Montag, 22. September 2014
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porträt & profil

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© Matthias Pees

14. September 2014

Krieg ist die Parole

Ein kolossales Großprojekt hat der japanische Regisseur Akira Takayama zum Saisonstart für die Rhein-Main-Region ersonnen. Evakuieren ist ein Flucht- und Rettungsplan für Alltagsaussteiger mit rund vierzig Stationen in Frankfurt, Darmstadt und Mainz. Einheimische und internationale Künstler bespielen die Fluchtpunkte. In die Verschnittflächen der Großstadt begab sich Esther Boldt.

Die Schweiz, das ist "Ja für Mundart im Kindergarten" und "Nein für Zuwanderung", das ist das fehlende "ß" auf der Computertastatur, und üppige Fördermöglichkeiten für freie Theaterschaffende. Die Dramatikerin und Schauspielerin Esther Becker lebt seit elf Jahren als Deutsche in der Schweiz und erzählt wie es sich anfühlt, ein Land lieben zu lernen, das manchmal, aber nur manchmal mit Gegenliebe geizt.

In Oldenburg vergibt das Theater von Winfried Wrede seit einigen Jahren Künstler-Residenzen für Freie Gruppen. Flausen – Young Artists in Residence heißt das Stipendienprogramm. Wrede sammelt Geld bei Stiftungen und Kulturinstitutionen, dafür können die Freien Gruppen frei von Ergebniszwang agieren. Benno Schirrmeister porträtiert das Projekt.

Viel wird davon geredet, dass die Theater in ihre Städte hinausgehen müssen, um ihre Bedeutung für deren Bewohner aufzuladen. Das Straßenkunst- und Figurentheaterfestival La Strada probt in Graz heuer zum 18. Mal, was sich da draußen anstellen lässt. Leopold Lippert hat unter anderem Hunde aus Dachziegeln durch die Straßen von Graz toben gesehen..

Was ist eigentlich aus den 55.000 syrischen Flüchtlingskindern geworden? Die das Familienministerium seit Mai nach Deutschland holen will? Dass hinter der täuschend echt kommunizierten Aktion das Zentrum für Politische Schönheit steckt, ist seit den flächendeckenden Medienberichten bekannt. Aber welche größeren Ziele verfolgt die "Organisation"? Und wie viel Theater will man überhaupt machen? Sophie Diesselhorst porträtiert die Aktionskünstler.

Der Schauspieler Gert Voss ist tot. Oder sagen wir besser: gestorben. Denn tot kann einer gar nicht sein, der so groß war, dass er sogar in Dramen Verewigung fand, 1986 in "Ritter, Dene, Voss" von Thomas Bernhard zum Beispiel. Ein Nachruf von Dirk Pilz.

Es sind Faust-Wochen am Residenztheater: Nach Martin Kušejs und Johan Simons' Inszenierungen haben sich nun sechs junge Regisseure im Rahmen des Minifestivals Marstallplan mit dem Faust II-Stoff beschäftigt, in dem der sinn- und weltsuchende Gelehrte einen ziemlichen Parforceritt durch Themen und Ordnungen geht. Wie die Nachwuchsregisseure da mitgehen, weiß Lea Kosch.

Was mit einer geschassten Geschäftsführerin begann, sich zur Burgtheaterkrise auswuchs und einstweilen in der Entlassung des Direktors Matthias Hartmann gipfelte, ist womöglich erst die Spitze des Eisbergs. Vorgestern gab Bundestheater-Holding-Chef Georg Springer seinen Rückzug bekannt, gestern begann der Prozess Hartmanns gegen die Burg. Wie Proporz, Nepotismus, Korruption in der österreichischen Bürokratie verwurzelt sind beschreibt Thomas Miessgang.

Heute geht die sechste Ausgabe des Live Art Festivals auf Kampnagel zu Ende – falls alle bis dahin durchhalten. Schließlich heißt die sechste Ausgabe Excess Yourself – die Hamburger Boulevard-Presse meinte im Vorfeld gleich einen Drogenskandal entdecken zu müssen. Wie viel Ausschweifung tatsächlich im Programm steckt, hat Falk Schreiber überprüft.

Die Preise des ersten Schweizer Theatertreffens haben die Mitwirkenden aus Christoph Marthalers Das Weiße vom Ei eingeheimst. Aber zum Abschluss setzten andere Arbeiten die Akzente: Massimo Furlans Giacomo und Michael Schröders Woher die kleinen Kinder kommen. Mehr darüber von Claude Bühler.

Jacob Appelbaum ist Hacker und Journalist – er arbeitet an der Aufbereitung der NSA-Daten des Whistleblowers Edward Snowden mit und hat dafür kürzlich den Henri-Nannen-Journalistenpreis bekommen. Warum er ihn mit gemischten Gefühlen entgegennahm und jetzt überlegt, die Trophäe einzuschmelzen, erklärte er gestern in seiner Eröffnungsrede zum Festival "Theater der Welt" in Mannheim – hier der Text: auf deutsch und auf englisch.

Gekürzte Etats, schrumpfende Bevölkerung, überforderte Lokalpolitik – das alles wirkt sich an kleinen Stadttheatern dramatischer aus als an den großen Theatertankern. Doch gleichzeitig ist die Provinz besser als ihr Ruf. Karl M. Sibelius hat das Theater an der Rott im bayerischen Eggenfelden erfolgreich aus dem Dornröschenschlaf geleitet und übernimmt demnächst das Theater in Trier, wo ein sanierungsbedürftiges Haus auf ihn wartet. Rainer Nolden über den Wechsel.

