Freitag, 18. April 2014
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die nachtkritik

besuch der alten dame 280a arnodeclair h"Der Besuch der alten Dame" © Arno Declair

Berlin, 18. April 2014

Ein Showprozess

Eigentlich ist Der Besuch der alten Dame ja schon nachhaltig genug; in seiner Dürrenmatt-Inszenierung am Deutschen Theater verleiht Bastian Kraft der alten Dame Claire Zachanassian aber noch den Pluralis Majestatis von gleich fünf Schauspielern. Allein steht dagegen Ulrich Matthes als Ex-Ekel Alfred Ill. Wie es ausgeht und aussieht, weiß Christian Rakow.

Berlin, 18. April 2014. Der Abend "Dschingis Khan" des Performance-Kollektivs Monster Truck wurde deshalb so viel diskutiert, weil unklar blieb: Werden die Darsteller mit Down Syndrom benutzt? Ihr neuer Abend an den Sophiensälen heißt Regie und macht genau diese Frage zum Thema. Ob's mehr als ein Meta-Abend geworden ist, sagt Simone Kaempf.

Dresden, 18. April 2014. So wie Der abentheurliche Simplicissimus Teutsch hat Simon Solberg sich als Schelm bekannt gemacht. Nun hat er den Barockroman von Grimmelshausen in Dresden auf die Bühne gesprengt. Lukas Pohlmann ist baff und schreibt trotzdem, wie es war.

Mainz, 18. April 2014. Systeme brechen zusammen, Einbrecher ein, Konventionen auseinander. Die Mainzer Hausautorin Natascha Gangl hat ihr neues Stück Die große zoologische Pandemie den Spielarten des Brechens gewidmet. Ob sich Regisseur Felix Meyer-Christian einen abbricht, weiß Shirin Sojitrawalla.

Karlsruhe, 18. April 2014. In Baden-Württemberg fordern gerade 192.000 Petenten, dass der Diskurs über sexuelle Vielfalt nicht in Bildungsplänen stehen soll. Vor diesem Hintergrund bekommt Katharina Gerickes Stück Maienschlager über zwei schwule Jungs im Dritten Reich beklemmende Aktualität. Stefan Otteni hat Regie geführt, Elisabeth Maier war dabei.

Leipzig, 18. April 2014. Hedda Gabler liebt ihren Mann nicht, ist auf ihren ehemaligen Liebhaber eifersüchtig und hat eine Pistole. Heiße Kombination, die unter Regisseur Sarantos Zervoulakos in Kälte erstarrt, sagt Ute Grundmann.

Was Sie schon immer über Angelina Jolie und Drew Barrymore wissen wollten! Michael Jacksons Schönheitschirurg packt aus! Na, angefixt? Dann ist dieser Abend vielleicht etwas für Sie. Angela Richter hat für ihren neuen Dokufictionabend Brain and Beauty eigens in Beverly Hills recherchiert, bei den Ärzten der Reichen und Schönen. Wie sich das mitgebrachte Recherchematerial in der Kölner Halle Kalk ausnimmt, weiß Stefan Keim.

Brit Bartkowiak war bis 2013 Regieassistentin am Deutschen Theater Berlin und fiel dort mit ihrer Marianna-Salzmann-UA "Muttersprache Mameloschn" auf. Jetzt hat sie im Theater an der Glocksee, einer kleinen Hannoveraner Off-Stätte, mit Dennis Kellys Waisen ein sehr eindringliches Sozialdrama inszeniert. Stephanie Drees war vor Ort – und beeindruckt.

Glaubt man dem Klischee, dann befeuert sich die russische Seele gern mit Alkohol, und nah bei Gott ist sie sowieso. Gibt es da vielleicht sogar einen Zusammenhang? Der russische Autor Iwan Wyrypajew suggeriert das in seinem Stück Betrunkene, das Alexander Simon nun in Hamburg am Thalia in der Gaußstraße herausbrachte. Wie nüchtern blieb unsere Berichterstatterin Katrin Ullmann?

Man hätte es Erpressung nennen können, als die Choreografin Sasha Waltz wiederholt mit ihrem Weggang aus Berlin drohte, nachdem ihr das gewünschte Geld (und der gewünschte Posten?) verweigert wurden. Doch sie blieb, und sie bekam ja auch etwas: Die Opernregie für Tannhäuser an der Staatsoper etwa. Wie sich ihre Tänzer-Hipster in Daniel Barenboims Dirigat einfügen, weiß André Mumot.

Tragischerweise ist es nicht Die Wildente, die in Henrik Ibsens Stück zu Tode kommt, sondern die Tochter der Familie Ekdal. Wie Stephan Rottkamp Ibsens ausgebuffte Dramaturgie neu erlebbar macht, begeistert Michael Laages.

Winnie und Willie erleben in unterschiedlicher Gefangenschaft Glückliche Tage, und wir müssen ihnen dabei zugucken. Stéphane Braunschweig hat Samuel Becketts Stück in Düsseldorf noch grausamer gemacht. Mehr von Sascha Westphal.

Peter Stamms Roman Agnes scheint mit seinen zwei Erzählebenen einer Liebesgeschichte für eine Bühnenadaption geeignet. Daniela Löffner kommt im Zürcher Schiffbau sogar mit den Originalsätzen aus. Ob der erstmalige Medienwechsel klappt, sagt Claude Bühler.

Das Geschrei, was denn all diese Film-Adaptionen auf dem Theater sollen, muss bei Lars von Triers Dogville verstummen: Kaum ein Film dürfte in seiner Ästhetik mehr vom Theater her kommen. Wenn Theatertreffen-Dauergast Karin Henkel "Dogville" nun am Schauspiel Frankfurt auf die Bühne bringt, so kehrt der Film gewissermaßen in sein Ursprungsmedium zurück. Oder etwa nicht? Grete Götze berichtet.

Sebastian Nübling hat in der vergangenen Spielzeit in München und beim Berliner Theatertreffen bewiesen, dass der schwüle Bekenntnis-Schinken Orpheus steigt herab von Tennessee Williams spielbar ist. Am Hans Otto Theater zieht nun Elias Perrig nach. Ob's gelang, weiß André Mumot.

Sein Buch Fräulein Hallo und der Bauernkaiser: Chinas Gesellschaft von unten machte 2009 Liao Yiwu weltberühmt. 2012 erhielt der chinesische Exilschriftsteller auch den Friedenpreis des Deutschen Buchhandels. Episoden des verbotenen Buchs hat nun Max Claessen auf die Bühne gebracht. Tim Schomacker sah die Uraufführung.

Beim Nachwuchsfestival des Volkstheaters Radikal Jung läuft aktuell eine Produktion des eigenen Hauses: Der große Gatsby von Abdullah Kenan Karaca inszeniert. Cornelia Fiedler sah bereits die Premiere. Hier gehts zur Übersicht mit allen eingeladenen Produktionen.

Die NSU-Morde waren nicht nur kaltblütige Gewaltaten, sie waren auch Auslöser für fremdenfeindliche Verdächtigungen und Verurteilungen im Umfeld der Opfer, wurden zum Motor der Ausgrenzung. Davon erzählt der bewegende Dokumentarabend Urteile von Regisseurin Christine Umpfenbach und ihrer Co-Autorin Azar Mortazavi am Residenztheater, der zwei Münchner Familien ins Zentrum rückt. Petra Hallmayer war da.

Sie sind wieder da! Vier Jahre nach "Testament", der großen Erbschaftsreflexion nach Shakespeares "King Lear" von She She Pop und ihren Vätern, gibt es den Gegenabend: Frühlingsopfer, nach Strawinskys "Sacre", von She She Pop und ihren Müttern. Ob am HAU bei Tagesdeckenschleiertänzen und Video ähnlich viel Energie rüberkam wie seinerzeit in "Testament", weiß Matthias Weigel.

Dass ein Lehrplanklassiker wie Bertolt Brechts Der gute Mensch von Sezuan nicht schultafelgrau und didaktisch sauber hingezirkelt aussehen muss, zeigt Antje Schupp in ihrer Ulmer Inszenierung des Stückes. Die wilde Rap-Battle sah Steffen Becker.

Der türkische Mann ist nicht nur publizistisch ein viel beachtetes Phänomen. Entsprechend lebhaft wuchern die Klischees in den Köpfen der Zeitgenossinnen und -genossen. Das hat die Schauspielerin Idil Üner zum Anlaß genommen, einmal genauer hinzusehen und reale Vorbilder für ihre Bühnenfiguren in einer Selbsthilfegruppe gecastet. Süpermänner hat sie ihren Abend im Ballhaus Naunynstraßen überschrieben, den Eva Biringer sich angesehen hat.

In der Schaubühne findet gerade das F.I.N.D.-Festival statt. Gestern lief die radikale Peter-Pan-Übermalung Todo el cielo sobre la tierra (El síndrome de Wendy) der spanischen Perfornerin Angélica Liddell, die Kai Krösche schon bei den Wiener Festwochen beeindruckt hat.

Zu den Stücken, die zum Festival Radikal Jung geladen sind, gehört auch Michael Ronens bildmächtige Inszenierung I call my brothers – Ich rufe meine Brüder von Jonas Hassen Khemiri. Martin Pesl sah die Premiere in St. Pölten. Infos zu allen eingeladenen Inszenierungen in der Festivalübersicht.

Erst ist Arnolphe der Zyniker, der seine Pflegetochter bewusst zur Dummheit erzieht, um sie später heiraten zu können, am Ende steht er als Geleimter da in Molières Die Schule der Frauen. Ein Stoff wie gemacht für Regisseur Herbert Fritsch, um ein paar Gänge hochzuschalten und seinen Hauptdarsteller Joachim Meyerhoff am Schauspielhaus Hamburg konsequent ins Zentrum zu stellen. Mehr von Falk Schreiber.

Gestern Abend wurde am Münchner Volkstheater das zehnte Radikal jung Festival für junge Regisseure eröffnet mit Produktionen israelischer Regisseure. Isabel Winklbauer hat zwei – Life & Strive und This is the land – gesehen.

"Wirtschaftswunder", das klingt in Finanzkrisen-Zeiten historisch. In Hannover geleitet Milan Peschel seine Version von Das Mädchen Rosemarie in WW-Zeiten – Tim Schomacker ist mit in die Fünfziger gereist.

Lauch, Zwiebeln, Möhren, das gehört unbedingt in eine Suppe, soll sie die beste Suppe der Welt werden. Und die lässt Robert Hartmann ordentlich köcheln am JT Göttingen, um in seiner Candide-Inszenierung der Frage nachzugehen, wie die bester aller Welten aussieht. Jan Fischer berichtet.

Ja, die großen monologischen Ausbrüche können sie am Maxim Gorki Theater! Mirko Borschts Woyzeck III droht gerade in Gothic-Düsternis wegzubrechen, da reißt ein furioser kulturgeschichtlichen Abriss die Inszenierung raus, wie die Stimmen der Götter einst das Handeln primitiver Gemeinschaften strukturierten. Und wie passt das zu Figuren wie Georg Büchners Hauptmann? Mehr darüber von Christian Rakow.

Andrej Tarkowskijs Andrej Rubljow ist die gewaltige Geschichte eines um 1400 lebenden Malers und Mönchs, der in eine tiefe Schaffens- und Glaubenskrise stürzt. Robert Borgmann, dessen entschleunigter "Onkel Wanja" im Mai zum Berliner Theatertreffen eingeladen ist, hat den Film für die Bühne adaptiert. Martin Krumbholz berichtet.

Das fragt man sich ja eh: was muss noch passieren, dass die Leutchen auf der Top-Ebene schaudernd rufen: Die Kunden werden unruhig? Der Dramatiker Johannes Schrettle hat sich das auch gefragt. Michael von zur Mühlen inszenierte das Spiel, Kathrin Kipp hat zugesehen.

Im September wird in Kanada der Prozess gegen Luka Magnotta beginnen. Einen Studenten soll er ermordert und zerstückelt, die Leichenteile an Parteien verschickt haben. Weniger von dieser Tat als vielmehr von dessen Lebenswelt ließ sich Thomas Bo Nilsson zu seiner Performance-Installation Meat an der Schaubühne inspirieren. Ob sie mit den Erfahrungswelten seiner alten Gruppe SIGNA mithalten kann, weiß Georg Kasch.

Der Roman ist ein tausendseitiges apokalyptisches Gesellschaftspanorama. Sein Autor, der Chilene Roberto Bolaño, hat ihn im Zukunftsjahr 2666 angesiedelt, obwohl er unsre finstere Gegenwart beschreibt. Beim F.I.N.D.-Festival an der Schaubühne hat Álex Rigola das Buch adaptiert. Sophie Diesselhorst berichtet.

Stereotypenhorror beim Einkaufsterror: In Kristof Magnussons Erfolgskomödie Männerhort flüchten Shopping-Gatten in den Heizungskeller. Wie Regisseur Jonas Hien, der als Schauspieler reichlich Komödienerfahrungen bei Herbert Fritsch gesammelt hat, über die Klischees hinwegkommt, weiß Hartmut Krug.

Sie rennen, sie lieben, sie verwechseln, sie finden zusammen. Aus der saftigen Shakespeare-Komödie Ein Sommernachtstraum hat Regisseur Markus Heinzelmann erstmal alles Anzügliche gestrichen. Zu welchem Ergebnis, berichtet Julia Stephan.

Hier sollte eine Kritik zu Barbara Freys Inszenierung von Carlo Godonis Komödie Diener zweier Herren stehen. Aber unser Autor geriet auf dem Weg ins Zürcher Schauspielhaus in einen Stau, der durch einen schweren Unfall verursacht worden war, und hat das Theater nicht rechtzeitig erreicht. Wir bitten um Entschuldigung.

Harold Pinter wurde zwar mit einem Nobelpreis geehrt, wird in Deutschland aber nicht besonders oft gespielt. Den Sozialrealismus seiner Stücke durchweht der Geist des absurden Theaters. Nun hat das Residenztheater seinen Durchbruch Der Hausmeister von 1960 hervorgeholt und in die Hände der Meisterin des genauen Lesens gelegt: Andrea Breth bringt zu ihrem Resi-Einstand auch gleich einen Alt-Star mit. Mehr von Sabine Leucht.

So ein kleiner Mord für eine große Milliarde, wer würde nein sagen? Das unmoralische Angebot macht Claire Zachanassian der Stadt Güllen, wo die Gülle bis zum Halse steht. So hoch, dass trotz anfänglicher Solidarität am Ende ein Mord begangen wird. Am Theater Brandenburg lässt Jürg Schlachter den Schulstoff Der Besuch der alten Dame aufleben. Vom Komödiendrang berichtet Nikolaus Merck.

Die Taten des NSU sind so über alle Maßen grausam, dass sie geradezu schreien nach boulevardesker Skandalisierung. Dagegen arbeiten am Badischen Staatstheater Karlsruhe der Dramaturg Konstantin Küspert und der Regisseur Jan-Christoph Gockel an. In ihrem gemeinsamen Rechercheprojekt Rechtsmaterial versuchen sie das Phänomen NSU zu verstehen, indem sie es in die deutsche Geschichte einordnen. Mehr von Dennis Baranski.

Ein junger Mann verliert seine Verlobte und fängt sich einen Korb von einer weiteren Frau, die ihn eigentlich liebt. Kein Wunder, dass die Hauptfigur von Federico García Lorcas selten gespieltem Sobald fünf Jahre vergehen die Welt nicht mehr versteht. In Stuttgart hat Jo Fabian das eindrücklich illustriert. Verena Großkreutz berichtet.

In der Schweiz wird weiter gezündelt. Nach Volker Löschs migrantischen Biedermann und die Brandstifter in Basel, präsentiert Claudia Meyer den alten Max Frisch-Erfolg jetzt in Bern als Albtraum mit Chor. Valeria Heintges sah die Premiere.

Bertolt Brechts Parabel Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui ist Liebling vieler Deutschlehrer, weil man mit ihr so schön den Nationalsozialismus erklären kann. Eine Interpretation, der viele Regisseure folgen. In Dresden erzählt Tilmann Köhler die Geschichte aber als eine von heute – mit einem umwerfenden Christian Friedel in der Titelrolle. Lukas Pohlmann berichtet.

Ein Paar erhält nach seinem Tod die Chance, in sein Leben zurückzukehren. Eine Rückkehr unter Auflagen und in ungelöste Konflikte allerdings, die Jean-Paul Sartre in Das Spiel ist aus thematisiert. Jette Steckel hat die Vorlage jetzt am Deutschen Theater Berlin inszeniert. Matthias Weigel wundert sich über die Verwandlungsnaivität.

Herausfinden, was man eigentlich will, kann und sich traut? Eine gemeinsame Zukunft entspinnen? Hört sich ein bisschen nach einem Lebenshilfe-Projekt an. Ist aber der Theaterabend Leben und Arbeiten, für den im Rahmen des Doppelpass-Fonds das freie Kollektiv Turbo Pascal und das Theater Freiburg zusammen nach neuen Arbeitsformen suchen. Mehr darüber von Jürgen Reuß.

"was soll das theater? dieses ewige suchen nach menschennähe. nach konnexion mit dem anderen", fragt Tomo Mirko Pavlovics Adaption von Goethes "Faust"-Stoff und klopft den Klassiker in Faust Exhausted auf sein zeitgenössisches Potential ab. Nach Sofia, Luxemburg und Sibiu zieht das interkulturelle Projekt der Stuttgarter Formation TARTproduktion jetzt ans Schlachthaus Theater Bern. Geneva Moser berichtet.

Hundert Jahre nach dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges spielen die Theater entweder "Die letzten Tage der Menschheit" oder sie bauen sich was eigenes Neues: So das Thalia Theater mit Oberspielleiter Luk Perceval, der Erich Maria Remarques "Im Westen nichts Neues", Henri Barbusse "Das Feuer" und Zeitdokumente zu einem großen vielsprachigen Klagesang verschmilzt: FRONT. Das demnächst durch Europa tourende Großprojekt sah Falk Schreiber.

Arme Johanna: Am Ende muss sie erkennen, dass sie nur eine Figur in einem einzigen, großen Theaterspiel war. Welche Kniffe Regisseur Martin Laberenz in Schillers Jungfrau von Orleans noch einbaut, weiß Jan Fischer.

Elmar Goerden übernahm 2005 die Intendanz von Matthias Hartmann in Bochum und gab sie 2010 wieder auf. Seither ist Goerden als freier Regisseur unterwegs und hat sich nun Ibsens Wildente gewidmet. Ob ein Modernisierungserfolg zu vermelden ist, berichtet Harald Raab.

Raus aus dem Internet, rein ins Leben! Netzkritik ist seit dem NSA-Skandal en vogue, und der Autor Johannes Schrettle und das Kollektiv "Zweite Liga für Kunst und Kultur" surfen mit In allen Netzen ist Ruh auf dieser Welle mit. Leopold Lippert sah zu.

Ein superg.... Duo bilden Nis-Momme Stockmann, amtierendes Boy-Wonder der deutschen Dramatik, und Exerzitienmeister Ulrich Rasche in den Sophiensaelen. Mit Die kosmische Oktave starten sie einen Generalangriff auf den ganz gewöhnlichen Alltags-Zynismus. Den ersten Abend der Theater-Schlacht zwischen Gefühl und Misere besingt ein begeisterter André Mumot.

Man durfte gespannt sein, was ein Anreicherungs-Regisseur wie Sebastian Baumgarten mit der viel und zu Vielem gebrauchten Antigone des Sophokles wohl anstellen würde. Biogas? Blackfacing? Mediengewitter? Was der Opernmann aufzubieten hat, weiß Matthias Schmidt.

Ändere den Aggregatzustand deiner Trauer oder Wer putzt dir die Trauerränder weg heißt Katja Brunners neues Stück. Es geht also um Tod. Marco Štorman reichert ihn in seiner Luzerner Uraufführungsinszenierung mit weiteren Schrecken an – zu Elisabeth Maiers Begeisterung.

Die Zeiten, da Werner Schwab mit seinen Präsidentinnen die Leut' noch schocken konnte im Theater, sind lange vorbei. Ins Klo greifen, gehört, bildlich gesprochen, für uns alle zum Alltag. Was ein Regisseur wie Miloš Lolić in dieser Situation mit der alten Ekelkomödie angefangen hat, beschreibt Leopold Lippert.

Das flämische Duo BERLIN macht crossmediale Kunst zwischen Film und Performance. Ihr neues Werk Perhaps all the Dragons kam jetzt im Schauspielhaus heraus. Wie dieses Gewebe aus videogestützten Tischgesprächen, Live-Event und Aufzeichnung, dieser Mix aus Wirklichkeit und Fiktion funktioniert, schildert Tim Schomacker.

