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In den Spiralen der Ich-Krise

von Ralph Gambihler

Leipzig, 23. September 2011. Es ist die vierte Spielzeit mittlerweile, die Sebastian Hartmann als Intendant in Leipzig waltet, und wenn man sich einmal anschaut, welche Themen und Stoffe er in dieser Zeit als Regisseur bearbeitet hat, stellt man fest, dass seine Inszenierungen beharrlich um die Identitätskrise des Individuums in einer zerfallenen Welt kreisen, wobei Moderne und Postmoderne einander überlagern und durchdringen.

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Noch ist alles weiß und ohne Rauch ...
© R. Arnold

Das war bei Matthäuspassion so, Hartmanns krachendem Einstand mit einer Drei-Stücke-Karambolage aus Ibsens "Brand", Ingmar Bergmans "Abendmahlsgäste" und einem Libretto zu Bachs "Matthäuspassion". Das ging weiter mit den Familientragödien Eines langen Tages Reise in die Nacht und Kirschgarten von O'Neill und Tschechow, seinen größten Leipziger Kritikererfolgen, ebenso mit seiner Version von Thomas Manns Zauberberg und der Wim Wenders-Hommage Paris Texas.

Hartmann und Neo

Und auch der aktuelle, klirrend-rätselhafte Spielzeitauftakt mit der Adaption "Fanny und Alexander" nach Ingmar Bergmanns Meisterwerk von 1982 (vier Oscars) ist in dieser Reihe zu sehen. Das Individuum wehrt sich gegen seine Deformation und Vernichtung. Es windet sich in den Spiralen der Ich-Krise. Es schreit. Halb im Alptraum.

In dem Maler Neo Rauch hat Hartmann nun einen verwandten Geist gefunden. Das zuletzt wieder bekräftigte Bestreben des Leipziger Centraltheaters, gattungsübergreifend zu arbeiten und dabei neben Musik und Film auch die bildende Kunst einzubeziehen, ist nun, in dieser Form eigentlich zum ersten Mal, zu besichtigen.

Man braucht allerdings Geduld. Auf der Bühne, die statt Bergmanns großbürgerlich-üppigem Salon-Interieur einen weißen Sitzmöbel-Minimalismus mit letzten Andeutungen von Historie zeigt, ist erst einmal nichts zu sehen von den stoisch-stummen Apokalypsen des Leipziger Malerstars. Das Drama der reichen Theatersippe Ekdahl muss weit fortschreiten.

Katastrophe einer zerfaserten Welt

Der Theaterdirektor Oskar Ekdahl (ein netter Mann: Christian Kuchenbuch) muss bei der ersten Weihnachtsfeier sterben und das folgende Eheverhängnis seiner Witwe Emilie (eine kokette selbstbewusste junge Schönheit: Cordelia Wege) mit dem in Moralfragen tyrannischen Bischof (das Bergmansche Ekel: Ingolf Müller-Beck) nach der nächsten Weihnacht begonnen haben, ehe hinten auf einmal ein Vorhang fällt und eine ins Riesenhafte vergrößerte Kopie von Neo Rauchs Gemälde "Die Lage" (2006) zum Vorschein kommt.

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 ... dann fällt hinten der Vorhang und gibt den Blick auf ein Gemälde frei
 © R. Arnold
 

Das Bild zeigt eine im Kreis stehende Gruppe von Arbeitern mit Brustpanzern und in der Mitte aufsteigend eine rätselhafte, allegorisch wirkende Figur, deren Kopf surreal und dämonisch zu verschwinden scheint. Rauch lässt die Menschen um eine unfassliche oder gar leere Mitte kreisen. Das unbekümmerte Rotieren im Feuerschein einer ewigen Endzeit, die zerdehnte Katastrophe einer ideell zerfaserten Welt, ist hier in unverkennbarer Rauch-Manier festgehalten.

Pappkammeraden im Raum

Der Zusammenhang mit Hartmanns zunächst matter und hölzerner, dann um so heftiger aufspritzender Bergman-Fantasie stellt sich nicht ohne weiteres her. Er bleibt zunächst abstrakt und hängt im Raum wie ein Versprechen, das auf Einlösung wartet. Es kommt aber dann eine schöne Szene, vielleicht überhaupt die schönste und eindringlichste in diesem merkwürdig verschwurbelten, oft diffusen, bisweilen auch in Ironie und Albernheit baumelnden Abend.

