alles Anzügliche gestrichen. Zu welchem Ergebnis, berichtet Julia Stephan.

Hier sollte eine Kritik zu Barbara Freys Inszenierung von Carlo Godonis Komödie Diener zweier Herren stehen. Aber unser Autor geriet auf dem Weg ins Zürcher Schauspielhaus in einen Stau, der durch einen schweren Unfall verursacht worden war, und hat das Theater nicht rechtzeitig erreicht. Wir bitten um Entschuldigung.

Harold Pinter wurde zwar mit einem Nobelpreis geehrt, wird in Deutschland aber nicht besonders oft gespielt. Den Sozialrealismus seiner Stücke durchweht der Geist des absurden Theaters. Nun hat das Residenztheater seinen Durchbruch Der Hausmeister von 1960 hervorgeholt und in die Hände der Meisterin des genauen Lesens gelegt: Andrea Breth bringt zu ihrem Resi-Einstand auch gleich einen Alt-Star mit. Mehr von Sabine Leucht.

So ein kleiner Mord für eine große Milliarde, wer würde nein sagen? Das unmoralische Angebot macht Claire Zachanassian der Stadt Güllen, wo die Gülle bis zum Halse steht. So hoch, dass trotz anfänglicher Solidarität am Ende ein Mord begangen wird. Am Theater Brandenburg lässt Jürg Schlachter den Schulstoff Der Besuch der alten Dame aufleben. Vom Komödiendrang berichtet Nikolaus Merck.

Die Taten des NSU sind so über alle Maßen grausam, dass sie geradezu schreien nach boulevardesker Skandalisierung. Dagegen arbeiten am Badischen Staatstheater Karlsruhe der Dramaturg Konstantin Küspert und der Regisseur Jan-Christoph Gockel an. In ihrem gemeinsamen Rechercheprojekt Rechtsmaterial versuchen sie das Phänomen NSU zu verstehen, indem sie es in die deutsche Geschichte einordnen. Mehr von Dennis Baranski.

Ein junger Mann verliert seine Verlobte und fängt sich einen Korb von einer weiteren Frau, die ihn eigentlich liebt. Kein Wunder, dass die Hauptfigur von Federico García Lorcas selten gespieltem Sobald fünf Jahre vergehen die Welt nicht mehr versteht. In Stuttgart hat Jo Fabian das eindrücklich illustriert. Verena Großkreutz berichtet.

In der Schweiz wird weiter gezündelt. Nach Volker Löschs migrantischen Biedermann und die Brandstifter in Basel, präsentiert Claudia Meyer den alten Max Frisch-Erfolg jetzt in Bern als Albtraum mit Chor. Valeria Heintges sah die Premiere.

Bertolt Brechts Parabel Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui ist Liebling vieler Deutschlehrer, weil man mit ihr so schön den Nationalsozialismus erklären kann. Eine Interpretation, der viele Regisseure folgen. In Dresden erzählt Tilmann Köhler die Geschichte aber als eine von heute – mit einem umwerfenden Christian Friedel in der Titelrolle. Lukas Pohlmann berichtet.

Ein Paar erhält nach seinem Tod die Chance, in sein Leben zurückzukehren. Eine Rückkehr unter Auflagen und in ungelöste Konflikte allerdings, die Jean-Paul Sartre in Das Spiel ist aus thematisiert. Jette Steckel hat die Vorlage jetzt am Deutschen Theater Berlin inszeniert. Matthias Weigel wundert sich über die Verwandlungsnaivität.

Herausfinden, was man eigentlich will, kann und sich traut? Eine gemeinsame Zukunft entspinnen? Hört sich ein bisschen nach einem Lebenshilfe-Projekt an. Ist aber der Theaterabend Leben und Arbeiten, für den im Rahmen des Doppelpass-Fonds das freie Kollektiv Turbo Pascal und das Theater Freiburg zusammen nach neuen Arbeitsformen suchen. Mehr darüber von Jürgen Reuß.

"was soll das theater? dieses ewige suchen nach menschennähe. nach konnexion mit dem anderen", fragt Tomo Mirko Pavlovics Adaption von Goethes "Faust"-Stoff und klopft den Klassiker in Faust Exhausted auf sein zeitgenössisches Potential ab. Nach Sofia, Luxemburg und Sibiu zieht das interkulturelle Projekt der Stuttgarter Formation TARTproduktion jetzt ans Schlachthaus Theater Bern. Geneva Moser berichtet.

Hundert Jahre nach dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges spielen die Theater entweder "Die letzten Tage der Menschheit" oder sie bauen sich was eigenes Neues: So das Thalia Theater mit Oberspielleiter Luk Perceval, der Erich Maria Remarques "Im Westen nichts Neues", Henri Barbusse "Das Feuer" und Zeitdokumente zu einem großen vielsprachigen Klagesang verschmilzt: FRONT. Das demnächst durch Europa tourende Großprojekt sah Falk Schreiber.

Arme Johanna: Am Ende muss sie erkennen, dass sie nur eine Figur in einem einzigen, großen Theaterspiel war. Welche Kniffe Regisseur Martin Laberenz in Schillers Jungfrau von Orleans noch einbaut, weiß Jan Fischer.

Elmar Goerden übernahm 2005 die Intendanz von Matthias Hartmann in Bochum und gab sie 2010 wieder auf. Seither ist Goerden als freier Regisseur unterwegs und hat sich nun Ibsens Wildente gewidmet. Ob ein Modernisierungserfolg zu vermelden ist, berichtet Harald Raab.

Raus aus dem Internet, rein ins Leben! Netzkritik ist seit dem NSA-Skandal en vogue, und der Autor Johannes Schrettle und das Kollektiv "Zweite Liga für Kunst und Kultur" surfen mit In allen Netzen ist Ruh auf dieser Welle mit. Leopold Lippert sah zu.

Ein superg.... Duo bilden Nis-Momme Stockmann, amtierendes Boy-Wonder der deutschen Dramatik, und Exerzitienmeister Ulrich Rasche in den Sophiensaelen. Mit Die kosmische Oktave starten sie einen Generalangriff auf den ganz gewöhnlichen Alltags-Zynismus. Den ersten Abend der Theater-Schlacht zwischen Gefühl und Misere besingt ein begeisterter André Mumot.

Man durfte gespannt sein, was ein Anreicherungs-Regisseur wie Sebastian Baumgarten mit der viel und zu Vielem gebrauchten Antigone des Sophokles wohl anstellen würde. Biogas? Blackfacing? Mediengewitter? Was der Opernmann aufzubieten hat, weiß Matthias Schmidt.

Ändere den Aggregatzustand deiner Trauer oder Wer putzt dir die Trauerränder weg heißt Katja Brunners neues Stück. Es geht also um Tod. Marco Štorman reichert ihn in seiner Luzerner Uraufführungsinszenierung mit weiteren Schrecken an – zu Elisabeth Maiers Begeisterung.

Die Zeiten, da Werner Schwab mit seinen Präsidentinnen die Leut' noch schocken konnte im Theater, sind lange vorbei. Ins Klo greifen, gehört, bildlich gesprochen, für uns alle zum Alltag. Was ein Regisseur wie Miloš Lolić in dieser Situation mit der alten Ekelkomödie angefangen hat, beschreibt Leopold Lippert.

Das flämische Duo BERLIN macht crossmediale Kunst zwischen Film und Performance. Ihr neues Werk Perhaps all the Dragons kam jetzt im Schauspielhaus heraus. Wie dieses Gewebe aus videogestützten Tischgesprächen, Live-Event und Aufzeichnung, dieser Mix aus Wirklichkeit und Fiktion funktioniert, schildert Tim Schomacker.

Niemand wird in Ruhe gelassen, kein Bild darf länger stehen bleiben in Sascha Hawemanns Inszenierung von Tennessee Williams' Endstation Sehnsucht, das wird gleich zu Anfang des Abends klar. Was sonst noch klar wird und auch was unklar bleibt, weiß Ute Grundmann.

Das deutsche Gesundheitssystem hat seine Defizite. Zum Beispiel bei der Pflege: Nichts ginge mehr ohne die Hilfe unterbezahlter osteuropäischer Arbeitskräften. Mit Polnische Perlen haben ihnen das niedersächsische Künstlerkollektiv werkgruppe 2 und Regisseurin Julia Roesler nun ein Dokumentartheaterstück gewidmet. Auf der Bühne stehen jedoch keine Experten des Alltags, sondern Schauspieler. Ob das überzeugt, weiß Alexander Kohlmann.

Eigentlich ist How to win friends & influence people der Titel eines eines amerikanischen Motivationsklassikers. Motivation und Predigt sind aber gar nicht so weit voneinander entfernt. Glaube und Fiktion auch nicht, wie Boris Nikitin in seiner Performance zeigt, die jetzt in einer Schweizer Kirche zu sehen ist. Claude Bühler berichtet.

Der Ort ist rätselhaft. Die Figuren, die ihn bevölkern, kommen von überall her. Sogar eine Art Fee ist dabei. Allerwelt nannte der österreichische Dramatiker und Hans-Grazer-Stipendiat von 2011 Philipp Weiss sein Stück. Pedro Martins Bejas hat das Flüchtlingszauberdrama am Schauspielhaus uraufgeführt. Mehr von Martin Pesl.

Felicia Zellers Erfolgsstück X-Freunde wird in den Theatern zurzeit rauf und runter gespielt. Irgendwie scheinen die drei dauergestressten Selbstverwirklichungs-Workaholics einen Nerv zu treffen. Am Theater Rampe in Stuttgart hat jetzt Intendantin Marie Bues eine eigenwillige Version des atemlosen Quasseltrios inszeniert – und auch den Zuschauer kostet das Nerven. Wie es sich angefühlt hat, sagt Verena Großkreutz.

Beim Festival Szene Ungarn – Ausschnitte einer Theaterlandschaft am Burgtheater Wien gastiert heute Béla Pintérs Miststück, eine musikalische, schwarzkomische Erzählung über Gefühlsverkommenheit und Ressententiments auf dem Lande. Das weit getourte Erfolgsstück lief schon 2011 bei den Theaterformen in Hannover, wo es Esther Boldt sah.

Ersan Mondtag gehört zu jenen Regisseuren, die in diesem Jahr zum Münchner Festival "Radikal jung" geladen sind. Und er war bei Vegard Vinges bereits legendärer 12-Stunden-Borkman-Aufführung dabei. Gründe genug, um hinzuschauen, was Mondtag in der Box des Frankfurter Schauspiels mit Franz Kafkas Rätselroman Das Schloss anstellt. Näheres weiß Shirin Sojitrawalla.

Was für ein kühnes Unterfangen! Die Landesbühne Sachsen bringt die Szenenfolge Die 14. Provinz von Volker Braun zur Uraufführung, unter Beteiligung aller Sparten, aber ohne Regisseur. Gerade so kann lebendiges politisches Theater entstehen, meint Hartmut Krug.

"Le bal", dieses in einen Film geronnene Theaterkonzept der französischen Banlieue-Compagnie Théâtre du Campagnol, wird immer mal wieder zurück auf die Bühne überführt. Jetzt in Graz von Viktor Bodó: In Das Ballhaus lässt der ungarische Regisseur verschroben-sympathische Menschen aus der österreichisch-ungarischen Monarchie auf eigenen Wegen in die Gegenwart tanzen – zur Begeisterung von Reinhard Kriechbaum.

Das Dreamteam der länderübergreifenden neuen Dramatik ist zurück: Autor Simon Stephens hat Bizets "Carmen"-Oper in Carmen Disruption zersprengt. Und sein Leib-und-Magen-Regisseur Sebastian Nübling bringt das Werk mit gewohnt choreographischer Note am Schauspielhaus zur Uraufführung. Katrin Ullmann war dort.

Caligula – das war doch dieser römische Kaiser, der sein Pferd zum Konsul ernannt hat? Richtig! Was man dieser Figur abgewinnen kann, wenn sie von Astrid Meyerfeldt gespielt wird, zeigt Krzysztof Garbaczewskis Stuttgarter Inszenierung von Albert Camus' dramatischem Porträt des Gewaltherrschers. Steffen Becker hat sie gesehen.

Ein großer Dichter der kleinen Formen, der Miniaturen des abseitigen Alltags: Robert Walser. Musiktheatermacher Ruedi Häusermann widmet ihm, seinem erklärten Lieblingsschriftsteller, am Schauspielhaus die theatrale Hommage Robert Walser, die Christoph Fellmann erlebte.

Juli Zehs Stück Corpus Delicti entwirft einen Überwachungsstaat, in dem das Rauchen einer Zigarette eine lange Gefängnisstrafe nach sich ziehen kann. In seiner Inszenierung am Schauspiel Hannover findet Lars-Ole Walburg das gar nicht so realitätsfern. Jan Fischer berichtet.

Kaum jemand hat so einen genauen Blick für kulturelle Konflikte wie Yael Ronen. Sensibel, selbstreflexiv und selbstironisch untersucht die Regisseurin in frei entwickelten Stücken politische Brandherde. Das war so in dem Israel-Palästina-Deutschlandstück "Dritte Generation", und ist jetzt wieder so in Common Ground am Gorki Theater, einer packenden Analyse des Zerfalls Jugoslawiens. Anne Peter sah einen wichtigen Abend.

Auftritt Jana Schulz: wie ein Rockstar nach unausgeschlafener Nacht, eine, die im Wüten gegen sich selbst ganz groß sein kann. Mit der Zerstörungskraft in Henrik Ibsens Hedda Gabler passt das allerdings nicht zusammen. Was vor allem an der Regie von Roger Vontobel liegt. Andreas Wilink wird grundsätzlich.

Witze reißen über Banker, prekäre Intendanten in Fußballvereinen oder am Burgtheater, ist das die Party unserer Zeit? So jedenfalls lässt Peter Kastenmüller seine Figuren in Der große Gatsby am Zürcher Theater Neumarkt zusammenkommen. Mehr über dieses Spiel mit den Illusionen weiß Christoph Fellmann.

Ein kühner Versuch, sich den Syrien-Konflikt anhand des syrischen TV-Melodrams aufzuschließen. Guillermo Calderón unternimmt ihn als Autor und Regisseur in seinem anspielungsreichen Kuss am Düsseldorfer Schauspielhaus. Wie er glückte, weiß Martin Krumbholz.

Okay, traurige Tocotronic-Musik schlägt keine Brücke zum Himmel. Aber sie kann ein Weihnachtsfest retten. Was rettet Punk-Musik? Und was die ivorische Straßenmusik Pololo? Für ihre neue Tanztheaterarbeit Not Punk, Pololo fahren Gintersdorfer/Klaßen in Bremen ganz groß auf und mixen die Beats der Elfenbeinküste mit dem einheimischen Punkrock der Goldenen Zitronen. Andreas Schnell ließ sich treiben und ging verloren.

Wenn es um die schärfsten Titel im Dramengeschäft geht, ist Laura Naumann ganz vorn dabei. Auf "Demut vor deinen Taten, Baby" lässt sie Raus aus dem Swimmingpool, rein in mein Haifischbecken folgen, in Bochum uraufgeführt von Malte C. Lachmann. Und Naumann kann noch mehr als scharfe Titel, sagt Stefan Keim.

900 Milliarden Euro werden in den nächsten zehn Jahren vererbt, so viel wie nie zuvor. Anlass, für Maria Magdalena Ludewig und Tino Hanekamp in ihrer Stückentwicklung Born rich auf Kampnagel über Erbschaftsfragen nachzudenken, mit einer grandiosen Anne Ratte-Polle in der Solopartie. Mehr von Katrin Ullmann.

Einen Tag nach dem abrupten Abgang des Burgtheaterdirektors wird bereits ein neuer König inthronisiert. Auf der Bühne zumindest: Frank Castorf hat Hans Henny Jahnns radikales Königsdrama Die Krönung Richards III. inszeniert, der darin alles Streben nach Höherem zurück in den Urschlamm des Kreatürlichen wirft. Klar, dass eine Geschichte wie diese nach dem Königsdrama um Matthias Hartmann noch zusätzlich an Symbolkraft gewann. Mehr von Teresa Präauer.

Das Performance-Kollektiv machina eX versucht schon seit einiger Zeit, das Prinzip von Computer-Strategie-Spielen aufs Theater zu übertragen. Der Zuschauer wird zum Spieler, zum Avatar seiner Selbst. Auch in Right of Passage, wo er als Flüchtling versuchen muss, in ein schweizartiges gelobtes Land zu kommen, während die Uhr läuft. Nur einer kann gewinnen, wie Dorothea Marcus am eigenen Leib erfahren hat.

Elfriede Jelinek und Nicolas Stemann, das ist – spätestens seit der Kölner Uraufführung der "Kontrakte des Kaufmann" – so etwas wie das dekonstruktive Dream-Team des Schauspiels. Nun sind die beiden in die Oper weiter getingelt, der Kaufmann heißt jetzt Wotan, und seine Kontrakte sind in Richard Wagners "Ring" niedergelegt. Rein Gold nennt sich das resultierende Musiktheater an der Berliner Staatsoper, von dem sich Georg Kasch überfordern ließ.

Am HAU startete am Sonntag das Festival Leaving is not an option, das sich aktuellen künstlerischen Positionen aus Ungarn widmet. Zur Eröffnung gab es Aufführungen, über die das Archiv von nachtkritik.de bereits Auskunft zu geben vermag: Korijolánusz von Csaba Polgár, Dementia, or The Day of my Great Happiness von Kornél Mundruczó und Acts of the Pitbull von Péter Kárpáti.

Ein eigenartiges, ein vielleicht daher auch selten gespieltes Stück, dieses Wintermärchen des William Shakespeare, in dem Böhmen am Meer liegt und Tragödie und Komödie hemmungslos ineinander gemischt sind. Am Volkstheater hat Christian Stückl eine Neuinszenierung gewagt, und zwar unter den Augen von Petra Hallmayer.

Mit viel Manneskraft und ein wenig metaphysischer Schwere trumpft er auf: Liliom, am Rande der bürgerlichen Welt, beim Rummelplatz-Karussell, wo man leicht rausgeschleudert wird, wo man sich leidlich durchschlägt, durchs nackte Leben. An den Münchner Kammerspielen ist Steven Scharf dieser Liliom, der Titelheld in Ferenc Molnárs Vorstadtlegende. Welche Schattierungen Stephan Kimmig dem Treiben am Ringelspiel abgewann, sagt Nikolaus Stenitzer.

Eine Straßenbahn namens Desire steht im Bockenheimer Depot, mit Diskursschaffnern an Bord: Wo, bitte, liegt die Sehnsucht, wo die Liebe und wo findet man die Frankfurter Schule? René Pollesch läutet die Bimmelglocke zur Abfahrt mit Je t'adorno, und Michael Laages stieg mit ein.

Juli Zeh hat mit ihrem Roman Nullzeit einen perfekt gebauten Psychothriller hingelegt. Am Theater Bonn wird dieser jetzt in der Adaption von Bernhard Studlar uraufgeführt – und von Sebastian Kreyer ordentlich in die Spiel-und-Spaß-Mangel genommen. Durchaus mit Gewinn, findet Sascha Westphal.

