Sonntag, 21. September 2014

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Faust – Mit Goethe startet das Theaterhaus Jena in die neue Intendanz

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Teufel aus der Tonne

von Ralph Gambihler

Jena, 24. November 2011. Das Theaterhaus Jena liegt, wie könnte es anders sein, im Schillergässchen 1, nur wenige Meter von Schillers Gartenhaus entfernt. Den Kotau in diese Richtung spart sich die neue Mannschaft am Theaterhaus Jena aber - und kommt gleich mit Goethes "Faust" zur Sache, so dass es ein wenig so aussieht, als habe die frisch angetretene, im Durchschnitt 28 Jahre junge Mannschaft unter dem neuen künstlerischen Leiter Moritz Schönecker die Weimarer Klassik schon mit der ersten Premiere abgehakt. Andererseits hatte das in Nachwendezeiten vor 20 Jahren gegründete Theaterhaus, das mit unkonventionellen Konzepten zu einem der interessantesten und kreativsten Häuser in Ostdeutschland wurde, bislang ein durchaus entspanntes Verhältnis zur Weimarer Klassik. Warum sollte sich das nun ändern?

Offengelegtes Inneres

Schönecker, der Markus Heinzelmann ablöst, stammt aus Trier, ist dreißig, hat in München an der Theaterakademie August Everding studiert und zuletzt von Berlin aus als freischaffender Regisseur gearbeitet. Den "Faust" zum Einstand hat er selber übernommen, und er hat dazu, zusammen mit seinem Bruder Benjamin, der als Ausstatter dabei ist, ausgiebig im Fundus gestöbert. Man sieht's schon vor der Tür. Da stehen auf dem Theaterplatz derzeit - im Rahmen des Projektes "Umschichten" (das zwei Stuttgarter Architekten umgesetzt haben) - markante Einzelteile aus ehemaligen Kulissen, eine große Holzkugel aus einer Kleist-Inszenierung etwa. Das Vorgefundene kehrt als Artefakt wieder.

Auf der Bühne, im hohen und gänzlich unverhüllten Bühnenhaus, läuft es im Prinzip ähnlich. Man sieht die Ziegel der Mauern und das Stahltor auf der Hinterseite. Aus Teilen der ausgemusterten, im Sommer demontierten Theatermaschinerie wurde eine Art Turm gebaut, der die Grundfläche um einige Meter überragt. Darunter wird von den Darstellern immer wieder das Mobiliar gewechselt. Stühle werden herein und hinaus getragen, ein Schreibtisch für Fausts Studierstube, ein großer Tisch für Auerbachs Keller, eine Matratze und ein Schrank für Gretchens Zimmer usw. Die Natur geistert in Gestalt von Topfpflanzen und ausgestopften Tieren durch die Kulisse. Für das Repertoire ästhetischer Effekte steht eine Videoausrüstung zur Verfügung. Man spielt offen, ohne die Hermetik einer geschlossenen Kunstoberfläche.

Die Tücken des Sprachkunstwerks

So weit, so schön. Die Überraschung besteht nun darin, wie wenig daraus wird. Der Abend geht fast bruchlos und "nach alter Art" über die Bühne. Die Regie, so scheint es, pflegt den Umgang mit Goethe in Form der Umklammerung. Was im konkreten Fall bedeutet, dass Fausts Sinnsuche und Schandtaten a) absolut texttreu und thesenfrei abgespult werden, b) die Ausbrüche dramatisch bis schwer pathetisch sind, c) der hohe Theaterton einem immer wieder Ohrensausen verursacht. Warum spielen junge Leute so? So gestrig? Schwer zu sagen. Man wollte für den Anfang wohl den Zauber des Sprachkunstwerks und hat ihn mit Verve verpasst.

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Ella Gaiser als Gretchen © Joachim Dette

Gespielt wird im Wesentlichen der "Urfaust", also ohne Pakt, Hexenküche und Walpurgisnacht, auch ohne Fausts Suizidgedanken und Gretchens Errettung, ergänzt dafür um einige Passagen aus "Faust I", die die Sache runder und plausibler machen, bei allem Sturm und Drang der Erstfassung. Den Faust von Mathias Znidarec muss man sich dabei als empfindsamen Menschen vorstellen. Seine Zweifel sind groß, die Qualen auch. Gerne würde man dieser Wehmutsnatur mit einer Packung Antidepressiva aushelfen. Die Therapie Gretchen hilft aber auch - zuverlässig.