Manolo Bertling, der neben dem Kinderdarsteller Yusuf El Baz die ältere Inkarnation eines doppelten Alexanders spielt, trägt in dieser Szene einen Ganzkörper-Anzug mit aufgemaltem Skelett. Sein Alexander ist es gewohnt, seine kindliche, im Grunde längst hamletsche Traurigkeit und bald auch die unerträgliche Wirklichkeit im Haus des Bischofs mit Fantasie zu überblenden. Er kann nur in Traumwelten und Anderswelten bestehen, der Rest ist Hülle und Vorspiegelung.

Wir sehen nun also den Skelett-Alexander, wie er verzweifelt versucht, an der Bühnenhinterwand in Neo Rauchs Gemälde hinein zu klettern. Er will unbedingt hoch zu den stoisch werkelnden Arbeitern mit den Brustpanzern, schafft es natürlich nicht, denn Darsteller, die Leinwände entern, gibt es nur im Kino, rutscht bei jedem Versuch lächerlich und kläglich ab, immer wieder.

Das Unheil ist unter uns

Hier findet Hartmann ein einfaches, aber treffendes Bild für die existenzielle Not eines Menschen, der sich im Spiel erfüllt und wappnet gegen die Höllen seiner äußeren Welt. Später dann eine frappierende Entwicklung: Das Rauch-Bild zerfällt. Die Arbeiter bleiben wie Pappkameraden im Raum stehen, während das ganze gemalte Drumherum, Rauchs trostlose Endzeit-Kulisse, nach hinten wegkippt, verschwindet, vorübergehend.

Hartmanns knapp dreistündiger, vom Premierenpublikum zögerlich bis freundlich aufgenommener Bergman-Brocken ist, alles in allem, mehr eigenständiges Traumspiel als Wiederholung des cineastischen Geniestreichs mit den Mitteln des Theaters. Den bloßen Nachbeter gibt Hartmann nicht. Das ist schon mal gut. Aber dann? Viele Einfälle, die auf den großen Wurf hindeuten, auf den Hartmann immer aus ist!

Es bleibt indessen bei einem hingewuchtet wirkenden und vagen Ideen-Divertimento mit szenischem Leerlauf und angestrengtem Bilderdonner für Zwischendurch. Die selbstreferenziellen Beigaben zu Fragen des Theatermachens – "Wir spielen, wir spielen wir spielen, wir spielen, wir spielen – weil es uns Spaß macht!" –, bleiben eine Andeutung. Ansonsten wackelt gelegentlich der Bühnenboden wie in einem zu langsam geratenen Erdbeben. Das Unheil ist offenbar wieder unter uns.

 

Fanny und Alexander
nach dem Drehbuch von Ingmar Bergman
Regie und Bühne: Sebastian Hartmann, Mitarbeit Bühne: Clementine Pohl, Kostüme: Adriana Braga Peretzki, Video: Christopher Bauder, Licht: Carsten Rüger, Dramaturgie: Michael Billenkamp.
Mit: Manolo Bertling, Susanne Böwe, Artemis Chalkidou, Yusuf El Baz, Sarah Franke, Janine Kreß, Christian Kuchenbuch, Lydia Makrides, Wolfgang Maria Bauer, Ingolf Müller-Beck, Linda Pöppel, Peter René Lüdicke, Cordelia Wege.

www.centraltheater-leipzig.de


In der Woche vor der Premiere gab Sebastian Hartmann bekannt, dass er seinen Vertrag über 2013 hinaus nicht verlängern würde. Christian Rakow blickt zurück nach vorn.