Zweit-Frauen und Dritt-Hochzeiten, doppelbödig federnde Poesie und Loriot-Getatter, das bietet Klaus Kusenbergs Inszenierung von Über Leben nach Judith Herzbergs Trilogie am Staatstheater Nürnberg. Den vierstündigen Familiengeschichen-Marathon sah Dieter Stoll.

In Oldenburg findet zum vierten Mal das "Go West"-Festival statt, das nicht etwa in den Wilden Westen, sondern nach Flandern und in die Niederlande blickt. So trifft dort etwa der Niederländer Vincent van Gogh auf den Norweger Edvard Munch, im Stück Munch und Van Gogh – Der Schrei der Sonnenblume des Staatstheater-Hausautoren Marc Becker. Von Künstlerseelen und wunderbaren Puppen berichtet Andreas Schnell.

Deutschlands meistgespielter Dramatiker Lutz Hübner war in Indien, und dort hat er mit zwei Kollegen, Vibhawari Deshpande und Shrirang Godbole, ein Stück über den Clash der Kulturen ersonnen: Der Gast ist Gott. Mina Salehpour hat es am Berliner Grips Theater zur Uraufführung gebracht, Simone Kaempf hat es gesehen.

Was, wenn man das Kind aus dem eigenen Bauch hasst? Im Stück Gabriel der schottischen Übersetzerin und Dramatikerin Catherine Grosvenor heißt es: Brüste ab! Warum man am Gerhart-Hauptmann-Theater dem Text auch sonst nicht hätte vertrauen sollen, sagt Lukas Pohlmann.

Es war das Stück, das die Stadttheatersehgewohnheiten ins Wanken brachte, ja, revolutionierte: die Oper Einstein on the Beach von Philip Glass und Robert Wilson. Fast vierzig Jahre ist das inzwischen her und Robert Wilsons Theater längst in Serie gegangen. Die Berliner Festspiele zeigen nun eine restaurierte Fassung seines Prototyps, der ein theatergeschichtlicher Urknall war. Ob auch die Erschütterung restaurierbar war, sagt Wolfgang Behrens.

Der Titel: am beispiel der butter. Das Projekt der Helden: eine Protestgeste aus Streichfett. So will es der Autor Ferdinand Schmalz. Butter – Fett – Schmalz. Wenn das keine Verdichtung ist, fast schon ein Fall für Verschwörungstheoretiker. Und richtig, um Verschwörung geht es auch, in dem Werk, das Cilli Drexel am Schauspiel Leipzig zur Uraufführung brachte. Tobias Prüwer ließ es sich molkereiwarm aufs Brot schmieren.

Manchmal braucht Theater etwas länger: 25 Jahre, nachdem Hollywoodregisseur und Autor John Cassavetes starb, wird nun sein letztes Stück uraufgeführt. Auf Deutsch. Begin the Beguine erzählt von zwei alternden Männern, die es noch einmal wissen wollen. Jan Lauwers von der Needcompany hat das Werk jetzt am Akademietheater inszeniert – zur Begeisterung von Kai Krösche.

Jetzt spielen wir mal auf Risiko!, scheint sich Claus Peymann gedacht zu haben, als er seinen Regieassistenten Sebastian Sommer auf Bertolt Brechts Frühwerk Hans im Glück losließ. Denn Sommer kommt vom Performance-Theater – und das ist am Theatermuseum namens Berliner Ensemble eine Sensation. Ob er wirklich Leben in die Bude bringt, weiß André Mumot.

Am Ende reißt die Bühne auf, Videobilder wimmeln, laute Musik wummert, und mit den Bildern explodiert auch der Hass in Der Löwe im Winter, dem Königsdrama von James Goldman über kaltes Macht- und Besitzstreben. Regisseur Sebastian Hartmann hat es am Deutschen Theater spektakulär aufgemischt. Und aus dem schweren Stoff einen noch schwereren Brocken produziert. Genaueres von Esther Slevogt.

Mit der Persönlichkeit verschwimmt ihre Perspektive auf die Welt. Das schildert Heinar Kipphardts Psychiatrie-Roman März, den Johan Simons an seinen Kammerspielen mit Thomas Schmauser in der Titelrolle aufs Theater gebracht hat. Cornelia Fiedler ließ sich verwirren.

Wer das Schreckliche nicht wahrhaben will, so die Lektion aus Sarah Kanes Zerbombt, wird irgendwann davon eingeholt. Nun hat David Bösch, unter den jüngeren Regisseuren ein Fachmann für großes Gefühlskino, das Stück in Stuttgart inszeniert. Mehr von Steffen Becker.

"Sympathisch" ist wohl nicht das erste, was einem zur rasenden Medea einfällt. Aber vielleicht passt es besser als man denkt? In ihrer Essener Inszenierung einer umgangssprachlichen Euripides-Neuübersetzung übt Konstanze Lauterbach sich als Medea-Versteherin. Mehr von Martin Krumbholz.

Leo Tolstois Roman Anna Karenina gehört zu den berühmtesten Ehebruchgeschichten. In Bautzen hat Matthias Nagatis jetzt John von Düffels Dramatisierung auf die Bühne gebracht. Durchaus zum Gefallen von Lukas Pohlmann.

Wer sind eigentlich die Brandstifter, die der biedere Bürger heute fürchten muss? Rechtspopulisten oder Spionagefirmen oder gar die ominöse Masse der "Zuwanderer"? Wenige Wochen nach dem Schweizer Volksentscheid zur Einwanderung hat Volker Lösch den Klassiker Biedermann und die Brandstifter von Max Frisch neu eingerichtet, als Horror-Comic, der die Schweizer mit ihren Ängsten konfrontiert. Valeria Heintges sah Polittheater auf der Höhe der Zeit.

Mit seinen eindrucksvollen Bühnenbildern für Peter Zadek begründete Wilfried Minks in den 70er Jahren das "Bildertheater". Zu der Zeit begann der in diesen Tagen 84 Jahre gewordene Wilfried Minks auch selbst Regie zu führen. Am St. Pauli Theater hat er sich nun Dennis Kellys Waisen gewidmet. Wie der Altmeister an der heutigen Reeperbahn ankommt, weiß Falk Schreiber.

Was konnten afrodeutsche Schauspieler eigentlich im Dritten Reich arbeiten? Das English Theatre Berlin hat sich in einer semi-dokumentarischen Stückentwicklung Schwarz gemacht den Reichsdifferenzschauspielern gewidmet. Sophie Diesselhorst berichtet.

Die Nazi-Diva wird nicht mehr gebraucht. 1982 spielte das die vor zweieinhalb Jahren verstorbene Rosel Zech, in Rainer Werner Fassbinders Film Die Sehnsucht der Veronika Voss. 2014 spielt es Victoria Trauttmansdorff am Thalia Gaußstraße in einer Inszenierung des theatralischen Mehrkanal-Virtuosen Bastian Kraft und findet sich dabei im Spiegelkabinett wieder. Bei der Premiere zugegen war Jens Fischer.

Was sind das für Zeiten, in denen eine Theaterpremiere zum Akt des Widerstands gegen die Kulturpolitik werden muss? Das Anhaltische Theater, das vor einschneidenden Kürzungen steht, probt mit der Balladenoper The Beggar's Opera / Polly von John Gay und J. Ch. Pepusch den Aufstand. Derweil gerieren sich die Landespolitiker bei der Eröffnung des Kurt-Weill-Festes selbstherrlich wie Putin in Sotschi. Mit den Künstlern auf die Barrikaden geht Matthias Schmidt.

Sie reden klar, aber die Körper hängen schief in Iwan Wyrypajews Betrunkene, das Viktor Ryschakow am Düsseldorfer Schauspielhaus großartig uraufgeführt hat. Selten ist auf einer Bühne so hemmungslos und so bestürzend gepredigt worden, findet Martin Krumbholz.

Beide haben ein Händchen fürs Exzessive: Nis-Momme Stockmann, der Autor, der 160 Seiten Gedankenmassive aufs Papier wuchtet, und Milan Peschel, der Regisseur, der gern unbändige Volkbühnen-Spiellust auf der Bühne zündet. Mit Der Freund krank finden sie am DT zusammen. Georg Kasch sah Treffliches in dem Treffen.

Habe nun ach meine Seele verkauft. Faustisch zelebriert der Kohlenmunk in Wilhelm Hauffs Das kalte Herz seinen Weg zu Glück, Ruhm und Geld. Armin Petras nutzt das Märchen in Stuttgart nun für einen Blick auf frühkapitalistische Zerstörungskraft samt Einblick in Schwarzwälder Volksbrauchtum. Ernst oder Ironie? Mehr von Verena Großkreutz.

Erst war er jahrelang theaterabstinent, jetzt ist er binnen kurzer Zeit gleich zwei Mal präsent. Nach seinem stark beachteten "Hamlet" am BE bringt Leander Haußmann Die Möwe am Thalia Hamburg heraus. Ungeplanter Weise allerdings. Er sprang als Regisseur ein, den Abend zu retten. Ob's gelang, weiß Katrin Ullmann.

In Oliver Bukowskis neuem, am Deutschen Theater Göttingen uraufgeführtem Stück mit dem wunderbar polleschisierenden Titel Ich habe Bryan Adams geschreddert feiern sich Reihenhaus-Mittelständler in ihr soziales Aussterben hinein. Eine bitterböse Bestandsaufnahme voller Finten sah Stephanie Drees.

Carl Sternheim war der große Chronist des bürgerlichen Verfalls am Anfang des 20. Jahrhunderts. Der böse Blick, mit dem er in seiner Tetralogie Aus dem bürgerlichen Heldenleben Aufstieg und Fall einer Familie durch drei Generationen verfolgt, hat wieder Konjunktur. Am Residenztheater hat das Duo Tom Kühnel und Jürgen Kuttner drei Teile des Zyklus ins Heute verlegt. Petra Hallmayer berichtet.

Christoph Marthaler am Schauspielhaus Hamburg: Das ist das Wiedersehen mit einem Regisseur, der vor vielen Jahren an diesem Ort epochales Theater geschaffen hat. Sein Heimweh & Verbrechen ist ein Schweiz-Abend geworden, dem der historische Zufall auf die Sprünge hilft, findet jedenfalls Falk Schreiber.

In seinem berühmten Stück Der Kaufmann von Venedig lässt William Shakespeare die Tragödien zweier Außenseiter aufeinanderprallen: die eines Juden und die eines Homosexuellen. Stefan Bachmann hat die Geschichte nun in Köln inszeniert, mit Bruno Cathomas als Shylock. Andreas Wilink war bei der Premiere.

Im New York der siebziger Jahre verfangen sich zwei linkische Künstler in der Gier nach Geld, die ihnen zum Motor wie zum Todesstoß wird. Marcus Lobbes hat William Gaddis' großartigen Roman JR in Wuppertal inszeniert. Kunst vs. Kapital? Mehr über den Abend von Sascha Westphal.

Mit den Sozialstudien "Arabboy" und "Arabqueen" haben sie vor einigen Jahren den Heimathafen Neukölln ins Rampenlicht geschossen. Jetzt ist das Team um Regisseurin Nicole Oder für eine Fortsetzung zurück: Baba oder Mein geraubtes Leben lädt auf eine Reise von Deutschland nach Dubai ein, und André Mumot war mit an Bord.

Wien erlebt ja gerade hautnah, was es heißt, wenn feststehende Verhältnisse ins Wanken geraten, weil plötzlich die (Lebens)lügen nicht mehr funktionieren. Am Beispiel einer bürgerlichen Familie hat das vor ungefähr hundertfünfzig Jahren schon Friedrich Hebbel durchexerziert. Jetzt hat Michael Thalheimer Maria Magdalena inszeniert. Wo? Am Burgtheater natürlich! Reinhard Kriechbaum war bei der Premiere.

Oblomow, der berühmte Romanheld von Iwan Gontscharow aus dem Jahr 1859, ist immer wieder zeitgemäß. Als Totalverweigerer der turbokapitalistischen Hektik zum Beispiel. Am Landestheater hat sich der russische Regisseur Sergej Pronin jetzt des Stoffes angenommen. Otto Paul Burkhardt hat zugeschaut. 

Am Theater Münster arbeitet man beharrlich daran, die deutsche Tennessee Williams-Hauptstadt im Westfälischen zu etablieren. Nach der deutschen Erstaufführung eines Frühwerks stehen jetzt unbekannte Einakter, zum Teil auch als Erstaufführungen, auf dem Programm: I Can't Imagine Tomorrow. Und auch Regisseur Frederik Tidén ist mit dem amerikanischen Realisten längst vertraut. Kai Bremer war vor Ort.

Wie sehr darf ein Vater seine Tochter lieben? Nein, es geht nicht um Woody Allen und seine Adoptivtochter Dylan Farrow, die ihm sexuellen Missbrauch vorwirft. Es geht um Georges und Christiane, Figuren im Inzest-Stück Freitag des belgischen Abgründe-Aufschauflers Hugo Claus. Am Schauspielhaus Bochum arrangiert Eric de Vroedt Vater und Tochter und weitere Komplikationen zu einem Familiengemälde. Friederike Felbeck berichtet.

Claudia Bauer hebt den ollen Märchenschatz der Brüder Grimm, indem sie ihn in ihrem Dortmunder Märchenmassaker Republik der Wölfe bei seiner (Alb)Traumseite packt. Mit der toll zusammengewürfelten Band The Ministry of Wolves entfaltet sie ein subversives Gegenwartspanorama um "Rumpelstiltskin" und Co. – zur Beeindruckung von Sascha Westphal.

Am Nationaltheater Weimar ist Hilde Wangel ein Backpackergirl mit knallpinkem Haar. Zusammen mit dem überzeugend zerrissenen Baumeister Solness ergibt das ein furioses Kraftzentrums-Duo in Jan Neumanns irreal angehauchter Ibsen-Variante. Ute Grundmann hat sie gesehen.

Der Selbstmörder, am Mittelsächsischen Theater Freiberg ist er ein Clown. Annett Wöhlert hat die lange verschüttete Farce von Nikolai Erdman inszeniert – und das 21. Jahrhundert zur Zirkusmanege erklärt. Wie plausibel das ist, sagt Wolfgang Behrens.

Bis Juli 2013 war Róbert Alföldi Intendant des ungarischen Nationaltheaters in Budapest, ebenso erfolgreich wie umstritten für provokant moderne Inszenierungen, angefeindet von der politischen Rechten. Jetzt ist der große Theatermacher ins kleine niederbayerische Eggenfelden gezogen, um sich ganz unpolitisch, wie er selbst vorab sagte, Anton Tschechows Kunst- und Lebensreflexionen in Die Möwe zu widmen. Michaela Schabel sah ein Feuerwerk.

Treffen sich zwei Akademiker am Kühlregal. Kein Witz, sondern die Komödie Einer und eine von Martin Heckmanns. Ob sich im Kölner Theater Der Keller das Akademiker-Prekariat trotz Bildungsballast paaren kann, weiß Friederike Felbeck.

"Die Menschen verschwinden und die T-Shirts bleichen aus." Solche Sätze von durchströmender Poesie schreibt Peter Handke in Immer noch Sturm. Das epochale Erinnerungstableau seines Aufwachsens in der Vielvölkerregion Kärnten, das 2012 mit dem Mülheimer Dramatikerpreis ausgezeichnet wurde, kommt jetzt am Grazer Schauspielhaus in der Regie von Michael Simon auf die Bühne. Leopold Lippert erlebte eine Geschichtstour full frontal.

"Gedächtnisbulimie führt nur zu einem sauren Selbst", so klingt es im vierten Teil der Schauspielhaus-Serie Die Welt von Gestern. Nach Stefan Zweig. Ebendiese Folge 4: Die Agonie des Friedens hat Ferdinand Schmalz verfasst, Felicitas Brucker führte Regie und Kai Krösche war vor Ort.

Die Schauspieler dürfen ihre Namen nicht preisgeben, weil ihnen sonst Einreiseverbote in den Iran drohen. Das ist die konkrete Wirklichkeit eines Projekts, das sich dokumentarisch und tänzerisch mit Soldaten im Iran und in Israel befasst: Brothers in Arms heißt es, Waffenbrüder zu Deutsch, inszeniert von Ana Zirner, die in München als ein Geheimtipp der freien Szene gilt. Ihren Abend am Theater Schwere Reiter sah Sabine Leucht.

Nachdem sie in letzter Zeit vermehrt ohne Kamera auf der Bühne gearbeitet hat, hat Katie Mitchell sich nun wieder dem Live-Filmen, das sie bekannt gemacht hat, zugewandt – für ihr Burgtheater-Debüt hat die Britin das Set im Kasino am Schwarzenbergplatz um Peter Handkes Erzählung Wunschloses Unglück herum aufgebaut, in der Handke den Selbstmord seiner Mutter verhandelt. Ob das zusammenpasst, weiß Teresa Präauer.

Die sogenannte "Masseneinwanderung" ist ein Thema der Stunde. Nicht nur in der Schweiz, auch am Deutschen Theater Berlin. Dort hat Nuran David Calis Mehdi Charefs Roman Tee im Harem des Archimedes in eine Flüchtlingsrevue mit NDH-Darstellern verwandelt. Was NDH bedeutet (und noch mehr), weiß Matthias Weigel.

Das Brechtfestival heißt Brechtfestival, also muss es den Dichter in immer neuem Lichte zeigen. Und zur Not ein vergessenes Werk ausgraben. Wie das Lehrstück von Brecht und Paul Hindemith, das Brecht-Enkelin Johanna Schall in Augsburg inszeniert hat. Ob sich die Wiederentdeckung gelohnt hat, sagt Willibald Spatz.

Heute stimmen die Schweizer WahlbürgerInnen über den neuen Vorstoß der ausländerfeindlichen SVP ab: die Masseneinwanderungsinitiative, derzufolge die Einwanderung von "Fremden" stark begrenzt werden soll, weil sie dem gemeinen Schweizer auf der Tasche liegen oder ihm die Arbeit wegnehmen. Ist also Wir sind keine Barbaren!, die Novität von Philipp Löhle, das Stück der Stunde? Altmeister Volker Hesse hat es inszeniert, Andreas Klaeui schaute der Premiere zu.

Sebastian Baumgarten hat vor ein paar Monaten Wagners "Fliegenden Holländer" in Bremen inszeniert. So weit, so normal. Nun aber hat er jenes Material, das man sonst ins Programmheft zu packen pflegt, am Hamburger Schauspielhaus auf die Bühne gebracht. Heraus kam Die Ballade vom Fliegenden Holländer nach Motiven von Heine bis Derrida. Jens Fischer staunte nicht schlecht.

Andreas Kriegenburg hat Shakespeares Was ihr wollt inszeniert. Und, wie gewohnt, auch die Bühne entworfen: einen Bunker. Darin treten Uniformierte auf, die dem Zuschauervolk eine krachlederne Lehrstunde erteilen. Dirk Pilz fühlte sich für dumm verkauft.