Tänzeln, Federn, ein Hauch von Revue

Bei Benjamin Mährlein ist nicht ganz klar, ob er Mephisto-Klischees nur stapelt oder zugleich parodiert. Jedenfalls trägt er ziemlich dick auf mit seinem unentwegten Tänzeln und Federn, das immer irgendwie aussieht, also müsse der Teufel ganz schnell aufs Klo. Der Kerl ist weibisch, sarkastisch und aasig, wie es im Buche steht - nur ein bisschen mehr. Den überzeugendsten Eindruck hat Ella Gaiser mit ihrem Gretchen hinterlassen. Obwohl ihr züchtiges, armes Ding etwas vordergründig wirkt, passt ihr die Rolle wie eine zweite Haut. Die Kupplerin Marthe Schwerdtlein (Natalie Hünig) stakst daneben im Kostüm eines 20er-Jahre-Starlet durch die Kulisse. Das sieht toll aus, wirkt aber sinnfrei.

Was gibt es noch? Viel nachtclubtaugliche Musik in den Umbaupausen und auch sonst, was dem Abend einen Hauch von Revue verleiht. Diverse Requisiten, mit denen sich die Inszenierung auf Gegenwart lackiert: eine Luftblasenpistole für den Prolog im Himmel, einen elektrischen Baumarkt-Drehschrauber für Fausts Weinwunder, eine Hausmüll-Tonne für einen effektvollen Auftritt des Teufels. Alles in allem: Viele Einfälle, wenig Ideen.


Faust
von J.W. Goethe
Regie: Moritz Schönecker, Dramaturgie: Simon Meienreis, Jonas Zipf, Komposition: Joachim Schönecker, Live-Musik: Levi Raphael, Bühne/ Kostüme: Benjamin Schönecker & Veronika Bleffert, Video: Stephan Komitsch/ impulskontrolle.
Mit: Moses Leo, Mathias Znidarec, Benjamin Mährlein, Ella Gaiser, Natalie Hünig, Yves Wüthrich, Tina Keserovic.

www.theaterhaus-jena.de


Kritikenrundschau

Frank Quilitzsch schreibt in der Thüringischen Landeszeitung (26.11.2011): Beim fast kahlköpfigen Mathias Znidarec erinnere Faust ein bisschen an Lenin im Kreml – "grotesk, doch leider nicht so gemeint". Benjamin Mährleins Mephisto sei ein "Bewegungstalent", zwittere zwischen Mann und Weib, steppe sogar – bloß "warum eigentlich?" Ella Gaiser als Gretchen gehe nicht recht unter die Haut, kurzum: das neue Jenaer Theaterhaus-Ensemble habe "Urfaust" gewählt, "mit anderen Faust-Texten verquirlt und schön bebildert", wisse aber nicht, "warum sie ihn spielen". Es gebe einfach keine Idee. "Statt eine Haltung zur Wirklichkeit zu transportieren, arbeitet der Regisseur sich an Goethes Ästhetik ab." Die "Neuen" sprächen und spielten "wirklich gut". Regisseur Moritz Schönecker habe "nahezu alles": "gute Schauspieler", Jugend, trotzdem schon Bühnenerfahrung, "dazu Technik, die begeistert", und dennoch verlaufe die Handlung "so brav, beinahe widerstandslos", dass man sich verwundert die Augen reibe: "Wo ist hier der Stachel? Wo bleibt die Irritation?" Wo sei "das Subversive, aus dem vor 20 Jahren das Jenaer Theaterhaus entstand?"

