Donnerstag, 24. Juli 2014

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Iphigenie auf Tauris – Sarantos Zervoulakos entlockt Goethes Jamben eine hochemotionale Zimmerschlacht

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Humanitätsklassenziel knapp erreicht

von Klaus M. Schmidt

Oberhausen, 18. Februar 2011. Was täten diese Männer ohne Iphigenie? Einen ziemlich langen sprachlosen Moment lang fragt man sich das. Da hat sich Iphigenie zum einzigen Mal den Blicken entzogen, und Thoas, König der Taurier, hat sich Helm und Schwert gegriffen, die bisher unbeachtet herumlagen. Gerade hat ihm Iphigenie gesagt, dass die beiden Fremden, die er der Göttin Diana opfern möchte, Griechen sind, also Landsleute von ihr. Und da stehen sie nun – Thoas, sein Getreuer Arkas sowie die Griechen Pylades und Orest – stehen einander gegenüber, wie eingefroren, auch auf dem Sprung? Schlägt Thoas jetzt zu? Es kommt anders.

Seit knapp einer Woche fühlt sich das Theater Oberhausen "zu den Auserwählten" dazugehörig. Die Oberhausener Herbert-Fritsch-Inszenierung von Ibsens "Nora" ist zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Mit Goethes "Iphigenie" scheint aber zumindest auf dem Papier wieder Ruhe eingekehrt. Die Auswahl des Stücks für den Spielplan verdankt sich überwiegend Stadttheater-Pragmatismus, denn "Iphigenie" ist Stoff fürs Zentralabitur. Allerdings gibt mit diesem Stoff der neunundzwanzigjährige Regisseur Sarantos Zervoulakos sein Oberhausener Regiedebüt. Zervoulakos ist Absolvent des Wiener Max Reinhard Seminars und gilt, spätestens seit seine Diplominszenierung "Peer Gynt" im vergangenen Jahr zum Hamburger Nachwuchsfestival "Körber Studio Junge Regie" eingeladen war, als Regiehoffnung.

Akkustische Spielortmarkierung

Die Bühne ist karg. Ein weißer Raum ohne Türen. Hier stehen ein Sessel, zentral ein Sofa, ein Stuhl, alle eher schäbig. Der Boden ist bedeckt mit unzähligen Reclam-Heftchen. Ach ja, wir geben einen Klassiker, für deren Lektüre Schüler diese wohlfeilen Ausgaben bevorzugen. Die Schauspieler treten in heutiger Kleidung auf. Alle bleiben die ganze Zeit anwesend. Michael Witte (Thoas) und Martin Hohner (Orest) üben sich in Vogelgezwitscher, markieren so akustisch den Spielort, den Hain der Diana. Ein kleiner Witz zum Einstieg.

Dann folgt der bekannte Anfangsmonolog Iphigenies, der vor allem kundtut: Das Leben in der Fremde ist für sie ein "zweiter Tod". Vor dem ersten Tod hat sie die Göttin Diana bewahrt. König Agamemnon von Mykene wollte seine Tochter Iphigenie der Jagdgöttin opfern, um für die Fahrt nach Troja günstigen Wind zu erbitten. Diana aber brachte Iphigenie nach Tauris, und machte sie dort zu ihrer Priesterin. Barbarischer Brauch auf Tauris war vor Iphigeniens Eintreffen, jeden Fremden zu töten. Das hat die unglückliche Priesterin Thoas schon ausgetrieben, wofür ihr der weise Arkas (Hartmut Stanke) dankbar ist.

Die Fremde zivilisiert den Einheimischen

Brav bindet sich Thoas einen Schlips um, bevor er in der dritten Szene Iphigenie bittet, seine Frau zu werden. Aber Iphigenie weist ihn zurück, bemüht zwecks Abweisung auch das Offenbaren ihrer Herkunft aus dem fluchbeladenen Geschlecht des Tantalus. Der Zurückgewiesene droht mit dem Rückfall in die alte Barbarei. Gerade haben seine Männer die noch unerkannten Orest und Pylades aufgegriffen. Die sollen nun nach altem Brauch geopfert werden. Orest ist Iphigenies Bruder, Pylades sein Jugendfreund. Orest hat die Mutter Klytaimnestra ermordet, um deren Mord an seinem Vater zu rächen. Der Fluchbeladene sucht auf Tauris auf Rat des Gottes Apollon nach dessen Schwester Diana, wobei Appollon eigentlich meinte, dass er Iphigenie suchen soll, seine eigene Schwester. Jedenfalls soll das Orest von den Furien befreien, die seit dem Muttermord hinter ihm herjagen.

Elisabeth Knopp hat als Iphighenie am Anfang ihre Worte schnell parat. Im Dialog mit Arkas, dann mit Thoas erweist sie sich als erfahren im Führen von Debatten. Im Auf und Ab des Blankverses wirkt das so eloquent wie elegant. Martin Hohner als Orest durchbricht als erster diese Eleganz. Dem lastet zu viel auf den Schultern, dem kommt der drohende Opfertod gerade recht. Das macht er besessen-depressiv deutlich – bis sich ihm Iphigenie als Schwester zu erkennen gibt, worüber sich beide wie närrische Kinder freuen.

