Samstag, 01. November 2014

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Kommentar – Migranten spielen auf den Sprechbühnen keine Rolle

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Wenn der Hintergrund im Vordergrund steht

von Özgür Uludag

Hamburg, Mai 2011. Obwohl die Theaterschaffenden sich als Avantgarde betrachten, haben sie Angst, Schauspieler mit erkennbarem Migrationshintergrund auf die Bühnen zu lassen. Aus einer Bunkermentalität heraus verteidigen sie ihren Kultur- und Musentempel gegen die Migranten mit fremdländischem Aussehen und weigern sich, sie dort zu integrieren.

Eine schwarze Maria Stuart oder einen türkischen Faust, wann hat es das auf den deutschsprachigen Bühnen gegeben? Aber auch einen schwarzen Othello oder einen griechischen Ödipus konnten wir schon lange nicht mehr bewundern. Viele Schauspieler mit Migrationshintergrund und fremdländischem Aussehen haben große Schwierigkeiten, für ein Ensemble engagiert zu werden. Sie bekommen vielleicht die Rollen, die typischerweise mit Ausländern besetzt werden, Türken dürfen Türken, Afrikaner dürfen Afrikaner spielen, aber nicht Faust, König Lear oder Iwanow. Da an den Staats- und Stadttheatern im deutschsprachigen Raum überwiegend Theaterstücke von Kleist, Tschechow oder Shakespeare gespielt werden, sind die Chancen für Araber, Türken oder Schwarz-Afrikaner denkbar schlecht.

"...nur die Qualität muss stimmen"

Woran liegt das? Häufig argumentieren Intendanten, Dramaturgen und Regisseure, es gebe keine guten Schauspieler, die dem Anspruch genügen, auf einer großen Bühne spielen zu können. Die Intendantin am Schauspiel Köln, Karin Beier, hat in ihrer ersten Spielzeit in Köln durchaus viele Migranten beschäftigt. Eine von ihnen ist Anja Herden.

Die dunkelhäutige Schauspielerin mit afrikanischen Wurzeln kennt die Probleme der Schauspieler mit offensichtlichem Migrationshintergrund. "Es geht in diesem Job ja sowieso nicht immer nur primär um Talent, sondern vor allem auch um sozio-kulturelle Moden, Geschmäcker und Trends, die ein Schauspieler auch repräsentiert", sagt sie entschieden. "Die allgemeine Forderung nach großen Rollen, oder einfach nur nach einem selbstverständlichen, der multi-kulturellen Realität angepassten 'Vorkommen' auf deutschen Bühnen, halte ich jedoch für unklug – insofern der Totschläger: 'Wir-würden-ja-wenn-IHR-nur-begabter-wärt' einen immer wieder in die Sackgasse knüppelt", empört sie sich. "Natürlich empfinde ich diese Aussage in ihrer Pauschalität als eine Unverschämtheit und halte sie, in dieser Diskussion, einfach nur für unfassbar kontraproduktiv", sagt Herden.

"Vielleicht ist es am ehesten so, dass das gesamte, höchst empfindliche Gebilde von Intendanz, Regie und Feuilleton sich tatsächlich gemeinsam dazu entscheiden müsste, Sehgewohnheiten und Erwartungen eines Publikums umzuschulen und dabei in Kauf zu nehmen, dass ein solcher Umbruch möglicherweise manchmal holpert und irritiert – vor allem aber die Unterstützung von denen braucht, die über all die entscheidenden Was, Wers und Wos wachen", bemerkt Herden abschließend. Sie sei zwar noch immer in Köln, aber die Verträge vieler anderer Kollegen mit Migrationshintergrund wurden nicht verlängert oder sie sind selber gegangen, weil sie kaum für tragende Rollen in Betracht gezogen wurden.

Intendantin Karin Beier betont jedoch: "Es sind auch einige geblieben! Für die Zuschauer spielt die Hautfarbe eines Schauspielers ja überhaupt keine Rolle, nur die Qualität muss stimmen... wir würden jeden engagieren, den wir gut finden! Aber es gibt da nicht so viele."

"Warum kann ich nicht Maximilian aus München sein?"

Der Regisseur und Dozent an der Schauspielschule in Hamburg Jan Oberndorf empfindet die Qualitätskriterien von Intendanten als höchst subjektiv und entgegnet: "Seit nun fast zehn Jahren absolvieren immer mehr Studenten unsere Schauspielschule, und darunter sind viele sehr talentierte Schauspieler und Schauspielerinnen, deren Herkunft sichtbar ist." Auch die Ernst-Busch-Schauspielschule in Berlin, das Max-Reinhardt-Institut in Wien oder die Otto-Falkenberg-Schule in München bestätigen, dass jedes Jahr hoch talentierte Schauspielstudenten mit fremdländischem Aussehen ihre Schulen absolvieren. Bis zu 20 Prozent der Absolventen sind Migranten, und die Hälfte von ihnen hat auch ein fremdländisches Erscheinungsbild. Doch selbst Schauspieler, die im Kino und Fernsehen zu sehen sind, haben auf den Bühnen selten eine Chance, obwohl sie ihr Talent vor der Kamera bewiesen haben.

"Warum kann ich nicht Maximilian aus München sein? Man wird in Deutschland noch immer sehr stark als Ausländer assoziiert, von Menschen, die es gar nicht böswillig meinen. Trotzdem gibt es da immer noch dieses 'Wir-Ihr'-Denken", sagt Fahri Ogün Yardim, der in Filmen wie "Almanya – Willkommen in Deutschland", "Kebab Connection" und "Chiko" gespielt hat.

In Serien oder Filmen im Fernsehen, aber auch in großen Kino-Produktionen sind diese Schauspieler mit fremdländischem Erscheinungsbild zu sehen. Sie werden dort jedoch häufig stereotyp besetzt, denn im Fernsehen und Kino ist Authentizität und Realismus gefragt. Und da das Thema Integration und Migration seit einiger Zeit verstärkt öffentlich diskutiert wird, erscheinen diese Themen natürlich auch im Fernsehen und im Kino. Seien es Serien wie "Türkisch für Anfänger" oder "Tatort" oder Filme wie "Gegen die Wand" oder "Auf der anderen Seite" von Fatih Akin.