Niemand wird in Ruhe gelassen, kein Bild darf länger stehen bleiben in Sascha Hawemanns Inszenierung von Tennessee Williams' Endstation Sehnsucht, das wird gleich zu Anfang des Abends klar. Was sonst noch klar wird und auch was unklar bleibt, weiß Ute Grundmann.

Das deutsche Gesundheitssystem hat seine Defizite. Zum Beispiel bei der Pflege: Nichts ginge mehr ohne die Hilfe unterbezahlter osteuropäischer Arbeitskräften. Mit Polnische Perlen haben ihnen das niedersächsische Künstlerkollektiv werkgruppe 2 und Regisseurin Julia Roesler nun ein Dokumentartheaterstück gewidmet. Auf der Bühne stehen jedoch keine Experten des Alltags, sondern Schauspieler. Ob das überzeugt, weiß Alexander Kohlmann.

Eigentlich ist How to win friends & influence people der Titel eines eines amerikanischen Motivationsklassikers. Motivation und Predigt sind aber gar nicht so weit voneinander entfernt. Glaube und Fiktion auch nicht, wie Boris Nikitin in seiner Performance zeigt, die jetzt in einer Schweizer Kirche zu sehen ist. Claude Bühler berichtet.

Der Ort ist rätselhaft. Die Figuren, die ihn bevölkern, kommen von überall her. Sogar eine Art Fee ist dabei. Allerwelt nannte der österreichische Dramatiker und Hans-Grazer-Stipendiat von 2011 Philipp Weiss sein Stück. Pedro Martins Bejas hat das Flüchtlingszauberdrama am Schauspielhaus uraufgeführt. Mehr von Martin Pesl.

Felicia Zellers Erfolgsstück X-Freunde wird in den Theatern zurzeit rauf und runter gespielt. Irgendwie scheinen die drei dauergestressten Selbstverwirklichungs-Workaholics einen Nerv zu treffen. Am Theater Rampe in Stuttgart hat jetzt Intendantin Marie Bues eine eigenwillige Version des atemlosen Quasseltrios inszeniert – und auch den Zuschauer kostet das Nerven. Wie es sich angefühlt hat, sagt Verena Großkreutz.

Beim Festival Szene Ungarn – Ausschnitte einer Theaterlandschaft am Burgtheater Wien gastiert heute Béla Pintérs Miststück, eine musikalische, schwarzkomische Erzählung über Gefühlsverkommenheit und Ressententiments auf dem Lande. Das weit getourte Erfolgsstück lief schon 2011 bei den Theaterformen in Hannover, wo es Esther Boldt sah.

Ersan Mondtag gehört zu jenen Regisseuren, die in diesem Jahr zum Münchner Festival "Radikal jung" geladen sind. Und er war bei Vegard Vinges bereits legendärer 12-Stunden-Borkman-Aufführung dabei. Gründe genug, um hinzuschauen, was Mondtag in der Box des Frankfurter Schauspiels mit Franz Kafkas Rätselroman Das Schloss anstellt. Näheres weiß Shirin Sojitrawalla.

Was für ein kühnes Unterfangen! Die Landesbühne Sachsen bringt die Szenenfolge Die 14. Provinz von Volker Braun zur Uraufführung, unter Beteiligung aller Sparten, aber ohne Regisseur. Gerade so kann lebendiges politisches Theater entstehen, meint Hartmut Krug.

"Le bal", dieses in einen Film geronnene Theaterkonzept der französischen Banlieue-Compagnie Théâtre du Campagnol, wird immer mal wieder zurück auf die Bühne überführt. Jetzt in Graz von Viktor Bodó: In Das Ballhaus lässt der ungarische Regisseur verschroben-sympathische Menschen aus der österreichisch-ungarischen Monarchie auf eigenen Wegen in die Gegenwart tanzen – zur Begeisterung von Reinhard Kriechbaum.

Das Dreamteam der länderübergreifenden neuen Dramatik ist zurück: Autor Simon Stephens hat Bizets "Carmen"-Oper in Carmen Disruption zersprengt. Und sein Leib-und-Magen-Regisseur Sebastian Nübling bringt das Werk mit gewohnt choreographischer Note am Schauspielhaus zur Uraufführung. Katrin Ullmann war dort.

Caligula – das war doch dieser römische Kaiser, der sein Pferd zum Konsul ernannt hat? Richtig! Was man dieser Figur abgewinnen kann, wenn sie von Astrid Meyerfeldt gespielt wird, zeigt Krzysztof Garbaczewskis Stuttgarter Inszenierung von Albert Camus' dramatischem Porträt des Gewaltherrschers. Steffen Becker hat sie gesehen.

Ein großer Dichter der kleinen Formen, der Miniaturen des abseitigen Alltags: Robert Walser. Musiktheatermacher Ruedi Häusermann widmet ihm, seinem erklärten Lieblingsschriftsteller, am Schauspielhaus die theatrale Hommage Robert Walser, die Christoph Fellmann erlebte.

Juli Zehs Stück Corpus Delicti entwirft einen Überwachungsstaat, in dem das Rauchen einer Zigarette eine lange Gefängnisstrafe nach sich ziehen kann. In seiner Inszenierung am Schauspiel Hannover findet Lars-Ole Walburg das gar nicht so realitätsfern. Jan Fischer berichtet.

Kaum jemand hat so einen genauen Blick für kulturelle Konflikte wie Yael Ronen. Sensibel, selbstreflexiv und selbstironisch untersucht die Regisseurin in frei entwickelten Stücken politische Brandherde. Das war so in dem Israel-Palästina-Deutschlandstück "Dritte Generation", und ist jetzt wieder so in Common Ground am Gorki Theater, einer packenden Analyse des Zerfalls Jugoslawiens. Anne Peter sah einen wichtigen Abend.

Auftritt Jana Schulz: wie ein Rockstar nach unausgeschlafener Nacht, eine, die im Wüten gegen sich selbst ganz groß sein kann. Mit der Zerstörungskraft in Henrik Ibsens Hedda Gabler passt das allerdings nicht zusammen. Was vor allem an der Regie von Roger Vontobel liegt. Andreas Wilink wird grundsätzlich.

Witze reißen über Banker, prekäre Intendanten in Fußballvereinen oder am Burgtheater, ist das die Party unserer Zeit? So jedenfalls lässt Peter Kastenmüller seine Figuren in Der große Gatsby am Zürcher Theater Neumarkt zusammenkommen. Mehr über dieses Spiel mit den Illusionen weiß Christoph Fellmann.

Ein kühner Versuch, sich den Syrien-Konflikt anhand des syrischen TV-Melodrams aufzuschließen. Guillermo Calderón unternimmt ihn als Autor und Regisseur in seinem anspielungsreichen Kuss am Düsseldorfer Schauspielhaus. Wie er glückte, weiß Martin Krumbholz.

Okay, traurige Tocotronic-Musik schlägt keine Brücke zum Himmel. Aber sie kann ein Weihnachtsfest retten. Was rettet Punk-Musik? Und was die ivorische Straßenmusik Pololo? Für ihre neue Tanztheaterarbeit Not Punk, Pololo fahren Gintersdorfer/Klaßen in Bremen ganz groß auf und mixen die Beats der Elfenbeinküste mit dem einheimischen Punkrock der Goldenen Zitronen. Andreas Schnell ließ sich treiben und ging verloren.

Wenn es um die schärfsten Titel im Dramengeschäft geht, ist Laura Naumann ganz vorn dabei. Auf "Demut vor deinen Taten, Baby" lässt sie Raus aus dem Swimmingpool, rein in mein Haifischbecken folgen, in Bochum uraufgeführt von Malte C. Lachmann. Und Naumann kann noch mehr als scharfe Titel, sagt Stefan Keim.

900 Milliarden Euro werden in den nächsten zehn Jahren vererbt, so viel wie nie zuvor. Anlass, für Maria Magdalena Ludewig und Tino Hanekamp in ihrer Stückentwicklung Born rich auf Kampnagel über Erbschaftsfragen nachzudenken, mit einer grandiosen Anne Ratte-Polle in der Solopartie. Mehr von Katrin Ullmann.

Einen Tag nach dem abrupten Abgang des Burgtheaterdirektors wird bereits ein neuer König inthronisiert. Auf der Bühne zumindest: Frank Castorf hat Hans Henny Jahnns radikales Königsdrama Die Krönung Richards III. inszeniert, der darin alles Streben nach Höherem zurück in den Urschlamm des Kreatürlichen wirft. Klar, dass eine Geschichte wie diese nach dem Königsdrama um Matthias Hartmann noch zusätzlich an Symbolkraft gewann. Mehr von Teresa Präauer.

Das Performance-Kollektiv machina eX versucht schon seit einiger Zeit, das Prinzip von Computer-Strategie-Spielen aufs Theater zu übertragen. Der Zuschauer wird zum Spieler, zum Avatar seiner Selbst. Auch in Right of Passage, wo er als Flüchtling versuchen muss, in ein schweizartiges gelobtes Land zu kommen, während die Uhr läuft. Nur einer kann gewinnen, wie Dorothea Marcus am eigenen Leib erfahren hat.

Elfriede Jelinek und Nicolas Stemann, das ist – spätestens seit der Kölner Uraufführung der "Kontrakte des Kaufmann" – so etwas wie das dekonstruktive Dream-Team des Schauspiels. Nun sind die beiden in die Oper weiter getingelt, der Kaufmann heißt jetzt Wotan, und seine Kontrakte sind in Richard Wagners "Ring" niedergelegt. Rein Gold nennt sich das resultierende Musiktheater an der Berliner Staatsoper, von dem sich Georg Kasch überfordern ließ.

Am HAU startete am Sonntag das Festival Leaving is not an option, das sich aktuellen künstlerischen Positionen aus Ungarn widmet. Zur Eröffnung gab es Aufführungen, über die das Archiv von nachtkritik.de bereits Auskunft zu geben vermag: Korijolánusz von Csaba Polgár, Dementia, or The Day of my Great Happiness von Kornél Mundruczó und Acts of the Pitbull von Péter Kárpáti.

Ein eigenartiges, ein vielleicht daher auch selten gespieltes Stück, dieses Wintermärchen des William Shakespeare, in dem Böhmen am Meer liegt und Tragödie und Komödie hemmungslos ineinander gemischt sind. Am Volkstheater hat Christian Stückl eine Neuinszenierung gewagt, und zwar unter den Augen von Petra Hallmayer.

Mit viel Manneskraft und ein wenig metaphysischer Schwere trumpft er auf: Liliom, am Rande der bürgerlichen Welt, beim Rummelplatz-Karussell, wo man leicht rausgeschleudert wird, wo man sich leidlich durchschlägt, durchs nackte Leben. An den Münchner Kammerspielen ist Steven Scharf dieser Liliom, der Titelheld in Ferenc Molnárs Vorstadtlegende. Welche Schattierungen Stephan Kimmig dem Treiben am Ringelspiel abgewann, sagt Nikolaus Stenitzer.

Eine Straßenbahn namens Desire steht im Bockenheimer Depot, mit Diskursschaffnern an Bord: Wo, bitte, liegt die Sehnsucht, wo die Liebe und wo findet man die Frankfurter Schule? René Pollesch läutet die Bimmelglocke zur Abfahrt mit Je t'adorno, und Michael Laages stieg mit ein.

Juli Zeh hat mit ihrem Roman Nullzeit einen perfekt gebauten Psychothriller hingelegt. Am Theater Bonn wird dieser jetzt in der Adaption von Bernhard Studlar uraufgeführt – und von Sebastian Kreyer ordentlich in die Spiel-und-Spaß-Mangel genommen. Durchaus mit Gewinn, findet Sascha Westphal.

Zweit-Frauen und Dritt-Hochzeiten, doppelbödig federnde Poesie und Loriot-Getatter, das bietet Klaus Kusenbergs Inszenierung von Über Leben nach Judith Herzbergs Trilogie am Staatstheater Nürnberg. Den vierstündigen Familiengeschichen-Marathon sah Dieter Stoll.

In Oldenburg findet zum vierten Mal das "Go West"-Festival statt, das nicht etwa in den Wilden Westen, sondern nach Flandern und in die Niederlande blickt. So trifft dort etwa der Niederländer Vincent van Gogh auf den Norweger Edvard Munch, im Stück Munch und Van Gogh – Der Schrei der Sonnenblume des Staatstheater-Hausautoren Marc Becker. Von Künstlerseelen und wunderbaren Puppen berichtet Andreas Schnell.

Deutschlands meistgespielter Dramatiker Lutz Hübner war in Indien, und dort hat er mit zwei Kollegen, Vibhawari Deshpande und Shrirang Godbole, ein Stück über den Clash der Kulturen ersonnen: Der Gast ist Gott. Mina Salehpour hat es am Berliner Grips Theater zur Uraufführung gebracht, Simone Kaempf hat es gesehen.

Was, wenn man das Kind aus dem eigenen Bauch hasst? Im Stück Gabriel der schottischen Übersetzerin und Dramatikerin Catherine Grosvenor heißt es: Brüste ab! Warum man am Gerhart-Hauptmann-Theater dem Text auch sonst nicht hätte vertrauen sollen, sagt Lukas Pohlmann.

Es war das Stück, das die Stadttheatersehgewohnheiten ins Wanken brachte, ja, revolutionierte: die Oper Einstein on the Beach von Philip Glass und Robert Wilson. Fast vierzig Jahre ist das inzwischen her und Robert Wilsons Theater längst in Serie gegangen. Die Berliner Festspiele zeigen nun eine restaurierte Fassung seines Prototyps, der ein theatergeschichtlicher Urknall war. Ob auch die Erschütterung restaurierbar war, sagt Wolfgang Behrens.

Der Titel: am beispiel der butter. Das Projekt der Helden: eine Protestgeste aus Streichfett. So will es der Autor Ferdinand Schmalz. Butter – Fett – Schmalz. Wenn das keine Verdichtung ist, fast schon ein Fall für Verschwörungstheoretiker. Und richtig, um Verschwörung geht es auch, in dem Werk, das Cilli Drexel am Schauspiel Leipzig zur Uraufführung brachte. Tobias Prüwer ließ es sich molkereiwarm aufs Brot schmieren.

Manchmal braucht Theater etwas länger: 25 Jahre, nachdem Hollywoodregisseur und Autor John Cassavetes starb, wird nun sein letztes Stück uraufgeführt. Auf Deutsch. Begin the Beguine erzählt von zwei alternden Männern, die es noch einmal wissen wollen. Jan Lauwers von der Needcompany hat das Werk jetzt am Akademietheater inszeniert – zur Begeisterung von Kai Krösche.

Jetzt spielen wir mal auf Risiko!, scheint sich Claus Peymann gedacht zu haben, als er seinen Regieassistenten Sebastian Sommer auf Bertolt Brechts Frühwerk Hans im Glück losließ. Denn Sommer kommt vom Performance-Theater – und das ist am Theatermuseum namens Berliner Ensemble eine Sensation. Ob er wirklich Leben in die Bude bringt, weiß André Mumot.

Am Ende reißt die Bühne auf, Videobilder wimmeln, laute Musik wummert, und mit den Bildern explodiert auch der Hass in Der Löwe im Winter, dem Königsdrama von James Goldman über kaltes Macht- und Besitzstreben. Regisseur Sebastian Hartmann hat es am Deutschen Theater spektakulär aufgemischt. Und aus dem schweren Stoff einen noch schwereren Brocken produziert. Genaueres von Esther Slevogt.

Mit der Persönlichkeit verschwimmt ihre Perspektive auf die Welt. Das schildert Heinar Kipphardts Psychiatrie-Roman März, den Johan Simons an seinen Kammerspielen mit Thomas Schmauser in der Titelrolle aufs Theater gebracht hat. Cornelia Fiedler ließ sich verwirren.

Wer das Schreckliche nicht wahrhaben will, so die Lektion aus Sarah Kanes Zerbombt, wird irgendwann davon eingeholt. Nun hat David Bösch, unter den jüngeren Regisseuren ein Fachmann für großes Gefühlskino, das Stück in Stuttgart inszeniert. Mehr von Steffen Becker.

"Sympathisch" ist wohl nicht das erste, was einem zur rasenden Medea einfällt. Aber vielleicht passt es besser als man denkt? In ihrer Essener Inszenierung einer umgangssprachlichen Euripides-Neuübersetzung übt Konstanze Lauterbach sich als Medea-Versteherin. Mehr von Martin Krumbholz.

Leo Tolstois Roman Anna Karenina gehört zu den berühmtesten Ehebruchgeschichten. In Bautzen hat Matthias Nagatis jetzt John von Düffels Dramatisierung auf die Bühne gebracht. Durchaus zum Gefallen von Lukas Pohlmann.

Wer sind eigentlich die Brandstifter, die der biedere Bürger heute fürchten muss? Rechtspopulisten oder Spionagefirmen oder gar die ominöse Masse der "Zuwanderer"? Wenige Wochen nach dem Schweizer Volksentscheid zur Einwanderung hat Volker Lösch den Klassiker Biedermann und die Brandstifter von Max Frisch neu eingerichtet, als Horror-Comic, der die Schweizer mit ihren Ängsten konfrontiert. Valeria Heintges sah Polittheater auf der Höhe der Zeit.

Mit seinen eindrucksvollen Bühnenbildern für Peter Zadek begründete Wilfried Minks in den 70er Jahren das "Bildertheater". Zu der Zeit begann der in diesen Tagen 84 Jahre gewordene Wilfried Minks auch selbst Regie zu führen. Am St. Pauli Theater hat er sich nun Dennis Kellys Waisen gewidmet. Wie der Altmeister an der heutigen Reeperbahn ankommt, weiß Falk Schreiber.

Was konnten afrodeutsche Schauspieler eigentlich im Dritten Reich arbeiten? Das English Theatre Berlin hat sich in einer semi-dokumentarischen Stückentwicklung Schwarz gemacht den Reichsdifferenzschauspielern gewidmet. Sophie Diesselhorst berichtet.

Die Nazi-Diva wird nicht mehr gebraucht. 1982 spielte das die vor zweieinhalb Jahren verstorbene Rosel Zech, in Rainer Werner Fassbinders Film Die Sehnsucht der Veronika Voss. 2014 spielt es Victoria Trauttmansdorff am Thalia Gaußstraße in einer Inszenierung des theatralischen Mehrkanal-Virtuosen Bastian Kraft und findet sich dabei im Spiegelkabinett wieder. Bei der Premiere zugegen war Jens Fischer.

Was sind das für Zeiten, in denen eine Theaterpremiere zum Akt des Widerstands gegen die Kulturpolitik werden muss? Das Anhaltische Theater, das vor einschneidenden Kürzungen steht, probt mit der Balladenoper The Beggar's Opera / Polly von John Gay und J. Ch. Pepusch den Aufstand. Derweil gerieren sich die Landespolitiker bei der Eröffnung des Kurt-Weill-Festes selbstherrlich wie Putin in Sotschi. Mit den Künstlern auf die Barrikaden geht Matthias Schmidt.

Sie reden klar, aber die Körper hängen schief in Iwan Wyrypajews Betrunkene, das Viktor Ryschakow am Düsseldorfer Schauspielhaus großartig uraufgeführt hat. Selten ist auf einer Bühne so hemmungslos und so bestürzend gepredigt worden, findet Martin Krumbholz.

Beide haben ein Händchen fürs Exzessive: Nis-Momme Stockmann, der Autor, der 160 Seiten Gedankenmassive aufs Papier wuchtet, und Milan Peschel, der Regisseur, der gern unbändige Volkbühnen-Spiellust auf der Bühne zündet. Mit Der Freund krank finden sie am DT zusammen. Georg Kasch sah Treffliches in dem Treffen.

Habe nun ach meine Seele verkauft. Faustisch zelebriert der Kohlenmunk in Wilhelm Hauffs Das kalte Herz seinen Weg zu Glück, Ruhm und Geld. Armin Petras nutzt das Märchen in Stuttgart nun für einen Blick auf frühkapitalistische Zerstörungskraft samt Einblick in Schwarzwälder Volksbrauchtum. Ernst oder Ironie? Mehr von Verena Großkreutz.

Erst war er jahrelang theaterabstinent, jetzt ist er binnen kurzer Zeit gleich zwei Mal präsent. Nach seinem stark beachteten "Hamlet" am BE bringt Leander Haußmann Die Möwe am Thalia Hamburg heraus. Ungeplanter Weise allerdings. Er sprang als Regisseur ein, den Abend zu retten. Ob's gelang, weiß Katrin Ullmann.

