Zirkus der Erinnerung 

von Ute Grundmann

Cottbus, 30. Oktober 2010. Fürst Pückler stöbert in der Gruft seiner Ahnen. Aus einem Sarg fallen ihm Schuhe, aus einem anderen Bücher entgegen. Aus einem dritten poltern Stahlhelme zu Boden. Schließlich stellt der Fürst sich in einen der hochkant stehenden Särge, gewiß, dass auch er, der 30jährige, einmal hier enden wird. Auch solche makabren Szenen gehören dazu, wenn Johann Kresnik im Staatstheater Cottbus eine "Geburtstagsfeier" für Hermann Fürst von Pückler-Muskau zelebriert. Der war Weltreisender und Reiseschriftsteller, Landschaftsarchitekt und Frauenverbraucher, Demokrat und Tyrannenfreund. All das und vieles mehr kommt vor in "Fürst Pücklers Utopia".

Christoph Klimke hat die Textvorlage zu diesem zweistündigen, pausenlosen Abend geschrieben. Doch wer von ihm und Kresnik eine stringente Geschichte, eine nach Zahlen abzählende Biografie erwartet, ist hier natürlich falsch. Wild springen Stück und Inszenierung zwischen Personen und Jahren, Orten und Ereignissen hin und her, so dass selbst der Fürst (Roland Renner) bisweilen ins Grübeln kommt, woher die Menschen um ihn herum etwas wissen, was lange nach ihnen geschehen wird. So etwa, wenn er selbst noch das Kind bei seinen Eltern ist, die aber schon Briefe an eine seiner Frauen lesen.

Schelmenfürst, Glücksritter, Ameisenpoet
Das ist eine der vielen Stationen in dieser Revue, die als Zirkusvorstellung beginnt. Auf der Bühne herbstliche Bäume an den Seiten, hinten sind hinter einem Glitzervorhang Palmen und das Orchester verborgen. Zu Saxophonklängen und Zirkustusch schlagen Kleinwüchsige Rad, Bauchtänzerinnen und Hinkende ziehen vorbei, der klassich schwarz gewanderte Chor zieht rote Nasen an, es gibt Feuerzauber und Remmidemmi. Kresnik bietet alles auf, was das Mehrspartenhaus zu bieten hat: Orchester, Chor, Tänzer, Sänger, Schauspieler und jede Menge Cottbuser Bürger, die als Statisten an diesem Abend des 225. Geburtstages Pücklers dem Fürsten ihre Reverenz erweisen, und sei es als Bäume.

Auf den lautstarken und effektvollen Auftakt folgt die stille, erste Szene des Fürsten, der, mit einem Äffchen auf der Schulter, auf sein Leben blickt, alt ist er und krank, geblieben sind ihm nur blecherne Orden an seinem fadenscheinigen Rock. Er will die Menschen bitten, seine Träume, seine Ideale von Freiheit und Freundschaft nicht zu vergessen, doch die Menschen, die hinter den Statisten-Bäumen hervorlugen, beschimpfen ihn, als Schelmenfürst, Pascha, Glücksritter, Ameisenpoetlein. All das ist Fürst Hermann wohl auch gewesen. Aber auch einer, der die Parks in Bad Muskau und Branitz (Cottbus) schuf, der mit Goethe parlierte und mit Bettina von Arnim flirtete.

Napoleon in Stars-and Stripes-Shorts
Dies alles nun lassen Klimke und Kresnik in einer wilden Hatz Revue passieren, sind mal in Muskau, mal in Afrika, zwischendurch gibts immer wieder schräge Musik von Saxophon- und Flötenspielerinnen, meldet sich das Orchester mit schrillen oder bedrohlichen Klängen, mehr untermalend und begleitend als dominierend zu Wort. Da tanzen drei Melkerinnen im Bikini und nutzen die Kannen als Schlagwerk, da tritt Napoleon in Stars- and Stripes-Shorts auf und disputiert mit Pückler über Politik und Freiheit und singt "Im Leben, im Leben, da geht mancher Schuss daneben". Kurz darauf trifft Pückler eine seiner Frauen, Ida, und wundert sich, dass er sie doch 30 Jahre später erst kennengelernt hat.

So geht das hin und her in einer unterhaltsamen, wenn auch nicht immer tiefgründenden Revue, in der es um des Fürsten Utopien ("wären die Menschen nicht besser als Bäume auf die Welt gekommen?"), aber auch immer wieder um das fehlende Geld, die stets drohende Pleite geht. Einmal wird der Fürst sich wünschen, er hätte Schlager statt Bücher schreiben sollen. Die Szene mit dem à la Italien gekleideten Goethe ist eher dürftig, hübsch, wenn auch kaum motiviert der Auftritt von vier klasssischen Tänzern im Frack. Ein echtes Pferd zieht ein Bett auf die Bühne und äpfelt prompt, was für einen der wenigen Lacher sorgt. Eine Gruppe von sieben Tänzern bewegt sich, hochragende Plastikschnüre umgeschnallt, wie Ähren in einem Kornfeld. Eine Bananenrock-Josephine-Baker-Parodie mit falschen, schwarzen Brüsten und umgeschnallten Schwelllippen karikiert Afrika-Bilder, des Landes, das der Fürst liebte und bereiste.

Ein Trabi mit Karl Marx und Don Quichote
Auch der Dichter Georg Herwegh schaut mal eben vorbei, zitiert Heine und nennt Pücklers Leben einen "Zirkus der Erinnerungen". Und natürlich darf in all dem das Fürst-Pückler-Eis in Tortenform nicht fehlen, das gleich mehrfach in den Szenen serviert wird. So nimmt Kresnik Pückler-Klischees auf die Schippe, seine Träume und Utopien mit Wohlwollen unter die Lupe und macht daraus einen Theaterabend mit Höhepunkten und Schwächen.

Schließlich knattert noch ein Trabi auf die Bühne, Karl Marx am Steuer, Don Quixote und seine Dulcinea an Bord, zu denen dieser träumende, kindliche, fantasierende Fürst ganz wunderbar passt. Am Ende aber fallen die herbstlichen Bäume einer nach dem anderen um und, da kann Kresnik den Zeigefinger doch nicht ganz lassen, es regnet jede Menge Plastikmüll auf das fürstliche Utopia. In den langen, freundlichen Beifall an des Fürsten Geburtstag mischten sich einige wenige Buhs.

 

Fürst Pücklers Utopia (UA)
von Christoph Klimke
Regie und Choreografie: Johann Kresnik, Ausstattung: Marion Eisele, Musik: James Reynolds, Musikalische Leitung: Marc Niemann, Dramaturgie: Christoph Klimke.
Mit: Roland Renner, Sigrun Fischer, Hanna Petkoff, Marlen Ulonska, Berndt Stichler, Jan Hasenfuß, Sarah Behrendt, Jens Klaus Wilde, Bardo Henning, Eileen Osei sowie Damen und Herren des Balletensembles und des Opernchores. Des weiteren führt die Besetzungsliste Saxophonistinnen, Bäume, Kleinwüchsige, Bauchtänzer, Korpulente, Stripteasetänzer, Transvestiten, Feuerspucker, Bodybuilder und Statisterie auf.
Es spielt das Kammerorchester des Philharmonischen Orchesters Cottbus.

www.staatstheater-cottbus.de

 

Alles zu Johann Kresnik auf nachtkritik.de im Lexikon.

 

Kritikenrundschau

Johann Kresnik habe sich Pücklers Motto "Die Realität ist nichts, der Traum ist alles" zu eigen gemacht und erzähle "nicht etwa dessen Biografie, sondern setzt die wirren, trügerischen Erinnerungen eines Greises in Szene", schreibt Antje Rößler in der Märkischen Allgemeinen Zeitung (1.11.2010). Kresnik vermenge "Orchester, Chor, Ballett, menschliche und tierische Statisten sowie den Fundus (...) zu einem überbordenden, bunten Trash-Theater". Roland Renner liefere als "alter, ungebrochen lebenshungriger Fürst" eine "Glanzleistung" ab. Allerdings werde hier das allzu "einseitige Bild eines party-süchtigen Lebemanns" vermittelt. Wie gewohnt zeige Kresnik "viel nackte Haut, lässt Jungfernblut und Sperma fließen". Dieser Rückgriff in Freuds Traumsymbol-Kiste sei zwar "nicht ganz abwegig bei einem Helden, der mit Stiefmutter und Stieftochter in die Betten kroch. Aber man wird der blanken Busen und Popos bald überdrüssig." Die lenkten nämlich nur von dem intelligenten Text Christoph Klimkes ab. Das Orchester tue hingegen nichts weiter, "als die Dialoge mit sphärischen Klängen sanft zu untermalen. Aufregender sind da die schmissig spielenden Damen des Steyer Saxophon Quartetts".

Ein "ehrgeiziges Großprojekt" habe das Staatstheater Cottbus mit diesem Kresnik-Pückler-Projekt gewagt, meint Hartmut Krug im Deutschlandradio (Fazit, 30.10.2010). An der "biografischen Revue" seien alle Sparten des Hauses beteiligt - "ein Theaterabend, der vor allem beeindrucken will", mit großer Show. Dieses "weniger auf inhaltliche Deutlichkeit als auf äußerliche Buntheit setzende Beeindruckungstheater" breite Pücklers wechselvolles Leben in einer "heftig hin- und herspringenden Collage" aus. Das "weder sprachlich noch dramaturgisch überzeugende Libretto" Klimkes verlange einen "kenntnisreichen Zuschauer". "Pücklers Leben zwischen Realität und Traum bebildert Kresnik mit kleinen Gags und Effekten. Doch der Erfinder des choreografischen Theaters (...) bietet dieses Mal nur flaues Stehtheater." Die Tänzer tun dem Kritiker ebenso leid wie die Schauspieler, die "immer nur als Zitat- und Erklärgeber fungieren". Besonders hart treffe es Roland Renner als Pückler, er habe "keine Chance in diesem unbeweglich aufgedrehten Äußerlichkeitstheater" und mogele sich "mit Dauerlächeln und monoton bedeutungsvoller Vortragsweise durch den Abend", der mit einer Vorfahrt im offenen Sport-Trabbi von Quichotte, Herwegh, Marx und Pückler "immerhin noch eine nette Kabarettszene aufzuweisen hat". Mit dem Engagement Kresniks habe das Cottbuser Theater "hoch gegriffen" und sei "tief gefallen". "Ein trauriger Abend."