Theater und ihre Intendanten haben Angst

Obwohl das Theater prinzipiell ein abstraktes Medium darstellt und dem Zuschauer sogar abverlangt wird, sich mit Regietheater auseinanderzusetzen, wird kaum ein Schauspieler mit Migrationshintergrund und fremdländischem Aussehen engagiert. Traut man dem Zuschauer diese kognitive Leistung nicht zu? Ist das Publikum nicht bereit, einen Karl oder Franz Moor aus Schillers "Die Räuber" mit einem Hussein oder einem Ali anzunehmen? Ein Bühnenbild nach Brecht, wo das Schild "Wald" die Phantasie des Zuschauers anregen soll, wird als kreatives Bühnenbild rezipiert. Ist diese Abstraktion bei Schauspielern nicht möglich? "Im Theater wäre es eigentlich, anders als im Film, der über einen Realismus funktioniert, eher möglich, als Ausländer einen Franz oder einen Karl zu spielen, denn wenn ich im Theater bin und ich sehe einen Pappbaum, dann bin ich bereit, diesen Pappbaum als realen Baum anzunehmen. Ich stelle ganz viel Realität selber her, wo der Film mir eine Realität zeigen muss", sagt Filmschauspieler Denis Moschitto.

Warum also fehlt an den Theater die Bereitschaft fehlt, einen Ausländer als Deutschen zu besetzen? Azadeh Sharifi ist Doktorandin in Hildesheim und hat sich in ihrer Dissertation dem Thema "Partizipation von Postmigranten am Stadt- und Staatstheater" gewidmet. Sie glaubt, dass viele Theaterhäuser und ihre Intendanten Angst haben. "Die Angst besteht, dass, wenn ein Ali besetzt wird, der erst einmal auf sein Aussehen reduziert würde. Auf seine schwarzen Haare. Da man bisher sehr stark von Stereotypen ausgegangen ist, wird das natürlich auch inhaltlich in eine bestimmte Richtung interpretiert. Ich glaube, da ist die Angst vorhanden, dass man genau in diese Falle tappt. Dass die Zuschauer, wenn ein Ali in 'Die Räuber' Franz Moor spielt, nicht mehr über Schillers 'Räuber', sondern über Neuköllner Gangster sprechen. Weil Ali möglicherweise aussieht wie das Stereotyp eines Neuköllner Gangsters. Obwohl inhaltlich gar nicht auf das Thema eingegangen werden, sondern eine klassische Inszenierung von 'Die Räuber' stattfinden sollte."

Sprechtheater ist ein artikulationslastiges Medium

Der Intendant des Thalia Theaters Hamburg, Joachim Lux, ist sich dieser Problematik bewusst. Er möchte zwar etwas riskieren und hat auch keine Furcht zu scheitern, doch einen Quotenschauspieler will er auch nicht. "Ich fürchte mich vor stereotypischen Besetzungen. Das ist ganz klar. Weil dann fange ich an, diese Menschen auszubeuten für eine bestimmte Spezialität, die sie halt biographisch mitbringen." Er würde lieber gleich mehrere Schauspieler mit Migrationshintergrund einstellen, denn dann hat der Migrationshintergrund keinen konzeptionellen Hintergrund.

Das avantgardistische Theater wehrt sich gegen solche Kunstgriffe aus Furcht zu typisieren. Das Tanztheater, die Oper, das Ballet oder Kabarett sind dem Sprechtheater um Jahre, wenn nicht um Jahrzehnte voraus. Joachim Lux betont: "Also wenn sie als erste Geige einen Türken haben, dann sagen sie, die erste Geige spielt ein Türke, das ist mir völlig wurst, das ist nicht der Quotentürke, sondern der ist einfach ein guter Musiker."

In einem Sprechtheater spielt die Sprache natürlich eine entscheidende Rolle. Doch "die Ausländer" leben zum Teil in der dritten Generation in Deutschland, sind also Bildungsinländer und sprechen nicht nur fließend Deutsch, sondern sie sind im höchsten Grade integriert. Sie setzen sich mit den Klassikern der deutschen Literatur auseinander und wollen nun ihre Interpretation von zum Beispiel "Faust" auf die Bühne bringen. Auch ihre Aussprache unterscheidet sich in keiner Weise von der eines Deutsch-Deutschen.

Die Doktorandin mit persischen Wurzeln Sharifi ist sich nicht sicher, ob diese Gründe nicht nur vorgeschoben werden. "Bisher ist es so, dass das Argument vorherrscht, na, diese Schauspieler haben einen leichten Akzent, sprechen kein perfektes Hochdeutsch, ohne dass man ihnen das anmerkt, und ich würde sagen, dass man das doch oft auf die Sehgewohnheiten zurückführen muss, dass viele mit ihrem sichtbaren Migrationshintergrund auffallen und deswegen als Faktor gesehen werden, der negativ ausgelegt werden könnte, von den Feuilletons, vom Publikum. Ich weiß gar nicht, ob irgendjemand diese Angst zugeben würde." In der Tat gibt keiner der Theaterschaffenden zu, dass sie sich fürchten zu scheitern. Der hohe Produktions- und Erfolgsdruck führt dazu, dass sie das Risiko zu scheitern eher meiden.

Theater für, mit oder über Migranten?

Die Bringschuld der Migranten, die auf die Theaterbühnen drängen, ist längst erfüllt. Doch die Mehrheitsgesellschaft scheint sich zu weigern, die Kunst und Musentempel durch Ausländer entweihen zu lassen. Aber es sind nicht nur Migranten, die es nicht an die Bühnen schaffen, sondern es sind auch ihre Kultur und ihre Geschichten, die nicht auf die Bühnen kommen. Das Fernsehen ist da sehr viel weiter mit seiner Durchlässigkeit.

Ist der Theaterbetrieb in der deutschsprachigen Theaterlandschaft so eurozentrisch, wie es den Anschein hat? Auch Shakespeare, Tschechow, Gorki oder Sophokles entsprechen nicht der deutschen Leitkultur, werden aber gerne gespielt. Nicht so Stücke aus der Türkei, Afrika oder den arabischen Ländern. Ist man nicht bereit, sich mit diesen Themen auseinanderzusetzen? Beschäftigen sich diese Kulturen nicht genauso mit Liebe, Leidenschaft, Leben und Tod? Sind es nicht dieselben Gefühle, Probleme und Herausforderungen? Wollen wir das in Deutschland nicht sehen, hören und fühlen?

Vor postmigrantischen Themen fürchtet man sich ebenso. Es sind die Ausländer selber, die diese Themen besetzen. Ehrenmord, Flucht und Heimat werden von ihnen besonders an den kleineren Bühnen thematisiert. Den großen Häusern ist dies häufig zu banal und zu gefährlich. An diesem heißen Eisen will man sich nicht die Finger verbrennen. Theater für, mit und über Migranten findet deswegen dort nicht statt. Dabei wäre es eine Bereicherung für alle. Es wird jedoch lieber die fünfundachzigste "Romeo und Julia"-Inszenierung vorgestellt. Dabei hat die Ruhrtriennale gezeigt, dass das Pendant Leyla und Madjnun durchaus anregend sein kann und ähnliche Fragen aufwirft.