Migration und Kolonialismus sind zentrale Elemente im Spielplan von Karin Beiers Hamburger Deutschem Schauspielhaus. Naheliegend, dass es sich für das Stadtraumprojekt New Hamburg loves Veddel das gleichnamige Viertel ausgesucht hat: Nirgendwo manifestiert sich der Charakter Hamburgs als einer von Migration geprägten Stadt so deutlich wie hier. Falk Schreiber hat sich umgeschaut.

Wer beim diesjährigen Radikal-Jung-Festival am Münchner Volkstheater darauf hoffte, radikal junge Klassiker-Durchlüftungen zu erleben, der wurde enttäuscht. Doch es gab reichlich Ersatz, nicht zuletzt Formexperimente und Projekte von jungen internationalen Künstlern aus Frankreich, Moldawien, Israel und natürlich aus dem deutschsprachigen Raum. Einen Überblick über das gesamte Festival bietet Michael Stadler.

Das F.I.N.D.-Festival ist zu Ende gegangen. Es hat mit Gastspielen aus aller Welt, nicht zuletzt mit solchen aus Lateinamerika und Russland, das Kunststück vollbracht, das politische Theater zu beerdigen und zugleich lustvoll wiederauferstehen zu lassen. Auf unserem Festivalrundgang begleitet uns Georg Kasch.

Im Theater Schleswig gibt es nur noch Flugshows der Fledermäuse. Die Menschen zeigen ihre Kunst seit 2011 in einer kleinen Ausweichspielstätte im Slesvighus. Politische Lösungen für die Lage, die die gesamte Landesbühne Schleswig-Holstein bedroht, werden beständig ausgebremst. Mit Brechts Der gute Mensch von Sezuan in der Regie des jungen Paul-Georg Dittrich spielt das Theater nun gegen die Krise an. Jens Fischer sah sich vor Ort um.

Schließlich ist heute offizieller Scherzmachtag. Und niemand scherzt derzeit so schön, so formvollendet, so irrsinnstrunken wie Herbert Fritsch, der gerade am Hamburger Schauspielhaus Molières "Schule der Frauen" probiert, mit einem ebenbürtig energiegeladenen Joachim Meyerhoff in der Hauptrolle. Wenn das mal keine Wahnsinnskombi ist! Eva Biringer erprobte sich als Hospitantin und wurde vom Fritsch-Universum eingesogen.

Es hätte so etwas wie eine Friedenskonferenz von Wien werden sollen – so hatten es seine Macher zumindest ursprünglich erträumt: das Festival Szene Ungarn am Burgtheater. Dann wurde das Haus am Ring selbst von heftigen Finanzkrisenstürmen durchgeschüttelt, bis dem Theater sein Intendant und dem Festival zwei Inszenierungen flöten gingen. Was von der ambitionierten Unternehmung übrig blieb, sagt Martin Thomas Pesl.

Am Berliner HAU läuft das Ungarn-Festival "Leaving is not an Option?" Mit großem Fragezeichen, das noch größer wurde auf einem Podium, auf dem gestern Abend der Regisseur Belà Pinter, der Theatermacher György Szabó und der Musiker Sickratman die Auswanderungsfrage diskutierten. Eine Theaterantwort gab es dazu auch – mit der Deutschlandpremiere von "Hungari" der HOPPart Company. Sophie Diesselhorst sah Ungarn in der Beckett-Klemme.

Er war in Leipzig. Er ließ die Stadt künstlerisch, emotional und juristisch aufgewühlt und durchpflügt hinter sich. Jetzt inszeniert er wieder in Berlin, am Deutschen Theater. Sebi-Porno-Hartmann, Leipziger Ex-Intendant. Wen wird er in Berlin zum Blankziehen zwingen? Die Autorin, Moderatorin und neuerdings Hospitantin Else Buschheuer erlebte das "Rätsel im Gewand der Harmlosigkeit": Sebastian Hartmann im Probenprozess.

Dass Theatermacher Computerspiele als Inspirationsquelle nutzen, spricht sich langsam herum. Aber wussten wir, dass auch in Computerspielen Mittel des Theaters genutzt, sie selbst sogar als Theater inszeniert sind? Jan Fischer durchstreift neue Spielewelten und ihre Bühnenkunst.

Wenn sich das Theater vom Computerspiel inspirieren lässt, also interaktiv wird, gar basisdemokratisch: Hat es dann das nächste Level erreicht? Lässt das Game-Theater das herkömmliche Theater unter sich? Oder muss die Theatergeschichte nicht doch eher als Ausbreitung ins Horizontale verstanden werden? Solche Überlegungen haben am vergangenen Wochenende die vierte next level conference in Dortmund geprägt. Bei der auch Sascha Westphal zugegen war.

Wer über die Dokumentartheater reden will, darf von der Wirklichkeit nicht schweigen. Bloß - was ist das eigentlich: Wirklichkeit? "Versuche über die unbekannte Gegenwart" hieß eine Diskussion mit den vier Dokumentar-Theatermachern Milo Rau, Hans-Werner Kroesinger, Helgard Haug und Rolf Hochhuth, zu der die Akademie der Künste in Berlin geladen hatte. Nikolaus Merck hat diesem Gipfeltreffen zugehört und zugeschaut.