Reinhard Wengierek schreibt in der Tageszitung Die Welt (2.11.2010): Das Biopic-Theater des Johann Kresnik bemächtige sich der abenteuerlichen Vita des Aristokraten. Der Titel "Fürst Pücklers Utopia" halte, was er verspreche: "Demonstrative Herumreiterei auf den revolutionären Phantastereien des konservativen Lebemanns". Plakatives passe zu dem "österreichischen Altherren-Politruk der Regie Kresnik". Der jage ein "Gewimmel" über die Bühne, das alle Ressourcen des Drei-Sparten-Hauses "spektakulär in Betrieb" setze, aber er fertige aus dem "Gewusel von Revue" kein "packendes Lebens- oder gar Epochenbild". Bloß "Tingeltangel an Bildchensalat".

Orchester, Ballett, Schauspieler und ein Saxophon-Quartett, Striptease- und Bauchtänzerinnen, Feuerspeier, Bodybuilder, kleinwüchsige Komparsen samt einem Affen, eine Schlange und ein Pferd – Irene Bazinger zeigt sich in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (3.11.2010) beeindruckt vom Aufwand, der in Cuttbus betrieben wird: "Kresnik entfesselt von Anfang an eine bunte, grelle, schrill assoziierende Revue mit zum Teil plakativen Effekten und nacktem Fleisch, aber auch mit nachdenklich-ruhigeren, oft ironisch bis witzig überformten Bildern." Souverän und geradezu altmeisterlich verschmelze Kresnik die verschiedenen Genres, male Schicht um Schicht ein pittoreskes Panorama um den polymorph glänzenden Pückler aus: "Ihn lässt der bravourös aufspielende Roland Renner als einen tief von innen leuchtenden Tag-und-NachtTräumer herumflattern, der um keinen Flirt, keine Chimäre und kein Glücksgefühl verlegen ist, der sich aber eigentlich nur um sich selbst dreht, auch wenn er alle anderen in kreativ-aufgescheuchte Bewegung versetzt."

"Liliputaner hüpfen über die Bühne. Es ist schwer was los. Das große Orchester im Bühnenhintergrund hinter dem Gazé-Vorhang lässt es richtig krachen. Tschingdarassabum. Eine Bombenstimmung. Aber: Ein stimmiges Bild.", schreibt Martin Lüdke (Frankfurter Rundschau, 12.11.2010). Pückler sei eine Gestalt des 19. Jahrhunderts, "wie man sie allenfalls in der Literatur, etwa bei Ibsen erwartet, aber nicht in der ostdeutschen Provinz". Diese Art von Überraschung habe sich auch das Cottbuser Theater zu eigen gemacht, und Kresniks Spektakel "erwartet man auch eher an der Berliner Volksbühne, Kresniks früherer Heimstatt, als am Rande des Spreewalds. Aber es funktioniert. Das Publikum spielt mit, überzeugt von den grandiosen Bildern." Die Textvorlage des Berliner Autors Christoph Klimke verblasse dagegen. Und "Roland Renner als Fürst Pückler bekommt kaum die Chance, die Zwiespältigkeit seiner Anlagen auszuspielen."

Kommentare  
Fürst Pücklers Utopia in Cottbus: Zeitverschwendung
Gestern fand im Theater Cottbus, die Premiere von “Pückler Utopia” statt Das Stück in dem ich auch kurzzeitig mitgewirkt hatte.
Alles in Allem war die Vorstellung für mich reinste Zeitverschwendung. Doch sie hatte durchaus ihre Charme. Mit Ausgefallenen Kostümen, Echten Tieren (Pferd, Kapuzineraffe) und nackten Frauen. Doch es wirkte bisweilen etwas anstrengend. Vor allem wenn zu viele Künstler und Kleindarsteller auf einmal auf der Bühne standen. Weniger ist manchmal eben doch mehr. Die Dialoge waren bisweilen auch nicht wirklich interessant. Denn wer aus dem Publikum merkt sich auch schon irgendwelche Jahreszahlen. Vor allem aber die Junge Sopranistin konnte (…) nicht mit einer wirklich tollen Stimme glänzen. In dem Duett mit dem Tenor war ihr Stimmchen seiner deutlich unterlegen. (…)
Das beste an dem Stück war das Ende. Als es zu Ende war. (…)
Fürst Pückler, Cottbus: Neugierde
Das macht mich nun doch neugierig. Mittlerweile drei völlig unterschiedliche Kritiken und ein vermutlich Cottbuser Statist, der sich gelangweilt hat beim Stehtheater, wie Hartmut Krug meint. Die Welt hatte Kresnik ja schon bei Bekanntwerden dieses Vorhabens sarkastisch vorgeworfen, eine „florierende kleine Manufaktur für getanzte Andenkenpostkarten in der Provinz“ zu betreiben. Die Kritik von Herrn Wengierek schließt nahtlos daran an. Nun, trotz alledem werde ich mir das Spektakel nicht entgehen lassen. Hoffentlich ist nicht nur der Hauptdarsteller ein Renner.
Fürst Pückler, Cottbus: absolut empfehlenswert
Nach einer vernichtenden Kritik in der Lausitzer Rundschau (LR) vom 1. November 2010 ging ich gestern abend (3.11.2010) mit - besser gesagt: ohne - entsprechende(n) Erwartungen in die Utopia-Vorstellung. Und ich muss sagen, dass ich positiv überrascht wurde: Roland Renner als Pückler war keineswegs der gescholtene Statist, wie der LR-Kritiker es gesehen hatte, sondern entpuppte sich als hervorragender Schauspieler, der die zerrissene Persönlichkeit des Fürsten treffend wiedergab. Über die vielen Effekte, die Kresnik in die Inszenierung eingebaut hat, ließe sich trefflich streiten, per Saldo kann ich aber für mich feststellen: Ich habe mich keine Minute gelangweilt - mehr kann man für einen gelungenen Theaterabend doch eigentlich nicht erwarten. Trotz des fulminanten Spektakels mit zum Teil beeindruckenden Bildern (Beispiel: Tänzer mit ca. 2 Meter langen Kunststoff-Ährengarben auf dem Kopf) ging der rote Faden des Stücks nie verloren. Dass nicht jede der zahllosen Anspielungen und jedes Zitat auf Anhieb in den richtigen geschichtlich-historischen Kontext zu bringen waren, ist m. E. kein Mangel des Stücks, sondern eher meiner mangelnden Bildung zuzuschreiben; das tat der Freude an der Inszenierung aber keinen Abbruch. Wer Plattitüden sucht, die jeder versteht, sollte doch lieber ins Ohnesorg-Theater gehen...
Weitere Glanzpunkte der Vorstellung waren in meinen Augen: Die Sopranistin Sarah Behrendt, die stimmlich im Duett tatsächlich vom Tenor unterdrückt wurde, was aber nicht an ihr, sondern an der unsensiblen und egozentrischen Art des Tenors liegt, der einfach nicht "duett-fähig" ist. Jan Hasenfuß in bekannt kraftvoll-selbstbewusster Manier. Überzeugend auch: Marlen Ulonska, Berndt Stichler und Eileen Osei (als Machbuba).
Alles in allem: Man sollte sich diese Vorstellung auf keinen Fall entgehen lassen! Offenheit für ungewöhnliche Bühneneffekte und keine Angst vor nacktem Fleisch sollte man aber schon mitbringen.

miwi
Fürst Pückler, Cottbus: gemischte Erwartungen wurden angenehm überrascht
Besser als miwi kann ich es auch nicht zum Ausdruck bringen.
Nach den vernichtenden Kritiken der Profikritiker sind wir - auch am 03.11.2010 - mit gemischten Erwartungen in die Vorstellung gegangen und waren angenehm überrascht. Es wäre sehr schade, wenn sich die potentiellen Besucher von den Kritiken abschrecken ließen. Ein buntes Durcheinander, Utopia eben, bei dem ein paar mehr Vorkenntisse des Lebenslaufs Pücklers hilfreich gewesen wären.
Fürst Pückler, Cottbus: schade drum
Bloß gut, das es keine Pause gab. Die Theatermacher haben gut daran getan in dem Stück auf eine Pause zu verzichten (...) Nur aus Rücksicht auf die anderen Zuschauer sind wir nach dem Beginn des Stücks sitzten geblieben. Was auf der Bühne geboten wurde war nicht nur provokativ, sondern abstoßend und ekelerregend. Dieser Meinung war nach Ende des Theaterabends ein gr0ßer Teil der Zuschauer und damit sind nicht nur die älteren Semester gemeint. Hinzukommt, wer sich vorher nicht mit dem Leben des Fürsten beschäftigt hat, weiß überhaupt nichts mit den Figuren und den Szenen anzufangen. Fazit. Schade um die Zeit und das Geld.
Fürst Pückler, Cottbus: Klimke entzaubert den Fürsten
Das Problem ist, dass Klimke den Cottbusern ihren Fürsten entzaubert. So genau wollten dann die meißten doch nicht wissen, was der so alles getrieben hat und mit wem. Die darstellerische Leistung des Ensembles ist wirklich sehr beachtlich. Renner tut sich nicht hervor und läßt auch den anderen genug Spielraum. Aber letztendlich vermag der Abend nicht wirklich zu zünden. Der Text von Klimke ist zuweilen oberlehrerhaft und ein blanker Abriss des Lebens Pücklers, das nervt irgendwann. Kresniks Inszenierung wirkt uninspiriert und provoziert an keiner Stelle. Das Bild mit den Fiberglasstäben ist tatsächlich das beste was er zu bieten hat. Die Szene mit dem Trabi ist symptomatisch für die ganzen Abend, so betulich wie der auf die Bühne fährt ist auch die Inszenierung. Kresnik arbeitet mit angezogener Handbremse in der Provinz. Karl Marx als unerfüllte Utopie, wie Pücklers Traum will er uns sagen, der Rest ist schöner Budenzauber. Ich schaue mir heute noch den Egmont an, es kann nur besser werden.
Kresnik im Pücklerpark: baut politisch korrekten Scheiß?
Hat man wirklich nicht gewußt, was man bekommt ??
Seit 20 Jahren macht Kresnik das Gleiche: sinnfreies SkandalTheater
mit Nackten, Theaterblut und normalerweise Naziuniformen ( wo waren die denn in Cottbus ??) Als antifaschistischer Gutmensch kann er sich alles erlauben, jenseits von Sinn Verstand Geschmack und Kultur, denn es ist "kritische" Kunst.Das wird jeder Politiker unterschreiben . Was ich gerne wissen möchte: wieviel Schmerzengeld erhält der Meister in seinem Kampf für die Unterdrückten dieser Welt ? wunderbarer Artikel hierzu

http://www.welt.de/kultur/theater/article6876913/Kresnik-fuer-jedermann.html

beginnt so:Was macht eigentlich Johann Kresnik? Das fragen sich vor allem die Lieferanten von Kunstblut, Naziuniformen, roten Fahnen und Schweinehälften, denen der einst berühmte Tanztheater-Choreograph früher in Städten wie Heidelberg, Bremen, Berlin und zuletzt Bonn gut zu verdienen gab. bitte weiterlesen...