Auch in Pforzheim wurde an diesem Wochenende Shakespeares Was ihr wollt inszeniert. Vom Intendanten Murat Yeginer, der die Sprache der Dating-Profile sprechen lässt. Ist's, was das Publikum will? Mehr von Steffen Becker.

Nathan der Weise zum tausendundsiebten Mal! Gibt es, jenseits der Interpretationen aus dem gehobenen Deutsch-Unterricht, noch Neues zu erzählen? Über die Lesart von Ulrich Greb unterrichtet Stefan Keim.

Anscheinend haben Stücke von Tennessee Williams gerade Hochkonjunktur, und in Kassel soll man sogar überlegen, den Park Wilhelmshöhe in Williamshöhe umzubenennen. Scherz beiseite: Auch selten gespielte Stücke des amerikanischen Dramatikers reüssieren derzeit, so hat Sebastian Schug nun das Künstler-Kammerspiel Eine Hotelbar in Tokyo ausgegraben. Sehr zum Wohlgefallen von Andreas Wicke.

Die Taten des NSU sind monströs, und auf der Bühne des Schauspiels Frankfurt sehen auch die Täter monströs aus. Lothar Kittstein hat das NSU-Auftragsstück Der weiße Wolf geschrieben, Christoph Mehler hat die Uraufführung inszeniert. Mehr von Grete Götze.

Den Kirschgarten gibt's doch gar nicht mehr? Oder doch? John von Düffel schickt die Enkel der Ranjewskaja nachgucken. Am Hans Otto Theater hat Tobias Wellemeyer die Uraufführung der Tschechow-Fortschreibung Kirschgarten – Die Rückkehr inszeniert. Simone Kaempf war dabei.

Der Roman Herkunft von Oskar Roehler, den es auch als Film gibt, führt eine Familiensaga mit der Zeitgeschichte der Bundesrepublik Deutschland zusammen. Aus Roman, Film, Saga und Historie hat Frank Abt nun einen Theaterabend gebaut. Andreas Schnell hat ihn gesehen.

Die Hölle sind immer die anderen? Pah, Sartre! Die Hölle sind immer wir selbst – hier in sechsfacher Ausführung. Karin Henkel spaltet Dostojewskis Raskolnikow, den sich in den eigenen Reflexionen verheddernden Mörder ohne Motiv, in sechs Schauspieler auf. Schuld ist dabei nur der erste Teil eines "Schuld und Sühne"-Großvorhabens, das ob der durcheinandergerüttelten Spielzeitplanung am Schauspielhaus Hamburg ebenfalls aufgespalten wurde. Die Sühne folgt in einem Jahr. Vielversprechend, findet Falk Schreiber.

Ein Karrierist, der zum Namen auch noch den Rang haben will – man muss nicht weit denken, um heutige Beispiele für den Typus zu finden, den Molière in Der Bürger als Edelmann beschrieb. Am Zürcher Schauspielhaus hat sich der 83-jährige Altmeister Werner Düggelin die Komödie vorgenommen und es mit Pointen, Slapstick und Geschwister-Schmid-Schlagern krachen lassen. Mehr von Claude Bühler.

Marianne Hoppe war hochbetagt, als sie an der Seite Martin Wuttkes die Merteuil in Heiner Müllers Quartett spielte – und war eine großartige Marquise. Jetzt wagen sich Elisabeth Trissenaar und Helmuth Lohner unter der Regie von Hans Neuenfels an dieses Dirty-Talk-Duett zweier Ex-Hassliebenden. Die Premiere im Wiener Theater in der Josefstadt sah Martin Thomas Pesl.

Migration als ästhetischen Motor sichtbar zu machen, darum geht es dem KRASS-Festival auf Kampnagel Hamburg. Gestern war die Eröffnung, die Festivalmacher Branko Šimic gleich selbst besorgte: In seinem Performanceabend Der Abgrund – Ich bin ein alchemistisches Produkt erzählt er entlang der Biographie der Dichterin und Malerin Etel Adnan von transnationalen Lebensperspektiven. Tim Schomacker ließ sich an Grenzen führen.

Zwei Uraufführungen, zwei junge Autoren, zwei junge Regieteams. Johanna Wehner inszeniert Paul Brodowkys Intensivtäter. Jan Gehler zeichnet seine Interpretation von Dirk Lauckes Seattle. Bei Laucke hocken die notorischen Außenseiter zwischen Plattenbauen und träumen sich westwärts. Während bei Brodowsky ein Chor der Mittelständler erst noch seiner Illusionen über das schöne Leben verlustig gehen muss. Den Doppelabend im Breisgau sah Elisabeth Maier.

Als Kind einer Anwaltsfamilie, die Schwarze in den Apartheids-Prozessen vertrat, wuchs William Kentridge in Südafrika auf. Der "documenta"-Dauergast schuf unter anderem Animationsfilme aus jeweils handgezeichneten Einzelbildern. Am Deutschen Schauspielhaus referiert er nun in den Drawing Lessons IV – VI über seinen Schaffensprozess. Katrin Ullmann berichtet.

Die Orestie des Aischylos ist ja schon etwas älter und wurde in den vergangenen Jahrtausenden gerne mal neu erzählt. In Oberhausen bringt sie der junge australische Regisseur Simon Stone auf den aktuellen Stand. Zu welchem Ende, weiß Martin Krumbholz.

in Nicht nur immer wieder neu, sondern vor allem immer wieder wird die Orestie erzählt, nicht zuletzt als demokratischer Gründungsmythos. Zeitgleich zu Oberhausen auch in Kaiserslautern, mit ordentlich Kunstblut und echten Schäferhunden von Johannes Zametzer. Dennis Baranski war dabei.

Ein Stück, wie der feinste Stoff aus dem neuen amerikanischen Fernsehserienhimmel Marke HBO: In Die Welt mein Herz schildert Mario Salazar in schnellen, bizarren Episoden zwischen New York, Buenos Aires, Berlin und Stendal-Süd Menschen zwischen Mord und Melancholie, auf dem Roadtrip der Sehnsucht. Regisseur Rafael Sanchez hat das Werk am Schauspiel Köln uraufgeführt. Wie er den Humor der Vorlage anpackte, weiß Stefan Keim.

Den Auftakt zum dreiteiligen repräsentativen Antikenprojekt machten Nada Kokotovic und ihr gemischtes Tanz-Schauspielensemble mit Christa Wolfs Erzählung Kassandra. Gebannt verfolgte Harald Raab die Premiere.

Um 1950 herum rebellierten ein paar junge Leute mit Störsender und Flugblättern im thüringischen Altenburg gegen die neue Diktatur – und wurden dafür hingerichtet. Im nahen Gera erlebte die Geschichte jetzt als Die im Dunkeln ihre Uraufführung. Mit dabei: Frauke Adrians.

Es hätte alles auch ganz anders kommen können. Das gilt für alle Historie. Jenny Erpenbeck hat diesen großen Konjunktiv in ihrem Roman Aller Tage Abend anhand einer Familiengeschichte durchgespielt. Felicitas Brucker bringt den Roman im Wiener Schauspielhaus aufs Theater. Martin Pesl besuchte den ersten Abend.

Langsam fährt man auf der Drehbühne von Raum zu Raum, von Liebesspiel zu Liebesspiel. Philipp Preuss hat Arthur Schnitzlers einstiges Skandalstück "Der Reigen" mit Jean-Luc Godard verschnitten zum großen multimedialen Mash-up: Der Reigen oder Vivre sa vie. Ute Grundmann war im Lichtspieltheater.

Eindrücklich hat Isabel Allende die Geschichte Chiles in Das Geisterhaus beschrieben – ein Land, zerrissen zwischen sozialistischem Experiment und Pinochet-Diktatur. Antú Romero Nunes, dessen Mutter einst vor Pinochet floh, hat den Roman nun auf die Bühne des Akademietheaters gebracht – mit Stars wie August Diehl und Ignaz Kirchner und wunderbaren Frauen. Ein Schauspielerfest sah Kai Krösche.

Ein Mann wie aus dem Horror-Bilderbuch: Siegfried Müller, genannt Kongo-Müller, war ein brutaler deutscher Söldner in Afrika. Am Stuttgarter Theater Rampe suchen Jan-Christoph Gockel und Laurenz Leky mit ihm und anderen Afrika-Reisenden nach dem deutschen Wesen. Ob das gut geht, sagt Verena Großkreutz.

Beim Personal von Shakespeares Königsdramen kann man schnell den Überblick verlieren: Wer hat hier nochmal wen gezeugt, wer wen gemeuchelt? Johanna Schall und die Bremer Shakespeare Company wollen mit Shakespeares Könige. MORD MACHT TOD. Licht ins Dunkel bringen – Andreas Schnell war bei der Premiere.

Seit fast vier Jahren haben Markus Öhrn und Nya Rampen die Familie Fritzl in ein Holzhaus gesperrt und übertragen die Selbstzerfleischung dieser kranken Gruppe live ans Theaterpublikum – neuerdings als Allegorie des Glücks im Zürcher Neumarkt Theater. Geneva Moser hat bis zum blutigen Ende durchgehalten.

In der Wellness-Nebelgrotte für die Frau ab 40 hagelt es eiskalte Thesen: "Und dann sind die Reize weg, mit 40, sagen wir. Und dann beklagen sich die unterfickten Damen..." Wo sind wir? Richtig, bei Sibylle Berg. Ihr Anti-Aging-Spiel Die Damen warten hat Kai Wessel an den Hamburger Kammerspielen jetzt mit Fernsehprominenz in Szene gesetzt. Falk Schreiber sah den Prosecco perlen und sagt, wie er schmeckt.

"Wir haben das Blut bereits bestellt", witzelte der Schauspieldirektor Tomas Schweigen im Mai vergangenen Jahres, als man Calixto Bieito als Basels neuen "artist in residence" präsentierte. Und auch der Stücktitel der ersten Inszenierung des spanischen Skandalisateurs verspricht eine Kunstblutschlacht. Doch Bieito zelebriert mit Lorcas Bluthochzeit kein Splattertum, sondern lässt die Figuren einem anderen Gott huldigen. Mehr von Claude Bühler.

Zum Weltkriegs-Jubiläum 1914 hat Regisseur Jakob Fedler unter dem Titel Die Kleinen und Niedrigen drei Texte von Robert Walser, Ernst Toller und Anne Lepper montiert, die alle im Vorschein oder Nachweh eines Großen Krieges spielen. Eine eindringliche Komposition, findet Sascha Westphal.

Wenn Video-Meister Chris Kondek selbst Regie führt, untersucht er mit Vorliebe die Gesetze der Finanzwelt. In The Financial Cocktail Club am Mousonturm inszeniert er eine Talkshow mit Beamern, die Esther Boldt besuchte.

Vom Aufstieg und Fall eines amerikanischen Energie-Riesen erzählt Lucy Prebbles vielgespieltes Stück Enron – eine Parabel für finanzwirtschaftlich prekäre Zeiten. Auch bei Axel Vornam in Heilbronn? Steffen Becker weiß mehr.

Ein Schauermärchen großer Gefühle und schmerzlicher Erinnerungen hat Wajdi Mouawad mit Die Durstigen verfasst. Wie es Babett Grube in Bielefeld realisierte, weiß Kai Bremer.

Im Film gibt es diesen "Fight Club"-Effekt: Am Ende stellt sich heraus, dass der vermeintliche Antagonist die ganze Zeit nur eine weitere Facette der gespaltenen Persönlichkeit des Protagonisten gewesen ist. Im Theater wird Goethes "Faust" manchmal ähnlich gedeutet. Aber wie das umsetzen? Alexander Nerlichs Urfaust in Potsdam zeigt zahlreiche, beeindruckende Möglichkeiten, meint Wolfgang Behrens.

Ruhr-Ort hieß eine Choreographie von Susanne Linke in den 90er Jahren im Ruhrpott. Dank dem "Tanzfonds Erbe" wurde die artistische Choreographie jetzt akribisch rekonstruiert. Hat es sich gelohnt, die Stahlöfen noch einmal anzuschmeißen? Friederike Felbeck gibt Antwort.

Vom freien Fall ins Fremde erzählt der Roman Warten auf die Barbaren des südafrikanischen Literaturnobelpreisträgers J.M. Coetzee. Und wovon erzählt Thomas Krupas deutsche Erstaufführung des Stoffs in Freiburg? Jürgen Reuß berichtet.

Bei Funny van Dannen reimt sich Ibsens stolze Nora auf Botticellis Flora. Moritz Schönecker, der sich am Theaterhaus Jena Rebecca Gilmans Bearbeitung des Ehedramas vorgenommen hat, malt ein weniger schmeichelhaftes Porträt. Mehr von Christian Baron.

Es ist nicht nur windig in Maja Kleczewskas Shakespeare-Inszenierung Der Sturm am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg, die Verhältnisse sind geradezu orkanartig. Und zwar vor allem im übertragenen Sinne. Wir befinden uns in einem potenziellen Bürgerkriegsgebiet. Josef Ostendorf ist Prospero und verbreitet als Warlord im Rollstuhl Angst und Schrecken. Alles Theater? Tim Schomacker weiß Bescheid.

Murmel, Murmel, das war seine letzte Botschaft für das Sprechtheater an der Berliner Volksbühne. Seither baut Komödien-Guru Herbert Fritsch das Haus am Rosa-Luxemburg-Platz zum Musiktheater um. Und auf die Operette "Frau Luna" folgt nun die erste eigene Oper aus des Meisters Feder (gemeinsam mit Ingo Günther komponiert): Ohne Titel Nr. 1. Menschen wie von der Spieluhr aufgezogen sah Sophie Diesselhorst.

Katharina Thalbach ist hierzulande vielleicht die einzige verbliebene Volksschauspielerin. Gestern feierte sie ihren 60. Geburtstag im Kreise ihrer Lieben: Am Theater am Kurfürstendamm spielte sie mit Tochter, Enkelin und Brüdern einen Gerhart Hauptmann-Zusammenschnitt: Roter Hahn im Biberpelz. Esther Slevogt sagt Happy Birthday!

. Bei der deutschen Erstaufführung war die Reaktion auf das neue Stück des britischen Erfolgsdramatikers Martin Crimp In der Republik des Glücks eher durchwachsen. Am Thalia in der Gaußstraße gab ihm die Regisseurin Anne Lenk nun eine zweite Chance. Wie sie genutzt wurde, weiß Falk Schreiber.

Junge Deutsche die depressiv abhängen, bis sie im griechischen Gastarbeiter Jorgos einen Sündenbock ausmachen. Katzelmacher war 1968 für Rainer Werner Fassbinder der Durchbruch und ist heute noch – in der Regie von Nina Mattenklotz – hochaktuell, sagt Reinhard Kriechbaum.

Sechseinhalb Stunden! Über 100 Mitwirkende! Ein Orchester, mehrere Chöre! Euripides, Sartre, Aischylos, Hofmannsthal
! Lina Beckmann, Rosemary Hardy, Markus John, Joachim Meyerhoff, Birgit Minichmayr, Maria Schrader! Die Rasenden, Karin Beiers Auftakt-Inszenierung am Deutschen Schauspielhaus Hamburg, geizt nicht mit Superlativen und großen Namen. Und durchschreitet nebenbei den antiken Atriden-Stoff vom Trojanischen Krieg bis zur Geburt der Demokratie. Matthias Weigel war dort.

Karl Kraus' Die letzten Tage der Menschheit ist ein kaum zu bewältigendes und fast unmöglich auf der Bühne zu inszenierendes Werk. Ein Drama, ein Stück, ein Ungetüm von epischen Ausmaßen, das mit beißendem Spott und ätzender Klarheit die Katastrophe des Ersten Weltkriegs seziert. Wolfgang Engel hat fast hundert Jahre nach Beginn des 1. Weltkrieges den Bühnentest gewagt. Und in einer Turnhalle die apokalyptische Revue gefunden. Wolfgang Behrens berichtet.

Nur zwei Tage, nachdem Dušan David Pařízek in Zürich "Mein Name sei Gantenbein" inszeniert hat, gibt es in Braunschweig schon die nächste Max-Frisch-Roman-Premiere. Anna Bergmann konfrontiert Homo Faber auf der Theaterbühne mit seinen Alter Egos – und Stephanie Drees freut sich drüber.

Was Ihr wollt von Shakespeare kann auf vielerlei Weise gelesen und inszeniert werden. Als Identitätsverwirrung, als Liebesspiel oder gallige Menschenschinderei. Amélie Niermeyer hat am Residenztheater eine riesige Walze in Gang gesetzt, Sabine Leucht war dabei.

Wir befinden uns zwischen den Finanz- und Wirtschaftskrisen, und da passt es doch gut, dass Thomas Ostermeier sich einmal mehr der Psychologie des Verlusts widmet – obwohl er selbst gerade gewonnen hat, und zwar Star-Aktrice Nina Hoss. In Die kleinen Füchse gibt sie ihr Schaubühnen-Debüt. Hossa!? Christian Rakow berichtet.

Othello von Shakespeare ist in Wirklichkeit das Drama seines Fähnrichs Jago. Das ist bekannt. Wie der Romantiker David Bösch mit dem gewalttätigen Menschenexperiment verfuhr, hat Martin Krumbholz beobachtet.

Alain Platel, Choreograf und Regisseur und in dieser Doppelfunktion seit langem schon für magische Ausnahmeabende gefeiert, hat an den Münchner Kammerspielen zwei einander weit entfernte Pole kombiniert. In Tauberbach zeigt er Menschen, die auf dem Müllberg leben – zu den Aufnahmen eines Chores tauber Menschen, die Bach singen. Die gemeinsame Linie entsteht häppchenweise, findet Isabel Winklbauer.

Das klingt schon mal nicht schlecht: Die Schauspielerin Karin Neuhäuser tritt in Joachim-Lux-Verkleidung auf. An dem von Lux geleiteten Thalia Theater nämlich hat Jette Steckel das berühmte Milieustück von Gerhart Hauptmann Die Ratten inszeniert. Und darin auch Fragen nach der Wahrhaftigkeit des Theaters gestellt. Mehr von Katrin Ullmann.

Wo steht Europa? Der dänische Lars-von-Trier-Schauspieler, Regisseur und Autor Jens Albinus geht dieser Frage in seinem neuen Stück Helenes Fahrt in den Himmel mit vielen kleinen privaten Geschichten nach. Was er – in eigener Inszenierung – dabei herausfindet, berichtet Friederike Felbeck.

Alltag & Extase, ist das ein Widerspruch, der zündet? Rebekka Kricheldorf hat ihr neues Stück so genannt, und ob Daniela Löffner in ihrer Uraufführungsinszenierung am Deutschen Theater ein Bühnenfeuerwerk daran entfacht oder eher ein Lagerfeuer, weiß Eva Biringer.

