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Stückchen, Stadt und Sloterdijk

von Otto Paul Burkhardt

Karlsruhe, den 1.-3. Oktober 2011. Auch eine Form des Kennenlernens: Beim 1. Karlsruher Dramatikerfestival ergehen, erwandern sich die Zuschauer ihr Theater. Simultan und in Grüppchen aufgeteilt, wuseln sie treppauf, treppab durch die Eingeweide des Badischen Staatstheaters, vom Heizungskeller tief drunten bis hinauf zur Klimazentrale im 4. OG, von der Laderampe zum Tapezierraum – vorbei an Flucht- und Rettungsplänen, vor allem aber vorbei an 20 Kurzdramen junger Autoren zum Thema "Stadt der Zukunft": eine logistische Meisterleistung.

Peter Spuhler, der neue Generalintendant, gilt als umtriebiger Theater-Kommunikator und hat derlei Präsentationsformen schon am Landestheater Tübingen erprobt; und gemeinsam mit seinem Schauspieldirektor Jan Linders hat er zuletzt den Heidelberger Stückemarkt zu einem Uraufführungsfestival ausgebaut. Jetzt also Karlsruhe, und ehrenhalber sei erwähnt, dass auch Linders' Vorgänger Knut Weber in Karlsruhe bereits ein Festival für neue Dramatik begründet hat: Schlaglichter.

Von bizarr bis gruslig

Zurück zum Theaterrundgang: Schnell haben die einzelnen Grüppchen beim Umherschwirren im Staatstheater die Orientierung verloren. Wo sind wir jetzt? Ah, ja, im Archiv. Hier wird "Das Aufnahme-Quiz" von Daniela Janjic gezeigt, eine Art bizarrer Einbürgerungstest, bei dem ein Prüfer eine Kandidatin ganz ungeniert nach ihrer "Verwertbarkeit" fürs soziale Ganze fragt – inszeniert als Verhör-Szenario im hintersten Winkel zwischen Regalen, vollgestopft mit Bildungsgut von Verdis "La Traviata" bis Wagners "Götterdämmerung".

Weiter geht's ins Requisitenlager, wo zwei Schauspielerinnen Konstantin Küsperts Kurzdrama "maschine stadt mensch" im Postpunk-Stil mit Bass und Schlagzeug herunterskandieren, das Protokoll einer grusligen Hirnoperation – beim Hinausgehen wird man (geschickt eingefädelt) einer Requisitenleiche gewahr, die kopflos auf einer Bahre liegt. Eher entspannend wirkt dann Kristo Šagors Stückchen "Das Salz ist auch nicht mehr so salzig wie früher", ein kurzweilig und dennoch anrührend in Szene gesetzter Plausch der Generationen zwischen jugendbewegter Oma, nervöser Tochter und tröstendem Enkel.

Phrasen-Salat, Schrillfarce, Horrorszene – uff!

Ab und zu treffen sich die Grüppchen, laut Begehungsplan als "Recyclisten" oder "Urban Gardeners" benamst, im großen Foyer des Staatstheaters und nehmen gemeinsam Jérôme Junods Sprachmusik "Jetzt aber – oder: Die Kunst der Fuge" zur Kenntnis, einen unterhaltsam zerlegten Phrasensalat zum Thema Städtebau, gepiepst, gesprochen und gebrüllt.

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Eines der Stück(chen) auf dem Theater-Rundgang "Stadt der Zukunft". © Staatstheater Karlsruhe

Wer mehr über die geschlechterspezifische Verfassung der europäischen Stadt als Transe erfahren will, kann sich im Malsaal bei Jörg Albrechts städeplanerischer Schrillfarce "Nimm dir, was dein Herz begehrt (nur nicht mich)" (des-)informieren. Ganz oben in der Klimazentrale läuft "Ein Privileg" von Semir Plivac – ein Sci-Fi-Drama anno 2258 mit schippenden Arbeitern in einem lärmenden Maschinenraum, im Landeanflug auf Karlsruhe? Sascha Machts Horrorszene "Denn ich bin die Stadt, die nur durch mich ist, und ich bin ihre Zerstörung, der mächtige Sturm" geht selbstverständlich in den Tiefen der eindrucksvoll rotierenden Unterbühne vonstatten – unter viel Warnlampen- und Rotlicht-Geflacker hochdramatisch inszeniert.

