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Panzersoldaten, ein Hund und Jelineks Sofa

von Thomas Irmer

Warschau, 6. April 2011. Ein riesiges Banner wirbt für das Theatertreffen am nicht eben kleinen Kulturpalast, der inzwischen von modernen Hochhäusern umbaut ist. Um das wievielte Warszawskie Spotkania Teatralne es sich handelt, dafür ist die Zählung ins Stocken gekommen. Denn letztes Jahr, es war schon alles rundum vorbereitet, wurde es kurzfristig abgesagt wegen des Absturzes der Regierungsmaschine bei Smolensk. An diesem Sonntag jährt sich das Unglück, und der Direktor des polnischen Theaterinstituts Maciej Nowak verwendet sein Grusswort auf eine nochmalige Verteidigung dieser Entscheidung, die in Theaterkreisen nicht unumstritten war. Offiziell sei es nun, so schlägt er vor, die 30./31. Ausgabe der renommierten Veranstaltung, und tatsächlich werden auch Inszenierungen gezeigt, die 2010 eingeladen waren.

Eingelagert in das zweiwöchige Festival ist ein Showcase, der internationale Gäste mit den bemerkenswertesten Aufführungen des Vorjahres bekannt machen soll, was eine Art besonderer Laufsteg für die eingeladenen Produktionen sein dürfte, denn immerhin gucken auch Theaterleiter und Festivalmacher aus Kanada und Indien zu. Der große Unterschied zum Berliner Theatertreffen ist, dass diese Auswahl nicht juriert ist, sondern allein von Direktor Maciej Nowak kuratiert wird. Er lässt sich dabei nicht unbedingt von der Idee einer Best-Of-Parade leiten, sondern setzt eher auf neue Trends von jüngeren Regisseuren, Kontroverses absolut nicht ausgeschlossen.

Pawel Demirski "Long Live War!!!": Gewitzheit eines späteren Kommissar Rex

Zum letzteren gehört auf jeden Fall die Inszenierung "Long Live War!!!" aus dem kleinen Theater im schlesischen Walbrzych (Waldenburg), das in den letzten Jahren immer wieder durch besondere Arbeit an Mentalitätsthemen von sich reden machte. Diesmal hat Pawel Demirski, der wohl im Moment spannendste polnische Dramatiker, sich eine beliebte Fernsehserie aus den späten sechziger Jahren vorgenommen, um Kriegsverherrlichung und fragwürdige Erinnerungskultur aufs Korn zu nehmen.

"Vier Panzersoldaten und ein Hund" lief seinerzeit fast im gesamten Ostblock. In der DDR rauften sich besorgte Eltern die Haare angesichts der Banalisierung des Zweiten Weltkriegs, den besagte Panzersoldaten mit ihrem Hund Szarik gleichsam als Abenteuer im Karl-May-Format erleben. Obendrein läuft im Hintergrund eine dreiste Verfälschung der polnisch-sowjetischen Beziehungen, aber der Erfolg der Serie wurde gerade auch damit erklärt, dass das Kriegstrauma zum ersten Mal mit einer gewissen Leichtigkeit behandelt wurde und letztlich gegen Jungenskameraderie und einen Hund mit der Gewitztheit des späteren Kommissar Rex wenig einzuwenden ist.

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Long Live War!!!               © Teatr Wałbrzychu

Für Demirski, der zum wiederholten Male mit der Regisseurin Monika Strzepka (geb. 1976) im Team arbeitet, sind die Panzerjungs ein Sprungbrett in gegenwärtige Diskussionen. Denn er verbindet den populären Stoff mit neuralgischen Punkten der polnischen Geschichte: Da ist zum einen der Beginn des Warschauer Aufstands im August 1944, dann das Frühjahr 1968, als eine vom Staat gelenkte antisemitische Welle durch Polen ging (zugleich Produktionszeit der Fernsehserie) und schließlich die Probensituation der Schauspieler im Jahr 2009 mit Diskussionen darüber. Doch ganz so didaktisch kritisch läuft Strzepkas Inszenierung nicht, denn sie ist vor allem grotesk komisch.

Wider der Instrumentalisierung der Gedenkpolitik

Die Panzersoldaten werden durch einen aus Wehrmachtsgefangenschaft geflohenen schwarzen GI aus Alabama (gespielt von einer Frau) vervollständigt, der Hund wird von einem an Volker Spengler erinnernden Mann in Uniform markiert, der immer wieder böse in die Geschichte knurrt, zwischendurch wird der Zusammenhang zwischen Krieg und Filmgenres erörtert, und am Schluss, als die Schauspieler aus der Rolle treten und endlich abgehen wollen, hält dieser böse Szarik mit Pistolen alle in Schach, um eine vierminütige Schweigeminute zu erzwingen.

"Weißt du, wieviel vier Minuten CNN kosten?", gibt ihm ein Schauspieler zu bedenken. Gedenkpathos und Erinnerungspolitik sind in Polen häufig Streitthema, die Inszenierung weist trotz aller trashigen Komik auf deren fragwürdige Instrumentalisierung hin, die eine junge Generation - übrigens die Mehrheit im jubelnden Publikum - zu Geiseln allzu patriotisch aufgefasster Geschichte machen soll.

Barbara Wysocka "Wolokolamsker Chaussee"

Eine ebenfalls nicht sehr verbreitete Sicht auf die Vergangenheit vermittelt die polnische Erstaufführung von Heiner Müllers "Wolokolamsker Chaussee" vom Teatr Polski in Wroclaw. Barbara Wysocka (geb. 1978) hat den Fünfteiler geschickt zwischen Erinnerungsebene und Darstellung inszeniert, durchgehend mit drei exzellenten Schauspielern für die Duellfiguren von der Front vor Moskau bis zum maroden Staatssozialismus, der hier äußerlich mit einem roten Trabant vor der Videoprojektion eines grauen Neubaublocks die letzten beiden Teile umgibt. Die klare, den nicht einfachen Text genau erkundende Inszenierung im Rückblick auf die letalen Konflikte innerhalb des Sozialismus wird im Herbst bei spielzeit europa in Berlin zu sehen sein.