Kritikenrundschau

"Fanny und Alexander" sei Ingmar Bergmanns "Liebeserklärung an das Theater", und so habe es "natürlich symbolischen Wert", wenn Sebastian Hartmann mit diesem Stoff seine Spielzeit eröffne, schreibt Johanna Lemke für die Sächsische Zeitung (24./25.6.2011). Nach den kulturpolitischen Querelen um das Haus, die die Kritikerin noch einmal rekapituliert, und Hartmanns Entscheidung, seinen Intendantenvertrag nicht zu verlängern, die sie als "Scheitern" anspricht, widerlege dieser Abend nochmals all jene, die glauben "Sebastian Hartmann hätte es sich je einfach gemacht". Er entwickle hier eine Geschichte "zwischen Realität und Fantasiewelt", verdoppele "Realitäts- und Zeitebenen", sodass man "oft selbst nicht mehr" wisse, "was zur Geschichte gehört, und wann uns der Regisseur zum Narren hält". Das "hohe Niveau des Ensembles" werde an diesem Abend erneut unter Beweis gestellt, der Umgang mit Neo Rauchs Gemälde sei "kongenial": "Wenn Manolo Bertling als erwachsener Alexander vergeblich versucht, das Gemälde zu erklimmen, sozusagen physisch in die Fantasiewelt einzutreten, weiß man wieder, wie reich Sebastian Hartmann die Leipziger Theaterlandschaft gemacht hat."

Auch Peter Korfmacher nutzt seine Besprechung in der Leipziger Volkszeitung (24./25.6.2011) für eine generelle Bestandsaufnahme: Positiv schlägt auch hier die Ensembleleistung zu Buche ebenso wie die "Bildgewalt" des Hartmann'schen Theaters. So sei die Weihnachtsfeier zu Beginn "(s)ublimierter Alltag gleichsam, sensibel beobachtet, liebevoll gezeichnet, durchzogen von Hartmanns subversivem Witz, der in den starken Momenten hart an der Grenze zum Klamauk navigiert". Dann lässt der Kritiker durchaus ausführlicher die Negativpunkte folgen: "Schablonen" präsentiere Hartmann immer wieder; auch dränge sich der Eindruck auf, "man sei nach hinten raus nicht fertig geworden und überlasse vor allem daher die Darsteller der eigenen Imaginationskraft". Die Brüche in der Erzählchronologie wirkten "eher mutwillig als sinnstiftend". Der Abend leiste im Ganzen nichts, was "Ingmar Bergmanns Film nicht schon besser geleistet hätte". "Und schlimmer noch: Die sich verselbstständigende Drift in Klamauk (…) lässt den Abend da landen, wo Hartmann mutmaßlich am allerwenigsten hin will: im Moderne und Relevanz allenfalls behauptenden Amüsiertheater, das in seiner halbgaren Bedeutungshuberei  mindestens so provinziell ist wie die Feindbilder des Regie-Intendanten."

Von "fahriger Reichhaltigkeit" sei diese Bergmann-Inszenierung, schreibt Ulrich Seidler in der Frankfurter Rundschau/Berliner Zeitung (27.9.2011). Die Darsteller spielten, als sei da kein Publikum was beim Rezensenten zwischendurch das Gefühl ausgelöst hat, eher einer Party beizuwohnen als einem Schauspiel. Mit "epischen Einschüben" werde der Zuschauer dann aber immer wieder "lässig auf den Stand gebracht". Irgendwie sei der Abend auch melancholisch: "Ist das schon ein vorweggenommener Abschied?"

Mangelnden Enthusiasmus könne man Sebastian Hartmann bestimmt nicht vorwerfen, schreibt Till Briegleb in der Süddeutschen Zeitung (30.9.2011) in einem Artikel, der als leicht wehmütige Bilanz der Ära Centraltheater daherkommt. Als Regisseur setze der Noch-Intendant Hartmann auf ein improvisiertes Geflecht von losen "Verabredungen" statt eines diktatorischen Regieplans. Im Resultat sei das "so gewöhnungsbedürftig wie interessant". Auch im Fall von "Fanny und Alexander" werde so "der Einlullfaktor des fertigen Spiels" außer Kraft gesetzt.

Zwischen gedeckter Tafel und zerwühltem Bett oszillierten die Darstellenden zwischen eingeübtem Spiel und Improvisation, schreibt Tobias Prüwer im Freitag (30.9.2011). Das durchweg gute Ensemble bringe vielfarbene Stimmungen auf die Bühne, die durch die dezente Kulisse in Weiß verstärkt würden. Hartmanns konsequentes Suchen nach Sinn und Form möge nach unbestimmtem Ausgang manchen ratlos zurücklassen - aber: der Regisseur nehme die (Selbst-)behauptung des Theaters und sein Publikum ernst.

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