Ein langer Weg, bis der Migrationshintergrund nicht mehr im Vordergrund steht

Azadeh Sharifi glaubt, dass den meisten Theaterschaffenden der Mut fehlt. "Man braucht viel mehr Experimentierfreudigkeit, man braucht mehr Vertrauen in Künstler mit Migrationshintergrund. Da gibt es sehr viele Schauspieler, die von den Schauspielschulen kommen. Natürlich sehr junge Schauspieler, die natürlich noch wenig Erfahrungen mitbringen, aber man muss ihnen die Möglichkeit geben zu reifen, man sollte ihnen die Chance geben, an den Theaterhäusern ihre Erfahrungen zu sammeln und zu scheitern. Aber deswegen darf man nicht aufgeben. Natürlich sind das im Moment noch sehr wenige, aber sie sind da auch vorhanden und ich glaube, dass man weniger Angst haben sollte vor dem Scheitern, sondern akzeptieren, dass das Scheitern Teil des Ganzen ist und dass die jungen Schauspieler, die jetzt kommen oder die da sind, eben Erfahrungen brauchen. Sie sind auch in der Lage, eine Hauptrolle zu spielen und den Anforderungen und Vorstellungen gerecht zu werden."

Die ersten Schritte werden unternommen. Das Thalia Theater hat, um die Migranten ans Theater zu locken und für sich zu entdecken, das Projekt "Thalia Migration" ins Leben gerufen. Auch die Lessingtage werden dafür genutzt, sich dieser Thematik zuzuwenden. In Heidelberg stand neben den Inszenierungen Gegen die Wand nach Fatih Akin und "Schnee" von Orhan Pamuk Anfang Mai das Theaterland Türkei im Fokus des Stückemarkts. Am Deutschen Theater in Berlin inszenierte der Hausregisseur des Ballhaus Naunynstraße, Nurkan Erpulat, gemeinsam mit Dorle Trachternach Clash. Viele andere widmen sich inzwischen ebenfalls diesem Thema. Azadeh Sharifi ist daher auch zuversichtlich, "dass langfristig eine Veränderung stattfinden wird und die Theaterhäuser viel durchlässiger sind und viel, viel bunter werden als jetzt." Es ist zwar noch ein langer Weg, bis der Migrationshintergrund nicht mehr im Vordergrund steht, aber man hat sich vielerorts bereits auf den Weg gemacht.

 

Özgür Uludag, 1976 in Hamburg geboren, arbeitete über neun Jahre im Deutschen Schauspielhaus in Hamburg. Inzwischen ist er als Journalist beim Norddeutschen Rundfunk tätig. Eine kürzere Version seines hier vorliegenden Textes wurde im April in Zenith. Zeitschrift für den Orient veröffentlicht. Mitte Mai wird im NDR Kulturjournal ein Bericht von Özgur Uludag zu diesem Thema gesendet.

 





Kommentare (36)