In Oliver Bukowskis neuem, am Deutschen Theater Göttingen uraufgeführtem Stück mit dem wunderbar polleschisierenden Titel Ich habe Bryan Adams geschreddert feiern sich Reihenhaus-Mittelständler in ihr soziales Aussterben hinein. Eine bitterböse Bestandsaufnahme voller Finten sah Stephanie Drees.

Carl Sternheim war der große Chronist des bürgerlichen Verfalls am Anfang des 20. Jahrhunderts. Der böse Blick, mit dem er in seiner Tetralogie Aus dem bürgerlichen Heldenleben Aufstieg und Fall einer Familie durch drei Generationen verfolgt, hat wieder Konjunktur. Am Residenztheater hat das Duo Tom Kühnel und Jürgen Kuttner drei Teile des Zyklus ins Heute verlegt. Petra Hallmayer berichtet.

Christoph Marthaler am Schauspielhaus Hamburg: Das ist das Wiedersehen mit einem Regisseur, der vor vielen Jahren an diesem Ort epochales Theater geschaffen hat. Sein Heimweh & Verbrechen ist ein Schweiz-Abend geworden, dem der historische Zufall auf die Sprünge hilft, findet jedenfalls Falk Schreiber.

In seinem berühmten Stück Der Kaufmann von Venedig lässt William Shakespeare die Tragödien zweier Außenseiter aufeinanderprallen: die eines Juden und die eines Homosexuellen. Stefan Bachmann hat die Geschichte nun in Köln inszeniert, mit Bruno Cathomas als Shylock. Andreas Wilink war bei der Premiere.

Im New York der siebziger Jahre verfangen sich zwei linkische Künstler in der Gier nach Geld, die ihnen zum Motor wie zum Todesstoß wird. Marcus Lobbes hat William Gaddis' großartigen Roman JR in Wuppertal inszeniert. Kunst vs. Kapital? Mehr über den Abend von Sascha Westphal.

Mit den Sozialstudien "Arabboy" und "Arabqueen" haben sie vor einigen Jahren den Heimathafen Neukölln ins Rampenlicht geschossen. Jetzt ist das Team um Regisseurin Nicole Oder für eine Fortsetzung zurück: Baba oder Mein geraubtes Leben lädt auf eine Reise von Deutschland nach Dubai ein, und André Mumot war mit an Bord.

Wien erlebt ja gerade hautnah, was es heißt, wenn feststehende Verhältnisse ins Wanken geraten, weil plötzlich die (Lebens)lügen nicht mehr funktionieren. Am Beispiel einer bürgerlichen Familie hat das vor ungefähr hundertfünfzig Jahren schon Friedrich Hebbel durchexerziert. Jetzt hat Michael Thalheimer Maria Magdalena inszeniert. Wo? Am Burgtheater natürlich! Reinhard Kriechbaum war bei der Premiere.

Oblomow, der berühmte Romanheld von Iwan Gontscharow aus dem Jahr 1859, ist immer wieder zeitgemäß. Als Totalverweigerer der turbokapitalistischen Hektik zum Beispiel. Am Landestheater hat sich der russische Regisseur Sergej Pronin jetzt des Stoffes angenommen. Otto Paul Burkhardt hat zugeschaut. 

Am Theater Münster arbeitet man beharrlich daran, die deutsche Tennessee Williams-Hauptstadt im Westfälischen zu etablieren. Nach der deutschen Erstaufführung eines Frühwerks stehen jetzt unbekannte Einakter, zum Teil auch als Erstaufführungen, auf dem Programm: I Can't Imagine Tomorrow. Und auch Regisseur Frederik Tidén ist mit dem amerikanischen Realisten längst vertraut. Kai Bremer war vor Ort.

Wie sehr darf ein Vater seine Tochter lieben? Nein, es geht nicht um Woody Allen und seine Adoptivtochter Dylan Farrow, die ihm sexuellen Missbrauch vorwirft. Es geht um Georges und Christiane, Figuren im Inzest-Stück Freitag des belgischen Abgründe-Aufschauflers Hugo Claus. Am Schauspielhaus Bochum arrangiert Eric de Vroedt Vater und Tochter und weitere Komplikationen zu einem Familiengemälde. Friederike Felbeck berichtet.

Claudia Bauer hebt den ollen Märchenschatz der Brüder Grimm, indem sie ihn in ihrem Dortmunder Märchenmassaker Republik der Wölfe bei seiner (Alb)Traumseite packt. Mit der toll zusammengewürfelten Band The Ministry of Wolves entfaltet sie ein subversives Gegenwartspanorama um "Rumpelstiltskin" und Co. – zur Beeindruckung von Sascha Westphal.

Am Nationaltheater Weimar ist Hilde Wangel ein Backpackergirl mit knallpinkem Haar. Zusammen mit dem überzeugend zerrissenen Baumeister Solness ergibt das ein furioses Kraftzentrums-Duo in Jan Neumanns irreal angehauchter Ibsen-Variante. Ute Grundmann hat sie gesehen.

Der Selbstmörder, am Mittelsächsischen Theater Freiberg ist er ein Clown. Annett Wöhlert hat die lange verschüttete Farce von Nikolai Erdman inszeniert – und das 21. Jahrhundert zur Zirkusmanege erklärt. Wie plausibel das ist, sagt Wolfgang Behrens.

Bis Juli 2013 war Róbert Alföldi Intendant des ungarischen Nationaltheaters in Budapest, ebenso erfolgreich wie umstritten für provokant moderne Inszenierungen, angefeindet von der politischen Rechten. Jetzt ist der große Theatermacher ins kleine niederbayerische Eggenfelden gezogen, um sich ganz unpolitisch, wie er selbst vorab sagte, Anton Tschechows Kunst- und Lebensreflexionen in Die Möwe zu widmen. Michaela Schabel sah ein Feuerwerk.

Treffen sich zwei Akademiker am Kühlregal. Kein Witz, sondern die Komödie Einer und eine von Martin Heckmanns. Ob sich im Kölner Theater Der Keller das Akademiker-Prekariat trotz Bildungsballast paaren kann, weiß Friederike Felbeck.

"Die Menschen verschwinden und die T-Shirts bleichen aus." Solche Sätze von durchströmender Poesie schreibt Peter Handke in Immer noch Sturm. Das epochale Erinnerungstableau seines Aufwachsens in der Vielvölkerregion Kärnten, das 2012 mit dem Mülheimer Dramatikerpreis ausgezeichnet wurde, kommt jetzt am Grazer Schauspielhaus in der Regie von Michael Simon auf die Bühne. Leopold Lippert erlebte eine Geschichtstour full frontal.

"Gedächtnisbulimie führt nur zu einem sauren Selbst", so klingt es im vierten Teil der Schauspielhaus-Serie Die Welt von Gestern. Nach Stefan Zweig. Ebendiese Folge 4: Die Agonie des Friedens hat Ferdinand Schmalz verfasst, Felicitas Brucker führte Regie und Kai Krösche war vor Ort.

Die Schauspieler dürfen ihre Namen nicht preisgeben, weil ihnen sonst Einreiseverbote in den Iran drohen. Das ist die konkrete Wirklichkeit eines Projekts, das sich dokumentarisch und tänzerisch mit Soldaten im Iran und in Israel befasst: Brothers in Arms heißt es, Waffenbrüder zu Deutsch, inszeniert von Ana Zirner, die in München als ein Geheimtipp der freien Szene gilt. Ihren Abend am Theater Schwere Reiter sah Sabine Leucht.

Nachdem sie in letzter Zeit vermehrt ohne Kamera auf der Bühne gearbeitet hat, hat Katie Mitchell sich nun wieder dem Live-Filmen, das sie bekannt gemacht hat, zugewandt – für ihr Burgtheater-Debüt hat die Britin das Set im Kasino am Schwarzenbergplatz um Peter Handkes Erzählung Wunschloses Unglück herum aufgebaut, in der Handke den Selbstmord seiner Mutter verhandelt. Ob das zusammenpasst, weiß Teresa Präauer.

Die sogenannte "Masseneinwanderung" ist ein Thema der Stunde. Nicht nur in der Schweiz, auch am Deutschen Theater Berlin. Dort hat Nuran David Calis Mehdi Charefs Roman Tee im Harem des Archimedes in eine Flüchtlingsrevue mit NDH-Darstellern verwandelt. Was NDH bedeutet (und noch mehr), weiß Matthias Weigel.

Das Brechtfestival heißt Brechtfestival, also muss es den Dichter in immer neuem Lichte zeigen. Und zur Not ein vergessenes Werk ausgraben. Wie das Lehrstück von Brecht und Paul Hindemith, das Brecht-Enkelin Johanna Schall in Augsburg inszeniert hat. Ob sich die Wiederentdeckung gelohnt hat, sagt Willibald Spatz.

Heute stimmen die Schweizer WahlbürgerInnen über den neuen Vorstoß der ausländerfeindlichen SVP ab: die Masseneinwanderungsinitiative, derzufolge die Einwanderung von "Fremden" stark begrenzt werden soll, weil sie dem gemeinen Schweizer auf der Tasche liegen oder ihm die Arbeit wegnehmen. Ist also Wir sind keine Barbaren!, die Novität von Philipp Löhle, das Stück der Stunde? Altmeister Volker Hesse hat es inszeniert, Andreas Klaeui schaute der Premiere zu.

Sebastian Baumgarten hat vor ein paar Monaten Wagners "Fliegenden Holländer" in Bremen inszeniert. So weit, so normal. Nun aber hat er jenes Material, das man sonst ins Programmheft zu packen pflegt, am Hamburger Schauspielhaus auf die Bühne gebracht. Heraus kam Die Ballade vom Fliegenden Holländer nach Motiven von Heine bis Derrida. Jens Fischer staunte nicht schlecht.

Andreas Kriegenburg hat Shakespeares Was ihr wollt inszeniert. Und, wie gewohnt, auch die Bühne entworfen: einen Bunker. Darin treten Uniformierte auf, die dem Zuschauervolk eine krachlederne Lehrstunde erteilen. Dirk Pilz fühlte sich für dumm verkauft.

Auch in Pforzheim wurde an diesem Wochenende Shakespeares Was ihr wollt inszeniert. Vom Intendanten Murat Yeginer, der die Sprache der Dating-Profile sprechen lässt. Ist's, was das Publikum will? Mehr von Steffen Becker.

Nathan der Weise zum tausendundsiebten Mal! Gibt es, jenseits der Interpretationen aus dem gehobenen Deutsch-Unterricht, noch Neues zu erzählen? Über die Lesart von Ulrich Greb unterrichtet Stefan Keim.

Anscheinend haben Stücke von Tennessee Williams gerade Hochkonjunktur, und in Kassel soll man sogar überlegen, den Park Wilhelmshöhe in Williamshöhe umzubenennen. Scherz beiseite: Auch selten gespielte Stücke des amerikanischen Dramatikers reüssieren derzeit, so hat Sebastian Schug nun das Künstler-Kammerspiel Eine Hotelbar in Tokyo ausgegraben. Sehr zum Wohlgefallen von Andreas Wicke.

Die Taten des NSU sind monströs, und auf der Bühne des Schauspiels Frankfurt sehen auch die Täter monströs aus. Lothar Kittstein hat das NSU-Auftragsstück Der weiße Wolf geschrieben, Christoph Mehler hat die Uraufführung inszeniert. Mehr von Grete Götze.

Den Kirschgarten gibt's doch gar nicht mehr? Oder doch? John von Düffel schickt die Enkel der Ranjewskaja nachgucken. Am Hans Otto Theater hat Tobias Wellemeyer die Uraufführung der Tschechow-Fortschreibung Kirschgarten – Die Rückkehr inszeniert. Simone Kaempf war dabei.

Der Roman Herkunft von Oskar Roehler, den es auch als Film gibt, führt eine Familiensaga mit der Zeitgeschichte der Bundesrepublik Deutschland zusammen. Aus Roman, Film, Saga und Historie hat Frank Abt nun einen Theaterabend gebaut. Andreas Schnell hat ihn gesehen.

Die Hölle sind immer die anderen? Pah, Sartre! Die Hölle sind immer wir selbst – hier in sechsfacher Ausführung. Karin Henkel spaltet Dostojewskis Raskolnikow, den sich in den eigenen Reflexionen verheddernden Mörder ohne Motiv, in sechs Schauspieler auf. Schuld ist dabei nur der erste Teil eines "Schuld und Sühne"-Großvorhabens, das ob der durcheinandergerüttelten Spielzeitplanung am Schauspielhaus Hamburg ebenfalls aufgespalten wurde. Die Sühne folgt in einem Jahr. Vielversprechend, findet Falk Schreiber.

Ein Karrierist, der zum Namen auch noch den Rang haben will – man muss nicht weit denken, um heutige Beispiele für den Typus zu finden, den Molière in Der Bürger als Edelmann beschrieb. Am Zürcher Schauspielhaus hat sich der 83-jährige Altmeister Werner Düggelin die Komödie vorgenommen und es mit Pointen, Slapstick und Geschwister-Schmid-Schlagern krachen lassen. Mehr von Claude Bühler.

Marianne Hoppe war hochbetagt, als sie an der Seite Martin Wuttkes die Merteuil in Heiner Müllers Quartett spielte – und war eine großartige Marquise. Jetzt wagen sich Elisabeth Trissenaar und Helmuth Lohner unter der Regie von Hans Neuenfels an dieses Dirty-Talk-Duett zweier Ex-Hassliebenden. Die Premiere im Wiener Theater in der Josefstadt sah Martin Thomas Pesl.

Migration als ästhetischen Motor sichtbar zu machen, darum geht es dem KRASS-Festival auf Kampnagel Hamburg. Gestern war die Eröffnung, die Festivalmacher Branko Šimic gleich selbst besorgte: In seinem Performanceabend Der Abgrund – Ich bin ein alchemistisches Produkt erzählt er entlang der Biographie der Dichterin und Malerin Etel Adnan von transnationalen Lebensperspektiven. Tim Schomacker ließ sich an Grenzen führen.

Zwei Uraufführungen, zwei junge Autoren, zwei junge Regieteams. Johanna Wehner inszeniert Paul Brodowkys Intensivtäter. Jan Gehler zeichnet seine Interpretation von Dirk Lauckes Seattle. Bei Laucke hocken die notorischen Außenseiter zwischen Plattenbauen und träumen sich westwärts. Während bei Brodowsky ein Chor der Mittelständler erst noch seiner Illusionen über das schöne Leben verlustig gehen muss. Den Doppelabend im Breisgau sah Elisabeth Maier.

Als Kind einer Anwaltsfamilie, die Schwarze in den Apartheids-Prozessen vertrat, wuchs William Kentridge in Südafrika auf. Der "documenta"-Dauergast schuf unter anderem Animationsfilme aus jeweils handgezeichneten Einzelbildern. Am Deutschen Schauspielhaus referiert er nun in den Drawing Lessons IV – VI über seinen Schaffensprozess. Katrin Ullmann berichtet.

Die Orestie des Aischylos ist ja schon etwas älter und wurde in den vergangenen Jahrtausenden gerne mal neu erzählt. In Oberhausen bringt sie der junge australische Regisseur Simon Stone auf den aktuellen Stand. Zu welchem Ende, weiß Martin Krumbholz.

in Nicht nur immer wieder neu, sondern vor allem immer wieder wird die Orestie erzählt, nicht zuletzt als demokratischer Gründungsmythos. Zeitgleich zu Oberhausen auch in Kaiserslautern, mit ordentlich Kunstblut und echten Schäferhunden von Johannes Zametzer. Dennis Baranski war dabei.

Ein Stück, wie der feinste Stoff aus dem neuen amerikanischen Fernsehserienhimmel Marke HBO: In Die Welt mein Herz schildert Mario Salazar in schnellen, bizarren Episoden zwischen New York, Buenos Aires, Berlin und Stendal-Süd Menschen zwischen Mord und Melancholie, auf dem Roadtrip der Sehnsucht. Regisseur Rafael Sanchez hat das Werk am Schauspiel Köln uraufgeführt. Wie er den Humor der Vorlage anpackte, weiß Stefan Keim.

Den Auftakt zum dreiteiligen repräsentativen Antikenprojekt machten Nada Kokotovic und ihr gemischtes Tanz-Schauspielensemble mit Christa Wolfs Erzählung Kassandra. Gebannt verfolgte Harald Raab die Premiere.

Um 1950 herum rebellierten ein paar junge Leute mit Störsender und Flugblättern im thüringischen Altenburg gegen die neue Diktatur – und wurden dafür hingerichtet. Im nahen Gera erlebte die Geschichte jetzt als Die im Dunkeln ihre Uraufführung. Mit dabei: Frauke Adrians.

Es hätte alles auch ganz anders kommen können. Das gilt für alle Historie. Jenny Erpenbeck hat diesen großen Konjunktiv in ihrem Roman Aller Tage Abend anhand einer Familiengeschichte durchgespielt. Felicitas Brucker bringt den Roman im Wiener Schauspielhaus aufs Theater. Martin Pesl besuchte den ersten Abend.

Langsam fährt man auf der Drehbühne von Raum zu Raum, von Liebesspiel zu Liebesspiel. Philipp Preuss hat Arthur Schnitzlers einstiges Skandalstück "Der Reigen" mit Jean-Luc Godard verschnitten zum großen multimedialen Mash-up: Der Reigen oder Vivre sa vie. Ute Grundmann war im Lichtspieltheater.

Eindrücklich hat Isabel Allende die Geschichte Chiles in Das Geisterhaus beschrieben – ein Land, zerrissen zwischen sozialistischem Experiment und Pinochet-Diktatur. Antú Romero Nunes, dessen Mutter einst vor Pinochet floh, hat den Roman nun auf die Bühne des Akademietheaters gebracht – mit Stars wie August Diehl und Ignaz Kirchner und wunderbaren Frauen. Ein Schauspielerfest sah Kai Krösche.

Ein Mann wie aus dem Horror-Bilderbuch: Siegfried Müller, genannt Kongo-Müller, war ein brutaler deutscher Söldner in Afrika. Am Stuttgarter Theater Rampe suchen Jan-Christoph Gockel und Laurenz Leky mit ihm und anderen Afrika-Reisenden nach dem deutschen Wesen. Ob das gut geht, sagt Verena Großkreutz.

Beim Personal von Shakespeares Königsdramen kann man schnell den Überblick verlieren: Wer hat hier nochmal wen gezeugt, wer wen gemeuchelt? Johanna Schall und die Bremer Shakespeare Company wollen mit Shakespeares Könige. MORD MACHT TOD. Licht ins Dunkel bringen – Andreas Schnell war bei der Premiere.

Seit fast vier Jahren haben Markus Öhrn und Nya Rampen die Familie Fritzl in ein Holzhaus gesperrt und übertragen die Selbstzerfleischung dieser kranken Gruppe live ans Theaterpublikum – neuerdings als Allegorie des Glücks im Zürcher Neumarkt Theater. Geneva Moser hat bis zum blutigen Ende durchgehalten.

In der Wellness-Nebelgrotte für die Frau ab 40 hagelt es eiskalte Thesen: "Und dann sind die Reize weg, mit 40, sagen wir. Und dann beklagen sich die unterfickten Damen..." Wo sind wir? Richtig, bei Sibylle Berg. Ihr Anti-Aging-Spiel Die Damen warten hat Kai Wessel an den Hamburger Kammerspielen jetzt mit Fernsehprominenz in Szene gesetzt. Falk Schreiber sah den Prosecco perlen und sagt, wie er schmeckt.

"Wir haben das Blut bereits bestellt", witzelte der Schauspieldirektor Tomas Schweigen im Mai vergangenen Jahres, als man Calixto Bieito als Basels neuen "artist in residence" präsentierte. Und auch der Stücktitel der ersten Inszenierung des spanischen Skandalisateurs verspricht eine Kunstblutschlacht. Doch Bieito zelebriert mit Lorcas Bluthochzeit kein Splattertum, sondern lässt die Figuren einem anderen Gott huldigen. Mehr von Claude Bühler.

Zum Weltkriegs-Jubiläum 1914 hat Regisseur Jakob Fedler unter dem Titel Die Kleinen und Niedrigen drei Texte von Robert Walser, Ernst Toller und Anne Lepper montiert, die alle im Vorschein oder Nachweh eines Großen Krieges spielen. Eine eindringliche Komposition, findet Sascha Westphal.

Wenn Video-Meister Chris Kondek selbst Regie führt, untersucht er mit Vorliebe die Gesetze der Finanzwelt. In The Financial Cocktail Club am Mousonturm inszeniert er eine Talkshow mit Beamern, die Esther Boldt besuchte.