Henryk Goldberg schreibt in der Thüringer Allgemeinen (26.11.2011): Moritz Schönecker müsse unter dem "Mythos Faust", dem "Probstein" sehr gelitten haben. Die "reichlich zwei Stunden" erzählten keine Konzeption, es gebe keine. Sie erzählten aber etwas über den Regisseur Moritz Schönecker, der ein zwittriges Wesen zu sein scheine. Mit "lässiger", "effektsicherer" Fassade, dahinter aber ein "beinahe konservativer Regisseur", "respektvoll und weithin unironisch". Schönecker könne Atmosphäre erzählen, "wenn der Gedanke dahinter den Schauspielern gilt und nicht der Didaktik". Dom-Szene, der sterbende Valentin, Erdgeist – das alles sei überflüssig. Aber wenn es gelingt, die "Schauspieler mit der Szene" zu verbinden, ergänzten und befeuert diese einander. Vollkommen "ernsthaft und unironisch" Matthias Znidarecs "Habe nun ach...". Vollkommen "durchglüht in der Begegnung mit Gretchen" und vollkommen zerstört, reduziert auf seine Schuld im Kerker. Ella Gaiser spiele Gretchen "sehr eindrücklich, sehr intensiv, sehr gut. Besser kann man nicht debütieren in einer Stadt." Ein kurzweiliger Start sei das.




Kommentare (26)

1. Faust, Jena: intellektuell hochtrabende Kritik?
Stellen sie sich vor, es gibt einen Tor, der ist so klug, wie nie zuvor. Deshalb begibt er sich auf die Couch des Seelenklempners Mephisto. Er lässt sich in mehreren Sitzungen das i und das h (Abk. für intellektuell hochtrabend) aus seinem Namen wegtherapieren. Fortan erfreut sich Herr Ralph Gambler eines völlig neuen und auschweifenden Lebens. Er findet auf einmal Spass daran, dass ein junges, unverbrauchtes Ensemble mit bescheidenen, finanziellen Mitteln einen äusserst publikumswirksamen Ur-Faust mit viel Leidenschaft und einem Augenzwinkern auf die Bühne Jenas zaubert.
Doch plötzlich - ein Donnergrollen? Aus dem Olymp der Theaterkritiker kommt wie erwartet die Retourkutsche. Ralph Gambler wird gezwungen, das i und das h wieder in seinen Namen zu integrieren und dem sinnfreien Leben abzuschwören. Darauf geht er hin und schreibt einen Zerriss auf Kosten einer engagierten und äusserst lebendigen Theater-Crew. Herr Ralph Gambihler, mir graut´s vor Ihresgleichen!
Hampé Wüthrich , 26. November 2011 - 09:10 Uhr
2. Faust, Jena: und wenn die Kritik Recht hat?
Lieber Herr wüthrich. und was wenn der Kritiker recht hat? Was wenn die traditionelle, konventionelle und spielerisch konservative Inszenierung so gar nicht der Tradition des Hauses entspricht? Und eben nichts ist als konventionelles sprechtheater mit begrenzten finanziellen Mitteln? Mir graust es wenn ich auf der Internetseite des Theaterhauses folgendes Video finde: http://www.theaterhaus-jena.de/3-boys-1-cup/
Engagiert? Lebendig? Das ist doch eher pubertär und peinlich.