Lässt sich ein Geschichtsbewusstsein ins Einzelhirn implantieren? Und funktioniert das vielleicht sogar auch gesamtgesellschaftlich? Lukas Bärfuss macht das Experiment mit der Hauptfigur seines Stücks 20.000 Seiten, das vor knapp einem Jahr in Zürich uraufgeführt wurde. In Dresden hat Burkhard C. Kosminski es jetzt nachinszeniert. Mehr von Lukas Pohlmann.

Neulich hatte Lucanus' antikes Epos Der Bürgerkrieg als kraftvolles, aber sperriges Chortheater Premiere. Jetzt ist die Produktion am Ringlokschuppen zu sehen. Bei der Uraufführung in Chur war Valeria Heintges.

Mein Name sei Gantenbein – diese titelgebende Aussage des Romans von Max Frisch trägt schon das ganze Identitätenspiel in sich. Ein Erzähler kann bestimmen wer er sein will, mal dieser, mal jener, mal blind, mal sehend. Am Zürcher Schauspielhaus entdeckt Dušan David Pařízek mit seiner Adaption vor allem die Liebesgeschichte. Und den Autor selbst. Mehr von Christoph Fellmann.

Felicia Zellers Kaspar Häuser Meer, einst in Mülheim mit dem Publikumspreis gekrönt, ist immer noch einer der vielinszenierten Renner unter den zeitgenössischen Theatertexten. In Hannover treibt Heike Marianne Götze die drei Damen vom Jugendamt jetzt zu wildem Aktenschleudertum. Jan Fischer war zugegen.

1942 wurde Stefan Zweigs Autobiographie Die Welt von Gestern posthum veröffentlicht. Dem monumentalen Werk widmet sich das Schauspielhaus in einer fünfteiligen Serie, deren erste Folge namens Glanz und Schatten Europas aus Anne Habermehls Feder stammt. Kai Krösche berichtet.

Diffuse Ängste gehen um im etablierten Europa. Populisten rüsten verbal auf gegen befürchtete Einwanderungswellen aus Bulgarien und Rumänien. Grund genug, sich einmal umzuhören unter denen, die da kommen könnten. Die freie Truppe unitedOFFproductions haben für Eigentlich wollte ich nach Finnland Feldforschung betrieben und geben jungen Einwanderern am Braunschweiger LOT-Theater eine Stimme. Stephanie Drees war dabei.

Unendlich gut, dieser Unendliche Spaß, finden auch die Theater und bringen das epochale Romangroßwerk des jung aus dem Leben geschiedenen Autors David Foster Wallace in schöner Regelmäßigkeit auf die Bühne. In Wien besorgt nun Christine Eder die österreichische Erstaufführung an der Garage X und präsentiert mit Rasanz ihre Ansichten vom längeren Ende der Freizeitgesellschaft. Martin Pesl sah zu.

Es war einmal ein Weltumsegler, der wollte einen neuen Weg nach Indonesien finden. Sein König ließ ihn nicht. Da suchte er sich einen neuen König und fand dann auch den neuen Weg. So fing das an mit der Globalisierung, Thema der Parabel Das Ding von Philipp Löhle. Sandra Schüddekopf hat im Theater Drachengasse die österreichische Erstaufführung inszeniert. Theresa Luise Gindlstrasser schaute zu.

Daniel Casper von Lohenstein und seine barocken Sprachungetüme liegen uns gewiss ferner als die fernste Gegend der Türkei. Aber alles was fern ist und fremd, leuchtet uns gemeinhin auch verführerisch in den hausbackenen Gemüts-Verstand hinein. Grund für Johannes Schmit, Lohensteins Türkische Trauerspiele neu zu lesen. Esther Boldt war dabei.

Alle reden über Menschlichkeit, nur einer redet über Motoren, Mechanismen, Materialismen: René Pollesch, der große Äußerlichkeitsdenker, bringt in der Schiffbauhalle des Zürcher Schauspielhauses sein neues Diskursstück heraus: Herein! Herein! Ich atme euch ein! Für nachtkritik.de war Christoph Fellmann vor Ort.

Wie ein zartes 80er-Jahre-Coming-Out-Stück ist diese Novität von Falk Richter angelegt: Small Town Boy am Gorki Theater. Aber dann bricht doch noch zeitgenössische Politrealität ein. Wie, sagt Simone Kaempf.

Ökonomie ist nicht gerade die Herzensangelegenheit der Protagonisten in Dostojewskis Roman Der Spieler. Auch nicht die von Regisseur Martin Laberenz. Wie er sich und seine Schauspieler beim Erzählen verschwendet, berichtet Martin Krumbholz.

David Marton hat etwas übrig für die Romantik. Für seinen Doppelgänger in Stuttgart mischt er Motive aus E.T.A. Hoffmanns und Robert Schumanns Werken und erforscht freihändig die Gedankenwelt der Epoche. Steffen Becker war bei der Premiere.

Überraschend gut passen Roland Barthes' "Fragmente einer Sprache der Liebe" zu der Verzweiflung in Goethes Briefroman Werther. Laura Koerfer hat diese Verschränkung im Neumarkt Theater ausprobiert. Claude Bühler sah dabei zu.

Krystian Lupa, polnischer Regie-Nestor und europäischer Theaterpreisträger, ist der Mann fürs große Format. Wenn er, der in Polen schon einige Thomas Bernhard-Erstaufführungen gestemmt hat, sich in Graz nun den ehemals skandalträchtigen Bernhard-Roman Holzfällen vorknöpft, dann steht alles zu erwarten – sicher aber kein einstündiges Kammerspiel für die Westentasche. Wie groß es wurde, weiß Reinhard Kriechbaum.

Friedrich Schillers Kabale und Liebe ist das Drama der Ausgebeuteten und Geknechteten, es treffen darin entrechtete Billiglöhner auf skrupellose Waffenexporteure, die als heiße Eisen ihre Golfschläger schwingen. Ach nein? Wer's nicht glaubt, der schaue sich Simon Solbergs Neuinszenierung an. Oder lese die Nachtkritik von Sascha Westphal.

Idealismus? Vertreter soll es geben, aber sie erscheinen ziemlich komisch, wenn sie auf die Realität treffen. So jedenfalls beim schweizerisch-deutschen Performance-Kollektiv Schauplatz International, das in seinem neuen Abend Idealisten am Berliner Hebbel am Ufer eine Widerspruchswelt rund um den Idealismus entwickelt. Denn auch Ideale sind Machtinstrumente. Mehr von Dirk Pilz.

Der Krieg ist eine alte Erfindung, seine Folgen waren schon immer verheerend. Etwa im Römischen Reich, wo sich 49 bis 45 v.Chr. die Armeen von Julius Cäsar und von Pompeius niedermetzelten. Hundert Jahre später machte Lucanus daraus sein Epos Der Bürgerkrieg. Lucanus musste sich selbst entleiben, sein Werk hat Achim Lenz jetzt in Chur als Chortheater für sechs Schauspielerinnen auf die Bühne gebracht. Mit dabei: Valeria Heintges.

Süß riecht der Duft des Tränengases, wenn man es noch nicht im Gesicht hatte. In Marianna Salzmanns neuem Stück Hurenkinder Schusterjungen zieht eine Bahnschaffnerin mit revolutionärem Grundgefühl in eine Wohngemeinschaft, kündet vom kommenden Aufstand, aber verstrickt sich in die hier exzessiv gelebte Menage à trois. Eine Implosion der wutbürgerlichen Verhältnisse? Ein Bild unserer Zeit? Die Mannheimer Uraufführung von Tarik Goetzke sah Steffen Becker.

Die amerikanische Kult-Zeichentrickserie "South Park" schickt ihr Publikum immer wieder durch die Fegefeuer politischer Correctness-Debatten, ohne sich daran zu verbrennen. Und macht dabei nicht nur ziemlichen Spaß, sondern hat schon manche Debatte klug erhellt. Malte C. Lachmann hat sich für das Junge Schauspiel jetzt mit Süd Park an einer deutschen Ausgabe fürs Theater versucht. Ob und wie das funktionierte, berichtet Jan Fischer.

uf irgendwas sind sie alle scharf, die Missgeburten der Gattung Mensch, die Molière in seiner bösen Komödie Der Geizige beschrieb. Die Titelfigur hat da noch die ehrlichsten Gefühle: sein Geld liebt Harpagon aufrichtig und tief. Am Grillo Theater hat Jasper Brandis jetzt das Stück auf einer Showtreppe in Szene gesetzt. Mehr zum Wie und Warum von Stefan Schmidt.

Henrik Ibsens Nora oder Ein Puppenheim spielt an Weihnachten. Also haben Malte Kreutzfeldt und Dariusch Yazdkhasti in der Interimsspielstätt des Coburger Theaters nur eine riesige Tanne auf die Bühne gestellt. Ungeschmückt. Erst am Ende geht hier das Licht an – und den Ehedrama-Leutchen ein Licht auf? Die Premiere sah Elisabeth Michelbach.

In William Shakespeares König Lear gerät die Welt aus dem Fugen, weil sich ein Herrscher nicht an die Regeln hält. Und sich in seinen Kindern ein bissel täuscht. Dafür lernt er dann durch Leid noch eine Menge über das Leben. Das bleibt natürlich auch bei Altmeister Peter Stein so, der an der Wiener Burg Klaus Maria Brandauer mit weißem Zottelhaar ins Erkenntnis-Rennen schickt. Im Premieren-Parkett saß Reinhard Kriechbaum.

Wenn ein Meister des Skurrilen auf einen Meister des französischen Boulevard-Klamauks alter Schule trifft, dann müssten eigentlich die Funken sprühen, oder? Am Theater Basel hat Christoph Marthaler mit Das Weiße vom Ei eine Kompilation aus Labiche-Stücken angerichtet. Kaa Linder hat das süße Dessert probiert.

Michael Thalheimer ist in Berlin umgezogen. Seit dieser Spielzeit ist er Hausregisseur nicht mehr am Deutschen Theater, sondern an der Schaubühne. Die liegt am Ku'damm; Molière würde Ku'boulevard sagen. Ausgerechnet Molière, dessen Dramen bekanntlich witzig sind, hat der nicht als witzig bekannte Thalheimer sich ausgesucht, um seinen Einstand zu geben. Lars Eidinger ist Tartuffe – der Nachtkritiker ist Wolfgang Behrens.

Auf der Bühne der Kammerspiele stehen Schaufensterpuppen, farbige Schaufensterpuppen, zwischen denen Regisseur Luk Perceval in seiner Schuld-und-Sühne-Variation von J.M. Coetzees Schande die Schauspieler huschen lässt. Mehr darüber von Sabine Leucht.

Schulalltag in einem Pariser Problemviertel – was da an Testosteron und überkommenen Ehrbegriffen zirkuliert, hat der ehemalige Lehrer François Bégaudeau in einem Buch beschrieben, dessen Verfilmung Die Klasse in Cannes ausgezeichnet wurde. Sebastian Nübling hat den Stoff nun am Theater Basel inszeniert und gehörig eingeschweizert, berichtet Claude Bühler.

Ibsens Volksfeind hat weiterhin Konjunktur – jetzt ist er auch in Münster angekommen, wo Schauspielchef Frank Behnke ihn Tocotronic-Lieder singen lässt. Mehr von Sascha Westphal.

"Die Leute wollen das schubsende Theater", weiß Frank Castorf. Also schubst der große Rempel-Regisseur für seinen Balzac-Abend La Cousine Bette auf die Berliner Volksbühne: Alexander Scheer, Kathrin Angerer, Marc Hosemann, Bernhard Schütz, Lilith Stangenberg und und und, die Crème de la Crème der Volksbühne gestern und heute. Und haben die Außerordentlichen dann auch ordentlich geschubst? André Mumot weiß es.

Keine leichte Heimkehr für Odysseus nach Ithaka, beleibt, die fittesten Jahre hinter sich – die Frau mault. Da geht's am besten gleich wieder los, auf eine Odyssee Nr. 2. Von dieser erzählt Kerstin Specht in Odysseus! Ob der Text und die Uraufführung von Maik Priebe das Ausrufezeichen verdienen, sagt Dieter Stoll.

Früher, da saßen die Menschen einmal gebannt ums Radio und lauschten knapp einstündigen Hörspielen. Zum Beispiel denen des Nachkriegsautors Alfred Andersch, dessen Hörstück von 1957 Fahrerflucht jetzt auf die Bühne geholt wurde. Und zwar zusammen mit Philipp Löhles Fortschreibung Fluchtfahrer. Was beide Texte verbindet und wie Regisseur Dominic Friedel die Sache angerichtet hat, weiß Steffen Becker.

Helmut Kohl lebt und ist längst eine umstrittene Legende. Natürlich reizt das zu literarisch-szenischen Phantasien. Das Autoren-Duo Nolte/Decar hat mit Helmut Kohl läuft durch Bonn einen Text zwischen genialem Schwachsinn und banalem Tiefsinn vorgelegt, eine Zitatschleuder und Klassikerüberschreibung, die Markus Heinzelmann am Theater Bonn uraufführte. Sascha Westphal war dabei.

In Ödon von Horváths Jugend ohne Gott ist es die Naziideologie, die soziale Bindungen zerstört und sich in hinterste Winkel der Seele einnistet. Heute ist es die Durchökonomisierung, die alle Bindungen unterwandert. Wie genau Tilmann Köhler das in seiner Inszenierung im Deutschen Theater zusammendenkt, sagt Esther Slevogt.

An einem "Gastarbeiterstrich" muss vorbei, wer am Hebbel am Ufer in den neuen Abend von God's Entertainment will. Tagelöhner und Schwarzarbeiter bieten sich feil, und im Saal ist eine riesige Baustelle aufgebaut. Über Sinn und Unsinn von Cleaning, babysitting, I help in the house, 7 Euro berichtet Christian Rakow.

Wenn ein zweimaliger Oscar-Preisträger aus Wien in Antwerpen die Erfolgsoper eines alten Nazi-Mitläufers und Großkomponisten inszeniert, schauen wir als führendes Unterhaltungsmedium der Theaterbranche naturgemäß auch hin. Christoph Waltz hat die Tarantino-Colts beiseite getan und sich des Rosenkavaliers von Richard Strauß und Hugo von Hofmannsthal angenommen. Regine Müller war in der Flämischen Oper in Antwerpen dabei.

Sie war als Wegbestimmung auf dem Ponton zwischen Eiszeit und Kommune gedacht und wurde doch zum großen Abgesang auf die DDR. Volker Brauns Tschechow-Adaption Die Übergangsgesellschaft, 1988 am Berliner Maxim Gorki Theater von Thomas Langhoff herausgebracht. Jetzt, ein Vierteljahrhundert und einige kapitalistische Schleifen weiter, führt Langhoffs Sohn Lukas Langhoff das Stück am neuen Gorki Theater wieder auf. Nikolaus Merck war vor Ort.

Für einen Skandal taugt Schnitzlers Seitensprungfestival Reigen heute nicht mehr. Aber für großes Schauspielertheater? Regisseur Bastian Kraft hat sich für seinen Schnitzler-Abend die Charakterköpfe Edgar Selge und Franziska Walser, Eheleute auf und neben der Bühne, engagiert, und Verena Großkreutz weiß, wie es ward.

Es wird einmal – ein Märchen gewesen sein? Martin Heckmanns betitelt sein neues Stück über das Theater im Vergangenheitsfutur. Der Bochumer Intendant Anselm Weber besorgte die Uraufführung des Theater-Stücks, und Andreas Wilink berichtet davon.

Tiit Ojasoo und Ene-Liis Semper vom estnischen Theater NO 99 inszenieren zum zweiten Mal am Thalia Theater. Hanumans Reise nach Lolland heißt der Abend. Wieder geht es um eine Zwangsgemeinschaft, eine, die auf der Durchreise in einem dänischen Asylantenheim strandet. Mehr von Falk Schreiber.

Angeblich braucht unser Gehirn 2,7 Sekunden, um einen Eindruck als Gegenwart zu verarbeiten. Kann man einen Theaterabend über diese 2,7 Sekunden machen? Und wie lange müsste er dauern? Von Jan Neumanns Stückentwicklung berichtet Christian Baron.

Heute wünscht sich das Dessauer Publikum wohl vor allem, dass sein Theater nicht schließt. Bei einer Stückewahl im Oktober hatte es sich Thomas Braschs Vor den Vätern sterben die Söhne gewünscht. Mehr von Ute Grundmann.

Als trilingualer, kontinentaler Halbwelt-Thriller zwischen Estland, Deutschland und England kam Three Kingdoms von Simon Stephens 2011 heraus. In Osnabrück lässt Regisseur Dominik Günther den Krimi jetzt komplett auf Deutsch spielen. Ob er dadurch Vielfalt einbüßt, weiß Kai Bremer.

Mit dunklen, tieftraurigen Stoffen hat er reiche Erfahrung, der Bilderschöpfer und DT-Hausregisseur Andreas Kriegenburg, der Stammregisseur von Dea Loher. Für David Grossmann Totenklage Aus der Zeit fallen am Deutschen Theater Berlin lässt er die Menschen zwischen Sternen baumeln und im Räderwerk alles Irdischen dahintrotten. Ein mühsamer, schwerer, aber auch gewichtiger Weg, wie Simone Kaempf berichtet.

Natürlich sind die Zehn Gebote vom Herrgott immer schon ein reizvoller Stoff gewesen für Künstler. Der Fernseh-Zehnteiler Dekalog machte den Filmregisseur Krzysztof Kieślowski weltberühmt. Christopher Rüping hat sich die Fernsehfassung der Gebote genommen und daraus eine Theaterfassung geschmolzen. Und? Du sollst nicht schmelzen? Oder wie ist es ausgegangen? Shirin Sojitrawalla berichtet.

Das Thema ist hochaktuell: Lampedusa, Frontex, die EU und ihre Einwanderer. In FRONTex SECURITY nimmt Dokutheatermacher Hans-Werner Kroesinger die Festung Europa auseinander und wendet ihre Bausteine hin und her. Wie sich das am Berliner HAU ausnahm, sagt Sophie Diesselhorst.

Bunbury oder Ernst sein ist wichtig ist vielleicht das witzigste Theaterstück, das je geschrieben wurde. Umso mühsamer das Geschäft für Regisseure, die versuchen, den Witz auf die Bühne zu bringen. Sarantos Zervoulakos hat es am Schauspielhaus zu Düsseldorf probiert. Martin Krumbholz schreibt, wie es ausging.

Er gehört zu den Sprachmusikalisten unter den Dramatikern: Händl Klaus. Entsprechend wurde "Meine Bienen. Eine Schneise" bei der Uraufführung in Salzburg als Musik-Stück gegeben. Bei Stefan Otteni in Nürnberg hat das Krimi-Wutkind-Stück eine Titelhälfte verloren, heißt nur noch Eine Schneise und wurde mit allerlei szenischen Spielereien aufgeladen. Dieter Stoll war dabei.