Vom Aufstieg und Fall eines amerikanischen Energie-Riesen erzählt Lucy Prebbles vielgespieltes Stück Enron – eine Parabel für finanzwirtschaftlich prekäre Zeiten. Auch bei Axel Vornam in Heilbronn? Steffen Becker weiß mehr.

Ein Schauermärchen großer Gefühle und schmerzlicher Erinnerungen hat Wajdi Mouawad mit Die Durstigen verfasst. Wie es Babett Grube in Bielefeld realisierte, weiß Kai Bremer.

Im Film gibt es diesen "Fight Club"-Effekt: Am Ende stellt sich heraus, dass der vermeintliche Antagonist die ganze Zeit nur eine weitere Facette der gespaltenen Persönlichkeit des Protagonisten gewesen ist. Im Theater wird Goethes "Faust" manchmal ähnlich gedeutet. Aber wie das umsetzen? Alexander Nerlichs Urfaust in Potsdam zeigt zahlreiche, beeindruckende Möglichkeiten, meint Wolfgang Behrens.

Ruhr-Ort hieß eine Choreographie von Susanne Linke in den 90er Jahren im Ruhrpott. Dank dem "Tanzfonds Erbe" wurde die artistische Choreographie jetzt akribisch rekonstruiert. Hat es sich gelohnt, die Stahlöfen noch einmal anzuschmeißen? Friederike Felbeck gibt Antwort.

Vom freien Fall ins Fremde erzählt der Roman Warten auf die Barbaren des südafrikanischen Literaturnobelpreisträgers J.M. Coetzee. Und wovon erzählt Thomas Krupas deutsche Erstaufführung des Stoffs in Freiburg? Jürgen Reuß berichtet.

Bei Funny van Dannen reimt sich Ibsens stolze Nora auf Botticellis Flora. Moritz Schönecker, der sich am Theaterhaus Jena Rebecca Gilmans Bearbeitung des Ehedramas vorgenommen hat, malt ein weniger schmeichelhaftes Porträt. Mehr von Christian Baron.

Es ist nicht nur windig in Maja Kleczewskas Shakespeare-Inszenierung Der Sturm am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg, die Verhältnisse sind geradezu orkanartig. Und zwar vor allem im übertragenen Sinne. Wir befinden uns in einem potenziellen Bürgerkriegsgebiet. Josef Ostendorf ist Prospero und verbreitet als Warlord im Rollstuhl Angst und Schrecken. Alles Theater? Tim Schomacker weiß Bescheid.

Murmel, Murmel, das war seine letzte Botschaft für das Sprechtheater an der Berliner Volksbühne. Seither baut Komödien-Guru Herbert Fritsch das Haus am Rosa-Luxemburg-Platz zum Musiktheater um. Und auf die Operette "Frau Luna" folgt nun die erste eigene Oper aus des Meisters Feder (gemeinsam mit Ingo Günther komponiert): Ohne Titel Nr. 1. Menschen wie von der Spieluhr aufgezogen sah Sophie Diesselhorst.

Katharina Thalbach ist hierzulande vielleicht die einzige verbliebene Volksschauspielerin. Gestern feierte sie ihren 60. Geburtstag im Kreise ihrer Lieben: Am Theater am Kurfürstendamm spielte sie mit Tochter, Enkelin und Brüdern einen Gerhart Hauptmann-Zusammenschnitt: Roter Hahn im Biberpelz. Esther Slevogt sagt Happy Birthday!

. Bei der deutschen Erstaufführung war die Reaktion auf das neue Stück des britischen Erfolgsdramatikers Martin Crimp In der Republik des Glücks eher durchwachsen. Am Thalia in der Gaußstraße gab ihm die Regisseurin Anne Lenk nun eine zweite Chance. Wie sie genutzt wurde, weiß Falk Schreiber.

Junge Deutsche die depressiv abhängen, bis sie im griechischen Gastarbeiter Jorgos einen Sündenbock ausmachen. Katzelmacher war 1968 für Rainer Werner Fassbinder der Durchbruch und ist heute noch – in der Regie von Nina Mattenklotz – hochaktuell, sagt Reinhard Kriechbaum.

Sechseinhalb Stunden! Über 100 Mitwirkende! Ein Orchester, mehrere Chöre! Euripides, Sartre, Aischylos, Hofmannsthal
! Lina Beckmann, Rosemary Hardy, Markus John, Joachim Meyerhoff, Birgit Minichmayr, Maria Schrader! Die Rasenden, Karin Beiers Auftakt-Inszenierung am Deutschen Schauspielhaus Hamburg, geizt nicht mit Superlativen und großen Namen. Und durchschreitet nebenbei den antiken Atriden-Stoff vom Trojanischen Krieg bis zur Geburt der Demokratie. Matthias Weigel war dort.

Karl Kraus' Die letzten Tage der Menschheit ist ein kaum zu bewältigendes und fast unmöglich auf der Bühne zu inszenierendes Werk. Ein Drama, ein Stück, ein Ungetüm von epischen Ausmaßen, das mit beißendem Spott und ätzender Klarheit die Katastrophe des Ersten Weltkriegs seziert. Wolfgang Engel hat fast hundert Jahre nach Beginn des 1. Weltkrieges den Bühnentest gewagt. Und in einer Turnhalle die apokalyptische Revue gefunden. Wolfgang Behrens berichtet.

Nur zwei Tage, nachdem Dušan David Pařízek in Zürich "Mein Name sei Gantenbein" inszeniert hat, gibt es in Braunschweig schon die nächste Max-Frisch-Roman-Premiere. Anna Bergmann konfrontiert Homo Faber auf der Theaterbühne mit seinen Alter Egos – und Stephanie Drees freut sich drüber.

Was Ihr wollt von Shakespeare kann auf vielerlei Weise gelesen und inszeniert werden. Als Identitätsverwirrung, als Liebesspiel oder gallige Menschenschinderei. Amélie Niermeyer hat am Residenztheater eine riesige Walze in Gang gesetzt, Sabine Leucht war dabei.

Wir befinden uns zwischen den Finanz- und Wirtschaftskrisen, und da passt es doch gut, dass Thomas Ostermeier sich einmal mehr der Psychologie des Verlusts widmet – obwohl er selbst gerade gewonnen hat, und zwar Star-Aktrice Nina Hoss. In Die kleinen Füchse gibt sie ihr Schaubühnen-Debüt. Hossa!? Christian Rakow berichtet.

Othello von Shakespeare ist in Wirklichkeit das Drama seines Fähnrichs Jago. Das ist bekannt. Wie der Romantiker David Bösch mit dem gewalttätigen Menschenexperiment verfuhr, hat Martin Krumbholz beobachtet.

Alain Platel, Choreograf und Regisseur und in dieser Doppelfunktion seit langem schon für magische Ausnahmeabende gefeiert, hat an den Münchner Kammerspielen zwei einander weit entfernte Pole kombiniert. In Tauberbach zeigt er Menschen, die auf dem Müllberg leben – zu den Aufnahmen eines Chores tauber Menschen, die Bach singen. Die gemeinsame Linie entsteht häppchenweise, findet Isabel Winklbauer.

Das klingt schon mal nicht schlecht: Die Schauspielerin Karin Neuhäuser tritt in Joachim-Lux-Verkleidung auf. An dem von Lux geleiteten Thalia Theater nämlich hat Jette Steckel das berühmte Milieustück von Gerhart Hauptmann Die Ratten inszeniert. Und darin auch Fragen nach der Wahrhaftigkeit des Theaters gestellt. Mehr von Katrin Ullmann.

Wo steht Europa? Der dänische Lars-von-Trier-Schauspieler, Regisseur und Autor Jens Albinus geht dieser Frage in seinem neuen Stück Helenes Fahrt in den Himmel mit vielen kleinen privaten Geschichten nach. Was er – in eigener Inszenierung – dabei herausfindet, berichtet Friederike Felbeck.

Alltag & Extase, ist das ein Widerspruch, der zündet? Rebekka Kricheldorf hat ihr neues Stück so genannt, und ob Daniela Löffner in ihrer Uraufführungsinszenierung am Deutschen Theater ein Bühnenfeuerwerk daran entfacht oder eher ein Lagerfeuer, weiß Eva Biringer.

Lässt sich ein Geschichtsbewusstsein ins Einzelhirn implantieren? Und funktioniert das vielleicht sogar auch gesamtgesellschaftlich? Lukas Bärfuss macht das Experiment mit der Hauptfigur seines Stücks 20.000 Seiten, das vor knapp einem Jahr in Zürich uraufgeführt wurde. In Dresden hat Burkhard C. Kosminski es jetzt nachinszeniert. Mehr von Lukas Pohlmann.

Neulich hatte Lucanus' antikes Epos Der Bürgerkrieg als kraftvolles, aber sperriges Chortheater Premiere. Jetzt ist die Produktion am Ringlokschuppen zu sehen. Bei der Uraufführung in Chur war Valeria Heintges.

Mein Name sei Gantenbein – diese titelgebende Aussage des Romans von Max Frisch trägt schon das ganze Identitätenspiel in sich. Ein Erzähler kann bestimmen wer er sein will, mal dieser, mal jener, mal blind, mal sehend. Am Zürcher Schauspielhaus entdeckt Dušan David Pařízek mit seiner Adaption vor allem die Liebesgeschichte. Und den Autor selbst. Mehr von Christoph Fellmann.

Felicia Zellers Kaspar Häuser Meer, einst in Mülheim mit dem Publikumspreis gekrönt, ist immer noch einer der vielinszenierten Renner unter den zeitgenössischen Theatertexten. In Hannover treibt Heike Marianne Götze die drei Damen vom Jugendamt jetzt zu wildem Aktenschleudertum. Jan Fischer war zugegen.

1942 wurde Stefan Zweigs Autobiographie Die Welt von Gestern posthum veröffentlicht. Dem monumentalen Werk widmet sich das Schauspielhaus in einer fünfteiligen Serie, deren erste Folge namens Glanz und Schatten Europas aus Anne Habermehls Feder stammt. Kai Krösche berichtet.

Diffuse Ängste gehen um im etablierten Europa. Populisten rüsten verbal auf gegen befürchtete Einwanderungswellen aus Bulgarien und Rumänien. Grund genug, sich einmal umzuhören unter denen, die da kommen könnten. Die freie Truppe unitedOFFproductions haben für Eigentlich wollte ich nach Finnland Feldforschung betrieben und geben jungen Einwanderern am Braunschweiger LOT-Theater eine Stimme. Stephanie Drees war dabei.

Unendlich gut, dieser Unendliche Spaß, finden auch die Theater und bringen das epochale Romangroßwerk des jung aus dem Leben geschiedenen Autors David Foster Wallace in schöner Regelmäßigkeit auf die Bühne. In Wien besorgt nun Christine Eder die österreichische Erstaufführung an der Garage X und präsentiert mit Rasanz ihre Ansichten vom längeren Ende der Freizeitgesellschaft. Martin Pesl sah zu.

Es war einmal ein Weltumsegler, der wollte einen neuen Weg nach Indonesien finden. Sein König ließ ihn nicht. Da suchte er sich einen neuen König und fand dann auch den neuen Weg. So fing das an mit der Globalisierung, Thema der Parabel Das Ding von Philipp Löhle. Sandra Schüddekopf hat im Theater Drachengasse die österreichische Erstaufführung inszeniert. Theresa Luise Gindlstrasser schaute zu.

Daniel Casper von Lohenstein und seine barocken Sprachungetüme liegen uns gewiss ferner als die fernste Gegend der Türkei. Aber alles was fern ist und fremd, leuchtet uns gemeinhin auch verführerisch in den hausbackenen Gemüts-Verstand hinein. Grund für Johannes Schmit, Lohensteins Türkische Trauerspiele neu zu lesen. Esther Boldt war dabei.

Alle reden über Menschlichkeit, nur einer redet über Motoren, Mechanismen, Materialismen: René Pollesch, der große Äußerlichkeitsdenker, bringt in der Schiffbauhalle des Zürcher Schauspielhauses sein neues Diskursstück heraus: Herein! Herein! Ich atme euch ein! Für nachtkritik.de war Christoph Fellmann vor Ort.

Wie ein zartes 80er-Jahre-Coming-Out-Stück ist diese Novität von Falk Richter angelegt: Small Town Boy am Gorki Theater. Aber dann bricht doch noch zeitgenössische Politrealität ein. Wie, sagt Simone Kaempf.

Ökonomie ist nicht gerade die Herzensangelegenheit der Protagonisten in Dostojewskis Roman Der Spieler. Auch nicht die von Regisseur Martin Laberenz. Wie er sich und seine Schauspieler beim Erzählen verschwendet, berichtet Martin Krumbholz.

David Marton hat etwas übrig für die Romantik. Für seinen Doppelgänger in Stuttgart mischt er Motive aus E.T.A. Hoffmanns und Robert Schumanns Werken und erforscht freihändig die Gedankenwelt der Epoche. Steffen Becker war bei der Premiere.

Überraschend gut passen Roland Barthes' "Fragmente einer Sprache der Liebe" zu der Verzweiflung in Goethes Briefroman Werther. Laura Koerfer hat diese Verschränkung im Neumarkt Theater ausprobiert. Claude Bühler sah dabei zu.

Krystian Lupa, polnischer Regie-Nestor und europäischer Theaterpreisträger, ist der Mann fürs große Format. Wenn er, der in Polen schon einige Thomas Bernhard-Erstaufführungen gestemmt hat, sich in Graz nun den ehemals skandalträchtigen Bernhard-Roman Holzfällen vorknöpft, dann steht alles zu erwarten – sicher aber kein einstündiges Kammerspiel für die Westentasche. Wie groß es wurde, weiß Reinhard Kriechbaum.

Friedrich Schillers Kabale und Liebe ist das Drama der Ausgebeuteten und Geknechteten, es treffen darin entrechtete Billiglöhner auf skrupellose Waffenexporteure, die als heiße Eisen ihre Golfschläger schwingen. Ach nein? Wer's nicht glaubt, der schaue sich Simon Solbergs Neuinszenierung an. Oder lese die Nachtkritik von Sascha Westphal.

Idealismus? Vertreter soll es geben, aber sie erscheinen ziemlich komisch, wenn sie auf die Realität treffen. So jedenfalls beim schweizerisch-deutschen Performance-Kollektiv Schauplatz International, das in seinem neuen Abend Idealisten am Berliner Hebbel am Ufer eine Widerspruchswelt rund um den Idealismus entwickelt. Denn auch Ideale sind Machtinstrumente. Mehr von Dirk Pilz.

Der Krieg ist eine alte Erfindung, seine Folgen waren schon immer verheerend. Etwa im Römischen Reich, wo sich 49 bis 45 v.Chr. die Armeen von Julius Cäsar und von Pompeius niedermetzelten. Hundert Jahre später machte Lucanus daraus sein Epos Der Bürgerkrieg. Lucanus musste sich selbst entleiben, sein Werk hat Achim Lenz jetzt in Chur als Chortheater für sechs Schauspielerinnen auf die Bühne gebracht. Mit dabei: Valeria Heintges.

Süß riecht der Duft des Tränengases, wenn man es noch nicht im Gesicht hatte. In Marianna Salzmanns neuem Stück Hurenkinder Schusterjungen zieht eine Bahnschaffnerin mit revolutionärem Grundgefühl in eine Wohngemeinschaft, kündet vom kommenden Aufstand, aber verstrickt sich in die hier exzessiv gelebte Menage à trois. Eine Implosion der wutbürgerlichen Verhältnisse? Ein Bild unserer Zeit? Die Mannheimer Uraufführung von Tarik Goetzke sah Steffen Becker.

Die amerikanische Kult-Zeichentrickserie "South Park" schickt ihr Publikum immer wieder durch die Fegefeuer politischer Correctness-Debatten, ohne sich daran zu verbrennen. Und macht dabei nicht nur ziemlichen Spaß, sondern hat schon manche Debatte klug erhellt. Malte C. Lachmann hat sich für das Junge Schauspiel jetzt mit Süd Park an einer deutschen Ausgabe fürs Theater versucht. Ob und wie das funktionierte, berichtet Jan Fischer.

uf irgendwas sind sie alle scharf, die Missgeburten der Gattung Mensch, die Molière in seiner bösen Komödie Der Geizige beschrieb. Die Titelfigur hat da noch die ehrlichsten Gefühle: sein Geld liebt Harpagon aufrichtig und tief. Am Grillo Theater hat Jasper Brandis jetzt das Stück auf einer Showtreppe in Szene gesetzt. Mehr zum Wie und Warum von Stefan Schmidt.

Henrik Ibsens Nora oder Ein Puppenheim spielt an Weihnachten. Also haben Malte Kreutzfeldt und Dariusch Yazdkhasti in der Interimsspielstätt des Coburger Theaters nur eine riesige Tanne auf die Bühne gestellt. Ungeschmückt. Erst am Ende geht hier das Licht an – und den Ehedrama-Leutchen ein Licht auf? Die Premiere sah Elisabeth Michelbach.

In William Shakespeares König Lear gerät die Welt aus dem Fugen, weil sich ein Herrscher nicht an die Regeln hält. Und sich in seinen Kindern ein bissel täuscht. Dafür lernt er dann durch Leid noch eine Menge über das Leben. Das bleibt natürlich auch bei Altmeister Peter Stein so, der an der Wiener Burg Klaus Maria Brandauer mit weißem Zottelhaar ins Erkenntnis-Rennen schickt. Im Premieren-Parkett saß Reinhard Kriechbaum.

Wenn ein Meister des Skurrilen auf einen Meister des französischen Boulevard-Klamauks alter Schule trifft, dann müssten eigentlich die Funken sprühen, oder? Am Theater Basel hat Christoph Marthaler mit Das Weiße vom Ei eine Kompilation aus Labiche-Stücken angerichtet. Kaa Linder hat das süße Dessert probiert.

Michael Thalheimer ist in Berlin umgezogen. Seit dieser Spielzeit ist er Hausregisseur nicht mehr am Deutschen Theater, sondern an der Schaubühne. Die liegt am Ku'damm; Molière würde Ku'boulevard sagen. Ausgerechnet Molière, dessen Dramen bekanntlich witzig sind, hat der nicht als witzig bekannte Thalheimer sich ausgesucht, um seinen Einstand zu geben. Lars Eidinger ist Tartuffe – der Nachtkritiker ist Wolfgang Behrens.

Auf der Bühne der Kammerspiele stehen Schaufensterpuppen, farbige Schaufensterpuppen, zwischen denen Regisseur Luk Perceval in seiner Schuld-und-Sühne-Variation von J.M. Coetzees Schande die Schauspieler huschen lässt. Mehr darüber von Sabine Leucht.

Schulalltag in einem Pariser Problemviertel – was da an Testosteron und überkommenen Ehrbegriffen zirkuliert, hat der ehemalige Lehrer François Bégaudeau in einem Buch beschrieben, dessen Verfilmung Die Klasse in Cannes ausgezeichnet wurde. Sebastian Nübling hat den Stoff nun am Theater Basel inszeniert und gehörig eingeschweizert, berichtet Claude Bühler.

Ibsens Volksfeind hat weiterhin Konjunktur – jetzt ist er auch in Münster angekommen, wo Schauspielchef Frank Behnke ihn Tocotronic-Lieder singen lässt. Mehr von Sascha Westphal.

"Die Leute wollen das schubsende Theater", weiß Frank Castorf. Also schubst der große Rempel-Regisseur für seinen Balzac-Abend La Cousine Bette auf die Berliner Volksbühne: Alexander Scheer, Kathrin Angerer, Marc Hosemann, Bernhard Schütz, Lilith Stangenberg und und und, die Crème de la Crème der Volksbühne gestern und heute. Und haben die Außerordentlichen dann auch ordentlich geschubst? André Mumot weiß es.

Keine leichte Heimkehr für Odysseus nach Ithaka, beleibt, die fittesten Jahre hinter sich – die Frau mault. Da geht's am besten gleich wieder los, auf eine Odyssee Nr. 2. Von dieser erzählt Kerstin Specht in Odysseus! Ob der Text und die Uraufführung von Maik Priebe das Ausrufezeichen verdienen, sagt Dieter Stoll.

Früher, da saßen die Menschen einmal gebannt ums Radio und lauschten knapp einstündigen Hörspielen. Zum Beispiel denen des Nachkriegsautors Alfred Andersch, dessen Hörstück von 1957 Fahrerflucht jetzt auf die Bühne geholt wurde. Und zwar zusammen mit Philipp Löhles Fortschreibung Fluchtfahrer. Was beide Texte verbindet und wie Regisseur Dominic Friedel die Sache angerichtet hat, weiß Steffen Becker.