"Ich bin hier nicht im Bild, ich muss hier auch nicht spielen, ich will hier auch nicht spielen, es ist etwas passiert, das wird gezeigt" – mit diesem Schlingensief-Zitat ist die Ausstellung in den Berliner Kunst-Werken angekündigt, die Christoph Schlingensief teilweise noch selbst mitgestaltet hat. Das Bild, das man dort von ihm gewinnen kann, stemmt sich gegen die Musealisierung wie gegen die Inszenierung schierer Gafferei. In den Kunst-Werken war Dirk Pilz.

Zum dritten Mal fand am vergangenen Wochenende am Staatstheater Braunschweig das Internationale Festival für Junge Regie Fast Forward statt. Insgesamt sieben Produktionen waren eingeladen. Und zeigten exemplarisch: Berührungsängste mit den großen sozialpolitischen Themen hat junges europäisches Theater nicht. Ein Festivalbericht von Jan Fischer.

Georg Büchner werden dieses Jahr gefeiert, und wir feiern mit. Der hessische Dichter-Mediziner-Revolutionär hat der (Nach-)Welt, obwohl er nur 23 Jahre alt wurde, einige Stangen Dynamit geschenkt. In Darmstadt, wo Büchner aufwuchs, klappt die Ausstellung "Georg Büchner – Revolutionär mit Feder und Skalpell" zum Jubiläumein feingezeichnetes Panorama der Büchner-Zeit auf – mehr von Nikolaus Merck.

Das Theater spielt gern Revolution. Sollte es nicht lieber ernst machen mit einem "Theater der Teilhabe", wie es Björn Bicker jüngst entwarf? So wie es zum Beispiel das neue Game-Theater tut, das sein Publikum in basisdemokratische Entscheidungsprozesse verwickelt. Über die politische Relevanz neuer Theaterformate, die von Computerspielen inspiriert sind, sprach Christian Rakow vorgestern auf der Konferenz rePLAYCE: theCity in Zürich (hier auch auf Englisch).

Ganz zu Beginn fristete das No Limits-Festival ein noch eher randständiges Dasein. Doch mittlerweile – bei seiner sechsten Auflage – ist es längst ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt: Die unabweisbare Qualität der dort gezeigten Produktionen lockt nicht nur die Theatertreffen-Juroren. Das Thema Inklusion, dem das Festival gilt, ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Den Auftakt von No Limits besuchte Eva Biringer.

An diesem Wochenende hat in Hannover erneut das Festival Best OFF der freien Theater-Szene stattgefunden. 69 Produktionen freier niedersächsischer Theater begutachtete eine Jury im Vorfeld, sechs wurden eingeladen, darunter Fräulein Wunder AG, Markus&Markus oder vorschlag:hammer. Mehr über das Festival und seine Gewinner von Jan Fischer.

Das Wiener Burgtheater steht nun seit 125 Jahren an der Ringstraße. Auf dem Kongress zum Jubiläum sprachen auch die Regisseurin Andrea Breth über die Burg als Nationaltheater und Johan Simons, Regisseur und Intendant der Münchner Kammerspiele, über die Notwendigkeit eines Theaters der Nationen. Zum Auftakt beleuchtete der langjährige Burgtheaterdramaturg und Theaterhistoriker Reinhard Urbach den Umzug des Burgtheaters vom Michaelerplatz an die Ringstraße im Jahr 1888. Auf dem Kongress machte der Billeteur Christian Diaz spontan auf die aktuellen Arbeitsbedingungen am Haus aufmerksam und protestierte gegen die Verflechtung des Burgtheaters mit dem Security-Unternehmen G4S. Seine Rede und die Reaktion des Burgtheaters sind hier nachzulesen. Den Kongress im Ganzen nimmt Nachtkritikerin Eva Maria Klinger in den Blick und fragt nach dem Mythos 'Burgtheater'.

Gestern starteten in Osnabrück die Spieltriebe. Das alle zwei Jahre stattfindende Uraufführungsfestival verlässt sich dieses Mal unter dem Motto "Total Real" ganz auf die Macht der Fiktion. Ein Paradox? Die Antwort kommt von Kai Bremer, der zu Uraufführungen von Texten von Wiktor Pelewin, David Gieselmann und Johannes Schrettle durch Osnabrück getourt ist.

Pressekonferenzen von Intendanten sind normalhin kein Thema auf nachtkritik.de. Gestern allerdings stellten Shermin Langhoff und Jens Hillje, die Promoter eines postmigrantischen Theaters, in Berlin das Ensemble und ihre Pläne für das Maxim Gorki Theater vor. Und man fragt sich gespannt: Wie viel vom Kreuzberger Off-Theater Ballhaus Naunynstraße wird wohl ans Stadttheater umziehen? Von vorneherein kann man schon einmal sagen: So bunt wie dieses Ensemble ist kein anderes in Deutschland, Österreich oder der Deutsch-Schweiz. Und sonst? Esther Slevogt berichtet.

Seine letzte Arbeit fürs Theater ist mehr als zwanzig Jahre her, und doch ist Horst Sagert alles andere als vergessen: Zur Eröffnung der großen Retrospektive Sagerts Welt.Theater und Bildende Kunst im Werk von Horst Sagert pilgerten Hunderte aus Städten und Stadttheatern ins Berliner Umland zum Schloss Neuhardenberg, um das Werk des legendären Querkopfs (wieder) zu entdecken. Gehört es ins Museum? Ein staunender Wolfgang Behrens sagt: Ja!

Heute startet in Berlin das Festival Tanz im August. Es ist 25 Jahre jung und damit in etwa so alt wie die entscheidenden Aufbrüche der hiesigen zeitgenössischen Tanzszene. Die es geschafft hat, ein immer größeres, dazu noch junges Publikum zu begeistern. Aus eigener Kraft sind neue Kunst-Orte geschaffen und stabile Netzwerke gewoben worden. Sogar die Kulturpolitik zieht mittlerweile im Rahmen des Möglichen mit. Ein Überblick von Astrid Kaminski.