Eine Parade der Banken-Pleitiers zeigt Andres Veiel in seinem Dokumentardrama Das Himbeerreich, und sie kommt seit der Uraufführung 2012 landesweit herum. In Freiburg lauscht Chortheatermacher Jarg Pataki in Veiels O-Töne aus dem Bankenwesen hinein. Was es zu hören gab, weiß Martin Jost.

In Berlin machte Nurkan Erpulat aus Tschechows Kirschgarten jüngst das Mission Statement des neu eröffneten Gorki Theaters unter Postmigrationsspezialistin Shermin Langhoff. In Bremen ließ die Niederländerin Alize Zandwijk jetzt hingegen die Seelen zittern und die Landadligen mit Sonnenmilch gegen die Morgenröte des bürgerlichen Zeitalters vorgehen. Wie sich das ausnahm, beschreibt Jens Fischer.

"Brenne und sei dankbar" hieß die Ausstellung, in der die freie Regisseurin Gesche Piening 2012 anschaulich machte, wie prekär die meisten freien Theaterkünstler leben. Vom Zauber der Nachfrage nennt sie ihren neuen, thematisch daran anknüpfenden Abend im Münchner i-Camp und bittet zur "Vollverausgabung". Sabine Leucht sah die Dienstleistungskeule niedersausen.

Wenn das nicht eine Ansage ist: Musik. I make hits motherfucker. Mittelfinger raus, dicke Backen. Helene Hegemann, bekannt für ihren (teilplagiierten) Roman "Axolotl Roadkill", hat in Köln ihre erste Oper in Angriff genommen. Basierend auf Frank Wedekinds Sittendrama "Musik" geht's einmal durch die große und kleine Welt der Bild- und Musikstile. Ob's ein Hit wurde, sagt Regine Müller.

"Das hier ist kein Stück. Sondern ein Film. Ein Film fürs Theater", schreibt die Autorin Ulrike Syha vor ihr neues Selbstentdeckungs-Stück Mao und ich. Wieviel Hollywood in Ali M. Abdullahs Uraufführung ist, weiß Bernd Mand.

Auf der Suche nach dem richtigen Leben im falschen treffen sie sich im Ardenner Wald: Shakespeares Ausgestoßene und Verkleidete. Also echte Hippie-Aussteiger. Donald Berkenhoff zeigt Wie es euch gefällt, sehr zum Gefallen von Isabella Kreim.

Was gut ist und was böse, das wusste er, der gute Bertolt Brecht. So auch in Der gute Mensch von Sezuan. Was macht man dann mit so einem Stück? Thesenreiterei oder RTL 2? Christoph Fellmann sah die Version von Luzerns Schauspielchef Andreas Herrmann.

In der Liste der meistverwursteten Bühnen-Romane hält Franz Kafkas Fragment Amerika derzeit einen der Top-Plätze. In jüngerer Zeit versuchten sich daran unter anderem Frank Castorf und Victor Bodó. Bei Moritz Sostmann in Köln kommt der aufsässig-fatalistische Jungimmigrant Karl Rossmann jetzt als Puppe daher und wird von einem großartig wandelbaren Quartett umspielt. Martin Krumbholz ging gern mit auf Reisen.

Ganz schöner Bildungsballast, wenn die Eltern einst Professoren und Tschechow-Liebhaber waren, die ihre Kinder nach den Figuren benannten. In Vania und Sonia und Mascha und Spike blickt der amerikanische Dramatiker Christopher Durang in solch eine belastete Familie. Den Broadway-Erfolg vom vergangenen Jahr hat nun Stefan Huber in Baden-Baden inszeniert. Mehr von Elisabeth Maier.

Dem Tod entkommt man nicht. Warum also nicht in die Offensive gehen, mit ihm einen Flirt wagen oder schon mal die letzte Zuckung üben? Tanz den Tod! haben Harriet Maria und Peter Meining, bekannt als norton.commander.productions, ihren neuen Abend am Festspielzentrum Hellerau genannt. Lukas Pohlmann schaute zu.

– Auftakt Ist Europa am Ende? In Die Europäischen Medien – Ein Schauprozess lassen The Nielsen Movement zum Auftakt der Hamburger Fassung des mittlerweile drei Städte umspannenden Nordwind-Festivals die Welt aus Sicht von sieben Personen zwischen Angela Merkel und einem minderjährigen Sexarbeiter erklären. Also sieben Medien, durch die diese Personen sprechen. Ein Abend wie ein Brennglas, findet Katrin Ullmann.

Ein Paar bricht in Jean-Luc Godards "Week-end" zu einer Fahrt aufs Land auf, die sich zu einem Trip durch die Grausamkeit der zivilisierten Welt entwickelt. Thomas Jonigk hat Godards Film vor einigen Jahren zu dem Stück Liebe Kannibalen Godard weitergeschrieben, von ihm selbst uraufgeführt. Was Regisseur Niklas Ritter jetzt in Stuttgart daraus macht, berichtet Thomas Rothschild.

Was, wenn man Michail Bulgakows "Der Meister und Margarita" auf eine Essenz reduziert? Arturas Valudskis hat am TAG Wien aus dem Roman den Abend Varieté Volant entwickelt: weniger eine Über- als Unterschreibung, eine Reise in die Kellergefilde und Zwischenräume des zugrundeliegenden Stoffs. Sehr zum Gefallen von Kai Krösche.

Mongos oder Mongolen? Dschingis Khan von Monster Truck/Theater Thikwa hat mittlerweile eine bewegte Rezeptionsgeschichte. Die Inszenierung ist derzeit wieder zu sehen, als Gastspiel am Stuttgarter Theater Rampe. Über die Premiere im September 2012 schrieb Martin Krumbholz und löste damit eine heftige Diskussion aus.

Manuel Harder ist neu im Ensemble des Schauspiels Frankfurt und hat dort bereits einen eindrücklichen Beckmann in Borcherts "Draußen vor der Tür" gespielt. Nun ist er der Ajax des Sophokles. Könnte der eine Art antiker Beckmann sein, ein traumatisierter Kriegsheimkehrer? Am Schauspiel Frankfurt jedenfalls deutet es der junge Niederländer Thibaud Delpeut in diesem Sinne. Esther Boldt weiß Näheres.

Treten, treten, reden, reden. Denn es muss ja weitergehen mit diesem Planeten, und auch mit diesem Paar, das sich in Duncan Macmillans Atmen nach Hin-und-Her entscheidet, ein Kind zu bekommen. Katie Mitchell setzt ihre Schauspieler dafür in der Schaubühne auf Fahrräder, und lässt sie den für die Vorstellung nötigen Strom selbst produzieren. Mehr über den besonderen Fußabdruck dieses Abends von André Mumot.

Der Vater hängt rum, die Mutter pflegt ihre Erinnerungen, niemand räumt auf, nur der Sohn versucht, Ordnung und Prinzipien ins Chaos zu bringen. Den Generationenkonflikt in Slawomir Mrozeks Tango hat Tobias Rott nun in Rudolstadt inszeniert. Mehr von Frauke Adrians.

Die Jungfrau von Orleans mit ihren göttlichen Berufungsfantasien ist ein schwerer Brocken für das ernüchterte und (im Westen) liberal-postideologische Zeitalter. Was also hat Gustav Rueb in Kassel mit Schillers Stimmen im Kopf angefangen? Andreas Wicke war bei der Premiere.

Ein Stoff, aus den Jahrmarktsensationen des 19. Jahrhunderts direkt zum Broadway und weiter ins psychedelische Kino des David Lynch geschossen: Der Elefantenmensch, die Geschichte des körperlich deformierten John Merrick. Fürs Theater hat sie Bernard Pomerance erzählt, dessen Stück der Arthouse-Horrorfilmmacher Jörg Buttgereit jetzt in Dortmund aufführt. Natürlich mit Filmanleihen. Sascha Westphal ließ sich faszinieren.

Blutkuchen, was für ein bitteres Wort. Die große Bitterkeitswortbäckerin Elfriede Jelinek walkt und wendet es in ihrem neuen Textkonvolut Tod-krank.Doc, das aus der Zusammenarbeit mit Christoph Schlingensief entstanden ist. In Bremen besorgt Mirko Borscht die Uraufführung. Mit finsteren Bildern, sagt Tim Schomacker.

"Connections" heißt die Nachwuchsreihe beim Spielart Festival in München. Mit Wellness und We Disappear laufen dort zwei Arbeiten, die Attacken auf den Körper zeigen. Vor allem Campos Wellness ist unbedingt sehenswert, berichtet Willibald Spatz.

Am Theater Basel, wo sich einst Friedrich Dürrenmatt und Werner Düggelin verkrachten, inszeniert Barbara Weber jetzt Dürrenmatts Duell-Roman Der Richter und sein Henker. Am Schluss baumelt ein Schlachtvieh am Haken. Mehr über diese heilige Kuh von Julia Stephan.

Man beschimpft sich, Oma, Opa, Mum, Dad, zwei Töchter. Unterm Weihnachtsbaum. Das ist bei uns so Sitte. Wir selbst also, auf die Spitze getrieben, unter die Kuratel totaler Überwachung gestellt, was die Figuren in Martin Crimps Die Republik des Glücks immer noch als größte denkbare Freiheit feiern. Regisseur Rafael Sanchez hat das Stück in den Kammerspielen des DT Berlin inszeniert. Mehr darüber von Nikolaus Merck.

Ganz neu ist die Idee nicht: Im Staate Dänemark bricht eine Familie auseinander und die Zuschauer sitzen mit an der Tafel, während sich die Familienmitglieder zu Leibe rücken. Solche Raumkonzepte sind das Markenzeichen der Freiburger Freien Gruppe Theater der Immoralisten, jetzt haben sie Hamlet inszeniert. Martin Jost berichtet.

Der Titel von Martin Crimps neuem Stück Alles Weitere kennen Sie aus dem Kino klingt wie eine Steilvorlage für die britische Regisseurin Katie Mitchell und ihre Live-Video-Techniken. Doch weit gefehlt: kein Video nirgends, stattdessen ein von Euripides entliehener Mädchenchor. Von der Uraufführung an Karin Beiers Schauspielhaus, die im NDR-Studio stattfand, berichtet Jens Fischer.

Wie sieht Hamlet eigentlich aus, wenn man den Heiliger Ernst-Filter weglässt? Zum Beispiel so, wie Christopher Nell ihn in Leander Haußmanns Inszenierung am Berliner Ensemble zeigt: Da ist er vom (Anti-)Helden-Anspruch beurlaubt. Probleme hat er natürlich trotzdem, klar, aber nur private. Dass es nicht zu privat wird, dafür sorgt Hexenmeister Haußmann, indem er alle Theaterregister zieht. Zum Vergnügen von Wolfgang Behrens.

Das Gorki Theater legt sich mit Verve in die nächste Kurve des Eröffnungspremierenmarathons der Intendanz Shermin Langhoff. Mit der Uraufführung eines neuen Stücks von Sibylle Berg durch Sebastian Nübling: Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen. Zum Zuschauerglück von Christian Rakow.

Ödön von Horváths 80 Jahre altes Stück Geschichten aus dem Wiener Wald hat schon für vielerlei hergehalten. Zuletzt meistens für wohlfeile Kleinbürger-Kritik. Barbara Bürk hat nun in Dresden versucht, allen Figuren ihr Recht zurück zu geben. Was wir dabei lernen können, beschreibt Lukas Pohlmann.

Liebe Hedda Gabler, warum so radikal?, fragt sich, nachdem sie Jan Bosses Inszenierung des Ibsenschen Ehedramas am Thalia Theater gesehen hat, Katrin Ullmann.

Kathrin Röggla amtierte 2012 als Stadtschreiberin in Mainz. Nah genug am Frankfurter Rhein-Main-Flughafen, um den Widerstand der Bürger gegen die Erweiterung der "Jobmaschine" mitzubekommen. Ihre Erfahrungen verwendet Röggla in Der Lärmkrieg. Matthias Fontheim hat das Stück am Staatstheater Mainz inszeniert, Shirin Sojitrawalla sah die Premiere.

Harry Schnee ist ein entfernter Verwandter des berühmten Handlungsreisenden von Arthur Miller, der am Ende stirbt. In Dirck Lauckes neuestem Sozialdrama Samurai, das Jens Poth in Heidelberg uraufgeführt hat, darf Harry Schnee nicht sterben. Warum, weiß Harald Raab.

Who's there von Monster Truck gastiert seit gestern in den Sophiensaelen. Tobias Prüwer sah die Produktion bei ihrer Leipziger Premiere.

Er ist nach wie vor der unangefochtene Top-Vertreter in der Kategorie Popregisseur: Stefan Pucher. Am Deutschen Theater Berlin hat er sich nun einen Top-Vertreter in der Kategorie Rachedrama vorgeknöpft: die Elektra des Sophokles. Das ergibt natürlich jede Menge Raum für rockstarreife Auftritte und kaputten Glamourglanz, wovon Anne Peter zu berichten weiß.

Judith, die Gottesanbeterin: Nach dem Sex hackt sie ihrem Beischlafpartner den Kopf ab. Warum? Weil Friedrich Hebbel das 1840 so geschrieben hat. Ob Regisseurin Christina Paulhofer noch eine andere Antwort gefunden hat, weiß Martin Krumbholz.

Beim Edinburgh Fringe Festival wurde David Greigs Stück Die Ereignisse preisgekrönt. Nun ist es unter Ramin Gray am Schauspielhaus Wien zu sehen – in jeder Aufführung mit einem anderen Chor. Teresa Präauer war bei der Premiere.

Dass die freie Szene auf Kampnagel auch ganz traditionell arbeiten kann, zeigt Benjamin van Bebber mit seiner Vereinigung von Brecht und Rainald Goetz in Fatzer/Krieg. Revolutionär konservativ, sagt Falk Schreiber.

Joshua Sobols Ghetto wird nicht besonders oft aufgeführt – zu übermächtig ist das Vorbild von Peter Zadeks Berliner Inszenierung, zu groß sicher auch die Skrupel, als Täter-Nachfahren die Ghettobewohner abzubilden. Jetzt hat es Christian Stückl an seinem Münchner Volkstheater doch gewagt, mit Klezmermusik und Klappmaulpuppe. Mit dabei war Petra Hallmayer.

Als Glückspille verschreibt das Staatsschauspiel Dresden den Diener zweier Herren von Carlo Goldoni, neu angemischt von Apothekermeister… ähm… Autor Martin Heckmanns. Kassenärztlich ungeprüft verabreicht Regisseurin Bettina Bruinier sie in kräftiger Dosis. Ob's dem Kopf wohl bekam, weiß Nadja Lauterbach.

Tennessee Williams' Edelmelodram Endstation Sehnsucht gehört zu den Dauerbrennern auf deutschsprachigen Bühnen. In Karlsruhe fällt bei Sebastian Schug ein Teddy vom Bühnenhimmel. Was sonst noch geschieht, berichtet Thomas Rothschild.

Arbeitswut und Burnout als Philosophie einer Generation hat Felicia Zeller in ihren mehrfach prämierten X-Freunden ihren drei Figuren auf den Leib geschrieben. Bei der Schweizer Erstaufführung in Bern stellten die Regisseure Jan Stephan Schmieding und Franziska Marie Gramss Zellers kreative Selbstausbeuter auf eine rosarote Showtreppe mit viel zu hohen Stufen. Mehr von Ewa Hess.

Vielleicht hilft am Ende, wenn alle Kämpfe verloren sind, nur noch die Demenz, um den Schmerz zu ertragen. Mit Dementia, Or The Day Of My Great Happiness hat der ungarische Regisseur Kornél Mundruczó jetzt eine ebenso grelle wie bittere Parabel vorgelegt auf die Verhältnisse einer noch gar nicht richtig zu sich gekommenen, aber schon wieder in Auflösung befindlichen Demokratie. Cornelia Fiedler war beim Spielart-Festival in München.

Friederike Heller ist eine herausragende Analytikerin unter den jüngeren Regisseurinnen und damit vielleicht genau richtig für einen Stoff, mit dem man leicht auf die Tränendrüsenspur geraten könnte. Nach Europa am Deutschen Schauspielhaus Hamburg erzählt in Adaption des Romans "Drei starke Frauen" von Marie NDiaye über die existenziellen Nöte von Flüchtlingen auf dem Weg zur Festung Europa. Tim Schomacker verfolgte die Reise.

Die dritte Premiere des Eröffnungswochenendes am Maxim Gorki Theater fand im Studio statt – dessen künstlerische Leitung die Dramatikerin Marianna Salzmann innehat. Ihr neues Stück Schwimmen lernen. Ein Lovesong wurde von Hakan Savaş Mican inszeniert. Das Ergebnis beeindruckte Esther Slevogt.

Er war zu krank für jeden Beruf, aber nicht für seine Berufung: das Schreiben. Thomas Bernhard. Aus den autobiographischen Romanen des großen österreichischen Grantlers und Prosapoeten hat Oliver Reese einen Abend komponiert: Wille zur Wahrheit. Bestandsaufnahme von mir. Grete Götze war dort.

Peer Steinbrück hat den Stinkefinger gemacht, die meisten seiner Politikerkollegen ziehen es vor, Worte zu machen. Je größer, desto hohler. Am Schauspiel Hannover hat Christoph Frick einige der Hülsen aufgesammelt und zu dem Theaterabend Sie können das alles senden! collagiert. Mehr von Jan Fischer.

Dieser Tage sollte am Deutschen Schauspielhaus die Intendanz Karin Beier im Großen Haus eröffnet werden. Dann verschob ein Unfall bei den Sanierungsarbeiten die Planung in den Januar. Die Ehre der ersten Premiere hatte nun die neue Langzeit-Performance von Signa, die sich einen eigenen Ort gesucht haben: Schwarze Augen, Maria führt in die Abgründe psychischer und körperlicher Versehrtheit. Falk Schreiber hat sich dem ausgesetzt.

Auch in Berlin wird eröffnet, und zwar das Maxim Gorki Theater unter der neuen Intendanz von Shermin Langhoff. Die Premieren kommen dort gerade täglich, gestern kam Yael Ronens Inszenierung von Olga Grjasnowas Roman Der Russe ist einer, der Birken liebt heraus. Simone Kaempf berichtet.

Es gilt als das meistgespielte Stück Musiktheater der Welt, und damit es von diesem Thron nicht gestoßen wird, hat sich Christian Weise nun in Düsseldorf des Operetten-Hits Im Weißen Rössl angenommen. Zum Vergnügen von Martin Krumbholz.

Ein illustres Schauspielerquartett wirft sich für Gasoline Bill in Cowboy-Schale, darunter auch Bühnengrößen, die noch nie bei René Pollesch mitgespielt haben. In den Kammerspielen hat Matthias Weigel die hochkarätigen Pollesch-Novizen begutachtet.

Die Geschichte von Täter- und Opferangehörigen des RAF-Mords an Jürgen Ponto bringt Patentöchter aufs Theater – gestern feierte der Abend von Mirko Böttcher Celle-Premiere, Matthias Weigel sah die Berlin-Premiere im Theater unterm Dach.