Helmut Kohl lebt und ist längst eine umstrittene Legende. Natürlich reizt das zu literarisch-szenischen Phantasien. Das Autoren-Duo Nolte/Decar hat mit Helmut Kohl läuft durch Bonn einen Text zwischen genialem Schwachsinn und banalem Tiefsinn vorgelegt, eine Zitatschleuder und Klassikerüberschreibung, die Markus Heinzelmann am Theater Bonn uraufführte. Sascha Westphal war dabei.

In Ödon von Horváths Jugend ohne Gott ist es die Naziideologie, die soziale Bindungen zerstört und sich in hinterste Winkel der Seele einnistet. Heute ist es die Durchökonomisierung, die alle Bindungen unterwandert. Wie genau Tilmann Köhler das in seiner Inszenierung im Deutschen Theater zusammendenkt, sagt Esther Slevogt.

An einem "Gastarbeiterstrich" muss vorbei, wer am Hebbel am Ufer in den neuen Abend von God's Entertainment will. Tagelöhner und Schwarzarbeiter bieten sich feil, und im Saal ist eine riesige Baustelle aufgebaut. Über Sinn und Unsinn von Cleaning, babysitting, I help in the house, 7 Euro berichtet Christian Rakow.

Wenn ein zweimaliger Oscar-Preisträger aus Wien in Antwerpen die Erfolgsoper eines alten Nazi-Mitläufers und Großkomponisten inszeniert, schauen wir als führendes Unterhaltungsmedium der Theaterbranche naturgemäß auch hin. Christoph Waltz hat die Tarantino-Colts beiseite getan und sich des Rosenkavaliers von Richard Strauß und Hugo von Hofmannsthal angenommen. Regine Müller war in der Flämischen Oper in Antwerpen dabei.

Sie war als Wegbestimmung auf dem Ponton zwischen Eiszeit und Kommune gedacht und wurde doch zum großen Abgesang auf die DDR. Volker Brauns Tschechow-Adaption Die Übergangsgesellschaft, 1988 am Berliner Maxim Gorki Theater von Thomas Langhoff herausgebracht. Jetzt, ein Vierteljahrhundert und einige kapitalistische Schleifen weiter, führt Langhoffs Sohn Lukas Langhoff das Stück am neuen Gorki Theater wieder auf. Nikolaus Merck war vor Ort.

Für einen Skandal taugt Schnitzlers Seitensprungfestival Reigen heute nicht mehr. Aber für großes Schauspielertheater? Regisseur Bastian Kraft hat sich für seinen Schnitzler-Abend die Charakterköpfe Edgar Selge und Franziska Walser, Eheleute auf und neben der Bühne, engagiert, und Verena Großkreutz weiß, wie es ward.

Es wird einmal – ein Märchen gewesen sein? Martin Heckmanns betitelt sein neues Stück über das Theater im Vergangenheitsfutur. Der Bochumer Intendant Anselm Weber besorgte die Uraufführung des Theater-Stücks, und Andreas Wilink berichtet davon.

Tiit Ojasoo und Ene-Liis Semper vom estnischen Theater NO 99 inszenieren zum zweiten Mal am Thalia Theater. Hanumans Reise nach Lolland heißt der Abend. Wieder geht es um eine Zwangsgemeinschaft, eine, die auf der Durchreise in einem dänischen Asylantenheim strandet. Mehr von Falk Schreiber.

Angeblich braucht unser Gehirn 2,7 Sekunden, um einen Eindruck als Gegenwart zu verarbeiten. Kann man einen Theaterabend über diese 2,7 Sekunden machen? Und wie lange müsste er dauern? Von Jan Neumanns Stückentwicklung berichtet Christian Baron.

Heute wünscht sich das Dessauer Publikum wohl vor allem, dass sein Theater nicht schließt. Bei einer Stückewahl im Oktober hatte es sich Thomas Braschs Vor den Vätern sterben die Söhne gewünscht. Mehr von Ute Grundmann.

Als trilingualer, kontinentaler Halbwelt-Thriller zwischen Estland, Deutschland und England kam Three Kingdoms von Simon Stephens 2011 heraus. In Osnabrück lässt Regisseur Dominik Günther den Krimi jetzt komplett auf Deutsch spielen. Ob er dadurch Vielfalt einbüßt, weiß Kai Bremer.

Mit dunklen, tieftraurigen Stoffen hat er reiche Erfahrung, der Bilderschöpfer und DT-Hausregisseur Andreas Kriegenburg, der Stammregisseur von Dea Loher. Für David Grossmann Totenklage Aus der Zeit fallen am Deutschen Theater Berlin lässt er die Menschen zwischen Sternen baumeln und im Räderwerk alles Irdischen dahintrotten. Ein mühsamer, schwerer, aber auch gewichtiger Weg, wie Simone Kaempf berichtet.

Natürlich sind die Zehn Gebote vom Herrgott immer schon ein reizvoller Stoff gewesen für Künstler. Der Fernseh-Zehnteiler Dekalog machte den Filmregisseur Krzysztof Kieślowski weltberühmt. Christopher Rüping hat sich die Fernsehfassung der Gebote genommen und daraus eine Theaterfassung geschmolzen. Und? Du sollst nicht schmelzen? Oder wie ist es ausgegangen? Shirin Sojitrawalla berichtet.

Das Thema ist hochaktuell: Lampedusa, Frontex, die EU und ihre Einwanderer. In FRONTex SECURITY nimmt Dokutheatermacher Hans-Werner Kroesinger die Festung Europa auseinander und wendet ihre Bausteine hin und her. Wie sich das am Berliner HAU ausnahm, sagt Sophie Diesselhorst.

Bunbury oder Ernst sein ist wichtig ist vielleicht das witzigste Theaterstück, das je geschrieben wurde. Umso mühsamer das Geschäft für Regisseure, die versuchen, den Witz auf die Bühne zu bringen. Sarantos Zervoulakos hat es am Schauspielhaus zu Düsseldorf probiert. Martin Krumbholz schreibt, wie es ausging.

Er gehört zu den Sprachmusikalisten unter den Dramatikern: Händl Klaus. Entsprechend wurde "Meine Bienen. Eine Schneise" bei der Uraufführung in Salzburg als Musik-Stück gegeben. Bei Stefan Otteni in Nürnberg hat das Krimi-Wutkind-Stück eine Titelhälfte verloren, heißt nur noch Eine Schneise und wurde mit allerlei szenischen Spielereien aufgeladen. Dieter Stoll war dabei.

Eine Parade der Banken-Pleitiers zeigt Andres Veiel in seinem Dokumentardrama Das Himbeerreich, und sie kommt seit der Uraufführung 2012 landesweit herum. In Freiburg lauscht Chortheatermacher Jarg Pataki in Veiels O-Töne aus dem Bankenwesen hinein. Was es zu hören gab, weiß Martin Jost.

In Berlin machte Nurkan Erpulat aus Tschechows Kirschgarten jüngst das Mission Statement des neu eröffneten Gorki Theaters unter Postmigrationsspezialistin Shermin Langhoff. In Bremen ließ die Niederländerin Alize Zandwijk jetzt hingegen die Seelen zittern und die Landadligen mit Sonnenmilch gegen die Morgenröte des bürgerlichen Zeitalters vorgehen. Wie sich das ausnahm, beschreibt Jens Fischer.

"Brenne und sei dankbar" hieß die Ausstellung, in der die freie Regisseurin Gesche Piening 2012 anschaulich machte, wie prekär die meisten freien Theaterkünstler leben. Vom Zauber der Nachfrage nennt sie ihren neuen, thematisch daran anknüpfenden Abend im Münchner i-Camp und bittet zur "Vollverausgabung". Sabine Leucht sah die Dienstleistungskeule niedersausen.

Wenn das nicht eine Ansage ist: Musik. I make hits motherfucker. Mittelfinger raus, dicke Backen. Helene Hegemann, bekannt für ihren (teilplagiierten) Roman "Axolotl Roadkill", hat in Köln ihre erste Oper in Angriff genommen. Basierend auf Frank Wedekinds Sittendrama "Musik" geht's einmal durch die große und kleine Welt der Bild- und Musikstile. Ob's ein Hit wurde, sagt Regine Müller.

"Das hier ist kein Stück. Sondern ein Film. Ein Film fürs Theater", schreibt die Autorin Ulrike Syha vor ihr neues Selbstentdeckungs-Stück Mao und ich. Wieviel Hollywood in Ali M. Abdullahs Uraufführung ist, weiß Bernd Mand.

Auf der Suche nach dem richtigen Leben im falschen treffen sie sich im Ardenner Wald: Shakespeares Ausgestoßene und Verkleidete. Also echte Hippie-Aussteiger. Donald Berkenhoff zeigt Wie es euch gefällt, sehr zum Gefallen von Isabella Kreim.

Was gut ist und was böse, das wusste er, der gute Bertolt Brecht. So auch in Der gute Mensch von Sezuan. Was macht man dann mit so einem Stück? Thesenreiterei oder RTL 2? Christoph Fellmann sah die Version von Luzerns Schauspielchef Andreas Herrmann.

In der Liste der meistverwursteten Bühnen-Romane hält Franz Kafkas Fragment Amerika derzeit einen der Top-Plätze. In jüngerer Zeit versuchten sich daran unter anderem Frank Castorf und Victor Bodó. Bei Moritz Sostmann in Köln kommt der aufsässig-fatalistische Jungimmigrant Karl Rossmann jetzt als Puppe daher und wird von einem großartig wandelbaren Quartett umspielt. Martin Krumbholz ging gern mit auf Reisen.

Ganz schöner Bildungsballast, wenn die Eltern einst Professoren und Tschechow-Liebhaber waren, die ihre Kinder nach den Figuren benannten. In Vania und Sonia und Mascha und Spike blickt der amerikanische Dramatiker Christopher Durang in solch eine belastete Familie. Den Broadway-Erfolg vom vergangenen Jahr hat nun Stefan Huber in Baden-Baden inszeniert. Mehr von Elisabeth Maier.

Dem Tod entkommt man nicht. Warum also nicht in die Offensive gehen, mit ihm einen Flirt wagen oder schon mal die letzte Zuckung üben? Tanz den Tod! haben Harriet Maria und Peter Meining, bekannt als norton.commander.productions, ihren neuen Abend am Festspielzentrum Hellerau genannt. Lukas Pohlmann schaute zu.

– Auftakt Ist Europa am Ende? In Die Europäischen Medien – Ein Schauprozess lassen The Nielsen Movement zum Auftakt der Hamburger Fassung des mittlerweile drei Städte umspannenden Nordwind-Festivals die Welt aus Sicht von sieben Personen zwischen Angela Merkel und einem minderjährigen Sexarbeiter erklären. Also sieben Medien, durch die diese Personen sprechen. Ein Abend wie ein Brennglas, findet Katrin Ullmann.

Ein Paar bricht in Jean-Luc Godards "Week-end" zu einer Fahrt aufs Land auf, die sich zu einem Trip durch die Grausamkeit der zivilisierten Welt entwickelt. Thomas Jonigk hat Godards Film vor einigen Jahren zu dem Stück Liebe Kannibalen Godard weitergeschrieben, von ihm selbst uraufgeführt. Was Regisseur Niklas Ritter jetzt in Stuttgart daraus macht, berichtet Thomas Rothschild.

Was, wenn man Michail Bulgakows "Der Meister und Margarita" auf eine Essenz reduziert? Arturas Valudskis hat am TAG Wien aus dem Roman den Abend Varieté Volant entwickelt: weniger eine Über- als Unterschreibung, eine Reise in die Kellergefilde und Zwischenräume des zugrundeliegenden Stoffs. Sehr zum Gefallen von Kai Krösche.

Mongos oder Mongolen? Dschingis Khan von Monster Truck/Theater Thikwa hat mittlerweile eine bewegte Rezeptionsgeschichte. Die Inszenierung ist derzeit wieder zu sehen, als Gastspiel am Stuttgarter Theater Rampe. Über die Premiere im September 2012 schrieb Martin Krumbholz und löste damit eine heftige Diskussion aus.

Manuel Harder ist neu im Ensemble des Schauspiels Frankfurt und hat dort bereits einen eindrücklichen Beckmann in Borcherts "Draußen vor der Tür" gespielt. Nun ist er der Ajax des Sophokles. Könnte der eine Art antiker Beckmann sein, ein traumatisierter Kriegsheimkehrer? Am Schauspiel Frankfurt jedenfalls deutet es der junge Niederländer Thibaud Delpeut in diesem Sinne. Esther Boldt weiß Näheres.

Treten, treten, reden, reden. Denn es muss ja weitergehen mit diesem Planeten, und auch mit diesem Paar, das sich in Duncan Macmillans Atmen nach Hin-und-Her entscheidet, ein Kind zu bekommen. Katie Mitchell setzt ihre Schauspieler dafür in der Schaubühne auf Fahrräder, und lässt sie den für die Vorstellung nötigen Strom selbst produzieren. Mehr über den besonderen Fußabdruck dieses Abends von André Mumot.

Der Vater hängt rum, die Mutter pflegt ihre Erinnerungen, niemand räumt auf, nur der Sohn versucht, Ordnung und Prinzipien ins Chaos zu bringen. Den Generationenkonflikt in Slawomir Mrozeks Tango hat Tobias Rott nun in Rudolstadt inszeniert. Mehr von Frauke Adrians.

Die Jungfrau von Orleans mit ihren göttlichen Berufungsfantasien ist ein schwerer Brocken für das ernüchterte und (im Westen) liberal-postideologische Zeitalter. Was also hat Gustav Rueb in Kassel mit Schillers Stimmen im Kopf angefangen? Andreas Wicke war bei der Premiere.

Ein Stoff, aus den Jahrmarktsensationen des 19. Jahrhunderts direkt zum Broadway und weiter ins psychedelische Kino des David Lynch geschossen: Der Elefantenmensch, die Geschichte des körperlich deformierten John Merrick. Fürs Theater hat sie Bernard Pomerance erzählt, dessen Stück der Arthouse-Horrorfilmmacher Jörg Buttgereit jetzt in Dortmund aufführt. Natürlich mit Filmanleihen. Sascha Westphal ließ sich faszinieren.

Blutkuchen, was für ein bitteres Wort. Die große Bitterkeitswortbäckerin Elfriede Jelinek walkt und wendet es in ihrem neuen Textkonvolut Tod-krank.Doc, das aus der Zusammenarbeit mit Christoph Schlingensief entstanden ist. In Bremen besorgt Mirko Borscht die Uraufführung. Mit finsteren Bildern, sagt Tim Schomacker.

"Connections" heißt die Nachwuchsreihe beim Spielart Festival in München. Mit Wellness und We Disappear laufen dort zwei Arbeiten, die Attacken auf den Körper zeigen. Vor allem Campos Wellness ist unbedingt sehenswert, berichtet Willibald Spatz.

Am Theater Basel, wo sich einst Friedrich Dürrenmatt und Werner Düggelin verkrachten, inszeniert Barbara Weber jetzt Dürrenmatts Duell-Roman Der Richter und sein Henker. Am Schluss baumelt ein Schlachtvieh am Haken. Mehr über diese heilige Kuh von Julia Stephan.

Man beschimpft sich, Oma, Opa, Mum, Dad, zwei Töchter. Unterm Weihnachtsbaum. Das ist bei uns so Sitte. Wir selbst also, auf die Spitze getrieben, unter die Kuratel totaler Überwachung gestellt, was die Figuren in Martin Crimps Die Republik des Glücks immer noch als größte denkbare Freiheit feiern. Regisseur Rafael Sanchez hat das Stück in den Kammerspielen des DT Berlin inszeniert. Mehr darüber von Nikolaus Merck.

Ganz neu ist die Idee nicht: Im Staate Dänemark bricht eine Familie auseinander und die Zuschauer sitzen mit an der Tafel, während sich die Familienmitglieder zu Leibe rücken. Solche Raumkonzepte sind das Markenzeichen der Freiburger Freien Gruppe Theater der Immoralisten, jetzt haben sie Hamlet inszeniert. Martin Jost berichtet.

Der Titel von Martin Crimps neuem Stück Alles Weitere kennen Sie aus dem Kino klingt wie eine Steilvorlage für die britische Regisseurin Katie Mitchell und ihre Live-Video-Techniken. Doch weit gefehlt: kein Video nirgends, stattdessen ein von Euripides entliehener Mädchenchor. Von der Uraufführung an Karin Beiers Schauspielhaus, die im NDR-Studio stattfand, berichtet Jens Fischer.

Wie sieht Hamlet eigentlich aus, wenn man den Heiliger Ernst-Filter weglässt? Zum Beispiel so, wie Christopher Nell ihn in Leander Haußmanns Inszenierung am Berliner Ensemble zeigt: Da ist er vom (Anti-)Helden-Anspruch beurlaubt. Probleme hat er natürlich trotzdem, klar, aber nur private. Dass es nicht zu privat wird, dafür sorgt Hexenmeister Haußmann, indem er alle Theaterregister zieht. Zum Vergnügen von Wolfgang Behrens.

Das Gorki Theater legt sich mit Verve in die nächste Kurve des Eröffnungspremierenmarathons der Intendanz Shermin Langhoff. Mit der Uraufführung eines neuen Stücks von Sibylle Berg durch Sebastian Nübling: Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen. Zum Zuschauerglück von Christian Rakow.

Ödön von Horváths 80 Jahre altes Stück Geschichten aus dem Wiener Wald hat schon für vielerlei hergehalten. Zuletzt meistens für wohlfeile Kleinbürger-Kritik. Barbara Bürk hat nun in Dresden versucht, allen Figuren ihr Recht zurück zu geben. Was wir dabei lernen können, beschreibt Lukas Pohlmann.

Liebe Hedda Gabler, warum so radikal?, fragt sich, nachdem sie Jan Bosses Inszenierung des Ibsenschen Ehedramas am Thalia Theater gesehen hat, Katrin Ullmann.

Kathrin Röggla amtierte 2012 als Stadtschreiberin in Mainz. Nah genug am Frankfurter Rhein-Main-Flughafen, um den Widerstand der Bürger gegen die Erweiterung der "Jobmaschine" mitzubekommen. Ihre Erfahrungen verwendet Röggla in Der Lärmkrieg. Matthias Fontheim hat das Stück am Staatstheater Mainz inszeniert, Shirin Sojitrawalla sah die Premiere.

Harry Schnee ist ein entfernter Verwandter des berühmten Handlungsreisenden von Arthur Miller, der am Ende stirbt. In Dirck Lauckes neuestem Sozialdrama Samurai, das Jens Poth in Heidelberg uraufgeführt hat, darf Harry Schnee nicht sterben. Warum, weiß Harald Raab.

Who's there von Monster Truck gastiert seit gestern in den Sophiensaelen. Tobias Prüwer sah die Produktion bei ihrer Leipziger Premiere.

Er ist nach wie vor der unangefochtene Top-Vertreter in der Kategorie Popregisseur: Stefan Pucher. Am Deutschen Theater Berlin hat er sich nun einen Top-Vertreter in der Kategorie Rachedrama vorgeknöpft: die Elektra des Sophokles. Das ergibt natürlich jede Menge Raum für rockstarreife Auftritte und kaputten Glamourglanz, wovon Anne Peter zu berichten weiß.

Judith, die Gottesanbeterin: Nach dem Sex hackt sie ihrem Beischlafpartner den Kopf ab. Warum? Weil Friedrich Hebbel das 1840 so geschrieben hat. Ob Regisseurin Christina Paulhofer noch eine andere Antwort gefunden hat, weiß Martin Krumbholz.

Beim Edinburgh Fringe Festival wurde David Greigs Stück Die Ereignisse preisgekrönt. Nun ist es unter Ramin Gray am Schauspielhaus Wien zu sehen – in jeder Aufführung mit einem anderen Chor. Teresa Präauer war bei der Premiere.

Dass die freie Szene auf Kampnagel auch ganz traditionell arbeiten kann, zeigt Benjamin van Bebber mit seiner Vereinigung von Brecht und Rainald Goetz in Fatzer/Krieg. Revolutionär konservativ, sagt Falk Schreiber.

Joshua Sobols Ghetto wird nicht besonders oft aufgeführt – zu übermächtig ist das Vorbild von Peter Zadeks Berliner Inszenierung, zu groß sicher auch die Skrupel, als Täter-Nachfahren die Ghettobewohner abzubilden. Jetzt hat es Christian Stückl an seinem Münchner Volkstheater doch gewagt, mit Klezmermusik und Klappmaulpuppe. Mit dabei war Petra Hallmayer.