Grobhi , 26. November 2011 - 11:24 Uhr
3. Faust, Jena: ganz konsterniert
UM HIMMELS WILLEN - IST DAS EIN VERSEHEN. DIESES VIDEO IST JA SCHRECKLICH ! ICH WOLLTE MIR EIGENTLICH IN JENA DEMNÄCHST ETWAS ANSCHAUEN - IST DAS DIE NEUE ÄSTHETIK AM THEATERHAUS. ICH BIN VON DEM VIDEO GANZ KONSTERNIERT.
THOMAS S. , 27. November 2011 - 22:32 Uhr
4. Faust, Jena: sehr unausgereift
Ich kann mich dieser Kritik leider nur in allen Punkten anschliessen. Ich habe mit freudiger Erwartung auf diese Premiere Hingefiebert und muss sagen: es ist alles leider sehr unausgereift, da hat die Regie nur gesucht und nicht gefunden. Man sieht das jedoch auch schon an anderen Schönecker Projekten wie der Homepage. Das mag evtl. in der Theorie noch Sinn machen, in der Praxis ist es aber nur selbstverliebt und nicht durchdacht.
n8zumtag , 27. November 2011 - 23:38 Uhr
5. Faust, Jena: ironisch ohne Ende
Was soll denn das mit der Tradition des Theaterhauses? Es ist ein neues Team und damit ein neues Haus. Man sollte in der Kunst nicht so auf Tradition erpicht sein - jedenfalls nicht so wie Sie, Grobhi, das gemeint haben. Und was das Video angeht: ich find's absolut eklig und cool - wer das ernst nimmt ist selbst schuld. Ist doch witzig, dass die einfach mal ein Spacko-Video drehen und Spaß haben dabei. Ironisch ohne Ende - vielleicht nicht mal das, einfach witzig.
Jürgen D. , 27. November 2011 - 23:58 Uhr
6. Faust, Jena: Skandal! Was machen die da?
Ein junges Team tritt an und eröffnet mit "Faust", alle Welt erwartet eine kaputte Orgie, einen Zertrümmerungspathos, ein Experiment - und was machen die? Spielen den "Faust", auf dass man die Handlung verstehe, besetzen die Titelrolle mit einem Schauspieler, der sich doch glatt erdreistet, den Goetheschen Versen nachzuspüren und untersucht, ob er zu den Tiefen des Textes doch allen Ernstes einen Bezug findet; sie besetzen das Gretchen, diese von Goethe nun nicht gerade mit Selbstbewusstsein überfrachtete Figur, mit einer Schauspielerin, die die Frechheit besitzt, sich nicht über ihre Rolle lustig zu machen, sondern ihr ein heutiges Profil anzuspielen; haben zudem einen Mephisto auf der Bühne, der in schlängelnder Körperlichkeit versucht, die Figur ganz ohne Ironie an sich zu reissen und haben doch tatsächlich eine eigentliche Nebenrolle, Marthe Schwerdtlein, mit einer Schauspielerin auf die Bühne gebracht, die einen beiläufigen Glamour in der Rolle entdeckt, den zumindest ich nie in dieser Figur vermutet oder auf der Bühne gesehen hätte - und damit nicht genug spielt das Ensemble auch noch virtuos miteinander und findet in den Goethe-Szenen ein ums andere mal Futter für komplett anachronistisches Schauspielertheater: Skandal!