Zimmerschlacht der Gefühle

Nun hat Iphigenie ein Problem, das mit Schlagfertigkeit allein nicht zu lösen ist. Zunächst lässt sie sich von Pylades anstiften, die gemeinsame Flucht zu decken, doch dazu muss sie Thoas belügen, gerät damit auch noch in einen Loyalitätskonflikt. Wo Worte nicht helfen, hilft Gewalt? Das ist nicht Iphigeniens Weg. Sie schlägt zwar um sich, aber verwüstet nur das Zimmer dabei. Regisseur Sarantos Zervoulakos schickt sie so in die Sprachlosigkeit, als Thoas sie bedrängt. Dann greift dieser nach Helm und Schwert ... Was würde geschehen ohne die sprachmächtige Iphigenie? Die Situation unter den Männern könnte eskalieren. Aber Iphigenie fängt sich und rückt erst einmal das Mobiliar wieder zurecht. Dann lässt sie alle Schlagfertigkeit hinter sich. Sie offenbart Thoas die Wahrheit über sich, den Bruder, den Fluchtplan und riskiert den Untergang. Und Thoas lässt sie gehen. Allerdings lässt Zervoulakos ihn das "Lebt wohl!", mit dem er Iphigenie verabschiedet, am Ende mehr aus sich herauswürgen, das Humanitätsklassenziel also nur recht knapp erreichen.

Mit Konzentration auf die Sprache, dem Vermeiden von Pathos, dem so sparsamen wie genauen Einsatz szenischer Mittel und dem kalkulierten Aufbieten weniger emotionaler Ausbrüche entlockt Sarantos Zervoulakos Goethes Jamben in Oberhausen eine Zimmerschlacht der Gefühle. Fast fällt es dabei nicht einmal auf, wie monströs das Schicksal der Tantaliden ist. Eine handwerklich konsequente Inszenierung eines noch jungen Regisseurs.

 

Iphigenie auf Tauris
von Johann Wolfgang von Goethe
Regie: Sarantos Zervoulakos, Bühne: Raimund Orfeo Voigt, Kostüme: Geraldine Arnold, Dramaturgie: Simone Kranz.
Mit: Michael Golab, Martin Hohner, Elisabeth Kopp, Hartmut Stanke, Michael Witte.

www.theater-oberhausen.de

 

Kritikenrundschau

Regisseur Sarantos Zervoulakos lasse "erst einmal drei Schaufeln Reclamhefte über der Bühne kippen. Als ob er sagen möchte: Liebe Schüler, jetzt zeigen wir euch, was da wirklich drin steht." Das gelingt nach Meinung von Max Florian Kühlem (Rheinische Post, 21.2.2011) "erstaunlich gut mit erstaunlich wenigen Regie-Gags. Der Zuschauer fiebert und fühlt mit, wird in das Stück gezogen wie durch einen Sog - allein, weil die Darsteller Goethes Text eine reizvolle Gestalt geben." Elisabeth Kopp beeindruckt den Kritiker, wenn sie schon im Anfangsmonolog "sprachmächtig ihre sanfte Stimme" erhebt. "Szenische Mittel" setze Zervoulakos "nur sparsam" ein, vielmehr sei aber auch "gar nicht nötig für maximale Wirkung und einen tosenden Schlussapplaus".

So Zervoulakos, "mit gerade mal 30 ein Shooting-Star der Regie", macht für Jens Dirksen vom Online-Portal Der Westen (20.2.2011) "eigentlich alles richtig" und der "Iphigenie" "mit beherzten Strichen Beine - ohne den Slalom der Gefühle auf einen bizarren Zickzack-Kurs zu verkürzen. Dabei helfen ihm Schauspieler wie Elisabeth Kopp, die der Titelrolle auch im Schweigen ein erzählfreudiges Gesicht gibt". In Oberhausen sei "richtig gutes Schauspielertheater" zu sehen, "im Falle von Martin Hohners wahnsinnigem Orest sogar beängstigend gutes: Mit ihm (...) blickt man in Abgründe, aus denen nicht nur das Entsetzen schreit, sondern auch ein unheimliches Lachen heraufdringt." Auf dem Boden aus hunderten von Reclam-Heften werde "ein doppelbödiges Spiel" getrieben, "mit einer fundamentalen Misstrauenserklärung an eingepaukte klassische Bildung. Aber selbst das beantwortet die Frage, warum man sich die „Iphigenie" im Theater anschauen soll, nur halb." Immerhin werde hier die "höchst lebendige Veranschaulichung eines Lesedramas" geleistet.

Elisabeth Kopp lasse die "stilisierten Verse wie moderne Umgangssprache klingen", beschreibt Klaus Stübler auf Ruhrnachrichten.de. "Gut, Manches geht ihr zu schnell oder zu undeutlich von den Lippen. Aber ihre Botschaft wird klar - und ihre emotionale Beteiligung berührt." Zervoulakos scheint dem Kritiker der Richtige zu sein, "um auch ein junges Publikum anzusprechen". Glücklicherweise gestatte er den Schauspielern "emotionale Ausbrüche: Iphi (...) darf Ohrfeigen verteilen und den um sie buhlenden König Thoas schubsen". Michael Witte (Thoas) sei "ein Vorbild für deutliches Sprechen" und Martin Hohners Orest "im Freizeitlook" werde "einer von uns".

 




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