Körperkunst nach den Katastrophen

von Sascha Just

September 2010. In diesem Sommer, als sich wie alljährlich der New Yorker Theaterbetrieb von Broadway bis Off-Broadway in der Sommerpause oder bei Freiluftshows wie "Shakespeare in the Park" erholte, wollte die politische Bühne nicht zur Ruhe kommen. Zwischen Teaparty und der aus Opposition gegründeten Coffeeparty, der Kontroverse um das Islam Kultur Zentrum nahe Ground Zero und den Immigrationsgesetzen in Arizona lag Amerika mit sich im Streit. Für konkrete Antworten von Theatermachern auf diese Themen ist es zu früh, doch ein Blick auf die Off-Off Theaterszene illustriert, wie weit kulturelle Welten in den USA auseinanderklaffen können.

Varieté mit religionskritischen Reverends

Eine Wanderung durch die Off-Off-Szene führt unweigerlich zum Fringe Festival, das über zwanzig Bühnen in Downtown Manhattan und Brooklyn verstreut jährlich zwei Wochen des fast dreimonatigen Theatersommerlochs füllt. Als Mekka der Mini-Budget-Ensembles und Schauspielschulabsolventen steht das Fringe nicht unbedingt für politisches Theater, sondern eher für ambitionierte Probebühne und Talentbörse voller Boy-meets-Girl Komödien, Science Fiction Satiren und Musicalparodien.

Ausnahme ist die Varieté Show "Interfaith Understanding with Reverend Bill and Betty", ein gutgemeinter Versuch, das amerikanische Reizthema Religion humoristisch anzugehen. Die sexhungrigen Moralprediger Bill und Betty singen und witzeln sich durch ein Repertoire von Versprechern jenseits begreifbaren Geschmacks. Mormonen werden als Morons, also Geistigbehinderte bezeichnet; und die Scherze über Muslime und Juden sind nicht druckfähig. Der den beiden Christen in den Mund gelegte Unsinn soll wohl Evangelicals als fanatisch entlarven, befreit jedoch gleichzeitig Darsteller und Zuschauer von den Zwängen der "political correctness": Das Publikum kichert fröhlich über die chauvinistischen Späße.

State of the Nation - Hurricane Katrina als Dokumentartheater

Viel überzeugender ist dagegen die One-Woman-Show "23 Feet in 12 Minutes", ein Dokumentardrama über Hurricane Katrina (passend zum fünften Jahrestag), basierend auf über sechzig Interviews, die die New Yorker Autorin und Regisseurin Mari Brown mit Überlebenden des Sturms geführt hat. Vor sechs leeren Stühlen verkörpert Deanna Pacelli sechs Bewohner von New Orleans, die sich und andere in geradezu apokalyptischen Umständen retten konnten. 23 Fuß, also geschlagene 7 Meter, stieg das Wasser innerhalb von 12 Minuten. Die Berichte sind von mythischem Ausmaß: Durst, Hunger, Massensterben, abstruse Fluchtversuche, Vergewaltigungen im Superdome, schier endloses Warten am Flugplatz, Verlust der Heimat.

Die Stärke dieser Produktion liegt jedoch nicht nur in den Originaltexten, sondern zu großen Teilen in Pacellis nuanciertem Spiel. Mittels präziser Gestik, Tonfall, Aussprache verwandelt sich die junge, weiße Schauspielerin in Männer und Frauen, schwarz und weiß. Sie wechselt in Sekundenschnelle von einem zur anderen und webt ohne Requisiten, sich ganz auf ihren Körper verlassend, die Geschichte der Katastrophe. "23 Feet in 12 Minutes" ist ein bewegendes Erinnerungsstück, das Fragen zum Umgang der Nation mit sich selbst aufwirft, und über die Festivalebene hinaus noch viel von Mari Browns Ensemble "Word on the Street Productions" erhoffen lässt.

Latex und Lamé: Neoburlesque unterwandert die Geschlechtergrenzen

Rote Beleuchtung, verschnörkelte Spiegel: Die "R-Bar" auf der Bowery spätnachts. Conferencier Albert Abacadabra verschluckt einen sechzig Zentimeter langen Ballon. Ein geschickter Striptease aus der Zwangsjacke, und schon kündigt er die nächste Künstlerin an: Miss Tickle schält sich aus einem Baby Doll Kleidchen. Darunter ist sie von Kopf bis Fuß in Latex gepresst, eine lebendige Blow Up Doll, die mechanisch Sexstellungen mimt - Sexmachine Frau. "For Sale" schreibt sie sich auf den Bauch; da stript bereits Mr. GoGoHarder, ein volltrunkener Westernheld mit verfaulten Zähnen, zwischen den Poolstangen.

Der Zerstörer des amerikanischen Cowboymythos verblasst allerdings neben dem Paradestück der Nacht, Rose Wood. Die selbsterklärte Solokünstlerin des Grand Guignol praktiziert "gender terror." Seit mehreren Jahren unterzieht sich Rose einer Geschlechtsveränderung, nicht um Frau zu werden, sondern um mit seinem/ihrem Körper die gesellschaftlich verschriebenen Grenzen der Geschlechter aufzulösen und damit ihr Publikum zu attackieren. Und eine Attacke ist es. Zu den Klängen von Muddy Waters' "Manish Boy" posiert die blondperückte Rose ihren muskulösen Körper in zerfetztem Jeansrock und T-shirt, durch das enorme Brüste hervorbersten. Eine schmuddelige Tankstellenprostituierte, die ihren nackten Hintern auf einer offenen Ginflasche parkt, die Flasche auf diese Weise hochhebt, daraus trinkt und mit theatralischer Wut den Inhalt ins Publikum prustet.

