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Hipsterdämmerung

von Christian Rakow

13. Dezember 2011. Thomas Melle "gehört zu den wichtigsten jungen deutschen Theaterautoren", erfahren wir auf dem Schutzumschlag dieses Rowohlt-Hardcovers. Das ist, gelinde gesagt, eine ziemliche Übertreibung. Aber von einem Buch, das so kühn vom zerstörerischen Größenwahn unserer Zeit spricht und dabei so souverän und anspielungsreich auf der Klaviatur unseres kulturellen Wissens spielt, kann man vielleicht auch erwarten, dass der Größenwahn ein wenig in die Beipackzettelprosa hüpft. Immerhin schickt sich Melle mit diesem Roman an, einer der wichtigen jungen Erzähler zu werden.

cover_melle_sicksterEigenschaftssplitter in Berlin

Melle selbst würde übrigens kaum von Buchumschlag und Beipackzettel sprechen, sondern von "Paratext", und auch nicht von Anspielungen, sondern von "Intertextualität". Womit wir schon mittendrin in der Kunstprosa von "Sickster" wären. Dieser Autor (Jahrgang 1975, aus Bonn) hat seine Postmoderneliteratur gelesen und versteckt es nicht. Ein Abendrot ist bei ihm eine "Georg-Trakl-Dämmerung"; mit erkenntnistheoretischem Furor lässt er seine Protagonisten in "Eigenschaftssplittern" durch das Berlin der Gegenwart streifen: Und "der emphatische Begriff der Person ist heillos verloren in den Weiten einer überkommenen Metaphysik?" Der hippe Slang regnet dabei nicht von oben wie Goldstaub auf die Figuren und ihre Welt herab, sondern macht deren eigentlichen Inhalt aus. Bei Melle haben die neuesten Kulturtechniken die Psyche vollends erfasst. Sein Hang zur technizistischen Metapher ist ein gültiger Ausdruck für die aktuelle Condition humaine. Und um die steht es nicht gut.

"Alkohol ist die Schmiere dieser Gesellschaft", sagt Magnus. "Schau sie dir nur an! Saufen sich zu bis oben hin und verprassen Vaters Kohle, weil es letztendlich so traurig ist, seine Werte nicht verprassen zu können." Der, dem Magnus das sagt, fingert selbst unentwegt nach dem Kümmerling in seiner Sakko-Tasche: Thorsten ist wie Magnus ein ehemaliger Bonner Canisius-Schüler und arbeitet mittlerweile als Marketingexperte in Berlin, wo er sich nach Feierabend mit literweise Alkohol die Schaumstoffblasen der Vertriebsgroßsprache aus dem Kleinhirn spült.

Von Worthuren und Bigbrotherfrauen

Fraglos ist die jüngste deutsche Literatur mit Berlin-Romanen, die in grellen Farben die Wohlstandsverwahrlosung in der Hipster-Liga ausmalen, reich gesegnet. Pornografische Fantasien, zynische Intellektualität und übersättigte Antihelden, die in Barbour-Jacke nächtens in Clubs à la Berghain abstürzen – das hat man bis hin zu Helene Hegemanns Axolotl Roadkill nun schon häufiger gelesen. Aber Melle radikalisiert diese Szenarien mit poetischem Eigensinn. Schon im Titel seines Buches steckt ein schillerndes Wortspiel, ein Amalgam aus Schwindler (Trickster) oder trendige Yuppies (Hipster) und kranke Typen (Sickheads).

Entsprechend ist das Personal seines Buches aufgestellt: Magnus, ein sprachverliebter Nerd, Möchtegern-Filmer und Möchtegern-Systemkritiker, hat seit Abiturtagen ein angespanntes Verhältnis zu Frauen. Wenn er nicht gerade berufsmäßig als "Worthure" Marketingtexte verfasst, surft er im Internet auf die Seite einer Tübinger Ernährungsberaterin Villa G., die unter villacam.org ihren Alltag bigbrotherartig abfilmt. Magnus hackt sich in ihr Gästebuch ein: "Villa. Dein Name ist ein Haus, und meine Stadt ist tatsächlich Berlin, aber ich glaube nicht, dass ich die Stadt liebe. Im Gegenteil, Berlin verursacht Übelkeit, Hysterie, BZ-Flimmern. Aber zeig nur einen Nippel und mein Schwanz wird sehr hart."

Magnus' dauerbedröhnter, von Pornofantasien durchtränkter Kollege Thorsten lebt in einer erkalteten Beziehung mit Laura, die gerade an der Uni in Jura durchstarten will, aber plötzlich keinen Satz mehr für ihren Aufsatz zur Freiburger Juristentagung herausbringt. Stattdessen ritzt sie sich täglich Wunden in die Haut und gießt ihre Depressionen in ein selbstquälerisch mäanderndes Tagebuch.

Ein Theaterabschiedsbuch?

Man sollte Melles Roman auf keinen Fall zu früh weglegen. Gerade am Anfang wirkt sein Stil forciert, mutet die Suche nach originellen und eben gern mit Fremdworten getränkten Metaphern krampfhaft innovativ an. Ein Soundfile aus dem Clubleben: "Selber geil und gehemmt, auf der Suche nach Fortpflanzung und Verfeinerung, gezeugt von Natur, gezeichnet von Kultur, in diesem Kreislauf kurzgeschlossen: Selbstporträt der Autopoiesis." Das ist nun wirklich ein bisschen viel.

Aber je mehr der Text in die Perspektive der Figuren eintaucht, desto soghafter wird er, desto selbstverständlicher und suggestiver klingt diese aufgetunte Prosa. Es ist die poetische Übersetzung für die wahnhaft wuchernde Welt der Wachstumsökonomie, die alles und jeden in sich hinein saugt: "Ein Unternehmen, das täglich Profite braucht, wie ein Süchtiger seine Dosis, ist eben auch ein unbelehrbarer Psychopath." Hier liegt der archimedische Punkt des Buches: Die Psychose der Personen und des wirtschaftlichen Systems fallen in seiner metaphorischen Darstellung in eins.

Bemerkenswerterweise schafft der bisherige Bühnenautor Melle die großen, tragikomischen Szenen seines Buches nicht in den Figurendialogen, sondern in stummen, innerlich perspektivierten Passagen und schrulligen Monologen: ein Konzertexzess bei einer russischen Punkband, Magnus' Verzweiflungsattacken auf villacam.org, sein Paranoia-Ritt durch das nächtliche Berlin, die Gründung einer politischen Initiative in der Psychiatrie. Melles furioser Debütroman verdankt sich einer durch und durch narrativen Fantasie. Gut möglich, dass dieses "Theaterbuch des Monats" ein Theaterabschiedsbuch ist. Was vielleicht ein kleiner Verlust für die Bühne wäre, aber ein großer Gewinn für die Literatur im Ganzen.

 

Thomas Melle
Sickster
Rowohlt Verlag, Berlin 2011, 336 Seiten, 19,95 Euro

 

2006 war Thomas Melle beim Ingeborg-Bachmann-Preis vertreten, 2009 war sein Stück "PARTNER" für den Autorenpreis des Heidelberger Stückemarktes nominiert. Hier die versammelten Nachtkritiken zu Melles Texten auf der Bühne: Schmutzige Schöpfung – Making of Frankenstein in Jena (Oktober 2008), Endstation Echtzeit im Berliner Theaterdiscounter (Juli 2009), Das Herz ist ein lausiger Stricher in Jena (Februar 2010), Jazz (im Rahmen des Kurzstück-Reigens "Reality Check") am Düsseldorfer Schauspielhaus (Februar 2011).

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