Als Glückspille verschreibt das Staatsschauspiel Dresden den Diener zweier Herren von Carlo Goldoni, neu angemischt von Apothekermeister… ähm… Autor Martin Heckmanns. Kassenärztlich ungeprüft verabreicht Regisseurin Bettina Bruinier sie in kräftiger Dosis. Ob's dem Kopf wohl bekam, weiß Nadja Lauterbach.

Tennessee Williams' Edelmelodram Endstation Sehnsucht gehört zu den Dauerbrennern auf deutschsprachigen Bühnen. In Karlsruhe fällt bei Sebastian Schug ein Teddy vom Bühnenhimmel. Was sonst noch geschieht, berichtet Thomas Rothschild.

Arbeitswut und Burnout als Philosophie einer Generation hat Felicia Zeller in ihren mehrfach prämierten X-Freunden ihren drei Figuren auf den Leib geschrieben. Bei der Schweizer Erstaufführung in Bern stellten die Regisseure Jan Stephan Schmieding und Franziska Marie Gramss Zellers kreative Selbstausbeuter auf eine rosarote Showtreppe mit viel zu hohen Stufen. Mehr von Ewa Hess.

Vielleicht hilft am Ende, wenn alle Kämpfe verloren sind, nur noch die Demenz, um den Schmerz zu ertragen. Mit Dementia, Or The Day Of My Great Happiness hat der ungarische Regisseur Kornél Mundruczó jetzt eine ebenso grelle wie bittere Parabel vorgelegt auf die Verhältnisse einer noch gar nicht richtig zu sich gekommenen, aber schon wieder in Auflösung befindlichen Demokratie. Cornelia Fiedler war beim Spielart-Festival in München.

Friederike Heller ist eine herausragende Analytikerin unter den jüngeren Regisseurinnen und damit vielleicht genau richtig für einen Stoff, mit dem man leicht auf die Tränendrüsenspur geraten könnte. Nach Europa am Deutschen Schauspielhaus Hamburg erzählt in Adaption des Romans "Drei starke Frauen" von Marie NDiaye über die existenziellen Nöte von Flüchtlingen auf dem Weg zur Festung Europa. Tim Schomacker verfolgte die Reise.

Die dritte Premiere des Eröffnungswochenendes am Maxim Gorki Theater fand im Studio statt – dessen künstlerische Leitung die Dramatikerin Marianna Salzmann innehat. Ihr neues Stück Schwimmen lernen. Ein Lovesong wurde von Hakan Savaş Mican inszeniert. Das Ergebnis beeindruckte Esther Slevogt.

Er war zu krank für jeden Beruf, aber nicht für seine Berufung: das Schreiben. Thomas Bernhard. Aus den autobiographischen Romanen des großen österreichischen Grantlers und Prosapoeten hat Oliver Reese einen Abend komponiert: Wille zur Wahrheit. Bestandsaufnahme von mir. Grete Götze war dort.

Peer Steinbrück hat den Stinkefinger gemacht, die meisten seiner Politikerkollegen ziehen es vor, Worte zu machen. Je größer, desto hohler. Am Schauspiel Hannover hat Christoph Frick einige der Hülsen aufgesammelt und zu dem Theaterabend Sie können das alles senden! collagiert. Mehr von Jan Fischer.

Dieser Tage sollte am Deutschen Schauspielhaus die Intendanz Karin Beier im Großen Haus eröffnet werden. Dann verschob ein Unfall bei den Sanierungsarbeiten die Planung in den Januar. Die Ehre der ersten Premiere hatte nun die neue Langzeit-Performance von Signa, die sich einen eigenen Ort gesucht haben: Schwarze Augen, Maria führt in die Abgründe psychischer und körperlicher Versehrtheit. Falk Schreiber hat sich dem ausgesetzt.

Auch in Berlin wird eröffnet, und zwar das Maxim Gorki Theater unter der neuen Intendanz von Shermin Langhoff. Die Premieren kommen dort gerade täglich, gestern kam Yael Ronens Inszenierung von Olga Grjasnowas Roman Der Russe ist einer, der Birken liebt heraus. Simone Kaempf berichtet.

Es gilt als das meistgespielte Stück Musiktheater der Welt, und damit es von diesem Thron nicht gestoßen wird, hat sich Christian Weise nun in Düsseldorf des Operetten-Hits Im Weißen Rössl angenommen. Zum Vergnügen von Martin Krumbholz.

Ein illustres Schauspielerquartett wirft sich für Gasoline Bill in Cowboy-Schale, darunter auch Bühnengrößen, die noch nie bei René Pollesch mitgespielt haben. In den Kammerspielen hat Matthias Weigel die hochkarätigen Pollesch-Novizen begutachtet.

Die Geschichte von Täter- und Opferangehörigen des RAF-Mords an Jürgen Ponto bringt Patentöchter aufs Theater – gestern feierte der Abend von Mirko Böttcher Celle-Premiere, Matthias Weigel sah die Berlin-Premiere im Theater unterm Dach.

Was ist das für ein Kirschgarten, der einer Gesellschaft immer noch als Identifikationsfolie dient, obwohl hier längst keine Kirschen mehr zu ernten sind? Der Kirschgarten Deutschland? Mit Anton Tschechows Klassiker Der Kirschgarten eröffnet Nurkan Erpulat die neue Intendanz von Shermin Langhoff am Berliner Maxim Gorki Theater. Ein Abend, der als Mission Statement daherkommt. Sagt Sophie Diesselhorst.

Ein gutes Dutzend Bosse, eine veritable Chefferie, haben Gintersdorfer/Klaßen für ihre neue Produktion La Nouvelle Pensée Noire vereint, um Politik, Mythen und Alltagswirklichkeit im heutigen Afrika tänzerisch auszuleuchten. Sie eröffnet das Münchner Spielart Festival 2013. Isabel Winklbauer ging auf eine Tour de Force.

Eine heilose Welt, von Unglücksexistenzen bevölkert, die am Ende von der Atombombe ausgelöscht wird. Ist hier so etwas wie Theaterspaß überhaupt denkbar? Christian Schlüter hat Mario Salazars schrilles Menschheitsdrama Am Leben werden wir nicht scheitern uraufgeführt. Und Heike Sommerkamp hatte viel Spaß.

Ein Leben in der engen Abgeschiedenheit des Schlafzimmers führte die amerikanische Dichterin Emily Dickinson, aber eben auch ein Leben für die weite Traumlandschaft der Poesie. Thiemo Strutzenberger hat der Künstlerin und frühen Galionsfigur der Frauenbewegung mit Queen Recluse einen wortsensiblen Text gewidmet. Am Schauspielhaus Wien brachte ihn Martin Schmiederer nun zur Uraufführung, und Theresa Luise Gindlstrasser war vor Ort.

Nach Stuttgart hat Neu-Intendant Armin Petras eine Inszenierung mitgenommen, die bereits in der letzten Spielzeit am Berliner Maxim Gorki Theater für Furore sorgte und den renommierten Friedrich-Luft-Preis für die beste Inszenierung auf Berliner und Brandenburger Bühnen 2012 gewann: Die Räuber in der Handschrift von Antú Romero Nunes. Die Berliner Premiere sah Christian Rakow.

Lampedusa ist derzeit wieder in aller Munde, Björn Bickers Thema hochaktuell. In seinem preisgekrönten Stück Deportation Cast geht es um Abschiebung, die gnadenlose Verwaltungsmaschine der Festung Europa und die Folgen, die die "aufenthaltbeendenden Maßnahmen" für ein konkretes menschliches Schicksal haben. Brit Bartkowiak hat das in der Oldenburger Exerzierhalle in Szene gesetzt. Jens Fischer sagt, wie.

Schon mit seinem Abschlussfilm "Novemberkind" machte der 1978 geborene Christian Schwochow von sich reden, jüngst goss er Tellkamps "Turm" in Fernsehbilder und wurde dafür Grimme-Preis-gekrönt. In seinem Bühnendebüt Gift am Deutschen Theater Berlin setzt er Dagmar Manzel und Ulrich Matthes neben einen schnöden Kaffeeautomaten. Was ihnen dort für Lot Vekemans Ex-Ehe-Duett einfällt und welche Wirkung das zeitigt, sagt André Mumot.

Filme auf dem Theater, die gibt's mittlerweile zuhauf. Stummfilme schon deutlich weniger. In Bonn stemmt Jan-Christoph Gockel jetzt Fritz Langs Meisterwerk Metropolis auf die Bühne und verschneidet das Ganze mit Stanley Kubrick. Ob's stumm von statten geht und was aus der expressionistischen Optik wird, weiß Stefan Keim.

Seit ihrem Sprung in den Pool auf der Nichtschwimmerseite ist Maria-Christina Hallwachs vom Kinn abwärts gelähmt. In Qualitätskontrolle von Rimini Protokoll, die damit zurzeit am HAU Berlin, beim FestivalNo-Limits, gastieren, steht sie im Mittelpunkt. Steffen Becker sah die Premiere in Stuttgart.

Der Carl-Sternheim-Abend Die Hose / Bürger Schippel, in der Regie von David Mouchtar-Samorai bei den Ruhrfestspielen herausgekommen, hatte jetzt am Staatstheater Nürnberg Premiere. Wie es der Sternheim'schen Komik im Juni in Recklinghausen erging, beschreibt Martin Krumbholz.

Der Krieg kennt keine Gewinner, am wenigsten unter den Armen und Schwachen. Folglich muss es ein Irrtum sein, Krieg zu seinen Gunsten nutzen zu wollen – so führt es Bertolt Brecht in Mutter Courage und ihre Kinder vor. Wie aber inszeniert man das Stück in Zeiten, in denen die Ablehnung des Kriegs Konsens ist? Die Frage musste sich jetzt David Bösch am Burgtheater stellen. Mehr darüber von Kai Krösche.

Licht flackert nur auf fünf Bildschirmen über der Szene. Doch die Bühne ist ebenso wüst wie die Seelen derer, die sie bald bevölkern: das Personal aus Fjodor. M. Dostojewskis Roman Der Idiot, das Stephan Kimmig in eine Art Nachtasyl geschickt hat. Michael Laages kann berichten.

In jüngster Zeit gehört Alice im Wunderland mit seinen Wundergestalten, Kaninchen, Grinsekatzen, Kartensoldaten zu den beliebten Theaterstoffen. Manch ein Regisseur hat sich schon die Zähne daran ausgebissen, denn eins zu eins kann man den Stoff natürlich nicht inszenieren. Was Antú Romero Nunes in Zürich daraus macht, berichtet Claude Bühler.

Eine Terra Incognita hat deutsche Kolonialpolitik ab 1884 im besetzten und ausgebeuteten Kamerum verursacht, dessen eigene Geschichte sie überschrieben hat. Das deutsch-kamerunische Theaterprojekt Fin de Machine / Exit. Hamlet von kainkollektiv und OTHNI bringt nun Licht ins Dunkel. Mehr von Sascha Westphal.

So kann es nicht weitergehen, das wissen sogar die Sofakissen-Debatteure. Doch es geht immer weiter. Weil das aber nicht sein darf, deswegen geht es bei Milo Rau und seinem International Institute of Political Murder stets ums Ganze. In der Werkschau Die Enthüllung des Realen, die nun in den Sophiensaelen zu sehen ist, kritisiert Milo Rau die postmoderne Vernunft und stellt (mit und ohne Lenin) die dringliche Frage: Was tun? Dirk Pilz hat darüber nachgedacht.

Als die RAF 1977 den Bankier Jürgen Ponto ermordete war seine Tochter Corinna 20 Jahre alt. Vor zwei Jahren erschien das Buch Patentöchter, das Corinna Ponto gemeinsam mit Julia Albrecht geschrieben hat, der kleinen Schwester der damals an der Tat beteiligten Terroristin Susanne Albrecht. Im Berliner Theater unterm Dach kam die im Buch geschilderte Wiederbegegnung der beiden Frauen auf die Bühne, Matthias Weigel hat sie angesehen.

Mit dem Schlachthaus Bern öffnet eine wichtige Schweizer Spielstätte der Freien Szene nach langen Sanierungsarbeiten wieder seine Pforten. Zum Auftakt wagte sich die Gruppe Les Etoiles Bern an ein großes Thema: Archiv[2]: KRIEG heißt der Abend, von dem Geneva Moser berichtet.

Das Auge im Vorkriegs-Sturm war Anfang des 20. Jahrhunderts ein Berg im schweizerischen Tessin. Während im restlichen Europa die Kriegslust angeheizt wurde, fand sich hier eine aus den unterschiedlichsten Richtungen kommende künstlerische Friedensbewegung zusammen. Zur Eröffnung des diesjährigen Euroscene-Festivals hat Constanza Macras sich daran gemacht, Die Wahrheit über Monte Verità herauszufinden. Oder diese Aufgabe einer Schar von tanzenden Zombies übertragen. Mehr von Tobias Prüwer.

Gerhild Steinbuch hat einen Text über die hässliche Selbstfindung des weißen heterosexuellen Manns geschrieben, der bildende Künstler Jan Machacek hat den Schauspieler Max Mayer damit beauftragt, diesen Text zu sprechen – und ihm dafür eine Normarena ins brut gebaut. Was das ist, weiß Martin Thomas Pesl.

In Zeiten von Pussy Riot, #Aufschrei und Femen-Protesten machen auch am Theater Magdeburg die Frauen Dampf – dank Volker Lösch, der dort im Verdi-Jahr mit Macbeth seine erste Oper inszeniert. Natürlich spielt der Chor wieder eine Hauptrolle, kommen Erniedrigte und Beleidigte zu Wort. Was Lösch zu dem königsmordenden Schotten und seiner Lady einfiel und wann das erste Buh dazwischenfährt, weiß Hartmut Krug.

Marx als Musicalheld, das hat durchaus Seltenheitswert. Ein Coup auch, dass sich das Theater Plauen-Zwickau die Uraufführung eines Werks von Prinzen-Sänger Tobias Künzel sichern konnte. Welche Rolle die Marx'sche Krisentheorie in dem von Volker Metzler angerichteten Unterhaltungsknaller Comeback. Das Karl-Marx-Musical spielt, verrät Matthias Schmidt.

Wie eine schweigsame Kassandra erscheint sie am Hofe: Yvonne, Prinzessin von Burgund. Mit Witold Gombrowicz' Politparabel eröffnete Dorotty Szalma jüngst ihre Schauspielintendanz am Gerhart Hauptmann-Theater in Zittau. Jetzt war sie als Gastspiel in Bautzen zu sehen. Lukas Pohlmann sagt, wie politisch es wurde.

Von der Einsamkeit New Yorks ins sexuelle Elend von Paris. Von dort aus weiter in die Hitze Afrikas. In seinem autobiografisch grundierten Roman Reise ans Ende der Nacht schickt der französische Arzt und Schriftsteller Louis-Ferdinand Céline sein Alter Ego durch die Abgründe seiner Zeit. Frank Castorf hat diese Geschichte von der dunklen Seite der Moderne mit einer Prise Heiner Müller am Münchner Residenztheater auf die Bühne gebracht. Hartmut Krug kann berichten.

Wenn die Jugend die Welt ans Geld verrät, wird schon mal ein Aufstand der Alten fällig. Das jedenfalls deutet durch die Blume Niklaus Helbling mit seiner Gottfried-Keller-Adaption Das Fähnlein der sieben Aufrechten am Theater Basel an. Claude Bühler hat sie gesehen.

Theaterwissenschaftliche Untersuchungen als sinnliche Einlullung zu präsentieren, das muss man auch erst mal schaffen! Nämliches ist in den Berliner Sophiensälen mit Die Aufführung dem Duo Melanie Mohren und Bernhard Herbordt geglückt – wie Simone Kaempf bezeugt.

Ein streitbarer Autor: In seiner Eröffnungsrede zum Bachmannpreis 2009 fragte Josef Winkler, warum es in Klagenfurt für eine Stadtbibliothek kein Geld gebe, wohl aber für ein Fußballstadion oder Berater beim Verkauf der Hypo Alpe Adria. Zwei Romane Winklers hat Gerhard Fresacher nun an der Garage X unter dem Titel Wetterleuchten auf der Zungenspitze auf die Bühne gebracht. Martin Thomas Pesl berichtet.

Anton Tschechows Sehnsuchtsfiguren lassen sich herrlich mit dem psychologischen Feinpinsel ausmalen. Aber Feinpinselei ist nicht das Fach des jungen Regisseurs Robert Borgmann. Er bediente in seinem Onkel Wanja zum Stuttgarter Intendanz-Start lieber die Denaturalisierungsmaschine, die hier ein Volvo Kombi ist, und reizte das Publikum zu Reaktionen, die es dem Vernehmen nach seit 30 Jahren hier nicht gab. Wolfgang Behrens berichtet.

Quälend, quälend, quälend und bierernst sind sie, diese wahlweise drei oder fünf Stunden in Ingmar Bergmans Film bzw. Fernsehserie Szenen einer Ehe. Jan Bosse sowie seine grandiosen Darsteller Astrid Meyerfeldt und Joachim Król rücken dem länglichen Kammerspiel nun in ihrer Stuttgarter Neuinszenierung mit Tempo und demaskierender Komik zuleibe – zur Freude von Verena Großkreutz.

Vor hundert Jahren wurde Igor Strawinskys "Le Sacre du Printemps" uraufgeführt. Die komplex rhythmisierte Orchestrierung erregte Unmut, ebenso wie Nijinskys Choreographie mit eingedrehten Füßen, gewinkelten Armen und zurückgeworfenen Köpfen. Im Jubiläumsjahr hat nun auch Sasha Waltz eine Sacre-Choreographie vorgelegt, die gestern an der Berliner Staatsoper Premiere hatte. Mehr von Elena Philipp.

Sommer 1989 im sächsischen Ferienlager Schneckenmühle, das heißt Erwachsenwerden mit ersten Küssen und mit Berührungen der deutschen Geschichte. Robert Lehniger hat Jochen Schmidts Roman Schneckenmühle am Staatsschauspiel Dresden umgesetzt, und zwar ganz in der Art von Erinnerungs- und Debattenkultur, wie sie Intendant Wilfried Schulz dort anstrebt. Mehr von Matthias Schmidt.

Das ist eine Setzung: Der neue Intendant präsentiert die eigene Schreib- und Regietat erst am zweiten Eröffnungstag und in der Nebenspielstätte. Wie sich Fritz Katers Katastrophenalarmstück 5 morgen, uraufgeführt von Alter ego Armin Petras, dort jenseits schauspielerischer Glanzleistungen ausnahm, beschreibt Andreas Jüttner.

Es ist vollbracht! Das Schauspielhaus des Staatstheaters Stuttgart ist nach langer Herumpfuscherei wieder offen, pünktlich zum Intendanz-Beginn von Armin Petras. Simon Solberg (jung) inszeniert zum Auftakt den Urgötz, sprich die erste Fassung von "Götz von Berlichingen mit der eisernen Hand" von Johann Wolfgang von Goethe (alt). Andreas Jüttner hat bei der Premiere zugesehen.

Stuttgarter Schauspielhaus-Eröffnung zum Zweiten: Bernward Vespers bewusstseinsströmender Roman Die Reise pendelt zwischen Nazi-Vater und RAF-Freundin, LSD und Hass. Martin Laberenz spürt dem Text im Nebel nach, Steffen Becker stand sich die Beine in den Bauch.

Die Welt ist ein Irrenhaus und einzig der Narr klar im Kopf? So oder ähnlich muss es sich Lübecks Schauspielchef Pit Holzwarth gedacht haben, als er Shakespeares Drama König Lear mit vielen Clownsnasen in die Zirkusarena setzte. Ob das eher zum Lachen oder zum Weinen ist, weiß Jens Fischer.

Fies ist so eine Sepsis - bei der Blutvergiftung laufen autoimmune Abwehrkräfte gegen den eigenen Körper Amok. Das Theaterhaus Jena hat die Sepsis zum Bild unserer Zeit und zum Spielzeitmotto erklärt, Dramaturg Simon Meienreis den Gedanken mit dem Zusatz Das System ist vergiftet als Text ausformuliert. Hausherr Moritz Schönecker inszenierte ihn nun mit Schauspielern, Tänzern und Musikern. Mit dabei: Christian Baron.

Solche Stoffe werden sonst nur noch in den Schmonzetten-Programmen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens oder in den Comedy-Shows von Grissemann und Stermann gepflegt: Jetzt kommt Die Geierwally, die große Heimatromanze von Wilhelmine von Hillern, in die kleine Box des Schauspiels Frankfurt, mit Constanze Becker in der Titelrolle, inszeniert von der jungen Johanna Wehner. Ob's einem zum Jodeln zumute ward, weiß Esther Boldt.