Unter anderem mit Arbeiten von Olivier Dubois, Jeremy Wade und Juan Dominguez. Eine der Parolen, die András Siebold, der Nachfolger von Matthias von Hartz, auf seine Fahnen schrieb, lautet: Popularisierung der Avantgarde. Falk Schreiber hat sich die beiden Eröffnungsnächte um die Ohren geschlagen.

Martin Wuttke, Devid Striesow, Annika Kuhl: die Liste der Theaterstars, die im Tatort auf Tätersuche gehen, morden oder Opfer mimen ist lang. Zeit, einmal grundsätzlichere Überlegungen anzustellen. Matthias Dell ermittelt.

Hier wird nie wieder Theater gespielt werden: am Sonntag fand im Wuppertaler Schauspielhaus die letzte Vorstellung statt. Eine Sanierung würde 40 Millionen Euro kosten. Die hat die klamme Kommune nicht. Nach der letzten Vorstellung des Abschiedsstücks mit dem schönen Titel Eine Billion Dollar verabschiedete Intendant Christian von Treskow jeden einzelnen Mitarbeiter mit Namen und hielt dann eine bittere Rede, die wir hier dokumentieren.

"Under the influence" lautet das Motto der diesjährigen Theaterbiennale der Freien Szene Impulse. Unter der neuen Leitung von Florian Malzacher mischt das Festival stärker mit als bisher, indem es nicht nur eingeladen, sondern auch koproduziert hat. Zur Eröffnung gab es in Köln und Mülheim Arbeiten von Gesine Danckwart, Yael Bartana und deufert&plischke zu sehen. Esther Boldt ist herumgereist.

Mit der neuen Spielzeit wird Attila Vidnyánszky Intendant des Ungarischen Nationaltheaters in Budapests. Die Entscheidung löste in Ungarn Debatten aus. Denn Vidnyánszky ist zwar ein bedeutender Theater- und Opernregisseur, aber als Berater der Regierung von Ministerpräsident Viktor Orbán auch mächtiger Akteur in den Kulturkämpfen der letzten Jahre. Attila Vidnyánszky im Interview mit Esther Slevogt.

"Letzte Dramen zwischen Mensch und Maschine", Installationen und Diskussionen rund um die Zukunft der Kunst im digitalen Zeitalter gab es in den vergangenen Tagen auf dem Cyberleiber Festival am Schauspiel Dortmund. Und eine Theaterreise ins Simulacron: Claudia Bauer hat den "Matrix"-Vorläufer Welt am Draht von Rainer Werner Fassbinder auf die Bühne gebracht. Sascha Westphal berichtet.

Im Rahmen der Autorentheatertage am Deutschen Theater wurde die Dramatikerin Felicia Zeller mit dem erstmals vergebenen Hermann-Sudermann-Preis ausgezeichnet. Ihr Text "X-Freunde" ist für den Laudator Gerhard Jörder deshalb so ein starkes Stück, weil die Autorin den Mut hat, die "Banalität unserer alltäglichen Lebensnot noch einmal aufzutischen" – die Laudatio auf Stück und Autorin.

Zoo 3000 – Occupy Species ist die diesjährige Ausgabe des Performance-Festivals Live Art auf Kampnagel überschrieben, das aus der Perspektive Nischenwissenschaft Animalstudies Machtverhältnisse zwischen Natur und Mensch aber auch die Zusammenhänge von Zoologie und Theater untersucht. Erste Eindrücke liefert Falk Schreiber.

Der Jubiliäusjahrgang sei so politisch wie schon lange nicht mehr, sagt Barbara Wesemann, Regieprofessorin an der Universität Hamburg und Leiterin des Festivals Körber Studio Junge Regie, das seit 2003 einen wichtigen Regienachwuchspreis vergibt, inzwischen also zum zehnten Mal. Idee des Festivals: Herangehensweisen einer nachwachsenden Regiegeneration an historische, politische und gesellschaftliche Themen zu zeigen. Friederike Felbeck war vor Ort.

Das Schreiben über Theater auf dem absteigenden Ast? Ach was! Im Internet treibt es neue Blüten, nicht nur auf nachtkritik.de, sondern auch auf vielen Theaterblogs, auf denen Theatermacher, (Hobby-)Kritiker und Enthusiasten ihrer Leidenschaft nachgehen, meist zum Nulltarif. Georg Kasch hat sich in der Theaterbloggerszene umgetan und benennt Schwierigkeiten und Chancen.

Im Frühling ist es draußen am schönsten. Das findet auch das Theater Freiburg – und hat sich als Zwischennutzer auf einer umstrittenen Brachfläche in der Stadt angesiedelt. Wie Natur und Kunst auf den Gutleutmatten miteinander ins Spiel gebracht werden und wo das Theater Freiburg sich sonst noch herumtreibt, um in Kontakt mit der Stadt und ihren Bewohnern zu kommen, davon berichtet Jürgen Reuß.

Gestern hat Karin Beier in Hamburg die Pläne für ihren Start als Intendantin des Deutschen Schauspielhaus vorgelegt. Wegen der Renovierungsarbeiten wird es erst Mitte November losgehen, dann aber mit beeindruckender Power! Mehr von Falk Schreiber, der bei der Spielplanpressekonferenz war.