Uff, sagt der beeindruckte Theaterwanderer, und ist froh, wenn er am Ende der im besten Sinne verwirrenden Führung wieder das vertraute Foyer samt Käsebrötchen-Theke sichtet. Aber im Ernst: Gerade die Vielfalt der Ansätze durchlüftet das Thema "Stadt der Zukunft" auf erfrischende Weise – der Bogen reicht von aufgeregten Negativ-Utopien bis zu gelassenen Humor-Phantasien.

Fette Charmeoffensive statt Schiller

Gut, es gab mal Zeiten, da begann die Spielzeit eines Theater, sagen wir, schlicht mit einem Schiller-Drama. Und das war's dann auch. Doch heute sind aus den Saisonstarts an Stadt- und Staatstheatern (besonders wenn ein neues Team einzieht) fette Großkampagnen geworden. Mehrtägige Theaterfestivals. Aufwendige Charmeoffensiven. Bedenkenträger bemängeln derlei Trends als "Eventisierung". Doch eins befördern diese "ortsspezifischen Durchdringungen" auf jeden Fall – regionale Identität.

Auch Karlsruhe gibt nun ein leuchtendes Beispiel für solche erweiterten, identitätsstiftenden Saisonstarts – Peter Spuhler, sein Leitungsteam und das runderneuerte Ensemble haben ihre Arbeit mit einer ambitionierten, dreitägigen Theateroffensive begonnen. Noch vor dem Kurzdramen-Marathon, der die Zuschauer "ihr" Theater per Rundgang neu erleben ließ, hatte "100 Prozent Karlsruhe!" Premiere. Der Titel des bereits erprobten Projekts der freien Dokutheatergruppe Rimini Protokoll ist Programm: 100 Bürger der Stadt bringt es auf die Bühne und entstand zudem in Kooperation mit dem ortsansässigen Bundesverfassungsgericht. Drittens folgte schließlich das aktuelle Werk des Karlsruher Philosophen Peter Sloterdijk – eine Bühnenfassung seines vieldiskutierten 723-Seiten-Essays "Du musst dein Leben ändern".

Vor dem Hintergrund aktueller Stadttheaterdebatten betrachtet, hat Spuhlers Team damit einen geradezu mustergültigen Start hingelegt: hochgradig stadtidentifikatorisch, reich an örtlichen Kooperationen, über den Staatstheater-Tellerrand hinausschauend mit einer Freien-Produktion, entspannt-unterhaltsam mit Kennenlern-Faktor und doch themenoffen, debattenfreudig.

"Steh' auf, wenn du am Boden bist!"

Und Sloterdijk? Dessen Text wird wiederum an wechselnden, bis zuletzt geheim gehaltenen Orten in Szene gesetzt – die Städteraumbespaßung, pardon: die Bespielung, die Belebung, die kreative Umnutzung der Räume auf Zeit kennt im Saisonstart-Konzept Spuhlers keine Grenzen. Die Uraufführung der weltphilosophischen Abhandlung findet in der Oberpostdirektion statt, allerdings von Regisseur Patrick Wengenroth heruntergebrochen zu einer, sagen wir, seminarhaft aufgezogenen Mischgroteske aus Becketts "Endspiel", wunderbar grenzdebilen Motivations-Popsongs ("Steh' auf, wenn du am Boden bist!") und szenischen Leseproben aus Sloterdijks Buch.

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Knuddlige Philosophen-Puppe: "Du musst dein Leben ändern". © Staatstheater Karlsruhe

Der Karlsruher TV-Philosoph selbst ist als knuddlige Handpuppe präsent, mit der die Schauspieler ab und an als Bauchredner parlieren. "Ende. Es ist zu Ende. Es geht zu Ende. Es geht vielleicht zu Ende" – Wengenroth setzt zunächst auf bedeutungsschwer gedeutete Beckett-Apokalyptik, unterfüttert mit den Pathosklängen von Strauss' "Also sprach Zarathustra". Alles geht zurück auf (nicht nur) Sloterdijks Welteinsicht, "dass es so nicht weitergehen kann".