1. Migranten und Sprechtheater: ist es
Komisch, ich hatte genau dieser Thematik zuletzt angesprochen. Aus Frankreich, Schauspieler-Regisseur, russisch-italiennischen Eltern, ich erinnere mich während meiner Studium eine algerische Lady Mc Beth und einer aus dem Tschad stammenden Prinz von Homburg erlebt zu haben. Und es ging noch weiter... Ich meine heutzutagen. Es war, was mich betrifft 1982. Es kümmert kein Schw... (In Frankreich) wer spielt? Damit meine ich, woher die Wurzeln der SchaupielerIn sind. Frage: ist es "Regional" bedingt diese Attitüde? Keine Ahnung?
Dov , 10. Mai 2011 - 10:51 Uhr
2. Migranten und Sprechtheater: diese Debatte nervt
entschuldigung, aber diese debatte nervt. ich bin regisseurin und ich besetze nur unter einem gesichtspunkt: TALENT.
lauredana , 10. Mai 2011 - 11:34 Uhr
3. Migranten und Sprechtheater: endlich mal Beispiele und Zahlen
vielen dank für diesen text! endlich mal kein allgemeines reden, sondern beispiele und zahlen. es ist wichtig, dass darüber gesprochen wird. und, lauredana, es gibt kein talent für sich. das hat immer kontexte. talent hat immer was damit zu tun, woher man kommt und, für Sie lauredana, worauf man guckt. man sieht ja nicht "das talent", sondern ein bestimmtes, etwas konkretes. migranten wurden lange nicht gesehen, weil ihre talente nicht das sind, was das theater will. das ist das problem und das kann man nicht einfach wegwischen! das ist genau die alte, national-konservative sache!
migranti , 10. Mai 2011 - 12:17 Uhr
4. Migranten und Sprechtheater: Kunst ist ungerecht
Ja die Kunst ist ungerecht. Ich bin zwar keine Migrantin, aber auch sehr talentiert, habe meine Schauspielausbildung mit Bestnote abgeschlossen und höre bei jedem Vorsprechen, wie viel Talent ich doch habe - ein Engagement bekomme ich trotzdem nicht. Ich kann leider keinen zwingen, sich für mich zu interessieren! Auch wenn es mich schmerzt, dass es immer die anderen sind, die die großen Geschichten erzählen dürfen.
zaza , 10. Mai 2011 - 13:42 Uhr
5. Migranten und Sprechtheater: Kunst wird irrelevant
Ja, Kunst ist ungerecht und nicht jeder wird engagiert. Kunst wird aber auch irrelevant und unnötig, wenn sie die Realität vor den Theatertoren so ignoriert, wie das momentan der Fall ist. Der Ku Klux Klan ist vielfältiger als manches Stadttheater-Ensemble.
@zaza , 10. Mai 2011 - 14:06 Uhr
6. Migranten und Sprechtheater: mysteriös-kollektive Talentlosigkeit
Natürlich nervt diese Debatte, liebe Regisseurin-mit-Prinzipen, sie nervt, wie so viele andere Debatten, auf die es keine schnelle, richtigen und befriedigenden Antworten gibt. Ich bin sicher der Artikel wollte auch nicht speziell sie angreifen, die sich in diesem Punkt also wirklich nix vorzuwerfen hat, und die sich mit der Thematik inzwischen auch so ausführlich befasst hat, das ihr die dämlich müßige Debatte, inzwischen natürlich vollkommen zu recht, total aus dem Hals hängt... Na und ! Manche Dinge erledigen sich nun mal nicht von selbst! Es geht, denke ich, hier tatsächlich nicht darum, das irgendwelche schauspielernden Neger und Türken sich mit traurige Augen hinstellen und auf ihr Recht auf die verdammten 'sogenannten großen Rollen' pochen... Sondern darum, das genau dieser Verweis auf jene mysteriöse-kollektive-Talentlosigkeit unter den "Migrations-Hintergrund-Schauspielern" so nicht einfach hinzunehmen ist - bzw weiterhin zu befragen wäre - Natürlich nur von denen die das interessiert - dafür sind Debatten glaub ich da !
Ansonsten sind wir, wie schlitzäugig, schwarz oder orientalisch wir auch sind, absolut darüber im Bilde das Theater keinesfalls der Ort ist, der sich durch besondere Fairness, Gerechtigkeit und Chancengleichheit auszeichnet - Das haben selbst wir nicht erwartet als wir unsere Schauspielausbildungen abgeschlossen haben, liebe Zaza - lediglich das dies der Ort ist wo man zB von Fairness & Gerechtigkeit erzählt...! Das sollte doch drin sein !!!!
Nervensäge , 10. Mai 2011 - 14:19 Uhr
7. Miigranten auf der Bühne: Strukturen werden auch jetzt nicht aufgebrochen
Es bleiben Zweifel, dass mit der Entdeckung des "postmigrantischen Theaters" als Thema tatsächlich auch die Strukturen der kulturellen Hegemonie im Theaterbetrieb aufgebrochen werden. Wie eine unbeabsichtigte Bestätigung dieser Strukturen liest sich z.B. auch die neue Ensembleliste der kommenden Spielzeit im Staatstheater Karlsruhe. Andererseits scheint gerade durch die Ungleichzeitigkeit, die das Theater als Betrieb in der gegenwärtigen Medienrealität repräsentiert, die Diskussion präziser und direkter geführt zu werden als es sonst der Fall ist.
Dubslav , 10. Mai 2011 - 19:30 Uhr
8. Migranten auf der Bühne: Heul doch
ich bin immernoch irritiert von dieser debatte - wer fordert gerechtigkeit ? in der kunst und im theater ? es gibt immer gründe der ablehnung, in der liebe, im theater, im leben - und man kann sich die gründe auch immer zurecht legen - ah, ich kriege den job den preis den regieauftrag die rolle nicht WEIL ich eine frau bin, weil ich aus dem osten bin, weil ich türkin bin weil weil weil wen interessiert es. HEUL DOCH (stand mal auf einem t-shirt eines jungen mädchens im friedrichshain).
lauredana , 10. Mai 2011 - 19:47 Uhr
9. Migranten auf der Bühne: es ist auch Ihnen nicht in den Schoß gefallen
DARUM GEHT ES DOCH NICHT !!! Es ist absolut unnötig die Debatte auf so einen Unsinn runterzukochen -
Es gibt hier KEINE kindisch kategorische Forderung nach Gerechtigkeit - Was soll das ?
Wir alle wissen das das lächerlich ist und niemand will irgendeine Quoten-Scheiße ! Aber die Behauptung der Kopf wäre frei von Sehgewohnheiten und Konventionen ist eine Lüge...! Und das Erkennen von Talent ist letzendlich immer nur eine Geschmacksfrage - !
Es ist extrem kurzsichtig und selbstgerecht, Frau Regisseurin, zu glauben, das genau jene Ihre Möglichkeit, als Frau so selbstverständlich Regie zu führen, wie Sie das hoffentlich tun dürfen, ausschließlich ihrem Talent geschuldet ist - es sind Generationen von Frauen vor Ihnen gewesen, die dies lautstark und nervtötend (in allen Bereichen) eingefordert haben und es standen ihnen Generationen von Männern gegenüber die das verhindern wollten indem sie, unter anderem, auf mangelnde/s Qualifikation/Talent verwiesen haben... und vielleicht hatten diese Männer damals Recht - Allein der Wunsch, es tun zu dürfen ist noch lange nicht genug - Aber damit fängt es an ! Und jetzt darf frau sogar über Qualifikation und Talent von Anderen entscheiden... ist doch toll ! Andere schreiben sich HEUL DOCH! auf die Möpse - auch toll ! Wieder Andere zitieren die pfiffigen T-Shirts frecher junger Friedrichshainer Mädchen ...
Und Sie wissen WAS Talent ist - das ist das Tollste !!!!
Nervensäge , 11. Mai 2011 - 02:15 Uhr
10. Migranten auf der Bühne: Wie soll sich etwas ändern?