Mit drei Premieren ist das Festival Internationale Neue Dramatik (F.I.N.D.) an der Schaubühne Berlin gestartet: Romeo Castelluccis "Hyperion. Briefe eines Terroristen", "Notizen aus der Küche" von Rodrigo García und "Der terroristische Tanzsalon" des griechischen Theaterkollektivs BLITZ. Wieviel Sprengkraft davon ausgeht, weiß Sophie Diesselhorst.

Ein Theaterfestival für junge Regie zu sein, das einmal jenseits der üblich verdächtigen Nachwuchsschmieden zwischen Berlin und Wien nach neuen Regiehandschriften sucht, hat sich das Festival Fast Forward des Staatstheaters Braunschweig vorgenommen. Es wurde also europaweit geschaut: Alexander Kohlmann mit einem Halbzeitbericht.

Das Theater ist unter Druck geraten, seit das Internet begann, die Öffentlichkeit neu zu strukturieren. Lange taten die Theater so, als ginge sie das nichts an. Inzwischen versuchen sie zu reagieren. Das Hamburger Thalia Theater veranstaltete am Wochenende ein Barcamp zum Thema Theater und Internet, um Theatermacher, Webexperten, Blogger und Anbieter neuer Marketingstrategien fürs Netz miteinander ins Gespräch zu bringen. Esther Slevogt hat mitgecampt.

Nun wurde er also offiziell gekrönt. Seit Donnerstagabend ist Claus Peymann Ehrenmitglied des Burgtheaters – was während seiner Intendanz in den 90er Jahren noch undenkbar gewesen wäre. In welche Gesellschaft lässt sich Peymann da eigentlich einreihen? Fragt Nikolaus Merck in seinem Kommentar.

Niedersachsen – gefühlt sind das weite Ebenen mit Kühen, ein bisschen Wattenmeer und Castor-Proteste im Wendland. Und – den Nachtkritiken nach zu urteilen – lebendiges Theater. Nach dem krisengebeutelten Nord-Nordost führt uns der Schwerpunkt dieser Saison ins Gebiet zwischen Göttingen und Wilhelmshaven, Hildesheim und Lüneburg. André Mumot hat für uns einen ersten Überblick riskiert.

Dass auch am Schultheater zeitgenössische Ungetümer wie Postdramatik und Volksbühnen-Dekonstruktion nicht spurlos vorbeigehen, hat man vermutet. Aber wie sieht das konkret aus? Zehntklässler, die sich nackt im Blut suhlen? Teenager, die Heiner Müller stottern? Das Festival Schultheater der Länder, das gerade in Berlin begonnen hat, gibt Aufschluss. Dort ist nicht nur Hans-Thies Lehmann anzutreffen, sondern auch André Mumot.

Der "Montblanc Young Directors Award" der Salzburger Festspiele 2012 geht an die französische Choreografin Gisèle Vienne – die mit gleich zwei Produktionen eingeladen war. Eine davon, This is how you will disappear, tingelt schon seit Jahren durch die Lande, war sogar schon in Österreich zu Gast. Nicht nur deshalb findet Reinhard Kriechbaum das Konzept des hochkarätig gesponserten Salzburger Festivals zur Nachwuchsförderung zweifelhaft. Ein Kommentar.

Die Salzburger Festspiele haben als originäres Musiktheaterfestival notgedrungen eine internationale Programmatik. Seit Jahren versucht auch die Schauspielsparte damit umzugehen. Im Programmheft steht: es soll noch polyglotter werden. Was immer das heißt, gerüchteweise wird der Jedermann im nächsten Jahr ein wenig britischer sein. Reinhard Kriechbaum macht sich darüber Gedanken.

Ein Jahr hat nachtkritik.de mit Hilfe der Hamburger Zeitstiftung die gefährdeten Theaterlandschaften in Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern betrachtet. Hat im Rahmen des Schwerpunkts Nord-Nordost Theater besucht, deren Aufführungen oft kaum noch die Beachtung der jeweiligen Lokalpresse finden, wo man lieber von Events wie dem Schützenfest berichtet. Was war? Was bleibt? Wie geht es weiter? Georg Kasch zieht Bilanz.

Susanne Lothar ist tot. Für das deutsche Theater eine Katastrophe, das doch Tänzerinnen ins Wirklichkeitsferne wie sie eine war, so dringend braucht. Der Dramaturg Michael Eberth erinnert sich.

Vor dreißig Jahren starb Rainer Werner Fassbinder, gerade 36 Jahre alt. Der westdeutscheste aller westdeutschen Filmregisseure kam ursprünglich vom Theater, mit dem er in den Roaring Sixties eine kurze, aber exzessive Liaison unterhielt. Ein knappe Dutzend Dramen schrieb er in seinem kurzen Leben. Auch dann noch, als er längst ein berühmter Filmregisseur war. Den Theatermenschen Fassbinder betrachtet nun in München eine Ausstellung in Deutschen Theatermuseum München Rainer Werner Fassbinder: THEATER. Und David Barnetts Fassbinderbuch Theater als Provokation. Georg Kasch hat beides besichtigt.

Neue Stücke aus Europa verspricht dieses Jahr zum elften Mal das Staatstheater Wiesbaden. Manfred Beilharz, Tankred Dorst, Ursula Ehler, Maya Schöffel und Marie Rötzer sind durch Europa gereist und haben diese Stücke ausgesucht. Ihre Funde präsentieren sie seit dem 14. Juni bei der Theaterbiennale. Von der ersten Halbzeit berichtet Shirin Sojitrawalla.

