Zeit des Hoppings und Pendelns

von Tomo Mirko Pavlovic

Ludwigsburg, 17. Oktober 2007. Von Stuttgart nach Ludwigsburg benötigt man mit der S-Bahn 15 Minuten. Das gilt allerdings nur für Körper, nicht für Ideen. Eine solche, nämlich die der Gründung einer Theaterakademie, braucht schon mal gute 21 Jahre für die Reise in die Große Kreisstadt mit dem famosen viel besuchten Barockschloss. Dabei handelt es sich nicht um irgendein Lustschlösschen mit einem Blümchenpark für Sonntagsausflüge quengelnder Familiencorsos. Es ist ein auratischer Ort, der den Ludwigsburgern immer wieder ein merkwürdig selbstbewusstes Auftreten gegenüber der Landeshauptstadt verschafft.

Wahrscheinlich deshalb, weil die einstige Residenz des württembergischen Herzogs ihnen das Gefühl gibt, sie seien die eigentlichen Hauptstädter des Landes. 21 Jahre nachdem der damalige Ministerpräsident Lothar Späth erstmals öffentlich von einer Theaterakademie des Landes fabulierte, wurde nun in der vergangenen Woche mit der Unterzeichnung des Gesellschaftervertrags die Akademie für Darstellende Kunst Baden-Württemberg gegründet, und zwar in Ludwigsburg statt – wie einst beabsichtigt – in Stuttgart.

Intrigen und Indiskretionen

Dafür gibt es einige Gründe: Missverständnisse, Bürgermeisterpossen, Standorteitelkeiten. Und am Ende ein zäh erkämpfter Kompromiss. Zuletzt stand das Projekt im Sommer auf der Kippe, als die Chefdramaturgin in Bochum Franziska Kötz den Ruf auf die Nachfolge des scheidenden Schauspielschulchefs Volker Canaris an der hiesigen Musikhochschule erhielt, was gleichzeitig die Leitung der geplanten Theaterakademie mit einschloss. Ein fraglos verlockendes Angebot. Anderswo werden Theater dicht gemacht. Und im Musterländle entsteht plötzlich Neues.

Doch als sich Franziska Kötz nach ersten Sondierungen, "bewusst gegen die Leitung der Theaterakademie entschieden hat", wie sie nun noch einmal gegenüber nachtkritik.de betont, war die Überraschung groß. Es sickerte durch, dass Kötz nicht die Wunschkandidatin aller an der künftigen Theaterakademie beteiligten Institutionen war. In den lokalen Feuilletons war gar von Intrigen gegen die 44-Jährige die Rede, die sich nun ausschließlich auf die Leitung der Schauspielschule konzentrieren wollte.

Die Musikhochschule zog sich in der Folge als Gesellschafterin zurück und es sah so aus, als könne das kulturmächtige Stuttgart die Ludwigsburger unter Druck setzen. Schließlich war eine Theaterakademie ohne Schauspielklasse nicht vorstellbar. Und eine eigene, zweite Schauspielerausbildung neben dem etablierten Angebot an der Musikhochschule erschien als sinnlose Parallelaktion.

Standortvorteil Filmakademie

Es kam anders. Auch weil die Befürworter des Ludwigsburger Standortes zumindest in den vergangenen fünf, sechs Jahren mit einem immer überzeugenderen Argument zu Felde zogen: der Filmakademie, einer maßgebenden Mitgesellschafterin der Theaterakademie. Eine Adresse mit internationalem Renommée, zahlreichen Auszeichnungen (Oscar!) und professoralen Lehrmeistern wie Nico Hofmann, um nur einen zu nennen.

Die Filmakademie verfügt über umfassende technische Möglichkeiten und bildet ihre Studenten für Jobs bei Film und Fernsehen aus, also für den Broterwerb hinter und vor allem vor der Kamera. Gerade dieser Bereich werde für Schauspieler immer wichtiger. Meint zumindest Thomas Schadt, der Leiter der Filmakademie. Doch in eigenen Filmregiearbeiten habe er häufig feststellen müssen, dass die Nebenrollen oft mit Leuten ohne Kameraerfahrung besetzt werden, die am Set überfordert seien.

Diesem "Bedürfnis des Marktes" nach einem "flexiblen Schauspielertypus" werde die neue Theaterakademie mit ihrem "Alleinstellungsmerkmal" bei der zweigleisigen Ausbildung für Kamera und Bühne nun gerecht, behauptet Schadt. Und verweist mit dem Zitat auf "eine spannende Debatte" in der aktuellen Theater heute-Ausgabe, wo auf dem Titelblatt gefragt wird: "Wie sieht der Darsteller der Zukunft aus?"