Die Frage ist außerdem: Über welche Gesellschaft, über welche Menschen will man eigentlich erzählen und WELCHE Schauspieler repräsentieren einem diese Gesellschaft und deren Prototypen !? - Die Zeiten wo man salonfähig mit dem Peter-Brookschen-multi-ethnischen-Theater symphatisiert hat, sind ja irgendwie auch schon wieder lange vorbei... und man kann ja auch nicht IMMER nur Shakespeare machen, wo wir uns, im übrigen, ja alle einig sind das es bei Shakespeare also wirklich gar nicht darauf ankommt welche Hautfarbe wer auch immer hat... ! Aber Ibsen mit'm Schwarzafrikaner das bedeutet ja gleich wieder soviel... das wird ja gleich wieder zu so'nem Politikum... das will man doch alles gar nicht erzählen... man will doch nur richtig gutes, richtig gesellschaftlich relevantes Theater machen, mit wahnsinnig talentierten Schauspielern und in der Liga spielen die "Migrantis" nun mal 'leider, leider' noch lange nicht...!
Die Frage ist also nur; Wie kommen sie dahin, wenn sie nicht "trainieren" können !?!
Denn NUR Übung macht ja bekanntlich den Meister!!!
Nervensäge , 11. Mai 2011 - 11:13 Uhr
11. Migranten auf der Bühne: Erläuterungen des Autors
Vielen Dank für die angeregte Diskussion.
Im Vergleich zu unseren Nachbarländern: Zunächst möchte ich hinzufügen, dass es in Holland, Frankreich oder England in der Tat völlig anders ist. Dort gibt es dieses Problem so gut wie gar nicht und wird daher auch nicht kontrovers diskutiert.
Zum Thema Talent. In meinen Gesprächen mit den verschiedenen Schauspielschulen habe ich erfahren, dass Talent eben nicht immer das ausschlaggebende Kriterium ist. Es gibt nämlich sehr viele, sehr talentierte Schauspieler mit fremdländischem Erscheinungsbild. Der Frage, der ich nun nachgegangen bin ist, warum kaum einer von denen zu sehen ist? Die Forderung besteht ja nicht darin zu sagen, dass jetzt bitte schön alle Theater überdurchschnittlich viele Ausländer engagieren sollen, sondern, dass es vielleicht mal hier und da einen zu sehen gibt, der vielleicht mal eine tragende Rolle spielt und es aber keine Rolle spielt, wo der Schauspieler herkommt und wie er aussieht. Ist das zu viel verlangt? Dann entschuldige ich mich für diese Forderung.
Zur Struktur: Ich habe mich in diesem Artikel zwar eher um die Schauspieler konzentriert, jedoch gilt dies im gleichen Maß für die Mitarbeiter im KBB (Künstlerischen Betriebsbüro) Das heißt, dass es auch dort unterproportional wenige Migranten gibt. Es werden jedoch auch dort sukzessiv mehr.
Grundsätzlich zur Debatte: Natürlich kann man sich über solche Debatten echauffieren. Ich rege mich in aller Regel auch immer wieder über die Integrationsdebatten auf. Speziell über die Art und die Forderungen. Doch bin ich der Meinung, dass diese Debatten konstruktiv geführt werden müssen. Wer sich davon genervt fühlt, muss ja nicht hinhören und andere diese Debatte führen lassen, die dieses Thema für diskussionswürdig halten. Das ist dann Meinungsfreiheit.
Also vielen Dank noch mal für das Interesse und schöne Grüße
Uludag , 11. Mai 2011 - 12:23 Uhr
12. Migranten auf der Bühne: Nicht-Urdeutsche fast in jedem Ensemble
in jedem bundesdeutschen Theater (die Ost-Bühnen mal ausgenommen) arbeiten schon so viele Menschen, die DEUTSCH nicht als Muttersprache genossen haben. Und fast jedes Theater ist dabei, auch Nicht-Urdeutsche im Ensemble zu haben. Das wäre auch gar nicht anders zu machen. Bayern-Deutsche, Türken-Deutsche, Holland-Deutsche, Zonen-Deutsche, Italien-Deutsche, Endland-Deutsch, Japan-Deutsch, Rußland-Deutsche, Jammer-Deutsche - Migranten überall....
p.z. , 11. Mai 2011 - 13:40 Uhr
13. Migranten auf der Bühne: bloße Behauptung
Wahrlich, das sind Nachbarn ! In Sachen Kolonien zum Beispiel haushoch überlegen ihrerzeit; ja, schon die Römer wußten den griechischen Lehrer sehr zu schätzen etcpp.: bislang verläuft diese
angeblich so konstruktive Diskussion völlig ahistorisch ! Ja, würde man wenigstens der Tatsache, daß es dieses Problem in den Nachbarländern scheinbar nicht gibt, hinzufügen, daß die Banlieus trotzdem in Frankreich liegen, also schon der Zusammenhang der Theaterbesetzungslisten mit den Verhältnissen innerhalb einer Gesellschaft, wenn es diese noch nennenswert gibt, bezüglich der
"Integration" eher fraglich ist ! Aber nein, hier wird ein schöner Vierspänner vor den ICE gespannt, und man spielt Avantgarde, ob nun der ICE der vierten Generation so sicher kommt wie das Amen in der Kirche oder nicht. Vermutlich kennt jemand im (oft schnarchlahmen) Bühnenverein Zahlen, die eher ermutigend sind, wahrscheinlich nimmt sich das, was Herr Uludag schrieb, gegenüber der Wirklichkeit an den Schauspielschulen als bloße Behauptung aus
oder jedenfalls sehr begrenzte persönliche Anschauung: Man, waren die in St. Gallen, in einem Nachbarland, weit, als sie sich für Prod Antoniadis ("Die Spielwütigen") interessierten, wow,wow !!
Aber der wollte ja nach New York. Herr Uludag, Ihre Bekannten, die gingen gerne nach St. Gallen, oder ???
Predrag Jokovic , 11. Mai 2011 - 13:40 Uhr
14. Migranten auf der Bühne: Blick auf den Alltag lohnt sich
Lieber Predrag, ich finde ja auch, daß jetzt im Zuge von "Verrücktes Blut" viel Wohlfeiles unterwegs ist, und wenn Regisseure plötzlich dafür verehrt werden, Sie hätten Menschen ihre Würde zurückgegeben,
dann ist ein anderer Rubicon übertreten. Andererseits lohnt natürlich schon der Blick auf den Alltag von SchauspielerInnen mit
(gelegentlich auch nur unterstelltem) Migrationshintergrund.
Es hat für die Radio-Reportage "Ein schwarzes Käthchen" sogar einen
Kasus-Medienpreis gegeben. Ua. berichtet der Schauspieler Bijan Zamani von stereotypen Angeboten (Fernsehdrehbücher) und der Arbeit mit Rene Pollesch ("Ja, wo ist denn mein Migrationshintergrund ??"). Wer unter "Schauspieler mit Migrationshintergrund" googelt, kommt sowohl zu dem besagten Kasus-Preis-Interview (SWR 2, auch Frau Kötz von der Stuttgarter Schauspielschule wurde interviewt darin) als auch zB. zu weiteren
Arbeiten zum Thema (beispielsweise von einem Rostocker Absolventen, der bei Karin Beier in Köln gespielt hat).
Mira Planica-Dinev , 11. Mai 2011 - 18:10 Uhr
15. Migranten auf der Bühne: Das Theater ist weiter als der Film
Ich bin Schauspielerin mit Migrationshintergrund und spiele tragende Rollen an deutschen Theatern.Im Film spiel ich Putzfrauen mit ausländischen akzten...Das Theater ist weiter als man denkt.
L.W. , 12. Mai 2011 - 10:51 Uhr
16. Migranten auf der Bühne: was ist denn nur los?
... was war denn mit meinem letzten Beitrag nicht in Ordnung???
Das ist ziemlich unheimlich wenn man komplett zensiert wird und so gar nicht weiß warum !
Mir war das wichtig ! IST das wichtig ! Habe meine "Vor-posterin" doch nicht unter Niveau angegriffen... Was ist denn nur los?