Man kann William Shakespeares vermutlich letztes Bühnenwerk Der Sturm als große Versöhnungsgeste werten. Oder man liest es gegen den Strich und birgt all das Finstere und Verdrängte, das Animalische und Rachedurstige, das darin auch steckt. So wie Gísli Örn Gardarsson, der das Alterswerk jetzt am Residenztheater neu deutet. Mit einem Action-Finale, das die Zuschauer von den Sitzen riss. Isabel Winklbauer war dabei.

Der Psalmist sagt: "Unser Leben währet 70 Jahre, und wenn's hoch kommt, so sind's 80 Jahre." Die NS-Novemberpogrome sind nun 75 Jahre her, woraus schnell ersichtlich ist, dass die Zeitzeugen rar werden. Doron Rabinovici und Burgtheaterdirektor Matthias Hartmann haben noch einige ausgemacht und bringen sie als Die letzten Zeugen auf die große Bühne. Teresa Präauer wurde Zeugin der Zeugen.

Fritsch macht Frisch, äh, nein... Dürrenmatt, also den anderen großen Schweizer. Die Physiker jedenfalls, die finstere apokalyptische Lehrkomödie, hat der Komödiensprengmeister Herbert Fritsch in Zürich für ein neues explosives Spektakel angesetzt. Und zunehmend illustre Gäste verstärken sein Team, bereit, sich in den schonungslosen Irrsinn zu katapultieren: heuer Corinna Harfouch mit Elfriede-Jelinek-Frisur. Christoph Fellmann sah, ob's zündete.

Von Marx bis Murx, von den Fabrikmaschinen des frühen Industriezeitalters bis zur Generation Praktikum reisen Oliver Augst und John Birke in ihrem Klang-Hörspiel Die Stadt der 1000 Feuer am Mousonturm. Mit dabei die Deutschpop-Damen Françoise Cactus und Bernadette La Hengst – und Nachtkritikerin Grete Götze.

Am Thalia Theater hatte der Jedermann von Bastian Kraft Premiere, der bei den Salzburger Festspielen herauskam, wo Reinhard Kriechbaum ihn sah.

Mit "Three Kingdoms" sorgten Regisseur Sebastian Nübling und die Ensembles der Münchner Kammerspiele und des NO99 aus Tallinn 2011 für Furore. Jetzt hat sich das bewährte internationale Team mit dem Königlich Flämischen Theater Brüssel zusammengeschlossen, um drei große Frauenfilme von Aki Kaurismäki, Luc & Jean-Pierre Dardenne und Amos Kollek auf die Bühne zu bringen: Ilona. Rosetta. Sue. Wie es gelang, weiß Michael Stadler.

Vor einem knappen Jahrhundert begann der Erste Weltkrieg mit dem Attentat auf den österreichischen Thronfolger in Sarajevo. Serbiens bekannteste Dramatikerin Biljana Srbljanović wurde deshalb vom Wiener Schauspielhaus mit einem Stück beauftragt: In Princip (Dieses Grab ist mir zu klein), uraufgeführt von Michał Zadara, erzählt sie eine ziemlich serbische Geschichte. Martin Thomas Pesl war dabei.

Und wie stehst du dazu?, fragen Nina Ender und Stefan Kolosko am Ende von Parzivalpark auf Kampnagel. Darin verknüpfen sie die medizinische Beherrschbarkeit des Kinderwunsches und den Umgang mit Behinderung. Ob das gut geht, weiß Falk Schreiber.

Don Juan kommt aus dem Krieg von Ödön von Horváth wird selten gespielt auf deutschsprachigen Bühnen, die dem Depressionsmatador Horváth doch sonst sehr zugeneigt sind. Die Geschichte vom ganz normalen Überlebenden des Ersten Weltkriegs hat Luc Bondy jetzt mit großer Besetzung und gewichtigem künstlerischen Stab am Berliner Ensemble inszeniert, Christian Rakow sah die Premiere.

F. Scott Fitzgeralds Der große Gatsby ist der Roman der  amerikanischen Roaring Twenties. Natürlich ein immer wieder gesuchtes und gefundenes Fressen für die romanverschlingenden Theater. Am Münchner Volkstheater hat Abdullah Kenan Karaca eine neue Version erarbeitet. Cornelia Fiedler berichtet über das Ergebnis.

Die Schweizer Gruppe 400asa hat dazu eingeladen, auf den Spuren von Nietzsches Zarathustra die Wirklichkeit zu enttarnen – oder zumindest die des hübschen Zürcher Stadtteils Wollishofen, durch den drei Performer die gesammelten Zuschauer führten. Als Avatare, denn dieser Spaziergang namens Zarathustra 1.2 tarnte sich als Computerspiel. Julia Stephan war dabei.

Stefan Bachmann ist seit Beginn dieser Saison neuer Intendant des Schauspiels Köln – nun hat er dort auch seinen Einstand als Regisseur gegeben und einen Cinemaskop-Stoff auf die große Bühne der Interims-Spielstätte maßgeschneidert: Der Streik (Atlas Shrugged) aus der Feder der liberalistischen Bestseller-Autorin Ayn Rand. Sascha Westphal war da.

Schrill verzerrte pinke Märchenwelten irgendwo zwischen Sigmund Freud und Walt Disney sind der Tummelplatz der Hardcore-Performerin Ann Liv Young. Für den Steirischen Herbst hat sie ihre Dornröschen-Show Sleeping Beauty um zwei neue Teile erweitert. Friederike Felbeck ist begeistert.

Haben Superhelden ausgedient? Früher, ja früher!, wussten Batman & Co., wer böse genug war, um gejagt zu werden. Wie aber ist das in einer Welt, in der die Feindbilder zerfallen? Rebekka Kricheldorf hat ein witziges Stück über melancholische Comichelden geschrieben Sergeant Superpower rettet Amerika, dessen Uraufführung Erich Sidler besorgt und Elisabeth Maier gesehen hat.

Mit Tschechows Kirschgarten wird am Ende gleich die ganze Theaterillusion abgeholzt in der Inszenierung von Predrag Štrbac. Wie das kommt und was vorher gesungen und bedeutet wurde auf der Luzerner Bühne, weiß Geneva Moser.

Martin Kippenberger ist in Köln ein Lokalmatador. In den achtziger Jahren mischte er mit seinen Aktionen und Auftritten die Kunstszene auf. Kippenberger! Ein Exzess des Moments nennt Angela Richter ihr Debüt als Hausregisseurin am Schauspiel Köln, das am zweiten Wochenende unter neuer Intendanz mit weiteren Premieren aufwartet. Mehr von Martin Krumbholz.

Ein Großer, von dem man etwas über die Gegenwart lernen kann: In Brecht holt Regisseurin und Puppenspielerin Suse Wächter den Dramatiker Bertolt Brecht ins 21. Jahrhundert, oder besser: macht ihn mit Spock und Skype bekannt. Mehr von Sascha Westphal.

Drei Tony-Awards 2009 und sogar den Pulitzer-Preis 2010 – aber erst jetzt, 2013, gibt es in Fürth die deutsche Erstaufführung des Broadway-Musicals Fast normal(Next to Normal). Dieter Stoll hat die Premiere gesehen.

Im Januar war die Premiere in Frankfurt, nun ist Der talentierte Mr. Ripley, Bastian Krafts schwebebalköse Inszenierung des Patricia Highsmith-Stoffes, leicht umbesetzt, ans koproduzierende Deutsche Theater gewechselt. Marcus Hladek hatte die Premiere am Main beschrieben.

In Rattenkäfige lässt der griechische Regisseur Yannis Houvardas, ehemaliger Leiter des griechischen Nationaltheaters in Athen, Gerhart Hauptmanns Unglücksgestalten aus Die Ratten sperren. Dem naturalistischen Elend um die Unterschichtsfamilie John und die vom Abstieg gefährdeten Mittelschichtler Hassenreuter verpasst er am Münchner Residenztheater einen expressionistischen Look. Petra Hallmayer hat diesem Reality-TV mit Gruselnote zugesehen.

Katja Brunner war die Überraschungssiegerin von Mülheim, wo sie im Mai vor Jelinek & Co. den renommierten Dramatikerpreis einheimste. Jetzt kramen die 1991 geborene Dramatikerin, die auch Performerin ist, und drei Mitstreiterinnen an der Zürcher Off-Stätte Gessnerallee für den Abend Ich habe nicht am Anfang begonnen, sondern in der Mitte in den Geschichten ihrer Mütter und Großmutter. Andreas Klaeui fühlte sich zum Familien-Dia-Abend geladen.

Gestern feierte das Kriminalstück Brandung der Kleistförderpreisträgerin Maria Milisavljevic in der Box des Deutschen Theaters seine Berlin-Premiere. Die Inszenierung von Christopher Rüping kam im Juni bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen heraus, wo Martin Krumbholz sie gesehen hat.

Lilith Stangenberg spricht der Lady Macbeth Worte. Und wie! Zwischen Grimm und Grimasse, Anverwandlung und inniger Distanz. Einen irrlichternden Sound- und Bilderreigen hat David Marton aus einer Handvoll Shakespeare-Zitate geschaffen. Das Schottenstück heißt der Abend an der Volksbühne, wo Marton mit "Wozzeck" seinen Karriere-Grundstein legte. Was er nun nachlegt? Mehr darüber von Georg Kasch.

Sieben Tage hat Gott gebraucht, um die Welt zu erschaffen. Sieben Lieder hatte Meat Loafs 70er Jahre Album "Bat Out of Hell" – Zufall? She She Pop erzählen in ihrem neuen Abend Ende am Berliner HAU ihre Version der Schöpfungsgeschichte. Und in der dreht sich alles um Musik, Männer, Frauen und mehr oder minder fortschrittliche Geschlechterfragen. Mehr von Sophie Diesselhorst.

Herbert Grönemeyer war zwanzig Jahre alt, als er 1976 musikalischer Leiter am Schauspielhaus Bochum wurde. Was dann kam, ist längst Legende. Jetzt hat das Theater die überfällige Heimholung des Stars aus dem Ruhrpott organisiert. Und zwar mit Hilfe des bewährten Theaterhitlieferanten Lutz Hübner. Das ganze heißt ganz einfach Bochum. Wie Grönemeyers legendäres Album. Regine Müller hat zugeschaut.

Der Anspruch, dass man immer man selber sein soll, ist schon ein ziemlicher Dauerterror! So viel Richtiges ist schließlich selten vorhanden in unserem falschen Leben. "Go on, pretend!" ruft uns also fröhlich Boris Nikitin zu, derseinen neuen Abend Sei nicht du selbst! beim Steirischen Herbst herausgebracht hat. Leopold Lippert berichtet.

Im Sommer lästerte Frank Castorf über die Mentalität auf seinen Bayreuth-Proben: "Was da auf der Bühne ablief, war Stadttheater Ingolstadt." Daraufhin lud Ingolstadts Intendant ihn zur Premiere seines Volksbühnen-Kollegen Johann Kresnik ein. Was nun mit oder ohne Zuschauer Castorf bei Kresniks Biografieauslotung von Ingolstadts Literaturheldin Marieluise Fleißer Lebenmüssen ist eine einzige Blamage auf der Bühne ablief, weiß Isabella Kreim.

Der Klamauk haut sich selbst k.o. in Michael Frayns Der nackte Wahnsinn, vielgespielt auf deutschen Bühnen. Und jetzt auch in Hamburg, inszeniert am Thalia Theater von Ulk, nein, immernoch: Luk Perceval. Mehr von Falk Schreiber.

Warum wird Lessings Bürgertragödie Emilia Galotti immer noch gespielt? Enrico Lübbe wählte das Trauerspiel für seinen Einstand als regieführender Intendant am Schauspiel Leipzig, Hartmut Krug sucht nach einer Antwort.

Felicia Zeller hat ein neues Stück geschrieben, in dem sie ihr Zeller'sches Spotlight auf die Sprache der Netzwerke der Macht richtet. Und so schöne Formationen entdeckt wie die Marketingagentur "Mover, Shaker und Partner". Burkhard C. Kosminski hat Die Welt von hinten wie von vorne in Mannheim uraufgeführt. Dennis Baranski berichtet.

Das deutsch-britische Performerkollektiv Gob Squad hat auf Youtube ein Video gefunden. Aus dem Herzen der Western Society. Klar, dass sie es gleich im Berliner HAU nachstellen wollten, mit Hilfe des Publikums. Eva Biringer hat zugeschaut.

Ein Experimentalfilmer und ein Live-Elektroniker, Daniel Kötter und Hannes Seidl, schauen nach, ob die "Macht der Banken" auch Gesicht und persönliche Geschichte besitzt. Kredit. Von der Erwartbarkeit zukünftiger Gegenwarten hatte beim Steirischen Herbst Premiere. Reinhard Kriechbaum war zugegen.

Der Roman Die Wohlgesinnten taugt mit seiner Ästhetisierung des Schreckens, die den Massenmord in die Perspektive der antiken Tragödie rückt, durchaus zum Skandalon. Der italienische Regisseur Antonio Latella hat ihn nun am Wiener Schauspielhaus auf die Bühne gebracht. Genaueres weiß Leopold Lippert.

Der zweite Tag von Enrico Lübbes Auftakt-Marathon brachte
eine Uraufführung und eine Stückausgrabung mit Seltenheitswert. Wolfram Hölls
spannendes Assoziations-und-Erinnerungs-Stakkato Und dann, beim Heidelberger
Stückemarkt preisgekrönt, wurde von Claudia Bauer in eine Puppenstube versetzt.
Franz Grillparzers Des Meeres und der Liebe Wellen hat die Slowenin Mateja Koleznik
auf hohem Felsen angerichtet. Wie sich beides ausnahm, sagt Ute Grundmann.

"Vielfalt", keinen "Gemischtwarenladen" hat Enrico Lübbe für sein alt-neues Schauspiel Leipzig angekündigt. Viele kommen gucken, wenn der Nachfolger des Ekstatikers Sebastian Hartmann sein Glück versucht. Erst einmal jedoch schickt der Hausherr seine Mitarbeiter ins Rennen. Who's there von Monster Truck, Kathrin Rögglas Der Lärmkrieg, inszeniert von Dieter Boyer, und Othello, Spielleitung: Christoph Mehler, bilden den fetten Dreier des Marathon-Eröffnungsabends. Tobias Prüwer hat zugeschaut.

Schwerverliebte Schwerterotiker, schlappschwänzige Könige, heutig daherkommende "Ich"-Sager – das sind Die Nibelungen am Schauspielhaus Bochum. Psychologiseur Roger Vontobel inszeniert Friedrich Hebbels Saga als Zickenkrieg mit fatalen Folgen. Stefan Schmidt hat sich die fünf Stunden gern gefallen lassen.

Was kann uns August Strindbergs "Fräulein Julie" heute noch sagen? Eine ganze Menge, findet die brasilianische Regisseurin Christiane Jatahy und versetzt in Julia die bessere Tochter und ihren Diener nach Brasilien und in einen Loop zwischen gestern und heute. Sehr zur Begeisterung von Esther Boldt.

Wie offen ist die Schweiz, ist Zürich für Ankommende von außerhalb? Das fragt Neuintendant Peter Kastenmüller mit seiner halbdokumentarischen Installations-Serie Arrivals I-IV am Zürcher Neumarkt-Theater, deren erster Teil gestern über die Bühne ging. Claude Bühler war zugegen.

Als Teil der Reihe auf Probe - Alltagsutopien für das Braunschweiger Land hat sich Gero Vierhuff, einer der markantesten Köpfe der niedersächsischen freien Szene, einen Möchtegern-Regenten ausgedacht. In Der König bittet zum Tanz am Braunschweiger LOT-Theater regiert Herbert vom Klo-Thron aus, bis er aufbricht nach Gifhorn und Wolfsburg. Alexander Kohlmann ist mitgereist.

Diese Julia könnte aus dem Klan der Geissens oder irgend ein anderer Neureichenspross Marke RTL 2 sein. Dann kommt der sanfte Romeo und seine Liebe über sie. Der isländische Regisseur Thorleifur Örn Arnarsson hat Shakespeares berühmte Teenager-Tragödie Romeo und Julia in Mainz als wahnwitziges, wildes Fest der Liebe angerichtet. In einer ungestümen Montage, die Shirin Sojitrawalla begeistert hat.

Sie waren die Protagonisten der verunglückten Revolution im November 1918: die Kommunisten Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, wenige Wochen später von rechten Freikorps ermordet. Alfred Döblin sezierte in seinem Monumentalroman November 1918 den Kern der deutschen Tragödie. Am Vorabend des Tags der Deutschen Einheit hat Alice Buddeberg den letzten Band Karl und Rosa zu einem Theaterabend verarbeitet. Andreas Wilink berichtet.

Zur Eröffnung seiner visionären Spielstätte Ding Dong Dom hat das gerühmt-verschrobene Performancekollektiv Showcase Beat Le Mot im Auftrag des Hebbel am Ufer sein Publikum zu einer Schifffahrt geladen und reichlich Alkohol ausgeschenkt. Was es unterwegs geboten bekam, weiß Eva Biringer.

Entlegene Epochen und unverbundene Ereignisse mischt er leichthändig wie einen Kartenhaufen: Der Theatermacher Robert Lepage hat sich mit seiner Gruppe Ex Machina den Zauberkünstlern und Illusionspionieren der Jahrhundertwende 1900 anverwandelt. Das Ergebnis ist der zweite Teil seiner Kartenspiel-Tetralogie: Playing Cards: Hearts, herausgekommen auf der Ruhrtriennale. Sarah Heppekausen blickte in die theatrale Wundertüte.

Willkommen im Land der Avatare: Mit ihrer vom Fonds Doppelpass geförderten Hollywood-Adaption Surrogates – Mein zweites Ich entführen Regisseur Klaus Gehre und das Theater Handgemenge den Zuschauer mit Puppenspiel, Live-Actionbastelei und Video in eine schillernde Roboter-Welt. Juliane Voigt ist begeistert.

"Man weiß, dass Hamlet, so wie Horatio, in Wittenberg auf die Universität gegangen ist. Die beiden sind also definitiv Protestanten." Wie Regisseurin Andrea Breth dieses Insiderwissen bei ihrem Hamlet wohl nutzt? Und wie August Diehl, der zum zweiten Mal bei Breth eine Prinzenrolle spielt, diese Biographie wohl nutzt? Von sechs Stunden am Wiener Burgtheater berichtet Martin Thomas Pesl.

Kein leichtes Erbe, in Köln Karin Beiers Nachfolge anzutreten, und das vorerst in einer Interimsbühne, weil das Große Haus in der Innenstadt generalüberholt wird. In der alten Kabelfabrik Carlswerk wird seit diesem Wochenende gespielt. Nach dem "Nackten Wahnsinn" am Freitagabend geht die Eröffnung mit Moritz Sostmanns Inszenierung von Brechts Der gute Mensch von Sezuan weiter. Mehr von Stefan Schmidt.

Wenn der Tyrann doch endlich weg wäre! Dann ... ja, was dann eigentlich? Fragt sich Radikal-Jung-Regisseur Csaba Polgár anhand von Shakespeares Julius Cäsar am Münchner Volkstheater. Petra Hallmayer war dabei.

Sebastian Nübling hatte den Schauspielern für dieses Gorki-Stück jüngst Rollschuhe unter die Füße geschnallt. Markus Dietz lässt in seiner Version von Die Letzten in Wiesbaden nun auf einer spiegelnden Wasseroberfläche spielen. Und zwar ziemlich gut, findet Shirin Sojitrawalla.

Das Leben ist ein Spiel, aber die Zeit läuft in Mark Zurmühles Inszenierung von Faust! Der Tragödie erster und zweiter Teil. Sand rieselt aus einem Sack, außerdem bespielt das Ensemble in einer umgebauten Lokhalle gleich vier Bühnen. Mehr von Jan Fischer.

Wer hätte gedacht, dass bereits Heinrich von Kleist das Drama der Generation Facebook geschrieben hat? Sein Kriegsheimkehrer-Wirrspiel "Amphitryon" gereicht Karin Henkel am Zürcher Schauspielhaus jedenfalls dazu, unter dem Titel Amphitryon und sein Doppelgänger bestechend schlüssig vom Identitätskollaps im Zeitalter der sozialen Netzwerke zu erzählen. Ewa Hess hat beim Rollenhopping zugesehen.