Das Festival Nordische Impulse wird seit einiger Zeit durch bemerkenswerte Eigenproduktionen aufgemischt, hier hat etwa Vegard Vinge seine "Wildente" produziert. In diesem Jahr zeigt Tore Vagn Lid eine unironische Fatzer-Produktion, die demnächst in Mülheim gastiert. Außerdem dabei: Das in Berlin lebende Künstlerduo Elmgreen & Dragset. Regine Müller hat sich die Sache angesehen.

Die unheimliche Macht der Sprache kann Gutes leisten, genauso wie die Massen manipulieren. Power of speech heißt deshalb ein Bühnen-Projekt, zu dem unter anderem Tim Etchells und Paul Grootboom eingeladen wurden, um das Phänomen Sprache anzupacken und rhetorische Strategien offenzulegen. Sarah Heppekausen war beim Festival auf PACT Zollverein in Essen dabei.

Zum fünften Mal fand an diesem Wochende am Staatstheater Saarbrücken das Festival Primeurs für frankophone Gegenwartsdramatik statt. Mit neuen Stücken aus Frankreich, Kanada, und der Schweiz. Auch der bereits preisgekrönte Gustave Akakpo aus Togo war wieder dabei. Rainer Petto berichtet.

Vom 10. bis zum 20. November findet in Berlin zum fünften Mal das No Limits Festival statt, das behinderte und nichtbehinderte Theaterkünstler zusammenführt. Von einer starken Eröffnungsinszenierung aus Australien, einem Symposion über "Positionen zum Darsteller heute" und einer Weiberrevue weiß Simone Kaempf zu berichten.

Mit dem Faust-Preis ehrt die deutsche Bühnenwelt alljährlich ihre herausragenden Leistungen. Und mit der Show zum Preis versichert sie sich ihrer anhaltenden Relevanz. Einen Abend zwischen kollektiven Euphorien und wehmütigen Rückblicken auf das theaterskandalträchtige alte Frankfurt hat Esther Boldt erlebt – mit einem Martin Wuttke, der seine Auszeichnung für ein Missverständnis hielt.

Mit dem Schlachtruf: Don't believe the Hype tritt Holger Schultze seine Intendanz in Heidelberg (und den Kampf gegen den grassierenden Uraufführungsterror) an: Mit einem Wochenende voller Zweit-Aufführungen, die auch ein Who-Is-Who früherer Stückemarktpreisträger ergeben. Ralf-Carl Langhals war mittendrin.

Heutzutage starten Theater gern mit mehrtägigen Charmeoffensiven in die Saison. So jetzt auch Karlsruhe, wo Neuintendant Peter Spuhler und sein Team ambitioniert und stadtidentifikatorisch zu Werke gehen: mit echten Karlsruhern bei Rimini Protokoll, einem Kurzdramen-Marathon durch den Theaterbau und der Uraufführung von Peter Sloterdijks Du musst dein Leben ändern. Otto Paul Burkhardt begab sich aufs Überforderungsfeld.

Schwerpunkt Nord heißt ein Projekt von nachtkritik.de und der Zeit-Stiftung. Wir sagen: Schluss mit dem Krisengemurmel und Butter bei die Fische: Wie sieht das Theater in den entlegenen Küstenregionen wirklich aus? Welche Entdeckungen sind dort zu machen? In einer Doppelbesprechung Neue Dramatik mit Felicia Zeller und Dirk Laucke berichtet Elske Brault heute aus dem Landestheater Schleswig-Holstein.

Kurz vor dem Jahrestag von 9/11 fragt sich das Theater, wie man sich an das Ereignis erinnert und was von der Prophezeiung übrig geblieben ist, dass die Welt nicht mehr dieselbe sein wird. Unter das Motto Zehn Jahre nach 9/11 hat jedenfalls das Theater Osnabrück das Spieltriebe-Festival gestellt, mit dem der neuen Intendant an diesem Wochenende seine Spielzeit eröffnet hat. Elske Brault berichtet.

Das Feiern wollte man nicht den Kommunisten überlassen. Also wurden in Westberlin 1951 die Berliner Festwochen gegründet, die heutigen Berliner Festspiele. Ein kulturelles Bollwerk, "Schaufenster des freien Westens", das man sich die außerordentliche Summe von einer Million DM an Subventionen kosten ließ. Kerstin Decker erzählt von der Gründung der Berliner Festwochen, einem Kind des Kalten Krieges. – Das Kind ist längst groß geworden. Diesen Samstag feiern die Berliner Festspiele ihren 60. Geburtstag. Wir gratulieren!

Der Choreograf Boris Charmatz ist beim diesjährigen Festival von Avignon der Artiste associé. Viel körperliches Virtuosentum gab es folglich zu sehen, aus dem bisher zwei Arbeiten herausstechen: Jan Karski, inszeniert von dem Regisseur Arthur Nauzyciel und die Hamletbearbeitung Au moins j'aurai laissé un beau cadavre ("Wenigstens werde ich eine schöne Leiche sein") von Vincent Macaigne. Mehr darüber von Andreas Klaeui.

Gestern ging das Festival Impulse, das die Freie Szene unter die Lupe nimmt, mit der Preisverleihung zu Ende. Letztmalig unter der Leitung von Tom Stromberg und Matthias von Hartz bündelte es die verschiedenen Kräfte nationaler und internationaler Off-Theater-Inszenierungen. Von der Preisproduktion Conte d'Amour und der Preisverleihung in der Düsseldorfer Kunsthalle berichtet Sarah Heppekausen.