Rose verführt ihre Zuschauer nicht mit ihrer ambivalenten sexuellen Identität, sondern spuckt sie ihnen direkt ins Gesicht. Und je schonungsloser die inszenierte Gewalt, je größer die gebrochenen Tabus, wie Rose nach dem Auftritt erzählt, desto beliebter ist ihre Show. Kein Wunder, dass bei so viel Verdrehung der Männlichkeitsideale im Publikum eine Schlägerei ausbrach. Noch vor einigen Jahren rührte "Neoburlesque" die Trommel der sexuellen Revolution in finsteren Kellerlöchern. Mittlerweile hat sich das Genre zum Rande der Gesellschaft hochgestript. Jeden Sonnabend zelebrieren neoburlesque Performer im Floating Cabaret in Brooklyns Galapagos Art Space vor begeisterten Hipstern ihre erotisch stilisierten Körper als Fetischobjekte.

Krieg/Körper/Spiel - Urban Research

Das Medicine Show Theatre versteckt sich im dritten Stock eines renovierungsbedürftigen Wohnhauses in der 52. Straße nahe am Highway. Dass in Midtown ein Off-Off-Theater seit vierzig Jahren trotz astronomischer Mietpreise existieren kann, stellt eines der Wunder Manhattans dar. Zwei Monate lang gastierte hier das Urban Research Theater mit seinem Stück "PLAY/WAR". Von Grotowskis körperorientiertem Theater beeinflusst, rückt Urban Research Bewegung und Stimme in den Vordergrund, lässt die Inszenierung ohne vorgefertigtes Skript aus langfristigen Proben und Experimenten wachsen. Bewegungen hier sollen nicht das Gesagte untermalen, vielmehr entspringen die sparsamen Dialoge und Lieder den Bewegungen.

Auf karger, schwarzer Bühne zwei Brüder – Liebhaber, die in einem Beckett verwandten Niemandsland Krieg erleben. Isoliert von der Außenwelt, in Liebe und Hass einander verbunden, exerzieren sie schmerzlich und ironisch Erlebnisse und Metaphern von Krieg durch: Zerstörungswut, Todesangst, Trauer um Verlorenes und schließlich die absurde Erkenntnis, dass der nächste Krieg bestimmt kommt, wenn nicht heute, dann nächste Woche. "Wie wär Dienstag?" – "Vielleicht."

Krieg – ein Spiel? Eine Parallele zu den intimsten Beziehungen, die die beiden Darsteller Ben Spatz und Maximilian Balduzzi vorleben. Sie springen, kollabieren, lieben sich so natürlich, als entstünde jede Geste ungeplant im Jetzt als Reaktion aufeinander. Auch wenn die Handlung konkreter konzipiert sein könnte, schafft die Inszenierung, ohne Auswege aus dem Kreislauf anzubieten, eine spannende Reflektion des Phänomens Krieg.

Die Individualität des Körpers

Solo- und Duoperformances, die auf direkte Interaktion mit dem Publikum oder auf intensives Miteinander ausgerichtet sind, fokussieren Zuschauer ganz selbstverständlich auf Eigenarten der Darsteller, die in Ensemblestücken oft unbeachtet bleiben. Darüber hinaus akzentuieren sie leibliche Präsenz – in der Einsamkeit vor leeren Stühlen wie in "23 Feet in 12 Minutes", oder in Marterungen wie in "Neoburlesque". Diese so unterschiedlichen Produktionen setzen den Körper als Medium, Tabubrecher und (Sex-)Objekt in Szene: stilisiert, entblößt, verletzlich, zur Wunschform operiert. Der Körper wird zur ultimativen Instanz der Individualität. Bewusst schaffen diese teils radikalen Inszenierungen Ästhetiken gegen die verbrieften Normen des Mainstreams. Und gerade deshalb passen sie genau in die augenblicklichen Diskussionen über amerikanische Werte, in denen persönliche Freiheit eine so große Rolle spielt.


Sascha Just ist Filmemacherin, Managing Editor des New Yorker Theatermagazins Western European Stages und Doktorantin im Bereich Theaterwissenschaften am Graduate Center der City University of New York.

 

Mehr lesen über US-amerikanisches Theater? In ihrem ersten Theaterbrief aus New York schrieb Sascha Just über die Befragung von amerikanischen Selbstbildern in der Off-Szene. Und das Bielefelder Theater hat in den letzten zwei Jahren mehrfach amerikanische Dramatik präsentiert: auf den Festivals Voices from Underground Zero (Oktober 2008) und Voices of Change (April 2010), wo u.a. "The Change" von Branden Jacob-Jenkins gezeigt wurde.

 

Links

New York City Fringe-Festival: www.fringenyc.org

Medicine Show Theatre: www.medicineshowtheatre.org

R-Bar, Bowery Street: www.rbarnyc.com

Word on the Street Productions: www.wordonthestreetplays.org

 

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