nutzt nichts: die kritische Intelligenz wird ihn weiterbeschäftigen. Es ist wie mit den Grünen: wer das Gute okkupiert hat, darf soviel politisch korrekte Scheisse bauen, wie er will.
Kresnik im Pücklerpark: brave Revue
Lieber sonoro,
Die von Ihnen erwähnten Lieferanten von Kunstblut, Naziuniformen und selbst die Cottbuser Fleischerinnung sind ja leider nicht zum Zuge gekommen in dieser braven Revue. Ich kann Ihren Unmut beim besten Willen nicht nachvollziehen. Der Weltartikel ist mir bekannt, ich hatte den hier schon vor längerer Zeit mal erwähnt. Seien Sie gnädig und lassen Sie dem verdienten Künstler des Volkes Johann Kresnik sein Gnadenbrot in der Provinz. Ich glaube kaum, dass Sie je einem seiner früheren Theaterabenden beiwohnen durften, um diese abwertende Einschätzung hier treffen zu können. Beschweren Sie sich doch bei den von Ihnen erwähnten Politikern und der ach so kritischen Intelligenz. Leider ist das Cottbuser Theater meiner Meinung nach in letzter Zeit nicht mehr mit großen Glanzleistungen aufgefallen. Ein paar zusätzliche Schweinehälften würden da leider auch nicht mehr groß ins Gewicht fallen.
Fürst Pückler, Cottbus: die Kunst ist frei
.. in Cottbus wird diskutiert, sich echauffiert und erregt über die Inszenierung " Pückler Utopia " zum Anlass des 225. Geburtstages des Fürsten.
Ich habe mir das Stück im Rahmen des Festaktes angesehen und war im ersten Moment auch irritiert. Da es während der Aufführung keine Pausen gab, die ein Fernbleiben im 2.Teil ermöglicht hätten, musste ich mir alles bis zum bitteren Ende anschauen.

Und ich hatte meinen Spaß!

Lobhuddeleien und Darstellungen des Fürsten Pückler in bestem Licht gab es in der Vergangenheit genug, es fing mich bereits an zu langweilen!
Pückler zusammen mit Nackten, mit sich "lösenden Pferden" und Szenen in denen er sich dumpf, wollüstig den "Weibern" hingebend nach ihnen grabschte, und...
Das war eine große Herausforderung für alle Anwesenden
( besonders für die Exzellenzen aus dem Arabischen)!

Als Angehöriger des Pückler "Clans" müsste ich besonders empört sein, ob der Verunglimpfung meines Vorfahren. Aber ich kann mich hier nur der Meinung der Ministerin Frau Dr. Münch anschließen " Kunst ist frei " ohne wenn und aber!

Das die Verantwortlichen in Cottbus nur schwer oder gar nicht mit derlei Kunst umgehen können, zeigt mir wie sehr sie doch noch im Alten verwurzelt scheinen ( 20 Jahre nach der Wende ).
Kunst sollte man mit dem gebotenen Abstand begegnen, keinesfalls zensieren!
Fürst Pückler, Cottbus: wo ist der zivile Bürgersinn hin?
@ Lothar - Siegfried Hehr: Genau. Eine herr-liche Herausforderung des Denkens, geilen Greisen beim Begrapschen von jungen Weibern zuzuschauen.
Aber warum eigentlich Fürst Pückler? Was heisst und zu welchem Ende studiert man das historische Leben eines konservativ-hedonistischen Aristokraten? Wo ist - gegenüber der autistischen Vereinsmeierei solcherart Herrenclubs - der zivile Bürgersinn hin? Der öffentliche Aufstand gegenüber dem zügellosen Hochmut des Geburtsadels? Ich bin versucht, aus dem Sloterdijk-Essay im aktuellen "Spiegel" zu zitieren:

"Es dürfte klar sein, warum es nicht unverfänglich ist, in unseren Tagen von römischer Dekadenz zu sprechen und aktuelle Zustände mit ihr gleichzusetzen. Wer so redet, bekennt sich implicite zu der Auffassung oder der Befürchtung, dass auch auf die moderne Republik - wie sie vor gut 200 Jahren aus dem monarchistischen Zorn der Amerikanischen und Französischen Revolutionen hervorgegangen war - zu gegebener Zeit eine postrepublikanische Phase folgen werde. Typischerweise wäre auch diese durch das erneute Miteinander von Brot und Spielen charakterisiert oder, um zeitgemäß zu reden, durch eine Synergie von Sozialstaat udn Sensationsindustrie. Es lässt sich nicht leugnen, dass die Vorboten solcher Doppelwirtschaft allgegenwärtig sind. Lesen wir nicht seit geraumer Weile die Zeichen, die für die Rückentwicklung des öffentlichen Lebens auf Administration und Entertainment sprechen - Wärmedämmung für Ministerien und Casting-Shows für Ambitionen?"
Fürst Pückler, Cottbus: die Entblößung eines Provinzheiligen
@ El-friede
Die Cottbuser haben vielleicht mehr Bürgersinn, als es sich Sloterdijk träumen lässt. Und, El-friede, es geht hier nicht um das Begrapschen von jungen Weibern, sondern um die Entblößung eines Provinzheiligen. Die Cottbuser Theatergänger sind weder prüde noch notgeil. Wenn man schon sonst nichts hat, außer Kohle unter der Erde, dann will man wenigstens noch einen abenteuerlichen Aristokraten, nach dem Einkaufscenter, Sparkassenwertbriefe und Eisbomben benennen kann.
Fürst Pückler, Cottbus: so was von unpolitisch!
@ Stefan: Also, das heisst, es geht hier quasi um den Guttenberg der Brandenburger bzw. Cottbusser Kleinbürger? Nee, wie unpolitisch ist das denn?
Fürst Pückler, Cottbus: Namensrechte
@ El-friede
Na ja, einen Guttenberg wird man aus Pückler nicht mehr machen können. Aber zumindest ein Name für einen Kapitalbrief fällt dabei noch ab. Der Fürst als Marke sozusagen und da kann man schon mal Johann Kresnik beauftragen und sich dankbar zeigen, mit Zinsgarantie für mehrere Jahre. Mich würde interessieren, wer die Namensrechte am Fürsten besitzt oder ob man da jetzt schon sein eigenes Schrebergärtchen Fürst-Pückler-Datscha nennen darf. Vielleicht bekommt aber auch Lothar-Siegfried Hehr noch Tantiemen an jedem verkauften Kapitalbrief und kann davon ganz gut leben. Der Fürst hatte ja schon zu Lebzeiten seinen Namen an einen Konditor verkauft, da kann man nach seinem Tod ruhig damit weitermachen. Der einfache Cottbuser hatt sicher nichts davon außer einer schicken Revue. Das zu thematisieren wäre früher Kresniks Sache gewesen, jetzt gibt’s nur noch einen Fürsten light garniert mit schwangerer Stripperin und Zivilisationsmüll mit Torte.
Fürst Pückler, Cottbus: historische Noblesse
@ Stefan: Aber vielleicht könnte man aus Guttenberg einen neuen Fürst Pückler machen? Obwohl das natürlich nicht zum Brandenburger Kontext passt. Trotzdem war meine erste Assoziation zum Thema die (vergebliche) Hoffnung der CSU als Kleine-Leute-Partei auf Guttenberg als Repräsentant der historischen Noblesse eines Kurfürsten. Heribert Prantl schrieb dazu neulich (1.11.2010) in der SZ:

"Die CSU leidet heute daran, dass sie den Anschluss nicht mehr kriegt - nicht an den Fortschritt, von dem sie nicht mehr weiß, wie er aussieht; nicht an das pralle Selbstbewusstsein, für das Strauß so exemplarisch stand; und nicht an das Land, das CSU-Land war und das sich mittlerweile viel schneller wandelt als die Partei. [...] Aber Seehofer irritiert die CSU mit seiner irrlichternden Politik so, dass sie ihm nur widerwillig folgt und lieber mit dem Freiherrn aus dem Schloss liebäugelt, weil der ihrer Sehnsucht nach Großartigkeit, nach alter Größe schmeichelt."
Fürst Pückler, Cottbus: Pückler war ein Träumer
El-Friede, wachen Sie auf, Guttenberg hat so gar nichts mit Pückler gemein, vielleicht noch den Hang zum Weltmännischen, ansonsten sitzt Guttenberg schon an den Hebeln, die Pückler nie wirklich die Hand bekommen hat. Er ist das große Vorbild für die neuen Konservativen und mit Sicherheit in ein paar Jahren auf dem Sprung an die Spitze nicht nur der CSU, da die CDU das Charisma vermissen lässt, das zum Führen notwendig ist. Pückler war ein Träumer, Guttenberg ist knallharter Realist und mit der Wirtschaft bestens verbandelt.
Fürst Pückler, Cottbus: als der Vorhang fiel
Ich muss Sie enttäuschen, Stefan. Leider bekomme ich keine Tantiemen. Weder der Pückler-Kapitalbrief, noch das Pückler-Eis füllen mir die Taschen!
Sie sehen, Sie können Ihre Datsche (Haus Pückler) auch nach meinem Vorfahr benennen und Ihr Auto (Pücklermobil) und... Der Name ist nicht geschützt.
Noch nicht einmal die Stadt Cottbus war Willens, mir beispielsweise freien Eintritt zum Pückler-Theaterstück zu ermöglichen. Ich musste meine Eintrittskarte selbst bezahlen. Skandalös oder?
Und in der Bewertung des Stücks "Utopia" zeigen sich die Entscheidungsträger in Cottbus genau so engstirnig, mittlerweile sogar bockig, ob des heran Zitierens der Initiatoren von Pückler Utopia vor den Kulturausschuss.
Das wahre Theater beginnt, als der Vorhang fiel!
Fürst Pückler, Cottbus: ich könnte ebenso gut Lafontaine nennen
@ Stefan: Oh Mann, ich bin schon wach. Es ging mir nicht um dieses Träumer-Thema, sondern um die Sehnsucht der kleinbürgerlichen Massen nach der Größe eines fürstlich auftretenden Mannes, welche sie selbst nie erlangen, sondern immer nur mimentisch nachahmen werden können. Ich könnte hier ebenso gut Lafontaine nennen. Diese Art, sich selbst nur in Bezug auf eine den Weg weisende höhere Autorität denken zu können, die lehne ich grundsätzlich ab. Vielmehr hätten die Massen nicht auseinandergehen dürfen. Es geht nicht um Charismatiker an der Spitze, sondern um politische Entscheidungen.
Fürst Pückler, Cottbus: nur noch eine regionale Marke
@El-Friede
Es geht natürlich auch um die Massen, die die Leute in ihre Positionen wählen. Die Politiker sind ja heute keine Fürsten von Gottes Gnaden mehr und deshalb wissen eben Guttenberg und seine Frau sich als fürstliches Paar zu verkaufen. Pückler hat als politische oder kulturelle Identifikationsfigur ausgedient, man wird keinen Goethe mehr aus ihm machen können. Er ist nur noch regionale Marke und soll wenigstens ein paar Touristen ziehen. Ich denke auch, das sich heute kein Cottbuser mehr mit Pückler als Person identifizieren will, das hat schon zu DDR-Zeiten keiner getan. Deshalb ist es ja auch so schwer diese Marke zu etablieren und da muss eben etwas nachgeholfen werden, auch z.B. mit einer Theaterrevue.
@Lothar-Siegfried Hehr
Wenn die Auftraggeber jetzt nicht zufrieden sind, haben sie sich das vorher nicht gut genug überlegt. Auch wenn das Libretto der Revue den Menschen Pückler sehr sympathisch mit allen seinen Stärken aber auch Fehlern darstellt, faselt sich Christoph Klimke irgendwann etwas mit Don Quichotte, Marx, Napoleon und sonst wem zusammen und Kresnik liefert dazu die von ihm zu erwartenden Bilder ab. Das läuft allerdings dermaßen im Spargang, das es unfreiwillig komisch wird und sich nun die Leute veräppelt fühlen. Wenn jetzt tatsächlich der Kulturausschuss Sanktionen verhängen will, bin ich echt gespannt in welche Richtung das gehen soll. Aber man kann sich schon fragen, was dieses Spektakel eigentlich bewirken sollte. Nicht von Seiten Klimkes und Kresniks, die haben nur einen Auftrag ausgeführt, sondern von Seiten der Auftraggeber selbst. Kunst lässt sich eben nicht in ein vorbestimmtes Korsett zwingen, sonst wird sie unglaubwürdig.
Fürst Pückler, Cottbus: auf die unbeschränkte Macht zulaufend
@ Stefan: Ja. Genau. Politisch unaufgeklärte Bürger wählen Guttenberg offenbar bloß aufgrund seines Namens bzw. seiner adligen Abstammung. Und weil er so gut den Wüsten-Tom Cruise spielen kann.
Bei mir bleibt aber nach wie vor die Frage: Warum beschäftigt sich das Cottbusser Theater mit Fürst Pückler? Ist das Sentimentalismus und Nostalgie? Und wird das von Kresnik hier also gebrochen? Landschaftsarchitektur bzw. die Anlage von Schlossgärten läuft ja letztlich darauf hinaus, dass diese in der Zentralperspektive direkt auf das Schloss und damit die unbeschränkte Macht des alleinigen Herrschers zulaufen. Demokratie bzw. der kommende Aufstand verläuft jedoch ausserhalb der Zentralperspektive, von den Ränder ausgehend.
Fürst Pückler, Cottbus: Was? Gibt es hier ein Schloß?
@ El-friede

Sorry, besuchen Sie doch bitte erst einmal Branitz und Bad Muskau;
diese Anlagen sind schon etwas raffinierter, als auf Ihre Zentralperspektive hinauszulaufen; mitunter fragt sich der geneigte Landvermesser dort sogar "Was, es gibt hier ein Schloß ??"
Fürst Pückler, Cottbus: immer mal wieder die Perspektive wechseln
@ Arkadij Zarthäuser: Nun ja, die berühmt berüchtigten Sichtachsen gibt es auch im Fürst-Pückler-Park Bad Muskau. Ebenso gibt es dort wie in Branitz ein Schloss. Immer mal wieder die Perspektive zu wechseln, das kann durchaus nicht schaden.
Fürst Pückler, Cottbus: das provinzielle Streben nach Glanz
@ El-Friede und AZ
Na, jetzt bekommen Sie sich mal nicht über verstellte Sichtachsen in die Haare. Perspektiven sind relativ und abhängig vom Standpunkt des Betrachters.
@ El-Friede
Es werden weder nostalgische Gefühle noch aufklärerische Bestrebungen sein, die die Cottbuser Verantwortlichen bewogen haben mögen, dieses Werk in Auftrag zu geben, sondern eher die allgemeine Eitelkeit und das provinzielle Streben nach etwas Glanz, für die ein weltmännischer Fürst immer gut ist. Der Schuss ist nach hinten losgegangen und damit wird Cottbus leben müssen, auch wenn jetzt wieder der übliche Gesang nach: „Wer soll das bezahlen...“ los geht.
Fürst Pückler, Cottbus: Kresnik bleibt sich treu
@Stefan:
Sie verwenden den Begriff provinziell/ Provinz im abwertenden Sinne und schlagen damit in eine wohlbekannte Kerbe deutscher Wahrnehmung: Schublade auf, Sache rein und Schluß. Eine Hinterlegung mit Qualität findet nicht statt noch wäre Sie objektiv möglich.
@alle:
Über die Jahre habe ich in verschiedenen Städten den ein oder anderen Kresnik gesehen. Man mag es gut oder schlecht finden, auf jeden Fall bleibt er sich in Haltung und Stil treu. Ebenso treu ist ihm (mehrheitlich) der Verriß, die Bescheinigung überholt zu sein, sich immer zu wiederholen. Und natürlich sind ihm auch die Kritiker treu, die mit dem Sonderzug bis in die "Provinz" nachreisen um den Blätterwald gewaltig rascheln zu lassen.
Schade, dass für mich Cottbus zu weit ab liegt.
Fürst Pückler, Cottbus: Unterschiede der Machtverteilung
@ Stefan: Man muss sich aber im Klaren darüber sein, von welcher Perspektive aus man spricht bzw. schaut. Die Konstatierung eines reinen Relativismus verwischt bloß die real existierenden Unterschiede in der Machtverteilung. Es gibt historische Spannungen, welche auch in der Gegenwart noch fortleben, auch wenn angeblich das Ende der Geschichte erreicht sei und wir uns nur noch im Glanz vergangener Epochen spiegeln (sollen).
Fürst Pückler, Cottbus: das Theater steht nicht isoliert herum
@ Stefan und El-Friede

Keine Angst, geht hier um Kresnik und weniger um die (verstellten)
Sichtachsen jener Parkanlagen, daher jetzt mein zunächst letzter
Beitrag zu diesem Stück, das ich nicht sah.

Nur, El-friede: Muskau ist nun wirklich ein sehr jetziger, sehr
heutig-hiesig ansprechender Landschaftspark (der kein planes Gebilde ist, glauben Sie mir: "Landschaftspark" trifft die Sache sehr gut ...), er hat eine deutsche und eine polnische Seite, beide werden gepflegt, und die andere Grenze, siehe Leipzig-Berlin-Dispute, die zwischen Nieder- und Oberlausitz, ist nicht fern:
wer einen guten Ziegenkäse liebt, wird auf der Wanderung von Muskau nach Forst reichlich auf seine Kosten kommen.
Das gilt eben auch für das Theater: das steht nicht so isoliert in einer Stadt herum, sondern zur Volksbühne gehört halt auch das
Milieu gen Torstraße, und die Subventionen für einen Theatersitzplatz,
siehe Ausgangsintention von Pfallers "Interpassivitätstheorie",
erschöpfen sich keineswegs einfach so an bzw. auf ihn/ihm, wie es kluge Rechner "uns" immer vorrechnen wollen (so als gäbe es in Frankfurt (Oder) nach der dortigen Theaterschließung eine spürbare Entspannung der städtischen Finanzen ...): ein Landschaftspark macht nur einen Sinn: in einer Landschaft.
Daß die noch da ist, so wie sie da ist: das ist ein (durchaus
verzwicktes) Politikum; könnte aber auch sein, daß dem Volk mitunter das fürstliche Maß nicht übel tät, das fürstliche Unmaß dürfte es eigentlich kaum erschrecken !.
Fürst Pückler, Cottbus: nicht provinzieller als anderswo
@ wolfgangk
Ich halte Cottbus an sich nicht für provinziell in abwertendem Sinne. Da haben Sie mich etwas falsch verstanden. Ich bin mehrmals im Jahr dort und kenne die Verhältnisse einigermaßen gut. Ich stamme aus der Gegend und habe einige Zeit in den 90er Jahren in Cottbus zugebracht. Das Staatstheater hat nach wie vor ein sehr gutes Schauspielensemble, das macht die Inszenierung von Kresnik auch weitestgehend erträglich. Ich kenne auch Kresnik-Inszenierungen aus Berlin, kein Vergleich, nicht im Ansatz zu dieser seichten Revue in Cottbus, das können sie mir glauben. Es lohnt eigentlich nicht weiter darüber zu diskutieren. Die Verantwortlichen sollten das aber mit Gelassenheit hinnehmen und abhaken, anstatt jetzt eine richtige Provinzposse aufzuführen. Ich habe in der letzten Zeit drei Inszenierungen am Staatstheater gesehen mit sehr unterschiedlicher Bandbreite und Qualität. Das Staatstheater hat mit seinen oft spartenübergreifenden Stücken eine gute Publikumsresonanz. Beispielhaft dafür vielleicht der „Sommernachtstraum“ mit Schauspiel, Oper und Ballett sowie die Adaption des schwedischen Erfolgsfilms von Kay Pollak „Wie im Himmel“ mit der Cottbuser Singakademie. Auch das Musical „Jekyll & Hyde“ in der Inszenierung von Intendant Martin Schüler ist zu erwähnen. Das eigentliche Schauspiel dümpelt ein wenig vor sich hin, ist aber immer für Überraschungen gut. „Der Schimmelreiter“ wurde sehr gelobt, ebenso der „Egmont“, wenngleich auch dieser Regietheaterversuch meiner Meinung nach etwas in die Pumphose gegangen ist. Als nächstes steht eine König-Lear-Version mit einer Schauspielerin in der Hauptrolle auf dem Programm. Da darf man sehr gespannt sein. Also Cottbus ist nicht provinzieller als anderswo, ansonsten könnte man wohl kaum ein jährliches Filmfestival auf die Beine stellen mit über 80.000,00 € Preisgeld.
Fürst Pücklers Cottbus: unliebsame Theatermacher werden vor Ausschuss zitiert
@ el-friede: Ihr Ansatz, zu hinterfragen, ob es politisch korrekt sei, eine historische aristrokatische Figur zum Thema eines Theaterstücks zu machen, ist ja genau so daneben, wie die Idee eines Cottbuser Lokalpolitikers, die unliebsamen Theatermacher vor den Kulturausschuss zu zitieren. Machen Sie sich doch lieber einmal Gedanken über die Freiheit der Kunst.