Wenn sich heute Abend im Münchner Residenz Theater das Ensemble mit dem Abend From Dusk till Dorn verabschiedet, dann geht eine Ära zu Ende: nicht nur die der Intendanz Dieter Dorns am Bayerischen Staatsschauspiel, sondern die eines Mannes, der Münchens Theaterleben seit 1983 als Kammerspiel-Leiter und Regisseur entscheidend prägte. Gabriella Lorenz blickt zurück. Und auch die Zeitungen erinnern sich.

Die freie Szene, das ist so etwas wie das Silicon-Valley des Theaters. So in etwa sehen das zumindest Tom Stromberg und Matthias von Hartz, die künstlerischen Leiter des Festivals Impulse, das gerne auch als Theatertreffen der Freien Szene angesprochen werden will. An diesem Wochenende konnte man sich beim Festivalmarathon eins selbst ein Bild machen. Mehr von Sarah Heppekausen. Und hier das gesamte Programm im Überblick.

Zuschauer werden unter die postkoloniale, ambulante Dusche gebeten. Heuschrecke und Kröte diskutieren über den Minirock und seinen Einfluss auf die menschliche Entwicklung. Rucke-di-guh! Mais klebt am Schuh! Ein klein wenig anders als hierzulande gewohnt, geht es im afrikanischen Theater zu. Auf dem Festival africologne, veranstaltet vom Kölner Theater im Bauturm, sah Dina Netz Theater aus dem westlichen Afrika.

Tun wir einfach mal so, als läge Berlin am Meer. Beim Performance-Festival Berlin del Mar, produziert von den Sophiensaelen, kann man in Liegestühlen fläzen, sich von Rolf Eden anbaggern lassen oder eine Jihad-Entführung buchen. Berlin all-inclusive eben, u.a. mit Patrick Wengenroth, Das Helmi, Turbo Pascal und Monster Truck. Matthias Weigel ist mit auf Reisen gegangen und hat Urlaubs-Fotos und Videos mitgebracht.

Sechs Wochen haben sie gedauert, die Wiener Festwochen. Wochen, in den man als Zuschauer gelegentlich den Eindruck gewinnen konnte, man sei schon tot. Oder liege, wie auch das Abendland, im Sterben. Anlaß für Stefan Bläske, sich ein paar grundsätzliche Gedanken zu machen.

Unter dem Motto "Spectator" wurden beim Performance-Festival In Transit im Berliner Haus der Kulturen der Welt die "Politik der Blicke" und die Grenzen der Scham ausgetestet. Im Rahmenprogramm sprach der Theaterwissenschaftler und Theater-Scham-Vordenker Jens Roselt über "Geschichte(n) der Schüchternheit". nachtkritik.de veröffentlicht aus diesem Anlass seinen Essay über den kreativen Umgang mit der Scham. Christian Rakow hingegen hat sich in die Höhle des Löwen begeben und auf dem Festival ganz praktisch erlebt, wie sich das ins Wanken geratene Verhältnis zwischen Performer und Zuschauer in den neuen Arbeiten von Angélica Lidell, Ivo Dimchev und Ann Liv Young niederschlug.

In Krakau winkt am Bahnsteig ein Double Kaiser Franz Josefs II., der einst die Vision von einem Vielvölkerstaat in Europa hatte. Eine Vision, die gerade wieder aufersteht. Ja, bereits täglich schon durchfahren wird. Vom EC "Wawel" zum Beispiel, der für die Strecke Krakau-Berlin zehn Stunden braucht. Am Samstag wurde im Zug und an den Bahnhöfen auf der Strecke Theater gemacht. Mit im Krakau-Berlin-XPRS vom Krakauer Stary-Theater und dem Berliner Maxim Gorki Theater befand sich Esther Slevogt – die auch mit Video-Schnipseln im Gepäck zurückgekehrt ist. video_outline

Morgen gastiert die Erfolgsproduktion "Verrücktes Blut" von Nurkan Erpulat und Jens Hillje bei den Mülheimer Theatertagen. Stück und Inszenierung gelten als Vorzeigebeispiel des postmigrantischen Theaters. Welche Wege für den Regiekünstler Nurkan Erpulat zurückzulegen waren, ehe er sich auf deutschen Bühnen durchsetzen konnte und warum zwei Mal Minus gelegentlich ein halbes Plus ergibt – das hat Nurkan Erpulat nachtkritik.de-Redakteur Georg Kasch erzählt.

Auch das Figuren- und Objekttheater, dessen Innovationsspritzen es in den Ruch der ewigen Jugend gebracht haben, wird älter: Das Internationale Figurentheater-Festival im Raum Erlangen/Nürnberg fand nun gar zum 17. Mal statt und steht somit kurz vor der Volljährigkeit: Pubertät ade! Wie originell aber ist sie denn noch, die Figurentheater-Sparte? Dieter Stoll hat das Festival besichtigt.

Es ist immer schwierig, sich zu erinnern. Die Erinnerung an Christoph Schlingensief ist besonders schwierig. Denn: wer war Christoph Schlingensief? Ein Gesamtkünstler, sagt ein Wiener Symposion, bei dem Gelehrte, Weggefährten, Künstler und Kritiker zu ergründen versuchten, welche Kunst  Schlingensief geschaffen hat. Einig war man sich nicht, ein gutes Zeichen im Grunde. Stefan Bläske hat zugehört.