(Sehr geehrte Nervensäge,
Ihre These ist fraglos nachvollziehbar, aber der Ton ihres Beitrags erschien mehreren Redakteuren als zu verächtlich und für die Diskussion abträglich. Versuchen Sie es gerne noch einmal mit etwas weniger Häme!
Mit freundlichen Grüßen, die Redaktion)
Nervensäge , 13. Mai 2011 - 12:32 Uhr
17. Migranten auf der Bühne: emotionale Besetzungsentscheidungen
Teil 1.
Ich denke, der Grund warum es vergleichsweise wenig SchauspielerInnen mit (erkennbar) ursprünglich nichtdeutscher Herkunft auf Bühnen im deutschsprachigen Raum gibt, ist etwas komplexer, objektiv nicht wirklich faßbar.

Und ich denke es liegt nicht grundsätzlich an der Ignoranz der besetzenden Instanzen. (Sicher gibt es in den „Führungsetagen“ der Theater genauso viele Chauvinisten wie anderswo auf der Welt).
Ich bin in Deutschland geboren, aufgewachsen, zur Schule gegangen, habe hier studiert und lebe gerne hier – obwohl ich afrikanische Wurzeln habe und auch so aussehe. Die Entscheidung Schauspieler zu werden habe ich nie bereut. Ich übe diesen Beruf aber nicht mehr aus. Ich wollte immer zum Theater, nie zum Film. Am Theater wurde es für mich als Schauspieler aber zunehmend langweilig: Zu oft wurde ich nach meinem „afrikanischen Temperament“ gefragt, zu oft zeigte „man“ sich enttäuscht, daß ich die „Sprache meiner Vorfahren“ nicht spreche, weil „daraus hätte sich was machen“ lassen. Ich habe Kleist und Goethe vorgesprochen, deutsche Volkslieder gesungen und „man“ fand das alles „sehr schön“, könne mir aber keine Rollen anbieten.
Jetzt bin ich Regisseur und Bühnenbildner. – Und ich tappe in die gleiche Falle wie die „Leute“, die mich nicht besetzt haben:
Wie alle wissen, werden viele Entscheidungen im Theater emotional gefällt, ausgenommen vielleicht die sogenannte Spielplanpolitik. Sobald Stück und Regie benannt sind, gibt es oft von „Außen“ kaum nachvollziehbare Gedankengänge. Wie soll ich als Regisseur erklären, warum ich jene oder jenen SchauspielerIn „will“. Ich versuche das aus dem Stückkontext, aus der Inszenierungs-Idee heraus zu erklären. Oft genug kann ich meine Entscheidungen auch glaubhaft machen. Gäbe ich aber zu, daß ich den- oder diejenige einfach sexy finde oder bewundere, spräche man mir sicher meine Befähigung ab. Der Kosmos aus dem heraus ich entscheide, hat sich doch aus sämtlichen reflektierten und unreflektierten Erfahrungen meines Lebens zusammengesetzt. Für die meisten Menschen ist der nur schwer erschütterbar.
Und meistens interessiert uns das als Zuschauer auch nicht. Nämlich immer dann, wenn alles „richtig gemacht“ wurde: Das Konzept ist schlüssig, die Ausstattung sinnfällig, die Darsteller wunderbar und die Inszenierung beglückend. (Ist es das nicht, gibt es eben Kritik und Häme.)
Paul , 13. Mai 2011 - 20:07 Uhr
18. Migranten auf der Bühne: ohne Ansehen der Person - wie soll das gehen?
Teil 2.
Özgür Uludag fragt danach, wann es denn eine „schwarze Maria Stuart, einen türkischen Faust“ gegeben hätte. Beide Figuren symbolisieren etwas für mich. (Beides Renaissance-Prototypen, entstanden in Deutschland im 18./19. Jhd.)Und wenn ich mich als Regisseur mit diesen Figuren beschäftige, dann lande ich sehr schnell in der Konzept-Falle, wenn ich mich gegen meine „Intuition“ entscheide. Denn dann muß ich (mir) erklären, warum Maria schwarz, warum Faust ein Türke ist. Ich schaffe es nicht, Aussehen von Begabung und Person zu trennen. Wie heißt es so schön: „… ohne Ansehen der Person …“ – wie soll das in (den meisten) Schauspiel-Inszenierungen gehen. Selbstverständlich kann man mir Beschränktheit vorwerfen. Aber wie soll ich diese Beschränktheit ablegen, wenn ich davon ausgehen kann, daß mein Publikum genauso emotional reagiert. Und beim Publikum will ich landen.

Eine Chance, jetzt als Regisseur habe ich aber: Wann immer ich das Gefühl habe, es interessiert nicht wirklich wie jemand aussieht, dann besetze ich SchauspielerInnen, die erkennbar nicht ursprünglich deutscher Herkunft sind.