Die Regie wandelt auf einem schmalen Pfad – irgendwo zwischen Annäherung ans Buch und distanzierter Ironie. Letztere wiederum kann allerdings auch erschreckend albern ausfallen, etwa wenn Wengenroth die Schauspieler zuweilen an einer Art Tourette-Syndrom leiden lässt, auf dass sie sich kunstvoll verhaspeln: "schnelle Mädchen, äh, Medien" oder "Sperma, äh, Schwärmer". Wengenroth bleibt stets auf Abstand: Sloterdijks Gedankengänge werden in ihrer elegant formulierten Verschlungenheit auch schon mal sanft vergackeiert. So predigt Stefan Viering den "absoluten Imperativ" (jenen Vorsatz, der auch das ökologische Überleben der Erde als Maxime mit einbezieht) in priesterlichem Salbaderton zu wallender Orgelmusik. Sloterdijks umstrittenes Denkexperiment über Eliten kommt ebenfalls zur Sprache, im Handpuppen-Dialog wird er denn auch als "Trainer zur Weltverbesserung" tituliert. Und der Apollo-Torso, der Rilke zu dem Satz "Du musst dein Leben ändern" inspirierte, wird pompös enthüllt.

Daueraufenthalt im Überforderungsfeld

Ein paar Popsongs weiter ist Halbzeit: Die Schauspieler-Dozenten reichen in den Zuschauerreihen nun entspannungshalber Rotwein herum. In dieser Mischung geht es weiter: Auf Sloterdijk-Exegese folgt Beckett-Zitat, und irgendwann singt einer: "Angst braucht Waffen, oh, oh" oder "Alles kommt, wie es wohl kommen muss, uuh, uuh." Was bleibt? Naja, manchmal kaum mehr als "der Modus des Nichtverstehens".

Sloterdijk wird von Wengenroth nicht wirklich durchdrungen, sondern auf Distanz gehalten und dennoch beim Wort genommen: So gleicht diese Annäherung einem "Daueraufenthalt im Überforderungsfeld", einem gemeinsamen philosophischen Crashkurs "Wir lesen Sloterdijk". Wir denken darüber nach, trinken Wein und haben ein bisschen Spaß dabei. "Kennst du den?", fragt ein Schauspieler gegen Schluss. "Zwei im Weltall treffen sich. Der eine sagt: 'Oje, ich hab' homo sapiens'. Antwortet der andere: 'Kenn' ich. Das geht vorbei.'"

 

Die Stadt der Zukunft
1. Karlsruher Dramatikerfestival
Uraufführungen von Jörg Albrecht, Ekat Cordes, Dimitrij Gawrisch, Semir Plivac, Kristo Šagor, Bernhard Studlar, Laslo Vince, Olivia Wenzel, Ivna Zic, Daniela Janjic, Jérôme Junod, Oliver Kluck, Timo Krstin, Konradin Kunze, Konstantin Küspert, Wolfram Lotz, Sascha Macht, Azar Mortazavi, Mathilda Onur, Bonn Park.

Du musst dein Leben ändern (UA)
nach Peter Sloterdijk
Regie: Patrick Wengenroth, Bühne & Kostüme: Ulrike Gutbrod, Musik: Matze Kloppe, Dramaturgie: Nina Steinhilber.
Mit: Antonia Mohr, Lisa Schlegel, Klaus Cofalka-Adami, Stefan Viering.

www.staatstheater.karlsruhe.de

 

Einige der beim Karlsruher Dramatikerfestival beteiligte Autoren waren auch schon beim Heidelberger Stückemarkt 2011 mit von der Partie.

 

Kritikenrundschau

Jeder neue Intendant muss als Erstes das Theater neu erfinden und alles bisher Dagewesene überbieten, so Martin Halter in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (5.10.2011). Peter Spuhler offerierte nun also zweiundzwanzig Uraufführungen. Die Generalmobilmachung erfasse auch bislang unbespielte Spielstätten wie Laderampe, Fahrrad- und Heizungskeller, aber auch prominente neue Mitspieler wie das Bundesverfassungsgericht oder Peter Sloterdijk. Diese zwanzig Appetithäppchen ließen sich so leicht verdauen wie die Käse-Igel am Buffet, so Halter, "insgesamt mehr Masse als Klasse". Die temporäre Volksvertretung in Rimini Protokolls "100 Prozent Karlsruhe" entpuppte sich als harmloses Wählerwanderungstheater. Patrick Wengenroth dampfte die 700 Seiten "Du musst dein Leben ändern" dagegen geschickt auf zwei unterhaltsame Stunden ein. Sloterdijks Spaziergang durch dreitausend Jahre Beseelungswissen sei eine Steilvorlage für Wengenroths Verfahren, Feuilletondebatten, Talkshowmüll und Klassiker wie Brecht und Schiller so durch den Fleischwolf, bis nur noch Trash und Diskurs übrig bleibe. "Zwar holt Wengenroth einige seiner vertikal verspannten Übungseinheiten auf den Boden von Stammtischpalaver, Schnulzen, Predigten und Versprechern herunter“, aber er gebe sie nicht der Lächerlichkeit preis. "Schüler Wengenroth übt sich in kritischer Hommage, Slapstick und Studentenulk, treibt den Klamauk aber nie hinter dem Rücken des Weltverbesserungstrainers."