Mir hat es wahnsinnig gut gefallen, und ich denke, hier sollte es um diesen "Faust" gehen - und nicht um YouTube-Videos.
David Gieselmann , 28. November 2011 - 09:23 Uhr
7. Faust, Jena: das ist schon hart
das ist schon hart. selbst die gediegenen kritiker von den regionalblättern (oben...), die sonst gesagt hätten: "da besinnt sich ein junger mann aufs theater, provokation ist ja heutzutage wenn man n i c h t wild und postdramatisch daherkommt." fanden es zu bieder.

(...)
levy hope , 28. November 2011 - 22:17 Uhr
8. Faust, Jena: nichts außer Spezialeffekte
Für diesen Faust hätte ich nicht ins Theater gehen brauchen, da er dem Text nichts hinzuzufügen hat außer Spezialeffekte. Das ist mir zuwenig.
Gregor Karbach , 29. November 2011 - 07:49 Uhr
9. Faust, Jena: von Ost-Theatern wäre mehr zu erwarten
vielleicht nicht ganz richtig hier: aber reagiert das ost-deutsche Theater eigentlich auf dieses eklige rechtsterroristische Treiben auf dem Boden der früheren DDR? Themen gäbe es doch genug: Landesregierungen kommen der Pflicht nicht nach, Schaden vom Volke abzuwenden. Wozu die Gewährleistung des Landfriedens ja wohl schon lange vor der Zeit der bürgerlichen Revolution, der Verfassung, der parlamentarischen Demokratie als Elementarpflicht gehört! In Thüringen aber gedeihen „national befreite Zonen“, in denen sich „Fremde“, „Linke“, Obdachlose und Behinderte als vogelfrei betrachten dürfen. In welcher normalen Demokratie wäre es möglich, dass Regierende, die ihre Hausaufgaben nicht bewältigen – und welche wäre elementarer als die Gewährleistung des Rechts auf Leben und körperliche Unversehrtheit –, der Bevölkerung die Verantwortung zuschieben, indem sie „Bürgerbewegungen“ aufrufen, gegen die Nazis vorzugehen. Es reicht nicht mehr, wenn die Chefs der ostdeutschen Landesregierungen zum „Aufstand“ aufrufen und ihre Namen unter Appelle aus Bürger-„Bewegungen“ setzt, die sich mit der Unfähigkeit eben dieser Ihrer Regierungen auseinandersetzt.
Kurzum: ich glaube, man könnte mehr erwarten von den Ost-Theatern.
p.z. , 29. November 2011 - 09:27 Uhr
10. Faust, Jena: die Theater werden reagieren
Das eklige, rechtsterroristische Treiben ist nicht alleine ein Skandal auf ehemaligem DDR-Terrain.
(…das existiert auch im Westen, auch in Österreich und in der Schweiz etc.!) Die Vehemenz macht den Unterschied. Der Osten wurde vom Westen ausgenommen (mit dem Abkassieren von Fördergeldern). Die wirkliche Solidarität hat nie stattgefunden. Arbeits- und Perspektivlosigkeit sind der ideale Nährboden für braunen Sumpf, speziell bei labilen Jugendlichen. Man hat zu lange der Agitation der NPD in der ehem. Ostzone tatenlos zugeschaut!!! Jetzt kommt die Quittung. Da ist es klar, dass alle gefordert sind – auch die Kulturschaffenden. Da wird auch was passieren, da bin ich mir sicher. Auch in den Theatern Deutschlands. Eben ausserhalb des offiziellen Spielplans. Denn dieser wurde gemacht, bevor die jüngsten Ereignisse publik wurden.
Hampé Wüthrich (Basel) , 29. November 2011 - 10:22 Uhr
11. Faust, Jena: unaufmerksam bei Kommentar
Frage: Der Kommentar Nummer 7. scheint mir doch geradezu ein exemplarischer Fall von denunziatorische Spekulation über Personen aus dem Theaterbetrieb zu sein. Woher will Verfasser/in etwas über CSU-Schwiegereltern wissen? Und das, obwohl sich hier nur auf andere Kritiken, nicht mal auf die Aufführung referiet wird. Liebe Redaktion, warum werden eigentlich bestimmte Leute hier immer geschützt, indem Kommentare über sie zensiert werden, aber bei anderen, die offenbar noch nicht so viel Lobby oder Fame haben, wird anders agiert? Bitte einigen Sie sich doch endlich mal auf eine einheitliche Richtlinie bei der Freischaltung der Kommentare. Ansonsten kommt das ungute Gefühl auf, dass hier äußerst parteiisch oder (noch schlimmer) beliebig selektiert und zensiert wird. Danke!

(Sehr geehrter User, da haben Sie vollkommen Recht. Der Kommentar wurde unaufmerksam angeschaut. Vielen Dank für Ihre Wachsamheit! Mit freundlichen Grüßen, Christian Rakow / Redaktion)
an die redaktion , 29. November 2011 - 10:25 Uhr
12. Faust, Jena: eine Aufgabe für die gesamte Bürgergesellschaft
ich kann 10. nur voll zustimmen. dieser ganze braune mist ist kein ostdeutsches phänomen oder problem, sondern ein gesamtdeutsches, wahrscheinlich sogar europäisches( z.b. ungarn, niederlande) thema. und die exsistenz und legalität der NPD ist dabei das äußerliche grundübel, sowie eine noch nicht wirklich erreichte humanistische emanzipiertheit der bevölkerung die innere krux. da haben alle theater sehr, sehr viel zu tun, aber können es allein freilich nicht schaffen, das ist die aufgabe der ganzen bürgergesellschaft. eine wahrhaft faustische arbeit, für köpfe, herzen aber nicht für fäuste.

das jenaer video finde ich auch unterirdisch, aber es ist sicherlich nur ein kleiner ausschnitt aus dem neustart, der hoffentlich nicht repräsentativ ist. ich freue mich auf hoffentliche künftige beschreibungen von spannender kunst aus dem theaterhaus...
jana , 29. November 2011 - 12:24 Uhr
13. Faust, Jena: gekürzter Kommentar
leute - dramatisch ist doch - da gibt es ein kontroverses haus im tiefen osten, was sich in den letzten jahren so wunderbar unbequem in diese immerkritisierbare wirklichkeit gespielt hat - egal was da an geld ist (petras macht auch mit wenig viel theater..) und jetzt überlassen wir diese bühne einer (...)