Was ist das für ein Kirschgarten, der einer Gesellschaft immer noch als Identifikationsfolie dient, obwohl hier längst keine Kirschen mehr zu ernten sind? Der Kirschgarten Deutschland? Mit Anton Tschechows Klassiker Der Kirschgarten eröffnet Nurkan Erpulat die neue Intendanz von Shermin Langhoff am Berliner Maxim Gorki Theater. Ein Abend, der als Mission Statement daherkommt. Sagt Sophie Diesselhorst.

Ein gutes Dutzend Bosse, eine veritable Chefferie, haben Gintersdorfer/Klaßen für ihre neue Produktion La Nouvelle Pensée Noire vereint, um Politik, Mythen und Alltagswirklichkeit im heutigen Afrika tänzerisch auszuleuchten. Sie eröffnet das Münchner Spielart Festival 2013. Isabel Winklbauer ging auf eine Tour de Force.

Eine heilose Welt, von Unglücksexistenzen bevölkert, die am Ende von der Atombombe ausgelöscht wird. Ist hier so etwas wie Theaterspaß überhaupt denkbar? Christian Schlüter hat Mario Salazars schrilles Menschheitsdrama Am Leben werden wir nicht scheitern uraufgeführt. Und Heike Sommerkamp hatte viel Spaß.

Ein Leben in der engen Abgeschiedenheit des Schlafzimmers führte die amerikanische Dichterin Emily Dickinson, aber eben auch ein Leben für die weite Traumlandschaft der Poesie. Thiemo Strutzenberger hat der Künstlerin und frühen Galionsfigur der Frauenbewegung mit Queen Recluse einen wortsensiblen Text gewidmet. Am Schauspielhaus Wien brachte ihn Martin Schmiederer nun zur Uraufführung, und Theresa Luise Gindlstrasser war vor Ort.

Nach Stuttgart hat Neu-Intendant Armin Petras eine Inszenierung mitgenommen, die bereits in der letzten Spielzeit am Berliner Maxim Gorki Theater für Furore sorgte und den renommierten Friedrich-Luft-Preis für die beste Inszenierung auf Berliner und Brandenburger Bühnen 2012 gewann: Die Räuber in der Handschrift von Antú Romero Nunes. Die Berliner Premiere sah Christian Rakow.

Lampedusa ist derzeit wieder in aller Munde, Björn Bickers Thema hochaktuell. In seinem preisgekrönten Stück Deportation Cast geht es um Abschiebung, die gnadenlose Verwaltungsmaschine der Festung Europa und die Folgen, die die "aufenthaltbeendenden Maßnahmen" für ein konkretes menschliches Schicksal haben. Brit Bartkowiak hat das in der Oldenburger Exerzierhalle in Szene gesetzt. Jens Fischer sagt, wie.

Schon mit seinem Abschlussfilm "Novemberkind" machte der 1978 geborene Christian Schwochow von sich reden, jüngst goss er Tellkamps "Turm" in Fernsehbilder und wurde dafür Grimme-Preis-gekrönt. In seinem Bühnendebüt Gift am Deutschen Theater Berlin setzt er Dagmar Manzel und Ulrich Matthes neben einen schnöden Kaffeeautomaten. Was ihnen dort für Lot Vekemans Ex-Ehe-Duett einfällt und welche Wirkung das zeitigt, sagt André Mumot.

Filme auf dem Theater, die gibt's mittlerweile zuhauf. Stummfilme schon deutlich weniger. In Bonn stemmt Jan-Christoph Gockel jetzt Fritz Langs Meisterwerk Metropolis auf die Bühne und verschneidet das Ganze mit Stanley Kubrick. Ob's stumm von statten geht und was aus der expressionistischen Optik wird, weiß Stefan Keim.

Seit ihrem Sprung in den Pool auf der Nichtschwimmerseite ist Maria-Christina Hallwachs vom Kinn abwärts gelähmt. In Qualitätskontrolle von Rimini Protokoll, die damit zurzeit am HAU Berlin, beim FestivalNo-Limits, gastieren, steht sie im Mittelpunkt. Steffen Becker sah die Premiere in Stuttgart.

Der Carl-Sternheim-Abend Die Hose / Bürger Schippel, in der Regie von David Mouchtar-Samorai bei den Ruhrfestspielen herausgekommen, hatte jetzt am Staatstheater Nürnberg Premiere. Wie es der Sternheim'schen Komik im Juni in Recklinghausen erging, beschreibt Martin Krumbholz.

Der Krieg kennt keine Gewinner, am wenigsten unter den Armen und Schwachen. Folglich muss es ein Irrtum sein, Krieg zu seinen Gunsten nutzen zu wollen – so führt es Bertolt Brecht in Mutter Courage und ihre Kinder vor. Wie aber inszeniert man das Stück in Zeiten, in denen die Ablehnung des Kriegs Konsens ist? Die Frage musste sich jetzt David Bösch am Burgtheater stellen. Mehr darüber von Kai Krösche.

Licht flackert nur auf fünf Bildschirmen über der Szene. Doch die Bühne ist ebenso wüst wie die Seelen derer, die sie bald bevölkern: das Personal aus Fjodor. M. Dostojewskis Roman Der Idiot, das Stephan Kimmig in eine Art Nachtasyl geschickt hat. Michael Laages kann berichten.

In jüngster Zeit gehört Alice im Wunderland mit seinen Wundergestalten, Kaninchen, Grinsekatzen, Kartensoldaten zu den beliebten Theaterstoffen. Manch ein Regisseur hat sich schon die Zähne daran ausgebissen, denn eins zu eins kann man den Stoff natürlich nicht inszenieren. Was Antú Romero Nunes in Zürich daraus macht, berichtet Claude Bühler.

Eine Terra Incognita hat deutsche Kolonialpolitik ab 1884 im besetzten und ausgebeuteten Kamerum verursacht, dessen eigene Geschichte sie überschrieben hat. Das deutsch-kamerunische Theaterprojekt Fin de Machine / Exit. Hamlet von kainkollektiv und OTHNI bringt nun Licht ins Dunkel. Mehr von Sascha Westphal.

So kann es nicht weitergehen, das wissen sogar die Sofakissen-Debatteure. Doch es geht immer weiter. Weil das aber nicht sein darf, deswegen geht es bei Milo Rau und seinem International Institute of Political Murder stets ums Ganze. In der Werkschau Die Enthüllung des Realen, die nun in den Sophiensaelen zu sehen ist, kritisiert Milo Rau die postmoderne Vernunft und stellt (mit und ohne Lenin) die dringliche Frage: Was tun? Dirk Pilz hat darüber nachgedacht.

Als die RAF 1977 den Bankier Jürgen Ponto ermordete war seine Tochter Corinna 20 Jahre alt. Vor zwei Jahren erschien das Buch Patentöchter, das Corinna Ponto gemeinsam mit Julia Albrecht geschrieben hat, der kleinen Schwester der damals an der Tat beteiligten Terroristin Susanne Albrecht. Im Berliner Theater unterm Dach kam die im Buch geschilderte Wiederbegegnung der beiden Frauen auf die Bühne, Matthias Weigel hat sie angesehen.

Mit dem Schlachthaus Bern öffnet eine wichtige Schweizer Spielstätte der Freien Szene nach langen Sanierungsarbeiten wieder seine Pforten. Zum Auftakt wagte sich die Gruppe Les Etoiles Bern an ein großes Thema: Archiv[2]: KRIEG heißt der Abend, von dem Geneva Moser berichtet.

Das Auge im Vorkriegs-Sturm war Anfang des 20. Jahrhunderts ein Berg im schweizerischen Tessin. Während im restlichen Europa die Kriegslust angeheizt wurde, fand sich hier eine aus den unterschiedlichsten Richtungen kommende künstlerische Friedensbewegung zusammen. Zur Eröffnung des diesjährigen Euroscene-Festivals hat Constanza Macras sich daran gemacht, Die Wahrheit über Monte Verità herauszufinden. Oder diese Aufgabe einer Schar von tanzenden Zombies übertragen. Mehr von Tobias Prüwer.

Gerhild Steinbuch hat einen Text über die hässliche Selbstfindung des weißen heterosexuellen Manns geschrieben, der bildende Künstler Jan Machacek hat den Schauspieler Max Mayer damit beauftragt, diesen Text zu sprechen – und ihm dafür eine Normarena ins brut gebaut. Was das ist, weiß Martin Thomas Pesl.

In Zeiten von Pussy Riot, #Aufschrei und Femen-Protesten machen auch am Theater Magdeburg die Frauen Dampf – dank Volker Lösch, der dort im Verdi-Jahr mit Macbeth seine erste Oper inszeniert. Natürlich spielt der Chor wieder eine Hauptrolle, kommen Erniedrigte und Beleidigte zu Wort. Was Lösch zu dem königsmordenden Schotten und seiner Lady einfiel und wann das erste Buh dazwischenfährt, weiß Hartmut Krug.

Marx als Musicalheld, das hat durchaus Seltenheitswert. Ein Coup auch, dass sich das Theater Plauen-Zwickau die Uraufführung eines Werks von Prinzen-Sänger Tobias Künzel sichern konnte. Welche Rolle die Marx'sche Krisentheorie in dem von Volker Metzler angerichteten Unterhaltungsknaller Comeback. Das Karl-Marx-Musical spielt, verrät Matthias Schmidt.

Wie eine schweigsame Kassandra erscheint sie am Hofe: Yvonne, Prinzessin von Burgund. Mit Witold Gombrowicz' Politparabel eröffnete Dorotty Szalma jüngst ihre Schauspielintendanz am Gerhart Hauptmann-Theater in Zittau. Jetzt war sie als Gastspiel in Bautzen zu sehen. Lukas Pohlmann sagt, wie politisch es wurde.

Von der Einsamkeit New Yorks ins sexuelle Elend von Paris. Von dort aus weiter in die Hitze Afrikas. In seinem autobiografisch grundierten Roman Reise ans Ende der Nacht schickt der französische Arzt und Schriftsteller Louis-Ferdinand Céline sein Alter Ego durch die Abgründe seiner Zeit. Frank Castorf hat diese Geschichte von der dunklen Seite der Moderne mit einer Prise Heiner Müller am Münchner Residenztheater auf die Bühne gebracht. Hartmut Krug kann berichten.

Wenn die Jugend die Welt ans Geld verrät, wird schon mal ein Aufstand der Alten fällig. Das jedenfalls deutet durch die Blume Niklaus Helbling mit seiner Gottfried-Keller-Adaption Das Fähnlein der sieben Aufrechten am Theater Basel an. Claude Bühler hat sie gesehen.

Theaterwissenschaftliche Untersuchungen als sinnliche Einlullung zu präsentieren, das muss man auch erst mal schaffen! Nämliches ist in den Berliner Sophiensälen mit Die Aufführung dem Duo Melanie Mohren und Bernhard Herbordt geglückt – wie Simone Kaempf bezeugt.

Ein streitbarer Autor: In seiner Eröffnungsrede zum Bachmannpreis 2009 fragte Josef Winkler, warum es in Klagenfurt für eine Stadtbibliothek kein Geld gebe, wohl aber für ein Fußballstadion oder Berater beim Verkauf der Hypo Alpe Adria. Zwei Romane Winklers hat Gerhard Fresacher nun an der Garage X unter dem Titel Wetterleuchten auf der Zungenspitze auf die Bühne gebracht. Martin Thomas Pesl berichtet.

Anton Tschechows Sehnsuchtsfiguren lassen sich herrlich mit dem psychologischen Feinpinsel ausmalen. Aber Feinpinselei ist nicht das Fach des jungen Regisseurs Robert Borgmann. Er bediente in seinem Onkel Wanja zum Stuttgarter Intendanz-Start lieber die Denaturalisierungsmaschine, die hier ein Volvo Kombi ist, und reizte das Publikum zu Reaktionen, die es dem Vernehmen nach seit 30 Jahren hier nicht gab. Wolfgang Behrens berichtet.

Quälend, quälend, quälend und bierernst sind sie, diese wahlweise drei oder fünf Stunden in Ingmar Bergmans Film bzw. Fernsehserie Szenen einer Ehe. Jan Bosse sowie seine grandiosen Darsteller Astrid Meyerfeldt und Joachim Król rücken dem länglichen Kammerspiel nun in ihrer Stuttgarter Neuinszenierung mit Tempo und demaskierender Komik zuleibe – zur Freude von Verena Großkreutz.

Vor hundert Jahren wurde Igor Strawinskys "Le Sacre du Printemps" uraufgeführt. Die komplex rhythmisierte Orchestrierung erregte Unmut, ebenso wie Nijinskys Choreographie mit eingedrehten Füßen, gewinkelten Armen und zurückgeworfenen Köpfen. Im Jubiläumsjahr hat nun auch Sasha Waltz eine Sacre-Choreographie vorgelegt, die gestern an der Berliner Staatsoper Premiere hatte. Mehr von Elena Philipp.

Sommer 1989 im sächsischen Ferienlager Schneckenmühle, das heißt Erwachsenwerden mit ersten Küssen und mit Berührungen der deutschen Geschichte. Robert Lehniger hat Jochen Schmidts Roman Schneckenmühle am Staatsschauspiel Dresden umgesetzt, und zwar ganz in der Art von Erinnerungs- und Debattenkultur, wie sie Intendant Wilfried Schulz dort anstrebt. Mehr von Matthias Schmidt.

Das ist eine Setzung: Der neue Intendant präsentiert die eigene Schreib- und Regietat erst am zweiten Eröffnungstag und in der Nebenspielstätte. Wie sich Fritz Katers Katastrophenalarmstück 5 morgen, uraufgeführt von Alter ego Armin Petras, dort jenseits schauspielerischer Glanzleistungen ausnahm, beschreibt Andreas Jüttner.

Es ist vollbracht! Das Schauspielhaus des Staatstheaters Stuttgart ist nach langer Herumpfuscherei wieder offen, pünktlich zum Intendanz-Beginn von Armin Petras. Simon Solberg (jung) inszeniert zum Auftakt den Urgötz, sprich die erste Fassung von "Götz von Berlichingen mit der eisernen Hand" von Johann Wolfgang von Goethe (alt). Andreas Jüttner hat bei der Premiere zugesehen.

Stuttgarter Schauspielhaus-Eröffnung zum Zweiten: Bernward Vespers bewusstseinsströmender Roman Die Reise pendelt zwischen Nazi-Vater und RAF-Freundin, LSD und Hass. Martin Laberenz spürt dem Text im Nebel nach, Steffen Becker stand sich die Beine in den Bauch.

Die Welt ist ein Irrenhaus und einzig der Narr klar im Kopf? So oder ähnlich muss es sich Lübecks Schauspielchef Pit Holzwarth gedacht haben, als er Shakespeares Drama König Lear mit vielen Clownsnasen in die Zirkusarena setzte. Ob das eher zum Lachen oder zum Weinen ist, weiß Jens Fischer.

Fies ist so eine Sepsis - bei der Blutvergiftung laufen autoimmune Abwehrkräfte gegen den eigenen Körper Amok. Das Theaterhaus Jena hat die Sepsis zum Bild unserer Zeit und zum Spielzeitmotto erklärt, Dramaturg Simon Meienreis den Gedanken mit dem Zusatz Das System ist vergiftet als Text ausformuliert. Hausherr Moritz Schönecker inszenierte ihn nun mit Schauspielern, Tänzern und Musikern. Mit dabei: Christian Baron.

Solche Stoffe werden sonst nur noch in den Schmonzetten-Programmen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens oder in den Comedy-Shows von Grissemann und Stermann gepflegt: Jetzt kommt Die Geierwally, die große Heimatromanze von Wilhelmine von Hillern, in die kleine Box des Schauspiels Frankfurt, mit Constanze Becker in der Titelrolle, inszeniert von der jungen Johanna Wehner. Ob's einem zum Jodeln zumute ward, weiß Esther Boldt.

Man kann William Shakespeares vermutlich letztes Bühnenwerk Der Sturm als große Versöhnungsgeste werten. Oder man liest es gegen den Strich und birgt all das Finstere und Verdrängte, das Animalische und Rachedurstige, das darin auch steckt. So wie Gísli Örn Gardarsson, der das Alterswerk jetzt am Residenztheater neu deutet. Mit einem Action-Finale, das die Zuschauer von den Sitzen riss. Isabel Winklbauer war dabei.

Der Psalmist sagt: "Unser Leben währet 70 Jahre, und wenn's hoch kommt, so sind's 80 Jahre." Die NS-Novemberpogrome sind nun 75 Jahre her, woraus schnell ersichtlich ist, dass die Zeitzeugen rar werden. Doron Rabinovici und Burgtheaterdirektor Matthias Hartmann haben noch einige ausgemacht und bringen sie als Die letzten Zeugen auf die große Bühne. Teresa Präauer wurde Zeugin der Zeugen.

Fritsch macht Frisch, äh, nein... Dürrenmatt, also den anderen großen Schweizer. Die Physiker jedenfalls, die finstere apokalyptische Lehrkomödie, hat der Komödiensprengmeister Herbert Fritsch in Zürich für ein neues explosives Spektakel angesetzt. Und zunehmend illustre Gäste verstärken sein Team, bereit, sich in den schonungslosen Irrsinn zu katapultieren: heuer Corinna Harfouch mit Elfriede-Jelinek-Frisur. Christoph Fellmann sah, ob's zündete.

Von Marx bis Murx, von den Fabrikmaschinen des frühen Industriezeitalters bis zur Generation Praktikum reisen Oliver Augst und John Birke in ihrem Klang-Hörspiel Die Stadt der 1000 Feuer am Mousonturm. Mit dabei die Deutschpop-Damen Françoise Cactus und Bernadette La Hengst – und Nachtkritikerin Grete Götze.

Am Thalia Theater hatte der Jedermann von Bastian Kraft Premiere, der bei den Salzburger Festspielen herauskam, wo Reinhard Kriechbaum ihn sah.

Mit "Three Kingdoms" sorgten Regisseur Sebastian Nübling und die Ensembles der Münchner Kammerspiele und des NO99 aus Tallinn 2011 für Furore. Jetzt hat sich das bewährte internationale Team mit dem Königlich Flämischen Theater Brüssel zusammengeschlossen, um drei große Frauenfilme von Aki Kaurismäki, Luc & Jean-Pierre Dardenne und Amos Kollek auf die Bühne zu bringen: Ilona. Rosetta. Sue. Wie es gelang, weiß Michael Stadler.

Vor einem knappen Jahrhundert begann der Erste Weltkrieg mit dem Attentat auf den österreichischen Thronfolger in Sarajevo. Serbiens bekannteste Dramatikerin Biljana Srbljanović wurde deshalb vom Wiener Schauspielhaus mit einem Stück beauftragt: In Princip (Dieses Grab ist mir zu klein), uraufgeführt von Michał Zadara, erzählt sie eine ziemlich serbische Geschichte. Martin Thomas Pesl war dabei.