Man mag dies feige nennen – und Recht hätte jeder. Das ist feige. (Deswegen schreibe ich auch unter Pseudonym.) Ich beruhige mich mit dem Satz: „Wer ohne Schuld ist, der werfe den ersten Stein!“
Paul , 13. Mai 2011 - 20:08 Uhr
19. Migranten auf der Bühne:
(...) Ich weiß auch nicht, warum so ein Dünnsinn geschrieben werden muss. (...) - bei uns im Theater (NRW) ist das alles kein Thema.
daniel , 14. Mai 2011 - 00:09 Uhr
20. Migranten auf der Bühne: NRW liegt in Afrika
@daniel
da hat nrw was mit burkino faso, benin usn südafrika zu tun - da nämlich finden die grossen internationalen theaterfestivals auf dem afrikanischen kontinent statt und - man mag es kaum glauben - von zeitgenössischem europäischen, amerikanischen, afrikanischen ... stück bis hin zum klassiker aller kontinente gibt es dort alles. und komisch: ob eine schwedische oder eine nigerianische produktion - es ist, zumindest auf der ebene der farbenlehre, recht wurscht wer den othello, hamlet, faust, die irina oder die millerin spielt - hauptsache er/sie ist gut.
also nrw lieg in afrika und die eigene denke immer noch ausgangspunkt für jedwede spekulation anderen gegenüber. und selbst wenn ein publikum so denkt wie "paul" denkt, dann steh ich halt mal wieder auf die moralisch anstalt im dienst der überfälligen sache.
postpostmigrantischen gruß
olympe , 14. Mai 2011 - 00:32 Uhr
21. Migranten auf der Bühne: Gutmenschengetue
Oh Gott haben Sie alle Probleme hier...warum jetzt Faust schwarz sein soll, wird niemand verstehen...wahrscheinlich lässt hier einfach nur das schlechte Gewissen grüßen...vielleicht sollten Sie sich fragen, warum in diesen Stücken die Figuren genau so gewählt wurden und nicht anders...und warum die anderen immer fehlen...mit so einen bisschen Gutmenschengetue werden Sie das Problem nicht lösen können...
toni m. , 14. Mai 2011 - 09:50 Uhr
22. Migranten auf der Bühne: Es braucht auch neue Stücke
Nun lässt sich dieses Problem, und es ist eines, auch dahin auflösen, dass man jenen Stücken ausweicht, die eine so starke nationale Festlegung haben, dass jede "Andersartigkeit" in der Darstellung unweigerlich zu einer konzeptionellen Begründung zwingt, und somit jede Regiearbeit in eine unglückliche Interpretationsmaschine verwandelt. Man wende sich also Stoffen zu, die anders verankert sind und in sich alle Freiheiten haben, die wir auch im wahren Leben so begehren. Denn das es in Afrika eine farbige Luise gibt, belegt noch lange nicht, dass jene auch als solche in Europa ebenso wirkt, den hier spielte sie vor einem "weißen" Publikum. Ist der Begriff "weiß" hier eigentlich auch rassistisch ? Immerhin meint er ja wohl eine Sichtweise auf Wirkungen, die von der Herkunft her rühren. - Es reicht nicht nur seine Sicht von Vorurteilen zu befreien. Auch mit den Stoffen sollte man im "Jetzt" ankommen und sich von dem Zwang befreien "Altes" neu zu deuten, in dem man "Neues", neue Stücke schafft.
123 , 14. Mai 2011 - 11:36 Uhr
23. Migranten auf der Bühne: Diese Diskussion ist notwendig!
Eigenartiger Weise gibt es in dieser Diskussion überproportional viele Beiträge die ich gar nicht verstehe... Also, ich verstehe die Intention der Beiträge oft überhaupt nicht.
zB. Toni m. ; Wessen "schlechtes Gewissen lässt denn grüßen" ??? Das deutsche Gewissen?
Meinen Sie mit "diesen Stücken" Klassiker ?
Und wenn Sie schreiben "genauso gewählt und nicht anders", meinen Sie dann 'WEIß statt SCHWARZ' gewählt - meinen Sie, Goethe wird sich schon was dabei gedacht haben, das er Faust nicht als stattlichen Neger ersonnen hat ? (Da haben Sie im Übrigen, ggf dann auch ganz sicher recht)
Und die "Anderen die immer fehlen" sind das die gemischtrassigen und anders-rassigen im Allgemeinen ?
Ich denke, Toni m., damit hast Du das Problem tatsächlich auf den Punkt gebracht, obwohl Du vielleicht etwas ganz anderes meintest!

Ich frage mich warum es einen so grundsätzlich genervten Ton gibt, in vielen der Reaktionen - das geht über; "es nervt" "Heul doch" "leere Behauptung", "Dünnsinn" bis eben Gutmenschengetue"...
Als ob am laufenden Band irgendwelche (Entschuldigung:) Kanaken vor den Toren Eurer Theater stehen und außer 'Rand und Band' um Hauptrollen betteln...
Ich finde es wahnsinnig absurd, als jemand den es betrifft, aber auch nicht betrifft(ja; ich habe einen Arbeitplatz!)in so einer Diskussion immer erstmal den ganzen Schrott wegschieben zu müssen, der da eben heißt, 'Man heule rum und außerdem hätte ja zum Beispiel Mustaffa Sowieso und Mwangbela Blabla auch ein super Engagement in 'Wo-auch-immer' und überhaupt wäre das doch heute, 2011, bitteschön alles kein Thema mehr und man solle jetzt mal endlich 'die Kirche im Dorf lassen'...
Für gewöhnlich tue ich das auch, -Eigentlich bin ich mein ganzes Leben darum bemüht, die verdammte Kirche im verdammten Dorf zu lassen... und damit bin ich auch soweit gut gefahren... weder habe ich mich selber auf irgendeine Hautfarbe reduziert noch reduziere ich die, mit denen ich zutun habe, darauf mich nur wegen meiner Hautfarbe zu wollen oder nicht zu wollen ! Soviel ist sicher ! Alles andere; Liebe Genervten, finde auch ich zum Kotzen. Auch das ist sicher !
ABER es ist nun mal einfach eine Lüge zu behaupten, das die erkennbare ethnische Herkunft, auf deutschen Bühnen KEINE Rolle spiele... das es dem Publikum egal wäre... das es uns egal wäre... das unsere Köpfe leere, unbeschrieben Blätter sind, die nicht irritiert wären, wenn die dritte Schwester der "Drei Schwestern" auf einmal sehr tamilisch daherkommt... Natürlich sind wir verwundert... und finden das möglicherweise auch totalen Blödsinn, weil man sich, für die Dauer des Stückes, möglicherweise mehr damit beschäftigt, warum genau die Russen auf einmal tamilische Kinder adoptieren anstatt, dem tragischen Scheitern der Schwestern beizuwohnen.
Auch ich, habe den Kopf voller Bilder in denen Theater-Schauspieler natürlich hellhäutig sind.
Ich bin damals, angefixt von einem durchschnittlichen ordentlichen Provinz-Stadttheater, in dem Menschen wie ich, gar nicht vorkamen, ohne irgendeinen Zweifel (Zweifel ob es Sinn macht mit anderer Hautfarbe auf deutschen Bühnen rumzustehen), los gezogen gen Schauspielschule,... die Zweifel kamen erst viel später... und ich finde natürlich die müssen unbedingt erlaubt sein - uns allen... und "Multi-Kulti" ist sowieso ein Wort und eine Idee bei der sich mir alle Nackenhaare aufstellen (aber gut, das ist wieder was ganz anderes...)

Aber bitte nicht mehr behaupten es gäbe KEINE Zweifel, KEINE Befremdung und KEINE lieb gewonnen Sehgewohnheiten mehr...
Bitte nicht behaupten alles sei nur eine Frage des Talents und der göttlichen Fähigkeit dieses zu erkennen !
Bitte die Diskussion darüber weiter führen, und nicht so tun als wären wir nur verspannte gefrustete Volldeppen !
Nervensäge , 14. Mai 2011 - 12:15 Uhr
24. Migranten auf der Bühne: es geht auch anders
Michael Klammer spielt am Gorki ganz selbstverständlich den Horatio oder den Achill - ohne dass sich irgendwer um seine Hautfarbe schert. Das sollte es viel öfter geben!
Lina , 14. Mai 2011 - 12:27 Uhr
25. Migranten auf der Bühne: deutsche Russen mit tamilischen Kindern
"...warum genau die Russen auf einmal tamilische Kinder adoptieren..."