Ist Ostalgie noch das richtige Wort für das postideologische Erinnern an die DDR, das derzeit Konjunktur hat? Oder müsste man ein neues finden? Für das, was zum Beispiel Jan Jochymski an seinem Theater Magdeburg mit dem Brussig/Haußmann-Filmklassiker Sonnenallee veranstaltet? Matthias Schmidt berichtet.

Wofür sind wir im Krieg gestorben? Warum ließen wir uns schlachten? Das fragen die wieder auferstehenden Weltkriegssoldaten, die in Andrzej Stasiuks Stück Thalerhof die Nachgeborenen zur Rede stellen. Schauspielchefin Anna Badora hat das in Graz auf die Bühne gebracht – keineswegs knochentrocken, findet Reinhard Kriechbaum.

Ach, Europa, es ist auch schon mal schöner von dir geträumt worden als von Simon Stephens, der in seinem britisch-estnisch-deutschen Stück Three Kingdoms die Kontinentalglobalisierung so genau unter die Lupe nimmt, dass es eklig wird. Am Landestheater Tübingen hat sich nun Stefan Rogge an den Stoff gewagt. Zu welchem Ende, weiß Steffen Becker.

Im finsteren Angst-Raum, einsam im Lichtkegel, steht die Entrückte: Kathleen Morgeneyer als Johanna. Michael Thalheimer hat mit gewohnt fester Pranke nach Schillers Die Jungfrau von Orleans gegriffen, die nach ihrer Salzburger Premiere, wo Otto Paul Burkhardt sie sah, jetzt am Deutschen Theater Berlin zu besichtigen ist.

Wie weit sind Georg Büchner und Michel Houellebecq voneinander entfernt, wie weit der revolutionär gestimmte Vormärzler vom kühlen Zynismus-Prediger? Dass man ihre Visionen durchaus in einen Denkraum zwingen kann, zeigt Intendant Johan Simons mit seinem Saisonauftakt Dantons Tod an den Münchner Kammerspielen, wo man soeben Simons' Nachfolger bestimmt hat. Sabine Leucht sah die Zeichen auf Großkunst stehen.

Am Zürcher Neumarkt-Theater stehen alle Zeichen auf Ankunft. Dort starteten gestern Peter Kastenmüller und Ralf Fiedler ihre Intendanz und machten das Ankommen mit zum Thema – indem sie Luchino Viscontis Migrationsfilm und Neorealismo-Klassiker Rocco und seine Brüder auf die Bühne brachten. Wie das ausschaute, sagt Philipp Ramer.

The Wasp Factory hieß 1984 der erste Roman von Iain Banks. Ein Schreckenszenario ohnegleichen. David Pountney hat nach dem Buch ein Libretto geschrieben, Ben Frost hat es mit drei Schauspieler-Sängerinnen zur Musik von fünf Streichern inszeniert. Eva Biringer war bei der Premiere im HAU.

Normalhin verteidigt sich Europa mit Gewalt gegen unerwünschte "Eindringlinge". Dass Ausgrenzung früher beginnt, zum Beispiel in der Sprache, führt die Autorin, Schauspielerin und Regisseurin Laura de Weck in der Gessnerallee in Zürich vor. Die Premiere von Espace Schengen hat Julia Stephan gesehen.

Wenn das kein technischer Fortschritt ist: Ein Heißluftballon steht in "Glanz und Elend der Kurtisanen" auf der Bühne, das vor drei Wochen in Berlin Premiere hatte. Im neuen René Pollesch, Cavalcade or Being a Holy Motor, in Wien spielen wieder Martin Wuttke, Birgit Minichmayr, und es gibt einen Düsenjäger - Sinnbild fürs Brummen der inneren Motoren? Mehr von Teresa Präauer.

Das Ballhaus Naunynstraße hat seine Türen unter der neuen künstlerischen Leitung von Wagner Carvalho und Tunçay Kulaoğlu geöffnet. Erster Schwerpunkt ist das Festival "Black Lux", in dessen Rahmen Elisabeth Blonzens erstes Stück Schwarz tragen uraufgeführt wurde. Es geht um Trauer, Hautfarbe und um Schutzräume, in denen man sein kann, wie man ist. Mehr von Esther Slevogt.

Das Material, das der bekannte Dokumentarfilmer Andres Veiel in Interviews mit Protagonisten der deutschen Hochfinanz für sein Stück Das Himbeerreich gesammelt hat, sollte Einblicke in Banker-Seelen und Crash-Strukturen geben. Nach der Uraufführung in der letzten Spielzeit durch Veiel selbst hat nun der junge Regisseur Sebastian Kreyer den Stoff in Kassel auf die Bühne gebracht. Michael Laages berichtet.

Das Szenario kennt man aus dunklen Science-Fiction-Streifen der Marke "The Matrix": Gehirne schwimmen im Tank, angeschlossen an Megacomputer, die ihnen ihre Realität simulieren. Konstantin Küspert hat es nun mit seinem Erstling Mensch Maschine für die Bühne entworfen. Wie die Uraufführung durch Sahar Amini am Theater Regensburg gelang, weiß Christian Muggenthaler.

Wenn die Realpolitik zur inhaltsarmen Personality-Inszenierung verkommt, muss die Bühne die Fackel der Freiheit hochhalten: Robert Schuster hat in Freiburg Georg Büchners Revolutionsdrama Dantons Tod repolitisiert und engagiert zugespitzt. Jürgen Reuß hat sich die Unternehmung am Abend vor der Wahl zum deutschen Bundestag angeschaut.

Achtzig afrikanische Flüchtlinge finden seit dem Sommer Unterschlupf in der winzigen St. Pauli Kirche. Über die Insel Lampedusa kamen sie nach Deutschland. Italien wollte sie loswerden und Hamburg will sie auch nicht haben. Das Thalia Theater integrierte einen Teil von ihnen in die Lesung von Die Schutzbefohlenen. Ein Maximum an politischer Intervention, das ein Stadttheater leisten kann, so Falk Schreiber.

Noch mehr Politik: Hugo Chávez kritisiert die imperialistische Weltdiktatur – eine reale Rede, die in Wir schweben wieder die privaten Neurosen der Figuren durchbricht. Charlotte Roos' tragikomisches Stück wurde 2012 beim Heidelberger Stückemarkt und den Berliner Autorentheatertagen vorgestellt, jetzt wurde es endlich uraufgeführt. In Bielefeld sah Kai Bremer zu.

In Jalta auf der Krim, berieten 1943 die Führer der kriegsalliierten Großmächte Sowjetunion, Vereinigten Staaten und Großbritannien die Aufteilung der Welt nach dem Sieg über das nazistische Deutschland. Lucas Svensson hat darüber ein Stück geschrieben, Staffan Valdemar Holm hat es in Düsseldorf uraufgeführt, Andreas Wilink war bei der Premiere.

In Rostock kriselt das Volkstheater gewaltig. Jetzt hat sich die neue Schauspieldirektorin Cornelia Crombholz dem hanseatischen Publikum vorgestellt. Den Namen des Hauses hat sie dabei wörtlich genommen für ihre Inszenierung des alten Volksbuches Till Eulenspiegel. Juliane Voigt hat die Inszenierung gesehen.

Darf man für einen Pharmakonzern arbeiten, der in Afrika illegal Medikamente testet? Einfache Frage, schwierige Antwort in dem Stück Die Glaubensmaschine, von Alexi Kaye Campbell, einem jungen britischen Autor. Auch ein angry young man? Mehr von Andreas Schnell.

Dass Familie die Hölle ist, ist eine alte Geschichte, die das Theater immer neu erzählt. Und dass wir stets mehr wollen als wir kriegen, erst recht. Noah Haidle, amerikanischer Dramatiker und Drehbuchautor, hat eine ganz eigene Spielart des Familiendramas entwickelt, irgendwo zwischen Norén, Beckett und Fernseh-Soap. Lucky Happiness Golden Express heißt sein jüngster Wurf. Die Uraufführung von Thomas Bockelmann sah Leonie Krutzinna.

Daniil Charms' absurdistische "Zwischenfälle" wurden unlängst erst im Burgtheater von Andrea Breth zelebriert. Jetzt eröffnet der steirische herbst in Graz mit der Charms-Adaption H, an incident von Kris Verdonck und seiner A Two Dogs Company. Mit dabei: der Keyboarder der Synthie-Elfe Björk, eine Menge Wortwitz – und Nachtkritiker Martin Pesl.

Nach "neuen Formen" im Theater sucht der angehende Schriftsteller Konstantin in Tschechows Komödie Die Möwe. Und wird von seiner Mutter, einer berühmten Schauspielerin, ausgelacht. Auf welche Seite sich nun Viktor Bodó schlägt, weiß Annette Hoffmann.

Ein Jahr vor den epochalen Schrecken des 20. Jahrhunderts: 1913. Der Pop-Kulturflaneur Florian Illies hat es jüngst in seinem gleichnamigen Buch feuilletonistisch ausgeleuchtet. Am Theater Oberhausen verarbeitet Vlad Massaci es jetzt zu einer Revue mit kunstgeschichtlichem Chic. Martin Krumbholz war da.

l Was haben Liebe und Information miteinander zu tun? Das erforscht Caryl Churchill, große alte Dame der feministischen britischen Dramatik, in ihrer Szenensammlung, die Caro Thum in Münster zur deutschsprachigen Erstaufführung brachte. Mehr von Tim Schomacker.

Ein Hund ist tot und Christopher gerät unter Verdacht. Dabei liebt er Hunde. Also fängt er an, auf eigene Faust zu ermitteln. Mark Haddon verfasste mit Supergute Tage oder Die sonderbare Welt des Christopher Boone den Roman eines Jugendlichen mit Asperger-Syndrom. Jan Gehler hat ihn am Staatsschauspiel Dresden zur deutschsprachigen Erstaufführung gebracht. Herzerwärmend, findet Ralph Gambihler.

Der Komponist Helmut Lachenmann hat sein einziges Musiktheaterwerk Das Mädchen mit den Schwefelhölzern nach Texten von Hans Christian Andersen, Gudrun Ensslin und Leonardo da Vinci als begehbare Landschaft bezeichnet. Robert Wilson nimmt ihn bei der Ruhrtriennale beim Wort und stellt sich sogar selbst auf die Bühne – unter anderem mit Angela Winkler –, umspült von einem sirrenden Surround-Sound, der Lachenmanns einzigartige Tonsprache in ihrer ganzen Komplexität auffächert. Und das Werk neu erfindet, sagt Regine Müller.

Ein Hamburger Jung ist Rock'n'Roll-Regisseur Jürgen Kruse selbst und qua Beruf auch eine Art Stromer. Wer, wenn nicht er, könnte also Zugang finden zu Beckmann, dem heimatlosen Helden aus Wolfgang Borcherts wieder viel gespieltem Nachkriegsklassiker Draußen vor der Tür, der durch das Hamburg der unmittelbaren Zeit nach 1945 streift? Esther Boldt hat sich in eine fiebrig surreale Seemannskneipe begeben.

Das notorische Geschwisterpaar Orest und Elektra beschäftigt das Theater bereits ein paar Jahrtausende. Jetzt hat David Bösch den antiken Stuck von dem Stoff abgeschlagen, die Götter gestrichen und die Geschwister als wohlstandverwahrloste Kids ins Residenztheater gestellt. Steffen Becker berichtet.

Das jährliche GlückAufFest zum Spielzeitauftakt ist stets ein buntes, ausuferndes und inhaltsreiches Spektakel. Grundlage des diesjährigen, zehnten und letzten Fests unter der Intendanz von Sewan Latchinian waren Prosatexe, u.a. von Rainald Goetz, Christoph Hein und Volker Braun. Hartmut Krug hat sich die Nacht um die Ohren geschlagen.

Look Back in Anger – da fühlt man sich ein wenig an Oasis erinnert. Oder an den Wut-Klassiker aus alter Zeit: John Osbornes Blick zurück im Zorn kam 1956 heraus. Jetzt holt Martin Nimz das Stück ins Staatstheater Saarbrücken. Ob er die Wutbürger im Parkett kitzeln konnte, weiß Stefan Schmidt.

Nicolas Stemanns Kommune der Wahrheit ist am Thalia Theater angekommen. Den Auftakt dieses Work in Progress sah Reinhard Kriechbaum bei den Wiener Festwochen.

Geburtstag gönnt sich das Staatsschauspiel Dresden ein ganz großes Event: Gemeinsam mit der benachbarten Semperoper und dem Collegium 1704 aus Prag gibt es traumhafte Bühnenmusik und britischen Sagenschatz: King Arthur von John Dryden und Henry Purcell mit neuen Textbeiträgen von Armin Petras. Tilmann Köhler trat ans Regiepult und Ralph Gambihler reiste hin.

Der große Stück-Remixer Stefan Pucher ist in Zürich am Start und nimmt sich auf einer eindrucksvollen Breitwandbühne am Schauspielhaus Georg Büchners Dramenfragment Woyzeck vor. Ob die reichen Video- und Tonspuren zusammenfinden, weiß Andreas Klaeui.

Reichen Business-Look und Allerweltston, um mit Die Nibelungen etwas übers Heute auszusagen? Was die Modernisierungs-Regisseurin Jorinde Dröse zum Frankfurter Saisonstart aus dem alten Hebbel rausholt, berichtet Shirin Sojitrawalla.

In eine kühle glatte Welt am Ende des Pop, am Ende des Konsumismus, am Ende der Geschichte lädt der junge Genie-Autor Leif Randt mit seinem Roman Schimmernder Dunst über CobyCounty ein. In Bremen adaptiert Felix Rothenhäusler das Werk. Auch schimmernd, aber wie weiter, weiß Tim Schomacker.

Schleimen, schleichen, schlurchen; Damen dreist benutzen, Herren heftig mobben: Der Parasit von Friedrich Schiller nach Picard. Oder: "Mach mir den Guttenberg". Nurkan Erpulat bittet zu einem wahrhaft Düsseldorfer Tanz. Andreas Wilink war dabei.

Der Regisseur sitzt im Publikum und ruft den Schauspielern zu, was sie machen sollen. Ob der Dortmunder Intendant Kay Voges in Das goldene Zeitalter so dem ewigen Lebens-Loop entkommen kann, weiß Sascha Westphal.

Es könnte alles so gut sein für Isolde: ein solider Ehemann, eine erfolgreiche Karriere als Schauspielerin, der Hausbau in idyllischer Landschaft steht auch schon an. Aber leider ist ihre Situation nach Motiven von "Tristan und Isolde" gestrickt. Und also stürzt sie alsbald in eine seelisch zerrüttende Dreiecksgeschichte. Mit seinem Stück Isolde eröffnet Richard Maxwell die Spielzeit am Theater Basel. Claude Bühler war vor Ort.

Biometrische Passkontrollen, Datenvorratsspeicherung und NSA-Überwachung. Wenn das nicht die Stunde des Josef K. ist! Am Schauspielhaus zeigt Intendantin Barbara Frey das Justizopfer aus Franz Kafkas Roman Der Prozess. Ob sie heutige Überwachungspolitiken in den Blick bekommt, weiß Christoph Fellmann.

Familien, die nach Schweden fliehen; Kinder, die in unerklärliche Apathie verfallen. Mit diesem realen Vorfall beschäftigt sich Apathisch für Anfänger von Jonas Hassen Khemiri. In ihrer Inszenierung am Staatstheater versucht Mina Salehpour, Klischees in den Schubladen zu lassen. Jan Fischer denkt über das Erlebte nach.

Die untergegangene Welt, das ist im Düsseldorfer Forum Freies Theater eine Bühne voller Schuhe, aus denen ein verstrahlter Urwald wächst. In Postcards from the Future erzählt Anna Malunat von einer Welt nach der Katastrophe. Sascha Westphal hat die Premiere gesehen.

Als vor zwei Jahren das Buch Soldaten. Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben erschien, das die Gespräche deutscher Kriegsgefangener des Zweiten Weltkrieges versammelt, sorgte es für einiges Aufsehen. Jetzt ist es mit Thomas Dannemanns Inszenierung für das Schauspiel Hannover im Theater angekommen. Wie wird hier vom Krieg erzählt? Jan Fischer gibt Auskunft.

Mit Weiskerns Nachlass hat Christoph Hein eine wunderbar groteske, aber nicht grobe Satire auf den heutigen Wissenschaftsbetrieb geschrieben. Enrico Stolzenburg, einer der neuen Hausregisseure am Nationaltheater Weimar, hat den Roman nun in einer eigenen Bühnenfassung zur Uraufführung gebracht. Ute Grundmann berichtet.

Wie eine Glasglocke schwebt das Bühnenbild herunter, dazu eingängige Akkorde von Lana del Rey und inmitten eine Frau, die fest glaubt, die genau spürt, dass die Rückkehr des Mannes, dem sie sich einst versprach, kurz bevor steht. Alles ist einer unheilvollen Ahnung gleich in Anna Bergmanns Inszenierung von Ibsens Die Frau vom Meer am Akademietheater Wien. Kai Krösche war bei der Premiere und ist schwer begeistert.

Ein großes Kunstmärchen, nämlich Wilhelm Hauffs Das Wirtshaus im Spessart, ein tolles Bühnenbild, Schauspieler, die sich den Wolf spielen, und ein Musiker, der mit morbiden Banjoklängen das Geschehen begleitet – eigentlich alles da, womit Lars-Ole Walburg bei seiner Saisoneröffnung am Schauspiel Hannover auftrumpfen könnte. Mehr von Stephanie Drees.

Hasko Weber stellt sich als neuer Intendant des Nationaltheaters Weimar vor. Gleich zum Auftakt Goethes Faust I zu inszenieren, ist eine Ansage. Und was für eine, sagt Hartmut Krug.

Glanz und Elend der Kurtisanen, ist das nicht ein Roman von Honoré de Balzac? Und was, um Gottes Willen, interessiert René Pollesch daran? Wolfgang Behrens berichtet.

Wasser, Walfett und Männerschweiß, das sind die Stoffe, mit denen Antú Romero Nunes seine Auftaktinszenierung am Thalia Theater Moby Dick auf Touren bringt. Mehr von Falk Schreiber.

Lumpazivagabundus von Johann Nestroy ist eine Art österreichischer Sommernachtstraum. Matthias Hartmann hat die Zauberposse inszeniert. Gestern abend kam sie nun im Burgtheater heraus. Reinhard Kriechbaum nahm den Abend schon bei den Salzburger Festspielen in Augenschein.

Vor dem Goethe-Theater ward der rote Teppich ausgerollt. Darüber schritt einige Prominenz. Der Kulturstaatsminister zum Beispiel. Und Rolf Hochhuth, dessen neues Werk Neun Nonnen fliehen hier uraufgeführt wurde. Matthias Schmidt kann es bezeugen.

Haste mal'n Euro? Diese Frage genügt heute nicht mehr. Auch Bettler müssen sich verkaufen. Lola Arias nimmt in The Art of Making Money – Eine Bremer Straßenoper das Publikum auf Feldforschung mit. Darunter auch Jens Fischer.

Bei dieser Produktion der britischen Live-Art-Gruppe Forced Entertainment ist alles anders. Statt Abarbeitung an der Sprache gibt es in The Last Adventures bei der Ruhrtriennale einmal Bildertheater pur. Nein, nicht ganz pur: Die Bilder und Performer sind von einem Klangmeer des libanesischen Soundcollagisten Tarek Atoui umspült. In der auratischen Gladbecker Maschinenhalle Zweckel hat Sarah Heppekausen das suggestive Spektakel verfolgt.

Die Katastrophe in den japanischen Atomreaktoren von Fukushima inspirierte Elfriede Jelinek 2011 zu ihrer Sprechoper Kein Licht. Für dramagraz hat das Stück jetzt der Dichter und Regisseur Ernst Marianne Binder inszeniert. Reinhard Kriechbaum berichtet.

Während das Merkel-Steinbrück-Duell an den Bildschirmen politische Agonie in die Herzen der TV-Zuschauer pflanzte, widmete sich das Deutsche Theater der Agonie einer ganz anderen Zeit: In einem "zaristischen Lehrstück" beleuchten Tom Kühnel und Jürgen Kuttner das Ende der Romanows und präsentieren die Zarin als Gegenkonzept zur Brecht'schen Mutter. Esther Slevogt war vor Ort.

Shakespeares Komödie Viel Lärm um nichts ist eine der Verstellungen, des Als-ob. Zum Saisonauftakt an der Berliner Schaubühne hat Marius von Mayenburg den Bühnen-Dauerbrenner neu übersetzt und selbst inszeniert: als Kostümorgie und Zitatschnitzeljagd aus Pop- und Filmgeschichte. Ob und wie das mit den tragischen Abgründen des Stücks zusammengeht, weiß Anne Peter.


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