Auf dieser Plattform geht es um Kritik an Theaterstücken durch Zuschauer, die die Stücke selbst gesehen haben. In Ihren bisherigen Beiträgen finde ich an keiner Stelle einen konkreten Bezug zum Stück Utopia - ich bin daher sicher, dass Sie es gar nicht kennen. Verschonen Sie uns doch bitte mit Ihren allgemeinen politisch-weltanschaulichen Theorien!

@Stefan: Danke für die fundierten und von Sachkunde zeugenden Beiträge!
Fürst Pückler, Cottbus: neoliberaler Marktradikalismus
@ miwi: Es ging mir nicht um die politische Korrektheit, sondern immer nur um die Frage, warum sich das Cottbusser Theater bzw. Kresnik unbedingt mit dieser historischen Figur beschäftigen musste. Warum sollte mich dieser idealistische Gartenfürst interessieren?

Und vielleicht könnte man sich zur Abwechslung ja auch mal wieder die Frage stellen, was "Freiheit der Kunst" im heutigen Kontext eigentlich bedeutet. Heisst das halbnackte bzw. schwangere Stripperinnen auf der Bühne? Gähn. Wir reissen also in der Kunst bzw. auf der Theaterbühne alle Grenzen ein, welche aber in der Realität nach wie vor in Form von strukturellen bzw. hierarchischen Machtbeziehungen bestehen? Das ist mir zu simpel gedacht. (Revolutionärer) Idealismus ist gut, man könnte aber auch mal überlegen, ob dieses Einreissen aller Grenzen im Sinne des sexuellen Liberalismus heute nicht gerade dem neoliberalen Marktradikalismus dient und also zum zwanghaft zu befolgenden Gebot "Genieße und konsumiere!" mutiert ist:

"Der faustische Pakt, dessen Versuchung uns das Sexualitätsdispositiv ins Herz geschrieben hat, lautet: tausche das ganze Leben gegen den Sex, gegen die Wahrheit und die Souveränität des Sexes. Der Sex ist den Tod wohl wert."
(Michel Foucault, "Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit I")
Fürst Pückler, Cottbus: Anzeige
@ 28: Falls noch nicht bemerkt, ich nenne mich vorübergehend Gretchen. Weil's so gut zu Foucaults Faust-Bezug passt.
Pücklers Utopia, Cottbus: sich endlich öffnende Streitkultur
Hallo alle miteinander, ich finde sehr interessant, was hier so "läuft", zeugt es - meines Erachtens - doch vom Erfolg Kresniks.
Wann hat man so viel Erregung über ein Theaterstück "gespürt". Und das in Cottbus, was von Bildungsbürgertum nun nicht gerade überquillt. (Bitte: das soll keine Abwertung sein, sondern ein Fakt.) Ich entsinne mich genau an die Wende in Cottbus. Als Fahrzeuge mit Cottbusser Kennzeichen in Berlin und Dresden keinen Sprit mehr kriegten, gab es - hoppla - auch in Cottbus "Montags"- Demonstrationen. Zur Diskussion um den Abriss einiger Häuser mit Altbausubstanz am (heutigen) Breitscheidplatz kamen an der Cottbuser "Hochschule für Bauwesen" (kurz nach der Wende) ganze 40 Interessierte zusammen. Dementsprechend qudratisch durfte dann auch die Kommunalpolitik die Cottbusser Innenstadt "verbauen" (Arbeitsamt, Spreegalerie, PÜCKLER-Passage). Eine Architektur, die andere Städte nicht mal in ihren Gewerbegebieten dulden würden. Die Cottbuser haben das jahrelange "Heckmeck" um eine ordentliche Einkaufspassage (Blechenkarree) genauso geduldig ausgehalten, wie sie über die Verplanung ihres Schwimmbades (Lagune) mittlerweile wohl nur noch müde den Kopf schütteln können.
Wen wundert es da, dass die Cottbuser ihren Branitzer Park (samt Pückler) und ihr treffliches Jugendstlitheater hochhalten. Und nun kommt einer eben an dieses Theater und "zieht Pückler die Hose vom Arsch".
Und siehe da, einige kommunale "Politgrößen" ergehen sich in peinlichen "Vorladungen der Theatermacher" (weil ja die Stadt sauer ist - hat sie doch den günen Fürsten zu ihrem Markenlogo erhoben.)
Andere, die Bürger eben, gehen aber plötzlich in das Stück. Sie diskutieren, regen sich auf und ab - aber wollen überwiegend (siehe dieser Chat), dass die Kunst frei bleibt. Und dass ist nicht nur eine ganz erstaunliche Entwicklung, sondern auch ein Signum einer sich endlich eröffnenden "Streitkultur" in dieser sonst so "geduldigen" Stadt. Bravo, Kresnik! Bravo, Theaterintendanz! Bravo, Cottbusser! Macht weiter so!
Pücklers Utopia, Cottbus: viele Anregungen, etliche Parallelen
Zu grell, zu laut, zu viel nackte Haut, zu sinnfrei ...
Ich habe vor wenigen Stunden ein anderes Stück erlebt: sehr sinnlich, sehr aktuell, hinter aller Turbulenz eine berührend tragi-komische Geschichte eines zerrissenen Menschen, der die Fähigkeit zur Utopie unter widrigsten Umständen bewahrt und in wunderbare (Park-)Realität umzusetzen vermochte. Solch eine vielschichtige historische Figur auf der Bühne führt immer zu Irritationen, weil sich längst jeder "seinen" Pückler zurecht gelegt hat. Wehe, es ist dann nicht "mein" Pückler, der mir da präsentiert wird. Gleich zu Beginn hören wir den Freiheitschor aus Nabucco, während sich am Bühnenrand zwei Tänzerinnen von ihren Kleidungsstücken befreien. Was soll das? Der Vorwurf "zu viel nackte Haut" greift zu kurz, denn man darf Autor und Regisseur durchaus tieferliegende Motive unterstellen. Assoziiert z.B. die neugewonnene Freiheit nach der Wende in Osteuropa nicht auch neugewonnenes "Frischfleisch" für die Striplokale und Bordelle in der alten freien Welt? Eine Fülle derartiger gegeneinandergesetzter Bilder in Pücklers Utopia verlangen dem Betrachter Assoziationen ab, die (wie bei jeder Kunst) sehr viel mit den Erfahrungen des Rezipienten zu tun haben und notwendig zu unterschiedlichen Ergebnissen führen.
In aller Munde sind verschiedene Betrachtungen zum Tingeltangel auf der Bühne, wo sind die Kommentare z.B. zu Pücklers Forderung nach Trennung von Kirche und Staat, die bis heute nicht vollständig vollzogen ist? Im Stück wurde uns Pücklers freundschaftliches Verhältnis zu einem blutrünstigen Diktator im Bilde einer Wohlfühlsauna vorgeführt - drängen sich da nicht sehr aktuelle Parallelen auf? Warum wollen wir z.B. ausgerechnet afghanische Frauen mit Waffengewalt von der Burka befreien, nicht aber saudiarabische Frauen zur Erlangung eines Führerscheins verhelfen? In Zeiten allgemeiner Desillussionierung sollte uns Pückler mit seinen Illusionen, Visionen, Utopien usw. willkommener Anlass zum Nachdenken und öffentlichen Diskutieren sein.
Mir jedenfalls hat das Stück vielerlei Anregungen gegeben, und viele eindrucksvollen Bilder bleiben haften und machen so weiteres Nachdenken über das Gesehene möglich.
Ein langanhaltender Schlussapplaus mit vielen Vorhängen und keinen Buhrufen lässt vermuten, dass auch viele andere Besucher einen eindrucksvollen Theaterabend der etwas anderen Art erlebten.
Fürst Pückler, Cottbus: nicht die Karten wegkaufen!
Also ich war gestern erst in dem "Zerissenen" Stück undich fand es gewaltig. Das ist die beste Inszenierung, die ich bisher in Cottbus gesehen habe.
Kompliment an Herrn Kresnik und das Ensemble.
Hallo, wer sich an den "Nacktszenen" hochzieht hat vielleicht die Musistücke dazu nicht gehört. Das passte alles zusammen.
Und am 27.112010 war das Publikum so aufgeschlossen, dass es 10 Minuten lang stehenden Applaus gab.
Ich ziehe den Hut, den ich nicht aufhabe.
Danke, an alle Mitwirkenden. So wohl habe ich mich schon lange nicht mehr gefühlt.
Ich kann mich eigentlich nur "Klaus" anschließen.
Und die Inszenierung verlangt eigentlich nur, dass jeder Zuschauer seine Weltanschauung und Einstellung zur heutigen Welt hinterfragt. Wer dazu bereit ist, fühlt sich wohl in der Vorstellung. Ewig Gestrige sollten Interessierten nicht die Karten wegkaufen.
Fürst Pückler, Cottbus: bitterböse Diskussion nicht nachvllziehbar
Da ich leider erst gestern die Vorstellunge sehen konnt - war leider gezwungen meine Karte vom 06.11.2010 abzugeben, da ich Fan des Osteuropäischen Filmfestivals bin - kann ich mich erst heute äußern.
Das war die bisher beste Inszenierung, die ich und meine Begleitung in Cottbus gesehen haben. Danke Herr Kresnik, und vor allem Danke dem Ensemble.
Ich kann die bitterböse Diskussion und das Verteufeln des Stückes gar nicht nachvollziehen.
Wer ein kleines bischen weltoffen ist, und bereit ist, sich seine eigenen kleinen Unzunglänglichkeiten ehrlich vorzuhalten, war bestens bei Pückler aufgehoben.
Und über die "Nacktszenen", die jeweils die passende musikalische Untermalung hatten, über die man/frau natürlich nachdenken musste - Hallo, habt ihr nicht zugehört.
Danke für diesen wunderbaren Abend.
Auch ich habe 10 Minuten stehend applaudiert.
Fürst Pückler, Cottbus: Utopie oder Antiutopie?
@ Klaus: "Assoziiert z.B. die neugewonnene Freiheit nach der Wende in Osteuropa nicht auch neugewonnenes 'Frischfleisch' für die Striplokale und Bordelle in der alten freien Welt?" Ist das jetzt Utopie oder Antiutopie? Je nach Perspektive, oder? Möglicherweise missverständlich formuliert.