Das ist wirklich witzig, liebe Nervensäge, denn im Grunde schreibt sich dies Problem ja noch weiter fort. Denn zunächst spielen ja deutsche Darsteller Russen, es gibt ja einen "deutschen Cechov", und die sollen dann auch noch tamilische Kinder adoptiert haben. Das zu klären, wäre eine wirklich "dankbare" Aufgabe für einige Dramaturgien. -

Da hilft nur Eines: Globalisierte Texte!

Und davon gibt es zu wenige.
123 , 14. Mai 2011 - 12:45 Uhr
26. Migranten auf der Bühne: von Hintergründen und Pässen
Liebe Redaktion, korrekt "muss" es heißen: Russisch spielende, deutschsprechende Deutsche mit deutschen Kindern mit tamilischem Migrationshintergrund, denn man darf vorraussetzen, dass, falls die Kinder wirklich adoptiert wurden, und nicht nur in der (Theater-) Illusion, sie einen deutschen Pass haben, in welcher Realität auch immer,...das verdrängen wir jetzt mal.

Die wirklichen Darsteller mit Migrationshintergrund, also die echten Echten könnten allerdings einen komplizierteren juristischen Status haben, ohne deutschen Pass, also nur einer Aufenthaltsgenehmigung in einem deutschen Cechov, die in den meisten Fällen aber nicht auf die Aufführung im deutschen Raum ausgedehnt werden konnte.
123 , 14. Mai 2011 - 13:40 Uhr
27. Migranten auf der Bühne: die Frage nach der Spielsprache
Ich möchte dies Thema so gerne erweitern und von etwas Wesentlichem sprechen: Der Spielsprache.

Denn sie muss keineswegs ident sein mit der Mutter/Vatersprache.

Sprich, liebe Russland Deutsche, es kann Ihnen durchaus widerfahren, dass sie ein Stück von Cechov, welches sie in ihrer "Heimat" schon im "Original" spielten, hier in "Deutsch" spielen müssen.

Gut wäre zu fragen: Wie spielt ein Russland Deutscher? In welcher Sprache? Nach und vor der Ei(n)bürgerung?!

Und vor allem ist diese Frage präziser gestellt, wenn er keine Einreise als "Jude" genehmigt bekam, unbegründetermaßen, und sich selber als Russland Deutscher ausgab, um endlich "fliehen" zu könne.

In welcher Sprache, Spielsprache spielt er dann? Oder geht er gleich weiter nach Manhhatten? Ziehen Sie nicht über Los!
123 , 14. Mai 2011 - 16:05 Uhr
28. Migranten auf der Bühne: Hinweis
Schau mal Schauspielhaus Hannover...
auf den weg , 15. Mai 2011 - 14:54 Uhr
29. Migranten auf der Bühne: Nachfrage
Und was gibt es da zu sehen?
@auf den weg , 15. Mai 2011 - 22:59 Uhr
30. Migranten auf der Bühne: was ich nicht sehe
@29. Ich weiß, was ich dort nicht sehe: Eine Vielzahl deutsprachiger Schauspieler verschiedener nationaler Herkunft. - Aber es werden dort viele neue Stücke in Auftrag gegeben und produziert. Für welche Schauspieler die allerdings geschrieben werden,...nun ja...
123 , 16. Mai 2011 - 10:25 Uhr
31. Migranten auf der Bühne: in Wien rezipiert
Ein Kommentar, der auf diesen Artikel Bezug nimmt: http://derstandard.at/13130254...in-Weisser
Wiener , 01. September 2011 - 09:18 Uhr
32. Migranten auf Sprechbühnen: das Stück zur Debatte
Das Stück zur Debatte gibt es derzeit in Kassel und im November in Berlin im HAU zu sehen:
http://flinntheater.blogspot.com/p/das-casting_9696.html
Konradin Kunze , 24. September 2011 - 14:32 Uhr
33. Kommentar - Migranten auf den Bühnen: Düsseldorf ?
In Düsseldorf scheint sich diesbezüglich etwas aufzutun...
g.k. , 11. Januar 2012 - 00:48 Uhr
34. Migranten auf Sprechbühnen: Wie steht's um Düsseldorf?
Liebe(r) g.k.,

in Düsseldorf tut sich was genau auf? Emre Aksizoglu scheint man im Jugendtheater zu verheizen, der Frau Soraya scheint es nicht viel besser zu gehen und Taner Sahintürk ist - wie letzten Samstag wieder zu sehen - offenbar als Kleindarsteller vorgesehen. Was genau tut sich also in Düsseldorf auf?
Parzifals Schwester , 11. Januar 2012 - 17:05 Uhr
35. Migranten auf Sprechbühnen: kleines Rechercheergebnis
Ich habe mal aufgrund der Debatte um das Schlossparktheater etwas zu "Schauspielern mit Migrationshintergrund" recherchiert und es stimmt, dass es in den Ensembles der großen Theaterhäuser da an solchen fehlt. Karin Beier und ihr "Versuch" da etwas aufzubrechen, mag eine kleine Episode gewesen sein, die scheinbar nicht konsequent zuende gedacht wurde. Das Ballhaus Ost/Naunynstraße hat da offenkundig rigoroser die Idee umgesetzt,Deutschlands Realitäten auf eine Bühne zu stellen und das nachhaltig. Die Inszenierungen dort werden mit Selbstverständlichkeit von Migranten inszeniert( Nurkan Erpulat), gespielt (Sesede Terziyan und der von Ihnen genannte Emre Aksizoglu) und genau diese Namen tauchen auch auf der Homepage des Düsseldorfer Schauspielhauses auf. Alexsander Radenkovic gab dort den Hamlet und ein Taner Sahintürk hat übrigens am Nationaltheater in Mannheim und im Staatstheater Stuttgart eine Vielzahl von großen Titelrollen gespielt( nachzulesen in Wikipedia), da dürfte es nur eine Frage der Zeit sein, dass sich das auch in Düsseldorf AUFTUT...Ist Ihre Frage damit zufriedenstellend beantwortet?
g.k. , 11. Januar 2012 - 18:05 Uhr
36. Migranten und Sprechtheater: überfällig
Mit dem Maxim Gorki Theater unter Shermin Langhoff wird wohl nun das erste große Stadt-/Staatstheater eben solch einen Weg gehen. Zu hoffen und zu wünschen wäre dies. Dass das anno 2012 als Pionierarbeit an einem deutschen Theater angesehn werden muss, ist unverständlich und peinlich, weil höchst überfällig.
Gast , 25. Mai 2012 - 16:00 Uhr

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