Und wie stehst du dazu?, fragen Nina Ender und Stefan Kolosko am Ende von Parzivalpark auf Kampnagel. Darin verknüpfen sie die medizinische Beherrschbarkeit des Kinderwunsches und den Umgang mit Behinderung. Ob das gut geht, weiß Falk Schreiber.

Don Juan kommt aus dem Krieg von Ödön von Horváth wird selten gespielt auf deutschsprachigen Bühnen, die dem Depressionsmatador Horváth doch sonst sehr zugeneigt sind. Die Geschichte vom ganz normalen Überlebenden des Ersten Weltkriegs hat Luc Bondy jetzt mit großer Besetzung und gewichtigem künstlerischen Stab am Berliner Ensemble inszeniert, Christian Rakow sah die Premiere.

F. Scott Fitzgeralds Der große Gatsby ist der Roman der  amerikanischen Roaring Twenties. Natürlich ein immer wieder gesuchtes und gefundenes Fressen für die romanverschlingenden Theater. Am Münchner Volkstheater hat Abdullah Kenan Karaca eine neue Version erarbeitet. Cornelia Fiedler berichtet über das Ergebnis.

Die Schweizer Gruppe 400asa hat dazu eingeladen, auf den Spuren von Nietzsches Zarathustra die Wirklichkeit zu enttarnen – oder zumindest die des hübschen Zürcher Stadtteils Wollishofen, durch den drei Performer die gesammelten Zuschauer führten. Als Avatare, denn dieser Spaziergang namens Zarathustra 1.2 tarnte sich als Computerspiel. Julia Stephan war dabei.

Stefan Bachmann ist seit Beginn dieser Saison neuer Intendant des Schauspiels Köln – nun hat er dort auch seinen Einstand als Regisseur gegeben und einen Cinemaskop-Stoff auf die große Bühne der Interims-Spielstätte maßgeschneidert: Der Streik (Atlas Shrugged) aus der Feder der liberalistischen Bestseller-Autorin Ayn Rand. Sascha Westphal war da.

Schrill verzerrte pinke Märchenwelten irgendwo zwischen Sigmund Freud und Walt Disney sind der Tummelplatz der Hardcore-Performerin Ann Liv Young. Für den Steirischen Herbst hat sie ihre Dornröschen-Show Sleeping Beauty um zwei neue Teile erweitert. Friederike Felbeck ist begeistert.

Haben Superhelden ausgedient? Früher, ja früher!, wussten Batman & Co., wer böse genug war, um gejagt zu werden. Wie aber ist das in einer Welt, in der die Feindbilder zerfallen? Rebekka Kricheldorf hat ein witziges Stück über melancholische Comichelden geschrieben Sergeant Superpower rettet Amerika, dessen Uraufführung Erich Sidler besorgt und Elisabeth Maier gesehen hat.

Mit Tschechows Kirschgarten wird am Ende gleich die ganze Theaterillusion abgeholzt in der Inszenierung von Predrag Štrbac. Wie das kommt und was vorher gesungen und bedeutet wurde auf der Luzerner Bühne, weiß Geneva Moser.

Martin Kippenberger ist in Köln ein Lokalmatador. In den achtziger Jahren mischte er mit seinen Aktionen und Auftritten die Kunstszene auf. Kippenberger! Ein Exzess des Moments nennt Angela Richter ihr Debüt als Hausregisseurin am Schauspiel Köln, das am zweiten Wochenende unter neuer Intendanz mit weiteren Premieren aufwartet. Mehr von Martin Krumbholz.

Ein Großer, von dem man etwas über die Gegenwart lernen kann: In Brecht holt Regisseurin und Puppenspielerin Suse Wächter den Dramatiker Bertolt Brecht ins 21. Jahrhundert, oder besser: macht ihn mit Spock und Skype bekannt. Mehr von Sascha Westphal.

Drei Tony-Awards 2009 und sogar den Pulitzer-Preis 2010 – aber erst jetzt, 2013, gibt es in Fürth die deutsche Erstaufführung des Broadway-Musicals Fast normal(Next to Normal). Dieter Stoll hat die Premiere gesehen.

Im Januar war die Premiere in Frankfurt, nun ist Der talentierte Mr. Ripley, Bastian Krafts schwebebalköse Inszenierung des Patricia Highsmith-Stoffes, leicht umbesetzt, ans koproduzierende Deutsche Theater gewechselt. Marcus Hladek hatte die Premiere am Main beschrieben.

In Rattenkäfige lässt der griechische Regisseur Yannis Houvardas, ehemaliger Leiter des griechischen Nationaltheaters in Athen, Gerhart Hauptmanns Unglücksgestalten aus Die Ratten sperren. Dem naturalistischen Elend um die Unterschichtsfamilie John und die vom Abstieg gefährdeten Mittelschichtler Hassenreuter verpasst er am Münchner Residenztheater einen expressionistischen Look. Petra Hallmayer hat diesem Reality-TV mit Gruselnote zugesehen.

Katja Brunner war die Überraschungssiegerin von Mülheim, wo sie im Mai vor Jelinek & Co. den renommierten Dramatikerpreis einheimste. Jetzt kramen die 1991 geborene Dramatikerin, die auch Performerin ist, und drei Mitstreiterinnen an der Zürcher Off-Stätte Gessnerallee für den Abend Ich habe nicht am Anfang begonnen, sondern in der Mitte in den Geschichten ihrer Mütter und Großmutter. Andreas Klaeui fühlte sich zum Familien-Dia-Abend geladen.

Gestern feierte das Kriminalstück Brandung der Kleistförderpreisträgerin Maria Milisavljevic in der Box des Deutschen Theaters seine Berlin-Premiere. Die Inszenierung von Christopher Rüping kam im Juni bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen heraus, wo Martin Krumbholz sie gesehen hat.

Lilith Stangenberg spricht der Lady Macbeth Worte. Und wie! Zwischen Grimm und Grimasse, Anverwandlung und inniger Distanz. Einen irrlichternden Sound- und Bilderreigen hat David Marton aus einer Handvoll Shakespeare-Zitate geschaffen. Das Schottenstück heißt der Abend an der Volksbühne, wo Marton mit "Wozzeck" seinen Karriere-Grundstein legte. Was er nun nachlegt? Mehr darüber von Georg Kasch.

Sieben Tage hat Gott gebraucht, um die Welt zu erschaffen. Sieben Lieder hatte Meat Loafs 70er Jahre Album "Bat Out of Hell" – Zufall? She She Pop erzählen in ihrem neuen Abend Ende am Berliner HAU ihre Version der Schöpfungsgeschichte. Und in der dreht sich alles um Musik, Männer, Frauen und mehr oder minder fortschrittliche Geschlechterfragen. Mehr von Sophie Diesselhorst.

Herbert Grönemeyer war zwanzig Jahre alt, als er 1976 musikalischer Leiter am Schauspielhaus Bochum wurde. Was dann kam, ist längst Legende. Jetzt hat das Theater die überfällige Heimholung des Stars aus dem Ruhrpott organisiert. Und zwar mit Hilfe des bewährten Theaterhitlieferanten Lutz Hübner. Das ganze heißt ganz einfach Bochum. Wie Grönemeyers legendäres Album. Regine Müller hat zugeschaut.

Der Anspruch, dass man immer man selber sein soll, ist schon ein ziemlicher Dauerterror! So viel Richtiges ist schließlich selten vorhanden in unserem falschen Leben. "Go on, pretend!" ruft uns also fröhlich Boris Nikitin zu, derseinen neuen Abend Sei nicht du selbst! beim Steirischen Herbst herausgebracht hat. Leopold Lippert berichtet.

Im Sommer lästerte Frank Castorf über die Mentalität auf seinen Bayreuth-Proben: "Was da auf der Bühne ablief, war Stadttheater Ingolstadt." Daraufhin lud Ingolstadts Intendant ihn zur Premiere seines Volksbühnen-Kollegen Johann Kresnik ein. Was nun mit oder ohne Zuschauer Castorf bei Kresniks Biografieauslotung von Ingolstadts Literaturheldin Marieluise Fleißer Lebenmüssen ist eine einzige Blamage auf der Bühne ablief, weiß Isabella Kreim.

Der Klamauk haut sich selbst k.o. in Michael Frayns Der nackte Wahnsinn, vielgespielt auf deutschen Bühnen. Und jetzt auch in Hamburg, inszeniert am Thalia Theater von Ulk, nein, immernoch: Luk Perceval. Mehr von Falk Schreiber.

Warum wird Lessings Bürgertragödie Emilia Galotti immer noch gespielt? Enrico Lübbe wählte das Trauerspiel für seinen Einstand als regieführender Intendant am Schauspiel Leipzig, Hartmut Krug sucht nach einer Antwort.

Felicia Zeller hat ein neues Stück geschrieben, in dem sie ihr Zeller'sches Spotlight auf die Sprache der Netzwerke der Macht richtet. Und so schöne Formationen entdeckt wie die Marketingagentur "Mover, Shaker und Partner". Burkhard C. Kosminski hat Die Welt von hinten wie von vorne in Mannheim uraufgeführt. Dennis Baranski berichtet.

Das deutsch-britische Performerkollektiv Gob Squad hat auf Youtube ein Video gefunden. Aus dem Herzen der Western Society. Klar, dass sie es gleich im Berliner HAU nachstellen wollten, mit Hilfe des Publikums. Eva Biringer hat zugeschaut.

Ein Experimentalfilmer und ein Live-Elektroniker, Daniel Kötter und Hannes Seidl, schauen nach, ob die "Macht der Banken" auch Gesicht und persönliche Geschichte besitzt. Kredit. Von der Erwartbarkeit zukünftiger Gegenwarten hatte beim Steirischen Herbst Premiere. Reinhard Kriechbaum war zugegen.

Der Roman Die Wohlgesinnten taugt mit seiner Ästhetisierung des Schreckens, die den Massenmord in die Perspektive der antiken Tragödie rückt, durchaus zum Skandalon. Der italienische Regisseur Antonio Latella hat ihn nun am Wiener Schauspielhaus auf die Bühne gebracht. Genaueres weiß Leopold Lippert.

Der zweite Tag von Enrico Lübbes Auftakt-Marathon brachte
eine Uraufführung und eine Stückausgrabung mit Seltenheitswert. Wolfram Hölls
spannendes Assoziations-und-Erinnerungs-Stakkato Und dann, beim Heidelberger
Stückemarkt preisgekrönt, wurde von Claudia Bauer in eine Puppenstube versetzt.
Franz Grillparzers Des Meeres und der Liebe Wellen hat die Slowenin Mateja Koleznik
auf hohem Felsen angerichtet. Wie sich beides ausnahm, sagt Ute Grundmann.

"Vielfalt", keinen "Gemischtwarenladen" hat Enrico Lübbe für sein alt-neues Schauspiel Leipzig angekündigt. Viele kommen gucken, wenn der Nachfolger des Ekstatikers Sebastian Hartmann sein Glück versucht. Erst einmal jedoch schickt der Hausherr seine Mitarbeiter ins Rennen. Who's there von Monster Truck, Kathrin Rögglas Der Lärmkrieg, inszeniert von Dieter Boyer, und Othello, Spielleitung: Christoph Mehler, bilden den fetten Dreier des Marathon-Eröffnungsabends. Tobias Prüwer hat zugeschaut.

Schwerverliebte Schwerterotiker, schlappschwänzige Könige, heutig daherkommende "Ich"-Sager – das sind Die Nibelungen am Schauspielhaus Bochum. Psychologiseur Roger Vontobel inszeniert Friedrich Hebbels Saga als Zickenkrieg mit fatalen Folgen. Stefan Schmidt hat sich die fünf Stunden gern gefallen lassen.

Was kann uns August Strindbergs "Fräulein Julie" heute noch sagen? Eine ganze Menge, findet die brasilianische Regisseurin Christiane Jatahy und versetzt in Julia die bessere Tochter und ihren Diener nach Brasilien und in einen Loop zwischen gestern und heute. Sehr zur Begeisterung von Esther Boldt.

Wie offen ist die Schweiz, ist Zürich für Ankommende von außerhalb? Das fragt Neuintendant Peter Kastenmüller mit seiner halbdokumentarischen Installations-Serie Arrivals I-IV am Zürcher Neumarkt-Theater, deren erster Teil gestern über die Bühne ging. Claude Bühler war zugegen.

Als Teil der Reihe auf Probe - Alltagsutopien für das Braunschweiger Land hat sich Gero Vierhuff, einer der markantesten Köpfe der niedersächsischen freien Szene, einen Möchtegern-Regenten ausgedacht. In Der König bittet zum Tanz am Braunschweiger LOT-Theater regiert Herbert vom Klo-Thron aus, bis er aufbricht nach Gifhorn und Wolfsburg. Alexander Kohlmann ist mitgereist.

Diese Julia könnte aus dem Klan der Geissens oder irgend ein anderer Neureichenspross Marke RTL 2 sein. Dann kommt der sanfte Romeo und seine Liebe über sie. Der isländische Regisseur Thorleifur Örn Arnarsson hat Shakespeares berühmte Teenager-Tragödie Romeo und Julia in Mainz als wahnwitziges, wildes Fest der Liebe angerichtet. In einer ungestümen Montage, die Shirin Sojitrawalla begeistert hat.

Sie waren die Protagonisten der verunglückten Revolution im November 1918: die Kommunisten Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, wenige Wochen später von rechten Freikorps ermordet. Alfred Döblin sezierte in seinem Monumentalroman November 1918 den Kern der deutschen Tragödie. Am Vorabend des Tags der Deutschen Einheit hat Alice Buddeberg den letzten Band Karl und Rosa zu einem Theaterabend verarbeitet. Andreas Wilink berichtet.

Zur Eröffnung seiner visionären Spielstätte Ding Dong Dom hat das gerühmt-verschrobene Performancekollektiv Showcase Beat Le Mot im Auftrag des Hebbel am Ufer sein Publikum zu einer Schifffahrt geladen und reichlich Alkohol ausgeschenkt. Was es unterwegs geboten bekam, weiß Eva Biringer.

Entlegene Epochen und unverbundene Ereignisse mischt er leichthändig wie einen Kartenhaufen: Der Theatermacher Robert Lepage hat sich mit seiner Gruppe Ex Machina den Zauberkünstlern und Illusionspionieren der Jahrhundertwende 1900 anverwandelt. Das Ergebnis ist der zweite Teil seiner Kartenspiel-Tetralogie: Playing Cards: Hearts, herausgekommen auf der Ruhrtriennale. Sarah Heppekausen blickte in die theatrale Wundertüte.

Willkommen im Land der Avatare: Mit ihrer vom Fonds Doppelpass geförderten Hollywood-Adaption Surrogates – Mein zweites Ich entführen Regisseur Klaus Gehre und das Theater Handgemenge den Zuschauer mit Puppenspiel, Live-Actionbastelei und Video in eine schillernde Roboter-Welt. Juliane Voigt ist begeistert.

"Man weiß, dass Hamlet, so wie Horatio, in Wittenberg auf die Universität gegangen ist. Die beiden sind also definitiv Protestanten." Wie Regisseurin Andrea Breth dieses Insiderwissen bei ihrem Hamlet wohl nutzt? Und wie August Diehl, der zum zweiten Mal bei Breth eine Prinzenrolle spielt, diese Biographie wohl nutzt? Von sechs Stunden am Wiener Burgtheater berichtet Martin Thomas Pesl.

Kein leichtes Erbe, in Köln Karin Beiers Nachfolge anzutreten, und das vorerst in einer Interimsbühne, weil das Große Haus in der Innenstadt generalüberholt wird. In der alten Kabelfabrik Carlswerk wird seit diesem Wochenende gespielt. Nach dem "Nackten Wahnsinn" am Freitagabend geht die Eröffnung mit Moritz Sostmanns Inszenierung von Brechts Der gute Mensch von Sezuan weiter. Mehr von Stefan Schmidt.

Wenn der Tyrann doch endlich weg wäre! Dann ... ja, was dann eigentlich? Fragt sich Radikal-Jung-Regisseur Csaba Polgár anhand von Shakespeares Julius Cäsar am Münchner Volkstheater. Petra Hallmayer war dabei.

Sebastian Nübling hatte den Schauspielern für dieses Gorki-Stück jüngst Rollschuhe unter die Füße geschnallt. Markus Dietz lässt in seiner Version von Die Letzten in Wiesbaden nun auf einer spiegelnden Wasseroberfläche spielen. Und zwar ziemlich gut, findet Shirin Sojitrawalla.

Das Leben ist ein Spiel, aber die Zeit läuft in Mark Zurmühles Inszenierung von Faust! Der Tragödie erster und zweiter Teil. Sand rieselt aus einem Sack, außerdem bespielt das Ensemble in einer umgebauten Lokhalle gleich vier Bühnen. Mehr von Jan Fischer.

Wer hätte gedacht, dass bereits Heinrich von Kleist das Drama der Generation Facebook geschrieben hat? Sein Kriegsheimkehrer-Wirrspiel "Amphitryon" gereicht Karin Henkel am Zürcher Schauspielhaus jedenfalls dazu, unter dem Titel Amphitryon und sein Doppelgänger bestechend schlüssig vom Identitätskollaps im Zeitalter der sozialen Netzwerke zu erzählen. Ewa Hess hat beim Rollenhopping zugesehen.

Ist Ostalgie noch das richtige Wort für das postideologische Erinnern an die DDR, das derzeit Konjunktur hat? Oder müsste man ein neues finden? Für das, was zum Beispiel Jan Jochymski an seinem Theater Magdeburg mit dem Brussig/Haußmann-Filmklassiker Sonnenallee veranstaltet? Matthias Schmidt berichtet.

Wofür sind wir im Krieg gestorben? Warum ließen wir uns schlachten? Das fragen die wieder auferstehenden Weltkriegssoldaten, die in Andrzej Stasiuks Stück Thalerhof die Nachgeborenen zur Rede stellen. Schauspielchefin Anna Badora hat das in Graz auf die Bühne gebracht – keineswegs knochentrocken, findet Reinhard Kriechbaum.

Ach, Europa, es ist auch schon mal schöner von dir geträumt worden als von Simon Stephens, der in seinem britisch-estnisch-deutschen Stück Three Kingdoms die Kontinentalglobalisierung so genau unter die Lupe nimmt, dass es eklig wird. Am Landestheater Tübingen hat sich nun Stefan Rogge an den Stoff gewagt. Zu welchem Ende, weiß Steffen Becker.

Im finsteren Angst-Raum, einsam im Lichtkegel, steht die Entrückte: Kathleen Morgeneyer als Johanna. Michael Thalheimer hat mit gewohnt fester Pranke nach Schillers Die Jungfrau von Orleans gegriffen, die nach ihrer Salzburger Premiere, wo Otto Paul Burkhardt sie sah, jetzt am Deutschen Theater Berlin zu besichtigen ist.