(Jetzt, sehr geehrte Marlene S., folgen einige Sätze, die die neue Theaterleitung nach nur einer Produktion verurteilen. Wir finden aber, man sollte die Leute erst einmal arbeiten lassen, ehe man sagt: Nee, so geht es nicht. Mit freundlichen Grüßen aus der Redaktion, Christian Rakow und Nikolaus Merck)
marlene s. , 29. November 2011 - 12:53 Uhr
14. Faust, Jena: Ist der Westen weiter?
bloß keine Ost-West-Debatte an dieser Stelle! Rechtsradikalismus ist in der Tat ein europäisches Phänomen, liebe "10" und liebe "12". Doch noch so viel: Es ist die DDR-Mentalität oder Ostsozialisation, die die Menschen dazu veranlasst, rechten Demagogen Gehör zu leihen. Das autoritäre System hat autoritäre Menschen geformt und die totalitären Strukturen ließen keinen Raum für die Entwicklung einer Zivilgesellschaft, die im Kampf gegen den Rechtsextremismus so unerlässlich ist. Das Fortwirken einer antidemokratischen politischen Kultur kann in seiner Bedeutung kaum unterschätzt werden. Autoritarismus, Antipluralismus, Freund-Feind-Denken und Kollektivismus blieben auch nach 1989 als Mentalitäten weiterhin bestehen und artikulierten sich als extremistische Strukturprinzipien nun unter politisch ‚rechten‘ Vorzeichen weiter. Das ist nun mal so! Da ist der Westen schon weiter - und zwar genau 1989 minus 1945 Jahre.
p.z. , 29. November 2011 - 15:13 Uhr
15. Faust, Jena: Demokraten oft zu vorsichtig
Danke, liebe Jana, für diese klaren und gänzlich unzynischen Worte. Ich finde uns Demokraten oft zu vorsichtig im Umgang mit Strömungen die nichts mit Demokratie am Hut haben - das Gegenteil eines Fehlers kann auch ein Fehler sein - aber die NPD gehört deshalb auch für mich verboten.