Christian Gampert bespricht im Deutschlandfunk (4.10.2011) Wengenroths "Du musst dein Leben ändern", das durchaus eine Überforderung für den Zuschauer sei, "aber eine produktive - und damit ganz im Sinne von Peter Sloterdijk, der ja 'mehr Vertikalspannung' fordert, mehr 'Übung' und Askese, mehr Ansprüche des Einzelnen an sich selbst". Von Beckett zu Udo Jürgens, von Nietzsche zu Yvonne Catterfield und von Rilke zu den "Toten Hosen" laufe das schräge Crossover dieses Abends. "Es stellt sich aber schnell heraus, dass die scheinbar trivialen Songs einen ernsten Kern haben." Auf dem Theater entfalte Wengenroths subtile Mixtur aus Welterklärungsmodellen und Trivialität einen schönen Sog, wobei es durchaus apart aussehe, wenn der blinde Hamm sich einen Nietzsche-Schnauzer anklebt und sich aus dem Rollstuhl erhebt. Fazit: "Zum Beginn von Peter Spuhlers Karlsruher Intendanz ist wenigstens das Theater auf einem guten Weg: Dieser relativ stille, unaufwendige Abend stößt uns mehr auf uns selber als viele Großproduktionen."

In der Süddeutschen Zeitung (6.10.2011) schreibt Jürgen Berger: Das Karlsruher Publikum habe in den "letzten Jahrzehnten" keinen "Bezug zu einem Theater der Zeitgenossenschaft" entwickeln können oder wollen. Die neue Mannschaft nun ziele mit Sloterdijks "Du musst Dein Leben ändern" als Spielzeitmotto aufs "große Ganze". In dem seriellen Format "100 Prozent Karlsruhe", dass "das Bundesverfassungsgericht in Auftrag gegeben hat", beschäftigten sich hundert Karlsruher "Experten des Alltags" mit Rechtsfragen wie "Sind Sie für die Wiedereinführung der Todesstrafe?" oder "Fahren sie regelmäßig schwarz?". Die Menschen im Saal hätten das "ziemlich klasse" gefunden. Die neue Karlsruher Mannschaft mache im Schauspiel dort weiter, wo sie in Heidelberg aufgehört habe. Anstelle des Heidelberger Stückemarktes gäbe es ein neues Dramatikerfestival. Allerdings frage man sich bei "Stadt der Zukunft" sehr schnell, "was das Ganze denn soll". Es habe nur wenige Überraschungen wie Azar Mortazavis "Himmel und Hölle" gegeben, eine kleine Geschichte, in der das Festivalthema direkt in das Innenleben eines sich neu orientierenden Mädchens verlegt zu sein scheine, während Kristo Sagors "Das Salz ist auch nicht mehr so salzig wie früher" einer der wenigen Texte sei, "die man als ausgewachsenes 'Drama' wiedersehen möchte". Ansonsten: "schnelle, kurzatmige Stichproben aus der Schreibwerkstatt". Die Kombination von Sloterdijks Abhandlung "Du musst dein Leben ändern" mit Becketts "Endspiel" sei "ziemlich überflüssig". Immerhin zeige Patrick Wengenroth wie man mit "so einem philosophischen Text" umgehen könne. "Zum Beispiel, indem er einen Schauspieler den Nietzsche spielen lässt - und ihn in den Rollstuhl setzt." Damit zitiere er die "Hintergrundfolie von Sloterdijks Welterlösungsschrift", den "Übermenschen", er ironisiere aber auch "den messianischen Duktus, der sich bei Sloterdijk findet"."

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