Ihre Forderung nach Trennung von Kirche und Staat klingt nach den SPD-Laizisten.

Dass Sie eine herbeigebombte "Frauen-Befreiung" von der Burka kritisch hinterfragen, kann ich nur unterstützen. Vermutlich sind da nämlich noch ganz andere, und zwar wirtschaftliche, Interessen mit im Spiel.
Fürst Pückler, Cottbus: Utopie und Nacktheit im Kontext lesen
@ El-friede: Zunächst: Auch mit etwas Abstand vom Theaterabend bleibe ich bei meiner Einschätzung (siehe Nr. 31), wohlwissend, dass jede öffentliche Äußerung sofort unterschiedlichster Interpretation ausgesetzt ist und jede nicht justiziabel korrekte Äußerung natürlich auch Missverständnisse provoziert. Ich vertraue darauf, dass der Kontext mitgelesen wird, um Schwulst zu vermeiden. "Freiheitschor und Striplokale" sollte lediglich ein willkürlich herausgegriffenes Beispiel dafür sein, dass Utopien (als von der Realität isolierte Ideengebäude) den Praxistest noch nicht hinter sich haben und zuweilen zu den kuriosesten, von der Utopie nicht bedachten Phänomenen führen. Pücklers Utopia hat ja für mich deshalb so viel Authentisches, weil die Komplexität realer Entwicklungen ins Blickfeld gerät - oft genug die Utopie ad absurdum führend (soviel zu Punkt eins Ihrer Entgegnung).
Zu Punkt zwei: Die Philosophen der Aufklärung (z.B. I. Kant) und eben auch Pückler sahen unter dem Eindruck von Hexenverbrennungen, Religionskriegen, Wissenschaftsgängelung usw. Grund zu der Forderung, dass die Verquickung von Staatsinteressen mit Kircheninteressen zu hinterfragen sei, weil offensichtlich davon das weitere "Fortschreiten" der europäischen Kultur abhängen könnte. Diese tatsächlich zu jeder Zeit aktuelle Frage kann nicht irgendwelchen Partei- bzw. Kirchenaktivisten überlassen werden, da sie existentiell für die gesamte Gesellschaft ist. Der mündige Bürger ist hier gefragt - selbst wenn er sofort den absurdesten Verdächtigungen ausgesetzt ist. "...der heiligen Theologie der erste Platz gebührt, es liegt an den übrigen Wissenschaften und Künsten, ihr zur Hand zu sein..." - dieser u.a. in der Enzyklika Pascendi 1907 formulierte Anspruch gilt bis heute - unterschreiben wir diesen "ewigen Anspruch" noch mehrheitlich? Es geht hier nicht um Religion an sich sondern lediglich um die Machtfrage. Über nicht mehr und nicht weniger hat Pückler laut nachgedacht - und mein Nachdenken provoziert. Kann man von Theaterkunst mehr verlangen? (Wieder nur ein Beispiel von vielen anderen, die nachdenkenswert sind, ohne gleich harte Lösungen mit Krallen und Zähnen zu verteidigen).
Noch eine Bemerkung zur nackten Haut:
Ich erinnere mich an ein Weihnachtskonzert, wo von den Mitgliedern des gemischten Chores über den Dirigenten bis hin zum gemischten Familien-Publikum alle, aber auch alle in absoluter Nacktheit auftraten. Zu bester Sendezeit saßen Familienmitglieder aller Generationen vor dem Fernseher und sahen sich gemeinsam die Sendung an - und mir ist von keinerlei Protesten bekannt. (Es handelte sich um einen Beitrag von "Außenseiter - Spitzenreiter", wo ein nackter Reporter am FKK-Strand nackte Urlauber als Chormitglieder wirbt, um dann vor versammelter FKK-Gemeinde "O Tannenbaum" zu singen.) Wer derart sozialisiert wurde, dem gerät die Nacktheit eher zur Frage des passenden bzw. unpassenden Kostüms. Wer nackte Haut allerdings überwiegend im Zusammenhang mit Sünde und Geschäft assoziiert, mag hier vielleicht aus ganz anderer Perspektive das Stück sehen - und kritisieren: „Beim Cottbuser Abonnenten mag da vielleicht noch ein wohliger Schauer die Lendengegend streifen, den Besucher aus Berlin aber ödet diese geile, geistlose Mumpitz-Revue bald nur noch an.“ (Tagesspiegel) Seine Exellenz „der Besucher aus Berlin…“ beurteilt ein paar Äußerlichkeiten, ohne sich im geringsten für mögliche tieferliegende Schichten des Stückes zu interessieren. Da bekommt der Begriff „Provinz“ eine hauptstädtische Dimension…
Pücklers Utopia spaltet: Auf der einen Seite die Bedenkenträger, die politisch Korrekten, die übersättigten Kunstbeamten – auf der anderen Seite die neugierigen, offenen, die große Leistung eines Ensembles würdigenden Besucher.
Pücklers Utopia eint aber auch: Man geht hin.
Fürst Pückler, Cottbus: wirtschaftliche Interessen
@ Klaus: Da haben Sie sich ein schönes Feindbild des angeblich prüden und "provinziell" verklemmten Haupstädters zusammengebastelt. Darum ging's mir - nach wie vor und noch einmal - nicht. Sondern vielmehr um den Aspekt, dass die These von der sexuellen Befreiung der 68er-Generation (und diesem Kontext entstammt Kresnik) mich heute nur noch langweilt bzw. längst zu einer Übersättigung mit "nackter Haut" im öffentlichen Raum geführt hat. Das hat nun aber nichts mit dem religiösen Begriff der Sünde oder mit politischer Korrektheit bzw. Bedenkenträgerei zu tun, sondern mit den wirtschaftlichen Interessen rund um die inszenierte Nacktheit - Werbeplakate an Bushaltestellen und Häuserfassaden oder auch selbstgedrehte Amateur-Porno-Videos von irgendwelchen Freaks, die sich mit aller Gewalt in die Öffentlichkeit katapultieren wollen, in welcher sie ansonsten möglicher-/tragischerweise längst nicht mehr vorkommen.

Wo lebt Kresnik denn? In seiner Striplokalfantasie? Sie meinen also wirklich, dass vor diesem Hintergrund Ihre bzw. Kresniks Nacktheit noch eine Utopie sein könnte? Gut, Sie dürfen das gern so sehen. Ich sehe das anders. Auch Rousseaus These des "zurück zur Natur" ist überholt. Denn der Begriff der Natur ist immer schon mit dem Gegenbegriff der Kultur vermittelt. Natur ist immer schon bewusst gestaltete Kultur. Wenn Sie nackt an den FKK-Strand oder in ein öffentliches Gebäude gehen, dann tun sie das ja immer schon aus einer rationalen und bewussten Entscheidung heraus. Ebenso spielt der Schauspieler mit dem Schamgefühl:
"Vielleicht zeichnet es Schauspieler sogar aus, daß sie sich ihre Scham nicht abtrainiert haben und nicht schlichtweg schamlos sind (was diesem Berufsstand seit Jahrhunderten gerne vorgeworfen wird), sondern daß sie sich der eigenen Scham aussetzen und mit ihr arbeiten - im Sinne eines Auslotens, Überschreitens und Zurückziehens." (Jens Roselt, "Die Würde des Menschen ist antastbar")
Pücklers Utopia in Cottbus: Dank ans Ensemble
El-friede: Ihre Standpunkte sind klar formuliert. Ich respektiere sie und stimme in vielem überein. Problematisch wird es, wenn man anfängt, die Welt durch gewisse Brillen zu betrachten (ich schließe mich da ein). Pücklers Utopia ist ein vielschichtiges Stück, das es nicht verdient, auf bestimmte Reizthemen reduziert zu werden.