Und den Jenaern wünsche ich mehr Sicherheit in geschmacklicher Hinsicht.
Andreas , 29. November 2011 - 15:30 Uhr
16. Faust, Jena: Wahre Liebe oder Projektion?
da stehen faust und gretchen im eigentlich romantischsten moment auf der bühne und werden von zwei kameraleuten gefilmt, ihr bild erscheint diametral auf zwei leinwänden und faust bittet eindringlich in die kamera "kein ende, kein ende".. Wahre Liebe oder Projektion? Eine Instzenierung, die keine Interpretation vorgibt, außer, dass alles relativ ist und man dem guten goethe auch einfach mal zuhören kann - fand ich schon sehr mutig und in ihrer heterogenität schlüssig.
p.s. , 29. November 2011 - 15:44 Uhr
17. Faust, Jena: nun hört sich aber alles auf
@ 14.) Also ich glaube ich lese nicht richtig. Bester p.z., wer hat Ihnen denn diese Weisheiten eingeflüstert? Das steht nach dem Thüringer Nazi-Trio infernal, natürlich in jeder zweiten Tageszeitung. Aber wenn das so wäre, würden im Osten alle nur noch NPD wählen und in Westdeutschland gäbe es überhaupt gar keine Naziparteien mehr. Und dann das noch, das Demokratieverständnis der BRD ist so alt wie 1989-1945? Ist das ihr Ernst? Was war mit 1968, hatten die lange Weile an den Unis, oder worüber haben die sich aufgeregt? Was hat die Bildung der RAF begünstigt? Ich will die nicht mit den Neonazis gleich setzen, aber ähnliche Vorzeichen gab es da. Ist es denn nicht eher so, dass, zugegebener Maßen unter anderen Vorzeichen, sich infolge einer nicht aufgearbeiteten Vergangenheit und mangels eines ernsthaften Dialogs zwischen den Generationen sowie fehlender Angebote seitens der Politik, sich ein günstiges Klima für radikales Gedankengut bilden konnte. Ich glaube sie wissen gar nicht was im Osten nach der Wende los war. Nicht zufällig, aber passend dazu, gibt es heute ein Interview mit dem Filmemacher Thomas Heise, der zwei Portraits junger Neonazis in Halle-Neustadt gedreht hat, in der Berliner Zeitung. „Die Protagonisten ahnen, dass sie in der Wertschätzung einer Gesellschaft, deren Regeln sie nicht mehr durchschauen, längst als Bodensatz auf gleichem Fuß mit den Fremden stehen und versuchen, dieser Erkenntnis mit dem verzweifelten Insistieren auf dem eigenen Deutschtum zu trotzen. Diese Welt scheint Lichtjahre von dem Deutschland entfernt, an dessen Bankschaltern sich Millionen um Wertpapiere balgen – in der Hoffnung so ihrer Identität als doppelt freie Lohnarbeiter zu entfliehen.“ Dem ist doch nichts mehr hinzuzufügen, oder?
Stefan , 29. November 2011 - 15:55 Uhr
18. Faust, Jena: nehm ich zurück ....
@ Stefan. Ja - stimmt! War nicht mein Ernst mit "1989-1945". Nehme ich hiermit zurück. Und dem, was Thomas Heise in dem Interview sagt, ist in der Tat nichts mehr hinzuzufügen.
p.z. , 29. November 2011 - 16:37 Uhr
19. Faust, Jena: Abwarten!
War dieser Faust konventionell-konservativ? Vielleicht war er das. Ich habe aber von Markus Heinzelmann (letzter künstlerischer Leiter in Jena) durchaus auch konventionell-konservativ inszenierte Komödien gesehen. Und dann auch wieder anderes.
Wie sich die wirklich junge Leitung des Theaterhaus Jena insgesamt und der Regisseur Moritz Schönecker im Besonderen schlagen, sollte man in seiner Bewertung jedenfalls nicht von einer einzigen, ersten Inszenierung abhängig machen.
Wenn man sich anschaut, was da demnächst so anläuft, hat das ja erst einmal eine ganz andere Richtung:
Heute gab es da Theater in totaler Dunkelheit, morgen hat eine Stückentwicklung mit dem Titel Eigentlich läuft alles ganz prima: Sepsis-Panikshow Premiere, ab Januar kommt das Theaterkollektiv copy & waste auf den Spielplan mit einem Abend namens Die blauen Augen von Terence Hill (zuletzt am HAU in Berlin) und der Faust-Darsteller Znidarec inszeniert Dostojewskis Weisse Nächte. Weitere Titel: Bienen. Fall Out Girl. The Voice.
Koproduktionen mit freien Gruppen, Performances, Projektentwicklungen, inszenierende Schauspieler, aber eben auch ein Faust - und den halt mehr am Text untersucht als schnell gedeutet.

Das klingt für mich alles erst einmal ganz nach "Art des Hauses". Und so möchte man den Voreiligen und vermeintlichen "Traditionalisten" - deren Wunsch nach aufregendem, subversivem und politischem Theater ich durchaus teile - entgegnen:

Abwarten.
Ruhige Kugel. , 30. November 2011 - 00:24 Uhr
20. Faust, Jena: Faust-Start ist mutig
Ein neues Ensemble (in jeder Beziehung) an einem neuen Ort und erstmals als Theaterleitung: da sollte und kann man nicht nach einer Inszenierung den Stab brechen.
Ich fand die Inszenierung auch nicht überall gelungen aber kurzweilig, ironisch, textbezogen und hervorragend gespielt!
Im Übrigen finde ich es mutig von einem neuen Team an einer jungen Bühne mit dem Faust zu starten!
Und übrigens: Als Wessie finde ich die Diskussion über den "rechten Osten" hier völlig daneben! Und das erst recht in Jena!!
Thomas , 02. Dezember 2011 - 15:59 Uhr
21. Faust, Jena: Kritiker im Recht und im Unrecht
"...und wenn der kritiker doch recht hat?" fragt da der kritiker selbst. ja, und was wenn der kritiker das theater einfach nicht verstanden hat? wenn er zb. die gartenszene, wo faust und gretchen sich nur noch über die projektion auf der leinwand unterhalten, darauf reduziert, dass eine "sinnfreie" marthe schwerdtlein im 20-er jahre kostüm über die bühne stakst", dann versteht er eben die jungen menschen nicht mehr (internet, facebook, und eben auch das zur jugendkultur gehörende video "two girls one cup"). aber vllt. war das stück mit seiner art, eben nicht den zuschauer belehren zu wollen, sondern die tragödie zu zeigen, wie sie der dichter geschrieben hat, und die lehren dem zuschauer zu überlassen (mit vielen kleinen hinweisen, zb die angesprochene szene, oder das "volk" als chor, der in die verunglimpfung des gretchens durch ihren bruder mit einstimmt...) zu subtil für die lokalkritik des ostens... denn der kritiker hat durchaus recht, aber nicht herr gambihler von der nachtkritik, sondern herr Tholl von der süddeutschen, der etwas von theater versteht, wenn er schreibt der faust sei "...die reine erzählung einer gescheiterten liebe."
karl p. , 02. Dezember 2011 - 23:52 Uhr
22. Faust, Jena: sinnlos mit dem Kritiker zanken
"Faust" ist niemals eine "reine" Irgendwas! Das weiß ich als Deutschlehrer und studierter Germanist. Und mir scheint offensichtlich, dass die verletzte Eitelkeit der Theaterleitung und ihres Gefolges dafür sorgt, dass sie lieber sinnlos auf dieser Plattform mit dem Kritiker zanken, als ihre Arbeit fortzusetzen, auf das eine nächste Inszenierung besser abschneidet. Bedenkt: Ein Kritiker hat erst dann Unrecht, wenn er aufhört, Kritiker zu sein!
Frank Böckle , 06. Dezember 2011 - 19:13 Uhr
23. Faust, Jena: Meinung bilden
als studierter germanist und deutschllehrer, weiss herr böckle bestimmt auch, dass, wen einem zitat drei punkte vorausgehen ("...blabla"), auch noch etwas vor dem zitierten stand. nachtkritik lesen, süddeutsche lesen und am besten den jenaer faust selber anschauen und dann ne meinung bilden...
karl p. , 07. Dezember 2011 - 08:13 Uhr
24. Faust, Jena: Witz komm raus
den find ich gut: "herr Tholl von der süddeutschen, der etwas von theater versteht"
@karl p. , 07. Dezember 2011 - 11:40 Uhr
25. Faust, Jena: kreatives Produkt und seine Bewerter
an der absoluten wahrheit sind schon einige gescheitert.
ein kreatives produkt ist immer seinen subjektiven bewertern ausgesetzt. dem einen gefällts, dem anderen nicht!
mir hats gefallen. und man sollte ein team nicht an irgendwelchen videos bewerten, von denen man nicht mal weiß worauf es sich bezieht!
blablabla... , 07. Dezember 2011 - 12:20 Uhr
26. Faust, Jena: Was das für Wellen schlägt!
großartig, was das für wellen schlägt! es wird über jena gesprochen! auf nachtkritik!! eins nur: wie kommen sie, werter herr böckle, darauf, daß es die verletzte eitelkeit der theaterleitung und ihrer willfährigen gefolgschaft sei, die hier mit den rezensenten zankt? unterschiedliche menschen nehmen unterschiedliche dinge wahr und bewerten entsprechend einen theaterabend unterschiedlich. wie blablabla...schon kurz und knapp feststellte. da zu behaupten, eine positive bewertung der inszenierung könne nur aus dem dunstkreis des hauses selbst kommen finde ich frech.
nelly , 11. Dezember 2011 - 13:40 Uhr

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