Ein Hauch Grand Prix liegt in der Luft. Acht Nationen, acht Stücke – und ein strahlender Sieger am Schluss. Fast Forward heißt das ein Festival für junge Regie, das jetzt zum ersten Mal in Braunschweig stattgefunden und vier Tage lang die Bühnen freigemacht hat für Begegnungen des internationalen Theaternachwuchses. Zu entdecken gab es Differenzen und Momente großer Wahrhaftigkeit. André Mumot berichtet.

Am 17. Dezember 2010 starb Wolf Redl – Schauspieler, Regisseur, Bühnenbildner, Schriftsteller. Viele Jahre gehörte er zum legendären Ensemble der alten Berliner Schaubühne. In Redls Werdegang spiegelt sich auch ein elementares Stück bundesdeutscher Theatergeschichte. Der Regisseur Frank-Patrick Steckel über einen Fanatiker der Form.

1991 fand in Leipzig die erste euro-scene als Festival europäischer Avantgarde statt. Seine Erfolgsgeschichte ist auch eine der Kontinuität, denn seit den Anfängen ist Leiterin Ann-Elisabeth Wolff dabei. Zum zwanzigsten Jubiläum hieß das Motto nun "Spurensuche", wobei die Fühler auch dieses Mal in alle Himmelsrichtungen gestreckt wurden. Tobias Prüwer war beim Festival und sah Highlights aus mehreren Ländern.

In einer Rede, die er auf der Großdemonstration gegen die Atommülltransporte in Gorleben gehalten hat, blickt Lars-Ole Walburg auch auf Zeiten zurück, als das Theater noch ein unangefochtenes demokratisches Forum politischer Auseinandersetzung und Meinungsbildung war. Damals, vor 4000 Jahren, bezogen die Zuschauer sogar für den Theaterbesuch ein Tagesgeld. Heute schimpft die Politik, wenn sich das Theater in seine Themen mischt, wie jüngst ebenfalls in Hannover, wo die CDU ein Trainingscamp des Theaters für zivilen Ungehorsam, das Theaterhüttendorf Republik Freies Wendland scharf kritisierte. Und wenn schon die alten Griechen AKWs gehabt hätten, ihre verbrauchten Brennstäbe würden auch heute noch strahlen.

Als Macht und Bedeutung von Kaiser und Fürsten schwand im Deutschen Reich, baute sich das Bürgertum selber Schlösser in die Herzen seiner Städte und spielte dort fein gewandet in den Foyers höfisches Leben nach. Vor hundert Jahren in Freiburg beispielsweise, wo 1910 das damals größte Stadttheater im Land eröffnet wurde. Nun, wo die Stadttheater selbst an Schwindsucht leiden, feiert man dort Geburtstag. Mit Aufführungen und Stadtrauminterventionen, die Jürgen Reuß doch den Glauben an die Zukunft bewahrten.

 Zehntausende waren am Wochenende auf der großen Anti-AKW-Demo in Berlin. Einige Duzend Jugendliche kampierten zur gleichen Zeit in der Republik Freies Wendland, die das Schauspiel Hannover als zehntägiges Open Air Event eröffnet hat. Statt der Trillerpfeifen tragen die Theater-Aktivisten Gitarren, diskutieren und spielen Dramen. Gegenwind gab es für das Happening trotzdem schon. Das Theater möge sich auf das beschränken, was "theateristisch" sei, hieß es vorab aus der CDU. Anlass, einen Besuch abzustatten. Wie sieht dieses Trainingscamp des zivilen Ungehorsams aus: radikal, nostalgisch, politisch oder gar theateristisch? André Mumot war vor Ort.

Im Jahr 1937, kurz vor seiner Emigration in die USA, führte Max Reinhardt zum letzten Mal Regie bei den von ihm mitbegründeten Salzburger Festspielen. Weil er sechs Jahre später starb, kam man dort nach 1945 nicht mehr in die Verlegenheit, ihn zur Rückkehr einladen zu müssen. In diesem Jahr nun huldigen die Festspiele ihrem Erfinder. Geplant wurde auch Ein Sommernachtstraum, von Schauspielstudenten im Park von Schloß Leopoldskron aufgeführt. Thomas Rothschild schreibt über Salzburgs Umgang mit Max Reinhardt.

Die erste Bewegung beim Internationalen Tanzfestival kommt von den Zuschauern: das Flattern ihrer Faltfächer, das in der Sommerhitze aus Zuschauerräumen Schmetterlingshäuser macht. Dann kommen die Radikalperformer. Ivo Dimchev und Anne Juren zum Beispiel, die sich mit scharfer Klinge erst die Kleider vom Leib schneidet und dann die Arme ritzt. Stefan Bläske war bei der Eröffnung.

Sie gehören sonst nicht eben zu den wohlgelittensten Gästen in der Kulturszene, die Verhaspler, Wortdreher und Tippfehler, die einem allenthalben unterlaufen. Beim Festival Theater der Welt aber gehören sie zum Kommunikations-Prinzip. Esther Boldt ist dem roten Faden der Irritationen gefolgt und machte wundersame Beobachtungen.

Gesammelte Nachtkritiken zu dem Festival hier.

Über die deutsche (Nachwuchs-)Dramatik wurde in den vergangenen Wochen viel und heftig diskutiert, auch auf nachtkritik.de. Und wie ist es um neue Bühnentexte in den anderen Ländern Europas bestellt? Bei der Theaterbiennale Neue Stücke aus Europa in Mainz und Wiesbaden zeigten nach Alvis Hermanis' Marta vom blauen Hügel drei weitere Inszenierungen aktueller Texte zwischen ironischem Ernst und Budenzauber, dass die Poesie vor allem in den kleinen Momenten steckt. Shirin Sojitrawalla sah zu.