Fassen wir zusammen und bringen es (aus meiner Sicht) zum Abschluss:

Ich besuchte infolge der negativen Kritiken erwartungslos Pücklers Utopia – und erlebte eine wunderbare, vielschichtige Inszenierung.
Sie hielten den „Striplokalfantasten“ Kresnik und auch den „konservativ-hedonistischen Aristokraten“ Pückler schon immer für tot – den einen als Regisseur, den anderen als Ideengeber für ein aktuelles Theaterstück – und fanden ihr Urteil vollauf bestätigt.

Ich versuchte zu erklären, dass die Utopie der Freiheit (Freiheitschor aus Nabucco) und deren Verwirklichung im realen Leben zuweilen nicht beabsichtigte Nebeneffekte hat („sexuelle Befreiung“ und deren Vermarktung, symbolisiert durch Strip auf offener Bühne).
Sie verstanden meine Erklärungen (bzw. Kresniks kontrastreiche Bilder) immer nur als Ausrufung einer Utopie der Nacktheit. (Nackheit als Utopie ist bestenfalls pupertärer Blödsinn.)

Ich versuchte auf eine Differenzierung von Sozialisation in Ost und West zu verweisen, die Ursache für eine heute noch zu beobachtende Differenz bei der Beurteilung „nackter Tatsachen“ z.B. in Pücklers Utopia sein könnte. (Ost: selbstbestimmte, naive Nacktheit ohne Kommerz und Philosophie. West: demonstrativ herausgestellte Nacktheit durch sexuelle Revolution)
Sie ziehen sich auf den kritischen Standpunkt zurück, der überall überwiegend inszenierte (kommerziell ausgebeutete) Nacktheit vermutet – selbst in der (Theater-)Kunst, obwohl die Nacktheit in allen Künsten von alters her auch eine ästhetisch-erotische Funktion hatte. (Dass ein solcher Standpunkt in vielen Fällen seine Berechtigung hat, ist keine Frage, nur: Trifft er tatsächlich auf Pücklers Utopia zu?)

Aus der Fülle jener selbstentlarvenden Rezensionen - die also kommentarlos für sich sprechen – zitierte ich jenen, wo „der Besucher aus Berlin“ über die „Schauer in der Lendengegend des Cottbuser Abonnenten“ (Tagesspiegel) philosophiert: Wäre nicht wenigstens in diesem Punkt allgemeine Heiterkeit ob solch dämlicher Geschmacklosigkeit die einzig richtige Reaktion? Wenn ich derart provinziellem Geschwafel ironisch eine „hauptstädtische Dimension“ zuweise, so sollte alles (augenzwinkernd) gesagt und damit erledigt sein.
Sie schlagen Alarm: Da bedroht einer mit seinem „Feindbild“ den Hauptstädter!

Na, dann: Gute Nacht.

Dem Ensemble des Staatstheater Cottbus möchte ich noch einmal herzlich Danke sagen für die großartige Leistung, die ich in der Vorstellung am 27.11.10 erleben durfte.
Fürst Pückler, Cottbus: Fehler, Entschuldigung
PS zu 37.:
Ausgeschlafen entdecke ich in meinem Text einige pubertierende Rechtschreibfehler - Entschuldigung. Man sollte eben "einfach mal Klappe halten" (D. Nuhr), wenn die Gesprächsmaterie aufgebraucht ist und damit auch die Konzentration nachlässt.
Fürst Pückler, Cottbus: Forever young auch am Theater
@ Klaus: Mit der Ostsozialisation kenne ich mich nicht aus und kann daher auch nicht beurteilen, ob die Nacktheit dort tatsächlich naiver bzw. "ohne Kommerz und Philosophie" - wie Sie schreiben - war. Zudem bin auch ich in einer Atmosphäre naiver Nacktheit aufgewachsen - im Westen.
Man muss die sexuelle Befreiung "West" meines Erachtens im damaligen gesellschaftlich-politischen Kontext des Faschismus bzw. der unfassbaren Grausamkeiten der Judenvernichtung in den Konzentrationslagern sehen. Demgegenüber ging es der 68er-Generation um die ethische Dimension eines "mit den Händen Denkens" (Godard), um der pervertierten Rationalität des Tötens von Menschen durch Menschen eine Verbindung der Menschen über ihre Körper entgegenzusetzen.
Das aber ist im aktuellen Kontext meines Erachtens bereits wieder ins kommerziell vereinnahmte Gegenteil umgeschlagen, im Sinne einer Zurschaustellung "nackter Tatsachen" in Schaufenster- und anderen Vitrinen etc., was allein der Profitmaximierung dient - sex sells.
Zudem stellt sich für mich die Frage, wer sich da eigentlich immer wieder auszieht/ausziehen soll, wenn von der "ästhetisch-erotischen Funktion" der Nacktheit gesprochen wird. Ist das nicht in den meisten Fällen weibliches und junges "Frischfleisch" - wie Sie schreiben - und nicht etwa ältere Frauen oder Männer? Sind die Letzteren in ihrer Nacktheit etwa nicht schön? Muss - auch im Theater - also immer nur das bedient werden, was wir begehren sollen, nämlich das "forever young"? Angesichts dessen entstehen bei mir keine "Schauer in der Lendengegend" - das ist männlich codiertes Geschwafel -, sondern vielmehr ein Würgereflex im Hirn.
Fürst Pückler, Cottbus: gegenseitige Annäherung
Liebe El-Friede,
da Sie es nicht beurteilen können, glauben Sie es doch einfach mal. Keiner verlangt von Ihnen Ostsozialisierungen zu beurteilen, ich beurteile auch keine 68er, außer sie stehen im öffentlichen Leben. Es geht um den Versuch einer gegenseitigen Annäherung, erst dann wird man nach und nach verstehen können. Dafür braucht es aber zuerst einmal wirkliches Interesse am Anderen und daran mangelt es oft. Zu erklären gäbe es viel auf beiden Seiten.
Kresnik geht es hier gar nicht um das Ausstellen von schönem Frischfleisch. Eine der Tänzerinnen ist hoch schwanger, die andere schon aus dem gebärfähigen Alter heraus, es kann also nicht um die "ästhetisch-erotische Funktion" der Nacktheit gehen. Es ist ein Bild für die Vergänglichkeit, wahrscheinlich ist das so eine Art Vanitas-Motiv für Kresnik. Das könnte man auch mit Männern darstellen, um Ihnen eine Freude zu machen, er hat aber zwei Frauen genommen. Ich empfehle Ihnen tatsächlich mal nach Cottbus zu fahren, auch im Winter kann man die Sichtachsen und Perspektiven im Branitzer Park genießen. Übrigens hatte jetzt am Staatstheater eine König-Lear-Inszenierung mit einer Frau in der Hauptrolle Premiere, das dürfte Sie doch interessieren. Auch die Geschlechter der anderen Protagonisten werden ordentlich durcheinander gewürfelt, aber es scheint zu funktionieren. Die Kritiken sind jedenfalls ganz gut und meinem Vater hat es auch sehr gefallen, was bei solchen Modernisierungen schon etwas heißen will.
Fürst Pückler, Cottbus: Ost-West-Schema
@ Stefan: Toll, den schwangeren Mann auf der Bühne möchte ich sehn. Und wann kommen Sie aus Ihrem Ost-West-Schema raus? Ich persönlich denke nicht in solchen Schablonen. Warum immer wieder diese vermeintlichen Differenzen markieren? Ist das Sentimentalismus und DDR-Nostalgie oder was ist das?
Pücklers Utopia, Cottbus: Einigungsprozess nicht abgeschlossen
@ El-Friede
Ich denke nicht in Ost-West-Schemata und leide auch nicht an Ostalgie, ich weise nur hin und wieder darauf hin, das Sie es sich sehr einfach machen, wenn Sie Ihre Denkschablone einfach über alles legen und das tun Sie hier leider immer wieder. Genau in dem Moment in dem Sie sagen, das Sie sich nicht mit Ostsozialisierung auskennen und einfach Ihre Sichtweisen über eine andere Meinung stülpen, ignorieren Sie bereits den Gegenüber. Sie hören nicht zu, das ist ihr Problem. Sie diskutieren gern, wogegen nichts einzuwenden ist, erkennen aber anderen Meinungen nicht an. Wie darf ich das nennen? Ich habe Sie freundlich auf etwas hingewiesen und Sie kontern mit Zurechtweisungen und Vorurteilen. Sie sind in der glücklichen Lage einfach so weiter zu leben wie bisher. 17 Mill. andere Menschen mussten sich aber komplett umorientieren. Nicht das es wieder ein Missverständnis gibt, ich will die DDR bestimmt nicht wieder haben, aber der Einigungsprozess ist nach wie vor nicht abgeschlossen, auch wenn mittlerweile andere Probleme wichtiger erscheinen und vielen diese Diskussionen nur noch peinlich sind. Akzeptieren Sie das es Unterschiede gibt und versuchen Sie nicht diese zu ignorieren, indem Sie sagen das Sie nicht in diesen Dimensionen denken, damit verschinden die Differenzen nicht einfach. Versuchen Sie wenigstens mal darüber nachzudenken. Und, warum sollte man keine schwangeren Männer auf die Bühne stellen können, ich dachte Sie denken nicht in festgelegten Genderrollen.
Pücklers Utopia in Cottbus: harmonisierende Sinnkonstruktion
@ Stefan: Ich sehe das anders. Sie werden empfindlich, weil ich mich nicht gleich auf Ihre Seite schlage. Dabei habe ich bloß eine sachliche Aussage in Bezug auf die von Ihnen voraus-gesetzte Besonderheit der Ostsozialisation gemacht. Das sind so die Tücken der sprachliche Verständigung. Diese könnte produktiv werden, insofern jede Seite versuchen würde, sich in die jeweils andere Seite hineinzuversetzen. Man kann die Differenzen aber auch einfach mal so stehen lassen. Zu Beginn des Einigungsprozesses haben Sie möglicherweise von "blühenden Landschaften" geträumt, welche sich am Ende als Illusion erwiesen haben. Aber: Bin ich Schuld an diesen politischen Verblendungszusammenhängen? Machen Sie mich persönlich dafür verantwortlich, dass Sie sich umorientieren mussten? Wenn es um Einigungsprozesse geht, dann sollten idealerweise BEIDE Seiten aufeinander zugehen:

"Hiermit muss man arbeiten: mit der sich selbst entgegenstehenden Gemeinschaft, mit uns, die wir uns einander gegenüberstehen, das MIT dem MIT gegenüberstehend. Ein Gegeneinander gehört wohl wesentlich zur Gemeinschaft: das heißt zugleich eine Konfrontation und eine Opposition, ein Vor-sich-selbst-Hintreten, um sich herauszufordern und zu erproben, um sich in seinem Sein zu teilen mit einem Abstand, der auch die Bedingung dieses Seins ist."
(Jean-Luc Nancy, "Die herausgeforderte Gemeinschaft")

Ich will keine Gleichmacherei, das haben Sie (absichtlich?) missverstanden. Umgekehrt müssten dann auch Sie davon ablassen können, mir Ihre harmonisierende Sinnkonstruktion von Pücklers (Ost-?)Utopia förmlich aufzuzwingen.
Pücklers Utopia in Cottbus: wo ist das Problem?
Ein kleiner Kommentar zur Nacktheit, die für mein Empfinden etwas grotesk hier diskutiert wird. Will man allen ernstes Nacktheit von der Bühne verbannt sehen? Im Theater, im Tanz, in der Oper? Vielleicht auch noch aus der bildenden Kunst, Fotografie oder gar der Literatur? Oder mindestens eine MSK (= Moralische Selbst Kontrolle)herreden, um unnötige, zu errotische oder voyeristische Auftritte zu verbannen? Ich hoffe nicht! Sehr geehrte El-Friede, die Assoziationen entstehen bei uns im Kopf! Und wie die Diskussion hier zeigt, können sie höchst unterschiedlich ausfallen, wo ist das Problem?
Pücklers Utopia in Cottbus: kein Bild ohne Legende
@ wolfgangk: Kein Problem. Ich habe nichts gegen Nacktheit auf der Bühne. Es geht - neben der oben beschriebenen Berücksichtigung des politisch-ökonomischen Kontexts - um die Form der inszenierten Nacktheit. Und dabei ist vor allem der begleitende Text wesentlich. Oder: Kein Bild ohne Legende.
Pücklers Utopia in Cottbus: typische Ignoranz
@ El-Friede
Ich will Ihnen gar nichts aufzwingen oder die Schuld für irgendwas geben. Ich beschwere mich auch nicht über die Wende oder das Umorientieren, das ist eh ein blöder Begriff, mir fällt nur gerade nichts anderes ein und ich will auch das Thema hier gar nicht weiter vertiefen. Ich habe weder an „Blühende Landschaften“ geglaubt, noch hänge ich an ostalgischen Utopien a la Pückler. Lesen Sie meine Beiträge einfach mal, ich habe das Stück und die Gründe für sein Entstehen kritisiert, von einer harmonisierenden Sinnkonstruktion steht da nirgends etwas. El-Friede, Sie bewegen sich wie der Elefant im Porzellanladen auf einem Gebiet, auf dem Sie sich nicht auskennen. Das scheint Ihnen egal zu sein, mir nicht. Sie zitieren aus irgendwelchen Sachen die nichts mit dem zu tun haben, worum es hier geht. Das ist die typische Ignoranz des Westens. Auch wenn Sie es vielleicht gut meinen, hören Sie einfach den Leuten zu und versuchen Sie zu verstehen, mehr kann ich Ihnen dazu nicht sagen.
Pücklers Utopia in Cottbus: Harmonie könnte nicht schaden
@ Stefan: Ich habe Ihre Beiträge und die darin enthaltene Kritik an Kresniks Pückler-Version durchaus aufmerksam gelesen. Jedoch empfinde ich es als wenig konstruktiv, Menschen in Typen ("die Ignoranz des Westens") einzuordnen. Nancy dagegen geht es um die Möglichkeit einer politische Gemeinschaft, welche erst in und über die kommunikative Auseinandersetzung zwischen Subjekten entsteht, das heisst jenseits ideologischer Setzungen wie der "Ignoranz des Westens" beispielsweise.
Wegen der "harmonisierenden Sinnkonstruktion" - entschuldigen Sie bitte, da habe ich Sie mit Klaus verwechselt. Ein wenig Harmonie könnte hier nun aber tatsächlich nicht schaden, finde ich.
Pücklers Utopia in Cottbus: Palaver über Solizuschlag?
@El-friede
"Zu Beginn des Einigungsprozesses haben Sie möglicherweise von `blühenden Landschaften` geträumt, welche sich am Ende als Illusion erwiesen haben. Aber: Bin ich Schuld an diesen politischen Verblendungszusammenhängen? Machen Sie mich persönlich dafür verantwortlich, dass Sie sich umorientieren mussten?"

Ich glaube Stefan hat Recht, wenn er Sie als ein Elefant im Porzellanladen bezeichnet...Was kommt denn als nächstes? Noch ein bisschen Palaver über den Solizuschlag?
Pücklers Utopia in Cottbus: gewagte Wirkungs-Thesen
Die Diskussion um Pücklers Utopia scheint mir zu sehr auf Randphänomene konzentriert. Die vorgetragenen Argumente zementieren oft längst fertige (Vor-) Urteile, eine inhaltliche, auf das wirklich erlebte Stück bezogene Auseinandersetzung kommt mir zu kurz. Ich grüble immer noch, warum die einen die Inszenierung nur als Trash (also Kitsch) abtun, während andere fasziniert sind. Versuch einer Antwort:
In Tragödien wollen anfangs alle Figuren nur das Beste (fürs Volk, für die eigene Familie, für sich), und dennoch bedecken am Ende Leichen die Szene.
In Komödien wollen böse Eltern ihren guten Kindern nicht den gewünschten Partner gönnen, und dennoch endet alles glücklich mit einer Traumhochzeit.
Tragödien zeichnen den schlimmstmöglichen Verlauf der Dinge, wenn borniertes Festhalten an irgendeinem Prinzip bzw. einem egoistischen Interesse den Weltenlauf bestimmen.
Komödien bedienen das Bedürfnis nach Harmonisierung: Man intrigiert, kommuniziert und einigt sich letztlich auf einen Kompromiss – bei Relativierung von Standpunkten.
In Tragödien spitzen sich Konflikte zu und münden in Katastrophen, während sich in Komödien die Konflikte weitgehend auflösen – man arrangiert sich.
Tragödie und Komödie sind extreme Modelle menschlichen Existierens, die mich in ihrer reinen Form weniger ansprechen (Extremismus jeder Form vermag keinerlei Problem zu lösen, bestenfalls auf eines zu verweisen – oder ein neues in die Welt zu setzen).
In Pücklers Utopia sind Tragik und Komik eines Menschen auf wundersame Weise verwoben, so dass aus der Spannung zwischen diesen Extremen eine zusätzliche Dimension entsteht. Das verwobene Beieinander von tragischen und komischen Elementen findet sich ja auch im realen Leben jedes Menschen wieder, so dass möglicherweise ein Stück, das diese Doppeldramatik benutzt, einfach greifbarer, ehrlicher sein könnte. Man kann Pücklers Utopia als (Boulevard-) Komödie in großer Ausstattung sehen (und sich dann am Ende über den Pücklermonolog statt der Traumhochzeit erregen). Man kann das Stück als Tragödie eines gescheiterten Utopisten sehen (und die pralle Sinnlichkeit für die Entwicklung von Betroffenheitsgefühlen als störend empfinden). Man kann aber auch versuchen, seine mitgebrachten Denkschablonen beiseite zu lassen und die sich entwickelnde Tragik und Komik in ihrem Bezug aufeinander zu sehen. Wenn der Pleitefürst seine euphorischen Visionen von einem neuen Park im Branitzer Sand mit See, Pyramide und Schloss vor seiner Ehefrau ausbreitet, so ist das Komödienstoff, und im Publikum regt sich Heiterkeit. Doch wir haben besserwisserisch zu früh gelacht – der Kerl hat seine Parkutopie – gegen alle Erwartungen – tatsächlich realisiert. Wir haben seine Ernsthaftigkeit hinter einer schrulligen Oberfläche unterschätzt. Auch wir hätten ihn als Spinner abgetan und keinen Cent Kredit gegeben. Wir fühlen uns ertappt – das scheußlichste aller Gefühle.
Dieses konsequente Inbezugsetzen des sich scheinbar Ausschließenden ist meines Erachtens der Schlüssel zum besseren Verständnis des Stückes.
An der Rampe entkleiden sich zwei Damen und sorgen zunächst für ungeteilte Aufmerksamkeit. Aber auf der Bühne geschieht gleichzeit noch anderes, Bedeutenderes: Aus der Tiefe nähern sich langsam die Damen und Herren des Opernchores (korrekt gekleidet in dunkler Abendgarderobe) und singen „Flieg, Gedanke, flieg!“ aus Nabucco. Wer sich jetzt von der Stripszene abzuwenden und diesen wunderbaren Chor auch in seiner eindringlichen Gestik zu genießen vermochte, wer sich also vom Vordergründigen nicht über Gebühr blenden ließ, konnte sich bei Bedarf auch auf gehobenerem Niveau unterhalten. Zur Rampe voranschreitend gewinnt der Chor immer mehr an Präsenz und verdrängt schließlich die Damen. Da wird eine große Opernszene geboten – aber manche Kritiker haben nur die provokante „Garnierung“ rechts und links der Bühne wahrgenommen und zum Gegenstand ihrer Betrachtungen gemacht. Einen Bezug des einen auf das andere herzustellen setzt ja voraus, dass beides erst einmal wahrgenommen wird. Das erfordert Aufwand vom Publikum, und erst dieser wird entschädigt durch Genuss… Könnte es ein bisschen so sein?
Gewagte Thesen, zum Abschuss freigegeben.
Fürst Pückler, Cottbus: genug Spielraum
@ Mone: Nein, eigentlich komme ich aus Island und bin eine Elfe im Vulkankrater. Im Ernst, ich bin die Letzte, die den Kapitalismus dem Sozialismus vorziehen würde, wenn Sie darauf hinaus wollten.
@ Klaus: Einverstanden. Klingt gut. Keine Tragödie ohne das komische und keine Komödie ohne das tragische Stör-Element, um dem Zuschauer genug Spielraum zum eigenständigen Nach-Denken zu lassen.
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