Diesseits von E und U

Thomas Schadt scheint die Antwort zu kennen. Er spricht aus, was viele denken. Die Grenzen zwischen der vermeintlichen E-Kultur des Theaters und der verfemten U-Kultur von Film und Fernsehen verwischen zunehmend. Gerade kulturferne Politiker erhoffen sich Ruhm und Ehre, die man im oscargolden anmutenden Filmsektor zu ernten gedenkt. Von Medienstandorten, einer "Factory" und allerlei Netzwerken ist die Rede. Man will Erfolge. Dass auch konventionell geschulte Berühmtheiten wie Bruno Ganz oder Ulrich Mühe das Hopping zwischen Film und Bühne bewältigt haben, lässt Schadt als Widerwort nicht gelten. "Das sind doch nur die Spitzen!".

Nach dem sommerlichen Eklat hat inzwischen auch die Musikhochschule Kooperationswillen bei der Schauspielausbildung signalisiert. Die neue Harmonie? Franziska Kötz mag aber nur dort zusammenarbeiten, wo es einen Zugewinn gibt. Sie wolle die Ausbildung für die Studenten nicht zu früh nach außen öffnen, mindestens im ersten Jahr gar nicht. Eine grundlegende handwerkliche Ausbildung der Studenten sei ihr wichtig. Das Handwerk? "Die Techniken des Schauspielens, nämlich das Denken, Fühlen, Sprechen und Sichbewegen, so ins Spiel bringen zu können, dass die Verwandlung des Schauspielers in eine Figur – ohne Aufgabe seines Selbst-Bewusstseins als Spieler – hergestellt werden kann."

Eine Alternative für das Publikum vor Ort

"Es ist schon ein konservatives Bestreben bei Frau Kötz zu bemerken, das tradierte Bild des Theaterschauspielers zu schützen", sagt Martin Zehetgruber, der an der Stuttgarter Kunstakademie in seiner Funktion als Leiter der Bühnenbildklasse jener Arbeitsgruppe angehört, die über die inhaltliche Ausgestaltung der Lehre an der Ludwigsburger Theaterakademie bestimmen soll. Für Zehetgruber ist es "absolut erfreulich", dass das Projekt zustande gekommen ist. Das Gezeter der vergangenen Jahre mag er nicht kommentieren. Und wenn die Schauspielschule dennoch einen Rückzieher macht, werde es unter Umständen doch eine eigene Schauspielklasse geben, sagt Zehetgruber. Aber er hoffe, dass man schon einen Mittelweg finden werde.

Bevor die alten Gräben zugeschüttet sind, müssen andere ausgehoben werden. Die Bagger sind längst angerückt. Auf dem Mathildenareal der Filmakademie in Ludwigsburg soll rechtzeitig eine multifunktionale Experimentierbühne entstehen, von der Martin Zehetgruber schon jetzt schwärmt. Es ist aber nicht nur eine zusätzliche Raumerfahrung für die Studenten der Kunstakademie, die neben Land, Stadt und Filmakademie die vierte Gesellschafterin ist, sondern auch eine wirklich neue Alternative für das Theaterpublikum in der Region.

Ein doppelqualifizierter Chef

Der Beginn des Lehrbetriebs ist jedenfalls für das Wintersemester 2008/2009 geplant. Pro Jahrgang werden maximal 25 Studenten aufgenommen, die dann etwa in den Fächern Dramaturgie, Regie und Schauspiel ihre Bachelor- bzw. Masterabschlüsse machen können. Als Gründungsdirektor der Theaterakademie wurde kürzlich der 44-jährige Wolfgang Bergmann ernannt, der allerdings für die neue Stelle in Ludwigsburg seine bisherige Leitungsfunktion beim ZDF-Theaterkanal nicht aufgeben wird.

Prompt gab es Kritik seitens der Medien, am deutlichsten aber von Jürgen Walter, dem kulturpolitischen Sprecher der Grünen im Landtag: "Wie kann es sein, dass eine solch wichtige Stelle offensichtlich kein Fulltime-Job ist?" Eine rhetorische Frage. "Der neue Theaterakademiechef tanzt auf zu vielen Hochzeiten." Thomas Schadt hingegen erkennt just in der Doppelbelastung eine "Doppelqualifikation" und erwartet Synergieeffekte zwischen ZDF und Theaterakademie.

Bergmann selbst antwortete bei der offiziellen Unterzeichnung des Gesellschaftervertrages schlagfertig, dass die größte Belastung zweier Chefposten die Baustellensituation in der Gegend von Heilbronn sei. Wer weiß, vielleicht steht Bergmann selbst beispielhaft für einen neuen Typus Kulturmensch, der alles gleichzeitig bewältigt. Zumindest im Südwesten der Republik ist nun die Zeit des Hoppings und Pendelns angebrochen. Zwischen E und U. Zwischen Sendeanstalt und Theaterakademie. Zwischen Kamera und Bühne. Und zwischen Ludwigsburg und dieser fünfzehn Minuten entfernten Ideenlieferantin namens Stuttgart.

 

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