Wie weit sind Georg Büchner und Michel Houellebecq voneinander entfernt, wie weit der revolutionär gestimmte Vormärzler vom kühlen Zynismus-Prediger? Dass man ihre Visionen durchaus in einen Denkraum zwingen kann, zeigt Intendant Johan Simons mit seinem Saisonauftakt Dantons Tod an den Münchner Kammerspielen, wo man soeben Simons' Nachfolger bestimmt hat. Sabine Leucht sah die Zeichen auf Großkunst stehen.

Am Zürcher Neumarkt-Theater stehen alle Zeichen auf Ankunft. Dort starteten gestern Peter Kastenmüller und Ralf Fiedler ihre Intendanz und machten das Ankommen mit zum Thema – indem sie Luchino Viscontis Migrationsfilm und Neorealismo-Klassiker Rocco und seine Brüder auf die Bühne brachten. Wie das ausschaute, sagt Philipp Ramer.

The Wasp Factory hieß 1984 der erste Roman von Iain Banks. Ein Schreckenszenario ohnegleichen. David Pountney hat nach dem Buch ein Libretto geschrieben, Ben Frost hat es mit drei Schauspieler-Sängerinnen zur Musik von fünf Streichern inszeniert. Eva Biringer war bei der Premiere im HAU.

Normalhin verteidigt sich Europa mit Gewalt gegen unerwünschte "Eindringlinge". Dass Ausgrenzung früher beginnt, zum Beispiel in der Sprache, führt die Autorin, Schauspielerin und Regisseurin Laura de Weck in der Gessnerallee in Zürich vor. Die Premiere von Espace Schengen hat Julia Stephan gesehen.

Wenn das kein technischer Fortschritt ist: Ein Heißluftballon steht in "Glanz und Elend der Kurtisanen" auf der Bühne, das vor drei Wochen in Berlin Premiere hatte. Im neuen René Pollesch, Cavalcade or Being a Holy Motor, in Wien spielen wieder Martin Wuttke, Birgit Minichmayr, und es gibt einen Düsenjäger - Sinnbild fürs Brummen der inneren Motoren? Mehr von Teresa Präauer.

Das Ballhaus Naunynstraße hat seine Türen unter der neuen künstlerischen Leitung von Wagner Carvalho und Tunçay Kulaoğlu geöffnet. Erster Schwerpunkt ist das Festival "Black Lux", in dessen Rahmen Elisabeth Blonzens erstes Stück Schwarz tragen uraufgeführt wurde. Es geht um Trauer, Hautfarbe und um Schutzräume, in denen man sein kann, wie man ist. Mehr von Esther Slevogt.

Das Material, das der bekannte Dokumentarfilmer Andres Veiel in Interviews mit Protagonisten der deutschen Hochfinanz für sein Stück Das Himbeerreich gesammelt hat, sollte Einblicke in Banker-Seelen und Crash-Strukturen geben. Nach der Uraufführung in der letzten Spielzeit durch Veiel selbst hat nun der junge Regisseur Sebastian Kreyer den Stoff in Kassel auf die Bühne gebracht. Michael Laages berichtet.

Das Szenario kennt man aus dunklen Science-Fiction-Streifen der Marke "The Matrix": Gehirne schwimmen im Tank, angeschlossen an Megacomputer, die ihnen ihre Realität simulieren. Konstantin Küspert hat es nun mit seinem Erstling Mensch Maschine für die Bühne entworfen. Wie die Uraufführung durch Sahar Amini am Theater Regensburg gelang, weiß Christian Muggenthaler.

Wenn die Realpolitik zur inhaltsarmen Personality-Inszenierung verkommt, muss die Bühne die Fackel der Freiheit hochhalten: Robert Schuster hat in Freiburg Georg Büchners Revolutionsdrama Dantons Tod repolitisiert und engagiert zugespitzt. Jürgen Reuß hat sich die Unternehmung am Abend vor der Wahl zum deutschen Bundestag angeschaut.

Achtzig afrikanische Flüchtlinge finden seit dem Sommer Unterschlupf in der winzigen St. Pauli Kirche. Über die Insel Lampedusa kamen sie nach Deutschland. Italien wollte sie loswerden und Hamburg will sie auch nicht haben. Das Thalia Theater integrierte einen Teil von ihnen in die Lesung von Die Schutzbefohlenen. Ein Maximum an politischer Intervention, das ein Stadttheater leisten kann, so Falk Schreiber.

Noch mehr Politik: Hugo Chávez kritisiert die imperialistische Weltdiktatur – eine reale Rede, die in Wir schweben wieder die privaten Neurosen der Figuren durchbricht. Charlotte Roos' tragikomisches Stück wurde 2012 beim Heidelberger Stückemarkt und den Berliner Autorentheatertagen vorgestellt, jetzt wurde es endlich uraufgeführt. In Bielefeld sah Kai Bremer zu.

In Jalta auf der Krim, berieten 1943 die Führer der kriegsalliierten Großmächte Sowjetunion, Vereinigten Staaten und Großbritannien die Aufteilung der Welt nach dem Sieg über das nazistische Deutschland. Lucas Svensson hat darüber ein Stück geschrieben, Staffan Valdemar Holm hat es in Düsseldorf uraufgeführt, Andreas Wilink war bei der Premiere.

In Rostock kriselt das Volkstheater gewaltig. Jetzt hat sich die neue Schauspieldirektorin Cornelia Crombholz dem hanseatischen Publikum vorgestellt. Den Namen des Hauses hat sie dabei wörtlich genommen für ihre Inszenierung des alten Volksbuches Till Eulenspiegel. Juliane Voigt hat die Inszenierung gesehen.

Darf man für einen Pharmakonzern arbeiten, der in Afrika illegal Medikamente testet? Einfache Frage, schwierige Antwort in dem Stück Die Glaubensmaschine, von Alexi Kaye Campbell, einem jungen britischen Autor. Auch ein angry young man? Mehr von Andreas Schnell.

Dass Familie die Hölle ist, ist eine alte Geschichte, die das Theater immer neu erzählt. Und dass wir stets mehr wollen als wir kriegen, erst recht. Noah Haidle, amerikanischer Dramatiker und Drehbuchautor, hat eine ganz eigene Spielart des Familiendramas entwickelt, irgendwo zwischen Norén, Beckett und Fernseh-Soap. Lucky Happiness Golden Express heißt sein jüngster Wurf. Die Uraufführung von Thomas Bockelmann sah Leonie Krutzinna.

Daniil Charms' absurdistische "Zwischenfälle" wurden unlängst erst im Burgtheater von Andrea Breth zelebriert. Jetzt eröffnet der steirische herbst in Graz mit der Charms-Adaption H, an incident von Kris Verdonck und seiner A Two Dogs Company. Mit dabei: der Keyboarder der Synthie-Elfe Björk, eine Menge Wortwitz – und Nachtkritiker Martin Pesl.

Nach "neuen Formen" im Theater sucht der angehende Schriftsteller Konstantin in Tschechows Komödie Die Möwe. Und wird von seiner Mutter, einer berühmten Schauspielerin, ausgelacht. Auf welche Seite sich nun Viktor Bodó schlägt, weiß Annette Hoffmann.

Ein Jahr vor den epochalen Schrecken des 20. Jahrhunderts: 1913. Der Pop-Kulturflaneur Florian Illies hat es jüngst in seinem gleichnamigen Buch feuilletonistisch ausgeleuchtet. Am Theater Oberhausen verarbeitet Vlad Massaci es jetzt zu einer Revue mit kunstgeschichtlichem Chic. Martin Krumbholz war da.

l Was haben Liebe und Information miteinander zu tun? Das erforscht Caryl Churchill, große alte Dame der feministischen britischen Dramatik, in ihrer Szenensammlung, die Caro Thum in Münster zur deutschsprachigen Erstaufführung brachte. Mehr von Tim Schomacker.

Ein Hund ist tot und Christopher gerät unter Verdacht. Dabei liebt er Hunde. Also fängt er an, auf eigene Faust zu ermitteln. Mark Haddon verfasste mit Supergute Tage oder Die sonderbare Welt des Christopher Boone den Roman eines Jugendlichen mit Asperger-Syndrom. Jan Gehler hat ihn am Staatsschauspiel Dresden zur deutschsprachigen Erstaufführung gebracht. Herzerwärmend, findet Ralph Gambihler.

Der Komponist Helmut Lachenmann hat sein einziges Musiktheaterwerk Das Mädchen mit den Schwefelhölzern nach Texten von Hans Christian Andersen, Gudrun Ensslin und Leonardo da Vinci als begehbare Landschaft bezeichnet. Robert Wilson nimmt ihn bei der Ruhrtriennale beim Wort und stellt sich sogar selbst auf die Bühne – unter anderem mit Angela Winkler –, umspült von einem sirrenden Surround-Sound, der Lachenmanns einzigartige Tonsprache in ihrer ganzen Komplexität auffächert. Und das Werk neu erfindet, sagt Regine Müller.

Ein Hamburger Jung ist Rock'n'Roll-Regisseur Jürgen Kruse selbst und qua Beruf auch eine Art Stromer. Wer, wenn nicht er, könnte also Zugang finden zu Beckmann, dem heimatlosen Helden aus Wolfgang Borcherts wieder viel gespieltem Nachkriegsklassiker Draußen vor der Tür, der durch das Hamburg der unmittelbaren Zeit nach 1945 streift? Esther Boldt hat sich in eine fiebrig surreale Seemannskneipe begeben.

Das notorische Geschwisterpaar Orest und Elektra beschäftigt das Theater bereits ein paar Jahrtausende. Jetzt hat David Bösch den antiken Stuck von dem Stoff abgeschlagen, die Götter gestrichen und die Geschwister als wohlstandverwahrloste Kids ins Residenztheater gestellt. Steffen Becker berichtet.

Das jährliche GlückAufFest zum Spielzeitauftakt ist stets ein buntes, ausuferndes und inhaltsreiches Spektakel. Grundlage des diesjährigen, zehnten und letzten Fests unter der Intendanz von Sewan Latchinian waren Prosatexe, u.a. von Rainald Goetz, Christoph Hein und Volker Braun. Hartmut Krug hat sich die Nacht um die Ohren geschlagen.

Look Back in Anger – da fühlt man sich ein wenig an Oasis erinnert. Oder an den Wut-Klassiker aus alter Zeit: John Osbornes Blick zurück im Zorn kam 1956 heraus. Jetzt holt Martin Nimz das Stück ins Staatstheater Saarbrücken. Ob er die Wutbürger im Parkett kitzeln konnte, weiß Stefan Schmidt.

Nicolas Stemanns Kommune der Wahrheit ist am Thalia Theater angekommen. Den Auftakt dieses Work in Progress sah Reinhard Kriechbaum bei den Wiener Festwochen.

Geburtstag gönnt sich das Staatsschauspiel Dresden ein ganz großes Event: Gemeinsam mit der benachbarten Semperoper und dem Collegium 1704 aus Prag gibt es traumhafte Bühnenmusik und britischen Sagenschatz: King Arthur von John Dryden und Henry Purcell mit neuen Textbeiträgen von Armin Petras. Tilmann Köhler trat ans Regiepult und Ralph Gambihler reiste hin.

Der große Stück-Remixer Stefan Pucher ist in Zürich am Start und nimmt sich auf einer eindrucksvollen Breitwandbühne am Schauspielhaus Georg Büchners Dramenfragment Woyzeck vor. Ob die reichen Video- und Tonspuren zusammenfinden, weiß Andreas Klaeui.

Reichen Business-Look und Allerweltston, um mit Die Nibelungen etwas übers Heute auszusagen? Was die Modernisierungs-Regisseurin Jorinde Dröse zum Frankfurter Saisonstart aus dem alten Hebbel rausholt, berichtet Shirin Sojitrawalla.

In eine kühle glatte Welt am Ende des Pop, am Ende des Konsumismus, am Ende der Geschichte lädt der junge Genie-Autor Leif Randt mit seinem Roman Schimmernder Dunst über CobyCounty ein. In Bremen adaptiert Felix Rothenhäusler das Werk. Auch schimmernd, aber wie weiter, weiß Tim Schomacker.

Schleimen, schleichen, schlurchen; Damen dreist benutzen, Herren heftig mobben: Der Parasit von Friedrich Schiller nach Picard. Oder: "Mach mir den Guttenberg". Nurkan Erpulat bittet zu einem wahrhaft Düsseldorfer Tanz. Andreas Wilink war dabei.

Der Regisseur sitzt im Publikum und ruft den Schauspielern zu, was sie machen sollen. Ob der Dortmunder Intendant Kay Voges in Das goldene Zeitalter so dem ewigen Lebens-Loop entkommen kann, weiß Sascha Westphal.

Es könnte alles so gut sein für Isolde: ein solider Ehemann, eine erfolgreiche Karriere als Schauspielerin, der Hausbau in idyllischer Landschaft steht auch schon an. Aber leider ist ihre Situation nach Motiven von "Tristan und Isolde" gestrickt. Und also stürzt sie alsbald in eine seelisch zerrüttende Dreiecksgeschichte. Mit seinem Stück Isolde eröffnet Richard Maxwell die Spielzeit am Theater Basel. Claude Bühler war vor Ort.

Biometrische Passkontrollen, Datenvorratsspeicherung und NSA-Überwachung. Wenn das nicht die Stunde des Josef K. ist! Am Schauspielhaus zeigt Intendantin Barbara Frey das Justizopfer aus Franz Kafkas Roman Der Prozess. Ob sie heutige Überwachungspolitiken in den Blick bekommt, weiß Christoph Fellmann.

Familien, die nach Schweden fliehen; Kinder, die in unerklärliche Apathie verfallen. Mit diesem realen Vorfall beschäftigt sich Apathisch für Anfänger von Jonas Hassen Khemiri. In ihrer Inszenierung am Staatstheater versucht Mina Salehpour, Klischees in den Schubladen zu lassen. Jan Fischer denkt über das Erlebte nach.

Die untergegangene Welt, das ist im Düsseldorfer Forum Freies Theater eine Bühne voller Schuhe, aus denen ein verstrahlter Urwald wächst. In Postcards from the Future erzählt Anna Malunat von einer Welt nach der Katastrophe. Sascha Westphal hat die Premiere gesehen.

Als vor zwei Jahren das Buch Soldaten. Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben erschien, das die Gespräche deutscher Kriegsgefangener des Zweiten Weltkrieges versammelt, sorgte es für einiges Aufsehen. Jetzt ist es mit Thomas Dannemanns Inszenierung für das Schauspiel Hannover im Theater angekommen. Wie wird hier vom Krieg erzählt? Jan Fischer gibt Auskunft.

Mit Weiskerns Nachlass hat Christoph Hein eine wunderbar groteske, aber nicht grobe Satire auf den heutigen Wissenschaftsbetrieb geschrieben. Enrico Stolzenburg, einer der neuen Hausregisseure am Nationaltheater Weimar, hat den Roman nun in einer eigenen Bühnenfassung zur Uraufführung gebracht. Ute Grundmann berichtet.

Wie eine Glasglocke schwebt das Bühnenbild herunter, dazu eingängige Akkorde von Lana del Rey und inmitten eine Frau, die fest glaubt, die genau spürt, dass die Rückkehr des Mannes, dem sie sich einst versprach, kurz bevor steht. Alles ist einer unheilvollen Ahnung gleich in Anna Bergmanns Inszenierung von Ibsens Die Frau vom Meer am Akademietheater Wien. Kai Krösche war bei der Premiere und ist schwer begeistert.

Ein großes Kunstmärchen, nämlich Wilhelm Hauffs Das Wirtshaus im Spessart, ein tolles Bühnenbild, Schauspieler, die sich den Wolf spielen, und ein Musiker, der mit morbiden Banjoklängen das Geschehen begleitet – eigentlich alles da, womit Lars-Ole Walburg bei seiner Saisoneröffnung am Schauspiel Hannover auftrumpfen könnte. Mehr von Stephanie Drees.

Hasko Weber stellt sich als neuer Intendant des Nationaltheaters Weimar vor. Gleich zum Auftakt Goethes Faust I zu inszenieren, ist eine Ansage. Und was für eine, sagt Hartmut Krug.

Glanz und Elend der Kurtisanen, ist das nicht ein Roman von Honoré de Balzac? Und was, um Gottes Willen, interessiert René Pollesch daran? Wolfgang Behrens berichtet.

Wasser, Walfett und Männerschweiß, das sind die Stoffe, mit denen Antú Romero Nunes seine Auftaktinszenierung am Thalia Theater Moby Dick auf Touren bringt. Mehr von Falk Schreiber.

Lumpazivagabundus von Johann Nestroy ist eine Art österreichischer Sommernachtstraum. Matthias Hartmann hat die Zauberposse inszeniert. Gestern abend kam sie nun im Burgtheater heraus. Reinhard Kriechbaum nahm den Abend schon bei den Salzburger Festspielen in Augenschein.

Vor dem Goethe-Theater ward der rote Teppich ausgerollt. Darüber schritt einige Prominenz. Der Kulturstaatsminister zum Beispiel. Und Rolf Hochhuth, dessen neues Werk Neun Nonnen fliehen hier uraufgeführt wurde. Matthias Schmidt kann es bezeugen.

Haste mal'n Euro? Diese Frage genügt heute nicht mehr. Auch Bettler müssen sich verkaufen. Lola Arias nimmt in The Art of Making Money – Eine Bremer Straßenoper das Publikum auf Feldforschung mit. Darunter auch Jens Fischer.

Bei dieser Produktion der britischen Live-Art-Gruppe Forced Entertainment ist alles anders. Statt Abarbeitung an der Sprache gibt es in The Last Adventures bei der Ruhrtriennale einmal Bildertheater pur. Nein, nicht ganz pur: Die Bilder und Performer sind von einem Klangmeer des libanesischen Soundcollagisten Tarek Atoui umspült. In der auratischen Gladbecker Maschinenhalle Zweckel hat Sarah Heppekausen das suggestive Spektakel verfolgt.

Die Katastrophe in den japanischen Atomreaktoren von Fukushima inspirierte Elfriede Jelinek 2011 zu ihrer Sprechoper Kein Licht. Für dramagraz hat das Stück jetzt der Dichter und Regisseur Ernst Marianne Binder inszeniert. Reinhard Kriechbaum berichtet.

Während das Merkel-Steinbrück-Duell an den Bildschirmen politische Agonie in die Herzen der TV-Zuschauer pflanzte, widmete sich das Deutsche Theater der Agonie einer ganz anderen Zeit: In einem "zaristischen Lehrstück" beleuchten Tom Kühnel und Jürgen Kuttner das Ende der Romanows und präsentieren die Zarin als Gegenkonzept zur Brecht'schen Mutter. Esther Slevogt war vor Ort.

Shakespeares Komödie Viel Lärm um nichts ist eine der Verstellungen, des Als-ob. Zum Saisonauftakt an der Berliner Schaubühne hat Marius von Mayenburg den Bühnen-Dauerbrenner neu übersetzt und selbst inszeniert: als Kostümorgie und Zitatschnitzeljagd aus Pop- und Filmgeschichte. Ob und wie das mit den tragischen Abgründen des Stücks zusammengeht, weiß Anne Peter.


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