Mit dem Thema widersprüchlich erlebter Geschichte befasst ist auch Dorota Maslowskas Stück, das Grzegorz Jarzyna 2009 als Produktion seines Theaters TR an der Schaubühne Berlin unter dem Titel "Wir kommen gut klar mit uns" (engl. "No Matter How Hard We Tried") uraufführte und das seitdem mit großem Erfolg in Warschau läuft. Drei Frauen verschiedener Generationen fragen sich, was ihr Dasein als Polinnen bedeutet - eine provokante Mentalitätserkundung und damit dem Ansatz von Pawel Demirski durchaus verwandt. Erkennbar ein roter Faden in Nowaks Auswahl.     

"Frauenchor" und zwei Jelinek-Stücke: Verzweiflung am Schönheitsideal

Noch eine Inszenierung, die bald den Weg nach Berlin nehmen wird (ins HAU), ist der "Frauenchor" von Marta Górnicka, eine echte Entdeckung und wahrscheinlich bahnbrechend fürs polnische Theater. 25 Frauen von unterschiedlichem Alter und Beruf sprechen im Chor zunächst von guten Kochrezepten und guten Männern, bis sich die exzellente Chorarbeit den Frauenbildern in der Konsumgesellschaft zuwendet, dem Zwangshandeln für Schönheitsideale und der Verzweiflung daran. Das geht zwischen Flüstern und Schreien, starken Gruppenformationen und zerbrechlich am Boden liegen.

Natürlich erinnert das zwangsläufig erst mal an Einar Schleef. Die als Sängerin ausgebildete Górnicka kennt den Meister aus Deutschland aber gar nicht und kommt ohnehin mehr von der Seite der Musik auf den Chor, was man diesem deutlich anmerkt. Mit dem letzten Wort 'metoikias' wird auf Antigone Bezug genommen, auf ihre Behandlung als rechtlose Fremde im eigenen Land - eine wirklich starke, hinreißende Arbeit.

Der Text des "Frauenchors" könnte von Elfriede Jelinek inspiriert worden sein, die im polnischen Theater derzeit hoch im Kurs steht, was ambitionierte Theatermacherinnen angeht.

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Der Tod und das Mädchen © Teatr Dramatyczny

Gleich zwei Jelinek-Inszenierungen fanden in die Auswahl, Maja Kleczewskas "Babel" vom Theater Bydgoszcz und die "Prinzessinnendramen", inszeniert von vier verschiedenen Regisseurinnen am Teatr Dramatyczny, aus denen der Teil von Suse Wächter mit einer Jelinek-Puppe heraussticht, die Englisch mit hartem österreichischen Akzent spricht und von ihren eigenen Kunstgestalten Jackie und Marilyn träumt, während eine Sigmund-Freud-Puppe bei ihr auf der Couch Platz nimmt. Das ist eine so hellsichtige wie witzige Darstellung der somit selbstironisch gezeigten Nobelpreisträgerin und ihrer Themen. Für die Ausstattung in dem kleinen Studio hat die Künstlerin Anna Baumgart gesorgt. Sie wollte die letzten Teile in einem Fritzl-Verlies spielen lassen, das dann leider aber auch die Schauspieler beinahe verschluckt und den Abend zunehmend unübersichtlich geraten lässt.

Wojtek Zieminski: Die Masken des Großvaters

Dass Nowak neben eventuell sperrigen Inhalten auch auf neue Formen achtet, machte eine kleine Arbeit von Wojtek Zieminski deutlich, die einen in Polen Aufsehen erregenden Fall behandelt. 2006 stellte sich heraus, dass der hoch angesehene Graf Wojciech Dzieduszycki aus Wroclaw, Zieminskis Großvater, nach dem Krieg über zwanzig Jahre als Informant des Staatssicherheitsdienstes gearbeitet hat. Der Enkel (geb. 1977) führt in der nur 50minütigen Performance, die ganz einfach wie eine Präsentation mit Laptop und Videoscreen

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funktioniert, seine Auseinandersetzung mit dem Fall vor, den er als Nachkomme persönlich behandeln will und trotzdem öffentlich austrägt. War das Lachen seines Großvaters auf Fotos etwa nur eine Maske, oder sind seine Berichte nicht so banal (in einem Fall das in einem Schlafwagen belauschte Gespräch von zwei Fabrikleitern aus der Provinz), dass er ihn dafür verteidigen könnte, fragt er sich in dieser "Small Narration", zu der er Beispiele aus dem zeitgenössischen Tanztheater einfügt, wie der scheinbar ohne Kopf sich bewegende Xavier Le Roy. Subjektives Dokumentartheater zu einem schwierigen Thema.

Erstmals hatte der Showcase einen Prolog in einer anderen Stadt. In Poznan war das Teatr Nowy mit gleich mehreren Inszenierungen nominiert, darunter das auf bemerkenswerte Art mit polnischen Theaterstilen spielende Panoptikum "Lobotomobil" vom Intendanten Janusz Wisniewski, das an Kantor erinnert, aber auch ein Musical von Witkiewicz sein könnte, hätte er eins geschrieben. Natürlich kann man das mit den anderen Inszenierungen kaum vergleichen, aber es unterstreicht im Kontrast noch einmal, mit welcher gesellschaftsbezogenen Wachheit gerade die jüngeren Theatermacher derzeit ihre Themen auf die Bühne bringen. Man beneidet sie fast dafür.  

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